K E S S - Erhard Schümmelfeder - E-Book

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Erhard Schümmelfeder

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Beschreibung

Wovon handeln die Geschichten dieses bunt schillernden Ebooks? - Ein verliebter Siebzehnjähriger bestiehlt seinen kranken Großvater. Ein junges Paar flieht vor seinen Vermietern. Zwölf übelgelaunte Leute treffen sich in einem kritischen Stuhlkreis. Ein Vater verfolgt den Freund seiner Tochter. Ein ahnungsloses Mädchen verliebt sich in einen zwielichtigen Mann. Ein diebischer Autor gerät während eines Amerikafluges in große Bedrängnis. Ein verzweifelter Schüler enttäuscht seine Lehrerin. Ein alter Mann belauscht durch die Zimmerwand seine neuen Nachbarn. - In 8 Geschichten beschreibt Erhard Schümmelfeder Menschen unserer Zeit in ausweglos erscheinenden Lebenssituationen. Immer müssen die "Helden" versuchen, die Widrigkeiten des irdischen Daseins zu überwinden. In einigen Texten gelingt es den Protagonisten in der Tat, ein schlimmes Ende in ein gutes Ende zu verwandeln. Um welche Erzählungen es sich handelt, soll hier noch nicht verraten werden. Angemerkt sei aber dies: Alle Geschichten dieser Sammlung haben die pralle Wirklichkeit eingefangen und garantieren dem interessierten Leser spannende und zugleich nachdenklich stimmende Einblicke in das menschliche Miteinander auf der wildbewegten Bühne des Lebens. – Wieder einmal heißt es: Vorhang auf! Film ab! Gute Unterhaltung wünscht E.S.

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Seitenzahl: 112

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Erhard Schümmelfeder

K E S S

Erzählungen

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

K E S S

DIE ZWÖLF GESCHORENEN

MISTER MILLER IN AMERIKA

DIE BELAGERUNG

VORLESEN

DER FREUND MEINER TOCHTER

DÜNNE WÄNDE

AUF ZIMMERSUCHE

Impressum neobooks

K E S S

In unserer Nachbarschaft gab es früher einen Jungen namens Frantek, der vor anderen Kindern gegen Zahlung von zwei Groschen einer toten Maus den Kopf abbiss. Ein Jugendlicher, den alle Gonzo riefen, hatte sich bei einer Mutprobe zwischen den Gleisen auf dem nahegelegenen Bahndamm von einem herandonnernden Zug überrollen lassen. Als ich - kaum sieben Jahre alt - meinen Eltern hiervon erzählte, sah meine kopfschüttelnde Mutter sich bestätigt in der Absicht, bald schon die als Arme-Leute-Gegend bekannte Redingstraße für immer zu verlassen.

Wir zogen noch vor dem Winter in eine neue Wohnung am Galgenberg. Auch in dieser „besseren“ Gegend gab es Nachbarn, über die Mutter sich insgeheim erhaben dünkte. Mein Vater hingegen, von Natur aus gutmütig gestimmt, teilte selten ihre von tiefverwurzeltem Misstrauen geprägten Ansichten.

Bis zu meinem siebzehnten Lebensjahr verlief mein Leben in „geordneten Bahnen“. Wie aber kam es, dass ich plötzlich, von einem Tag zum anderen, ins Straucheln geriet?

Ich erinnere mich:

Mein Vater, der Sylvia David anfangs nur zwischen Tür und Angel zu Gesicht bekam, wenn sie mich nachmittags besuchte, um mit mir Biologie, Englisch und Mathematik für die Schule zu üben, nannte sie ironisch Schneewittchen. Es war eine Anspielung auf ihr langes schwarzes Haar, das in Locken bis zur Mitte ihres Rückens hinunterwallte. Indessen zeigte Mutter sich meiner Schulkameradin gegenüber mit kühler Reserviertheit, weil sie eine Sitzenbleiberin war, die sich öfter mit alkoholisierten Jugendlichen bei den Spielhallen traf. Außerdem wohnte sie in der Redingstraße.

Nur einmal aß Sylvia mit mir und meinen Eltern zu Abend. Eine flackernde Kerze brannte auf dem gedeckten Tisch, als wir uns setzten. Es duftete nach frischem Krustenbrot und Kirschwein. Artig warteten wir auf meinen Vater, der noch rücklings unter der Spüle auf dem Fliesenboden lag und versuchte, im Schein seiner Taschenlampe die widerspenstige Schraube von einem alten Rohr zu lösen, um eine Gummidichtung zu wechseln.

„Du kannst doch später weiterarbeiten“, wandte sich Mutter ungeduldig an ihn.

Mein Vater, in handwerklichen Dingen ungeschickt, wollte zuvor den Zweikampf mit der Schraube gewinnen. Er setzte das gezackte Maul der Zange erneut an den Schraubenring und versuchte ihn zerrend loszudrehen. Der Versuch misslang. Wir hörten ihn verzweifelt schnaufen. Dann sammelte er alle Kräfte, packte fest zu und würgte an dem Ring, während sein Gesicht sich rot ver­färbte. Die Adern an seinem Hals traten hervor. Er zitterte vor Kraftanstrengung. Er gab nicht auf. Etwas in seinem Blick schien zu sagen: Einer von uns beiden - die Schraube oder ich.

„Darf ich helfen?“, richtete sich Sylvia an meinen Vater. „Ich kenne mich aus.“

Die erhobenen Arme meines Vaters bildeten ein Tor, durch das er keuchend zu uns herüberschaute. „Das hier ist harte Männerarbeit“, ließ er sich aus der Nische vernehmen. „Nichts für feine Damenhände. Ich rufe gleich den Klempner an.“

Sylvia stützte ihre Ellenbogen auf dem Tisch ab, faltete beide Hände vor dem Gesicht und legte ihr Kinn darauf. Es wirkte sehr vornehm. Dann sagte sie: „Ein Linksgewinde öffnet man, indem man es rechts herum dreht.“ Erklärend fügte sie hinzu: „Weiß ich von meinem Vater. Er war Klempner.“

Für gedehnte Sekunden herrschte peinliche Stille in unserer Küche. Dann vernahmen wir das befreiende Knirschen der festgerosteten Schraube am Rohr.

Nachdem mein Vater sich die Hände gewaschen hatte, setzte er sich zu uns. „Linksgewinde. Rechts herum. Sowas -“, murmelte er immer wieder und kratzte sich an seinem Haarkranz, während Mutter ihre Lippen uneinsichtig aufeinanderpresste.

Während des Essens beteiligte Sylvia sich flinkzüngig und witzig an unseren Gesprächen. Bei meinem Vater hatte sie einen Stein im Brett. Für ihn war sie seit dieser Begegnung Lady Madonna. Mutter hingegen hüllte sich zumeist in Schweigen. Nur einmal hörte ich später, wie sie Sylvia als kess bezeichnete.

An meinem Schreibtisch blätterte ich bald darauf im Wörterlexikon, um die Bedeutung dieses Begriffes zu ergründen. Aus der umfangreichen Liste der Erklärungen merkte ich mir: kess: vergnügt, vorlaut,frech, frivol.

Sylvias Erscheinung änderte sich mit ihrer modischen Kurzfrisur, als sie mit siebzehn im Sommer unsere Schule verließ und eine Lehre im Friseursalon Peters begann. Nur wenige sich kringelnde Haare in ihrem zarten Nacken erinnerten noch an die einstige Lockenpracht. Nun konnte man auch ihre silbernen Perlohrstecker sehen.

Während ich meinen Freundeskreis vernachlässigte, wurde Sylvia der Mittelpunkt meines Lebens. Bis in den Winter hinein gab es zwischen uns eine Vereinbarung: Fast jeden Abend, wenn der Salon in der Grubestraße geschlossen war, trafen wir uns in meinem Zimmer, um weiterhin Hausaufgaben zu machen. Zurückblickend sehe ich, in Gedanken versunken, wie sie den Schlüssel in der Tür mit einer schüchternen Bewegung ihrer linken Hand herumdrehte, über den weißen Teppich durch das Zimmer schritt und die orangenen Vorhänge am Fenster zuzog. In dem gedämpften Licht erkannte ich vom Bett aus nur noch ihre Silhouette.

„Mach die Augen zu.“

Aus einem Grund, über den sie sich nie äußerte, wollte sie nicht, dass ich ihr beim Ausziehen der Kleidung zusah.

Ich verschränkte meine Hände hinter dem Kopf, schloss die Augen und lauschte gespannt. Zuerst hörte ich - ritsch, ratsch - wie sie ihre Schuhe öffnete. Nach dem stumpfen Rauschen beim Abstreifen des Wollpullovers das leise Reißverschlussgeräusch an ihrer Jeans. Dann vernahm ich ein elektrisierendes Knistern und konnte es sogleich einordnen: Nylonstumpfhose.

„Blinzelst du?“

„Nein.“

BH und Höschen behielt sie an, als sie an der Musikanlage neben dem Kleiderschrank hantierte, eine Schallplatte auf den Drehteller legte und die Nadel des Tonarms vorsichtig aufsetzte. Sie wartete, bis aus den Lautsprechern an der Wand die neblig verschwommenen Synthesizer-Töne ihrer Lieblingsmusik erklangen: Visionary Mountains von Manfred Mann’s Earth Band. Erst als ich ihre nackten Beine unter der Bettdecke spürte, durfte ich meine Augen wieder öffnen.

Später fragte sie mich über meine Mitschüler aus und wollte Neuigkeiten über ihre alten Lehrer hören. Im Gegenzug erfuhr ich von dem gespannten Verhältnis zu ihrer Chefin. Über ihre Mutter, die in einer Möbelfabrik im Schichtdienst arbeitete, erzählte sie fast nichts. Ihr Stiefvater war oft wochenlang als Fernfahrer im Ausland unterwegs.

Ich zeigte ihr meine Landschaftsfotos. Sie liebte plakative Naturerscheinungen: Wildbewegte Wolkenszenarien, blutrote Abendhimmel und goldglühende Sonnen. Mein Lehrer, Herr Reichelt, bezeichnete Motive dieser Art als Caspar-David-Friedrich-Stimmungen. Für mich waren sie Sylvia-David-Himmel.

Bei jedem Besuch meiner Freundin signalisierten die Blicke meiner Mutter, wie sehr sie diese Beziehung missbilligte. Um Konflikten aus dem Wege zu gehen, traf ich mich schließlich mit Sylvia nur noch in der Wohnung ihrer Eltern. Von ihrem Zimmerfenster aus hatte man einen Blick über rote Häuserdächer und Kleingärten, hinter denen der Kirchturm unserer Stadt aufragte.

War sie schön? Ja. - Jungen verstummten plötzlich, wenn sie den Raum betrat. Mädchen blickten ihr auf der Straße nach. - Ich wollte sie nicht verlieren. Immer wieder fotografierte ich sie: Vor einem goldenen Kornfeld, im herbstbunten Wald, am Ufer der Weser, während im Hintergrund Eisschollen auf dem Wasser in die Richtung der Brücke trieben …

In ihrem mit Starpostern tapezierten Zimmern gab es keine Bücher. Aus meinem Lieblingsbuch, Cold River, las ich ihr die ersten Kapitel vor, während sie im Bett neben mir, mit dem Kopf an meiner Schulter, schweigend lauschte. Es war die Geschichte zweier Kinder, die nach dem Tod des Vaters in der amerikanischen Wildnis zu überleben versuchten. Auf Seite 134 legte ich ein Foto von mir als Lesezeichen ein.

„Ich könnte dir stundenlang zuhören.“

Immer öfter forderte meine Mutter mich auf, ihr bei der Betreuung ihres Vaters behilflich zu sein. Mein Großvater wohnte allein in seinem Haus neben dem städtischen Freibad. Er befand sich im Anfangsstadium einer Demenz. Hartnäckig weigerte er sich, zu uns zu ziehen, um seine Unabhängigkeit zu bewahren.

Ein Jahr zuvor, als seine Erkrankung von Ärzten diagnostiziert worden war, hatte er seine Wahrnehmungsstörungen noch spielerisch ins Lächerliche gezogen. Als ich ihm von Daniela, meiner damaligen Freundin, erzählte, wollte er die Farbe ihrer Haare wissen: Schwarz, rot, blond? Wahrheitsgemäß antwortete ich: Blond. Er verstand stattdessen: Blind. Auf seine Frage, ob man mit ihr Pferde stehlen könne, sagte ich, sie sei nett. Er empörte sich theatralisch darüber, weil sie zufett sei. Aus der spaßhaften Bagatellisierung seiner Demenz wurde bald schon bitterer Ernst: Immer öfter saß er, in konfuse Selbstgespräche vertieft, auf der Holzbank neben den Sonnenblumen im Garten, hörte nicht, wenn man ihn ansprach, nässte sich ein und irrte verstört durch die Kellerräume seines Hauses.

Meine Mutter pflegte Großvater, kochte für ihn, sorgte für Sauberkeit und Ordnung und erledigte alle Schriftsachen. Nur widerwillig half ich ihr bei den anfallenden Arbeiten. Beim Aufräumen des Vorratskellers wurde mir bewusst, wie nachhaltig Großvater durch die Hungerjahre der Kriegszeit geprägt war: Die ewige Angst vor Notlagen war der Grund für die schwer beladenen Regale an den weißgetünchten Wänden. Erbsen Möhren, Bohnen, Kürbisstücke, Stachelbeeren und Kirschen in verstaubten Gläsern, Leberwurst, Blutwurst und Sülze in Dosen, Kartoffeln in einer Kiste, Schinken und Würste an Eisenhaken unter der Decke - alles hortete er im Überfluss. Sein Vorratsdenken war darauf ausgerichtet, vollständige Sicherheit zu erlangen. Die Furcht vor Verarmung hatte ihn bereits in den zurückliegenden Jahren veranlasst, überall im Haus Sparbücher und Bargeld zu deponieren.

Einmal, als ich die frisch gebügelten Hemden in seinem Schlafzimmer in den Eichenschrank packte, entdeckte ich hinter einem Stapel mit Bettwäsche ein Ledermäppchen mit Geldscheinen. Im untersten Fach, zwischen gefalteten Wolldecken, fand ich eine schwarze Metallkassette mit einem silbernen Griffbügel.

Obwohl ich über genügend Taschengeld verfügte, zog ich aus dem Ledermäppchen vier 50-Markscheine heraus und steckte sie, wobei ich verstohlen über die Schulter zur offenen Tür spähte, in die Brusttasche meiner Jacke. Ich rechtfertigte mein Handeln, indem ich mir einredete, Großvater würde den Verlust des Geldes niemals bemerken.

Einen Tag später kaufte ich Sylvia eine platinfarbene Armbanduhr und ein teures Parfum in einer opalroten Kugelflasche, die beim Öffnen des goldenen Deckels einen dezenten blumigen Duft verströmte.

„Du bist so lieb zu mir.“

Als Großvater nach einem Sturz im Treppenhaus ins Krankenhaus eingeliefert wurde, gehörte es zu meinen täglichen Aufgaben, im Haus nach dem Rechten zu sehen, den Kanarienvogel in der Küche zu füttern und alle Zimmer zu lüften. Innerhalb weniger Tage schrumpfte das Geldbündel im Kleiderschrank auf die Hälfte. Als das Ledermäppchen vollständig geleert war, warf ich es in den Müll.

Ich hortete die Scheine in einem Karton, den ich in meinem Zimmer unter dem Bett versteckte. Die tieferen Beweggründe meiner Diebstähle waren mir nur undeutlich bewusst. Ich wollte das Geld besitzen, um – wann immer es mir beliebte – darüber zu verfügen. Ich dachte auch an Sylvia, die nicht ahnte, aus welcher Quelle die Geschenke für sie bezahlt wurden.

Einige Male fuhren wir - anfangs mit dem Bus, dann mit dem Taxi - in die Kreisstadt, um uns bis zum Abend im Kino, im Eiscafé und in den Geschäften zu vergnügen. Sylvias arglose Frage, woher das Geld stamme, beantwortete ich mit einer schlüssigen Erklärung: Es sei mein gespartes Kommunionsgeld. Über die Höhe der Summe ließ ich sie Vermutungen anstellen, ohne das Geheimnis jemals preiszugeben.

„Du bist mir einer!.“

Nach der Schule hatte ich oft drei Stunden Zeit, bis ich Sylvia von ihrer Arbeitsstelle abholte. Ohne sie begann ich mich zu langweilen. Manchmal, wenn gigantische Wolkengebirge am Himmel entstanden, fuhr ich mit meinem Rad durch die Stadt ins Grüne, um meine Fotosammlung mit Landschaften unserer Umgebung zu vervollständigen. Auf einem Schrottplatz sah ich Frantek, den Kopfabbeißer, in seinem blauen Monteursanzug, wie er die Räder eines zerbeulten Unfallwagens mit einem Kreuzschlüssel abschraubte.

Am Springbach gelang es mir, mit dem Teleobjektiv meiner Kamera eine Wasseramsel auf einem Haselnusszweig zu fotografieren.

Zwei Tage später, als ich Sylvia nach Feierabend vor dem Salon erwartete, zeigte ich ihr die Farbbilder, die ich zuvor aus dem Fotoladen abgeholt hatte. Ich berührte den Stapel mit Hochglanzbildern nur am Rand, um keine Fingerabdrücke auf den Oberflächen zu hinterlassen. Sie aber durchblätterte die Fotos ohne Interesse wie ein Kartenspiel. Etwas schien sie zu bedrücken. Sie hatte geweint, denn die Schminke unter ihren Augen war ein wenig verwischt.

Tags darauf wiederholte sich die Szene in ähnlicher Weise. Abends betrat ich den Laden, um Sylvia abzuholen. Hinter dem schaukelnden blauen Vorhang neben der Verkaufstheke wurde heftig miteinander gestritten.

„Ich bin aber im Recht“, hörte ich Sylvia sagen.

„Darauf kann ich keine Rücksicht nehmen“, sagte Frau Peters. „Der Kunde ist bei uns König. Vergiss das nicht. Du wirst jetzt zu der Dame gehen und dich in aller Form bei ihr entschuldigen!“

„Am besten noch mit einem Kniefall, wie? - Nee, das kann ich nicht einsehen.“

»Ich fürchte, mein liebes Kind, dann werden wir uns wohl trennen müssen«, vernahm ich wieder die Stimme von Frau Peters, die nach einem Mo­ment der Stille mit versteinertem Gesicht den Vorhang beiseite schob, zur Laden­theke schritt und mich anfreundlichte. „Guten Tag. Womit kann ich dienen?“

Vor ihren Eltern versuchte Sylvia, den Verlust der Lehrstelle zu verheimlichen. Ich gab ihr vierhundert Mark aus meinem Karton, denn ich wollte sie bei ihrem Vorhaben unterstützen. In Gedanken rechnete ich mit naivem Eifer bereits aus, wie lange mein Geldvorrat reichen würde, um ihr Geheimnis zu bewahren.

Im Krankenhaus wurde meinem Großvater eine künstliche Hüfte einzementiert. Zweimal in der Woche besuchte ich ihn. Meistens schlief er, wenn ich auf leisen Sohlen an sein Bett trat. Immer war er allein im Zimmer. Wenn er erwachte, versuchte ich, ein Gespräch mit ihm zu führen. Er hatte gleichgültige Tränensackaugen und schlaff hängende Wangen.

„Oppa, erkennst du mich? Ich bins, Till.“

Er blickte durch das Fenster in den sonnigen Park und schien über meine Worte nachzusinnen.

„Zu Hause ist alles in Ordnung. Ich habe heute deine Blumen gegossen.“