Internationalismus - Jens Kastner - E-Book

Internationalismus E-Book

Jens Kastner

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Beschreibung

Der Internationalismus ist ein Kernbestandteil emanzipatorischer Theorie und Praxis. Zugleich war er stets umstritten und durchlebte verschiedene Konjunkturen, die durch sehr unterschiedliche Mobilisierungs- und Organisationsformen gekennzeichnet waren. Spätestens seit Gründung der Internationalen Arbeiter Assoziation (IAA) 1864, kurz der Ersten Internationale, war der Internationalismus politischer und organisatorischer Anspruch und zugleich theoretische Herausforderung der emanzipatorischen Linken. Der Internationalismus war und ist eine linke Perspektive, die antikapitalistische und antifaschistische, antikoloniale, antirassistische und antipatriarchale Ansprüche zu vereinen sucht. Aber der Internationalismus hat kein einheitliches Konzept, er existiert stets im Plural: autoritäre und parteiorientierte, antiautoritäre und auf Assoziationen ausgerichtete Strategien, befreiungsnationalistische und transnationalistische Ansätze existieren nebeneinander und bekämpften sich zuweilen. Die internationalistische Praxis erlebte verschiedene Konjunkturen, von der Pariser Kommune 1871 bis zum Spanischen Bürgerkrieg (1936–1939), von der Dekolonisierung und den Revolten der ›1968er Jahre‹ über den feministischen Aufbruch, die Solidaritätsbewegungen der 1970er und 1980er Jahre, den zapatistischen Aufstand 1994 und die globalisierungskritischen Bewegungen um 2000 bis zu den Debatten um einen ›neuen Internationalismus‹ in der Gegenwart.

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Seitenzahl: 133

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Jens Kastner

Internationalismus

Kleine Geschichte einer großen Idee

bewegungslehre

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar

Jens Kastner:

Internationalismus

unrast transparent

bewegungslehre, Band 7

1. Auflage, März 2025

eBook UNRAST Verlag, September 2025

ISBN 978-3-95405-231-8

© UNRAST Verlag, Münster 2025

Fuggerstraße 13 a, 48165 Münster

www.unrast-verlag.de | [email protected]

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Umschlag: UNRAST Verlag, Münster

Satz: UNRAST Verlag, Münster

Inhalt

Einleitung

1. »Sturz des Bestehenden und die Schaffung einer neuen Welt«

Die Erste Internationale

Die Pariser Kommune

Die Zweite Internationale

Die Kommunistische Internationale (Komintern)

Die Internationale Arbeiter-Assoziation (IAA)

Libertärer Internationalismus und Internationale Brigaden. Der Spanische Bürgerkrieg

Die Vierte Internationale

# Imperialismustheorie und Antiimperialismus

# »national nur der Form nach«. Die nationale Frage

2. Antikolonialismus

Eine internationalistische Vorgeschichte: Haiti

# »emancipate yourself from mental slavery« (Bob Marley). Antikoloniale Theorie

Fokustheorie und Trikontinentale 1966

3. »Weltwende 1968«. Der Internationalismus der Neuen Linken

Der Internationalismus der »Neuen Linken«

Antifaschismus und Antisemitismus

4. Die Solidaritätsbewegungen und der »Drittweltismus«

# Anti- und postkoloniale Theorie

Antirassismus und die »windige Internationale«

4. Internationalismus als Globalisierungskritik

Die Zapatistas und der Kampf gegen den Neoliberalismus

Die globalisierungskritischen Bewegungen

Vom Imperialismus zum Empire: Postoperaismus

Arabischer Frühling, Indignados und Occupy Wall Street

5. Internationalismus und emanzipatorische Identitätspolitiken

Black Lives Matter als neuer Internationalismus?

# Dekolonialistische Theorie

# Solidarität

Feministische Internationale

7. Klimainternationalismus

# Imperiale Lebensweise

8. Wieder Scheitern. Und dennoch: Solidarity Forever!

Der entleerte Antiimperialismus

»Ain’t no border high enough« Angewandter Internationalismus der Gegenwart

Anmerkungen

»Der Sozialismus ist eine internationale Bestrebung«

Rosa Luxemburg,1906

»Someday, somewhere / Today’s empires, tomorrow’s ashes«

Propagandhi, 2001

Einleitung

Die multiplen Krisen der letzten Jahre, flankiert und verstärkt durch globale Politiken in der Corona-Pandemie, den Krieg Russlands gegen die Ukraine sowie Terror und Krieg in Israel/ Palästina haben auch ein Kernelement der radikalen Linken erfasst: Den Internationalismus.[1] Spätestens seit Gründung der Internationalen Arbeiter Assoziation (IAA) 1864, der sogenannten Ersten Internationale, war der Internationalismus politischer und organisatorischer Anspruch und zugleich theoretische Herausforderung der sozialistischen, emanzipatorischen Linken. Internationalismus ist die solidarische Bezugnahme auf die und die Unterstützung von Kämpfe(n) jenseits des eigenen, kollektiven nationalen Rahmens. Der Internationalismus bot eine linke Perspektive, die aantikapitalistische und antifaschistische, antikoloniale, antirassistische und antipatriarchale Ansprüche zu vereinen suchte. Dabei war der Internationalismus kein einheitliches Konzept, er existierte stets im Plural: autoritäre und parteiorientierte, antiautoritäre und auf Assoziationen ausgerichtete Strategien, befreiungsnationalistische und transnationalistische Ansätze existierten nebeneinander und bekämpften sich zuweilen. Bereits in der Spaltung der Ersten Internationale 1872 traten viele dieser Widersprüche offen zutage. Der Ersten Internationale folgte die 1889 gegründete Zweite Internationale, die durch die Zustimmung der sozialistischen Parteien zu den jeweiligen, nationalen Regierungspolitiken mit dem Ersten Weltkrieg auseinanderbrach. Nach dem Krieg spaltete sich nicht nur die internationale Sozialdemokratie, sondern die russische Revolution setzte auch einen neuen Zyklus internationalistischer Politiken in Gang, die ihren organisatorischen Ausdruck in der 1919 gegründeten, kommunistisch geprägten Dritten Internationale fand. Es begann eine neue Konjunktur von zu Beginn noch sehr vielfältigen, sozialrevolutionären Strömungen und Ansätzen. Die zunehmende Ausrichtung der kommunistischen Internationale an den Maßgaben der sowjetischen Außenpolitik, sowie die Moskauer Schauprozesse und andere politische Entwicklungen veranlassten Leo Trotzki 1938 zu der Initiative, die Vierte Internationale ins Leben zu rufen. Fast zeitgleich zur Dritten Internationale wurde 1922 die anarchistische Internationale Arbeiter-Assoziation gegründet, die als Versuch der Neugründung der Ersten Internationale gedacht war.

Der Internationalismus beschränkte sich aber keineswegs auf die großen, proletarischen Massenorganisationen, die Internationalen, die sozialistischen und kommunistischen Parteien und die Gewerkschaftsbewegung. Die Internationalismen durchlebten in der Praxis verschiedene Konjunkturen, die von unterschiedlichen politischen Haltungen dominiert waren und diverse Formen annahmen. Der proletarische Internationalismus wurde im Kontext der Revolten der »1968er Jahre« durch einen solidaritätsbewegten Internationalismus und den feministischen Internationalismus herausgefordert und ergänzt. Auch einen künstlerischen Internationalismus hat es gegeben, der nicht nur in Form der Situationistischen Internationale (1959–1973) existierte. Auch wenn Internationalismus und internationale Solidarität zuweilen paternalistischen Formen annahmen, sind sie doch nicht einfach Projektionen auf die Verhältnisse in anderen Ländern und Regionen, sondern integraler Bestandteil jeder linken Politik.

Neben den Internationalen spielen die Pariser Kommune 1871 als »Weltrepublik« (Kristin Ross) und der Spanische Bürgerkrieg (1936–1939) in der Geschichte des Internationalismus sicherlich eine ebenso große Rolle wie die Dekolonisierung der 1950er und 1960er Jahre und die weltweiten Proteste gegen den Krieg der USA in Vietnam. Die globalen Solidaritätsbewegungen der 1970er und 1980er Jahre (mit ihren Vorläufern der Solidarität mit dem antikolonialen Kampf in Algerien in den frühen 1950er Jahren und der Kubanischen Revolution 1959ff.) schienen an ihr Ende gelangt. Dieses Ende wurde nicht zuletzt durch den Zusammenbruch des staatssozialistischen Politikmodells, an dem sich auch der Internationalismus zum Teil orientiert hatte, vertieft und als »Ende der Geschichte« (Francis Fukuyama) interpretiert. Darauf reagierte 1994 u.a. der zapatistische Aufstand, der eine neue »Internationale der Hoffnung«[2] entstehen ließ und die globalisierungskritischen Bewegungen der 1990er bis ca. 2001 inspirierte und mit anstieß. Über die sozialen Aufbrüche um 2011 (Arabischer Frühling, Occupy Wall Street, Indignados) führen die Diskussionen um einen »neuen Internationalismus« bis in die von Hoffnungen auf emanzipatorische Entwicklungen so arme Gegenwart.

Schwankten linke Positionen in der Corona-Pandemie zwischen einer Sorge um die Schwächsten, die häufig mit der Zustimmung zu staatlichen Kontrollmaßnahmen einherging, und der Kritik am »Ausnahmezustand«, der jene infrage stellte, hat der Einmarsch Russlands in die Ukraine eine weitere Spaltungslinie offenbart. Während einerseits das imperialistische Gebaren eines autokratischen Regimes in die Kritik geriet, erschien der militärische Überfall anderen Linken als mehr oder weniger legitime Reaktion auf die Einkreisung Russlands durch die NATO. Schließlich hat der Terroranschlag der islamistischen Hamas vom 7. Oktober 2023 zu weiteren Verwerfungen geführt: Während Teile der antiimperialistischen Linken den Terror ausdrücklich begrüßten und als »Widerstand« gegen eine Kolonialmacht klassifizierten, sehen andere gerade in dieser Haltung und ihrer Zustimmung zu antisemitischen und islamofaschistischen Positionen den »moralischen Bankrott« (Jens Balzer) einer queerfeministischen und postkolonialen Linken. Durch all das, vor allen aber durch die positiven linken Bezugnahmen auf einen antisemitischen, homofeindlichen, patriarchalen und autoritären Islamismus scheint der Internationalismus endgültig am Ende zu sein. Schließlich richtete sich internationalistische Solidarität nicht nur gegen den Imperialismus, sondern immer auch positiv auf emanzipatorische Prozesse und Akteur*innen: Für Emanzipation jedoch stehen die Hamas, die die Philosophin Judith Butler aus vermeintlich antikolonialer Perspektive als »Widerstandsbewegung« klassifiziert oder die Hisbollah, mit der Venezuelas Präsident Nicolas Maduro aus antiimperialistischer Sicht meint solidarisch sein zu müssen, nach keinen denkbaren Kriterien mehr.[3] Insofern lässt sich die Feier islamistischer (Terror-)Politiken als ein neuerlicher Verrat an dem Befreiungsversprechen einer internationalistischen Haltung interpretieren, die stets auch antikolonial motiviert war.

Am Ende allerdings war der Internationalismus vielleicht schon zu Beginn des Ersten Weltkriegs, als die Proletarier aller Länder für ihr jeweiliges Vaterland in den Krieg zogen, anstatt sich zu vereinigen. Das empfanden auch Zeitzeug*innen wie Rosa Luxemburg so. Und am Ende war er auch schon im Spanischen Bürgerkrieg, als die stalinistischen Kommunist*innen inmitten des antifaschistischen Kampfes ihre trotzkistischen Genossen ermordeten und im Mai 1937 auch auf die anarchistischen schossen.

Internationalismen waren nie konfliktfrei und sie wandelten sich im Laufe der Geschichte immer wieder. Auch zum Positiven. Sich endgültig davon zu verabschieden, würde die Linke schließlich eines ihrer Grundpfeiler berauben.

In den frühen 1990er Jahren schrieb der Philosoph Jacques Derrida mit Marx’ Gespenster ein vieldiskutiertes Buch u.a. zur Zukunft emanzipatorischer Perspektiven. Darin spricht er auch von einer »neuen Internationale«. Darunter sei das zu verstehen, was »an die Freundschaft einer Allianz ohne Institution zwischen jenen gemahnt […], die sich weiterhin von einem der Geister Marx’ oder des Marxismus inspirieren lassen«, um sich zum Zweck der »Kritik des Zustands internationalen Rechts, der Begriffe von Staat und Nation usw. [zu verbünden]: um diese Kritik zu erneuern und um sie vor allem zu radikalisieren«[4]. Diesen Anspruch gilt es nach wie vor aufrecht zu erhalten und mit Leben zu füllen. Neben die Geister von Marx gesellen sich dabei sicherlich noch viele andere aus den anarchistischen, antirassistischen und feministischen Kämpfen und Theorieansätzen. Das Derrida-Zitat soll auch noch einmal darauf hinweisen, dass die Internationalismen sich nicht auf Praktiken der Arbeiter*innen- und anderer sozialer Bewegungen beschränken, sondern immer auch von theoretischen Debatten und Diskursen begleitet und motiviert waren. Die Frage, wer die oft besungene Internationale eigentlich ist, kann nur im Plural beantwortet werden, sie ist eine proletarische Massenbewegungen, konstituiert sich in antifaschistischen, antikolonialen, feministischen und antiimperialistischen Bewegungen und Kämpfen, ist aber gleichzeitig auch eine Geschichte der »revolutionären Intellektuellen«[5], wie der Historiker Enzo Traverso sie nennt. In kleinen Exkursen werden deshalb relevante Theorieansätze kurz vorgestellt.

Die Internationale ist internationalistisch, nicht nur international: Sie belässt es nicht beim Zwischen (»inter-«) hinsichtlich der Nationen (auch wenn sie taktisch und strategisch auf sie Bezug genommen hat), sondern sie stellt auch die nationale Organisierung der Welt infrage und arbeitet auf ihre emanzipatorische Abschaffung hin. Das gilt nicht nur für die anarchistischen, sondern auch für andere Internationalismen. Die Unterstützung nationaler Befreiungsbewegungen steht zu diesem Abschaffungsanspruch zwar in einem Spannungsverhältnis, hebelt ihn aber nicht unbedingt aus. Selbst Leo Trotzki stellte in seinen Thesen zur Vierten Internationale klar: »Aufgabe des Proletariats ist nicht die Verteidigung des Nationalstaats, sondern dessen völlige und endgültige Beseitigung«[6]. Auch Konzerne, Verbände und Sozialbeziehungen agieren international, aber weder Siemens, noch die Pfadfinder und internationale Familienbande hegen einen solchen explizit politischen, internationalistischen Anspruch auf Abschaffung des Nationalen.

»Die Internationale erkämpft das Menschenrecht«. Die am weitesten verbreitete Hymne der sozialistischen Arbeiter*innenbewegungen, »Die Internationale«, war 1871 von dem Dichter Eugène Pottier geschrieben worden. Pottier war an der Pariser Kommune im gleichen Jahr beteiligt gewesen, die Melodie komponierte später der Belgier Pierre Degeyter. Gespielt und gesungen wurde die Internationale weltweit auf Demonstrationen, bei Streiks und später auch zu Staatsfeierlichkeiten in den staatssozialistischen Ländern des Ostblocks. Sogar auf Punk-Konzerten. Aber wer wurde da eigentlich besungen? »Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!« war schließlich ein fordernder Slogan, verwirklicht war diese Vereinigung keineswegs (sonst hätte die Forderungen keinen Sinn ergeben). Die Versuche, sie in unterschiedlichen Formen, an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten zu verwirklichen, müssen immer wieder rekonstruiert werden, um sie nicht der vergessen gemachten Geschichte anheimfallen zu lassen. Dazu kann diese Einführung vielleicht einen kleinen Beitrag leisten. Auch wenn die konkreten historischen Umstände der Organisationsgründungen und Bewegungszyklen in einer sich permanent verändernden, kapitalistischen Welt dabei nur angedeutet werden können, vermögen die schlaglichtartigen Einblicke in die seit mehr als einhundertfünfzig Jahren geführten Diskussionen um Kolonialismus und Imperialismus innerhalb der Internationalismen vielleicht zu dieser Rekonstruktionsarbeit beizutragen.

Dass der Internationalismus von Beginn an antikolonial ausgerichtet war, wird von vielen Forscher*innen betont. Der Historiker und postkolonialistische Theoretiker Robert J.C. Young etwa reiht die Erste Internationale in die Geschichte des Postkolonialismus und beschreibt sie als »zeitgenössische Politik des Widerstands gegen Kolonialismus und Imperialismus«[7]. Schließlich definierte die Dritte Internationale, wie der Historiker David Mayer herausstellt, »›koloniale Befreiung‹ und ›antiimperialistischen Kampf‹ als zentrale Horizonte ihrer Arbeit«[8]. Während der Kolonialismus auch innerhalb der Ersten Internationale schon durchaus Thema war, geriet die Kritik an Kolonialismus und Imperialismus bis zur Gründung der Zweiten Internationale mehr und mehr in den Fokus. Während der Kolonialismus Spaniens und Portugals im 16. und 17. Jahrhundert in erster Linie ein »Kolonialtypus des ›Ancien Regimes‹«[9] war, von dem vornehmlich die Eliten profitierten, löste mit dem britischen und dem französischen Kolonialismus ab dem 18. Jahrhundert »die Bourgeoisie tendenziell die alten feudalen Schichten als Träger und Hauptprofiteure der Kolonialpolitik ab. Vor allem aber trat ab dem späten 19. Jahrhundert eine wesentliche Veränderung ein: Die gesellschaftlichen Auswirkungen der kolonialen und internationalen Wirtschaftspolitik betreffen nicht mehr nur die unmittelbar daran beteiligten herrschenden Schichten oder Klassen, sondern zeitigen Rückwirkungen auf die innergesellschaftlichen Verhältnisse in den wirtschaftlich dominierenden Staaten«[10].

Während die ökonomischen Effekte dieser Veränderungen viele neue Interpretationen erfuhren, in deren Rahmen auch die dependenztheoretische Diskussion der 1960er und 1970er Jahre in Lateinamerika (und anderswo) zu lesen sind, widmeten sich viele Linke auch den »innergesellschaftlichen Verhältnissen« und der Frage, inwiefern und wieso die vormals als revolutionäres Subjekt so sicher geglaubte Arbeiter*innenklasse sich durch die Beteiligung am Profit der imperialen Politik integrieren ließ. Hier lässt sich eine theoretische Linie von der Analyse der »Integration der Arbeiterklasse« in der Kritischen Theorie bis hin zu den Diskussionen um die »imperiale Lebensweise« ziehen, die maßgeblich von den Politikwissenschaftlern Ulrich Brand und Markus Wissen angestoßen wurde. Während das Inwiefern vor allem die Verbesserung der Arbeitsverhältnisse und die zunehmende Beteiligung am Massenkonsum adressierte, wurde die Frage des Wieso mit sozialpsychologischen und kulturellen Theorieansätzen zu beantworten versucht. Neben den ökonomischen Dimensionen von Imperialismus und Kolonialismus wurden zunehmend deren kulturelle Aspekte in den Blick genommen.

Mit der Abkehr vom Leninismus (von Seiten der Kritischen Theorie) und der Analyse von Partizipation, Beteiligung und Kooptation wurde einerseits auch der Abstand zum Antiimperialismus größer, der die Annahme, dass die »unterdrückten Völker« revolutionäres Potenzial besitzen, nicht infrage stellte. Gleichzeitig wurde in den 1960er Jahren andererseits von linken Theoretiker*innen vor dem Hintergrund neuer Mobilisierungen indigen geprägter und subproletarischer sozialer Bewegungen vor allem in Lateinamerika eine Erneuerung und Erweiterung des Antiimperialismus forciert, die an der revolutionären Perspektive festhielt.[11]

Durch die Veränderungen in der internationalen Arbeitsteilung, des Welthandels und der globalen Akkumulationsregime seit den 1970er Jahren, insbesondere seit dem Siegeszug des Neoliberalismus ab den frühen 1980er Jahren, haben sich die Bedingungen für internationalistische Politiken erneut radikal gewandelt. Auch die Träger*innen internationalistischer Haltungen veränderten sich: feministische und Schwarze Internationalismen entwickel(te)n sich mal innerhalb, mal parallel oder in Abgrenzung zu proletarischen oder anderen linken Internationalismen. Wobei sich die inhaltlichen Ausrichtungen auch überschneiden und überlappen sowie aktualisiert und erweitert werden: Wenn die argentinische Feministin Verónica Gago die feministischen, internationalistischen Bewegungen der Gegenwart als welche beschreibt, »die den Grenzen der nationalstaatlichen Geometrie trotzen«[12], scheint darin durchaus der alte Traum des Anarchisten Michail Bakunin von einer staatenlosen Gesellschaft in Gleichheit und Freiheit wieder auf.

Es ist sicherlich auch der Geburt der Nationalstaatsidee in Europa geschuldet (wie auch der Stärke der hiesigen Arbeiter*innenbewegungen), dass die Geschichte des Internationalismus immer wieder aus europäischer Perspektive erzählt wird. Zu dieser eurozentrischen Schlagseite schafft auch die vorliegende Einführung keine Alternative. Sie richtet einen Fokus auf antikoloniale Aspekte und kann damit vielleicht immerhin dazu anregen, einen Perspektivwechsel in die Wege zu leiten bzw. zu vertiefen.

Jedes der hier angerissenen Ereignisse internationalistischer Geschichte füllt bereits viele Bücher, zum Teil mehrere Regalmeter, wenn nicht ganze Bibliotheken. Fast unmöglich, ihnen allen in einer Einführung auch nur annähernd gerecht zu werden. Jede Einführung weist notwendiger Weise Vereinfachungen, Lücken und Auslassungen auf. Dennoch kann eine Überblicksdarstellung sinnvoll sein, insofern sie die Möglichkeit bietet, an das Angerissene anzuknüpfen und es zu vertiefen, zu ergänzen und die Lücken in Theorie und Praxis immer wieder neu zu füllen.[13]

Dieses Buch ist eine Art Diskursgeschichte, die nicht mehr als ein kurzer Abriss ist, sie greift auf eine Mischung aus historischen Studien und journalistischen Einschätzungen sowie Originalstimmen der Akteur*innen zurück, um einen Einblick in Debatten zu vermitteln, der sicherlich nur ein kleiner Ausschnitt ist. Eine kleine Geschichte einer großen Idee, die sich aber nicht ohne Praxis entwickelt hätte und durch sie ständige Veränderung erfährt. Dass die Bedeutung der Praxis im Untertitel nicht unterzubringen war, heißt nicht, dass sie im Folgenden nicht eine zentrale Rolle spielt.

1. »Sturz des Bestehenden und die Schaffung einer neuen Welt«Der proletarische Internationalismus und die Internationalen

Die Erste Internationale

Die Statuten der Internationalen Arbeiterassoziation, kommentierte Michail Bakunin, enthalten alle Ansätze einer Sozialrevolution: »Sturz des Bestehenden und die Schaffung einer neuen Welt«[14]. Am 28. September 1864 fand in der Londoner St. Martin’s Hall die Gründungsversammlung der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA) statt, die sich kurz ›die Internationale‹ nannte. Versammelt waren Vertreter*innen verschiedenster Organisationen der Arbeiter*innenbewegung aus unterschiedlichen Ländern Europas. Die Internationale bestand in den Jahren darauf in Form von Kongressen und Konferenzen, die von regen Debatten und teils unerbittlich geführten Streitigkeiten in Zeitschriftenartikeln und Briefwechseln flankiert wurden.

Auch wenn die Internationale rückblickend als Ausdruck der »Verwirklichung der großen Idee der Einheit und kämpferischen Solidarität des internationalen Proletariats, die Marx und Engels unermüdlich propagierten«[15]