Verlag: Forever Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Just two hearts E-Book

Iris Fox  

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E-Book-Beschreibung Just two hearts - Iris Fox

Manchmal reicht ein einziger Moment, um zwei Herzen zu vereinen"Wahnsinnig authentisch, toller Schreibstil und guter Lesefluss. Diese Geschichte macht einfach nur Spaß und man kommt nicht umher sich selbst etwas in Ole und Leon zu verlieben!" (Buchhändlerin Kathrin H. auf NetGalley)Als Ole und Leon sich das erste Mal treffen passiert nichts. Jedenfalls nach außen hin. In Leons Innerem passiert eine ganze Menge. Schmetterlinge, Feuerwerke, das ganze Programm. Leider steht Ole auf Frauen, ganz eindeutig sogar. Und deswegen ist es umso besser, dass die Wege der beiden sich schon bald wieder trennen. Als sie sich nach einem halben Jahr wieder gegenüber stehen hat sich an Leons Gefühlen nichts geändert. Doch leider auch nichts von Oles Vorliebe für Frauen. Erst ein Kuss verändert alles. Plötzlich finden sich die beiden in der Liebesgeschichte ihres Lebens wieder. Die Frage ist nur, ob sie auch ein Happy End hat…

Meinungen über das E-Book Just two hearts - Iris Fox

E-Book-Leseprobe Just two hearts - Iris Fox

Just two hearts

Die Autorin

Iris Fox, 1982 in Elmshorn geboren, lebt heute mit ihrer Familie in Syke in der Nähe von Bremen. Nach ihrem Schulabschluss absolvierte sie eine Ausbildung zur medizinischen Fachangestellten. Viele Jahre blieb sie dem medizinischen Bereich treu, bis sie nach ihrer Elternzeit in eine Einrichtung für körperlich und geistig beeinträchtigte Menschen wechselte. Obwohl seit jeher unzählige Geschichten in ihrem Kopf herumschwirren, widmet sie sich erst seit 2014 mit viel Herz und Leidenschaft aktiv dem Schreiben von Romanen.

Das Buch

Als Ole und Leon sich das erste Mal treffen passiert nichts. Jedenfalls nach außen hin. In Leons Innerem passiert eine ganze Menge. Schmetterlinge, Feuerwerke, das ganze Programm. Leider steht Ole auf Frauen, ganz eindeutig sogar. Und deswegen ist es umso besser, dass die Wege der beiden sich schon bald wieder trennen. Als sie sich nach einem halben Jahr wieder gegenüber stehen hat sich an Leons Gefühlen nichts geändert. Doch leider auch nichts von Oles Vorliebe für Frauen. Erst ein Kuss verändert alles. Plötzlich finden sich die beiden in der Liebesgeschichte ihres Lebens wieder. Die Frage ist nur, ob sie auch ein Happy End hat…

Von Iris Fox sind bei Forever erschienen:Love Happens - Zwei sind einer zu vielDrei Tage Glück

In der Just-Love-Reihe:Just one dance - Lea & AidanJust two hearts - Ole & Leon

Iris Fox

Just two hearts

Forever by Ullsteinforever.ullstein.de

Originalausgabe bei ForeverForever ist ein Verlag der Ullstein Buchverlage GmbH, BerlinSeptember 2018 (1)

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2018Umschlaggestaltung: zero-media.net, MünchenTitelabbildung: © FinePic®Autorenfoto: © privatE-Book powered by pepyrus.com

ISBN 978-3-95818-249-3

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Inhalt

Die Autorin / Das Buch

Titelseite

Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Epilog

Danksagung

Leseprobe: Just one dance - Lea & Aidan

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Cover

Titelseite

Inhalt

Kapitel 1

Für Bärbel.

Die Welt braucht mehr Herzensmenschen, wie sie.

Kapitel 1

Ole

Für einen kurzen Moment schaue ich zum Fenster hinaus und checke die Lage. Der Winter hat Hamburg fest im Griff und lässt dicke Schneeflocken tanzen. Mich schwindelt etwas, hier oben im dritten Stock des Krankenhauses, denn alles über zwei Meter, grob gesagt, bekommt meiner Höhenangst so gar nicht.

Gemächlich ziehe ich meine Jacke aus und werfe sie über den Stuhl, der dem Bett am nächsten steht. Wir sind alleine im Zimmer. Für eine Weile stehe ich einfach nur da und beobachte Leon, wie er schlafend vor mir liegt. Er sieht mitgenommen aus. Jegliche Farbe ist ihm aus dem Gesicht gewichen. Erst als ich mich nach einiger Zeit auf den Stuhl neben dem Krankenbett fallen lasse, schlägt er langsam die Augen auf und schaut zu mir herüber. Er lächelt, doch sein Blick ist ganz trüb. Kein Wunder. Heute Abend hat er einiges mitgemacht.

»Hey«, spricht er ganz leise.

»Hey«, erwidere ich.

Wortlos blickt er nun durch mich hindurch. Er wirkt, als wäre er mit seinen Gedanken ganz weit weg. Und wer weiß? Womöglich kann er mich gerade überhaupt nicht zuordnen. Schließlich sind wir uns vor ein paar Stunden zum ersten Mal begegnet. Drüben, im Roxy.

»Ich kenn’ dich irgendwoher«, sagt er nach einiger Zeit zu mir. Seine Sprache ist noch ganz verwaschen.

»Hm, na klar kennst du mich. Hab’ dich schließlich hergefahren«, helfe ich ihm auf die Sprünge und grinse.

Es braucht eine Weile, bis ihn die Information erreicht. Man kann direkt spüren, dass ihm das Mittel, das sie ihm hier vorhin gegen die Schmerzen im verstauchten Knöchel gegeben haben, nicht besonders gut bekommt.

Ich betrachte weiter sein Gesicht, das mir zugewandt ist. Hellblau sind seine Augen, die mich ermattet ansehen. Dieses Hellblau steht in totalem Kontrast zu seinen dunkelbraunen, fast schwarzen Haaren. Dieser Gegensatz ist mir vor ein paar Stunden im Roxy schon an ihm aufgefallen. Trotz des schummrigen Lichtes, das auf der Tanzfläche herrschte. Das Glänzen seiner Augen stach gewaltig hervor.

»Ähm … Sorry … Aber wie heißt du noch mal?«, fragt er in meine Gedanken hinein, denn er bekommt mich einfach nicht zugeordnet. Mein Mundwinkel zuckt. Oh Mann. Wie er das jetzt so fragt. Da wird mir direkt warm ums Herz. Muss scheiße sein, wenn einem der halbe Abend im Gedächtnis fehlt.

»Ole«, sage ich daher knapp. »Ich heiße Ole.« Weiter sage ich erst einmal nichts, denn ich will ihn nicht gleich mit zu viel Input überfordern. Doch mein Name scheint bereits zu genügen, um die Erinnerungen an die letzten Stunden wieder aufleben zu lassen. Durch seine Augen fährt ein Leuchten. Eines, das man nur dann hat, wenn einem etwas wieder eingefallen ist. Er versucht sich jetzt sogar etwas aufzurichten, fällt aber sofort wie Pudding in sich zusammen und sinkt zurück in die Kissen. Schnell bin ich bei ihm und hangele mir die Bedienung seines Bettes hervor, um sein Kopfteil etwas aufzurichten.

Leon achtet nicht auf das, was ich hier mache, sondern klebt mit seinen Augen an mir. Während ich sein Bett mit einem leisen Summen weiter nach oben fahre und versuche, sein Kopfkissen etwas zurechtzurücken, murmelt er:

»Ole …« Er hebt seinen Kopf leicht an, damit ich besser an sein Kissen herankomme. »Ole … Jetzt erinnere ich mich. Der mit dem süßen Hintern in seiner Jeans.«

Oha! Ich hebe die Augenbrauen und schaue ihn mit großen Augen an. Wir sind einander viel zu nahe, fällt mir plötzlich auf. Schnell lasse ich sein Kopfkissen los und ziehe mich auf meinen Stuhl zurück. Ehrlich gesagt bin ich mir nicht sicher, ob mir der ahnungslose Leon von eben nicht doch lieber war. Nun, da seine Erinnerungen wiederkehren, schaut er mich nämlich wie ein verliebtes Groupie an.

»Wo bitte kommt das plötzlich her?«, witzele ich, so gut ich es in dieser Situation eben hinbekomme.

Es fegt ein Glitzern durch seine Augen. »Keine Ahnung, was die mir hier gegeben haben«, brabbelt er drauflos. Dabei zuckt er mit den Mundwinkeln und kann sich das Lachen kaum noch verkneifen. Oh Mann! Der Kerl ist unfassbar zugedröhnt. Als mir das klar wird, entspanne ich mich wieder. Ich muss jetzt sogar selbst etwas grinsen, über die Show, die er hier gerade unfreiwillig bietet.

»Ja, genau der bin ich. Der mit dem süßen Arsch, so sagen die Leute«, spiele ich also einfach mit. Macht man doch so, bei Leuten, die nicht mehr Herr ihrer Sinne sind, oder? Meine Antwort lässt ihn herzhaft auflachen. Erleichtert falle ich in sein Lachen mit ein. Für einen kurzen Moment habe ich doch ernsthaft sonst was gedacht.

Plötzlich durchfährt es ihn jäh und er zieht scharf die Luft zwischen den Zähnen ein.

»Fuck. Was ist das denn? Hab’ ich mir etwa das Bein gebrochen?« Er schlägt die Decke etwas weiter zur Seite, um sein Gipsbein besser begutachten zu können.

»Jep. Du hast dir den Knöchel angeknackst. Vorhin. Drüben im Roxy, als du dich mit Aidan gekabbelt hast«, rücke ich mit ein paar weiteren Informationen raus. Angestrengt bemüht Leon seine vom Schmerzmittel vernebelten Gehirnzellen. Ganz langsam dämmert es ihm.

»Shit, nicht wahr, oder?« Er lacht wieder auf. »Vom Barhocker fallen und sich dabei das Bein brechen. So was bekomm’ auch nur ich hin.«

Für eine Weile belächelt er sich selbst und das, was vorhin im Club passiert ist. »Im Roxy, oder? Bei Crazy«, sagt er plötzlich, nachdem er sich wieder beruhigt hat.

»Ähm … Was meinst du?«, hake ich nach, denn ich kann mit dem, was er sagt, gerade wirklich nichts anfangen.

»Du hast dich mit Lea unterhalten. Ihr standet neben der Tanzfläche und sie spielten Crazy von Lost Frequencies. Es war irre voll im Club, aber du bist mir trotzdem aufgefallen.« Er macht eine bedeutungsvolle Pause, in der er mich förmlich mit seinen Augen zu verschlingen droht. »Kein Wunder. So schööön, wie du bist«, setzt er nach. Mit glasigen Augen himmelt er mich von seinem Krankenlager aus an.

Etwas irritiert von diesem nun doch höchst unerwarteten Kompliment weiß ich echt nicht, wie ich darauf reagieren soll. Eigentlich ist mir klar, es ist nicht er, der da spricht, sondern der kleine Medikamententeufel, der ihn diese Dinge sagen lässt. Die Krankenschwester faselte irgendetwas von Wechselwirkungen, aber aufgrund der Schweigepflicht konnte sie da nicht ins Detail gehen. Jedenfalls … muss der gute Leon halt ’ne Nacht zur Beobachtung hier bleiben.

»Freut mich, wenn dir meine Visage zusagt«, versuche ich die Schmeichelei also nett wegzugrinsen. Von ’nem Kerl bekommt man schließlich nicht jeden Tag zu hören, wie rattenscharf man ist.

»Jaaa. Schau dich doch nur mal an«, fordert er mich auf. Dabei sieht er mich auf diese unerklärliche Art und Weise an.

Ich muss einfach auf das, was er gerade sagt, reagieren – ob ich nun will oder nicht. Gewollt unschuldig blicke ich schließlich an mir selbst herunter. Dabei stehe ich auf und drehe mich einmal um die eigene Achse.

»Wieso? Was ist mit mir?«, frage ich, während ich mich wieder in den Stuhl fallen lasse.

»Ich steh’ voll auf dich«, platzt es aus ihm heraus.

Das Lächeln auf meinem Gesicht erstarrt. Okay, das ist jetzt doch etwas zu viel, oder? Ich fixiere seinen Blick, versuche herauszufinden, ob das nun ernst gemeint ist, oder ob er einfach nur unzurechnungsfähig ist. Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht. Keine Ahnung, wie ich das einordnen soll. Irgendwie bin ich gerade dezent überfordert. Mir fällt nichts Besseres ein, als ihn einfach anzustarren. Diese blauen Augen bannen mich. Es ist schließlich Leon, der den Blickkontakt zwischen uns bricht.

»Was ist das hier?«, fragt er. Dabei fummelt er mit der rechten Hand an der Nadel rum, die in seinem linken Handrücken steckt. Ich löse mich aus meiner Starre, packe ihn augenblicklich am Handgelenk und kann ihn so gerade noch davon abhalten, sich das Ding mit Gewalt herauszuzerren.

»Hey, hör auf. Du verletzt dich sonst noch«, höre ich mich selbst sagen. Verzückt sinkt er in die Kissen zurück und sieht mir tief in die Augen. Dabei schaut er, als hätte er zu viel gekifft. Ganz eindeutig.

»Oh, du sorgst dich um mich. Das ist sooo lieb von dir«, flötet er mir entgegen. Leicht genervt verdrehe ich die Augen.

»Soll das jetzt die ganze Zeit über so gehen?«, frage ich ihn. Doch ja, irgendwie sorge ich mich tatsächlich um ihn. Das muss ich schon zugeben. Denn nachdem mein bester Freund Aidan von seiner Schwester Pat abgeholt wurde und ich dafür gesorgt habe, dass seine Freundin Lea und deren Freundin Kiki mit dem nächsten Taxi gut heimkommen, habe ich es nicht über mich gebracht, Leon einfach so sich selbst zu überlassen. Eigentlich wollte ich ja nur so lange hierbleiben, bis seine Angehörigen eintreffen. Doch so wie es aussieht, wird niemand auftauchen.

»Na, irgendeiner muss es ja tun, wenn du schon nicht selbst auf dich aufpassen kannst, oder?«, erwidere ich daher lapidar und versuche dabei so unbeteiligt wie möglich zu wirken, während ich mich wieder in meinen Stuhl sinken lasse. Seine Blicke setzen mir zu.

Noch während ich so darüber grübele, warum ich immer noch hier bin, versucht Leon aufzustehen. Umständlich zerrt er an seinem Gipsbein und gerät dabei gehörig ins Schwanken.

»Was wird das, wenn es fertig ist?«, frage ich.

»Ich muss mal.«

»Drück auf den Knopf. Dann kommt ’ne Schwester angetrabt. Ich glaube nicht, dass du aufstehen darfst. Jedenfalls … jetzt noch nicht.« Von meinen Worten unbeeindruckt, schwingt er die Beine aus dem Bett. Augenblicklich wird er noch eine Spur blasser im Gesicht. Wenn er so weitermacht, kippt er mir gleich vor die Füße. Sofort bin ich bei ihm und halte ihn, damit er mir nicht noch tatsächlich vom Bett fällt.

Mit einer Hand zeigt er unbeholfen hinter sich. »Das Klo ist da hinten, hab’ ich recht?« Ich sehe über ihn hinweg auf eine zweite Tür, die vom Krankenzimmer aus abgeht.

»Vermutlich«, gebe ich zu.

»Okay, das schaff’ ich. Ich brauche nur jemanden, der mich stützt.«

»Nur damit ich das richtig verstehe: Ich kann dich nicht davon überzeugen, dir besser ’ne Pinkelflasche kommen zu lassen, oder?«

Er ist bereits dabei sich aufzurichten, bekommt bei meinen Worten aber einen kleinen Lachanfall und droht in sich zusammenzusacken, sodass ich nicht darum herumkomme, ihn fest unter den Armen zu packen, damit wir nicht gemeinsam auf dem Fußboden landen. Da sie Leon vorhin in eines dieser lächerlichen Hemdchen gesteckt haben, die hinten offen sind, muss ich ordentlich zupacken, denn das Hemd rutscht gewaltig hin und her. Seine Muskeln unter meinen Händen sind fest und definiert, und auch wenn ich es nicht zugeben mag, sein Körper fühlt sich gut an.

»Alter, ich bin kein Pflegefall«, bekomme ich nun zu hören, was er von meinem Vorschlag hält. »Niemals pinkele ich in ’ne Flasche!«

Ich gebe auf. »Na, dann komm.« Leon fest im Griff und den Infusionsständer hinter uns herziehend, mache ich mich auf den Weg zum Klo.

»Okay, Kollege«, sage ich auf halbem Weg. »Da drinnen bist du dann aber auf dich allein gestellt.« Aus dem Nichts heraus klammert Leon sich an mich, so sehr plagt ihn der Schwindel. Sein Haar kitzelt an meinem Hals und der Duft seiner Haare steigt mir in die Nase. Mir wird ganz anders. Natürlich habe ich Aidan – und auch andere Kerle aus unserer Truppe – schon mal unter den Armen gepackt und Hilfestellung gegeben, wenn sie so hackestramm waren, dass sie nicht mehr alleine geradeaus gehen konnten. Doch das hier ist anders. Leon ist anders. Die Nähe, die zwischen uns beiden herrscht, ist mir fremd. Doch direkt unangenehm finde ich es nicht, ihn so im Arm zu halten.

»Sorry. Mir ist ganz schwummerig. Keine Ahnung, was die mir hier gegeben haben. Ist ziemlich übel, kann ich dir sagen«, holt er mich aus meinen Gedanken.

»Das sieht ein Blinder, dass du ’nen gehörigen Trip schiebst«, sage ich und reiße mich wieder zusammen. Was sind das bloß für Gedanken, die ich hier habe?

Beim Klo angekommen klappe ich für ihn noch schnell den Toilettendeckel hoch, dann schließe ich die Tür von außen. Herrje, wenn das man gut geht. Es poltert ordentlich da drin.

»Leon? Alles klar bei dir?«, muss ich fragen, denn jetzt habe ich doch ein schlechtes Gewissen, weil ich ihn sich selbst überlassen habe. Die Tür zum Flur geht auf und eine Krankenschwester kommt herein. Als sie das leere Bett sieht, schaut sie auch gleich finster in meine Richtung.

»Ist nicht euer Ernst, oder?« Sie rauscht direkt an mir vorbei und klopft energisch gegen die Tür. »Hey, alles klar da drin?«

»Genau das habe ich ihn auch gerade gefragt«, lasse ich sie wissen. Allerdings ernte ich dafür nur einen weiteren düsteren Blick. Ich weiche ein paar Schritte zurück, denn sie sieht echt sauer aus, während sie zu Leon hineinstürmt und ordentlich auf ihn einschimpft. Er tut mir richtig leid.

Ein paar Minuten später quälen sich die beiden aus der Toilette. Leon ist kreidebleich im Gesicht und die Schwester definitiv überfordert. Kein Wunder, so wie er hin und her taumelt. Und dann dieses Hemdchen …!

»Warten Sie, ich mach’ das.« Mit einem Satz bin ich bei den beiden und schlinge mir Leons Arm um den Hals. Dann packe ich ihn fest um die Taille und begleite ihn zurück ins Bett. Mir entgeht nicht, dass seine Augen dabei schwer auf mir ruhen. Ja, ich muss es zugeben: Wir sind uns nah. Wirklich nah! Und irgendetwas ist anders. Auch mir fällt diese Spannung zwischen uns auf, aber sicher liegt es nur an dieser surrealen Situation hier.

Zurück im Bett angekommen seufzt er tief durch. Die Krankenschwester überprüft die Infusion, nachdem diese wieder an Ort und Stelle steht, dann verschwindet sie vorerst.

»Danke dir«, gibt er leise von sich, nachdem die Schwester die Tür von außen zugemacht hat und wir somit wieder unter uns sind. Er ist total fertig von dem kleinen Ausflug.

»Kein Ding, Mann.« Ich bin froh, dass Leon ohne größere Zwischenfälle wieder in seinem Krankenbett angekommen ist. Erleichtert lasse ich mich auf meinen Stuhl fallen. Mein Handy klingelt. Ich hole es aus der Jackentasche hervor und sehe drauf. Als ich meine Nachrichten checke, muss ich grinsen.

»Deine Freundin?«, will Leon wissen.

»Ne«, schüttele ich den Kopf. »Tinder.«

»Wie?«

Ich halte ihm mein Display hin, damit er selbst sehen kann. »Ein Match. Jennifer, 18 Jahre, blond, lange Beine …«, bringe ich ihn schnell auf den aktuellen Stand.

Er schaut mich wortlos an. Seine Mundwinkel wirken ganz verkniffen. »Na, denn los. Hau schon ab.«

Nachdem ich Jennifer geantwortet habe, stecke ich mein iPhone zurück in die Jacke. »Ne, lass mal. Morgen ist auch noch ein Tag.«

»Meinetwegen musst du das jetzt nicht sausen lassen. Wir haben Freitagabend.«

»Lass es einfach«, rate ich ihm. Denn er braucht nun wirklich nicht so ein Fass aufzumachen, bloß weil ich einem Sexdate absage. »Ist keine große Sache. Hab’ jetzt auch gar keinen Bock mehr, deswegen wieder rüber ins Roxy zu fahren.«

»Wirklich, Ole. Du …«

»Lass gut sein!«, werde ich jetzt forscher, denn sein Gelaber geht mir auf die Nerven. »Ich lass’ dich jetzt hier nicht einfach so hängen, während du ’nen Trip schiebst und nicht einmal alleine aufs Klo gehen kannst. Schlimm genug, dass Aidan einfach so das Weite gesucht hat, obwohl du eigentlich ihm deinen demolierten Knöchel zu verdanken hast.«

Er lässt meine Worte auf sich wirken. Er versucht wirklich ernst zu bleiben, doch ganz allmählich verliert er wieder die Kontrolle über sich. Sein Kichern und Glucksen kann er kaum noch unterdrücken. Ich selbst muss schmunzeln und verdrehe die Augen, während ich sie durch den Raum wandern lasse.

»Schon okay. Alles klar. Lach ruhig, so viel du willst. Meinetwegen. Genieße den Trip.«

Wie auf Kommando prustet er einmal kurz auf. »Sorry, Alter. Aber gerade habe ich für ’nen Moment gedacht, wie voll krass süüüß du doch bist. Sagst ’n Sexdate ab … für mich, und dabei kennen wir uns gar nicht. Das ist grad wie in so ’nem Kitschfilm mit Jennifer Aniston, oder besser noch Channing Tatum oder so. Findste nich’ auch?«

Meine Augen verdrehen sich bis ins Unermessliche. Mit verschränkten Armen und mich tief in den Stuhl hineinlehnend schaue ich zu ihm hinüber.

»Nicht dein Ernst?!« Doch ich muss selbst schmunzeln über das Kopfkino, das er mit seinem Gesabbel in mir ausgelöst hat. Er zeigt mit dem Finger auf mich. In diesem Moment ist er absolut high. Davon bin ich fest überzeugt.

»Du würdest dich wirklich gut in so ’ner Hollywoodschnulze machen. So sexy wie du aussiehst«, labert er weiter. Zwischen den Wörtern kichert er immer wieder leise auf.

»Echt jetzt? Fängst du schon wieder damit an?«

Mit verklärtem Blick sieht er zu mir herüber. »Komm, sexy Ole. Gib mir deine Hand.«

Ich stutze. Knochentrocken sprudeln die Wörter aus ihm heraus. Ich kann gar nicht so schnell die Sätze verarbeiten, wie er sie raushaut. Und dann. Tatsächlich. Hält er mir seine Hand hin.

»Wozu das?«, frage ich. Mir selbst entgleiten mittlerweile sämtliche Gesichtszüge, während er selbst wieder auflacht.

»Weil ich total zugedröhnt bin und die Matratze mich fressen will.« Er merkt nicht einmal, wie verlegen er mich macht. Stattdessen versucht er, mich weiter zu überzeugen. »Nein, ehrlich, da ist so ein Sog unter mir, der mich mit sich in die Tiefe zerren will. Das ist voll ätzend. Wirklich.« Meine Augen wandern zu seiner ausgestreckten Hand, die kraftlos auf der Bettdecke liegt und darauf wartet, von mir gehalten zu werden.

»Ist dein erster Trip dieser Art, was?«, versuche ich Zeit zu schinden. Meine Verunsicherung würde ich nämlich gerne so lange wie möglich vor ihm verbergen. Denn genau das macht er mit mir. Er verunsichert mich. Mich!

Als ich meinen Blick wieder in sein Gesicht lenke, sehe ich, wie unendlich müde er plötzlich ist. Seine Lider werden ganz schwer. Die letzte Energie scheint er gerade für seinen Lachflash aufgebraucht zu haben.

»Frag besser nicht.« Sein Lachen verstummt. Für eine Sekunde überlege ich noch, doch dann rutsche ich mit meinem Stuhl ganz nah an sein Krankenbett heran und greife einfach, ohne weiter darüber nachzudenken, nach seiner Hand. Sofort umschließt er meine mit festem Griff, beinahe wie ein Ertrinkender, der sich krampfhaft versucht über Wasser zu halten. Er schließt die Augen ganz und lehnt den Kopf zur Seite.

Innerlich schlucke ich einmal schwer. Ich habe noch nie einem Mann die Hand gehalten. Schon gar nicht einem mir bis heute wildfremden. Doch es scheint tatsächlich genau das zu sein, was er jetzt gerade braucht. Körperkontakt. Etwas Reales, das ihm hilft, im Hier und Jetzt zu bleiben.

»Cool, dass du da bist. Wirklich. Hast was gut bei mir«, spricht er ganz ruhig mit mir.

»Kein Ding«, gebe ich zurück.

»Du wirst doch niemandem von meinem Gesülze erzählen, oder?« Für einen Moment öffnet er noch einmal seine Augen und schaut mich unsicher an.

»Nope«, beruhige ich ihn. »Bleibt unter uns. Auch das Händchenhalten.« Er grinst, schließt die Lider wieder und drückt meine Hand ganz fest. Seine Atmung wird ruhiger und die Hysterie, die eben noch durch ihn durchfegte, scheint verflogen. Also verharre ich für die nächste Zeit in dieser Position und warte, während Leon schläft.

Kapitel 2

Leon

Noch ganz benommen versuche ich mich etwas aufzurichten. Als ich mich bewege, durchfährt mein linkes Bein ein heftiger Schmerz. Also lasse ich mich wieder in die Kissen sinken und beschließe, mich vorerst einfach nicht zu bewegen. Im Prinzip bin ich dafür sowieso viel zu erschöpft. Ich fühle mich, als wäre ich den Ironman mitgelaufen.

Direkt an meinem Bett sitzt der wohl schönste Mann der Welt und hält meine Hand. Ole! Der Kerl, dem ich gestern im Roxy zum ersten Mal begegnet bin. Und jetzt sitzt er hier. Bei mir. Draußen dämmert bereits der Morgen. Hat er die ganze Nacht an meiner Seite gesessen? Seine Hand fest mit meiner verflochten, lehnt er mit den Armen an der Kante meines Bettes und hat seinen Kopf darauf gestützt. Mit geschlossenen Augen liegt er vor mir und schläft. Die blonden Haare sind ihm wirr in die Stirn gefallen. Am liebsten würde ich mit meinen Fingerspitzen durch sie hindurchfahren und sie ihm aus der Stirn streichen. Zu gerne wüsste ich, welche Farbe seine Augen haben. Ich vermute sie sind blau. Bestimmt sind sie das. Ich erschrecke mich fast zu Tode, als er aus dem Nichts heraus die Lider öffnet und mich ansieht. So irrsinnig intensiv leuchtet mir ein strahlendes Grau entgegen, das alle Unklarheiten damit aus dem Weg zu räumen weiß. Gott, hat der Kerl einen Augenaufschlag!

Als er merkt, dass ich wach bin, lässt er meine Hand los und rappelt sich auf. Geräuschvoll streckt er seine Glieder. Ich kann mir gut vorstellen, wie unangenehm seine Schlafposition gewesen sein muss. Wobei ich hier im Krankenbett mit dem Gips am Bein auch nicht unbedingt Juhu schreie.

»Und?«, fragt er mich. »Bist du wieder klar im Kopf?«

»Ähm … ja. Ich denke.« In meinem Hirn ist es aber noch recht verschwommen.

»Na endlich. Kannst von Glück reden, dass die anderen schon auf dem Weg nach Hause waren, als du deinen Film geschoben hast.«

»Wieso? Was hab’ ich angestellt? Doch nichts Schlimmes, oder?«

»Wie man es nimmt«, wägt er ab. Mein Herz klopft. Gibt es da etwas, an das ich mich nicht mehr erinnern kann? Hoffentlich habe ich mich nicht blamiert. Bitte nicht in seiner Gegenwart. Gott, bitte nicht!

»Nun sag schon«, drängele ich.

Durchtrieben grinst er mich an. »Zumindest weiß ich seit letzter Nacht, dass ich den süßesten Arsch der Welt habe.«

Jetzt, da er das mit seinem Hintern erwähnt … Ganz allmählich kommt die Erinnerung wieder. Ich schließe die Augen, ziehe mir umständlich mein Kopfkissen aus dem Nacken hervor und halte es mir ins Gesicht. Ich möchte mich in Luft auflösen.

»Hey, alles cool, Mann«, höre ich ihn durch das Kissen, wie er versucht mich zu beruhigen. »Du warst eben high. Was soll’s.«

Ganz leicht luge ich hinter dem Kissen hervor. So wie es aussieht, hat er keine Ahnung. Gut, denke ich. Belassen wir es dabei. Ich bin sowieso nicht der Typ, der jedem immer sofort auf die Nase binden muss, dass er schwul ist.

»Haben sich Lea und Aidan wenigstens ausgesprochen und wieder vertragen?«, wechsele ich das Thema.

»Nope. So wie es aussieht, hat sie ihn letzte Nacht abserviert. Vermutlich war es das mit den beiden schon wieder.«

»Wer weiß«, entgegne ich und lasse meine Gedanken rotieren. »Vielleicht hab’ ich da noch ’ne Idee, wie wir die beiden wieder zusammen bringen. Bestenfalls würden wir sogar zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, falls mein Plan funktioniert. Allerdings … bräuchte ich dafür deine Hilfe. Aidan wird da nicht so ohne Weiteres bei mitmachen wollen.«

Ole lehnt sich neugierig etwas vor. »Erzähl!«

Ole findet meinen Plan genial, Lea und Aidan bei dem Winterfest gemeinsam eine Tanznummer aufführen zu lassen. Nachdem ich ihm meine Idee soweit erklärt habe, habe ich ihm gesagt, dass ich jetzt alleine klarkomme. Doch bevor die Visite nicht durch ist und wir nicht wissen, was mit mir Sache ist, geht er nirgendwohin, hat er gesagt. Es rührt mich, wie er sich um mich sorgt, und das, obwohl wir uns gar nicht kennen. Eigentlich könnte ich ihm total egal sein. Schließlich ist es Aidan, sein Freund, dem ich mein Gipsbein zu verdanken habe, und nicht er.

Während wir Zeit miteinander verbringen und ein wenig voneinander erzählen – Small Talk halt –, kapiere ich recht schnell, dass ich drauf und dran bin, mich in Ole zu verknallen. Was ziemlich unpraktisch ist, denn laut meiner Tanzpartnerin Lea soll Aidans bester Freund – Besagter sitzt direkt an meinem Krankenbett – einen gehörigen Frauenverschleiß an den Tag legen. Jeden Tag ’ne andere oder so ähnlich. Also absolut nicht mein Ding. Total sinnlos, überhaupt auch nur einen einzigen Annäherungsversuch zu starten – vom Flirten mal ganz abgesehen. Normalerweise! Ja, eigentlich würde ich keinen weiteren Gedanken an jemanden verschwenden, der so offensichtlich auf Frauen abfährt wie Ole hier. Doch der Mann hat was, das mich nicht mehr loslässt.

Während wir uns unterhalten, schaut er ständig auf sein Handy. Empfängt Nachrichten und verschickt ebenso viele. Das Ding glüht direkt in seinen Händen. Vermutlich macht er gerade seine nächsten Dates klar.

»Bin gleich wieder da«, reißt er mich aus meinen Gedanken. »Geh mal ’ne Toilette suchen.«

»Nimm doch einfach die hier«, schlage ich ihm vor und deute mit dem Gesicht zur Klotür.

»Ne, besser nicht«, lehnt er ab. »Die Krankenschwestern hier sind mir zu bissig.«

Als er nach draußen verschwunden ist, lasse ich mich in mein Kissen fallen und starre an die Decke. Tief hole ich Luft und atme einmal kräftig durch. Erst jetzt merke ich, wie angespannt ich die ganze Zeit in seiner Anwesenheit war.

Keine fünf Minuten später geht die Tür wieder auf. Allerdings ist es nicht Ole, wie erwartet, sondern Aidan, der auf der Schwelle steht.

»Was ist das denn? Nicht mal Blumen hast du mir mitgebracht?«, necke ich ihn gleich. Ich darf das. Schließlich habe ich ihm den verstauchten Knöchel zu verdanken.

»Bist du ’n Mädchen, oder was?«, geht er auch gleich wieder in die Luft. Ich verschränke meine Arme vor der Brust und triumphiere innerlich. Aidan bekommt man so leicht auf 180. Als er mein Gipsbein sieht, fährt er aber gleich wieder ein paar Takte zurück.

»Bist du hergekommen, um dich weiter mit mir zu streiten?«, frage ich.

»Quatsch. Wollt mal schauen, wie es dir geht.«

»Mir geht es gut. Bis auf den Gips, der wird mich wohl noch eine Weile begleiten. Zum Glück nur ein einfacher Bruch. In ein paar Wochen bin ich wieder ganz der Alte.«

Er scheint erleichtert. »Okay. Das ist cool, Mann. Wenigstens etwas. Sag einfach Bescheid, wenn du in den nächsten Wochen Hilfe bei was brauchst. Ich bin dann da, okay?«

Finde ich im Prinzip wirklich nett von ihm. Tatsächlich ertappe ich mich aber bei der Feststellung, dass mir die Hilfe seines Freundes weitaus lieber wäre.

Mitten in meine Gedanken hinein kommt Ole zurück. Die beiden schauen sich verdattert an. Ihnen ist anzusehen: Mit dem jeweils anderen haben sie nicht gerechnet.

»Moin«, quält Ole sich ab.

Sehe ich das richtig? Ist es ihm unangenehm, dass Aidan ihn hier bei mir erwischt hat?

»Moin«, sagt auch Aidan. Ganz langsam löst Ole sich aus seiner Starre und kommt unsicher zu mir ans Bett, um auf seinem Stuhl Platz zu nehmen, auf dem er die halbe Nacht an meiner Seite verbracht hat. Eines seiner Beine zuckt leicht hin und her. Kaum zu merken, doch mir fällt es auf. Ja. Er ist definitiv nervös. Aidans Blick wandert zu Oles Jacke, die seit geraumer Zeit über der Lehne liegt. »Bist du schon länger hier?«, will Aidan von Ole wissen.

Oles Blick trifft mich wie ein Blitz, als er zu mir rüber sieht. Keine Ahnung, was er denkt.

»Noch nicht lang«, nuschelt er.

»Er wollte sich auch nur nach meinem Bein erkundigen«, versuche ich so gut es geht seine Anwesenheit zu erklären. Mit Sicherheit wäre es Ole nicht recht, wenn wir jetzt kundtäten, dass er, seitdem ich hier eingecheckt habe, nicht von meiner Seite gewichen ist. Es würde Fragen geben. Aidan sieht aber auch nicht aus, als würde ihn das weiter interessieren. Vermutlich hat er noch ordentlich Restalkohol in sich von letzter Nacht.

»Hätte jetzt nicht damit gerechnet, dass du vor Mittag aus deinem Delirium findest«, versucht Ole sich zu rechtfertigen.

»Kein Thema, Mann«, sagt Aidan und zieht sich endlich selbst einen Stuhl heran.

Kapitel 3

Leon

Das Herz schlägt mir bis zum Hals, als ich Ole ein paar Tage später wieder begegne. Dass er Aidan zur Tanzschule begleiten würde, damit hatte ich nicht gerechnet. Aidan ist – wie schon erwähnt – der Typ, dem ich mein Gipsbein zu verdanken habe. Aber er ist auch der Typ, in den meine Tanzpartnerin und Freundin Lea sich verliebt hat und der heute mit ihr gemeinsam eine Tanznummer für das Winterfest in deren Schule einstudieren soll. Obwohl Aidan zu Anfang alles andere als begeistert war, konnte ich ihn gemeinsam mit Ole im Krankenhaus von dem Plan überzeugen. Sein schlechtes Gewissen hat mir dabei ganz gut in die Karten gespielt. Lea hat da nämlich so ein kleines Problem mit Publikum. Aber das ist eine andere Geschichte.

Jedenfalls … Wir alle sind froh, als Lea endlich auch klein beigibt und sich bereit erklärt, bei der geplanten Tanznummer mitzumachen. Und das, obwohl Aidan und sie sich immer noch nicht wieder vertragen haben. Zwischen den beiden herrscht nach wie vor Funkstille. Während sie zusammen mit Gregor, unserem Choreographen, die Schritte einstudieren, hocke ich mit meinem Gipsbein am Tresen fest und kann nichts weiter tun, als aus der Ferne den beiden zuzusehen. Zu gerne würde ich selbst ordentlich mitmischen, doch meine Verletzung lässt mir da leider wenig Spielraum. Kiki ist ebenfalls zu Leas Unterstützung gekommen, sitzt aber ein paar Plätze von mir entfernt und hat die Nase in ihr Telefon gesteckt. Mit ihrem unscheinbaren Äußeren fällt sie da hinten kaum auf. Ihre hellbraunen Locken, die sie gerne mal – so wie jetzt gerade – in Gedanken versunken vom Finger springen lässt, sind vermutlich das Auffälligste an ihr.

Die erste Zeit steht Ole noch etwas verloren am Rand, doch schließlich schlendert er zu mir rüber. Mein Herz klopft, als er näherkommt. Aber anstatt sich neben mich zu setzen, geht er direkt hinter den Tresen und sucht vermutlich nach etwas Trinkbarem.

»Ähm … das ist eigentlich kein Selbstbedienungsladen hier«, lasse ich ihn wissen. Er schaut zu mir auf. Seine stahlgrauen Augen funkeln mich direkt an. Sofort geht mein Puls noch weiter hoch. Davon bemerkt er zum Glück herzlich wenig, sondern blickt sich spielerisch nach allen Seiten um.

»Also, ich sehe hier keinen Barkeeper. Du etwa?« Ich rolle ebenso theatralisch mit den Augen und lasse ihn einfach machen. Der Typ hört vermutlich sowieso nicht auf mich. Also verschwindet Ole grinsend wieder unter der Theke und klappert mit ein paar Flaschen herum. Wenig später scheint er gefunden zu haben, wonach er gesucht hat. Er knallt zwei Bierflaschen auf die Theke. »Na, wer sagt’s denn?« Er holt aus seiner Hosentasche ein Feuerzeug hervor und öffnet damit geschickt beide Flaschen. »Hier«, damit schiebt er mir eines der Biere zu. Meine Skepsis scheint man mir deutlich anzusehen. »Nicht deine Marke, oder was is’ das Problem?«

Ich seufze. Eigentlich sollte ich Alkohol meiden. Vor allem nach dem, was am Wochenende im Krankenhaus passiert ist. Bin mir nicht sicher, ob mir das jetzt schon wieder gut bekommt. Doch ich nicke nur in Richtung der Gläser, die hinter Ole im Regal stehen, und sage:

»Reich mir mal eins rüber.« Ein dreckiges Grinsen legt sich auf sein Gesicht. Ich bekomme direkt Gänsehaut, so wie er mich gerade ansieht. »Was?«, frage ich.

»Komm, gib es zu: Du willst nur, dass ich mich umdrehe, damit du meinen süßen Arsch bewundern kannst.« Herzhaft lacht er auf, dreht sich von mir weg und greift nach einem der Gläser, bevor ich dazu komme, darauf zu reagieren. Natürlich brennen sich meine Augen augenblicklich auf seinem Hintern fest. Dagegen kann ich gar nichts machen. Nicht, nachdem er mich vorher noch darauf aufmerksam gemacht hat. Als er sich wieder zu mir wendet, fühle ich mich unfassbar ertappt.

Und er lächelt grausam wissend. »Hier, bitte.«

Gequält erwidere ich sein Lächeln. Der Typ weiß einen aus der Reserve zu locken. Kann mich gar nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal in der Gegenwart eines Kerls so nervös gewesen bin. Dass er auch ausgerechnet jetzt die Anekdote aus dem Krankenhaus bringen muss! Mit leicht zittriger Hand schenke ich mir ein.

Ole selbst setzt die Flasche direkt an. Eigentlich will ich ihn auch dabei nicht beobachten – wie ihm nun Schluck um Schluck das Bier seine Kehle hinabläuft. Trotzdem tue ich es. Leider bin ich nicht sehr gut darin, mit meinen Gefühlen hinterm Berg zu halten. Mir kann man immer recht gut und auch schnell ansehen, was ich denke. Zumindest meinen Kiki und Lea das – ach was, die ganze Welt ist dieser Meinung. Als er mitbekommt, wie intensiv ich ihn anstarre, setzt er die Flasche ab, denn ich scheine ihn mit meinem Verhalten durchaus zu irritieren. Dabei fährt er sich einmal mit der Zunge über die Lippen. Okay. Spätestens jetzt sollte ich aufhören, ihn so anzuglotzen, wenn ich mir nicht gleich dumme Fragen anhören will. Also zwinge ich mich dazu, ihm den Rücken zuzukehren und die Tanzfläche zu beobachten.

»Sehr schön«, werden Lea und Aidan gerade vom Trainer gelobt. »Wir sollten allerdings an deinem Gefühl arbeiten, Aidan«, setzt Gregor nach. Ich schmunzele in mich hinein, während Aidan dumm aus der Wäsche schaut. Der Kerl tut mir irgendwie leid, wie er sich jetzt so durch die Choreo quälen muss. Aber was tut man nicht alles für die Liebe.

»Was meinst du?«, fragt er Gregor auch sofort.

Okay, denke ich. Aidan hat wirklich noch nicht kapiert, worum es hier geht. Herzhaft muss ich einmal auflachen, weil ich an seine große Klappe von letztens denken muss, als er meinte, das bisschen Herumgehopse würde er mit links hinbekommen.

»Du sollst den Stock aus dem Arsch ziehen. Das meint er«, rufe ich einmal quer durch den Saal. Ich komme nicht weiter dazu, mich über Aidans dummes Gesicht zu amüsieren, weil Ole sich gerade auf den Barhocker neben mich setzt und mir damit Atemaussetzer bereitet. Der schwere Duft seines Aftershaves, vermischt mit Zigarettenrauch, haftet an ihm und schwebt zu mir herüber. Für gewöhnlich kann ich Tabakgeruch nicht ausstehen. Bei Ole jedoch stört es mich interessanterweise kein Stück. Er riecht einfach wunderbar. So nah waren wir uns zuletzt im Krankenhaus, als er meine Hand hielt. Unweigerlich wandern meine Augen zu seinen Händen hinab, die lässig die Bierflasche halten. Wie gerne würde ich seine Hand noch einmal berühren.

»Gib mal ’nen Tipp ab«, höre ich ihn in meine Gedanken hinein sagen. Dabei lehnt er sich noch etwas weiter zu mir herüber, während er Lea und Aidan beim Trainieren beobachtet. »Werden die beiden das hinkriegen bis nächste Woche?«

Ich räuspere mich, denn trotz des Bieres ist mein Mund furchtbar trocken. Ich setze zum Sprechen an, doch genau in diesem Moment treffen seine Augen auf meine.

»Äh …«, stammele ich. Entschieden sehe ich zur Tanzfläche und lege die Stirn in Falten, so als würde ich über seine Frage nachdenken. Verzweifelt versuche ich mich zu sammeln. »Aidan macht das nicht schlecht«, beginne ich. »Wenn er sich Mühe gibt und die Sache ernst nimmt. Dann … vielleicht.« Ich kann spüren, wie Oles Augen weiterhin auf mir ruhen, während ich nervös das Bier in meinem Glas exe.

»Ist mir ehrlich gesagt immer noch ein Rätsel, wie du ihn im Krankenhaus dazu bekommen hast, hierbei mitzumachen, Alter. Aber du hast es geschafft. Der Typ hatte so was von einem schlechten Gewissen, als du mit ihm fertig warst. Respekt!« Im nächsten Moment knufft er mich kurz mit der Faust in den Oberarm. »Das hast du echt gut gemacht. Die Nummer hier ist zu köstlich. Hab’ mich schon lange nicht mehr so über ihn amüsiert wie jetzt gerade.«

»Na, komm.« Von seinen Worten geschmeichelt sehe ich ihn wieder direkt an. »Ohne deine Hilfe hätt’ ich es vermutlich gar nicht hinbekommen.« Und in der Tat: Oles Unterstützung vor ein paar Tagen im Krankenhaus war sicherlich mit ausschlaggebend, dass mein Plan aufging.

Er nickt anerkennend. Seine Mundwinkel verziehen sich zu einem herzlichen Lächeln, das zwei Grübchen zum Vorschein bringt.

»Ja, das haben wir gut gemacht. Wir sind ein gutes Team.« Über Oles Gesicht legt sich ein gehässiges Grinsen, als er beobachtet, wie Gregor, der Tanzlehrer, Aidan an den Hüften packt und ihm versucht zu vermitteln, wie er sich schwungvoller bewegen kann. »Ehrlich, Mann. Das ist zu gut«, höre ich ihn neben mir feixen und mit einer schnellen Bewegung sein Telefon hervorholen. Aidan bemerkt von der Tanzfläche aus allerdings, dass Ole dabei ist, ihn aufzunehmen, und gibt lautstark von sich, was er davon hält. Beinahe fallen die drei auf die Nase. Kichernd steckt Ole das Handy wieder weg, steht auf und greift nach meinem leeren Glas. Dabei berühren sich unsere Fingerspitzen. Jäh durchfährt mich ein Stromschlag durch diese kleine Berührung, die ich so nicht habe kommen sehen, bis ins Mark. Oles Lachen verstummt augenblicklich. Sein Blick ruht für einen Wimpernschlag schwer auf mir. Auch ihn scheint dieser Körperkontakt nicht kalt zu lassen. Für den Bruchteil einer Sekunde denke ich … Doch nein. Unmöglich. Und wie erwartet: Der Moment vergeht und Ole schlendert, ohne die komische Situation zwischen uns zu kommentieren, zurück hinter den Tresen und räumt die Sachen weg. Das Gesicht von ihm abgewandt halte ich mit großen Augen inne und plustere meine Wangen auf. Meine Hände sind schweißnass. Was bitte war das gerade?

Ole

Auch zum zweiten Training begleite ich Aidan. Mein Interesse irritiert ihn zwar, doch das ist mir egal. Ungewohnt nervös sitze ich am Tresen, während Aidan den Streber heraushängen lässt und mit Gregor schon einmal die Choreo durchgeht. Und das noch bevor Lea hier überhaupt eingetroffen ist.

Leon kommt durch die Tür. Ich war mir nicht sicher, ob er heute auch auftauchen würde. Schließlich konnte ich Aidan ja schlecht fragen. Es hätte nur dämliche Fragen gehagelt. Doch jetzt, da ich ihn mit seinen Krücken auf mich zukommen sehe, nachdem er mich registriert hat, schlägt mein Herz etwas schneller. Ich habe keine Ahnung, wohin mit meiner aufgestauten plötzlichen Energie, also springe ich vom Barhocker und laufe hinter den Tresen, um uns wie beim letzten Mal etwas zu trinken zu organisieren.

»Hi«, höre ich Leon sagen, während er auf der anderen Seite der Theke erst einmal wie angewurzelt stehen bleibt.

»Hi«, erwidere ich, denn so auf die Schnelle fällt mir gerade nichts Besseres ein. Dass ihn meine Anwesenheit verwundert, ist ihm deutlich anzusehen. »Ein Bier? Wie letztens?«, frage ich schnell. Während ich das frage, tauche ich bereits ab und hole zwei Flaschen hervor.

Leon überlegt. Wirkt skeptisch. »Also, zum Trinken gehe ich für gewöhnlich eher woandershin«, lässt er mich wissen, während er seine Jacke auszieht, sich an die Theke setzt und schließlich aber doch eine von mir rasch geöffnete Flasche entgegennimmt. Er lächelt dabei sogar.

»Interessant«, gehe ich auf ihn ein. »Kannst du mir den Schuppen bei Gelegenheit mal verraten? Vielleicht trifft man sich ja mal zufällig.« Ich schiebe ihm ein Glas über die Theke zu und erwidere sein Lächeln.

»Sag bloß, du willst mit mir einen trinken gehen?«

»Warum nicht?«, wäge ich ab. »Könnte doch ganz amüsant werden. Du und ich. Abends, auf der Piste.«

»Ich glaube, du hast keine Ahnung, wo ich für gewöhnlich hingehe«, sagt er, während er sich einschenkt. Dabei sprühen seine Augen Funken, wenn er mir zwischendurch einen Blick zuwirft.

»Nee, keinen Plan. Aber … wer weiß, vielleicht gefällt es mir da ja.«

In sich hineingrinsend schüttelt er den Kopf. Dabei schwenkt er sein Glas ganz leicht in der Hand. »Das«, entgegnet er, wobei er das Wort besonders betont, »kann ich mir nicht vorstellen.«

»Ach, nein? Das käme ja jetzt wirklich auf einen Versuch an. Findest du nicht?« Mein eigener weicher Tonfall überrascht mich. Erst jetzt bemerke ich, dass ich mich während unserer kleinen Unterhaltung mit beiden Händen an der Theke abgestützt zu Leon hinübergelehnt habe. Täusche ich mich oder wird Leon gerade rot? Und überhaupt – was tue ich hier gerade? Entschieden eise ich mich von Leons durchdringenden, hellblau funkelnden Augen los und lenke meine Aufmerksamkeit schnell Lea zu, die genau in diesem Moment als Letzte die Tanzschule betritt.

Für eine Weile schaffe ich es, Leon auszublenden, indem ich Lea und Aidan beim Training beobachte. Dabei halte ich mich an meiner Bierflasche fest, deren Inhalt heute wie auch neulich nicht sonderlich gut schmeckt. Zwischendrin checke ich meine Nachrichten auf dem iPhone. Leons Blicke von der Seite bemerke ich wohl. Und jedes Mal versetzen sie mir einen Stich. Ich hätte zu Hause bleiben sollen, geht mir immer wieder durch den Kopf. Das hier macht überhaupt keinen Sinn. Ich fühle mich total überflüssig. Keine Ahnung, warum ich heute unbedingt wieder dabei sein wollte, und ich weiß auch überhaupt nicht, warum ich so tierisch nervös bin, seitdem Leon den Laden hier betreten hat. Ich weiß nur eines: Wenn ich noch länger mit der leeren Flasche Bier in der Hand hinter dem Tresen wie festgefroren stehen bleibe, wird das auf die anderen früher oder später leicht verstrahlt wirken. Also stelle ich die Flasche weg und gehe um die Theke herum, um neben Leon Platz zu nehmen. Mir scheint, als würde er sich verkrampfen, als ich mich neben ihn setze, doch da mag ich mich auch täuschen. Im Moment bin ich nämlich ziemlich neben der Spur und überhaupt nicht dazu in der Lage, irgendetwas einzuordnen. Stumm beobachten wir weiter das Training. Mittlerweile sieht es sogar richtig gut aus, was die beiden da treiben.

»Wenn man es nicht besser wüsste«, beginne ich schließlich das Gespräch, denn irgendeiner muss ja mal was sagen, sonst platze ich gleich noch vor Anspannung, »dann könnte man meinen, die hätten sich gar nicht verkracht.« Während ich zu Leon schaue, denkt er über das nach, was ich gesagt habe, und beobachtet weiter die zwei auf der Tanzfläche.

»Das soll so aussehen. Aber abgesehen davon: Die lieben sich einfach. Sieht man doch. Die vertragen sich auch schon bald wieder. Wirst sehen.« Keine Ahnung, was genau da jetzt so offensichtlich sein soll. Ich selbst versuche die beiden nun etwas intensiver zu studieren. Versuche zu erkennen, was Leon meinen könnte, doch ich check’ es echt nicht.

»Okay. Klär’ mich mal auf: Woran genau erkennst du das jetzt? Denn ich verstehe es nicht. Hab’ ich ehrlich gesagt auch noch nie.«

»Sieht doch ein Blinder, dass die beiden nicht mehr ohne den anderen sein wollen. Schau, wie er sie ansieht … oder wie sie auf ihn achtet, wenn er mit ihr im Raum ist.« Leons Blick trifft meinen. Wirkt direkt amüsiert, als er meinen verständnislosen Gesichtsausdruck einfängt. »Siehst du das echt nicht?«, hakt er nach.

Ich schüttele mit dem Kopf. »Nope. Was soll ich da erkennen? Dass sie scharf aufeinander sind? Vielleicht. Aber Liebe? Nee, echt nicht.«

»Du warst noch nie verliebt, oder?«

Diese Frage trifft mich vollkommen überraschend. Ich muss nach Luft schnappen. »Ähm … nee. Glaube nicht. Wieso? Ist das wichtig?« Trotzig sehe ich zur Seite und bemerke, wie unglaublich interessiert er mich ansieht. Randvoll mit ehrlicher Anteilnahme gefüllt, blicken seine Augen direkt tief in mein Innerstes hinein. WTF! Der soll gefälligst damit aufhören!

Ich kann nicht anders. Ich muss einfach wegsehen. Unsicher flackern meine Augen durch den Raum. Mich ärgert es, wie wenig ich mich gerade unter Kontrolle habe. Dabei ist das sonst immer mein Spiel. Die anderen sehen verlegen weg, nicht ich! Als dann im nächsten Moment noch seine Hand auf meiner Schulter liegt, gerate ich in eine Art Schockstarre. Anders kann ich es nicht beschreiben.

»Wenn das so ist, wird mir einiges klar.« Dann ist seine Hand auch schon wieder verschwunden. Diese Hand, die jetzt eine unangenehme Kälte an der Stelle hinterlässt, die sie für eine Sekunde lang berührt hat. Diese Hand, die ich im Krankenhaus stundenlang gehalten habe. Diese Hand, die … Ich schließe energisch die Lider und rufe mich innerlich zur Vernunft. Ich muss ganz schnell wieder klar im Kopf werden.

»Also gut, du Klugscheißer«, provoziere ich, um irgendwie von mir selbst abzulenken, denn mir ist unangenehm, wie er versucht, mich weiter zu durchleuchten. »Dann lass mal hören. Du scheinst ja ein Kenner auf dem Gebiet zu sein. Warst du denn schon verliebt? So richtig? Mit allem Drum und Dran?« Skepsis schwingt in meiner Stimme, während ich dies sage. Keine Frage. Dennoch bin ich auf seine Antwort gespannt.

»Ja«, fällt seine schlichte Antwort aus. Ich warte, ob da noch mehr kommt. Aber Leon schaut nur weiter Lea und Aidan beim Tanzen zu. Sein Mund bleibt stumm.

»Ja … und weiter? Ist das alles, was du dazu zu sagen hast?« Erst jetzt sieht er wieder zu mir.

»Was genau willst du denn von mir hören?«

»Na … keine Ahnung. Ich weiß auch nicht … aber ein paar mehr Details wären schon nett.«

»Ja, ich war schon mal verliebt. Richtig heftig sogar«, quält er sich ab, während er wieder zur Tanzfläche schaut.

»Und?«, bohre ich weiter.

»Und was?« Ich bemerke, wie sehr ihn unser Gespräch gerade mitnimmt, auch wenn ich nicht verstehen kann, wieso.

»Hat es nicht gehalten? Oder wie darf ich dein Schweigen verstehen?« Anstatt mir zu antworten schüttelt er nur den Kopf und senkt den Blick.

»Mach dir nichts draus. Die Liebe ist nur eine Erfindung der Romantikindustrie«, versuche ich die bitterernste Stimmung mit einem Augenzwinkern zu verscheuchen. Und es funktioniert. Er muss lachen. Als er den Kopf hebt, blickt er mir wieder mit einem herzlichen Lächeln auf den Lippen ins Gesicht.

»Warum wundert mich dieser Satz von dir jetzt überhaupt nicht?«

Ich mag es, wenn er so strahlt. Mir wird klar: Ich unterhalte mich sehr gerne mit ihm. Schade, dass das Training bald vorbei sein wird. Dann werden unsere Wege wieder auseinandergehen.

Als Gregor schließlich verkündet, Lea und Aidan wären bereit für ihren Auftritt, nehme ich all meinen Mut zusammen und spreche die Party von Aidans Schwester Patricia am Wochenende an.

»Kommt ihr morgen auch zu Aidan?«, frage ich in die Runde. Leon und Lea zucken mit den Schultern. Scheinen unschlüssig. Vermutlich hat Lea nicht besonders viel Lust dazu, noch mehr Freizeit mit Aidan zu verbringen, da sie ja immer noch verkracht sind.

»Aber sicher doch«, antwortet Aidan für die beiden, während er noch immer heftig atmet. Gregors Training hat ihn vollkommen fertiggemacht. Doch ich bin froh, dass mein bester Freund so schnell schaltet und die beiden mit einlädt.

»Cool«, sage ich erleichtert. »Ich kann Leon mitnehmen. Und Kiki holen wir auf dem Weg zu dir auch noch ab.«

»Was genau ist denn geplant?«, will Lea wissen. So ganz überzeugt ist sie noch nicht.

»Pat schmeißt eine Party. Also feiern wir ein bisschen mit«, kläre ich sie schnell auf. Sie überlegt lange, tauscht Blicke mit Leon. Ich bin ganz schön angespannt. Endlich nicken Leon und auch Lea. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Mit einem Mal freue ich mich direkt auf die jährliche Party von Pat.

Kapitel 4

Leon

Einen Abend vor dem großen Auftritt von Lea und Aidan beim Winterfest stehe ich an Krücken gelehnt vor dem Plattenbau, in dem ich in einer kleinen Einzimmerwohnung lebe, und warte auf Ole. Ich muss aufpassen, nicht auf dem vereisten Weg mit meinen Gehhilfen auszurutschen. Den ganzen Tag über hat es wieder heftig geschneit. Heute ist diese Party, zu der wir drei spontan eingeladen wurden. Aber was heißt hier eingeladen? Wir wurden quasi überrumpelt.

Als ein schwarzer Audi um die Kurve biegt, mag ich meinen Augen kaum trauen. Ole hat zwar erwähnt, dass er einen fährt, aber das hier kann unmöglich seiner sein! Der Audi, der in diesem Moment vor mir hält, ist so hochkarätig, dass er wie nicht von dieser Welt wirkt. Das ist nichts weiter als Zufall, kommt mir sofort in den Sinn. Andererseits … hier … in dieser schäbigen Wohngegend? Okay, ich gebe es zu: Es ist im Bereich des Möglichen, dass Ole gleich aus dem Wagen steigt.

Mit großen Augen starre ich weiter dieses Gefährt an. Mein Blick wandert intensiver über das Auto hinweg. Komplett in Mattschwarz lackiert bewundere ich das scheißegeile RS 7 Sportmodell, für das man gut und gerne ’ne prima Eigentumswohnung bekommen könnte. Und dann passiert es. Ole steigt tatsächlich aus dem Wagen. Und die beiden sehen hammermäßig aus zusammen.

»Na, alles klar?«, fragt Ole zur Begrüßung, während er bei laufendem Motor das Auto umrundet, um mir die Beifahrertür zu öffnen. Das Kribbeln in meiner Bauchgegend bei seinem Anblick ist sofort wieder da – durch den Audi noch zusätzlich tausendfach verstärkt. Wenn mich in Zukunft mal einer fragen sollte, wie meine feuchten Träume aussehen, seit heute hätte ich tatsächlich eine Antwort darauf.

»Äh«, stammele ich unbeholfen, während er mir die Krücken abnimmt, damit ich einsteigen kann. »Ja, alles klar soweit.« Umständlich lasse ich mich auf den Beifahrersitz plumpsen und nehme meine Gehhilfen wieder entgegen. Kiki sitzt bereits auf der Rückbank. Wir begrüßen uns.

»Echt krasser Wagen, oder?«, flüstert sie mir schnell ins Ohr, solange Ole noch um den Wagen zur Fahrertür zurückläuft.

Ich nicke nur, denn mir hat es die Sprache verschlagen. Die Ledersitze verströmen einen angenehmen Duft, der mir betörend in die Nase steigt. Berufsbedingt hatte ich ein-, zweimal schon mit solchen Autos zu tun. Allerdings ist das hier etwas vollkommen anderes. Dieses Mal sitze ich drin und hocke nicht drunter, um es zu reparieren.

»Und? Wie geht’s deinem Knöchel?«, beginnt Ole das Gespräch, nachdem er hinter dem Steuer Platz genommen hat und losfährt.

»Wird für mich wohl ’ne Sitzparty werden. Aber ansonsten …«

Er schmunzelt. »Tanzen wird überbewertet.«

»Ähm … nein«, widerspreche ich.

»Leon ist richtig gut«, pflichtet Kiki mir nun von der Rückbank aus bei. »Solltest ihn mal sehen, wenn er seinen Gips wieder los ist.« Oles Blick streift mich von der Seite. Ich erschauere, als seine Augen mich kurz abscannen.

»Glaube mir, ich hatte bereits das Vergnügen.«

Mir schießt das Blut in die Wangen. Ich brauche einen Moment, doch dann wird mir klar, dass er vermutlich unsere erste Begegnung im Roxy meint. Damals habe ich mit Kiki auf der Tanzfläche getanzt, während Lea abseits stand und Ole sich zu ihr gesellte.

»Dann hast du sicher immer leichtes Spiel bei den Mädels. Hab’ ich recht?«, fragt er mich in meine Gedanken hinein. Ich bin völlig verwirrt. Einerseits flirtet er ständig mit mir, lässt Anspielungen wie gerade eben fallen, und im nächsten Moment dann wieder so etwas. »Die stehen doch voll auf Tänzer, Männer mit Rhythmus und so. Verstehste?«, setzt er nach. Kiki will etwas sagen. Ich kann mir denken, was das sein könnte, und fahre ihr schnell über den Mund.

»Sicher tun sie das.« Ich werfe ihr einen schnellen Blick zu und schüttele leicht den Kopf. Sie begreift und schließt ihren Mund wieder. Warum sie die Klappe halten soll und ich gerade jetzt nicht besonders scharf darauf bin, dieses Missverständnis aufzuklären, versteht sie nicht. Ole bekommt von unserem stummen Dialog nichts mit. Gut so. »Cooler Song«, sage ich, um das Thema auf etwas anderes zu lenken. »Mach mal lauter.« Ole nickt. Die Anlage weit aufgedreht fahren wir weiter Richtung Party.

Wie erwartet sitze ich an der Bar und halte mich an meinem Bier fest. Lea und Aidan feiern vermutlich gerade in etwas privaterer Runde. Die beiden sind seit Kurzem wieder unzertrennlich. Seit Ewigkeiten habe ich die beiden nicht mehr gesehen. Und auch Kiki scheint sich prächtig zu amüsieren. Obwohl sie es war, die anfänglich am meisten Schiss davor hatte, keinen Anschluss zu finden. Wenig später bemerke ich Ole, wie er zu mir herüberkommt und sich neben mich an die Theke setzt.

»Und?«, fragt er. »Ganz cool hier, oder?« Wie erwartet zückt er direkt sein Handy und liest und verschickt erst mal Nachrichten. Scheint ein gängiges Verhaltensmuster bei ihm zu sein.

»Ja, ganz gut. Aber ich denke, ich werde bald aufbrechen und mir ein Taxi organisieren.«

»Ach Quatsch, die Party fängt doch gerade erst an. Hab’ mich schon richtig gefreut, heute mit dir einen draufzumachen.« Innerlich zucke ich zusammen. Er sagt es einfach so daher, während seine Augen weiter über das Display huschen und seine Finger eine Nachricht ins Gerät hämmern. Und dabei hat er überhaupt keine Ahnung, was er damit in mir anrichtet. Denn gerade von Typen wie ihm sollte ich dringend die Finger lassen. In mir drin wechseln sich Misstrauen und Schwärmerei stetig ab. Unterschwellig begleitet mich ständig ein ungutes Gefühl, wenn ich mit Ole zusammen bin. Er erinnert mich in vielen Dingen so verflucht an Dennis. Und das mit Dennis, das ist damals total nach hinten losgegangen. Und trotzdem …!

Patricia, Aidans Schwester, kommt zu uns an den Tresen. »Na, ihr zwei?« Mit dem Oberkörper lehnt sie sich weit über die Theke zu Ole rüber und linst in sein Telefon. »Biste schon wieder am tindern?« Oles Blick ist weiterhin auf dem Display festgebrannt.

»Hm.«

»So langsam müsstest du doch bald ganz Hamburg durch haben, oder?«, stichelt sie und funkelt ihn von der Seite her an. Bei ihren Worten muss er grinsen.

»Was soll ich machen? Du lässt mich ja nicht ran.«

Sie rollt mit den Augen. »Träum weiter, du Herzensbrecher. Such dir für heute Nacht ’ne andere.«