In der Wüste der Gegenwart - Moshe Zuckermann - E-Book

In der Wüste der Gegenwart E-Book

Moshe Zuckermann

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Beschreibung

Zwei Intellektuelle unserer Gegenwart - Moshe Zuckermann, Historiker und Zeitdiagnostiker, und Florian Rötzer, Journalist und Philosoph - sprechen über das, was unsere Zeit erschüttert. Es ist ein Experiment des freien Denkens über Grenzen hinweg: zwischen Israel und Deutschland, zwischen verschiedenen Lebensgeschichten, Prägungen und kulturellen Perspektiven. Gemeinsam werfen sie einen hellsichtigen Blick auf die Zeitenwende: den Stand der demokratischen Kultur, das Verstummen kritischer Diskurse, das Erstarken rechter Bewegungen und die Transformation der Öffentlichkeit durch Medien und Algorithmen. Sie konstatieren, dass Wissenschaft und Kultur zunehmend als Bedrohung gelten und dass die intellektuelle Auseinandersetzung in einer Welt des kulturindustriellen Lärms kaum noch Gehör findet. Doch gerade jetzt fordern sie eine neue Rolle für den Intellektuellen: als unbequemer Außenseiter, der sich nicht vereinnahmen lässt - ähnlich den Philosophen der Antike.

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Seitenzahl: 220

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Ebook Edition

Moshe Zuckermann, geboren 1949, wuchs als Sohn polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender in Tel Aviv auf. Seine Eltern emigrierten 1960 nach Frankfurt am Main. Nach seiner Rückkehr nach Israel im Jahr 1970 studierte und lehrte er an der Universität Tel Aviv. Er ist emeritierter Professor für Geschichte und Philosophie. Im Westend Verlag erschien zuletzt »Fortschritt« (2024).

Florian Rötzer, geboren 1953, ist freier Autor und Publizist. Er war Mitgründer von Telepolis und gibt heute das Online-Magazin Overton mit heraus. Bei Westend erschien zuletzt »Sein und Wohnen« (2020).

Moshe Zuckermann und Florian Rötzer

In der Wüste der Gegenwart

Ein Dialog über KI, Krieg und die Aufgabe der Intellektuellen heute

Mehr über unsere Autoren und Bücher:

www.westendverlag.de

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

ISBN: 978-3-98791-153-8

1. Auflage 2026

© Westend Verlag GmbH, Waldstraße 12 a, 63263 Neu-Isenburg

Umschlaggestaltung: Westend Verlag

Satz: Publikations Atelier, Weiterstadt

Inhalt

Titelbild

Vorwort

Befinden wir uns in einer Zeitenwende?

Wer soll das Kollektivsubjekt der Rettung abgeben?

Nach dem Zerfall des Sozialismus folgt die Implosion des Liberalismus durch die libertären Rechten

Die Geburt des Intellektuellen

Man muss sich den Intellektuellen als Spieler vorstellen

Kritik am Elitären

Die Intellektuellen, die Postmoderne und das Ende der großen Erzählungen

Der Postmodernismus ist nur eine neue Ideologieform des Spätkapitalismus

Der Anti-Intellektualismus als Ausweg aus der Perspektivlosigkeit

Der heutige Intellektuelle wird auch von den medialen Zwängen kastriert

Die neue rechtsnationalistische Ideologie blendet Zukunft aus

Dialektik der Aufklärung und warum der Sozialismus am Nationalismus gescheitert ist

Warum KI ein Ausweg sein könnte

Soll der Mensch sein Menschsein aufgeben, um dem Unheil zu entgehen?

Hat KI (Selbst-)Bewusstsein? Vom höflichen Umgang mit den Chatbots

Was treibt die Menschen an, die Herrschaft an die Maschine zu delegieren?

Der rechtsnationalistische Populismus als Reaktion auf die Entstehung der intelligenten Maschinen

Die Ausbreitung der Halbbildung und der Hass auf Intellektuelle

Werden die Menschen durch KI, also mit der kognitiven Prothese, dümmer?

Mein Leben war von Anbeginn an vom Holocaust geprägt

Ich war das Kind von Tätern, zumindest von Mitläufern

Ideologisierte Selbstviktimisierung und Militarisierung Israels

Träumereien im Kriegszustand

Die Machtlosigkeit des Intellektuellen

Emigration

Orientierungsmarken

Titelbild

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Es war ein vielleicht verwegener Gedanke, der uns dazu brachte, einen E-Mail-Dialog, also einen modernen Briefwechsel, zu beginnen, ohne zu verabreden, welchen Weg wir nach einem auch nicht inhaltlich abgestimmten Aufschlag gehen und wie wir abschließen wollen. Aber vielleicht ist das freie, planlose und situative Denken und Sprechen, das auch auf Holzwege geraten oder sich verirren kann, eine Antwort auf die neuen, nichtmenschlichen Autoren der generativen Künstlichen Intelligenz. Abgesehen von manchen Entgleisungen fördern diese grammatikalisch korrekten, stilistisch auf Lesbarkeit getrimmten, Common-sense-Gedanken eine Halbbildung, wie sie heute grassiert. Zumindest kamen wir im Laufe unseres Briefwechsels darauf zu sprechen.

Wir hatten uns zuvor nur ein einziges Mal für ein paar Minuten flüchtig leibhaftig getroffen, aber seit einigen Jahren immer wieder miteinander vor allem über die Entwicklungen in Israel über Video gesprochen und uns dabei schätzen gelernt. Es ist also eine Fernbeziehung, wie sie dank des Internets alles andere als ungewöhnlich ist. Wir, das ist der jüdische Philosoph und Soziologe Moshe Zuckermann, der in Tel Aviv wohnt und in seiner Jugend mit seinen Eltern, Holocaust-Überlebenden, für einige Jahre in Deutschland lebte, um mit 20 Jahren wieder zunächst als Zionist nach Israel zurückzukehren. Und Florian Rötzer, der nach seinem Philosophiestudium als Autor und Journalist arbeitet, mit Telepolis eines der ersten deutschen Onlinemagazine gründete und in München wohnt.

Wir haben, wie gesagt ohne Verabredung, essayistisch unser Selbstverständnis als Intellektuelle in der Gegenwart erkundet, wie sie von uns gesehen wird. Wenn auch anders als dies Ex-Bundeskanzler Scholz meinte, sind wir doch der Überzeugung, dass wir in einer Zeitenwende leben. Aber wir sind uns nicht immer einig, wie es dazu gekommen ist, was sie auszeichnet und was sich daraus entwickeln könnte. Schon was eine Intellektuelle oder ein Intellektueller ist und ob wir uns selbst als einen solchen begreifen, blieb im Verlauf unseres Gesprächs offen, auch wenn wir bis zur griechischen Antike zurückgingen und überlegten, was die Künstliche Intelligenz mit sich bringt, die sich anschickt, das Denken zu übernehmen. Einig waren wir uns darin, dass intellektuelle Stimmen beziehungsweise reflexives Denken allgemein, das eine kritisch-reflexive Auffassung der Realität und eine Bereitschaft zur Infragestellung der eigenen Position voraussetzt, durch den Druck der Medien und vor allem der sozialen Netzwerke nach Eindeutigkeit, Parteinahme und Griffigkeit kaum mehr zur Wirkung kommt. Angeschoben wird dieser Trend nicht nur von der KI, sondern auch von den rechtspopulistischen oder rechtsnationalistischen Bewegungen, die unter anderem Donald Trump in den USA, Benjamin Netanjahu in Israel, Wladimir Putin in Russland oder die AfD in Deutschland repräsentieren.

Vor knapp 40 Jahren veröffentlichte Jürgen Habermas in einem gleichnamigen Band einen Essay, den er mit dem Titel »Die Neue Unübersichtlichkeit« überschrieben hatte. Es handelte sich um einen Vortrag, den er im durch Orwell bedeutungsschwangeren Jahr 1984 in Spanien gehalten hatte. Eigentlich geht es in dem Text um die Krise des auf der Arbeit als Produktivkraft beruhenden Wohlfahrtsstaats, um das Vordringen der Neokonservativen und Neoliberalen sowie (als Kontext) um die »Erschöpfung utopischer Energien« und die Diagnose der Postmoderne, die Habermas als Ablösung von einer bestimmten Utopie betrachten wollte. Man könnte sagen, an der Diagnose hat sich eigentlich wenig geändert: »Der Horizont der Zukunft hat sich zusammengezogen und den Zeitgeist wie die Politik gründlich verändert. Die Zukunft ist negativ besetzt; an der Schwelle zum 21. Jahrhundert zeichnet sich das Schreckenspanorama der weltweiten Gefährdung allgemeiner Lebensinteressen ab.« Die Intellektuellen, so Habermas, sind ebenso ratlos wie die Politiker. Seine damalige Großdiagnose: »Es geht um das Vertrauen der westlichen Kultur in sich selbst.« Warum Habermas die »Unübersichtlichkeit« ins Spiel bringt, wird nicht ganz ersichtlich, da doch mit der Gefährdung der Menschheit offensichtlich eine Erosion der westlichen Kultur und ihres Fortschrittsversprechens eingetreten ist und ein »Weiter so« dem Kurs der Titanic gleicht, die blind auf einen Eisberg zusteuert.

Seit 1985 hat sich die Zukunft nach einer kurzen Erholung durch das Ende des Kalten Kriegs, den Zerfall des Sowjetkommunismus und der auch mit dem Internet einhergehenden Globalisierung weiter verdüstert. Das könnte als die übliche Klage abgetan werden, dass doch früher alles besser gewesen sei. Wir gehen aber dessen eingedenk davon aus, Zeichen einer Zeitenwende zu sehen – allerdings eine andere als die von Ex-Bundeskanzler Scholz ausgerufene hin zu mehr Aufrüstung und Kriegsertüchtigung. Aus verschiedenen Perspektiven beobachten wir ein Zerfallen von Demokratie und Kultur, ohne sagen zu können, ob man auf einen guten Ausgang hoffen kann. Schließlich konnten Moshe und ich keine Aussichten eröffnen, die Zukunft ist verbaut. Was tun?

Jetzt führt Israel, eine Atommacht, schon seit zwei Jahren einen Krieg gegen die Hamas und die Menschen im Gazastreifen, aber geht oder ging militärisch auch gegen Syrien, den Libanon, Jemen und den Iran vor. Am Rande Europas herrscht seit mehr als drei Jahren ein Krieg zwischen Staaten, der die Konflikte und Feindbilder aus der Zeit des Kalten Kriegs fortführt und droht, in einen Atomkrieg zu münden. Während es im Kalten Krieg noch Rüstungskontrollabkommen gab, wurden diese in den letzten Jahren praktisch alle aufgekündigt. Abschreckung durch Stärke und Aufrüstung herrscht heute vor. Auch Deutschland lebt in der Stimmung einer Vorkriegszeit. Ganz anders als in den 1980er-Jahren wird heute der Diskurs zunehmend eingeschränkt und Information zur Waffe erklärt, die gefeuert oder abgewehrt werden müsse. Das ist der Tod jedes offenen Diskurses.

Erschreckend ist, dass anders als im Kalten Krieg und noch in der Zeit des von den USA ausgerufenen globalen »Krieges gegen den Terrorismus«, der den brutalen Terror des Islamismus und den Beginn der Erosion des Rechtsstaats in den USA (völkerrechtswidriger Krieg, Desinformation, Guantanamo, Folter, Mord mit bewaffneten Drohnen etc.) zur Folge hatte, der zivile Massenprotest gegen Krieg und Kriegsverbrechen weitgehend ausbleibt. Wir sind entsetzt, wie viele Menschen dem Morden und der Zerstörung zuschauen, wahrscheinlich oft hilflos, aber oft auch abgestumpft von den schrecklichen Bildern, die jeden Tag aus der Ukraine, aus Russland, aus Gaza und dem Westjordanland auf uns einströmen. Das Abschlachten scheint normal zu werden, ebenso wie man die Klimaerwärmung und die Zerstörung der Natur- und Artenvielfalt kaum mehr zur Kenntnis nimmt oder leugnet.

Zudem ist die von Habermas angeführte neokonservative Wende in den Aufstieg von rechtsextremen und -populistischen Bewegungen und Führern, allen voran die MAGA-Bewegung und Donald Trump, mutiert. Systematisch werden die Fundamente eines demokratischen Rechtsstaates zerlegt, gelten doch moderne Kunst, Architektur und Kultur ebenso wie Wissenschaftler, Akademiker und Intellektuelle als Feinde. »Man steht vor dem von den Trumps, Orbans und Netanjahus dieser Welt angerichteten Scherbenhaufen und ist letztlich ohnmächtig, geplagt von einem Gefühl der Vergeblichkeit, vor allem aber von einem großen Zweifel, ob das, was das eigene kulturelle Kapital ausmacht, nicht überkommen ist, einer Welt von gestern angehört«, schrieb Moshe Zuckermann. »Nach dem Zerfall des Sozialismus folgt nun eine Art Implosion des Liberalismus durch die libertären Rechten«, konstatierte Florian Rötzer. »Wir haben bislang keine neuen Narrative und basteln mit den Bruchstücken der alten herum. Das muss man, glaube ich, anerkennen als Grundbefindlichkeit eines Denkens, das an der Zeit ist. Selbst der Glaube an den Fortschritt für die Menschheit auf diesem Planeten ist trotz aller technischen Innovationen eingebrochen. Tatsächlich hat sich auch eine anti-intellektuelle Ideologie wieder verbreitet – vor allem in den rechtspopulistischen Bewegungen und Parteien, die im Grunde nur den extremen Ausdruck der Ideologie darstellen, dass sich jeder, jede Gruppe und jede Nation selbst am nächsten ist.«

Wir laden dazu ein, uns bei dem Versuch zu folgen, einige Aspekte der geistigen Situation der Gegenwart in Worte zu fassen, ohne Rezepte zu haben oder Ideologien anzuhängen. Das werden sicher manche in Zeiten von Ratgebern, Optimierungsstrategien und einfachen Lösungen als Zumutung empfinden. Für uns war es ein Experiment. Wir wollten uns und den Lesern auch biografisch unser Denken begreiflich machen. Wir sind ungefähr gleich alt, gekennzeichnet von den Gegebenheiten der unmittelbaren Nachkriegszeit, also auch von den Erfahrungen unserer Eltern mit Faschismus und Holocaust, den Aufbrüchen der 68er-Bewegung, dem Zionismus und Hippie-Anarchismus und sensibel für das Wiederaufleben von ähnlichen Entwicklungen. Es wurde schon vor Jahrzehnten von der Dämmerung der Intellektuellen gesprochen, die jetzt im Gegenwind der rechten Bewegungen und der Medien stehen, die dem freien, auch komplizierten Denken keinen Raum lassen wollen.

Aber genau jetzt, im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz und des maschinellen Denkens, schlägt die Stunde der Intellektuellen als Außenseiter, die sich wie in der griechischen Antike jeder Vereinnahmung entziehen, aber einem nichtanthropozentrischen Humanismus anhängen. Der von der Aufklärung propagierte Universalismus der Menschenrechte und der Internationalismus des Marxismus bleiben gegen alle Nationalismen und rassistischen Ideologien bis heute nicht hintergehbare Leitlinien des vernünftigen Denkens.

Befinden wir uns in einer Zeitenwende?

Florian Rötzer

15. Februar 2025

Es ist vielleicht vermessen zu behaupten, dass wir an einem Wendepunkt der Geschichte stehen könnten. Jede Generation wird sich schließlich vorstellen wollen, zu einer entscheidenden Zeit zu leben, um die eigene Bedeutung zu steigern – auch wenn es darum geht, vor einem vermeintlichen Untergang zu stehen. Lange haben etwa die Christen auf die Apokalypse gewartet, die dann aber nie eingetreten ist. Es gibt immer Ereignisse, die einen Wendepunkt – oder mit dem Jargon des prämodernen Trauerspiels gesprochen: eine Peripetie – hin zum Katastrophalen markieren sollen.

In jüngster Zeit waren solche Wendepunkte beispielsweise der Fall der Mauer und die Auflösung der Sowjetunion, der Siegeszug der Digitalisierung und des Internets, der völkerrechtswidrige NATO-Krieg gegen Serbien kurz vor der Jahrtausendwende, der zur Abtrennung des Kosovo führte, die 9/11-Anschläge und die Kriege gegen Afghanistan, Irak und den Terrorismus kurz darauf, die globale Finanzkrise und schließlich der zum Krieg ausgewachsene NATO-Russland-Konflikt um die Ukraine.

Unter großem Beifall hatte Bundeskanzler Olaf Scholz am 27. Februar 2022, kurz nach Beginn des russischen Kriegs gegen die Ukraine, eine »Zeitenwende in der Geschichte unseres Kontinents« ausgerufen. »Die Welt danach ist nicht mehr dieselbe wie die Welt davor«, sagte er, um in den Kampf gegen das Böse im Glauben einzutreten, »auf der richtigen Seite der Geschichte« zu stehen. Es dauerte nicht lange, bis nach der Zeitenwende von Scholz für Israel und den Nahen Osten der 7. Oktober 2023 kam, der einem Blitzkrieg gleichende brutale Überfall von Hamas und anderen Palästinensern aus dem Gazastreifen auf Israel und die vernichtende Antwort der israelischen Regierung unter Netanjahu, die seitdem mit einer mörderischen und mitleidslosen Konsequenz den Gazastreifen in Schutt und Asche legen, um letztlich die Palästinenser zu vertreiben und den Landstrich zu besiedeln.

Zwei Kriege, die in sehr unterschiedlicher Weise behandelt werden und die Welt spalten. Und dann traten zwei disruptive Kräfte auf, die auch die genuin philosophische Frage nach Wahrheit und Wirklichkeit verstärkt haben, weil sie Unsicherheit und Angst und die damit verbundene Härte überhandnehmen lassen. Ich meine das Eindringen der Künstlichen Intelligenz in Form der generativen Modelle in den Alltag, was das Leben der Menschen von der Arbeit bis zur Sexualität und darüber hinaus auf unabsehbare Weise verändern wird. Und den historisch gesehen fast gleichzeitigen zweiten Wahlsieg von Donald Trump, der sich an die Spitze von rechten, libertären und neoliberalen Bewegungen auf der ganzen Welt stellt und zumindest die Ordnungen, Regeln und Lebensweisen der westlichen Welt, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind, zu zerstören droht. Trump, der zentral auch einer »maskulinistischen Konterrevolution« (Ivan Jablonka) den Weg bereitet, erscheint als der Vollender der Wendezeit, als Sinnbild und Werkzeug des Destruktiven. Dass seine sprachlichen Äußerungen der »leichten Sprache« für Menschen mit Lese- und Verständnisschwäche gleichen, andere sprechen von »Basic Talk«, und er ganz im Sinne der Banalität des Bösen jedes Reflektieren zu vermeiden scheint oder dazu nicht fähig ist, macht ihn gleichzeitig zu einem Unterhalter und einem Akteur, der mit der Kettensäge oder dem Bagger alles für ihn und seine Interessen Hinderliche wegräumt, als ob es damit gelöst sei. Das findet zwar (noch) nicht mit einer Guillotine statt, erinnert aber an Hegels Diktum aus der Phänomenologie des Geistes über die absolute Freiheit und den Schrecken. Trump ließe sich in seinem ungetrübten Narzissmus so verstehen, dass der allgemeine Wille sich nur in einem »Selbst, das Eines ist«, verkörpert, das alle anderen Einzelnen ausschließt: »Kein positives Werk noch Tat kann die allgemeine Freiheit hervorbringen, es bleibt ihr nur das negative Tun; sie ist nur die Furie des Verschwindens.«

Nun weiß man bei Hegel, dass für ihn wie für Hölderlin der Wendepunkt eigentlich eine Öffnung für Neues ist: »Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.« Hegel hat seine Zeit in der Phänomenologie des Geistes als eine »Zeit der Geburt und des Übergangs«, als Beginn einer neuen Epoche und des revolutionären Fortschritts sehen wollen und dazu eine bekannte Beschreibung gegeben, die mich an die Gegenwart erinnert: »Der sich bildende Geist (reift) langsam und stille der neuen Gestalt entgegen, löst ein Teilchen des Baues seiner vorhergehenden Welt nach dem anderen auf, ihr Wanken wird nur durch einzelne Symptome angedeutet; der Leichtsinn wie die Langeweile, die im Bestehenden einreißen, die unbestimmte Ahnung eines Unbekannten sind Vorboten, dass etwas anderes im Anzuge ist. Dies allmähliche Zerbröckeln, das die Physiognomie des Ganzen nicht veränderte, wird durch den Aufgang unterbrochen, der, ein Blitz, in einem Male das Gebilde der neuen Welt hinstellt.«

Wenn der Zeitgeist heute ebenso durch eine meist als Angst erlebte Ahnung des Unbekannten im allmählichen Zerbröckeln beschrieben werden könnte – vielleicht ist die Massenmigration in die reichen Länder des Westens oder die drohende Klimakatastrophe das derzeitige Bild des befürchteten Untergangs der Kultur und der Staatlichkeit –, lässt sich aber meines Erachtens noch keine Kontur des »Rettenden« erkennen. Die alten Rezepte des Liberalismus und des Marxismus, von der Religion jeder Art ganz zu schweigen, haben sich offensichtlich erschöpft, der Blick in die Zukunft ist versperrt, die Hoffnung richtet sich einmal mehr auf die Erhaltung oder Wiederherstellung der als »gut« angesehenen Gegenwart, was im Slogan, dies oder jenes wieder groß zu machen – mit der Betonung auf »wieder« –, durchscheint. Gleichzeitig dominiert das Gefühl, dass, wenn es so weitergeht, die Katastrophe eintritt.

Wer sich nicht blind der illusionären Wiederherstellung verschreibt, sieht sich der Situation ausgesetzt, im allmählichen Zerbröckeln leben zu müssen, also nur notdürftig das Schlimmste reparieren zu können, während nebenan das nächste Teil herabfällt. Der jüdische Philosoph Vilém Flusser, der vor den Nazis geflohen ist und seine Identität schließlich als Migrant fand, hat von der Erfahrung der Bodenlosigkeit gesprochen. In Bezug auf die Wissenschaftstheorie formulierte Otto Neurath eine eindrucksvolle Metapher, die auch für unsere Situation zuzutreffen scheint: »Wie Schiffer sind wir, die ihr Schiff auf offener See umbauen müssen, ohne es jemals in einem Dock zerlegen und aus besten Bestandteilen neu errichten zu können.« Und wir scheinen – ohne das Ziel, das wir aus den Augen verloren haben – auch nicht mehr navigieren zu können, sondern müssen durch die die Aussicht versperrenden Wogen um das Überleben surfen.

Wir scheinen, wie in anderen Wendezeiten, keine überzeugenden Mittel und Wege des Denkens zu haben, uns in einer auseinanderfallenden Welt zurechtzufinden, ohne panisch zu werden und um uns zu schlagen, nur egoistisch im Hier und Jetzt zu leben – nach mir die Sintflut! – oder sich in einer der schon bröckelnden Denkburgen zu verbarrikadieren. Aber vielleicht sehe ich in der Situationsbeschreibung der Gegenwart auch vieles falsch.

Wer soll das Kollektivsubjekt der Rettung abgeben?

Moshe Zuckermann

16. Februar 2025

Von Falschsehen kann nicht die Rede sein. Wir bewegen uns ja vorerst im Dickicht von Ahnungen, Vermutungen und entsetztem Staunen. Alles, was du beschreibst, ist ja nicht fantasiert, sondern hat seinen realistischen Kern. Ob dabei die Deutung stimmt, kann zurzeit noch nicht apodiktisch beschlossen werden, zumindest nicht in Bezug auf eine künftige Entwicklung. Ich sage das als jemand, der inzwischen sehr vorsichtig geworden ist mit Zukunftsprognosen, weil ich aktuell ein gebranntes Kind bin.

Als Trump 2016 behauptete, er könnte jemanden auf der Fifth Avenue erschießen, seine Anhänger würden ihn dennoch wählen, habe ich das für einen schlechten Witz eines großmäuligen Schwätzers gehalten. Er ist dann gewählt worden. Ich konnte es nicht fassen, musste mir aber eingestehen, dass ich seinen Spruch mit Blick auf die falschen Adressaten wahrgenommen und interpretiert hatte; ich dachte nämlich in Kategorien des »normalen Menschen« mit dem gängigen common sense, der sich sagt, einen Menschen, der in der Fifth Avenue jemanden einfach so mal erschießt, wähle ich nicht zum Präsidenten. Ganz anders ist aber offenbar Trumps Diktum von seiner ressentimentgeladenen Klientel gedeutet worden. Für sie war das eine ihr aus dem Herzen gesprochene Macho-Rhetorik, die mit dem »Grab them by the pussy«-Geprotze korrespondierte – wenn man so will, das, was du als Vorboten der »maskulinistischen Konterrevolution« anführst. Die ernüchterte Analyse führte dann in die Region der »Erniedrigten und Beleidigten« der US-amerikanischen ökonomischen Wirklichkeit, in die Sphäre des lodernden Hasses gegen Washington und die vermeintlichen Urheber ihrer Lebensmisere.

Aber ehrlich gesagt, wer von uns hätte es für möglich gehalten, dass Trump nach seiner ersten Amtsperiode, vor allem aber nach dem vandalistischen Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021, wiedergewählt werden könnte. Soweit ich das sehe, streikt hier die positivistische Analyse. Das war nun wirklich ein von ihm initiierter Gewaltakt, der die Untergrabung des demokratischen Selbstverständnisses der USA (nicht nur) symbolisch inszenierte. Konnte es da einen Zweifel geben, dass der Mann politisch ausgespielt hat, dass er sich selbst desavouiert hat? Und als er dann seine manipulative, an Perfidie, Verleumdung und Verhetzung kaum zu überbietende Lügenmaschinerie ins Werk setzte, lag da nicht alles schon so offen vor Augen, dass man sich in Sicherheit wähnen konnte, der Mann sei schlicht nicht wählbar, gehörte fallen gelassen?

Wir wissen, wie die Wahl dann ausgegangen ist. Und man steht nun entblößt da, gleichsam selbst »erniedrigt und beleidigt«: Nicht nur ist die erhoffte Rechnung nicht aufgegangen, sondern auch das, was man geistig, intellektuell und kulturell auf die Waagschale zu legen hat, hat sich, zumindest was die Praxis und die gegenwärtige Realität anbelangt, als armselig und nutzlos erwiesen. Man steht vor dem von den Trumps, Orbans und Netanjahus dieser Welt angerichteten Scherbenhaufen und ist letztlich ohnmächtig, geplagt von einem Gefühl der Vergeblichkeit, vor allem aber von einem großen Zweifel, ob das, was das eigene kulturelle Kapital ausmacht, nicht überkommen ist, einer Welt von gestern angehört.

Du führst als Erklärung (mit Hegel) die Möglichkeit einer Zeitenwende und (mit Hölderlin) gar das Rettende angesichts der Gefahr an. Das ist ganz in meinem Sinne, zumindest was die kulturellen Kronzeugen anbelangt. Allerdings erhebt sich die Frage, die letztlich auch du andeutest: Zeitenwende zum Besseren? Brüchigkeit und Umbruch als Fortschritt? Hegel zumindest hatte den progressiven Hergang der Geschichte vor Augen. Seine Einsicht »Was vernünftig ist, wird wirklich, und das Wirkliche wird vernünftig« suggerierte die Immanenz der Vernunft in der Wirklichkeit, also die Annahme, dass in der Wirklichkeit die Vernunft tätig ist, mithin nicht (wie auch immer) »von außen« herangetragen wird. Und wenn dies vernünftige Wirken zunächst nicht sichtbar wird, dann muss man warten, bis sich historisch die »List der Vernunft« manifestiert. Mit gewissem Sarkasmus kann man behaupten, dass sie unerfindlich seien, die Wege der Vernunft. Aber so leicht lässt sich die Hegelsche Metaphysik nicht erschüttern. Uns fehlt ja noch das Kriterium für die endgültige Beurteilung, ob sich die Vernunft durchgesetzt hat und die Zeitenwende zum Besseren ausschlug. Vorläufig können wir nur hoffen. Na ja, die Jüngsten sind wir beide nicht mehr, und die Hoffnung möge kommenden Generationen überlassen sein.

Und was nun (in nämlichem Zusammenhang) Hölderlins Rettendes anbelangt, so muss man sich, zumindest gegenwärtig, fragen, von wem dies Rettende getragen werden, mithin wer das Kollektivsubjekt der Rettung abgeben soll. Die Frage stellt sich nicht im Sinne eines grundsätzlichen Zweifels an der Möglichkeit einer emanzipativen Wende in Richtung einer Abwendung der Gefahr, sondern als realistische Sicht auf die empirischen Koordinaten einer solchen Möglichkeit. Im global-historischen Ausblick öffnet sich da eine eher finstere Perspektive: Der Zusammenbruch der Sowjetunion und mit ihm die Vertagung der Realisation eines wahren Sozialismus auf eine unbestimmte Zeit boten dem kapitalistischen Liberalismus vermeintlich freie Hand bei der allmählichen Gestaltung einer auf relative Emanzipation ausgerichteten Zivilgesellschaft. Das Blocksystem war kollabiert, der Kalte Krieg beendet, das System, das den Sowjetkommunismus (und den Totalitarismus) bekämpft hatte, hatte nun vermeintlich die Chance, eine friedliche Ära einzuläuten und eine wirtschaftliche Ordnung zu etablieren, die den utopistischen Vorstellungen des Sowjetsystems entgegenstand.

Nun, wir wissen beide, wie es mit dem Frieden in der Welt seit 1990 bestellt ist. Das ist vermutlich zum nicht unerheblichen Teil den Nachwirkungen des historischen Kolonialismus geschuldet, vor allem aber der Tatsache, dass die Grundpostulate des Kapitalismus – die private Aneignung gesellschaftlicher Arbeit und die unbegrenzte Maximierung des Profits – sich nun in einer Weise austoben durften, dass die Pauperisierungsthese von Marx sich im Weltmaßstab verwirklichte. Es kam zu bedrohlichen Krisen, wie der Finanzkrise von 2008. Aber welchen Schluss zog man aus diesem neuen Unheil? Wo waren die gesellschaftlichen Kräfte, die auf ein Umdenken hätten drängen sollen? Wo war eine im tatkräftigen Widerstand sich erprobende Opposition? Nach einem Jahr oder zwei war die Gefahr »überwunden« – ganz im Sinne jener, die die Katastrophe verursacht hatten. Man hat beeindruckende Hollywood-Filme dazu gemacht, die freilich ihren Teil dazu beitrugen, dass selbst der Zusammenbruch mit all seinen horrenden Folgen für »den kleinen Mann« konsumierbar wurde.

Und mit Blick auf das Land, in dem ich lebe, muss ich mich fragen, wer genau die Opposition zu Netanjahu und dem von ihm angerichteten Unwesen, das bereits unzähligen Menschen das Leben gekostet hat, bilden soll. Das meine ich nicht nur personell, sondern strukturell und ideologisch: Die demografische Entwicklung in Israel verheißt wenig Gutes für die künftigen Träger einer liberalen sozialen und politischen Ordnung in Israel, von einer friedlichen Lösung des Konflikts mit den Palästinensern ganz zu schweigen – die allermeisten Israelis unterscheiden sich in dieser Hinsicht kaum von dem, den es zu stürzen gilt.

Nach dem Zerfall des Sozialismus folgt die Implosion des Liberalismus durch die libertären Rechten

Florian Rötzer

20. Februar 2025

Man muss aufpassen, nicht ins Horn eines Pessimismus oder Kulturverfalls zu blasen, wie das gerne immer wieder geschieht, um die Vergangenheit zu verklären. Donald Trump, der an der Spitze einer weltweiten rechten bis rechtsextremen und völkisch-rassistischen Bewegung die noch verbliebenen Strukturen der (allerdings einseitig westlichen) Nachkriegsordnung und -kultur zerschlägt, fällt in besonderer Weise mit einer einfachen, anti-intellektuellen Sprache und dem Fehlen einer langfristigen Perspektive auf. Man könnte von einer Scheuklappenperspektive sprechen, wobei der Blick in der gehetzten Geschwindigkeit nur auf den Boden für die nächsten Schritte gesenkt ist, anstatt immer einmal wieder auf den weiten Horizont zu achten. Wie eine Anekdote über den vorsokratischen Philosophen und Astronomen Thales von Milet erzählt, der beim Betrachten des Himmels in eine Grube gefallen sein soll, sollte aber auch das Banale und Nächstliegende nicht aus den Augen verloren werden.

Platon hatte den sinnbildlichen Sturz so geschildert: Thales »fiel, als er sich mit den Sternen beschäftigte und nach oben blickte, in einen Brunnen. Da soll ihn eine witzige und reizende thrakische Magd verspottet haben, weil er zwar die Dinge am Himmel zu erkennen begehre, ihm aber, was ihm vor den Füßen liege, entgehe.« Man könnte sich heute Donald Trump und seinesgleichen als thrakische Magd vorstellen, die, wenn auch wenig witzig und gar nicht schön, über die Intellektuellen und Akademiker ihren Spott ergießen, weil diese die angeblich handfeste Realität vor sich übersehen. Dem könnte man entgegnen, dass die kurzsichtige, Neben- und Folgewirkungen nicht reflektierende Sicht des Pokerspielers, der auf schnelle Deals aus ist, der Haltung jener Menschen entspricht, die ihre Vor-Sicht durch den Bildschirm des Smartphones versperren, auf den sie bei aller Gelegenheit und eben auch beim Gehen starren.