• Herausgeber: Cross Cult
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2012
Beschreibung

Geheimagent 007 entlarvt einen Kartenbetrüger und deckt sein tödliches Geheimnis auf ... Auf Ms Bitte hin tritt Bond gegen Sir Hugo Drax am Kartentisch an. Er soll dem Millionär und Kopf des Moonraker-Projektes eine Lektion erteilen, die er nicht so schnell vergessen wird, und einen Skandal verhindern, der das neueste Abwehrsystem Großbritanniens betrifft. Aber hinter dem mysteriösen Drax steckt mehr als ein einfacher Kartenschwindler. Und als sich Bond erst einmal genauer mit den Geschehnissen in der Moonraker-Basis befasst, entdeckt er, dass sowohl das Projekt an sich wie auch dessen Leiter etwas anderes sind, als sie zu sein vorgeben ... Jeder kennt sie: die teils stark von den Vorlagen abweichenden Verfilmungen der James-Bond-Romane. Pünktlich zum 50-jährigen Jubliäum der Filmreihe gilt es die Ian-Fleming-Originale erstmals im "Director's Cut" zu entdecken! Eine der größten Filmikonen überhaupt wird 50 Jahre alt! Passend dazu kommt Ende 2012 der 23. Teil der Saga mit dem Titel "Skyfall" in die Kinos! Cross Cult schließt sich den Jubilaren des Mythos mit einer Wiederentdeckung der meisterhaft erzählten Agenten- und Spionageromane aus der Feder Ian Flemings an und beginnt die schrittweise Veröffentlichung aller James-Bond-Originalromane. Endlich wird es möglich sein, Titel wie "Goldfinger", "Thunderball" oder "You Only Live Twice" komplett in ungekürzten Übersetzungen und mit den ursprünglichen Kapitelabschnitten und -überschriften zu lesen. Es verspricht eine einzigartige James-Bond-Bibliothek zu werden, die dazu einlädt, dem Kult um den britischen Gentleman-Geheimdienstler mit der "Lizenz zum Töten" auf den Grund zu gehen.

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Seitenzahl: 372

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JAMES BOND

007

MOONRAKER

von

IAN FLEMING

Ins Deutsche übertragenvon Stephanie Pannen und Anika Klüver

Die deutsche Ausgabe von JAMES BOND – MOONRAKERwird herausgegeben von Amigo Grafik, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg.Herausgeber: Andreas Mergenthaler und Hardy Hellstern,Übersetzung: Stephanie Pannen und Anika Klüver;verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde;Lektorat: Katrin Aust und Gisela Schell;Satz: Rowan Rüster/Amigo Grafik; Cover Artwork: Michael Gillette.Printausgabe gedruckt von CPI Morvia Books s.r.o., CZ-69123 Pohorelice.Printed in the Czech Republic.

Titel der Originalausgabe: JAMES BOND – MOONRAKER

German translation copyright © 2012, by Amigo Grafik GbR.

Copyright © Ian Fleming Publications Limited 1955The moral rights of the author have been asserted.Die Persönlichkeitsrechte des Autors wurden gewahrt.

JAMES BOND and 007 are registered trademarks of Danjaq LLC, used under license by Ian Fleming Publications Limited. All Rights Reseved.

Print ISBN 978-3-86425-0743 (September 2012)E-Book ISBN 978-3-86425-075-0 (September 2012)

WWW.CROSS-CULT.DE · WWW.IANFLEMING.COM

INHALT

TEIL EINS MONTAG

1. Geheimer Papierkram

2. Der Kolumbit-König

3. Gezinkte Karten und so weiter

4. Der Spiegel

5. Abendessen im Blades

6. Kartenspiel mit einem Fremden

7. Die Schnelligkeit der Hand

TEIL ZWEI DIENSTAG, MITTWOCH

8. Das rote Telefon

9. Ab hier übernehmen Sie

10. Der Agent der Spezialabteilung

11. Polizistin Brand

12. Projekt Moonraker

13. Tödliche Berechnungen

14. Juckende Finger

15. Harte Gerechtigkeit

16. Ein goldener Tag

17. Wilde Vermutungen

TEIL DREI DONNERSTAG, FREITAG

18. Unter dem flachen Stein

19. Vermisste Person

20. Drax’ Gambit

21. »Der Überreder«

22. Die Büchse der Pandora

23. Zero Minus

24. Zero

25. Zero Plus

TEIL EINS

MONTAG

1

GEHEIMER PAPIERKRAM

Die beiden Achtunddreißiger dröhnten gleichzeitig.

Der Lärm hallte zwischen den Wänden des unterirdischen Raums hin und her, bis wieder Schweigen herrschte. James Bond sah zu, wie der Rauch aus jeder Ecke des Raums zum zentralen Ventaxia-Ventilator gesaugt wurde. Die Erinnerung in seiner rechten Hand, wie er in einer flüssigen Handbewegung von links gezogen und abgedrückt hatte, machte ihn zuversichtlich. Er klappte die Trommel des Colt Detective Special seitlich heraus und richtete die Mündung seiner Waffe auf den Boden. Dann wartete er, während der Ausbilder im Halbdunkel die zwanzig Meter des Schießübungsstands auf ihn zuging.

Bond sah, dass der Ausbilder grinste. »Ich kann es kaum glauben«, sagte er. »Aber dieses Mal habe ich Sie erwischt.«

Der Ausbilder schloss zu ihm auf. »Ich liege jetzt vielleicht im Krankenhaus, aber Sie, Sir, sind tot.« In einer Hand hielt er den Pappumriss eines männlichen Oberkörpers, in der anderen ein Polaroid in Postkartengröße. Er reichte es Bond, und sie drehten sich zu einem Tisch hinter ihnen um, auf dem sich eine grüne Bankerlampe und eine große Lupe befanden.

Bond nahm die Lupe und beugte sich über das Bild. Es war eine Hochgeschwindigkeitsaufnahme von ihm. Um seine rechte Hand herum war ein Ausbruch weißer Flammen zu sehen. Er richtete die Lupe sorgfältig auf die linke Seite seines dunklen Jacketts. Über seinem Herzen war ein winziger Lichtfleck zu erkennen.

Wortlos legte der Ausbilder die große weiße Zielscheibe in Form eines menschlichen Körpers unter die Lampe. Ihr Herz war ein etwa acht Zentimeter breites Fadenkreuz. Direkt darunter und etwa zwei Zentimeter weiter rechts befand sich das Einschussloch von Bonds Kugel.

»Durch die linke Magenwand und im Rücken ausgetreten«, kommentierte der Ausbilder zufrieden. Er zückte einen Stift und schrieb etwas neben das Ziel. »Zwanzig Schuss, und wenn ich richtig rechne, schulden Sie mir sechsundsiebzig, Sir«, sagte er ungerührt.

Bond lachte. Er zählte Kleingeld ab. »Am Montag verdoppeln wir den Einsatz«, versprach er.

»Mir soll’s recht sein«, erwiderte der Ausbilder. »Aber Sie können die Maschine nicht schlagen, Sir. Und wenn Sie ins Team wollen, um die Dewar-Trophäe zu gewinnen, sollten wir die Achtunddreißiger mal ruhen lassen und uns der Remington zuwenden. Diese neue Zweiundzwanziger-Patrone, die sie gerade herausgebracht haben, bringt mindestens siebentausendneunhundert von möglichen achttausend Punkten zum Sieg. Ein Großteil Ihrer Kugeln muss im X-Ring landen, und der ist schon direkt unter Ihrer Nase nur so groß wie ein Schilling. Auf hundert Meter Entfernung ist er so gut wie nicht vorhanden.«

»Zur Hölle mit der Dewar-Trophäe«, sagte Bond. »Ich bin einzig und allein hinter Ihrem Geld her.« Er schüttelte die nicht abgefeuerten Kugeln aus der Trommel seiner Waffe in seine hohle Hand. Dann legte er sie mitsamt der Kanone auf den Tisch. »Dann also bis Montag. Gleiche Zeit?«

»Zehn Uhr passt gut, Sir«, erwiderte der Ausbilder, und drückte die beiden Griffe der Eisentür herunter. Er lächelte Bond hinterher, während der Agent die steilen Betonstufen zum Erdgeschoss hinaufstieg. Er war mit Bonds Ergebnissen zufrieden, aber er hätte ihm niemals direkt gesagt, dass er der beste Schütze des Secret Service war. Das durfte nur M wissen, und sein Stabschef, den man damit beauftragen würde, die Ergebnisse des heutigen Trainings in Bonds vertrauliche Akte einzutragen.

Bond marschierte durch die mit grünem Filz bezogene Tür am oberen Treppenabsatz und ging zum Aufzug, der ihn in den achten Stock des hohen grauen Gebäudes am Regent’s Park brachte, in dem sich das Hauptquartier des Secret Service befand. Er war mit seinem Ergebnis zufrieden, aber nicht stolz darauf. Sein Abzugsfinger zuckte in seiner Hosentasche, während er überlegte, wie er um diesen letzten Sekundenbruchteil schneller werden konnte, der fehlte, um die Maschine zu schlagen. Diese komplizierte Trickkiste, die das Ziel für nur drei Sekunden hochhielt, feuerte mit einer leeren .38 zurück, schoss dabei einen stecknadelkopfgroßen Lichtstrahl auf ihn und machte ein Foto, während er auf der Kreidemarkierung am Boden stand.

Seufzend öffneten sich die Fahrstuhltüren, und Bond stieg ein. Der Aufzugführer konnte das Kordit an ihm riechen. Sie rochen immer so, wenn sie vom Schießstand kamen. Der Geruch gefiel ihm, da er ihn an die Armee erinnerte. Er drückte den Knopf für den achten Stock und legte den Stumpf seines linken Arms auf den Steuerhebel.

Wenn es nur heller wäre, dachte Bond. Doch M bestand darauf, dass die Schießübungen unter durchschnittlich schlechten Bedingungen stattfanden. Eine trübe Lampe und ein Ziel, das zurückschoss, waren so nah an einer echten Situation, wie es nur möglich war. »Einen Pappkameraden zusammenzuschießen, beweist gar nichts«, lautete seine knappe Einführung in das Handbuch zur Verteidigung gegen Handfeuerwaffen.

Der Aufzug hielt an, und Bond trat auf den düsteren grünen Flur und damit in die geschäftige Welt aktentragender Sekretärinnen, sich öffnender und schließender Türen und gedämpft klingelnder Telefone hinaus. Er verbannte sämtliche Gedanken an seine Übungsstunde aus seinem Kopf und bereitete sich auf die Routine eines normalen Arbeitstags im Hauptquartier vor.

Er lief den Flur bis zur letzten Tür auf der rechten Seite entlang. Sie war unbeschriftet, genau wie die anderen, an denen er vorbeigegangen war. Keine Nummern. Wenn man etwas im achten Stock zu erledigen hatte, sich das eigene Büro aber in einer anderen Etage befand, wurde man abgeholt und zu dem Raum gebracht, zu dem man musste. Und danach wurde man zum Aufzug zurückbegleitet.

Bond klopfte und wartete. Er warf einen Blick auf seine Uhr. Elf Uhr. Montage waren die Hölle. Ein voller Terminkalender und jede Menge Akten, die es durchzusehen galt. Und an den Wochenenden war er meistens im Ausland beschäftigt. Man brach in leere Wohnungen ein. Fotografierte Personen in kompromittierenden Situationen. »Unfälle« im Straßenverkehr sahen inmitten des typischen Wochenendchaos ebenfalls weniger verdächtig aus und wurden oberflächlicher untersucht. Die wöchentlichen Berichte aus Washington, Istanbul und Tokio kamen herein und wurden sortiert. Vielleicht befand sich auch etwas für ihn darunter.

Die Tür wurde geöffnet, und er erfreute sich wie jeden Morgen an seiner schönen Sekretärin. »Guten Morgen, Lil«, grüßte er.

Das warmherzige Lächeln, das sie zu seiner Begrüßung aufgelegt hatte, erstarb.

»Geben Sie mir Ihren Mantel«, sagte sie streng. »Er stinkt nach Kordit. Und nennen Sie mich nicht Lil. Sie wissen, dass ich das hasse.«

Bond legte seinen Mantel ab und reichte ihn ihr. »Wenn man Loelia Ponsonby heißt, sollte man sich besser an einen Spitznamen gewöhnen.«

Er stand neben ihrem Schreibtisch in dem kleinen Vorraum. Irgendwie war es ihr gelungen, ihn gemütlicher und weniger wie ein Büro aussehen zu lassen. Er beobachtete, wie sie seinen Mantel in der Nähe des offenen Fensters aufhängte.

Sie war hochgewachsen, dunkelhaarig und hatte eine zurückhaltende Schönheit, der der Krieg und fünf Jahre beim Secret Service einen Hauch von Strenge verliehen hatten. Zum hundertsten Mal dachte Bond, dass sie wegen ihrer kühlen, autoritären Art in naher Zukunft dem Heer alter Jungfern beitreten würde, die mit ihrer Karriere verheiratet waren, wenn sie nicht bald einen Ehemann oder Liebhaber fand.

Bond hatte ihr das auch schon oft gesagt und mit zwei anderen Kollegen der Doppelnullabteilung entschiedene Angriffe auf ihre Tugend getätigt. Doch sie hatte alle mit der gleichen kühlen Mütterlichkeit (die die Männer, um ihre Egos zu pflegen, unter sich als Frigidität bezeichneten) abgetan. Am nächsten Tag bedachte Miss Ponsonby sie jedoch stets mit kleinen Aufmerksamkeiten und Zuwendungen, um ihnen das Gefühl zu geben, dass es eigentlich ihre Schuld gewesen war und sie ihnen verziehen hatte.

Dabei hatten sie keine Ahnung, dass sie sich jedes Mal, wenn sie in einem gefährlichen Auftrag unterwegs waren, schrecklich um sie sorgte und dass sie sie alle gleich liebte. Doch sie hatte nicht vor, sich emotional auf einen Mann einzulassen, der nächste Woche tot sein konnte. Und es stimmte, dass eine Anstellung beim Secret Service einer Art Leibeigenschaft gleichkam. Als Frau blieb nicht mehr viel von einem für andere Beziehungen übrig. Für die Männer war es einfacher. Sie hatten die perfekte Ausrede für flüchtige Affären. Wenn sie im Außendienst arbeiteten, standen Ehe, Kinder und ein Zuhause außer Frage. Aber als Frau wurde man durch eine Affäre außerhalb des Service automatisch zu einem »Sicherheitsrisiko«, und letztendlich hatte man nur die Wahl, zu kündigen und ein normales Leben zu führen, oder zu akzeptieren, dass man mit Krone und Vaterland verheiratet war.

Loelia Ponsonby wusste, dass der Moment der Entscheidung näher rückte, und all ihre Instinkte rieten ihr, sich aus dem Staub zu machen. Doch das tägliche Drama dieser romantisch-abenteuerlichen Welt, in der sie sich wie eine Art Florence Nightingale fühlen konnte, verband sie immer fester mit der Gesellschaft der andere Frauen im Hauptquartier, und jeden Tag erschien es ihr schwieriger, die Vaterfigur, zu der der Secret Service für sie geworden war, durch eine Kündigung zu verraten.

Außerdem war sie eine der am meisten beneideten Frauen im Gebäude und gehörte der kleinen Gruppe leitender Sekretärinnen an, die Zugang zum Allerheiligsten hatten. Hinter ihrem Rücken nannten die anderen Mädchen sie die »Perlenketten-und-Twinset«-Fraktion, um auf ihre vermeintlich bessere Herkunft anzuspielen. Soweit es die Personalabteilung betraf, war sie dazu bestimmt, in spätestens zwanzig Jahren auf der Neujahrsehrenliste zu stehen, zwischen Beamten der Fischereibehörde, der Post und des Fraueninstituts, denen der Orden des Britischen Königreiches verliehen wurde: »Miss Loelia Ponsonby, Leitende Sekretärin des Verteidigungsministeriums.«

Sie wandte sich vom Fenster ab. Sie trug eine pink-weiß gestreifte Bluse und einen schlichten dunkelblauen Rock.

Bond lächelte in ihre grauen Augen. »Ich nenne Sie doch nur montags Lil«, sagte er. »Und den Rest der Woche Miss Ponsonby. Aber ich werde Sie niemals Loelia nennen. Das klingt einfach zu sehr nach einem unanständigen Limerick. Haben Sie Nachrichten für mich?«

»Nein«, erwiderte sie kurz angebunden. Dann gab sie nach: »Aber auf Ihrem Schreibtisch liegt stapelweise Zeug. Nichts Dringendes. Aber davon eine Menge. Oh, und die Gerüchteküche besagt, dass 008 rausgekommen ist. Er befindet sich momentan in Berlin und erholt sich. Ist das nicht wunderbar?«

Bond drehte sich zu ihr um. »Wann haben Sie das gehört?«

»Vor etwa einer halben Stunde«, antwortete sie.

Bond öffnete die innere Tür zum großen Büro mit den drei Schreibtischen, und schloss sie hinter sich. Er stellte sich ans Fenster und sah auf das späte Frühlingsgrün der Bäume im Regent’s Park hinaus. Also hatte Bill es doch geschafft. Peenemünde und zurück. Der Teil mit dem Ausruhen in Berlin klang weniger gut. Musste ganz schön zugerichtet sein, der Arme. Aber Bond würde auf weitere Neuigkeiten aus dem einzigen Informationsleck des Gebäudes warten müssen, gegen das das Sicherheitspersonal nichts ausrichten konnte – die Damentoilette.

Bond seufzte. Er setzte sich an seinen Schreibtisch und zog den Stapel brauner Aktenmappen zu sich herüber, auf denen der rote Stern prangte, der »streng geheim« bedeutete. Und was war mit 0011? Vor zwei Monaten war er in einem Amüsierviertel in Singapur verschwunden. Seitdem hatte man nichts mehr von ihm gehört. Während er, Bond, Nummer 007 und Dienstältester der drei Männer, die sich die Doppelnull verdient hatten, an seinem komfortablen Schreibtisch saß, Papierkram erledigte und mit ihrer Sekretärin flirtete.

Er zuckte mit den Schultern und schlug entschlossen die oberste Aktenmappe auf. Darin befand sich eine detaillierte Karte von Südpolen und dem nordöstlichen Deutschland. Das Besondere daran war eine gewundene rote Linie, die Warschau mit Berlin verband. Dahinter steckte ein langes, mit Schreibmaschine geschriebenes Memorandum mit der Überschrift: Die Hauptstrecke: Eine etablierte Fluchtroute von Ost nach West.

Bond zog sein schwarzes Zigarettenetui und sein Ronson-Feuerzeug heraus und legte sie neben sich auf den Schreibtisch. Er zündete sich eine seiner Zigaretten mit den drei goldenen Ringen an, die die Firma Morlands in der Grosvenor Street extra für ihn herstellte. Dann machte er es sich auf dem gepolsterten Drehsessel bequem und begann zu lesen.

Es war der Anfang eines typischen Arbeitstages für Bond. Es kam nur zwei, drei Mal im Jahr vor, dass ein Auftrag nach seinen besonderen Fähigkeiten verlangte. Den Rest des Jahres hatte er die Pflichten eines gelassenen Beamten im höheren Dienst zu erfüllen. Flexible Arbeitszeiten von ungefähr zehn bis achtzehn Uhr; eine Mittagspause, die er meistens in der hauseigenen Kantine verbrachte; abends spielte er Karten, manchmal mit ein paar engen Freunden zu Hause, manchmal im Casino. Oder er schlief auf recht leidenschaftslose Art mit einer von drei willigen verheirateten Frauen. Am Wochenende war er oft in einem der Golfclubs um London herum zu finden, wo er um hohe Einsätze spielte.

Er nahm sich nie frei, bekam aber normalerweise nach jedem Auftrag zwei Wochen Sonderurlaub – zusätzlich zu jeder Genesungszeit, die möglicherweise notwendig war. Er verdiente jährlich tausendfünfhundert Pfund, das Gehalt eines leitenden Angestellten im öffentlichen Dienst, und erhielt zudem tausend Pfund im Jahr steuerfrei zur eigenen Verfügung. Während eines Auftrags konnte er so viel ausgeben, wie er wollte, also kam er die übrigen Monate des Jahres mit seinen verbleibenden zweitausend Pfund Nettoverdienst gut aus.

Er besaß eine kleine, aber gemütliche Wohnung an der King’s Road, eine betagte schottische Haushälterin – ein Goldstück namens May – und ein 1930er 4½-Liter Bentley Coupé Cabriolet, das er stets gut in Schuss hielt und das bis zu hundertsechzig Stundenkilometer erreichte, wenn Bond wollte.

Für diese Dinge gab er all sein Geld aus, denn er hatte vor, möglichst wenig auf seinem Konto zu haben, wenn er getötet wurde. Was, wie er in depressiven Momenten zu wissen glaubte, noch vor seinem fünfundvierzigsten Geburtstag der Fall sein würde.

Er hatte noch acht Jahre vor sich, bevor er automatisch von der Liste der Doppelnullagenten genommen wurde und einen reinen Schreibtischjob im Hauptquartier bekam. Was mindestens noch acht schwierige Aufträge bedeutete. Wahrscheinlich eher sechzehn. Im Extremfall vierundzwanzig. Zu viele.

Als Bond damit fertig war, sich die Einzelheiten der »Hauptstrecke« einzuprägen, lagen im großen Glasaschenbecher fünf Zigarettenstummel. Mit einem roten Stift in der Hand ging er die Verteilerliste auf dem Umschlag durch. Die Liste begann mit »M«, dann folgte »SC«, dann folgte ein Dutzend weiterer Buchstaben und Zahlen und dann am Ende »00«. Dort setzte er ein akkurates Häkchen, schrieb die Zahl 7 dazu und warf die Aktenmappe in die Ablage für Ausgänge.

Es war zwölf Uhr. Bond nahm die nächste Aktenmappe vom Stapel und schlug sie auf. Sie stammte von der Funkaufklärungsabteilung der NATO, war mit »Zur Kenntnisnahme« gekennzeichnet und mit »Funksignaturen« betitelt.

Bond zog den Rest des Stapels zu sich und warf einen Blick auf die jeweils ersten Seiten. Die Überschriften lauteten folgendermaßen:

Das Inspektoskop – Ein Gerät zum Aufspüren von Schmuggelware.

Philopon – Eine japanische Morddroge.

Mögliche Verstecke in Zügen. Nr. II. Deutschland.

Die Methoden von SMERSCH. Nr. 6. Entführung.

Route fünf nach Peking.

Wladiwostok. Eine fotografische Luftaufklärung durch einen US-Thunderjet.

Bond war von der seltsamen Mischung, die man ihm vorgesetzt hatte, nicht weiter überrascht. Die Doppelnullabteilung des Secret Service beschäftigte sich nicht mit den aktuellen Operationen der anderen Sektionen und Abteilungen, sondern nur mit Hintergrundinformationen, die sich für die einzigen drei Männer im Service, zu deren Aufgaben das Töten gehörte, als nützlich oder lehrreich erweisen mochten. An diesen Akten war nichts Dringliches. Von ihm und seinen beiden Kollegen wurde nichts anderes erwartet, als die Laufzettel zu unterschreiben, was 008 und 0011 zweifellos tun würden, wenn sie das nächste Mal im Hauptquartier waren. Wenn die Doppelnullabteilung damit fertig war, würden sie an ihrem endgültigen Bestimmungsort, nämlich im Archiv, landen.

Bond wandte seine Aufmerksamkeit wieder der NATO-Akte zu.

»Die fast unvermeidliche Art und Weise«, las er, »auf die Individualität durch winzige Verhaltensmuster enthüllt werden kann, wird von der ‚Handschrift‘ jedes Funkers demonstriert. Diese ‚Handschrift‘, oder individuelle Art, Botschaften zu morsen, ist unverwechselbar und von geübten Empfängern genau zuzuordnen. Sie lässt sich außerdem durch sehr sensible Mechanismen messen. Zur Erläuterung: 1943 nutzte die Funkaufklärung der Vereinigten Staaten diese Tatsache zu ihrem Vorteil, um eine feindliche Station in Chile aufzuspüren, die von ‚Pedro‘, einem jungen Deutschen, bedient wurde. Als die chilenische Polizei die Station umstellte, konnte ‚Pedro‘ entkommen. Ein Jahr später machten Experten einen neuen illegalen Sender ausfindig und waren in der Lage, ‚Pedro‘ als Betreiber zu identifizieren. Um seine ‚Handschrift‘ zu verbergen, funkte er mit der linken Hand, doch die Tarnung war nicht effektiv, und er wurde festgenommen.

Die Funkaufklärung der NATO hat vor Kurzem mit einer Art ‚Verzerrer‘ experimentiert, der an das Handgelenk des Funkers angebracht werden kann und im Minutentakt die Nervenzentren beeinflusst, die die Muskeln der Hand kontrollieren. Allerdings …«

Auf Bonds Schreibtisch standen drei Telefone. Ein schwarzes für Anrufe von außen, ein grünes Bürotelefon und ein rotes, das nur mit M und seinem Stabschef verbunden war. Es war der vertraute Summton des roten, der die Stille im Raum unterbrach.

Es war Ms Stabschef.

»Können Sie hochkommen?«, fragte die angenehme Stimme.

»M?«, erwiderte Bond.

»Ja.«

»Geben Sie mir einen Hinweis?«

»Er hat lediglich gesagt, dass er Sie gerne sehen würde, wenn Sie im Haus wären.«

»Also gut«, antwortete Bond und legte auf.

Er schnappte sich seinen Mantel, sagte seiner Sekretärin, dass er zu M gehen würde und sie nicht auf ihn warten solle, verließ sein Büro und ging den Flur entlang zum Aufzug.

Während er wartete, dachte er an die anderen Male, als das rote Telefon während eines ereignislosen Tages plötzlich die Stille durchbrochen und ihn aus der einen Welt in eine andere versetzt hatte. Er zuckte mit den Schultern – Montag! Er hätte Ärger erwarten sollen.

Der Aufzug kam. »Neunter Stock«, sagte Bond und trat ein.

2

DER KOLUMBIT-KÖNIG

Das neunte war das oberste Stockwerk des Gebäudes. Ein Großteil davon wurde von der Kommunikationsabteilung eingenommen, dem handverlesenen Team aus Funkern, die sich allein für elektromagnetische Wellen, Sonnenflecken und die Heaviside-Schicht interessierten. Über ihnen auf dem Flachdach befanden sich die drei gedrungenen Masten der leistungsstärksten Transmitter in ganz England. Benannt wurden sie auf der großen bronzenen Informationstafel in der Eingangshalle mit den Worten »Radio Tests Ltd.«. Die anderen Abteilungen waren als »Universal Export Co.«, »Delaney Bros. (1940) Ltd.«, »The Omnium Corporation« und »Auskunft (Miss E. Twining, OBE)« ausgewiesen.

Miss Twining war echt. Vierzig Jahre zuvor war sie eine Loelia Ponsonby gewesen. Nun war sie im Ruhestand und verbrachte ihre Tage damit, in einem kleinen Büro im Erdgeschoss Anzeigenblättchen zu zerreißen, die Steuern ihrer geisterhaften Mieter zu bezahlen, und auf höfliche Weise Geschäftsmänner und andere Leute abzuwimmeln, die etwas exportieren oder ihre Radios reparieren lassen wollten.

Im neunten Stock war es immer sehr ruhig. Während Bond aus dem Fahrstuhl stieg und nach links durch den mit weichem Teppichboden ausgelegten Flur zu der mit grünem Filz bezogenen Tür ging, die zu den Büros von M und seinem persönlichen Stab führte, war das einzige Geräusch, das er hörte, ein hohes Fiepen, das so leise war, dass man es leicht überhören konnte.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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