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Jessica hat es geschafft, ihre Farm »Seven Hills« wieder neu aufzubauen. Doch das Schicksal verschont sie nicht: Sie erwartet ein Kind – von ihrem Halbbruder Kenneth, für den sie seit jeher nur Hass empfindet. Um vor der Schande zu fliehen, sieht sie nur einen Ausweg: Sie kehrt zurück in ihre Heimat, nach England. Dort wird sie endlich auch die Gelegenheit haben, mit ihrer Familie abzurechnen. Band 8 der Jessica-Reihe von Ashley Carrington.
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Seitenzahl: 405
Veröffentlichungsjahr: 2018
Ashley Carrington
Im Sturmwind der Leidenschaft
Roman
Für R.M.S., Spiegel meiner Seele, Quelle meiner Kraft.
Dezember 1808
»Sogar die guten Nachrichten, die ich für Jessica Brading habe, sind noch schlechte Nachrichten«, murmelte William Hutchinson vor sich hin, während er am Fenster seines Bürozimmers stand und ihr Kommen erwartete. »Es ist ungerecht, dass sich das Schicksal so sehr gegen einen Menschen verschwört. Zum Teufel noch mal, sie hat es am wenigsten von uns allen verdient.«
Mit kummervoller Miene blickte der Anwalt, der wie seine Klientin vor fast einem Jahrzehnt als Sträfling nach Australien gekommen war und hier einen neuen Anfang gemacht hatte, auf die weite tiefblaue Bucht von Sydney hinaus, die im Licht des schwindenden Sommertags lag. Das Wissen, dass ein anderer die Früchte ihrer langjährigen Plackerei ernten würde, schmerzte ihn. Reichte es denn noch nicht, dass sie schon die Comet, ihren Schoner mit zwanzig Tonnen Wolle und mehrere tausend Schafe verloren hatte sowie bei dem verbrecherischen Brandanschlag auf ihre Farm Seven Hills beinahe ums Leben gekommen wäre? Musste sie jetzt auch noch ihre Beteiligung an der Pacific und ihr neu gebautes Geschäftshaus in Sydney verkaufen, um nicht ihre Farm in Gefahr zu bringen?
Ein stolzer Dreimaster näherte sich unter gerefften Segeln vom Meer her. Der Hafen der Sträflingskolonie galt als einer der schönsten und sichersten Ankerplätze der Welt. Der Bug des schlanken Schiffs schnitt durch die in der Abendsonne glitzern den Fluten, während die Matrosen die Takelage aufenterten und über die Rahen turnten, um das Segeltuch einzuholen. Aus ihrer schwindelerregenden Höhe bot sich ihnen ein ausgezeichneter Ausblick auf die größte Stadt der vor zwanzig Jahren gegründeten Kolonie New South Wales.
Längst gehörte die Zeit der Vergangenheit an, da Sydney nichts weiter als eine planlose und wenig einladende Ansammlung von einfachen Zelten, Lehmhütten und einigen wenigen Holzbaracken gewesen war. Die primitive Pionierzeit der ersten Jahre war vorbei, zumindest hier an der Küste. Wenn die Straßen auch noch ungepflastert und daher im Sommer staubig und im Winter schlammig und Sträflingskolonnen überall gegenwärtig waren, so hatte diese Siedlung mittlerweile doch den Eindruck einer provisorischen Niederlassung mit zweifelhafter Zukunft verloren. Es hatte Jahre gegeben, da hatten Naturkatastrophen Hungersnöte hervorgerufen und die junge Kolonie an den Rand der physischen Vernichtung geführt. Im Kolonialamt in London hatte es lange Zeit so ausgesehen, als würden die Pessimisten recht behalten, die New South Wales keine Überlebenschance gaben und einen baldigen Zusammenbruch der »Sträflingskolonie am Ende der Welt« prophezeiten. Doch diese Skeptiker waren schon vor Jahren verstummt.
Sydney hatte sich rund um die keilförmige, hügelige Bucht zu einer stetig wachsenden, geschäftigen Pionierstadt mit all ihren guten wie schlechten Seiten entwickelt. Der Zustrom der freien Siedler und Kaufleute, die in Australien ihr Glück suchten und es häufig auch fanden, hatte in den letzten Jahren enorm zugenommen. Und es kamen längst nicht mehr nur die Mittellosen und in der alten Heimat Gescheiterten. Dies schlug sich auch in den zahlreichen Werkstätten, Kontoren, Lagerhäusern, Geschäften und Wohnhäusern nieder, die nun nicht mehr wie früher aus geflochtenen Zweigen und Lehm innerhalb von wenigen Tagen errichtet wurden, sondern als solide dauerhafte Gebäude aus Holz oder aus Sandstein und Ziegel. Die vielen stattlichen Privathäuser auf dem sanft ansteigenden Ostufer, dem besten Wohnviertel der Stadt, wo sich ebenfalls die Residenz des vor fast einem Jahr gestürzten Gouverneurs Bligh befand, gaben ein deutliches Zeugnis vom wirtschaftlichen Aufschwung ab – wie auch die zahlreichen Lagerschuppen, Kornspeicher, Kontore und Werften entlang der Hafenanlagen.
Doch Sydney hatte auch sein hässliches Gesicht, und das fand man in den Sträflingsunterkünften sowie auf dem felsigen Westufer. Hier erstreckten sich die berüchtigten Rocks, ein labyrinthisches Lasterviertel, das sich allen nur erdenklichen Ausschweifungen verschrieben hatte. Dass die Festung der Bewachungs- und Schutztruppe der Kolonie, das verhasste New South Wales Corps, direkt über diesem Viertel thronte und die Soldatenbaracken in unmittelbarer Nähe lagen, hatte zynischen Symbolcharakter. Denn die korrupten Soldaten beherrschten nicht nur die Kolonie, sondern sie förderten jede Art von Laster, die in irgendeinem Zusammenhang mit Rum stand.
Die Offiziere des Corps und einige mit ihnen befreundete Händler hatten sich das Rum-Monopol gesichert. Sie kontrollierten den Import von Alkohol und verkauften ihn mit bis zu tausend Prozent Gewinn an die Schankwirte weiter. Rum war zu einer inoffiziellen Währung geworden, denn jeder Sträfling hatte Anspruch auf seine tägliche Rumration, sodass auch die Farmer, die fast ohne Ausnahme Sträflinge beschäftigten, Rum kaufen mussten.
Gouverneur Bligh, der ehemalige Captain des Meutererschiffs Bounty, hatte die Macht des sogenannten Rum-Corps brechen und in der Kolonie Recht und Ordnung durchsetzen wollen. Doch wie seine Vorgänger war auch er an der Macht der Offiziere gescheitert. Unter einem fadenscheinigen Vorwand hatte die korrupte Offiziersclique im Januar, am zwanzigsten Jahrestag der Kolonie, die Residenz des Gouverneurs besetzt, Bligh gestürzt, unter Arrest gestellt und damit auch ganz offiziell die Herrschaft über New South Wales an sich gerissen.
William Hutchinson seufzte und verdrängte die Gedanken an die Willkürherrschaft des Rum-Corps. Irgendwann würde auch diese unerfreuliche Ära ihr Ende finden, dafür würde schon das Kolonialamt sorgen, auch wenn es sich damit viel Zeit ließ. Was war seit jener ersten Sträflingsflotte vor gut einundzwanzig Jahren nicht schon alles geschehen! Wie hatte sich das Gesicht der Kolonie allein in den zehn Jahren verändert, die er schon in diesem Land war – diesem sonnendurchglühten und immer noch wilden Land, wovon die Farmer im Landesinneren ein Lied zu singen wussten. Jessica Brading beispielsweise. Ihre Farm am Hawkesbury River, gut vierzig Meilen von der Küste entfernt, lag im Buschland, das den mutigen Siedlern seine eigenen, strengen Gesetze diktierte. Wer dort nicht nur überleben, sondern eine ertragreiche Farm wie Seven Hills mit tausenden Morgen Land aufbauen und halten wollte, musste aus einem ganz besonderen Holz geschnitzt sein und einen zähen, unbeugsamen Willen haben. Jessica Brading besaß ihn, und dennoch war auch sie nicht vor Schicksalsschlägen gefeit.
Der Anwalt beobachtete, wie der Dreimaster in Ufernähe beidrehte und der Anker ins Wasser klatschte. Es war ein britischer Kauffahrer, der vor vielen Monaten einen englischen Hafen verlassen hatte und auf der Route über das Kap der Guten Hoffnung nach Australien gesegelt war. Er wünschte, es wäre die Pacific gewesen, die von einer erfolgreichen Walfangfahrt zurückkehrte und da vor Anker ging. Dann wäre Jessica gerettet gewesen und brauchte Brading’s nicht zu verkaufen.
Es klopfte.
William Hutchinson fuhr aus seinen trüben Gedanken auf und wandte sich um. »Ja, bitte?«, rief er.
Sein Hausmädchen Edna öffnete die Tür. »Missis Brading wünscht Sie zu sprechen«, meldete sie ihm Jessicas Ankunft.
»Führ sie herein, Edna«, forderte er sie auf und atmete tief durch. Was hätte er dafür gegeben, wenn er ihr am Vorabend ihrer Geschäftseröffnung eine wirklich gute Nachricht hätte übermitteln können. Dass das Leben nicht viel auf die eigenen Wünsche gab, hatte er am eigenen Leib deutlich genug erfahren. Doch manchmal war es geradezu unerträglich ungerecht.
Jessica trug ein Kleid aus leichtem lindfarbenem Musselin, das mit seinem reizenden Ausschnitt und dem großzügigen Faltenwurf den sommerlichen Temperaturen des Tages angepasst war und zugleich ihre aparte Schönheit nachdrücklich unterstrich. Ihrer schlanken, betörend weiblichen Figur sah man nicht an, dass sie schon Mutter von zwei Kindern war. Blondes, leicht gelocktes Haar fiel ihr bis auf die halb entblößten Schultern. Ein freundliches Lächeln lag auf ihrem zartgeschnittenen Gesicht mit den ausdrucksstarken Augen, deren ungewöhnliche Farbe den Anwalt stets an Smaragde erinnerte. Ihnen konnte ein Mann nur allzu leicht verfallen.
»Ich hoffe, ich habe Sie nicht zu lange warten lassen, Mister Hutchinson«, sagte Jessica bei ihrem Eintreten und fügte entschuldigend hinzu: »Ich saß schon in der Kutsche, als mein Geschäftsführer mich noch einmal aufhielt.«
Er nahm ihre Hand mit einem warmherzigen Lächeln. »Aber Missis Brading! Auf eine Frau wie Sie wartet doch jeder Mann mit dem größten Vergnügen«, machte er ihr ein Kompliment, das von Herzen kam.
Sie zog leicht spöttisch die Augenbrauen hoch. »Wenn Sie mir Komplimente machen, kommt mich das meistens teuer zu stehen«, erwiderte sie betont munter, obwohl ihr in Wirklichkeit gar nicht danach zumute war. Aber was half es, wenn sie ihre Sorgen und Kümmernisse offen zur Schau trug? Dinge, die sich nicht ändern ließen, musste man mit Anstand tragen, so schwer es einem auch fallen mochte. Sie war noch nie vor der Verantwortung geflüchtet und würde es auch diesmal nicht tun. Zudem war sie sich des geschäftlichen Risikos, das sie eingegangen war, ja von Anfang an bewusst gewesen.
»Sie tun mir in höchstem Maße unrecht«, gab er sich betroffen, während jedoch ein Lächeln seine Mundwinkel umspielte. »Es mag Kunden geben, die für Schmeicheleien empfänglich sind und sie nicht mit einer widersprüchlichen Wirklichkeit in Einklang zu setzen vermögen. Doch zu diesen gehören Sie wahrhaftig nicht. Außerdem sind Schmeicheleien bei Ihnen völlig fehl am Platz, dafür hat die Natur schon auf bezaubernde Weise Sorge getragen, Missis Brading.«
Jessica lachte belustigt auf und nahm auf dem gepolsterten Sessel vor seinem Schreibtisch Platz. Sie mochte William Hutchinson, einen Mann Anfang fünfzig, und schätzte ihn als Anwalt und Berater. Dabei sah er nicht so aus, als verstünde er etwas von seinem Gewerbe. Hager, blassgesichtig, mit den Hamsterbacken und dem verschleierten Blick einer müden Eule, machte er vielmehr den Eindruck eines kraftlosen, unfähigen Mannes, dem man bestenfalls Routinesachen anvertrauen konnte. Zudem hegte er eine Vorliebe für schwarze, schlecht sitzende Anzüge, was seinem äußeren Erscheinungsbild eine zusätzlich wenig vertrauenserweckende Note gab. In Wirklichkeit nannte William Hutchinson jedoch einen messerscharfen Verstand sein Eigen, zu dem sich bestes fachliches Wissen, ein wacher Geschäftssinn sowie eine ausgezeichnete Menschenkenntnis gesellten.
»Nun, was haben Sie bei Mister Jarway erreicht?«, erkundigte sich Jessica, ohne sich mit langen Vorreden aufzuhalten. Clive Jarway war im Kreditgewerbe tätig, und sie hatte den Anwalt beauftragt, ihm ihre zwanzigprozentige Beteiligung an dem Walfänger Pacific zum Kauf anzubieten.
»Er ist bereit, die Beteiligung zu übernehmen«, begann William Hutchinson.
Jessica verzog das Gesicht. »Das wundert mich nicht. Immerhin sind zweitausend Pfund für einen Fünftel-Anteil an einem stattlichen Walfänger wirklich spottbillig. Eigentlich hätte ich das Doppelte verlangen müssen. Denn dass wir damals so billig an unsere Beteiligung gekommen sind, verdanken wir ja einem Glücksfall«, sagte sie.
Der Anwalt, der sich in derselben Höhe an der Pacific beteiligt hatte, nickte mit bedrücktem Gesichtsausdruck. »Sie haben recht, Missis Brading, viertausend wären immer noch ein gutes Geschäft, aber …« Er zögerte.
Jessica furchte die Stirn. Seine Miene verriet nichts Gutes. Unwillkürlich zog sich ihr der Magen zusammen. »Aber was?«, fragte sie.
»Er bietet Ihnen noch nicht einmal mehr die zweitausend, sondern nur fünfzehnhundert«, übermittelte er ihr das Angebot des Geldverleihers.
»Fünfzehnhundert! Das kann er doch nicht machen! Da kann ich meine Beteiligung ja auch gleich verschenken!«, empörte sie sich.
Er hob in einer Gebärde der Ohnmacht Hände und Schultern. »Es tut mir leid, aber mehr will er nicht zahlen. Ich habe ihm nach besten Kräften zugesetzt, konnte ihn jedoch nicht zu einer höheren Summe bewegen. Schiffsbeteiligungen wären immer ein hohes Risiko, erklärte er, zumal bei Walfängern. Da hänge viel vom Glück ab, wie schnell das Schiff auf Wale stoße und wie gut die Harpunierer seien.«
»Aber bei zweitausend Pfund für ein Fünftel Gewinn ist das doch dummes Geschwätz! Besonders bei der Pacific, die erst vor ein paar Jahren vom Stapel gelaufen ist und mit Samuel Morgan einen mehr als gut beleumundeten Captain hat! Allein der Profit aus einer einzigen erfolgreichen Fahrt kann sich auf zehntausend Pfund und mehr belaufen! Von wegen Risiko! Man muss nur warten können!«, erregte sie sich.
»Wem sagen Sie das«, seufzte der Anwalt. »Dasselbe habe ich ihm mehr als einmal und in aller Ausführlichkeit vorgehalten. Aber es hat nichts gefruchtet. Über fünfzehnhundert geht er nicht hinaus.«
»Verdammter Halsabschneider!«, stieß Jessica wütend hervor. »Für fünfzehnhundert verkaufe ich nicht!«
Er warf ihr einen mitfühlenden Blick zu, denn er wusste, dass ihr gar nichts anderes übrig blieb, als Clive Jarways Angebot anzunehmen. »Wenn es meine finanziellen Verhältnisse erlauben würden, würde ich nicht zögern, Ihnen einen Kredit über zweitausend Pfund auf Ihre Beteiligung einzuräumen. Aber bedauerlicherweise kann ich im Augenblick nur über wenige hundert Pfund disponieren.«
Sie machte eine ungehaltene Geste. »Ihre Hilfsbereitschaft steht hier nicht zur Debatte.«
»Dennoch bedaure ich es, denn in diesem Fall ließe sich Hilfsbereitschaft mit einem guten Geschäft verbinden.«
»Mister Jarway hat mir zwar einen Kredit eingeräumt, aber die Rückzahlung ist erst im nächsten Jahr fällig! Er soll nur nicht glauben, ich müsste an ihn verkaufen!«, sagte sie grimmig. »Wir werden schon einen anderen Interessenten finden, der einen fairen Preis zu zahlen bereit ist.«
Hutchinson nickte bedächtig. »Das wäre theoretisch durchaus möglich«, räumte er ein.
Jessica blieb der Vorbehalt in der Stimme des Anwalts nicht verborgen.
»Aber aus irgendeinem Grund ziehen Sie diese Alternative nicht in Betracht, nicht wahr?«, fragte sie und ahnte bereits, dass es mit den schlechten Nachrichten noch kein Ende hatte. »Was haben Sie mir denn noch mitzuteilen, Mister Hutchinson? Nur heraus damit! Ich bin in letzter Zeit an Hiobsbotschaften gewöhnt.« Bitterkeit sprach aus ihrer Stimme.
Der Anwalt griff zu einem Stück Siegellack und betrachtete es eingehend, als erhoffte er sich davon eine Offenbarung, die ihn davor bewahrte, ihr eine weitere schlechte Nachricht zu überbringen. »Mister Jarway ist ein gut informierter Mann und neben mir und Ihrem Verwalter, Mister McIntosh, vermutlich der Einzige, der weiß, wie prekär Ihre finanzielle Situation ist. Dass dieses Verbrecherpack, das Mister Hawkley angeheuert hatte, mehrere tausend Schafe auf Seven Hills abgeschlachtet und zudem den gesamten Hof niedergebrannt hat, war ihm lange bekannt. Und über Ihr sehr kostspieliges Unternehmen hier in Sydney, die Errichtung eines großen Geschäftshauses, war er ebenfalls unterrichtet …«
»Natürlich!«, fiel sie ihm ungeduldig ins Wort. »Deshalb bat ich ihn ja auch um einen kurzfristigen Kredit. Der Neubau und der Ankauf von genügend Waren haben eine Menge Geld verschlungen.«
Hutchinson nickte. »In der Tat. Aber dennoch hätten Sie Brading’s gewiss halten können, wenn die Comet mit ihrer Ladung von zwanzig Tonnen bester Wolle Sydney sicher erreicht hätte. Mit dem Erlös hätten Sie Ihre Kredite zurückzahlen und Ihren anderen finanziellen Verbindlichkeiten gerecht werden können«, fuhr er bedrückt fort. »Doch das Schicksal wollte es anders. Der Schoner ist an einem Riff zerschellt und samt der kostbaren Fracht gesunken. Und diesen Verlust können Sie nicht ohne Weiteres wegstecken. Sie befinden sich jetzt in einer akuten Notlage, die Ihre Verhandlungsmöglichkeiten extrem einschränkt.«
»Sie erzählen mir damit nichts Neues«, sagte Jessica beherrscht. »Ich weiß, dass ich das Geschäft in Sydney nicht halten kann.«
Der Anwalt sah ihr offen ins Gesicht. »Und Mister Jarway weiß es auch. Das ist die schlechte Nachricht, die ich Ihnen mitteilen muss. Denn dass Sie das Haus samt dem neuen Geschäft erst im nächsten Jahr zu verkaufen gedenken, hatten wir ja noch einige Zeit geheim halten wollen, da wir auf einen guten Umsatz und damit auf eine starke Verhandlungsposition spekuliert haben. Damit ist es nun vorbei. Mister Jarway wittert ein blendendes Geschäft, und er hat seine Krallen schon in Ihrem Fleisch, wenn ich mir diesen drastischen Vergleich erlauben darf. Aber als Ihr Anwalt ist es meine Pflicht, Ihnen reinen Wein einzuschenken.«
Jessica wurde blass, denn ihr dämmerte, was hinter seinen Worten lag. »Wollen Sie damit sagen, dass er nicht nur meine Beteiligung an der Pacific will, sondern auch Brading’s?«, fragte sie mit belegter Stimme.
Er nickte. »Ja, so verhält es sich. Er will beides – oder gar nichts. Und ich fürchte, Sie werden ihm beides überlassen müssen.«
Sie lachte freudlos auf. »Das hätte er vielleicht gerne! Doch er kann mich nicht zwingen, an ihn zu verkaufen – und er kann schon gar nicht den Zeitpunkt bestimmen!«
»Einerseits ist das richtig, doch andererseits auch wieder nicht«, entgegnete der Anwalt. »Sicherlich liegt es in Ihrer freien Entscheidung, wann und an wen Sie verkaufen. Doch Mister Jarway kann Ihnen die Daumenschrauben anlegen und Sie zum großen Verlierer machen, auch ohne letztlich der Käufer zu sein.«
»Und wie will er das anstellen?«
»Indem er Ihnen keine Zeit lässt, das Geschäft der nächsten Wochen abzuwarten und in aller Ruhe einen seriösen Käufer zu finden. Er hat mir unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass er sein Wissen nicht länger für sich behalten, sondern es in den entsprechenden Kreisen verbreiten wird«, erläuterte er das geplante Vorgehen von Clive Jarway. »Welche Folgen das hat, können Sie sich ja vorstellen. New South Wales ist eine kleine Kolonie, und die Zahl möglicher Aufkäufer für ein Objekt dieser Art ist dementsprechend gering. Wenn nun bekannt wird, dass Ihnen das Wasser bis zum Hals steht und Sie in wenigen Monaten nicht einmal mehr in der Lage sind, Ihre fälligen Kredite zu zahlen, wird das unweigerlich dazu führen, dass man Sie so lange zappeln lassen wird, bis Sie jeden Kaufpreis akzeptieren.«
»Dieses Schwein!«, zischte Jessica.
»Eine passende Bezeichnung für menschliche Aasgeier seiner Art«, pflichtete er ihr bei. »Nur ändert das nichts an den Tatsachen, Missis Brading. Clive Jarway hat die besseren Karten in der Hand. Wenn Sie das Geschäft nicht mit ihm machen, wird Ihr Verlust um einiges größer ausfallen, als wenn Sie mit ihm handelseinig werden. Unter diesen erpresserischen Umständen ist sein Angebot fast noch großzügig zu nennen. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch! Ich verabscheue seine Skrupellosigkeit, mit der er Sie unter Druck setzt und Ihre Situation auszunutzen gedenkt. Doch er bewegt sich dabei noch in gewissen Grenzen, die man akzeptieren kann – wenn auch mit einem Zähneknirschen.«
Jessica beherrschte ihren wilden Zorn. »Wie lautet sein Angebot?«, fragte sie knapp.
»Er bietet Ihnen, wie schon gesagt, fünfzehnhundert für Ihre Beteiligung an der Pacific sowie einen Kaufpreis für Brading’s, der zwanzig Prozent unter den nachgewiesenen Baukosten liegt«, teilte Hutchinson ihr mit. »Das Warenlager übernimmt er.«
»Natürlich ebenfalls mit einem Nachlass von zwanzig Prozent, ja?«
Der Anwalt bestätigte ihre Vermutung durch ein Nicken. »Und er will die Beteiligung und das Geschäft – oder aber er wirft Sie der Meute zum Fraß vor, wie er sich wortwörtlich auszudrücken pflegte.«
Jessica schwieg einen Augenblick. Das Geschäft aufgeben zu müssen, in das sie so viel Hoffnungen, Liebe und Arbeit gesteckt hatte, war bitter genug. Doch jetzt auch noch den halsabschneiderischen Forderungen eines Kredithais wie Clive Jarway ohnmächtig ausgeliefert zu sein, erschütterte sie zutiefst.
»Welche Wahl habe ich?«, wollte sie nach einer Weile bedrückenden Schweigens wissen.
»Eigentlich gar keine«, nahm ihr Hutchinson jegliche Illusionen. »Es sei denn, Sie ziehen es in Erwägung, Seven Hills erheblich zu belasten.«
»Ausgeschlossen!«, lehnte Jessica sofort und ohne eine Sekunde nachzudenken ab. »Die Farm werde ich nie und nimmer in die Waagschale werfen! Seven Hills ist mir wichtiger als alles andere! Ich habe meinem Mann noch in der Stunde seines Todes hoch und heilig versprochen, die Farm niemals in Gefahr zu bringen! Eines Tages soll mein Sohn Herr auf Seven Hills sein, und wenn es so weit ist, soll Edward eine blühende Farm ohne Belastungen übernehmen!«
»Ja, das habe ich mir gedacht«, sagte der Anwalt, der wusste, wie viel ihr Seven Hills bedeutete. Jessica war nicht nur eine schöne und mutige Frau, sondern zudem auch noch ungewöhnlich weitsichtig und geschäftstüchtig. Aber bei all ihren geschäftlichen Unternehmungen hatte sie doch nie aus den Augen verloren, was das wahre Zentrum ihrer Welt war – und das hieß Seven Hills. »Und eben deshalb haben Sie keine andere Wahl, als das Angebot anzunehmen. Er lässt Ihnen übrigens drei Tage Bedenkzeit. Wenn Sie den Vertrag, so wie er ihn bestimmt hat, dann nicht unterzeichnen, will er mit seiner Kampagne gegen Sie beginnen.«
»Mein Gott, drei Tage Galgenfrist!« Jessica ließ die Schultern resigniert sinken und schaute auf ihre Hände, die ruhig in ihrem Schoß lagen. »Morgen eröffne ich Brading’s, das erste Geschäft in New South Wales in dieser Größe und mit einem derartig weit gefächerten Warenangebot. Ich dachte immer, es würde ein unvergesslich aufregender und freudiger Tag sein«, sagte sie mehr zu sich selbst. »Ja, wie sehr habe ich mich darauf gefreut, und nun ist es schon vorbei, noch bevor es richtig begonnen hat. Und wissen Sie, was mich besonders schmerzt?«
Er fragte nicht, sondern wartete. Es gab nichts, was er jetzt sagen konnte, um ihren Schmerz zu mildern. Sie musste allein damit fertigwerden.
»Dass ich meinem Geschäftsführer das antun muss«, fuhr Jessica niedergeschlagen fort. »Glenn Pickwick hat genauso viel Anteil an dem, was wir gemeinsam aufgebaut haben – und was morgen dann doch in der Pitt Street sozusagen tot geboren wird. Ohne ihn hätte ich vermutlich noch nicht einmal den kleinen Kolonialwarenladen halten können. Wie engagiert er sich eingesetzt hat! Wissen Sie, Brading’s ist auch sein Traum gewesen. Und er hat seine Constance ganz bewusst erst am heutigen Tag geheiratet, am Tag vor der Geschäftseröffnung. Wenn es auch nur eine ganz kleine, stille Feier war, so sollte es vom Tag her doch in zweifacher Hinsicht ein bedeutsames Datum sein. Das bleibt es wohl, wenn auch in negativem Sinne. Ich komme mir vor, als würde ich ihn verraten und seine Loyalität und seinen unermüdlichen Einsatz mit einem Fußtritt vergelten.«
Hutchinson räusperte sich, um seiner inneren Bewegung Herr zu werden. »Sie wissen, dass dem nicht so ist und von einem Verrat nun wirklich nicht die Rede sein kann. Auch ich schätze Mister Pickwick sehr, da er ein Mann von Charakter ist, und gerade deshalb wird er niemals so von Ihnen denken. Er wird vielmehr verstehen, dass Sie gar nicht anders handeln konnten und der Verkauf mit ihm nicht das Geringste zu tun hat. Zudem besteht ja die Hoffnung, dass Clive Jarway ihn in seiner jetzigen Position belässt.«
»Können wir das als Bedingung stellen?«
»Ich fürchte nein.«
»Richtig, ich befinde mich in einer Lage, in der ich noch nicht einmal das zur Bedingung machen kann«, stellte sie mit schmerzlicher Selbsterkenntnis fest. »Also gut, ich werde an Clive Jarway verkaufen. Möge ihn die Pest heimsuchen!«
»Er ist ein schändlicher Halsabschneider, daran gibt es nicht den geringsten Zweifel«, bekräftigte Hutchinson. »Doch versuchen Sie trotz der Bitterkeit, die dieser erzwungene Verkauf in Ihnen hervorrufen muss, die guten Seiten zu sehen.«
Jessica sah ihn verblüfft an und fragte dann sarkastisch: »Ach, ich soll Clive Jarway vielleicht auch noch dankbar sein, dass er mich der Sorge, wie das Geschäft denn nun anlaufen wird, großzügig enthebt?«
Eine leichte Röte stieg in sein Gesicht. »Nein, das meine ich ganz sicher nicht, Missis Brading. Ich bemühe mich nur, Sie ein wenig aufzumuntern. Dass Sie Brading’s hergeben müssen, schmerzt Sie sehr, das weiß ich. Aber vergessen Sie nicht, dass Ihnen trotz des zwanzigprozentigen Nachlasses immer noch eine beträchtliche Summe Geldes bleibt. Damit können Sie eine Menge anfangen.«
Sie schüttelte den Kopf. »O nein, es reicht hinten und vorne nicht, um noch einmal von Neuem zu beginnen. Außerdem würde fast ein Jahr vergehen, bevor ich wieder ein Geschäft, und dann ein bedeutend kleineres, eröffnen könnte. Ich wäre damit keine ernstzunehmende Konkurrenz.«
»Ich dachte auch weniger an ein neues Geschäft in Sydney als an ein neues Schiff«, erwiderte der Anwalt. »Die Comet hat auf dem Hawkesbury doch gute Gewinne gebracht, und es läge, meine ich, nahe, diesen Frachtverkehr wieder aufzunehmen.«
»Ja, ein neuer Schoner wäre ein kleines Trostpflaster«, gab sie zu und erinnerte sich unwillkürlich daran, dass man mit dem erstklassigen Holz von Van Diemen’s Land einen guten Profit machen konnte. Wenn sie sich ein neues Schiff zulegte, dann musste es diesmal ein etwas größeres sein als der behäbige Marssegelschoner. Es musste hochseetüchtig und für einen dauerhaften Pendelverkehr zwischen Sydney und der gut sechshundert Meilen entfernten Insel Van Diemen’s Land einsatzfähig sein.
Jessica wunderte sich im nächsten Moment, wie sie angesichts dieser niederschmetternden Kapitulation vor Clive Jarway solche Gedanken haben konnte. »Ich werde bei Gelegenheit mit Captain Rourke darüber sprechen.«
»Da Sie ihn erwähnen, wie geht es ihm überhaupt?«, erkundigte sich Hutchinson, insgeheim erleichtert, das Thema wechseln zu können.
»Sehr viel besser«, antwortete sie. »Seine Fußwunde heilt sehr gut. Doch er quält sich noch immer mit unsinnigen Selbstvorwürfen, als hätte er den Untergang der Comet zu verantworten, dabei lag er doch im Fieberdelirium, als seine Mannschaft beschloss, ohne einen erfahrenen Steuermann weiterzusegeln, um ihn zu einem Arzt zu bringen. Mein Gott, er sollte seinen Männern so dankbar sein wie ich, dass sie ihm das Leben gerettet haben!« Patrick Rourkes Wohlbefinden lag ihr sehr am Herzen, denn er war ihr in den Jahren, die sie als Geschäftspartner verbunden gewesen waren und auch in Zukunft noch sein würden, ein treuer Freund geworden, den sie nicht mal um den Preis von zehn Schiffen missen wollte.
Hutchinson lächelte. »Das freut mich zu hören. Und ich bin sicher, dass Mister Pickwick so über Sie sprechen wird wie Sie über Captain Rourke.«
Jessica erwiderte sein Lächeln müde. »Ich hoffe, Sie behalten recht«, sagte sie und erhob sich. »Ich denke, was es zu besprechen gab, haben wir geklärt. Setzen Sie den Vertrag mit Clive Jarway auf. Ich werde morgen kommen und ihn unterschreiben. Was nutzen mir drei Tage Bedenkzeit, wenn es nichts mehr zu bedenken gibt.«
Der Anwalt stemmte sich mit einem Stoßseufzer aus seinem Lehnstuhl. »Nun ja, er ist zweifellos ein Mistkerl, aber er lässt Sie mit einem blauen Auge davonkommen.«
»Richtig, es sind die kleinen Freuden des Lebens, derer wir uns mehr besinnen sollten, nicht wahr?«, erwiderte Jessica bissig.
Hutchinson führte sie zur Tür und schaffte es doch tatsächlich, sie zum Abschied noch zu einem herzhaften Lachen zu bringen, als er sagte: »Es kommen auch wieder andere Zeiten, Missis Brading, seien Sie versichert. Wenn es auf Ihre Person Aktien gäbe, ich würde all mein Geld in Sie investieren und mich noch bis über beide Ohren verschulden.«
»Zurück in die Pitt Street!«, sagte Jessica zu Frederick, der eigentlich Stallknecht auf Seven Hills war und ihr neuerdings auch gute Dienste als Kutscher leistete, wenn ihre Geschäfte sie nach Sydney führten – was in Zukunft wohl bedeutend seltener der Fall sein dürfte.
»Gern, Missis Brading«, sagte der blonde junge Mann mit dem fröhlich unbeschwerten Lächeln der Jugend und reichte ihr hilfsbereit seinen Arm, als sie ihre Röcke raffte und den Fuß auf die unterste Trittstufe setzte.
Sie stieg in ihre Kutsche und nahm auf der weich gepolsterten Rückbank Platz, während er den Schlag schloss und sich auf den Kutschbock schwang.
Jessicas Gedanken beschäftigten sich einen Moment mit Frederick Clark. Er war ein netter junger Mann und hatte sich in den Wochen, die sie nun schon in Sydney waren, sehr anstellig gezeigt und bewiesen, dass er nicht nur mit Pferden umzugehen wusste. Er war ihnen eine große Hilfe gewesen, als sie sich an die scheinbar endlose Arbeit gemacht hatten, die über Monate hinweg aufgekauften Waren aus dem Lager ins neue Geschäft zu tragen, sie auszupacken und einen Teil davon in die Regale und Vitrinen einzuräumen, während die überzählige Ware in die neuen Lagerräume wanderte. Jeder Ballen Stoff, jede Rolle Samtband, jede Lackdose und jedes Stück Porzellan musste dabei aus dem dicken Buch, das ihren Warenbestand im Lager verzeichnet hielt, ausgetragen und in ein anderes für das Geschäft eingetragen werden. Und wie oft hatte sie die Anordnung der Waren in den einzelnen Verkaufsräumen geändert! Sogar Glenn Pickwick, der doch sonst die Ruhe in Person war, hatte mehrfach am Rande der Verzweiflung gestanden, weil ihnen die Zeit davonzulaufen schien und sich das Chaos in den Geschäftsräumen einfach nicht zu einer wohlgefälligen Ordnung fügen wollte. Dass sie es letztlich doch noch geschafft hatten, war zu einem Teil auch das Verdienst von Frederick, der unermüdlich und ohne auch nur einmal zu klagen schwere Kisten und Stoffballen hin und her geschleppt hatte.
Jessica machte sich jedoch nichts vor. Sie wusste sehr wohl, dass seine Tüchtigkeit noch einen ganz eigennützigen Grund hatte – und der hieß Anne Howard. Es war ihr nicht entgangen, dass Frederick Gefallen an ihrer hübschen achtzehnjährigen Zofe fand und keine Gelegenheit ausließ, um sich ihr in einem guten Licht zu präsentieren. Doch dabei hatte er es bis jetzt belassen. Noch traute er sich nicht, ihr richtig den Hof zu machen. Dafür war er zu schüchtern und ähnelte darin ihrer Zofe.
Nun, ihr sollte es nur allzu recht sein, wenn die beiden sich noch viel Zeit ließen und Anne noch möglichst lange in ihren Diensten blieb. Sie hatte sich schnell an den angenehmen Luxus gewöhnt, nun endlich ein Mädchen gänzlich zu ihrer freien Verfügung zu haben, das sich um ihre ganz persönlichen Belange kümmerte, ihr in aufrichtiger Zuneigung treu ergeben war und auch noch einen guten Geschmack in modischen Belangen besaß. Zudem war Anne flink, geschickt mit Bürste, Kamm und Brennschere und ließ sich auch mit Nadel und Faden so schnell von keinem etwas vormachen.
Aber Frederick hat seine Strafe ja erst in ein paar Jahren verbüßt, und bis dahin wird er auf Seven Hills bleiben und mit ihm auch meine Anne, sollte überhaupt etwas aus den beiden werden, tröstete sich Jessica in Gedanken. Es wäre auch ein Jammer gewesen, wenn ich Anne schon so bald verloren hätte.
Sie schaute hinaus auf die Straße, ohne jedoch wirkliches Interesse für das geschäftige abendliche Treiben zu haben, das an ihrem Kutschenfenster vorbeiglitt. Das Gespräch, das sie mit William Hutchinson geführt hatte, drängte sich wieder in ihre Gedanken und erfüllte sie mit dumpfer Wut, die kein direktes Ziel kannte.
Dass Clive Jarway ihre Notsituation ausnutzte, konnte sie ihm noch nicht einmal vorwerfen. Er war ein berechnender Geschäftsmann, der den sich ihm bietenden Vorteil zu seinen Gunsten beim Schopfe packte und ihr seine Bedingungen diktierte. Des einen Verlust war des anderen Gewinn. So waren nun mal die Spielregeln im Geschäftsleben, und es stand ihr nicht zu, sich jetzt darüber zu empören. Als Captain Morgan dringend Kapital nötig gehabt und eine Beteiligung an seinem Schiff weit unter Preis angeboten hatte, hatte sie ohne Skrupel zugegriffen und sich das Fünftel an der Pacific für lächerliche zweitausend Pfund gesichert. Nein, der wirkliche Schuldige an ihrer Misere hieß nicht Clive Jarway, sondern John Hawkley – und der war tot.
John Hawkley, ehemals Besitzer der großen Farm Mirra Booka bei Parramatta und Partner ihres geliebten Mitchell Hamilton, war es gewesen, der sie ins Unglück gestürzt hatte – mit verbrecherischem Vorsatz. Er hatte diese Bande angeheuert, die auf Seven Hills Tausende Schafe abgeschlachtet, in den Hawkesbury getrieben und letztlich auch noch ihr Farmhaus mit fast allen Nebengebäuden in Brand gesteckt hatte. Er hatte nicht verwinden können, dass Mitchell, den er wie einen Sohn angenommen hatte, sie liebte. Eine Emanzipistin wie sie, in seinen Augen mit dem unauslöschlichen Makel der Deportation behaftet, war ihm als Frau für einen freien Siedler wie Mitchell nicht gut genug gewesen, und so hatte er beschlossen, sie zu ruinieren – ja er hatte Jonas Duckworth, dem Anführer der Bande, sogar den Befehl gegeben, sie zu töten, um sie ein für alle Mal aus dem Weg zu schaffen, während Mitchell sich auf Van Diemen’s Land versteckt halten und warten musste, dass der Haftbefehl gegen ihn aufgehoben wurde. Dass Mitchell nach dem Duell mit Lieutenant Kenneth Forbes, ihrem Halbbruder, hatte flüchten müssen, hatte John Hawkley auch ihr angelastet. Er war maßlos in seinem Hass gewesen.
Hawkleys skrupelloser Plan war nicht aufgegangen. Sie hatte das Feuer auf Seven Hills überlebt. Doch er hatte ihr genug Schaden zugefügt, dass der Untergang der Comet genügte, um ihren geschäftlichen Unternehmungen in Sydney den Todesstoß zu versetzen.
Jessica wünschte, Hawkley wäre noch am Leben. Dann hätten ihre Wut und ihr Verlangen nach Vergeltung ein konkretes Ziel gehabt. Doch so blieb ihr nichts weiter zu tun, als sich mit dem Unabwendbaren abzufinden.
Wie sie sich auch damit hatte abfinden müssen, dass sie Mitchell, ihre große Liebe, verloren hatte. An eine andere Frau namens Sarah, mit der er auf Van Diemen’s Land ein Kind gezeugt und die er geheiratet hatte, weil er meinte, ihr das schuldig zu sein. Was er ihr, Jessica, und ihrer Liebe schuldig gewesen war, hatte er dabei vergessen.
Sie war überrascht über den scharfen Schmerz, den der Gedanke an Mitchell noch immer in ihr auszulösen vermochte. Die Zeit der Verzweiflung lag hinter ihr, aber wirklich überwunden hatte sie seinen Verrat wohl noch lange nicht. Auch die Leidenschaft, in die sie sich mit Allan geflüchtet hatte, hatte sie Mitchell nicht vergessen lassen.
Jessica sah, dass die Kutsche in die Pitt Street einbog. Sie beugte sich vor und klopfte gegen die Rückwand. Frederick verstand das Zeichen und brachte die Kutsche zum Stehen. Augenblicke später öffnete er ihr den Schlag.
»Ich gehe den Rest zu Fuß«, teilte sie ihm mit. »Bring die Kutsche in den Mietstall. Ich brauche dich heute nicht mehr. Mach mit dem Abend, was du willst, Frederick.«
»Ja, danke, Missis Brading.«
Die Temperaturen waren in diesen Dezembertagen noch gut zu ertragen, und zur Abendstunde kam vom Meer her stets eine erfrischende Brise. Die wirklich heißen Monate, wo Mensch und Tier in diesem Land unter der sengenden Sonne zu leiden hatten, lagen erst noch vor ihnen. Dann war ihre Anwesenheit auf Seven Hills unabdingbar. Aber so wie die Dinge standen, würde sie ja schon morgen nichts mehr in Sydney verloren haben und bereits am nächsten Tag die Rückreise antreten können. Ihre Kinder würden es ihr gewiss danken, dass sie rechtzeitig zu Edwards Geburtstag und zum Weihnachtsfest zurück war. Doch für sie würde es ein sehr trauriges Weihnachten werden und ein anstrengendes, denn sie durfte sich nichts anmerken lassen, um die Freude ihrer Kinder nicht zu trüben.
Sie wünschte plötzlich, Allan wäre noch bis zum morgigen Tag bei ihr geblieben und nicht schon vor einer Woche auf die Farm zurückgekehrt, um dort wieder seine Tätigkeit als Hauslehrer ihrer Kinder aufzunehmen. Ihr verlangte nach seiner Nähe, seiner Zärtlichkeit und Leidenschaft, die zumindest die Sehnsucht, dann und wann einmal der Einsamkeit der Nacht zu entfliehen, sowie den Hunger ihres Körpers nach wollüstiger Erfüllung zu stillen vermochten. Sie gab sich jedoch keinen Illusionen hin. Es war nicht die große, alles umfassende Liebe, die sie verband. Sie hatte einfach einen zärtlichen Menschen gebraucht, der ihr wieder das Gefühl gab, eine Frau zu sein, begehrt zu werden und sich in einer Liebe für kurze Zeit verlieren zu können. Und all dies gab ihr Allan Whitman. Wäre sie Mitchell niemals begegnet, vielleicht hätte sie ihn dann nicht nur mit ihrem Körper und ihrem Herzen, sondern auch mit ihrer ganzen Seele lieben können. Doch sie wusste, dass niemand Mitchells Platz in ihrem Innersten ersetzen konnte, auch wenn er für sie verloren war, und Allan wusste es auch, obwohl er so klug war, nicht die Rede darauf zu bringen. Sie waren übereingekommen, keine Pläne für die Zukunft zu schmieden und ihre heimliche Liebesaffäre so lange andauern zu lassen, bis die Flamme ihrer Leidenschaft in sich zusammenfiel. Ja, Allan war nur eine wunderbar tröstliche Affäre, derer sie sich auch nicht schämte, und doch fehlte er ihr jetzt, denn sie hatte Angst vor der Nacht, in der sie nicht in seine Arme flüchten konnte, um in ihnen kurzzeitiges Vergessen zu finden.
Sie seufzte schwer und ging langsam die Straße hinauf. Das große Backsteingebäude mit dem voll ausgebauten Obergeschoss, das der Baumeister Arthur Talbot für sie errichtet hatte, fiel schon von Weitem ins Auge. Mit seiner Straßenfront von fünfundsechzig Fuß und einer Tiefe von fünfundvierzig Fuß handelte es sich für die Verhältnisse in New South Wales um ein Gebäude von beeindruckender Größe. Über dem breiten Geschäftsportal prangte in schwungvollen Lettern aus poliertem Messing, die im Abendlicht wie Gold glänzten, der Name ihres Geschäfts: Brading’s. Es hatte ein Gütezeichen sein sollen. Nun würde es wohl schon bald durch ein neues ersetzt werden, das dann womöglich Jarway’s hieß.
Zu beiden Seiten des Eingangs waren zwei große Schaufenster in das rotbraune Mauerwerk eingelassen. Noch waren die Scheiben von innen mit weißen Leinentüchern verhangen und verwehrten den Blick auf die sorgfältig dekorierten Auslagen, die am morgigen Tag die Kundschaft in das Geschäft locken sollten. Hinter den Fenstern brannte Licht. Glenn Pickwick und seine Frau Constance vergewisserten sich bestimmt zum x-ten Mal, dass alles für den morgigen Tag bereit war. Ein langes Transparent aus kobaltblauem Tuch hing von den Fenstern des Obergeschosses herab und lief über die halbe Hauslänge. Es trug die Aufschrift aus goldfarbenen, aufgenähten Stoffbuchstaben: Brading’s – Ein Dutzend Geschäfte unter einem Dach – Neueröffnung 15. Dezember.
Einen langen Augenblick blieb sie auf der anderen Straßenseite stehen und betrachtete ihr Geschäftshaus, in dem sie sich oben eine wunderschöne Wohnung eingerichtet hatte, mit einer Mischung aus Stolz und Trauer. Schon morgen würde es ihr nicht mehr gehören.
Finde dich damit ab!, mahnte sie sich schließlich, als sie merkte, dass ihr Tränen in die Augen stiegen. Sie straffte sich, ging um das Haus herum und betrat es durch den hofseitigen Eingang.
Sie hatte richtig vermutet. Glenn und Constance hielten sich noch im Geschäft auf, das durch halbe Wandeinzüge, die mit burgunderroten Vorhängen seitlich drapiert waren, in vier separate Abteilungen unterteilt war. Man konnte jedoch von der Abteilung für Stoffe ungehindert in die angrenzenden Räume blicken. Das Angebot von Brading’s umfasste, ganz wie das Transparent versprach, tatsächlich derart vielfältige Waren, wie man sie sonst nur in vielen einzelnen Geschäften erstehen konnte.
Ein Raum war ganz den Stoffen, Bändern, Borten, Schärpen, Stoffrosetten, Hüten, Hauben, Leibchen, Miedern, Unterröcken und Beinkleidern und all den anderen Kurzwaren vorbehalten, die man zum Schneidern und Nähen benötigte. Knisternde Seide, Taft und Atlas, schwerer Brokat und Samt lagerten in verschiedenen Farben auf dicken Ballen in den tiefen Wandregalen hinter der Verkaufstheke, aber auch leichter Musselin und Batist, dünner Chiffon und Organdy sowie einfache Wolle, Kattun, strapazierfähiger Serge und Haushaltsleinen fehlten nicht. In zwei Vitrinen rechts und links vom Ladentisch waren reizvolle Accessoires ausgelegt wie Fächer, Halstücher, Handschuhe, Nadelkissen und Spitzenbänder.
Im nächsten Raum beherrschten Gewürze aller Art sowie Schminkutensilien und Duftstoffe das Warenangebot. Getrockneter Jasmin und Rosenblätter wetteiferten mit ihrem betörenden Duft mit Lavendel und Veilchen, um nur einige wenige zu nennen. Zudem gab es auch wohlriechende Wässerchen, die schon in kleinen Flaschen abgefüllt waren. Kerzen, Federkiele, Schreibpapier, Tinte, Siegellack und andere Kleinigkeiten nahmen eine Ecke für sich ein. Die Vitrinen waren hier mit Schmuckdosen aus Sandelholz oder chinesischen Lackarbeiten und ähnlichem Zierrat dekoriert.
Haushaltswaren in einer ungewöhnlich reichhaltigen Auswahl fand man in der dritten Abteilung. Glenn Pickwick hatte aufgekauft, was er kriegen konnte. Kein anderes Geschäft in New South Wales hatte auch nur halb so viel zu bieten. Zum Angebot gehörten ebenso Waschbretter, Schüsseln, Ofenbleche, Töpfe, Pfannen, Kannen und Wasserkessel wie Fleischmesser, einfache Bestecke und robuste Teller und Tassen aus Emaille. Die Liste aller Waren umfasste Seiten. Was in einem Haus notwendig und von praktischem Nutzen war, wartete hier auf einen Käufer. Aber damit noch nicht genug. In dieser Abteilung wurde man auch fündig, wenn man Stiefelanzieher suchte oder Kaminbestecke und -gitter und vieles andere mehr.
Ein etwas kunterbuntes Durcheinander wie in der Haushaltswarenabteilung herrschte auch im vierten Raum, was die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Waren betraf. Doch wer hier etwas erstand, musste schon eine gut gefüllte Börse haben, denn es waren teure Dinge, die in diesem Raum zum Kauf angeboten wurden: silberne Kerzenleuchter, kostbares Besteck, Pokale und Kristallgläser, geschliffene Karaffen, Lampen mit bemaltem Porzellanschirm, feines Geschirr für festliche Anlässe, Kaminuhren, Taschenuhren für den Herrn sowie elegante Spazierstöcke mit entsprechendem Knauf aus Messing, Silber oder Elfenbein, des Weiteren kleine kunstvoll gerahmte Spiegel und andere Dinge, die dem Luxus dienten und damit die zahlungskräftige Kundschaft der Kolonie zu Brading’s führen sollten. Vielfach waren es Einzelstücke, die Glenn Pickwick auf seinen »Beutezügen« erstanden hatte, wenn er bei jedem Schiff, das in den Hafen eingelaufen war, als einer der Ersten an Bord gegangen war und sich bei Captain, Offizieren und Mannschaft umgehört hatte, was sie zu verkaufen hatten. Denn auf einem jeden Schiff gab es den privaten Handel des einzelnen Seemanns, der nichts mit der offiziellen Fracht in Laderäumen zu tun hatte.
Und von all den mannigfachen Waren, die bei Brading’s zum Verkauf standen, fand sich in dem Schaufenster, das zur jeweiligen Abteilung gehörte, eine verlockende Auswahl wieder, ausgelegt auf dem burgunderroten Samtstoff, aus dem im Innern auch die Draperien, von goldener Borte eingefasst, zwischen den einzelnen Räumen gearbeitet waren.
Das warme Rot bot einen angenehm weichen Kontrast zu dem Dielenboden, den Wandvertäfelungen und den einzelnen Verkaufstheken, die mit ihrer herrlichen Tönung kostbarem Eibenholz ähnelten, obwohl einheimischer Eukalyptus verarbeitet worden war.
Jessica teilte den schweren Vorhang, der die kleine Halle, von der aus man in Glenn Pickwicks Büro und die Lagerräume im Erdgeschoss und über die Treppe in ihre Wohnung im Obergeschoss gelangte, von den Geschäftsräumen trennte. Rechts von ihr lag nun die Abteilung mit den Duftstoffen und Gewürzen sowie die mit den Stoffen, während es zu ihrer Linken zu den Haushaltswaren und dahinter zu den exklusiven Waren ging. Von dort drangen die Stimmen von Glenn und Constance Pickwick zu ihr.
Sie ging zu ihnen. »Aber Mister Pickwick!«, rief sie tadelnd, als sie ihn über die Schaufensterauslage gebeugt stehen sah. »Sie sollten das Geschäft doch schon längst verlassen haben und diesen Abend ganz Ihrer frisch angetrauten Frau widmen!«
Constance, nur wenige Jahre jünger als sie und von ansprechendem Wesen und Äußeren, errötete bei diesem leicht spöttischen Tadel ihrer Chefin.
Glenn Pickwick dagegen wandte sich mit einem strahlenden Lächeln um. »Meine Frau wird schon zu ihrem Recht kommen, Missis Brading, denn ich beabsichtigte, eine lange und glückliche Ehe zu führen«, erwiderte er fast ausgelassen und nahm Constance kurz in seinen Arm. »Aber da morgen doch der große Tag ist, wollte ich sichergehen, auch wirklich nichts vergessen zu haben.«
Die freudige Erregung, die aus seiner Stimme sprach und ihm ins Gesicht geschrieben stand, schmerzte Jessica. Wie bitter würde es ihn treffen, wenn sie ihm morgen nach Geschäftsschluss mitteilen musste, dass sie das Geschäft verkauft hatte, sie nicht länger zusammenarbeiten würden und es allein von Clive Jarway abhing, ob er seine Anstellung auch nach dem Verkauf behielt.
»Und? Haben Sie etwas vergessen?«
»Ach, Sie kennen ihn doch. Er ist doch nie wirklich zufrieden, wenn es um seine Arbeit geht«, sagte Constance mit einem leisen Seufzer, aber das Leuchten ihrer Augen verriet, wie stolz sie auf ihn war und dass sie ihn sich gar nicht anders wünschte.
Jessica lächelte verständnisvoll. »O ja, ich kenne ihn nur zu gut. Also, womit waren Sie denn diesmal nicht zufrieden?«, wollte sie wissen.
Glenn Pickwick, ein Mann von dreiunddreißig Jahren, der sich ein sehr jugendliches Aussehen bewahrt hatte und sich mit seinem Charme und seinem sicheren Urteil besonders bei der weiblichen Kundschaft größter Beliebtheit erfreute, machte eine verlegene Geste. »Ach, es handelt sich nur um eine Kleinigkeit, wie ich zugeben muss«, räumte er ein. »Ich hielt es für ratsam, statt der beiden Kaminuhren nur eine einzige auszustellen, um ihre Exklusivität durch das Pendant nicht zu schmälern. Die zweite Uhr habe ich wieder ins Lager gebracht. Das wiegt den potenziellen Kunden in dem Glauben, ein Einzelstück zu erwerben und das gleiche Stück nicht wenig später bei Freunden auf dem Kamin zu entdecken.«
Jessica schmunzelte. »Eine kluge Überlegung und wie immer bei Ihnen raffiniert verkaufsfördernd gedacht«, sagte sie anerkennend. »Aber ein bisschen schlitzohrig, finden Sie nicht auch?«
Er grinste jungenhaft. »Wir behaupten ja nicht, dass wir einzigartige Sammlerstücke verkaufen. Ich denke jedoch, dass wir bei solchen Schmuckstücken stets darauf achten sollten, dass sie nicht in mehreren Exemplaren präsentiert werden, denn das wirkt sich preismindernd aus.«
»Sie werden schon Ihr waches Auge darauf halten.«
»Ich habe die freie Fläche, wo die zweite Uhr stand, mit einigen unserer hübschen Tabaksdosen und Lederbeuteln dekoriert«, fuhr er fort. »Diese eignen sich stets gut als Geschenke. Man muss die Kunden aber immer erst auf die Idee bringen, indem man diese netten Kleinigkeiten gut sichtbar im Schaufenster auslegt, damit der Blick auch derjenigen Passanten angezogen wird, die eigentlich nicht im Sinn hatten, bei Brading’s etwas einzukaufen.«
»Bei Ihnen kann ich wahrlich noch eine Menge lernen, Mister Pickwick«, erwiderte Jessica und sah sich mit einem wehmütigen Lächeln um. »Sie haben in den letzten Wochen wirklich ausgezeichnete Arbeit geleistet. Und ich möchte es nicht versäumen, Ihnen zu sagen, wie sehr ich Ihren unermüdlichen Einsatz und Ihre Urteilskraft schätze.«
Ihr Lob berührte ihn sichtlich. Er schluckte direkt. »Von Arbeit konnte überhaupt nicht die Rede sein, Missis Brading! Es hat mir das allergrößte Vergnügen bereitet, Ihnen bei dieser wundervollen Aufgabe nach besten Kräften zur Hand zu gehen. Ich hätte es mir nie träumen lassen, dass ich nach meiner Verbannung nach New South Wales noch einmal eine solche Chance bekommen und eine derartige Vertrauensstellung bekleiden würde. Deshalb bin vielmehr ich es, der Ihnen zu größtem Dank verpflichtet ist!«
Constance nickte nachdrücklich.
Jessica konnte ihm nicht in die Augen sehen. Sie wand sich innerlich unter seinen Worten, in denen so viel Hoffnung in die Zukunft und Vertrauen in sie lagen. Dabei würde ihr Traum nur einen Tag Wirklichkeit werden. Es wäre fast weniger schmerzlich für sie beide gewesen, wenn Clive Jarway das Gebäude schon vor seiner Fertigstellung übernommen hätte. Blinder Zorn wallte in ihr auf, und ihre Stimme hatte einen deutlich ungehaltenen Klang, als sie ihm antwortete: »Sie sollten Ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen, Mister Pickwick! Sie werden auch ohne mich Ihren Weg machen, ob es nun ein Brading’s gibt oder nicht. Und wir wollen uns nicht schon jetzt mit Lob überschütten. Dieses Unternehmen ist ein enormes geschäftliches Risiko, und wer weiß, ob ich in der Lage sein werde, es lange zu halten. Also bauen Sie nicht zu fest darauf, dass Sie hier eine Lebensstellung gefunden haben!«
Verblüffung zeichnete sich auf dem Gesicht ihres Geschäftsführers ab. Der Umschwung ihrer Stimmung traf ihn und auch seine Frau Constance völlig unvermittelt. Dann trat Betroffenheit in seine Augen. »Entschuldigen Sie, wenn meine Worte bei Ihnen den Eindruck erweckten, ich rechnete mir hier eine Lebensstellung aus. Nie und nimmer ist mir dieser Gedanke gekommen!«, beteuerte er verstört. »Mir ist natürlich klar, dass Sie mich jederzeit …«
Jessica fiel ihm hastig ins Wort. »Ich weiß, dass Ihnen dieser Gedanke nicht gekommen ist«, sagte sie versöhnlich und bedauerte ihre scharfe Formulierung. Doch falsch war es nicht, ihn schon einmal vorzuwarnen. Obwohl, mildern würde es den Schlag morgen wohl kaum. »Ich habe es auch nicht so gemeint, wie Sie es verstanden haben. Es war nur ein guter Rat, eben weil ich Sie so schätze und es mir zutiefst widerstrebt, Sie in Ihren Hoffnungen enttäuschen zu müssen – sollte einmal der Zeitpunkt dafür kommen.«
Die Bestürzung wich von seinem Gesicht, und mit hörbarer Erleichterung sagte er: »Sollte dies wirklich einmal der Fall sein, wird es mich gewiss sehr traurig stimmen, schon um Ihretwegen, doch enttäuscht von Ihnen werde ich niemals sein, das weiß ich mit Sicherheit! Was immer auch geschehen mag, Sie haben mir mein Selbstvertrauen zurückgegeben, und wenn Sie nicht gewesen wären, dann hätte ich Constance vermutlich nie kennengelernt und auch nie ihre Liebe errungen.«
Jessica zwang sich zu einem Lächeln. »Das dürfte dann in der Tat mein größtes Verdienst sein«, sagte sie so leichthin, wie es ihr möglich war. »Doch für den Rest des Tages sollten Sie mich und Brading’s vergessen. Es gibt nun wirklich nichts mehr zu verändern und umzustellen, noch nicht einmal für Sie. Und wenn dem doch so ist, will ich nichts davon hören, habe ich mich deutlich genug ausgedrückt?«
Er verzog das Gesicht zu einem breiten Grinsen. »Zweifellos, Missis Brading!«
»Also dann machen Sie, dass Sie nach Hause kommen!« Constance warf ihr einen dankbaren Blick zu.
Kurz vor dem Vorhang fiel Glenn noch etwas ein. »Ich habe übrigens mit Missis Brook ausgemacht, dass sie morgen schon eine Stunde vor Geschäftseröffnung kommt, damit sie noch mal mit einem feuchten Tuch durchwischen kann. Ich denke, das war in Ihrem Sinn«, teilte er ihr mit. Virginia Brook, eine etwas mollige verwitwete Frau in den Vierzigern, war als dritte Verkaufskraft eingestellt worden. »Und falls wir hier und da doch noch etwas anders arrangieren.«
»Genug! Jetzt reicht’s!«, schnitt Jessica ihm das Wort ab. »Man kann es auch übertreiben, Mister Pickwick! Und wenn Ihre Frau Ihnen so viel bedeutet, wie Sie gerade gesagt haben, reden Sie heute Abend kein Wort mehr über das Geschäft. So, und jetzt möchte ich von Ihnen keine weitere Erwiderung hören, sondern nur wie die Tür hinter Ihnen zufällt!«
Sie hörte zuerst Constance leise lachen, dann wurde die Hintertür ins Schloss gezogen.
Jessica löschte die Lampe und dachte auf einmal an die Waren, die sie aus England geordert und schon bezahlt hatte, mit deren Eintreffen vor Mai jedoch nicht zu rechnen war. Clive Jarway durfte davon nichts erfahren! Die Warensendung hatte schon im Einkauf einen Wert von mehreren tausend Pfund und würde in der Kolonie mit Sicherheit einen Profit von mindestens hundert bis zweihundert Prozent bringen. Kam Jarway diese Order zu Ohren, würde er darauf bestehen, sie in ihren Kaufvertrag mit einzuschließen – natürlich zu seinen halsabschneiderischen Bedingungen, die ihr statt eines fantastischen Gewinns einen Verlust von mindestens zwanzig Prozent garantierten. Gelang es ihr aber, ihn darüber in Unwissenheit zu belassen, bot sich ihr im nächsten Jahr zumindest die kleine Chance, wieder ins Geschäft einzusteigen und Jarway Konkurrenz zu machen.
