Invasion - Die Rückkehr - John Ringo - E-Book

Invasion - Die Rückkehr E-Book

John Ringo

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Beschreibung

Cally O'Neal steht ihrer bislang härtesten Gegnerin gegenüber

Die unerschrockene Widerstandskämpferin Cally O'Neal steht vor einer unmöglichen Herausforderung: Sie soll für ein Gerät stehlen, mit dem man Gedanken kontrollieren kann, damit die Renegaten einen menschlichen Mentat ausschalten können. Damit sie Erfolg hat, muss sie ihre eigenen geheimsten Gedanken, die sie antreiben und dort Erfolg haben lassen, wo alle anderen scheitern, sicher verbergen. Und damit nicht genug: Der Mentat, über den das Todesurteil gefällt wurde, ist Callys Schwester …

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MOBI

Seitenzahl: 886

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HEYNE

JOHN RINGO: INVASION

Bd. 1: Der Aufmarsch

Bd. 2: Der Angriff

Bd. 3: Der Gegenschlag

Bd. 4: Die Rettung

Bd. 5: Heldentaten

Bd. 6: Callys Krieg

Bd. 7: Die Verräter

Bd. 8: Die Rückkehr

JOHN RINGO: DIE NANOKRIEGE

Bd. 1: Der Zusammenbruch

Bd. 2: Der Anschlag

Bd. 3: Die Sturmflut

Bd. 4: Die Flucht

Inhaltsverzeichnis

HEYNE WidmungKapitel 1
Dienstag , 12. Oktober 2054 - Chicago/USA – Sol III
Kapitel 2Kapitel 3
Donnerstag , 14. Oktober 2054
Kapitel 4
Freitag, 15. Oktober 2054Freitag, 15. Oktober 2054
Kapitel 5
Montag, 18 . Oktober 2054Dienstag, 19. Oktober 2054
Kapitel 6
Mittwoch, 20. Oktober 2054Freitag, 22. Oktober 2054
Kapitel 7
Montag, 25. Oktober 2054Dienstag, 26. Oktober 2054
Kapitel 8
Mittwoch, 27. Oktober 2054Freitag, 29. Oktober 2054Freitag, 29. Oktober 2054
Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12
Freitag, 5. November 2054Freitag, 5. November 2054Dienstag, 9. November 2054
Kapitel 13
Mittwoch, 10. November 2054Mittwoch, 10. November 2054Sonntag, 14. November 2054
Kapitel 14
Montag, 15. November 2054Montag, 15. November 2054Dienstag, 16. November 2054Mittwoch, 17. November 2054
Kapitel 15
Donnerstag, 18. November 2054Donnerstag, 18. November 2054Freitag, 19. November 2054
Kapitel 16
Samstag, 20. November 2054Montag, 22. November 2054
Kapitel 17
Dienstag, 23. November 2054
Kapitel 18
Dienstag, 23. November 2054Freitag, 26 November 2054Montag, 29. November 2054
Kapitel 19
Mittwoch, 1. Dezember 2054Donnerstag, 2. Dezember 2054Montag, 6. Dezember 2054Donnerstagvormittag, 9. Dezember 2054
Kapitel 20
Freitag, 10. Dezember 2054
Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23EpilogCopyright

Für Miriam

Und, wie immer:

Für Captain Tamara Long, USAF

Geboren: 12. Mai 1979

Gestorben: 23. März 2003, Afghanistan

Du fliegst jetzt mit den Engeln.

1

Dienstag , 12. Oktober 2054

Chicago/USA – Sol III

Die dunkle Gestalt, die sich gerade über den Gebäuderand in die Tiefe fallen ließ, hätte einem Himmit Unterricht in Tarnung erteilen können. Na ja, beinahe. Tatsächlich hatten ihr eng anliegender Overall und die Sturmhaube hinsichtlich ihrer Tarneigenschaften eine ganze Menge den Himmit zu verdanken. Das Kletterseil, an dem sie sich abseilte, war konventionellerer Natur, das Gleiche galt für ihre Multivisions-Brille. Ein scharf blickender Beobachter – falls jemand sie denn beobachtet hätte – hätte festgestellt, dass das wertvollere Gerät alt und das billigere Gerät neu war, was darauf hindeutete, dass die Agentin oder ihr Auftraggeber schon bessere Tage erlebt hatten.

Sie machte im dreizehnten Stockwerk am vierten Fenster vom nördlichen Ende Halt. Das Werkzeug, das sie aus einem Futteral an ihrer Montur zog, ähnelte einem monomolekularen Teppichmesser. Mit fließenden Bewegungen, die über die Schwierigkeit der Aufgabe hinwegtäuschten, hakte sie an dem Seil über sich eine Leine ein, sicherte die beiden Saugnäpfe des komplizierten Geräts geschickt an der Fensterscheibe, fixierte sie und schnitt ein weites Oval aus dem dicken Glas. Sie zog das ausgeschnittene Stück Glas weg und ließ es am Seilende baumeln, schwang beide Beine durch die Öffnung und glitt ins Innere des Raums.

Der Raum, in dem sie sich jetzt befand, war verstaubt und seit langer Zeit nicht mehr benutzt worden, und sie hätte sich nicht hineingewagt, wäre da nicht der fadenscheinige Teppich gewesen – der sich perfekt dazu eignete, Fußabdrücke zu verbergen, die sonst offenkundig gewesen wären. Die mit Teppich verkleideten Wände der einzelnen Kabuffs zeigten jetzt ein fleckiges, mottenzerfressenes Grau, und gelegentlich zeichnete sich eine verrostete Schraube durch das Material ab. Die ebenfalls staubigen, im Zerfall begriffenen Pressspangebilde, die früher einmal niedrigen Firmenchargen als »Schreibtische« gedient hatten, ließen erkennen, dass der Raum Teil der in den Nachkriegsjahren reichlich vorhandenen überschüssigen Büroflächen war. Dieses Phänomen machte die mittleren Stockwerke von Hochhäusern in den meisten Großstädten für Leute ihres Berufs äußerst geeignet, wenn sie auch in ihr trotz ihrer Schäbigkeit gewisse wehmütige Sehnsüchte nach einer Welt wach werden ließen, die sie nie richtig kennengelernt hatte. Aber wie auch immer, in dem Raum herrschte gespenstische Stille, wenn man von dem gedämpften Verkehrslärm absah, der durch das Loch in der Fensterscheibe hereindrang, und der war unheimlich genug, dass sie froh war, ihn hinter sich lassen zu können. Sie war sorgfältig darauf bedacht, so wenig wie möglich zu berühren, während sie sich aus ihrer Montur schälte und dann anfing, darin nach dem Werkzeug zu wühlen, das sie für die nächste Phase ihres Einsatzes benötigte.

Der Tarnanzug war unauffällig und ein technisches Wunderwerk, was man von dem kleinen schwarzen Kleid, das sie aus ihrem Rucksack zog, in keiner Weise behaupten konnte. Das einzig Moderne daran war die sehr leichte Anti-Falten-Beschichtung, die es möglich machte, dass der minimalistische Seidenbody mit dem unter den Hüften aufgebauschten Rock so perfekt aussah, als wäre das Outfit gerade gebügelt worden, aber das Kleid war eng, und sie hatte einige Mühe, sich hineinzuzwängen und ihren üppigen Busen auf maximale Wirkung zu positionieren. Sie blickte finster an sich herab, verzog den Mund ein wenig wegen der überreichlichen Gaben, mit denen sie bei der Bane-Sidhe-Trennung ausgestattet war, als sie die »Platte« verloren hatten.

Ihre Arbeitgeber hatten sich hartnäckig geweigert, einen chirurgischen Eingriff daran vornehmen zu lassen, und sie darauf hingewiesen, dass das völlig zwecklos sei, weil ihr Busen schließlich Teil des Festplattencodes ihrer Körpernanniten war und daher binnen eines Moments wieder nachwachsen würde. Außerdem waren die Ärzte nicht bereit, ihr die Narben einer so primitiven chirurgischen Behandlung anzutun, die dabei zweifellos zurückbleiben würden. Sie rümpfte noch einmal stumm die Nase, während sie ihr silberblondes Haar im Nacken zu einem Knoten zusammenband und ihm einen Spritzer altmodischen Haarsprays verpasste. Dann streifte sie sich eine vergoldete Armbanduhr mit imitierten Diamanten über das Handgelenk, die ungewöhnlicherweise eine analoge und nicht etwa digitale Anzeige hatte. Verdammt, ich muss mich beeilen, höchstens noch eine Minute, bis die Wache wieder in dieses Stockwerk kommt.

In den letzten paar Jahren hatte sich die Einstellung zum Thema Verjüngung geändert; was anfänglich eher ein Symbol gesellschaftlicher Schande gewesen war, war inzwischen eher ein Luxussymbol der Schönen und Reichen geworden. Und deshalb war jegliches Make-up, das über das Allernotwendigste hinausging, nicht mehr in Mode. Die Wahrscheinlichkeit, dass man sie für eine echte Zwanzigjährige hielt, war daher recht groß. Was man auf dem Schwarzmarkt bekam, war meist mangelhaft, es fehlten zumindest individuelle Feinheiten, die es brauchte, um die volle Wirkung zu entfalten. Diese Art von Behandlung hinterließ in der Regel subtile Spuren, die von Klatschmäulern leicht entdeckt und gerne kommentiert wurden. Ihre in besseren Zeiten vorgenommene Verjüngung war perfekt. Eine winzige Spur Lipgloss und dazu ein Paar durchsichtiger GalPlas-Sandalen mit Stilettoabsätzen, die wie geschliffenes Kristall aussahen und sich wie mittelalterliche Folterinstrumente anfühlten, und sie war einsatzbereit. Nun ja, beinahe. Sie stopfte sich ein kleines eiförmiges Gebilde mit einem Abzugsring in den Ausschnitt. Der Körper, den ihre eigene DNA ursprünglich erzeugt hatte, hätte sich nie dafür geeignet, das Ding zu verstecken. Ich schwör’s, ich könnte dort einen ganzen Lkw verstecken. Du liebe Güte. Nicht, dass ich wirklich in einer Menschenmenge untertauchen müsste oder so, und nicht, dass es für eine Auftragskillerin nicht hammergefährlich wäre, mit diesem Aussehen alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Und Gott sei Dank war meine »echte« Arbeit, seit ich wieder zu arbeiten angefangen habe, leicht genug, dass sie mich oft genug auf alberne Einsätze schicken können.

Etwas zog zweimal heftig an der Leine, und das Päckchen entschwand – das Ganze war jetzt Harrisons Problem. Als sie das ovale Stück Glas wieder in die Scheibe eingepasst hatte, holte sie eine Art Kugelschreiber aus ihrer Abendtasche. Aus dem Stift schob sich ein dünner Faden Klebstoff auf Silikonbasis, worauf sich rings um das ausgeschnittene Stück Nanniten verteilten. Das Fenster würde in etwa einem Tag wieder geheilt sein, und dann würde es einer überaus komplizierten forensischen Analyse bedürfen, um feststellen zu können, dass da je ein Schaden aufgetreten war. Nun gut, sie hatte den Stift einmal schütteln müssen, und dabei war ein etwas größerer Tropfen Klebstoff ausgetreten. Das verdammte Ding war beinahe leer. Trotzdem, es hinterließ wirklich kaum Spuren. Als sie fertig war, wanderte der Stift wieder zusammen mit ihrem Lipgloss, einem Päckchen Kleenex, einem Kamm, einem Bündel FedCreds und dem allgegenwärtigen flachen PDA, ohne den heutzutage niemand mehr sein Haus verließ, in die winzige Abendtasche. Die Attrappen der Nano-Generator-Codeschlüssel waren in einer versteckten Tasche. Bei gründlicher Suche würde man sie entdecken, aber da sie nicht auf der Gästeliste stand, galt das schließlich auch für sie.

Sie hatte sich für dieses Büro entschieden, weil es über eine Innentreppe zugänglich war und über eine unmittelbar in den Flur führende Tür verfügte. Die Bürotür stand offen, und sie huschte hinaus, ohne sie berühren zu müssen. Nicht so die Tür zur Treppe. Diese öffnete sie mit einem Papiertaschentuch, das sie anschließend zusammenknüllte und wieder in ihrer Handtasche verstaute. Während sie die Treppe ins zweiunddreißigste Stockwerk hinaufstieg, warf sie einen kurzen Blick auf die Uhr und seufzte, schlüpfte dann aus den Schuhen, um schneller werden zu können, ohne wie eine Herde Elefanten zu klingen. Auf der letzten Treppe erstarrte sie zur Bewegungslosigkeit, den Fuß auf halbem Weg zur nächsten Stufe. Im Treppenflur wurde geredet. Der Darhel kam zu spät aus seinem Zimmer. Das Geräusch war so gedämpft, dass sie es durch die schwere Sicherheitstür ohne ihr optimiertes Hörvermögen überhaupt nicht wahrgenommen hätte. Trotz der Optimierung konnte sie aber immer noch nicht ausmachen, was er sagte, nur dass es wie ein Befehl klang, dem unmittelbar darauf die schrille Bestätigung eines Indowy-Bediensteten folgte. Ein paar Augenblicke später hörte sie das Glockensignal des anhaltenden Aufzugs und mühte sich ab, das Öffnen und Schließen der Türen zu hören.

Cally sah auf ihre Uhr. Verdammt. Das wird knapp werden. Sie schlich die restlichen paar Stufen hinauf, hielt dann inne, um wieder in ihre Schuhe zu schlüpfen, ehe sie die Tür öffnete und in den Flur hinaustrat. Dieser Teil des Gebäudes erglänzte in makelloser Sauberkeit. Der Teppich war neu, und die Wände rochen nach frischer Farbe. Während sie drei Türen abzählte und dann die Gasgranate aus ihrem Ausschnitt holte, kam sie am Bild eines Leuchtturms in einem vergoldeten Rahmen vorbei.

Die Posleen hatten aus der blühenden Zivilisation der Erde mit ihren sechs Milliarden Menschen etwa eine Milliarde Flüchtlinge, Barbaren und Lakaien der Galakter gemacht. Die sechsbeinigen carnosauroiden Aliens waren immun gegen jeglichen chemischen Stoff, den die Menschen oder die Galakter sich hatten ausdenken können; ebenso für eine ganze Menge Dinge, die sich niemand außer den halb legendären Aldenata ausgemalt hatte. Zum Glück waren die Indowy eher verletzbar. Insbesondere waren sie nicht gegenüber dem allgemeinen Betäubungsmittel der Gasgranate immun. Sie öffnete die Tür gerade lange genug, um den eiförmigen Gegenstand aus ihrem Ausschnitt hineinzuwerfen, zog sie dann sofort wieder zu und wartete draußen.

Das Gas war nicht tödlich und geruchlos, wenn man von einem leichten Lavendelduft absah, und für Menschen völlig harmlos, dafür aber hartnäckig genug, um später leicht wahrgenommen werden zu können. Am besten gefiel ihr daran, dass beim Abbau ein verbreitetes Darhel-Allergen entstand, das den Angehörigen jener Spezies einen äußerst unangenehmen Ausschlag eintrug – und zwar etwa drei Tage später. Sie sah dem Sekundenzeiger ihrer Uhr dreißig Sekunden lang zu, wie er über das Zifferblatt kroch, ehe sie eintrat.

Zu den ersten Dingen, die ihr beim Eintreten auffielen, gehörte ein holografisches Display auf einem antiken Mahagonitisch. Offenbar pflegte dieser Darhel mit einem selbst für seine Spezies seltenen Maß an Eitelkeit mit seinem eigenen Porträt zu reisen. Der silberschwarze Pelz wäre in Salz und Pfeffer gesprenkelt gewesen, wäre da nicht sein charakteristischer, metallischer Glanz gewesen. Seine aggressiv nach vorne gestülpten Fuchsohren zierten wie bei einem Luchs Quasten, wie sie bei den Darhel im Augenblick in Mode waren. Die an Katzenaugen erinnernde Iris war von leuchtendem Grün – Cally hätte wetten mögen, dass sie digital retouchiert war. Am auffälligsten war allerdings eine Reihe scharfer Zähne, die dieser Darhel auf seinem Bild fletschte. Auch sie waren offensichtlich retouchiert, sodass es so aussah, als würde sich das Licht in ihren rasiermesserscharfen Rändern spiegeln. Er war in eine Art Tuch gehüllt, das zweifellos geradezu unanständig teuer war. Sein eckiges Gesicht ließ ihn im Verein mit den anderen Gesichtszügen wie eine tödlich charismatische Kreuzung zwischen einem Fuchs und einem besonders bösartigen Elf erscheinen. Um seine Füße scharten sich in unterwürfiger Haltung ein halbes Dutzend Indowy-Leibdiener.

Abgesehen von dieser überflüssigen Darstellung von Eigenliebe war dies eine typische Darhel-Suite. Eine dünne Goldschicht bedeckte in kunstvollen Mustern praktisch alles, was man vergolden konnte. Zahllose Kissenstapel waren mit teurem galaktischem Stoff in gedämpften Farben bedeckt, der zehnmal weicher als Seide war. Auf einigen dieser Kissen ruhten jetzt schlafend die kleinen grünen pelzbedeckten Gestalten von Indowy. Einer von ihnen hatte tatsächlich das Pech gehabt, auf den Boden zu fallen. Er hatte sich zu einer Kugel zusammengerollt, und Cally stieg darüber hinweg, während sie nach den ungemein wichtigen und schrecklich teuren Code-Schlüsseln suchte, die Ziel ihres Eindringens waren.

Die Schublade war eine von mehreren, die sich in einer der falschen Säulen verbargen, die den Raum schmückten. Sie nahm an, dass es diejenige war, die mit dem teuren Bioschloss ausgestattet war. Ihr Buckley hätte die Schublade möglicherweise davon überzeugen können, dass sie der rechtmäßige Besitzer sei. Vielleicht aber auch nicht. Zum Glück hatte dieser Darhel nicht an die Scharniere gedacht, sehr filigrane Scharniere aus einem galaktischen Material, das auch brutaler Gewalt gewachsen war und völlig freilag. Die Schraube, die das Scharnier festhielt, ließ sich mit dem normalen Indowy-Kurvenschlüssen betätigen. Sie schraubte die Kappe ihres Schreibstiftes ab, wählte ein Bit der passenden Größe un…

»Cally O’Neal, ich sehe dich.« Die weiche Stimme hinter ihr war ein Sopran, aber bei Weitem nicht hoch genug, um von einem Indowy zu stammen. Die blonde Einbrecherin fuhr herum und erstarrte mitten im Schlag, starrte ein schlankes Mädchen im Umhang einer Indowy-Mentat an, das sein braunes Haar in einem schmucklosen Knoten trug …

»Michelle?«, fragte Cally und blinzelte überrascht.

Da Cally offiziell seit über vierzig Jahren tot war, auch, soweit ihr das bewusst war, nach Kenntnis ihrer einzigen Schwester, war es für sie gelinde gesagt ein Schock, die Mentat vor sich zu sehen. Insbesondere mitten in einem Einsatz.

»Was zum Teufel machst du denn hier?«, zischte Cally. »Und diese Indowy-Begrüßung war wirklich äußerst geschmacklos, weißt du. ›Ich sehe dich‹ klingt, als würden wir Verstecken spielen.«

»Passt es jetzt schlecht?« Es klang, als wäre Michelle leicht beleidigt. Aber bei all der Würde, die sie ausstrahlte, war das nur schwer festzustellen.

»Verdammt, ja, es passt jetzt wirklich schlecht!«, zischte Cally. »Ich stecke hier mitten in einem Einsatz. Und würdest du bitte etwas leiser sein!« Obwohl von dieser Störung ein völlig surreales Gefühl ausging, konnte die leicht bekleidete Einbrecherin nicht umhin, den Anblick der Schwester, von der sie sich lange entfremdet hatte, förmlich in sich hineinzutrinken. »Augenblick mal – du wusstest, dass ich am Leben bin? Und wie zum Teufel bist du eigentlich hier reingekommen?«, fragte sie.

»Die physikalischen Grundsätze sind … recht kompliziert. Weißt du, Pardal wird recht verärgert sein, wenn er feststellt, dass die hier fehlen.«

»Zum Teufel mit Pardal. Mir persönlich würde es gar nichts ausmachen, den Dreckskerl ins Lintatai zu schicken. « Die Diebin steckte den Schraubenzieher in die winzige Öffnung des Scharniers.

»Schön, dann hör eben nicht auf mich«, seufzte Michelle, »aber mach es trotzdem anders. Auf die Weise brichst du das Scharnier ab. Jemand hat sich mit dieser Schublade ziemlich viel Mühe gegeben. Warum benutzt du nicht einfach den Freischaltcode des Herstellers?«

»Ach, ich weiß nicht. Vielleicht, weil der Code hundert willkürlich angeordnete galaktische Schriftzeichen umfasst? Wie meinst du das, es könnte abbrechen?«

»Das sind keine echten Scharniere. Die sind rein dekorativ. Und sie brechen leicht. Und außerdem sind sie alarmgesichert. Wenn du versuchst, sie zu entfernen, verriegelt sich der eigentliche Verschluss irgendwie dauerhaft. Außerdem sind die Codes nicht völlig willkürlich.« Sie rasselte eine Folge galaktischer Silben so schnell und zügig herunter, dass sich Callys Zunge dabei mitfühlend verkrampfte.

»Was? Nein, schon gut. Würdest du das bitte noch einmal wiederholen, nur langsamer?« Sie fummelte kurz an ihrem PDA herum. »Buckley, gib mir eine Galaktik-Tastatur und mach der Schublade weis, dass du ein AID bist.«

»Es wollte ihn mir sagen. Es mag mich.« Michelle wies mit einer fahrigen Handbewegung auf die Schublade und fing dann an, die Silben zu wiederholen, wobei sie nach jeder Fünfergruppe kurz innehielt.

»Die Tastatur ist ziemlich sinnlos, weißt du.« Das Buckley sagte das ganz beiläufig im Gesprächston und ließ Cally zusammenzucken, ebenso wie die Tatsache, dass es schon wieder redete. »Ich verstehe perfekt Galaktisch«, sagte es.

»Ich hab dir gesagt, du sollst still sein.«

»Ja, aber als du mich direkt angesprochen hast, habe ich angenommen, damit wäre die vorangegangene Anweisung aufgehoben.«

»Buckley, ist deine Emulation wieder einmal zu hoch eingestellt?«

»Natürlich nicht«, antwortete der PDA beleidigt, »und du solltest sie auch vor Ende des Einsatzes nicht neu einstellen. Du weißt ganz genau, dass der Einsatz ohne mich schiefgeht. Nicht dass er das nicht ohnehin tun würde.« Das klang recht selbstgefällig. Sie konnte es nicht leiden, wenn das Buckley selbstgefällig wurde. Jedes Mal, wenn es zu gut gelaunt war, hatte sie irgendwo Mist gebaut. Michelle war jetzt am Ende des langen Codes angelangt, und als das Buckley die letzten Zeichen eingegeben hatte, schob die Tür sich lautlos auf. Verdammt, die Scharniere waren tatsächlich bloß Fassade. Und die Innentür war massiver aus PlaStahl mit sehr teuren Subraumtraktionsschlössern. Wenn sie die ausgelöst hätte, wäre das ganze Ding zu einem einzigen Klumpen Material zusammengeschmolzen.

»Okay, vielen Dank, dass du mir dabei geholfen hast, da reinzukommen«, sagte Cally und vergewisserte sich, dass die Code-Schlüssel tatsächlich in dem Kabinett waren. »Und jetzt geh weg. Ich muss hier einen Abgang machen und möchte dabei nicht abgelenkt werden. Nett, mal mit dir zu reden. Auf ein anderes Mal.«

»Ich bin nicht bloß hergekommen, um an dir rumzumeckern. Das ist geschäftlich. Ich möchte dein Team für einen Einsatz engagieren. Seid ihr in drei Wochen und zwei Tagen frei?«

»Wenn das Honorar stimmt und es nicht unseren Kernzielen widerspricht, ja«, nickte Cally. »Aber wie gesagt, ich hab im Augenblick wenig Zeit, okay?«

»Sollte beides kein Problem sein. Wollen wir uns über die Vertragsbedingungen unterhalten?«

»Du meine Güte«, seufzte Cally. »Na schön. Soll mir recht sein. Wir sind teuer.«

»Das hatte ich mir gedacht«, erwiderte Michelle ruhig.

»Wenn du so wohlhabende Hinterleute hast, muss ich wissen, für wen du arbeitest«, sagte Cally.

»Es geht in erster Linie um eine persönliche Angelegenheit. Obwohl es natürlich im weiteren Sinne im Interesse von Clan O’Neal und allen Clans liegt.«

»Persönlich? Was verdienst du?«

»Eine ganze Menge, aber du meinst vermutlich Geld. Was immer ich verlange.«

»Wow«, machte Cally leise. »Dann willst du dich also auf die Seite der Guten stellen?«

»Da wir demselben Clan angehören, dachte ich, dass wir von Haus aus auf derselben Seite stehen. Und was das Übrige angeht, ist jetzt weder die Zeit noch der Ort für diese Diskussion.«

»Also, vielen Dank, dass du endlich mit mir einer Meinung bist!«, fauchte Cally. »Können wir uns morgen um sieben am Edisto Beach sehen? Ich mache nach dem Abendessen immer einen kleinen Spaziergang. Wir können unter vier Augen reden. Ich kann Granpa mitbringen. Du fehlst ihm wahrscheinlich genauso wie mir, und wir können dann alle Details klären.«

»Bitte, es wäre wirklich nicht angemessen, mein Clan-Oberhaupt zu bemühen, wo er doch im Augenblick über so gewichtige Grundsatzentscheidungen nachdenken muss. Ich würde es als persönlichen Gefallen betrachten, wenn du dich wirklich unter vier Augen mit mir treffen würdest, um die Verhandlung zu führen.« Sie verschwand, ohne ihrer Schwester Zeit zu einer Antwort zu lassen.

Und »verschwand« traf im wörtlichen Sinne zu. Gerade noch – Schwester – nächster Augenblick – Luft. Cally hatte genügend Erfahrung mit Hologrammen, um sich ziemlich sicher zu sein, dass sie es mit einem echten Menschen zu tun gehabt hatte. Sie hatte einen schwachen Parfümhauch wahrgenommen, etwas äußerst Leichtes. Und ihre Nase war empfindlich genug, dass sie auch schwachen Körpergeruch wahrgenommen hatte. Nichts Unangenehmes, einfach den Geruch, wie ihn alle Menschen absonderten. Spuren von Wärme, ein Atemhauch. Michelle hatte hier vor ihr gestanden, und jetzt war sie weg. Cally fuhr kurz vor sich mit der Hand durch die Luft und zuckte dann die Achseln. Sie hatte dafür jetzt keine Zeit.

Sie nahm die Code-Schlüssel heraus und verwahrte sie sorgfältig in ihrer Tasche, tauschte sie gegen die völlig gleich aussehenden, aber wertlosen Attrappen aus, die sie an ihrer Stelle in die Schublade legte. Jeder dieser für den einmaligen Gebrauch bestimmten Schlüssel würde, wenn man ihn in einen Nannitengenerator einstöpselte, dafür sorgen, dass dieser genügend frische Nanniten erzeugte, um damit den Sohontank eines Indowy-Werkers zu füllen. Bei den Darhel waren diese Schlüssel eine Art von Währung, Währung im Wert von Diamanten.

Die Nannitengeneratoren stellten das Fundament praktisch jeglicher galaktischen Technologie dar und wurden äußerst sorgfältig von den Tchpth hergestellt, und zwar mit mehreren Redundanzebenen, die die Gewähr dafür boten, dass eine Selbst-Replikation unmöglich war und die Schlüssel sich nach einmaliger Verwendung tatsächlich planmäßig selbst zerstörten. Die nur einmal verwendbaren Schlüsselcodes, die die Generatoren sicher aktivierten, wurden von den Darhel bei den Tchpth beschafft und bildeten für sie und die Indowy das gängige Tauschmedium für alle Bedürfnisse und Luxusgüter, die die galaktische Wirtschaft ausmachten. Sie waren zu nützlich, als dass man zulassen konnte, sie zu lange unbenutzt herumliegen zu lassen, und stellten die Basis sowohl der Entlohnung der Indowy-Werker wie auch der FedCred dar.

Zu einer Zeit, als die Menschen ihr Vieh noch mit in Stöcke geschnittenen Kerben zählten, hatte es bei den Darhel bereits seit tausend Jahren Aktuare gegeben. Sie kannten den Wert der Code-Schlüssel auf den Bruchteil genau und wussten im Detail, wo im Wirtschaftsgefüge der ganzen Galaxis die Nanniten flossen.

Sie waren es nicht gewöhnt, beraubt zu werden.

Cally kämpfte erfolgreich gegen die Versuchung an, vor sich hin zu summen, als sie den Knopf an der Innenseite der Tür drückte, um sie wieder zu schließen. Das komplizierte Schloss hatte wahrscheinlich aufgezeichnet, dass es mit einem Herstellercode geöffnet worden war, aber das würde das Rätsel für die Darhel nur noch schwerer lösbar machen. Sie hob eines der vielen Kissen etwas an und trat die leere Gasgranatenhülse darunter. Cally wollte, dass man sie fand, aber nicht gleich.

Ich habe keine Ahnung, was ich von all dem halten soll. Ich werde darüber nachdenken, sobald ich draußen bin. Eines nach dem anderen. Als sie zur Tür eilte, begann einer der Indowy sich zu regen. Die werden jetzt gleich wach sein. Wieder ein Blick auf die Uhr. Sie hatte die Schublade bloß zu schließen und kein Scharnier wieder anzubringen brauchen. Und damit Zeit gespart. Gut.

Nachdem sie die Suite des Darhel verlassen hatte, war es ein Leichtes hinauszukommen. Sie brauchte bloß mit dem Aufzug in den ersten Stock hinunterzufahren und sich dann plaudernd den Weg durch die Party zu bahnen. So wie das in der Regel der Fall war, gab man sich wesentlich mehr Mühe, Unbefugte draußen zu halten als dafür zu sorgen, dass Leute nicht mehr hinauskonnten.

Die Party war eine jener schillernden Veranstaltungen, wie sie damals im Zwanzigsten Jahrhundert die Mächtigen aus Politik und Wirtschaft so gern besucht hatten. Damals wären Diplomaten, Politiker, Bürokraten aus den oberen Rängen und der eine oder andere Promi oder Industrielle unter den Teilnehmern gewesen. Auch bei dieser Party gab es die Großen und die Mächtigen, aber wenn auch einige Teilnehmer offiziell Diplomaten waren, so vertraten sie in Wirklichkeit doch die Interessen des einen oder anderen Darhel-Konglomerats. Vielleicht gab es dabei ein paar mehr Promis als früher, wenn man einmal von Wohltätigkeitsveranstaltungen absah. Wie es in der ganzen menschlichen Geschichte schon immer der Fall gewesen war, traten sie stets in Scharen auf, wenn sie eine Chance witterten, irgendwo Patronage zu finden. Man konnte den Darhel alles Mögliche nachsagen, aber dumm waren sie ganz sicherlich nicht und wussten deshalb sehr wohl, wie wertvoll gute Public Relations waren. Die Menschen im Entertainment Business wussten, was ein FedCred wert war. Geschäftlich funktionierte das in der Regel recht gut. Im Showbusiness fielen Leute, die das nicht glaubten, durch ihre Abwesenheit auf.

Wow, das ist das erste Mal, dass ich im wirklichen Leben einen Champagner-Springbrunnen erlebe. Raffiniert. Brillantschmuck und Goldlamé hatten so etwas wie eine Renaissance erlebt, überall im Saal standen Topfpflanzen und sonstige Blumengebinde herum. Schwebende, wie Irrlichter wirkende Lichtquellen ließen den Ballsaal wirken, als hätte ein begnadeter Bühnenbildner versucht, den Sommernachtstraum in materialistischer Manier neu zu interpretieren.

Cally zuckte die Achseln. Sie war Realistin. Solange ein Kollaborateur nicht tatsächlich den Tod unschuldiger Menschen verschuldete, musste er sich schon einer recht schweren Verfehlung schuldig machen, um ihre professionelle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Und ihren Einsatz an diesem Abend betrachtete sie nicht als professionelle Aktion. Sie zum Stehlen auszusenden war etwa so, als würde man einen Anwalt damit beauftragen, die Büroabfälle wegzubringen. Wenn sein Auftraggeber einen um so etwas bat, das Geld knapp war und man die Zeit von seiner eigentlichen Arbeit erübrigen konnte, dann tat man das eben. Aber ihre echte Aufgabe war das wie gesagt nicht. Cally O’Neals echte Aufgabe bestand darin, Menschen zu töten. Und früher einmal hatte sie geglaubt, dass ihr das überhaupt nichts ausmache. Jetzt wusste sie manchmal, dass es das sehr wohl tat. Und das war besser so.

Während sie sich zwischen einer recht übergewichtigen Matrone und einer ziemlich verrunzelten Dame durchwand, registrierte Cally, ob sie es nun wollte oder nicht, wie schlecht doch so manche Verjüngungsprozedur funktionierte, wenn man nicht die richtigen Mittel einsetzte. Okay, es gibt Schlimmeres als Rückenschmerzen und Blusen, die an den Knöpfen klaffen.

»… und mein Psychiater hat gesagt, ich solle mir keine Sorgen machen. Martin macht eben gerade so etwas wie seine dritte Kindheit durch, und ich habe gesagt, ich hätte schon beim ersten Mal von diesem albernen Midlife-Crisis Scheiß genug gehabt und da …«

Es gibt wirklich Schlimmeres. Sie schnappte sich ein Glas von einem Tablett, das ein glatzköpfiger Mann Mitte vierzig in einem schlecht sitzenden Smoking an ihr vorbeitrug. Und dazu gehört auch ein armseliger Job wie Kellner für solche Mistkerle. Sie zuckte zusammen, als sie eine vorwitzige Hand am Hintern spürte, und sah sich um, wo gerade ein mit einem Smoking bekleideter Mann, der wie ein siebzehnjähriger Computer-Freak aussah, mit seiner matronenhaften Frau am Arm in der Menge untertauchte. Wer sagt’s denn.

Eine überschlanke Angehörige der Schickeria mit den glatten Gesichtszügen, wie man sie mit der guten altmodischen Schönheitschirurgie erzielen kann, griff nach ihrem Arm. Cally unterdrückte ihre Reflexe und strahlte die Frau mit einem höflichen, aber blendenden Lächeln an.

»Gail? Bist du das? Dabei haben alle gesagt, du würdest in frühestens zwei Wochen zurückkommen. Du siehst ja wirklich umwerfend aus.« Die Frau redete auf sie ein und ließ ihr keine Zeit, Antwort zu geben. »Wer hat dir denn die gemacht, du böses Mädchen du. Du meine Güte, die sind ehrlich klasse! Ein bisschen zu üppig vielleicht, aber du warst ja nie besonders schüchtern, oder?«

»Oh, freut mich wirklich, dich zu sehen!«, tönte Cally mit vergnügtem Chicagoer Akzent und las der Frau von den Augen ab, wie beschickert sie vermutlich war, dass sie nicht einmal bemerkte, dass Cally nicht diese »Gail« war, wer auch immer sie sein mochte.

»Du großer Gott, ich hätte dich fast nicht erkannt, aber ich hab schon auf der anderen Seite des Saals gesagt, es gibt einfach keine zwei Mädchen mit einem solchen Gang. Blond steht dir wirklich. Ein wenig überholt vielleicht.« Sie zupfte sich die eigenen modisch braun gefärbten Locken zurecht. »Aber ich hab ja immer gesagt, man sollte das tragen, was gut an einem aussieht, und zum Teufel mit Kleinigkeiten wie Mode. Ich bin dafür nur nie mutig genug. Jedenfalls siehst du klasse aus! Oh, ist das Lucienne Taylor-Jones? Ich muss einfach mit ihr reden! Küsschen, Küsschen, ich muss weiter!« Die Frau schwankte in Richtung auf eine wie eine Achtzehnjährige aussehende Grande Dame in roter Seide am Arm eines scheinbar sechzehnjährigen uniformierten Mannes mit zwei Sternen am Kragen davon.

Cally schnitt ihrer »Freundin«, ohne dass diese es sehen konnte, eine Grimasse. Solche gibt’s immer. Aber auf die Weise kommt man leichter zur Tür.

Eine weitere Frauenhand mit neonblau-weiß gestreift lackierten Fingernägeln lag locker auf ihrem Arm, während sie sich schräg auf die Tür zu arbeitete. »Ein wunderschönes Kleid, Darling. Es erinnert mich an etwas aus der Herbstkollektion von Giori. Haben Sie zufällig entdeckt, wo die die Damentoilette versteckt haben?«

Das hatte Cally nicht, aber sie hatte sehr wohl den Bauplan strategischer Teile des Hotels ihrem Gedächtnis eingeprägt. »Dort drüben, hinter der Birdwell-Skulptur.« Sie deutete durch den Saal auf ein farbenprächtiges Gebilde aus GalPlas und kobaltblauem Glas, das offenbar einen Shaker Sessel mit einem darüber drapierten Schleier darstellen sollte.

»Ah ja, jetzt sehe ich das Zeichen. Guter Blick für Kunst übrigens, und vielen Dank.« Die Frau ließ sie los und eilte, so schnell die dichte Menge es zuließ, davon.

Als eine Bedienung in einem für ihre Hüften eine Spur zu engen Smoking vorbeikam, leerte Cally ihr Champagnerglas und stellte das leere Glas auf das Tablett der Frau. Dann kam sie an einem Tablett mit Oysters Rockefeller vorbei und konnte, Einsatz hin oder her, einfach der Versuchung nicht widerstehen, sich davon zwei zu nehmen. Drei wären aufgefallen. Nicht, dass sie nicht ohnehin aufgefallen wäre. Sie konnte die Männeraugen auf – nun ja, auf so ziemlich allem spüren. Im Augenblick waren offenbar wohl gerundete Hinterteile in Mode, was irgendeinem Starlet zuzuschreiben war. Und der weibliche Captain, in dessen Rolle sie geschlüpft war, als die Platte verschwand, hatte auch nicht gerade eine Wespentaille gehabt. In dem kleinen Schwarzen, das sie sich aus dem Fundus geholt hatte, war das nicht zu übersehen. Verdammt auffällige Plattenarbeit. Sie schob sich an einem Typen mit einem Kirk-Douglas-Kinn und einem Martini vorbei, der sich eine Winzigkeit bewegte und ihr damit zu nahe kam, und widerstand der Versuchung, ihn mit einem ihrer spitzen Absätze daran zu erinnern, dass das nicht gerade gute Manieren waren. Dass das letzte Wochenende, das sie sich mit Stewart abgestohlen hatte – sie begriff immer noch nicht, weshalb er darauf bestand, einen Namen zu benutzen, der ursprünglich ein Deckname gewesen war und mit seinem jetzigen Namen überhaupt nichts zu tun hatte –, lag jetzt verdammt lange zurück, volle sechs Monate. Unter Berücksichtigung dieser Tatsache und dem Hormonschwall, den die Verjüngung mit sich gebracht hatte – irgendjemand musste das für witzig gehalten haben –, fing sie an, ziemlich eklig zu werden. Nun ja, damals hatte eine geheime Ehe irgendwie romantisch geklungen.

Sie gab sich alle Mühe, nicht erleichtert aufzuseufzen, als sie schließlich die Tür erreicht hatte, nickte dort dem Türsteher zu, während sie sich an einem Pärchen vorbeischob, das seine Einladungen zeigte, und verließ das Gebäude durch einen Notausgang. Sie hielt sich ihren PDA ans Ohr, tat so, als würde sie eine VoiceMail an jemanden diktieren, und bog um die Ecke, ehe sie ihr Buckley anwies, das Team zu rufen.

Ein paar Augenblicke später rollte eine antike Limousine heran, und die hintere Tür ging auf. Sie stieg ein, schlüpfte voll Dankbarkeit sofort aus ihren Stilettos und massierte sich die schmerzenden Füße. Die Glasscheibe zwischen dem Fahrersitz und dem Passagierabteil senkte sich langsam. Ein Mann in grün-schwarzer Chauffeursuniform, die einen hübschen Kontrast zu seinem gegelten roten Haar bildete, sah in den Rückspiegel und suchte ihren Blick. Die leichte Ausbuchtung in seiner Wange und der schwache, aber unverkennbare Hauch von Red-Man-Kautabak passten nicht zu einem Chauffeur, überraschte sie aber nicht im Geringsten.

Die zwei anderen Männer im Wagen hätten nicht unterschiedlicher aussehen können, wenn sie sich noch so große Mühe gegeben hätten. Harrison Schmidt sah selbst, wenn es ihm noch so schlecht ging, einfach für einen Feldagenten zu gut aus. Mit der richtigen Kleidung, die seine knochige Gestalt etwas fülliger wirken ließ, und mit dem richtigen Make-up konnte er für so ziemlich jede Rolle unauffällig genug wirken. Sie gaben sich alle Mühe, ihn davon abzuhalten, weil sein angeborenes Flair für die Schauspielerei gewöhnlich mit ihm durchging, wenn er sich nicht konzentrierte. Er weigerte sich schlicht, jemanden an seine goldbraune Mähne zu lassen, die jeden Holostar vor Neid hätte sterben lassen. Aber sein Talent, buchstäblich alles, was sie brauchten, entweder zu besorgen oder selbst zu machen, ganz gleich unter welch widrigen Umständen, machte ihn einfach zu einem wertvollen Mitglied des Teams.

»Jetzt sag bloß nicht, dass du mit der Frisur dort reingegangen bist!«, sagte ihr Fixer.

»Was ist an meiner Frisur auszusetzen?« Cally griff sich ins Haar und sah sich nach einem Make-up-Spiegel um.

»Nichts, wenn man kaputte Haarspitzen mag. Und beim Waschen solltest du wirklich ein wenig Mousse einmassieren, solange es noch feucht ist. Und einmal im Monat einen heißen Öl-Conditioner. Mein Friseur hat eine Kräuterglanzspülung, die Wunder wirkt. Das brauchst du, Süße. Und wenn es sich vermeiden lässt, solltest du bei der jetzigen Farbe bleiben, bis sie genügend ausgewachsen ist, und dann das beschädigte Haar abschneiden.« Er schnippte sich ein nahezu unsichtbares Stäubchen von seinem makellosen anthrazitfarbenen Sweater.

»Das ist meine natürliche Haarfarbe. Na ja, jetzt jedenfalls«, sagte sie.

»Nein, meine Liebe, dein Haar ist gebleicht und anschließend auf die natürliche Farbe gefärbt. Das ist keineswegs dasselbe. Als du aus dem Urlaub zurückkamst, war es noch frisch und gar nicht so schlecht, aber die viele Chemie über all die Jahre hat ihren Preis gefordert. Honey, du musst dich einfach besser pflegen, wenn du bei solchen Partys nicht auffallen willst.«

Tommy Sunday hustete in die vorgehaltene Hand und sah Harrison an.

»Mann, du bist ja blind. Cally, hör nicht auf ihn. Du siehst wie immer klasse aus, okay?«

Tommy Sunday war ein Hüne von einem Mann. Man hatte das Gefühl, er würde den hinteren Teil der Limousine ganz alleine ausfüllen. Sein Haar war so dunkel, dass es praktisch schwarz war. In früheren Zeiten wäre er als Verteidiger eines Profi-Football-Teams nicht aufgefallen. Sein Vater hatte auch tatsächlich gespielt. Das war einer der Gründe, weshalb Tommy ein so überzeugter Baseball-Fan war. Oh, er hatte schon lange seinen Frieden mit der Erinnerung an seinen Vater geschlossen, aber die Liebe zum Baseball war ihm geblieben. Cally war überzeugt, dass Sunday sich nichts sehnlicher wünschte, als so schnell wie möglich auf den Stützpunkt zurückzukehren, und zwar ausschließlich aus Professionalität und ganz sicherlich nicht, weil in einer halben Stunde das dritte Spiel der World Series begann. Nach ihrer persönlichen Ansicht hatte sich Football total verändert, seit man Larry Kruetz erlaubt hatte, Baseballwetten einzuführen. Zwar konnten sie nur bei Spielen in der anderen Liga Unregelmäßigkeiten beweisen, aber Cally hatte den Verdacht, dass die Milde des Kommissars mehr damit zu tun hatte, dass die Rintargruppe die Mehrheit an den St. Paul Mavericks besaß.

»Also, wenn wir uns jetzt mit dem Abschlussbericht beeilen, kommen wir umso schneller nach Hause. Alles ist doch richtig gelaufen, oder?«

»Ich habe die Schlüssel, wenn du das meinst. Und eine Anbahnung für einen neuen Job. Hey, wo sind meine Sachen? «, fragte Cally.

»Was? Wie wär’s mit einem detaillierten Bericht«, sagte Papa O’Neal und warf ihr im Rückspiegel einen finsteren Blick zu.

»Deine andere Enkeltochter lässt grüßen«, log Cally. Das entsprach zwar nicht der Wahrheit, aber Michelle hätte das sicherlich getan, wenn sie mehr Zeit gehabt hätte. Oder zumindest ihr Indowy-Faksimile. Um Callys Mundwinkel zuckte es. In vieler Hinsicht war der Umgang mit von Indowy aufgezogenen Menschen problematischer als mit irgendeiner der anderen Alienrassen. Von den Galaktern erwartete man, dass sie Aliens waren. Und die Indowyzöglinge erkannte man immer auf den ersten Blick. Entweder trugen sie wallende Roben wie Michelle oder Straßenkleidung in einem ganz bestimmten Grün, wie kein anderer Mensch sie je tragen würde. Eigentlich erstaunlich, dass sie keinen Stoff mit aktivem Chlorophyll entwickelt hatten.

»Michelle? Michelle dort?« Er drehte den Kopf halb herum, sah aber dann wieder nach vorne, als er spürte, wie der Wagen ins Schlingern kam.

»Ja. Anscheinend ist sie dahintergekommen, wie man rumkommt, ohne den Raum zwischen zwei Orten zu durchqueren«, antwortete Cally trocken. »Sie ist vor mir weggegangen. Genauer gesagt, sie ist verschwunden. Entweder ein ausnehmend guter Tarnumhang oder eine Art Teleportation. «

»Du machst dich doch über uns lustig«, sagte Tommy und schüttelte den Kopf. »Sag mir, dass du dich über uns lustig machst.«

»Was wollte sie denn? Ich meine, es muss wohl etwas Wichtiges gewesen sein, dass sie sich nach so langer Zeit aus ihrer Tarnung gewagt hat?«, wollte Papa wissen. Er wirkte überrascht und leicht verwirrt. Kein Wunder. Das war der erste persönliche Kontakt mit Michelle, seit sie »gestorben waren«. Seine sonstigen Gefühle waren seinen Gesichtszügen nicht abzulesen. Zum Teufel auch, sie hatte genügend Probleme, die eigenen auseinanderzusortieren.

»Sie möchte uns engagieren. Wofür weiß ich nicht. Sie will sich morgen mit mir treffen. Wusstest du, dass sie anscheinend reich wie Krösus ist?«

»Was? Sie will uns persönlich engagieren? Zum Teufel damit. Wie geht es ihr?«, fragte Granpa.

»Sie ist … sehr Indowy. Aber sie wirkt durchaus gesund und so. Sollte nach meiner Ansicht etwas mehr essen. Sie trug eine Mentat-Robe, wie immer.« Sie hatten jedes Jahr über Indowy Gewährsleute ein Hologramm bekommen, bis zu der Trennung vor sieben Jahren. Seitdem war eher alle zwei oder drei Jahre ein Hologramm gekommen, jedes Mal, wenn die O’Neal-Bane-Sidhe – der neue Name machte ihr immer noch Schwierigkeiten – bei irgendeinem anderen Auftrag jemanden nahe genug an sie heranbringen konnten, um ein Bild zu bekommen. Aber eigentlich hatte es nichts zu sagen. Sie konnten ebenso gut die alten Hologramme abspielen. Michelle veränderte sich nie.

»Meine Sachen?«, erinnerte sie Harrison erneut.

»Das Zeug ist alles im Kofferraum«, sagte Tommy.

»Aber du hast doch meine Schuhe rausgeholt, ja?« Sie ließ die Stilettos vor ihm baumeln. Ihr Blick sprach Bände.

»Äh …« Tommy zögerte. Seine Erfahrung mit Frauen, die unter unbequemen Schuhen litten, hatte ihn gelehrt, dass es in dieser Situation immer gut war, möglichst weit weg zu sein. Frauen kamen immer am besten mit hübschen Schuhen zurecht, wenn sie sie nur lange genug trugen, um sie wieder auszuziehen – oder zumindest nicht lange mit ihnen gehen mussten.

»Tut mir leid, Liebes. Habe ich vergessen. Ich habe immer ein wenig Schwierigkeiten mit dem Gravgürtel.« Harrison sah so aus, als würde es ihm wirklich leidtun.

»Du hättest sie überhaupt nicht zu tragen brauchen, wenn du auf demselben Weg wieder rausgegangen wärst, auf dem du reingegangen bist«, moserte Papa O’Neal.

»Ich hab dir schon gesagt, Granpa, ich habe das verdammte Ding bis auf die Spitze von diesem verdammten Bau geflogen und wollte mich nicht darauf verlassen, dass es nicht den Geist aufgibt. Solange ich die geringste Wahl hatte, wollte ich das nicht zweimal riskieren. Welcher Schwachkopf ist je auf die Idee gekommen, dass es Sinn macht, an einem albernen Gürtel hängend rumzufliegen?« Sie musterte die pink glänzenden Nägel an einer Hand. »Außerdem weißt du ganz genau, dass ich keine Höhen mag.«

»Die einzigen Unfälle beim Fliegen waren entweder auf Sabotage zurückzuführen oder auf einen direkten Treffer im Gefecht.« Ihr Großvater zuckte die Achseln, offensichtlich, weil er klug genug war, nicht mehr zu dem Thema zu sagen.

Cally betrachtete es als hohes Maß an Loyalität für ihre Organisation und ihre Aufgabe, dass sie sich überhaupt zu diesem Einsatz hatte überreden lassen. Nie wieder. Und es war höchste Zeit, an etwas anderes zu denken, irgendetwas anderes.

»Entschuldigung, Leute. Ich muss mich melden, sonst werden Morgan und Sinda böse.« Sie sah auf ihren PDA und wollte wählen, aber das Telefon am anderen Ende klingelte bereits und erinnerte sie daran, dass sie das Intelligenz-Emulationsniveau des Buckley wirklich herunterschalten musste, ehe das Ding sich selbst zum Absturz brachte.

»Buckley, du hast doch nicht direkt durchgerufen, oder?«, fragte sie.

»Du hältst mich wohl für blöd, was? Nein, wenn die uns alle erwischen und umbringen, dann wird das nicht meine Schuld sein. Darf ich dir einen Überblick über unsere augenblicklichen taktischen Gefahrenpunkte liefern?«

»Halt die Klappe, Buckley.«

»Ri…« Es verstummte, als jemand Hunderte von Kilometern entfernt abhob.

»Hallo?«, meldete sich eine weiche Frauenstimme. Cally staunte immer noch, dass die Stimme kein bisschen gehetzt klang.

»Hi, Shari. Ich bin für heute Abend fertig und dachte, ich sollte mich mal melden. Was machen die Mädchen?«

»Sinda schläft tief. Der Tanzunterricht bei Tante Margret hat sie wirklich fertig gemacht. Morgan ist fast mit ihren Hausarbeiten fertig, ich hole sie.«

Sieben Minuten später bog die Limousine in den Parkplatz eines Oldtimer-Händlers ein und hielt im hinteren Bereich an. Die vier Insassen stiegen aus, betraten das Gebäude und nahmen dort den versteckten Fahrstuhl hinter der Besenkammer in den Tunnel. In dem kleinen Vorraum unten hängten sie ihre Kleider sorgfältig auf die Bügel für die Reinigung und verstauten ihre Schuhe und ihr Gerät. Reinigung war inzwischen kein Euphemismus für vorsorgliche Vernichtung mehr – jedenfalls nicht immer. Inzwischen wurden die Klamotten nur sauber gemacht und so häufig wie möglich wiederverwendet. Das war nicht übermäßig sicher, aber das, was sie taten, war das ja auch nicht. Cally stopfte die kleine Abendtasche in die Innentasche eines bereits vorbereiteten größeren Beutels.

Cally und Harrison hatten den Make-up-Tisch ein paar Minuten für sich allein, während Tommy die vorgeschriebenen Abschlusschecks und Downloads vornahm, das Überwachungsgerät säuberte und Papa den Abschlussbericht in seinen PDA diktierte. Als sie damit fertig waren, um ihrerseits an den Make-up-Tisch zu gehen, waren Cally und Harrison fertig. Sie lächelte dankbar, als er sie zu einem Hocker winkte und sich daranmachte, ihren Hals und ihre Schultern zu bearbeiten. Ein Diplom in Massagetherapie gehörte nicht zu den vorgeschriebenen Voraussetzungen für Mitglieder von Einsatzteams. Dabei wäre das durchaus nützlich gewesen, und Cally war persönlich sehr dankbar dafür, dass das Losglück Harrison für den Außeneinsatz verfügbar gemacht hatte, als Granpa dabei war, die Lücken im Team zu füllen, die ihr Urlaub und Jays früher Abgang hinterlassen hatten.

Sie wusste sehr wohl, dass das restliche Team zwar froh war, sie wieder bei sich zu haben, George Schmidt aber trotzdem immer noch vermisste. Sie konnte das verstehen. George war ein verdammt guter Attentäter und Feldagent. Im Gegensatz zu seinem extravaganteren Bruder fiel er in einer Menschenmenge überhaupt nicht auf, sei es, dass er die Rolle eines etwas kleinwüchsigen, nichtssagenden Mannes oder, wenn er das wollte, die eines Teenagers spielte. Für ihn war es wichtig gewesen, einem Arbeitsteam anzugehören und die Kameradschaft zu verspüren, die von dem Team ausging, um über den Schmerz hinwegzukommen, als er seinen Schwiegervater an den Feind verloren hatte und nur wenige Monate später seine Frau an einer schweren Infektion gestorben war. Alle waren sich einig, dass das Leid sie geschwächt hatte. Die O’Neal-Bane-Sidhe hatte damals kurz nach ihrer organisatorischen Trennung von fast allen Indowy und anderen Galaktern auf recht unangenehme Weise erkennen müssen, wie wichtig die Platte doch für ihre medizinische Versorgung gewesen war. Sherry Schmidt war eines der ersten Opfer dieses Verlustes gewesen.

Für George war es gut gewesen, dass Harrison ihm dabei geholfen hatte, seinen Zorn zu überwinden, in einer Situation, wo man sich nach nichts anderem als Rache sehnte und am liebsten jeden einzelnen Feind getötet hätte, der Mitschuld an seinem persönlichen Verlust hatte. Als berufsmäßiger Attentäter konnte man nicht ständig neutral und unpersönlich bleiben und sich seinen Verstand bewahren, aber man durfte die Dinge auch nicht zu nahe an sich herankommen lassen. Es war, als würde man sich die ganze Zeit auf dem schmalen Grat einer Rasierklinge bewegen und dabei schreckliche Gefahren und Risiken auf sich nehmen. Nicht viele Leute waren dazu imstande. Cally selbst war nie ganz dahinter gekommen, ob sie es ungeheurem Glück oder ebenso großem Unglück zuzuschreiben hatte, dass sie das konnte.

In stummer Übereinkunft ließen sie Tommy und Papa als Erste weggehen. Harrison interessierte sich nicht für Baseball, und sie hätte ohnehin nicht bleiben können, um sich das Spiel anzusehen. Siebzehn Minuten, nachdem sie weggegangen waren, schob sie sich hinter das Steuer ihres uralten Mustang. Zu den Dingen, die sie an Harrison besonders zu schätzen wusste, gehörte, dass er Verständnis dafür hatte, wenn sie hie und da ihren eigenen Wagen fahren musste. Als begnadeter Mechaniker hatte er den Wagen restauriert, verbessert und sorgfältig getunt, sodass er über mehr Leistung als die meisten Polizeifahrzeuge, dafür aber über künstlerische Klappergeräusche verfügte. Dass gelegentlich Rauch aus dem Auspuff quoll und – nicht den Tatsachen gemäß – darauf hindeutete, dass bald neue Kolbenringe fällig sein würden, war die perfekte Tarnung. Das Allerbeste war, dass sie die Spezialeffekte abschalten und ihrem Baby auf freier Strecke die Zügel schießen und auf das gleichmäßige Summen des Motors lauschen konnte. Sehr oft kam sie nicht dazu, dafür gab es zu viel zu tun. Trotzdem konnte sie jetzt die Energie unter ihrem rechten Fuß spüren, und das würde für den Augenblick reichen müssen. Sie fuhren stumm aus der Stadt hinaus und sahen zu, wie die Sterne herauskamen, als sie den städtischen Smog hinter sich gelassen hatten. In Indiana bog sie zwischen zwei Maisfeldern in einen Feldweg und folgte diesem bis zur Hinterseite eines Getreidesilos, wo sie auf den Knopf des Garagenöffners drückte und den Wagen in den Fahrzeugaufzug steuerte.

Unter der Erde – weit unter der Erde – parkte sie den Mustang an dem für sie reservierten Platz. Einer der Vorteile der Trennung lag darin, dass sie jetzt genügend Parkplätze hatten. Sie winkte Harrison nach, der irgendwelche eigenen Pläne für den Abend hatte, und machte sich selbst auf den Weg, die abendliche Beute abzuliefern.

Die Basis zeigte keine Spur der Graffiti und des Vandalismus, der eine so große Zahl der diversen SubUrbs zierte und datierte. Trotzdem, ob es nun an der stickigen Luft lag oder an den dunklen Streifen in den Ecken, wo der Staub sich sammelte, und wenn man sich noch so viel Mühe mit dem Saubermachen gab – der ganze Ort wirkte irgendwie alt. Nach sieben Jahren kam ihr alles immer noch so leer vor, dass sie beinahe damit rechnete, ein Echo zu hören. Nicht, dass ihre schwarzen Tennisschuhe ein Echo hervorgerufen hätten. Während sie vom Südaufzug zum Verwaltungskorridor ging, stellte sie fest, dass wieder einmal jemand seiner Kreativität mit GalPlas freien Lauf gelassen hatte. Es sah gar nicht schlecht aus – eine recht interessante Kreuzung zwischen keltischen Knoten und einem frühen Schaltkreis. Und die vermutlich von Kindern stammenden Wandmalereien, die Indowy bei ihren täglichen Aufgaben zeigten, waren auch ganz gut. Sie hätte sich nur gewünscht, dass die Künstler nicht ausgerechnet einen braunroten Hintergrund gewählt hätten.

Die Indowy, denen sie unterwegs begegnete, kannte sie alle namentlich. Nach all der Zeit, die inzwischen vergangen war, bewegten sie sich auf den Korridoren, wann immer möglich, in Paaren oder Triaden. Man hatte ihr erklärt, das helfe ihnen gegen ihre Platzangst. Ursprünglich war davon die Rede gewesen, in der Basis Brutgruppen einzurichten, aber dazu war es aus irgendeinem Indowygrund, den ihr niemand näher erklärt hatte, nie gekommen. Später vielleicht. Sie wusste nicht, warum es so war, und hatte immer das Gefühl gehabt, es wäre unhöflich, sich näher zu erkundigen. Stattdessen kamen ein- oder zweimal im Jahr, wenn ein Scoutschiff der Himmit durchkam, Leute von Aelool herein, oder auch zwei oder drei vom Clan Beilil.

Die anderen Agenten hatten irgendwie mehr Zeit gehabt, sich an die geänderten Verhältnisse anzupassen. Da Cally den größten Teil der letzten sieben Jahre nicht auf der Basis, sondern zu Hause mit den Mädchen verbracht hatte, erschreckte es sie jedes Mal aufs Neue, wie leer doch der zentrale Bane-Sidhe-Stützpunkt auf der Erde seit der Trennung war. Die Trennung nicht persönlich zu nehmen fiel schwer, wo sie doch immer mitten in dem ganzen Durcheinander gesteckt hatte.

Zuerst ihre Entscheidung, den verräterischen Colonel Petane zu töten, der einen Teil der Verantwortung für den Tod eines Bane-Sidhe-Teams trug, das ihr das Leben gerettet hatte. Sie hatte ihn nicht nur ohne Anweisung getötet, sondern auch nachdem die Führung der Bane Sidhe, der ganzen Bane Sidhe, sich beträchtliche Mühe gegeben hatte, ihr und Granpa vorzugaukeln, dass er bereits tot wäre. Sie waren der Ansicht gewesen, Petane sei für ihren Nachrichtendienst wichtig, und hatten diese Entscheidung auch nicht revidiert, nachdem sich herausgestellt hatte, dass er im Grunde völlig wertlos war. Im Rückblick war sie ebenfalls überzeugt, dass er nicht bloß ein scheiß Verräter, sondern auch ein harmloser Trottel gewesen war. Es hätte wirklich nichts ausgemacht, ihn am Leben zu lassen. Damals freilich war sie wütend über das Täuschungsmanöver gewesen, das sie und Granpa der Chance beraubt hatte, sich mit eigenen Argumenten an der Entscheidung zu beteiligen.

Unter den Indowy hatten sich damals schon eine ganze Weile Spannungen aufgebaut, unterschiedliche Ansichten darüber, wie sich ihre Beziehungen zur Menschheit gestalten sollten oder ob sie überhaupt Beziehungen mit einer Spezies von Fleischfressern haben wollten, die nicht nur imstande waren, andere Vernunftwesen zu töten, sondern diese Abscheulichkeit sogar praktizierten. Und ihre Tat hatte den Anstoß dazu gegeben, dass diese Spannungen schließlich zu einem Ergebnis geführt hatten. Clan Aelool und Clan Beilil hatten ausgeprägte und frische Erfahrungen mit extremer, den ganzen Clan betreffender Blutschuld. In beiden Fällen war es um Ehrenschuld und um Rache gegangen. Clan Roolnai und die übrigen Clans hatten die Tötung Petanes als eine gefährliche Wiederholung von Granpas Tötung von jemand auf seiner persönlichen Racheliste in Vietnam betrachtet und somit als ein Anzeichen für die fundamentale, mörderische Instabilität der Menschheit. Aelool und Beilil hatten sich der Ansicht angeschlossen, dass Team Conyers mit der Rettung von Michael O’Neal senior das Oberhaupt von Clan O’Neal gerettet hatte, den O’Neal selbst. Und damit hatte die Blutschuld gegenüber Team Conyers wesentlich größere Bedeutung. Und Petanes Überleben zu leugnen – und ihn somit zu tarnen und zu schützen – war ein Vergehen gegen den ganzen Clan O’Neal. Aelool und Beilil, Opfer der schlimmsten Massaker auf Diess, hatten dieses Vergehen als besonders ausgeprägte Belastung empfunden und sich wegen der Heldentaten von Callys Vater auf Diess gegenüber Clan O’Neal in besonders tiefer Schuld gefühlt. Und deshalb hatten sie nach ausführlichen internen Diskussionen für sich die Entscheidung getroffen, dass Cally für Clan O’Neal gehandelt und damit eine Schuld getilgt hatte, in der der Clan gegenüber Team Conyers stand.

Das Indowy-Loyalitätskonzept, das sich Loolnieth nannte, ließ sich nicht ohne weiteres ins Englische oder irgendeine andere menschliche Sprache übersetzen. Aus der Sicht des Clans reichte die Loyalität über die ganze Befehlskette nach oben. Die Vorstellung, es könne auch eine Loyalität geben, die nach unten bis zum einzelnen Individuum reichte, war nach den Begriffen der Indowy gefährlich und grenzte an Geistesgestörtheit. Aus Indowy-Sicht war das durchaus vernünftig. Es gab eine überwältigende Zahl von Individuen und nur wenige Clans. Der einzige Schutz, den die riesige Mehrheit der Individuen für ihre Sicherheit und die ihrer Nachkommen hatte, war die Sicherheit des Clans als Ganzem. Im Übrigen schlossen die Brutgruppen der Indowy alles aus, was dem Begriff der menschlichen Kernfamilie nahekam.

Eine weitere Facette der Trennung war gewesen, dass der Indowy Aelool von allen Angehörigen seines Volkes die Menschheit als Spezies wahrscheinlich mit Abstand am besten verstand. Zumindest ansatzweise konnte er begreifen, weshalb die Fortpflanzungsmuster der Menschen diktierten, dass eine Loyalität, die nicht wenigstens teilweise auch nach unten und nicht nur ausschließlich nach oben reichte, für jeden Stamm, der sie anwandte, katastrophal war. Er begriff, weshalb eine aus der Sicht seiner Spezies verrückte gesellschaftliche Konvention für die Menschheit nicht nur das exakte Gegenteil von verrückt, sonder einfach notwendig war, besonders für ihre überwiegend überlebensfähigen Varianten. Mit diesem Verständnis stellte er in seiner Spezies ebenso eine Ausnahme dar, wie umgekehrt Menschen, die echtes Verständnis dafür aufbrachten, weshalb Loolnieth bei den Indowy funktionierte – eben für Indowy. Dabei handelte es sich nicht, wie manche in der Cyberpunk-Gruppierung annahmen, um eine korrupte und ehrlose Reaktion auf die Unterdrückung durch die Darhel. Es war keineswegs so, als würden einige Indowy andere dem Tiger zum Fraß vorwerfen, in der Hoffnung, deshalb vom Tiger selbst als Letzte gefressen zu werden. Vielmehr war es einfach nur ein weiteres Beispiel für die Binsenwahrheit, dass Aliens eben Aliens sind.

Im Rückblick musste Cally einräumen, dass das mangelhafte Verständnis der Menschen für die Indowy ebenso ein Grund für die Aufspaltung der Bane Sidhe in traditionelle Bane Sidhe und O’Neal-Bane-Sidhe war, wie das auch umgekehrt galt. Auf perverse Weise fühlte sie sich bei dieser Erkenntnis wohler. Was auch immer sie sonst getan haben mochte, sie jedenfalls hatte keine Schuld daran, dass die meisten Menschen die Indowy nicht begriffen.

Der letzte Bruch, der Bruch, der dazu geführt hatte, dass die anderen Clans mitsamt ihren Delegationen die Erde verlassen und dadurch mit allen menschlichen Agenten gebrochen hatten, die die Bane Sidhe außerhalb der Erde aufgebaut hatte, hatte ebenfalls mit ihr zu tun gehabt. Aus der Sicht der Mehrheitsfraktion der Bane Sidhe hatte ihre Festnahme auf der Basis Titan eine saubere Lösung für das Problem einer abgefallenen Agentin geboten, und es wäre am besten gewesen, an dem Punkt den Dingen ihren Lauf zu lassen, ohne das Risiko einzugehen, dass es zu weiteren Verwerfungen in der Organisation kam oder wichtige Mitglieder der Organisation geopfert wurden. Nach den Grundsätzen von Loolnieth gab es keine Loyalität gegenüber einem einzelnen Agenten, so nützlich dieser Agent auch gelegentlich gewesen sein mochte.

Der Indowy Aelool, Father O’Reilly, Granpa und die gesamte Führung der künftigen O’Neal-Bane-Sidhe hatten erkannt, dass die Zukunft der gesamten Organisation auf dem Spiel gestanden hätte, hätte man zugelassen, dass Cally gefoltert und schließlich getötet wurde, ohne dass jemand wenigstens den Versuch machte, sie zu retten. In diesem Falle wäre es künftig einfach unmöglich gewesen, menschliche Agenten zu rekrutieren und zu halten, denn sie hätten dann allenfalls noch Söldner in ihre Dienste nehmen können, Leute mit wenig oder gar keiner Loyalität gegenüber der Organisation, Leute also, die ein ständiges Risiko bedeuteten, falls jemand bereit war, ihnen den richtigen Preis zu bezahlen. Das wäre zum Vorteil der Cyberpunk-Fraktion gewesen und hätte die Operationsmöglichkeiten der Bane Sidhe auf der Erde drastisch reduziert. Damals, im Krieg, hatten sich die Cyberpunks der Bane Sidhe angeschlossen, aber sie hatten schon damals erhebliche Vorbehalte gegenüber den Indowy gehegt und sich nie völlig mit den anderen Agenten integrieren lassen, die nicht ihrer Fraktion angehörten. Die Bewunderung und der Respekt, den Cally in der Cybergemeinschaft genoss, war in hohem Maße darauf zurückzuführen, dass Tommy Sunday sie bewunderte und respektierte. Die O’Neals und die Sundays hatten im Laufe der Jahrzehnte starke wechselseitige Bindungen entwickelt und gemeinsam Edisto Island als einmaligen Zufluchtsort für die menschliche Widerstandsbewegung entwickelt. Wenn es gelegentlich politisch nicht tragbar gewesen war, um die Aufnahme eines uneingeschränkt vertrauenswürdigen engen Freundes oder Familienmitglieds in die Bane Sidhe zu bitten, hatte eben die Edisto-Gruppe sie eingeschmuggelt und ihnen ein neues Leben ermöglicht.

Für Granpa oder Tommy war damals all das ohne Bedeutung gewesen. Sie hätten jeden aussichtsreichen Plan ausgeführt, um sie zu retten. Aber auf einer übergeordneten Ebene war die politische Konsequenz gewesen, dass die andere Fraktion ihre Sachen gepackt hatte und verschwunden war, als sie die Basis das nächste Mal aufgesucht hatte. Aelool und Beilil hatten die Position vertreten, dass der O’Neal eine Entscheidung als Clan-Oberhaupt getroffen hatte, um ein wichtiges Mitglied seines Clans zu schützen, und sie hatten außerdem darauf hingewiesen, dass »derzeit« Clan O’Neal noch winzig klein und demzufolge natürlich jedes einzelne Mitglied des Clans besonders wertvoll war. Aus Callys Sicht schien das nur ein Vorwand zu sein, für sie war der eigentliche Grund die Blutschuld aus der Schlacht von Diess. Und wenn diese Vermutung zutraf, dann konnte sie auch damit leben. Loyalität war eben Loyalität.

Sie riss sich aus ihren Träumen, als sie an einem Indowy vorüberkam, der mit einer rötlich braunen, offenkundig trächtigen Stute zum Trabring unterwegs war. Offenbar schloss »in Paaren unterwegs sein« auch Pferde ein, die für die Indowy Haustiere waren. Hey, solange es nur funktionierte. Nicht, dass ihnen in nächster Zeit der Mais ausgehen würde. Alles andere lieferte ja die Hydroponik.

Sie passierte die Administration und erreichte die Lagerräume. Jemand hatte offenbar ihr Eintreffen gemeldet, denn Aelool und Father O’Reilly waren bereits da und standen plaudernd neben einer Maschine, die sie noch nie gesehen hatte. Es handelte sich um einen schlichten grauen Kubus mit abgeschrägten Kanten. An der Oberfläche des Würfels konnte man Konturen erkennen, die auf irgendwelche Paneele deuteten. Abgesehen von seiner Form erinnerte sie das Ding in erster Linie an die Platte. Herrgott, wie sie die Platte vermisste. Sie kratzte sich mit einer Hand im Kreuz, während sie die kleine Abendtasche aus dem Beutel zog, sie öffnete und das Täschchen mit den Codeschlüsseln überreichte.

Father O’Reilly nahm es wortlos entgegen und legte einen der Schlüssel auf eine dazu passende Kontur, wo er einklickte, um freilich im nächsten Augenblick wieder herauszuklicken Ein für menschliche Ohren ungemein schriller Pfeifton ertönte. Gleichzeitig tauchte über dem Gerät Schrift in galaktischem Standard auf.

»Cally, was zum Teufel hast du gestohlen?«, fragte Father O’Reilly nach einem Blick auf den Text.

»Ich?« Sie prustete los. »Du hast mir doch den Auftrag gegeben! Ich habe den Einsatzplan buchstabengenau befolgt. « Nun gut, im Einsatzplan stand nichts von Besorgen des Herstellercodes von deiner Michon Mentat Schwester, aber es zählt doch der Gedanke.

Aelool hatte seine Ohren leicht nach innen gedreht, und seine Schultern hatten sich etwas verspannt. Cally war es gewohnt, diese Haltung als »nachdenklich« zu interpretieren.

»Das ist keine Katastrophe. Im Augenblick können wir es bloß nicht gebrauchen.« Sein Tonfall sagte nie gebrauchen.

»Wieso denn nicht? Der Schlüssel war da, wo du gesagt hast, dass er sein würde. Und er hat genauso wie die Hologramme bei der Einsatzbesprechung ausgesehen. Ist er defekt oder was?« Okay, schlimm genug, dass ich mich dazu herablassen muss, Einbrecherdienste zu leisten. Ja, ich weiß schon, wir sind knapp bei Kasse. Aber wenigstens möchte ich nicht, dass man mir die Schuld gibt, wenn irgendjemand falsche Informationen geliefert hat.

»Cally O’Neal, der Schlüssel ist nicht defekt. Und es ist auch nicht deine Schuld. Das Problem ist nur, dass unser Generator nur autorisiert ist, Codeschlüssel der Stufe drei und darunter zu lesen. Eine von vielen Redundanzen in einem System, das mit der besten Absicht konstruiert ist, gefährliche Industrieunfälle zu verhindern. Unglücklicherweise kann man diese Sperre auch für politische Kontrolle nutzen«, erklärte Aelool geduldig. »Das sind einfach wirksamere Schlüssel. Mit hoher Wahrscheinlichkeit Stufe vier, vielleicht sogar fünf.«

»Aber das klang ja gerade, als wären die überhaupt nichts wert. Es sollte doch wenigstens möglich sein, sie irgendwie zu verkaufen. Geht das nicht?«

»Nein, wir können sie nicht verwenden. Außerdem sind sie zu überhitzt, um sie zu verkaufen.« Er seufzte.

»Zu heiß?«, fragte sie.

»Habe ich das nicht gesagt?« Er legte den Kopf etwas zur Seite, eine fragende Geste, die er den Menschen und anderen terrestrischen Spezies abgeguckt hatte.

»Mehr oder weniger. Dann ist der Einsatz also verpatzt. Tut mir leid. Aber davon abgesehen, gibt es ein Problem?« Cally wäre die Erste gewesen, die zugab, dass die geschäftliche Seite der Organisation nicht gerade eine ihrer Stärken war.

»Die Darhel werden nicht erbaut sein. Aber es war ja ein Billigeinsatz, der uns wenig gekostet hat. Und den Darhel Freude zu bereiten hat nie zu meinen Prioritäten gehört.« Seine Gesichtszüge verzogen sich amüsiert.

»Du hast was verloren?« Der Leiter der Epetar-Gruppe verstand plötzlich, weshalb dieser nutzlose, verkommene Folth von einem Untergebenen, dieser Pardal, darauf bestanden hatte, dass keine Indowy-Leibdiener an der Besprechung teilnahmen und weshalb er mit solcher Sorgfalt alle Spionagegeräte von rivalisierenden Gruppen gesucht und deaktiviert hatte, die sich im Laufe der Zeit immer wieder ansammelten. Er begann seine Atemübungen und verbrachte ein paar Augenblicke damit sicherzustellen, dass er sich völlig im Griff hatte, ehe er fortfuhr.

»Du hast den Versand verzögert«, sagte er eisig und hob die Hand, um jeden Einwand dieses unglückseligen Untergebenen zu verhindern. Aber so wütend er auch war, der hypnotisch klingenden, melodischen Stimme, für die seine Spezies berühmt war, war davon nichts anzumerken.

»Du wirst mir erklären, wie ein Darhel, und wäre er noch so unfähig, es schafft, in einer einzigen Nacht sechs Nanogeneratorschlüssel der Stufe neun zu verlieren. Du wirst das mit allen Einzelheiten erklären. Wenn nötig, wirst du innehalten, um die Beherrschung nicht zu verlieren, und wirst nicht Lintatai begehen, ehe du nicht alles lückenlos erklärt hast. Anschließend – meinetwegen.«

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