1,99 €
Eine Bande von Eisenbahnräubern treibt ihr Unwesen. Zwar sind Detektive des Unternehmens Wells Fargo hinter den Banditen her, aber diese scheinen immer erstaunlich gut informiert zu sein. Dumm nur, dass zwei frühere Asse im Dienst von Wells Fargo derzeit nicht verfügbar sind: Mesa Queen hat sich in die nebligen Bayous ihrer Heimat Louisiana zurückgezogen - und ihr früherer Partner Waco Slim Rivers soll inzwischen selbst das Kommando über die Zugräuber führen. Als ein neuer Überfall die Nerven bei Wells Fargo zum Zerreißen spannt, bleibt nur eine Hoffnung: Mesa Queen muss reaktiviert werden! Doch kaum macht sie sich auf den Weg, strecken auch die Banditen ihre gierigen Finger bis tief in die Sümpfe des Mississippi-Deltas aus ...
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 171
Veröffentlichungsjahr: 2026
Cover
Inhalt
Mesa Queen – gejagt und gefürchtet
Vorschau
Hat Ihnen diese Ausgabe gefallen?
Impressum
Cover
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
Eine Bande von Eisenbahnräubern treibt ihr Unwesen. Zwar sind Detektive des Unternehmens Wells Fargo hinter den Banditen her, aber diese scheinen immer erstaunlich gut informiert zu sein. Dumm nur, dass zwei frühere Asse im Dienst von Wells Fargo derzeit nicht verfügbar sind: Mesa Queen hat sich in die nebligen Bayous ihrer Heimat Louisiana zurückgezogen – und ihr früherer Partner Waco Slim Rivers soll inzwischen selbst das Kommando über die Zugräuber führen.
Als ein neuer Überfall die Nerven bei Wells Fargo zum Zerreißen spannt, bleibt nur eine Hoffnung: Mesa Queen muss reaktiviert werden! Doch kaum macht sie sich auf den Weg, strecken auch die Banditen ihre gierigen Finger bis tief in die Sümpfe des Mississippi-Deltas aus ...
Das protestierende Quietschen und Ächzen des Bettgestells übertönte die keuchenden Atemstöße des Mannes, der sich mit halb geschlossenen Augen der Lust hingab. Er war nur mit langer Unterhose und ein paar Stiefeln bekleidet. Rittlings auf ihm saß eine schwarzhaarige Schönheit. Die Unterwäsche klebte in der schwülen Nachtluft wie eine zweite Haut an ihrem betörenden Körper, den der Mann zu gern erkundet hätte. Doch das war nicht möglich, denn seine Hände waren mit Seidenbändern am Kopfende des Bettes fixiert worden.
Er stöhnte und schüttelte unwillig den Kopf, als er merkte, wie ihn seine Liebhaberin immer schneller und viel zu früh dem Höhepunkt der Lust entgegentrieb. Verzweifelt wehrte er sich dagegen.
Die Peinlichkeit dieses Malheurs blieb ihm erspart. Unvermittelt schwang sich die junge Frau von ihm herunter, trat an einen Frisiertisch und kramte in einer kleinen Tasche. Sie drehte sich um und warf etwas zu dem Mann hin, das auf seiner nackten Brust landete.
Seine Augen weiteten sich, als er ein aufgeklapptes Lederetui mit einem matt glänzenden Abzeichen erkannte. Vergeblich zerrte er an den Bändern, mit denen sie ihn gefesselt hatte. Er hörte erst auf, als er das metallische Klicken eines Revolvers vernahm.
»Ich bin Mesa Queen«, sagte die Frau mit dunkler, rauchiger Stimme. »Eisenbahndetektivin im Auftrag von Wells Fargo. Du bist verhaftet, Lando Wayne. Und bevor du auf dumme Gedanken kommst – ich kann mit dem Ding hier umgehen.« Sie deutete mit dem Colt zwischen seine Beine, wo von seiner Erregung nichts mehr zu sehen war. »Jedenfalls besser als du mit deinem ...«
✰
Mit hängendem Kopf setzte der Schwarzschecke einen Huf vor den anderen. Das verschwitzte Fell des Tieres war mit Staub bedeckt. Selbst auf den feuchten Nüstern lagen feine Sandkörnchen.
Das Pferd war klein. Es wirkte fast zu klein für die hochgewachsene Gestalt des Reiters, die halb vornübergebeugt und beinahe regungslos im Sattel saß. Auch er war mit dem Staub der Einöde bedeckt, die er tagelang durchquert hatte.
Ein kleiner Junge, der am Ortsrand mit einem Hundewelpen spielte, wurde auf den Reiter aufmerksam. Er kniff die Augen zusammen, als das Pferd nicht weit von ihm zum Stehen kam.
Dem Jungen lief es eiskalt über den Rücken. Auch der Welpe schien Angst zu verspüren, denn er drückte sich winselnd an die nackten Beine des Knaben.
Der Schecke schnaubte leise und schüttelte ungeduldig den Kopf. Längst hatte er das Wasser gewittert, das in den Pferdetrögen zwischen den Häuserreihen auf ihn wartete. Lange Speichelfäden troffen über die Lippen des Tieres.
Endlich kam Bewegung in den Reiter. Langsam zog er den Hut vom Kopf und wischte mit dem staubigen Hemdsärmel über die verschwitzte und ebenfalls staubbedeckte Stirn. Er verzog leicht das Gesicht, als die rauen Sandkörner schmerzhaft über die Haut rieben.
Der Junge schluckte mühsam. Er erinnerte sich an Bilder in den Büchern, aus denen ihm der alte Stallmann Charley bisweilen vorlas. Da war auch so ein dunkel gekleideter Bursche auf einem viel zu kleinen Pferd zu sehen gewesen. Aber er hatte eine Sense in der Hand gehalten.
Der Junge hatte das unangenehme Gefühl, dass von diesem Reiter auch nichts Gutes ausging. Der Mann sah ihn an. Stahlgrau waren diese Augen, grau wie der Stahl eines Gewehrlaufs. Auch der Hauch eines Lächelns, der auf den Lippen des Mannes lag, hatte keinen Einfluss auf die bedrohlich wirkende Erscheinung.
Ein leises Zungenschnalzen setzte den Schwarzschecken wieder in Gang. Gemächlich trottete er an dem Jungen vorbei, der dem Reiter mit den Blicken folgte. Lange starrte er ihm nach und konnte ein Frösteln nicht unterdrücken.
Nur wenige Menschen befanden sich auf der Straße und auf den Bohlensteigen. Es war zu heiß, und man verließ die Häuser nur, wenn es unbedingt sein musste. Kaum jemand beachtete den Reiter, der vor einem Ziehbrunnen in der Mitte des Ortes aus dem Sattel stieg. Hier, im Schatten einer einzelnen Linde, luden schlichte Holzbänke zum Verweilen ein.
Der Reiter zog frisches Wasser aus der Tiefe des Brunnens und goss es in einen kleinen Trog. Der Schecke schnaubte dankbar und begann, seinen Durst zu löschen, während der Mann Rauchzeug aus der Brusttasche seines Hemdes fischte und sich eine Zigarette drehte. Dabei ließ er seine Blicke über die umliegenden Häuser gleiten. Nichts entging seiner Aufmerksamkeit.
Sein Gesicht war verwittert und sonnengebräunt, mit kleinen Furchen an den Augenwinkeln. Die Nase war schmal, die Wangenknochen etwas zu ausgeprägt. Ständig schien ein leicht spöttischer Ausdruck auf seinen Lippen zu liegen, als würde dieser Mann das Leben nicht sonderlich ernst nehmen.
Lange blieb er bei seinem Pferd. Er sorgte dafür, dass der Schecke nicht zu hastig und zu viel trank. Das wäre dem Tier nicht gut bekommen.
Erst als das Pferd tiefer in den Schatten des Baumes trottete, gönnte sich auch der Reiter eine Erfrischung. Er schöpfte Wasser, steckte den Kopf in den Eimer, goss etwas von dem kühlen Nass über sein Haar, spülte den Staub von seinem Gesicht. Als er sich aufrichtete, sah man, wie groß er wirklich war. Der Mann musste die sechs Fuß gewiss um einige Zoll überschritten haben.
Die Sonne schickte sich eben an, ihren Tageslauf zu beenden und dem Abend Platz zu machen, als der Reiter sein Pferd tätschelte, den Hut tiefer in die Stirn zog und langsam die Main Street überquerte. Staub wallte unter seinen Stiefeln auf. Sein Gang war lässig und doch geschmeidig. Man ahnte, dass dieser Mann sich von einem Augenblick zum nächsten rasend schnell bewegen konnte.
Er betrat den Bohlensteig, blieb an den Schwingtüren eines Saloons stehen und ließ den Blick durch den von Rauchschwaden erfüllten Schankraum gleiten.
Hier war nicht viel los. Selbst in diesem Saloon war es zu heiß und zu stickig, was die Gäste fernhielt. An einem Tisch neben der Theke saßen zwei Saloongirls, die schon bessere Tage gesehen hatten. Der Keeper hinter dem Tresen polierte gelangweilt ein paar Gläser. In einer Ecke schlief ein Betrunkener seinen Rausch aus.
Der Neuankömmling schaute die Straße entlang. Wenn dies hier der einzige Saloon im Ort war, dann hatte er den langen Weg umsonst gemacht.
Die Schatten wurden länger. Der Mann hörte, wie sein Magen knurrte, und beschloss, etwas zu essen. Er sah, wie vor einigen Gebäuden Laternen entzündet wurden, und schritt den Bohlensteig entlang. Irgendwo dort hinten fand er bestimmt ein Restaurant oder einen weiteren Saloon.
Beide waren nicht weit voneinander entfernt. Rechter Hand entdeckte der große Mann ein Café und nur wenige Schritte weiter lag der Alhambra-Saloon. Der eindrucksvoll gestaltete Eingang machte dem hochtrabenden Namen alle Ehre. Säulen zu beiden Seiten der breiten Fledermaustüren sollten wohl an große Herrenhäuser aus dem Süden erinnern. Ein Balkon zog sich über die gesamte Vorderfront des Gebäudes. Hinter den Fenstern dort oben verbargen sich bestimmt die Zimmer der Animierdamen.
Aus dem Inneren drangen Klaviermusik, Gläserklirren und lautes Gelächter.
»Dann mal los, bevor die Küche schließt«, murmelte der großgewachsene Mann und schob sich entschlossen durch die Schwingtüren.
Im Alhambra war es überraschend kühl. Der Schankraum wurde durch zahlreiche Wandlampen und einen Kronleuchter erhellt. Auch hier war um diese Zeit nicht so viel los wie sonst, aber sobald die Sonne untergegangen war, würden die Gäste in den Schankraum drängen.
Das war immer so.
Der große Mann ging zum Tresen. Der Keeper musterte ihn eingehend. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen, als er die staubige Kleidung des Mannes sah: die dunkle Denimhose, das dunkelblaue, fast schwarze Bib-Front-Hemd mit dem aufgesetzten Latz, bei dem zwei Knöpfe auf der rechten Seite gelöst waren, und den tief geschnallten schwarzen Patronengurt, aus dessen Holster der Walnussgriff eines langläufigen .44er Colts ragte. Der Barmann erkannte Unheil, wenn er es sah, und es gefiel ihm nicht.
»Na, wonach steht Ihnen denn der Sinn, Sir?«, fragte er dennoch betont freundlich.
»Bier«, kam die Antwort. »Schön kühl, wenn es geht.«
»Aber gewiss doch, Sir. Wir haben das beste Bier weit und breit. Wir haben sogar eine Kühlkammer dafür eingerichtet, unter dem Saloon. Da bleibt es genauso frisch und kühl wie das Brunnenwasser da ... da ... draußen«, fügte der Keeper stotternd hinzu, als der Blick aus den stahlgrauen Augen seinen Redeschwall zum Versiegen brachte.
Der große Bursche leerte das Henkelglas in einem Zug, seufzte wohlig und bestellte ein zweites Bier. Der Keeper hatte nicht übertrieben. Der Gerstensaft war tatsächlich kühl und erfrischend, ein Genuss nach dem langen entbehrungsreichen Ritt.
Während er an dem zweiten Bier nippte, sah sich der Mann im Schankraum um. Nur drei Tische waren frei. Ein halbes Dutzend Saloongirls kümmerte sich um das Wohl der Gäste. Und die Mädchen im Alhambra waren wirklich nett anzusehen. Der Betreiber des Saloons legte offenbar Wert darauf, dass die Gäste auch etwas fürs Auge geboten bekamen, wenn sie schon ihre sauer verdienten Dollars im Saloon ließen.
An einigen Tischen wurde gepokert. Der große Mann musterte die Spieler eingehend. Sein Blick blieb an einem Tisch in der Nähe der Treppe hängen, die nach oben zu den Zimmern der Girls führte. Dort entdeckte er einen rau aussehenden Kerl, der eben die Karten zu einer neuen Runde mischte.
Wirres, strohfarbenes Haar hing dem Mann bis auf die Schultern. Bartstoppeln bedeckten sein Gesicht. Die rechte Wange wurde dicht unterhalb des Auges durch eine sichelförmige Narbe verunstaltet. Die Kleidung war abgetragen und verschwitzt.
Der Strohkopf teilte die Karten aus. Seine langen Finger waren geschickt und verstanden sich darauf, unbemerkt auch Karten von unten zu geben. Ein Haufen Geldscheine und Münzen vor dem Mann zeugte davon, dass er nicht zu den Verlierern in diesem Spiel gehörte.
Einige Mitspieler warfen nutzlose Karten auf den Tisch und wollten sie ersetzt haben. Der strohblonde Mann schickte sich an, diesem Wunsch nachzukommen.
Er verhielt mitten in der Bewegung, als etwas vor ihm auf den Tisch fiel.
Es war keine Spielkarte. Es waren Handschellen!
Verwirrt hob der Blonde den Kopf und stierte zu dem großen Mann in der staubigen Kleidung hin, der ganz ruhig in der Mitte des Schankraumes stand.
»Ausgespielt, Kid«, erklang die sonore Stimme des Mannes.
»Bei allen Teufeln der Hölle ... was fällt dir ein?«, schnappte der Blondschopf.
»Ich habe dich lange gesucht, Candy Kid. Du hast es mir nicht leicht gemacht. Ich hab fast ein teures Pferd wegen dir zuschanden geritten. Aber jetzt ist Schluss. Die nächsten Jahre gibt es erst mal nur noch Wasser und Brot für dich statt Süßigkeiten.«
»Was bist du denn für einer?«, krächzte Candy Kid. »Ich hab mit dir nichts zu schaffen. Ich will nur pokern, und du kommst hierher und verdirbst mir die Laune. Was soll das?«
Wieder segelte etwas durch die Luft und klatschte vor dem Blonden auf den Tisch.
Ein Raunen ging durch die Reihe der Mitspieler, als sie das aufgeklappte Lederetui und das Abzeichen erkannten.
»Roy Dunne...«, las der Blonde heiser den Namen vom Ausweis ab.
»Ich bin Eisenbahndetektiv im Auftrag von Wells Fargo, Kid«, sagte der große Mann. »Und du hast deinen letzten Zug überfallen.« Gemächlich steckte er eine Zigarette zwischen die Lippen. »Das war's dann. Leg dir die Eisen an.«
Der Blonde erhob sich langsam. Er sah sich im Schankraum um, als suchte er Kumpane, die ihm beistehen würden. Doch da war niemand.
Es herrschte atemlose Stille. Die Pokerpartien an den anderen Tischen waren unterbrochen worden. Gäste waren verstummt, und auch der Klavierspieler wagte nicht mehr, in die Tasten zu hauen. Der Barkeeper suchte unter dem Tresen nach seiner Bleispritze, doch eine Handbewegung des großen Mannes ließ ihn erstarren.
»Na, wird das heute noch was?«, klang die sonore Stimme auf. »Ich hab mächtig Hunger, und wenn du noch 'ne Weile trödelst, ist drüben im Café Feierabend.«
Candy Kid wich zurück. Es war klar, dass er nicht so leicht aufgeben würde. Er wollte sich Bewegungsspielraum verschaffen, um sich den Weg freikämpfen zu können.
»Mach jetzt keinen Unsinn, Kid«, mahnte der Eisenbahndetektiv.
»Hör besser auf ihn, Kid«, erklang es von der Treppe her, die zum Balkon emporführte. Dort kam ein Saloongirl herunter, ein bezauberndes Wesen mit tizianrotem Haar, das wie eine Stola über ihre Schultern fiel. »Es ist ein Unterschied, ob man ein Spiel verliert oder sein Leben!« Das Mädchen griff in den Ausschnitt ihres tief geschnittenen Kleides und fischte ein Lederetui heraus, klappte es auf und zeigte Kid das Abzeichen. »Ich bin seine Partnerin«, sagte sie. »Du hast keine Chance. Also gib auf!«
»Den Teufel werde ich!«, brach es aus Candy Kid hervor. Er kreiselte zur Seite, packte die junge Frau und zerrte sie vor sich, um sie als Schutzschild zu benutzen. »Das ist mein Ass, Bluthund!«, schnarrte er. »Gib den Weg frei, oder ich mach das Flittchen hier alle. Dann hast du sie auf dem Gewissen, nicht ich. Willst du das, Bluthund? Na, willst du das?«
Der Eisenbahndetektiv wich zurück, als sich Candy Kid und seine Geisel näherten. Das Saloongirl schaute ihn mit ihren smaragdgrünen Augen fest an. Ihre Zungenspitze glitt über blutrot geschminkte Lippen.
Der Blonde hatte seinen Colt aus dem Leder gefegt und presste den kalten Stahl des Revolverlaufs an die Wange des Mädchens. Langsam schob er sich mit dem Girl als Schutzschild nach vorn. Ein hässliches Grinsen verzerrte sein Gesicht.
»Wenn du etwas versuchst, Bluthund, nehme ich die Kleine hier mit in die Hölle! Nur zu, versuch's doch! Zieh, wenn du dich traust, Bluthund!«, krächzte er. »Zieh!«
Der Eisenbahndetektiv sagte nichts. Er wich weiter zurück.
Candy Kid schob das Mädchen an einem Stuhl vorbei. Sie suchte Halt an der Stuhllehne. Sie klammerte sich an der Lehne fest, zog den Stuhl herum, so dass Kid beinahe gestolpert wäre. »Pass doch auf, du Schlampe!«, zischte er. »Nochmal so was Dämliches, und ich puste dir das Licht aus!«
Wieder sah der Eisenbahndetektiv das bleiche Gesicht mit den blutroten Lippen und nickte unmerklich.
Es war verdammt riskant, aber er würde alles auf eine Karte setzen und seiner Partnerin helfen.
Er fixierte den Blonden mit dem kalten Blick aus seinen stahlgrauen Augen. »Ich weiß nicht, wie du so lange überlebt hast und auch noch im Poker gewinnen konntest, Kid«, sagte er.
»Was willst du damit sagen?«
»Wer so leichtsinnig ist wie du, hätte längst ins Gras beißen müssen.«
»Was ... wieso ...?«
Der Eisenbahndetektiv nickte dem Blonden zu.
»Um schießen zu können, musst du den Hahn deines Revolvers spannen. Und bevor du das schaffst, bist du tot.«
Candy Kid stierte in das verwitterte Gesicht des großen Mannes.
»Du ... du bluffst doch, Bluthund!«, schrie er. »Kein Mann ist so schnell ... keiner!«
»Dein Spiel, Kid! Steig aus und bleib am Leben. Oder versuch dein Glück ...«
Die Menschen im Schankraum hielten den Atem an. Das Girl schloss gequält die Augen. Sie wusste, dass der Zugräuber nicht aufgeben würde. Sie hatte zwar jede Menge Vertrauen zu ihrem Partner, doch sie arbeiteten noch nicht lange genug zusammen, um ganz sicher zu sein.
Sie warf einen vorsichtigen Blick in das ausdruckslose Gesicht des Eisenbahndetektivs.
Irgendetwas schrie in ihr, dass sie verloren war.
Tränen kullerten über ihre Wangen. Sie hatte noch nicht viele Einsätze hinter sich. Sollte nun schon alles vorbei sein?
Sie schloss erneut die Augen ...
Und dann erschlaffte sie in Candy Kids Arm!
Genau damit hatte der Eisenbahndetektiv gerechnet. Der Blonde spürte, wie seine Geisel weiche Knie bekam, starrte gleichzeitig auf seinen Colt und sah, dass sein Gegner tatsächlich geblufft hatte.
Der Hahn war längst gespannt!
Unentschlossen, ob er das Mädchen erschießen oder die Waffe auf seinen Gegner richten sollte, schrie er seine Wut hinaus.
Doch da war es bereits zu spät!
Die Bewegung des Eisenbahndetektivs war fließend. Candy Kid sah, wie sich der Lauf des .44ers aus dem Holster löste, wie er hochschwang und ein greller Feuerblitz aus der Mündung stach.
Er konnte nicht mehr reagieren.
Die sichelförmige Narbe auf seiner Wange explodierte förmlich. Die Wucht des Einschlags riss ihn nach hinten. Sein Griff um die junge Frau löste sich. Verzweifelt ruderte er mit dem Arm und taumelte, wandte sich dem Gegner zu und ...
...wurde von einer zweiten Kugel getroffen, die ihn zurückstieß. Er stürzte auf den Stuhl, an dem sich das Girl festgeklammert hatte. Die Kugel, die ihn direkt über der Nasenwurzel getroffen hatte, drückte seinen Oberkörper halb über die Lehne. Sein Revolverarm hing kraftlos herab, die Hand umklammerte noch die Waffe.
Das Mädchen warf sich schluchzend in die Arme des Eisenbahndetektivs und hieb mit den Fäusten auf seine Brust ein, sodass kleine Staubwolken aus dem Stoff aufwallten.
»Du Wahnsinniger!«, zischte sie. »Du hättest mich um ein Haar umgebracht!«
»Nun hab dich nicht so. Du lebst doch noch. Und wenn du dich weiter so aufführst, wäre es vielleicht besser gewesen, wenn ich daneben geschossen hätte.«
Als der Mann von Wells Fargo mit ihr an den Tresen trat, sagte der Barkeeper: »Er war noch so jung. Mit Verlaub, Mister, aber Sie haben kein Herz.«
»Irrtum«, sagte der große Mann, »ich habe sogar viel Herz.« Sanft strich er über die Wangen seiner Partnerin und nickte zu der leblosen Gestalt des Zugräubers hinüber. »Aber er hatte keins.«
✰
Die Reiter hatten sich gut verborgen. Kein Scout und keine Vorhut hätte sie entdecken können, so geschickt hatten sie ihr Versteck gewählt. Die Hufspuren hatten sie sorgfältig verwischt. Selbst einem Krieger der Ute oder Navajos wäre es schwergefallen, sie zu erkennen.
Die Männer gaben keinen Laut von sich. Sie rauchten nicht, um zu vermeiden, dass der Zigarettenrauch sie verriet. Sie standen dicht bei den Pferden, um sie zu beruhigen und ein verräterisches Schnauben oder das Lostreten von Gestein zu verhindern. Als einer der Männer sich anschickte, am Rand des Verstecks seine Notdurft zu verrichten, spürte er, wie sich eine schwere Hand auf seine Schulter legte. Er wurde herumgerissen, und harte Schläge klatschten in sein Gesicht. Der Mann, der sie ihm verabreicht hatte, hob stumm den Zeigefinger und bewegte ihn von links nach rechts, um den Mann daran zu erinnern, dass es ihm untersagt war, sich zu erleichtern.
Das Warten zerrte an den Nerven der Männer. Einige von ihnen lockerten immer wieder die Revolver in den Holstern, als wollten sie sicherstellen, dass sie die Eisen fließend aus dem Leder bringen konnten, wenn es so weit war.
Die Stelle lag im Grenzgebiet zwischen Arizona, New Mexico, Utah und Colorado, tief in der Einöde. Nur eine ausgefahrene Straße schlängelte sich zwischen bizarren Felsformationen durch den glühenden Sand. Hier draußen gab es keine Siedlungen, keine Städte. Die Straße fand erst bei Hubbells Handelsposten ein vorläufiges Ende. Dort hatte man auch eine Wechselstation für mehrere Postkutschenlinien eingerichtet, die von hier aus in verschiedene Richtungen weiterführten. Auch Frachtwagenkolonnen konnten am Handelsposten Wasser für ihre Tiere und die Fahrer bekommen.
Niemand bekam mit, wenn auf dieser langen, beschwerlichen Strecke etwas Außergewöhnliches geschah. Und diesen Umstand nutzten die Reiter für sich.
Die Wartezeit stellte sie auf eine harte Geduldsprobe. Der Schweiß glänzte auf den sonnenverbrannten Gesichtern. Das Atmen fiel in der Hitze schwer. Erbarmungslos schickte die Sonne ihre Strahlen über das Land. Das Gestein war glühend heiß und schien sich durch die Stiefelsohlen brennen zu wollen. Keiner der Männer wagte, den Hut abzunehmen oder gar in den Nacken zu schieben.
Ein kaum wahrnehmbares metallisches Klirren ließ die Männer aufhorchen. Unendlich langsam wurde es lauter, kam näher. Das Rumpeln von Wagenrädern, das Knarren von Lederaufhängungen und Hufgetrappel mischten sich in das Klirren des Zaumzeugs. Hin und wieder konnte man die heisere Stimme hören, die das Gespann zu Höchstleistungen antrieb.
Der Mann, der zuvor seinen Begleiter geohrfeigt hatte, nickte den anderen zu und verbarg sein Gesicht hinter einem Halstuch. Seine Begleiter schoben ebenfalls die Bandanas über die Gesichter und stiegen stöhnend in die von der Sonne aufgeheizten Sättel.
Augenblicke später schienen die Felsen zu explodieren!
Als die Postkutsche unterhalb der Felsformation entlangrollte, brachen die Reiter aus ihrem Versteck hervor. Geröll spritzte unter den Hufen weg und rollte den Hang hinab. Gesteinsbrocken prasselten in hohem Bogen auf die Kutsche nieder. Auch das hatten die Banditen wohl eingeplant, denn der Kutscher und der Begleitfahrer bekamen einiges ab. Ein großer Stein traf den Begleitfahrer an der Stirn. Der Mann ließ sein Gewehr in den Fußraum des Kutschbocks fallen und sackte zusammen.
