Verlag: édition el!es Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung (K)ein Baum zu Weihnachten - Claudia Lütje

Katharina hasst Weihnachtsbäume, und da muss sie ausgerechnet Bekanntschaft mit einer attraktiven Rothaarigen machen, deren Familie Weihnachtsbäume verkauft. Sie wehrt sich zunächst tapfer gegen das nadelnde Grün, doch lange kann sie ihren Gefühlen nicht standhalten. Ebenso ergeht es Anja, die eigentlich nur einen vergessenen Regenschirm zurückbringen will, und Kira und Astrid, die zwar Dinge gut reparieren können, in Liebesdingen aber eher ungeschickt scheinen – am Ende jedoch werden sie bestimmt alle glücklich, denn schließlich ist Weihnachten das Fest der Liebe.

Meinungen über das E-Book (K)ein Baum zu Weihnachten - Claudia Lütje

E-Book-Leseprobe (K)ein Baum zu Weihnachten - Claudia Lütje

Claudia LütjeJenny GreenCharlie Hugou.a.

(K)EIN BAUM ZU WEIHNACHTEN

Romantische Weihnachtsgeschichten

© 2018édition el!es

www.elles.de info@elles.de

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-95609-265-7

Coverillustration:

Manuela Schopfer(K)ein Baum zu Weihnachten

1

»Was für eine Abzocke«, grummelte Katharina vor sich hin und trat am Schalter einen Schritt zur Seite. Das Wechselgeld, die Quittung und ihre Papiere schob sie lässig mit einer Hand über den Tresen zu sich.

Beinahe hätte sie es verpasst. Aber vor ein paar Tagen war ihr gerade noch rechtzeitig eingefallen, dass ihr Auto zur Hauptuntersuchung fällig war. Sie hatte sich sofort um einen Termin gekümmert, sie fuhr lieber nicht mit einer abgelaufenen TÜV-Plakette herum.

»Was soll das heißen, ich kann nicht mit Karte bezahlen?«, sagte die rothaarige Frau neben ihr erbost, die nun an der Reihe war.

»Wir nehmen nur Bargeld«, erwiderte die TÜV-Mitarbeiterin und tippte an den Zettel, der an der Glasscheibe zwischen ihr und der Rothaarigen klebte. »Es tut mir leid«, zuckte sie mit den Schultern. »Die Zahlterminals sind ausgefallen. Das erleben wir hier leider öfter vor den Feiertagen.«

»Moment«, knurrte die Rothaarige genervt und kramte in ihrer Geldbörse herum. »Ich muss nachsehen, ob ich noch genügend Bargeld bei mir habe.«

Katharina beobachtete aus dem Augenwinkel, wie die Frau hastig in ihrer Geldbörse hantierte. Die Wangen der Rothaarigen hatten schon fast die gleiche Farbe angenommen wie ihre Haare. Ob das an der Kälte lag, die das Land kurz vor Weihnachten fest im Griff hatte, oder daran, dass sie nicht bargeldlos zahlen konnte, vermochte Katharina nicht zu beurteilen. Sich um die Hauptuntersuchung kümmern zu müssen, war ohnehin nicht gerade ein Vergnügen, aber den Termin nicht wahrnehmen zu können, weil die Zahlterminals ihren Dienst verweigerten, war noch viel ärgerlicher.

»Wie viel ist es noch mal?«, fragte die Rothaarige, ohne aufzublicken.

»Hundertzwei Euro und zehn Cent!«

Katharina verkniff sich ein Grinsen. Die Stimme der TÜV-Mitarbeiterin hatte inzwischen unüberhörbar einen frostigen Ton angenommen. Eine Gebührentabelle wurde unter der Glasscheibe hindurchgeschoben, und ein schwarzer Fingernagel tippte ungeduldig auf die entsprechende Stelle.

»Ja, ja, ich habe es gleich, nur einen Moment noch«, versuchte die Rothaarige, etwas Zeit zu schinden. Aber die TÜV-Mitarbeiterin verzog bereits mürrisch den Mund und schaute vielsagend auf die lange Schlange hinter der Rothaarigen.

Ein Fünfziger fand seinen Weg aus der Geldbörse, gefolgt von zwei Zwanzigern. Die Rothaarige öffnete das Münzfach, und wenige Geldstücke klimperten auf das kalte Metall des Tresens.

Die TÜV-Mitarbeiterin zog den Zettel mit der Gebührentabelle zurück ins Schalterinnere, während die Rothaarige die einzelnen Münzen zählend von einer Seite auf die andere schob.

»Wie viel fehlt Ihnen noch?«, brach es aus Katharina heraus. Es ging sie zwar nichts an, aber so gestresst, wie die Rothaarige wirkte, konnte Katharina sie hier nicht hängen lassen. Außerdem gefiel ihr der erdige Duft, der die Frau umspielte, und ebenso der Anblick der feurigen Haare, die mit vereinzelten Tannennadeln gespickt waren.

Auch wenn Weihnachten vor zwei Jahren für Katharina abrupt seinen Glanz verloren hatte, war es trotzdem die Zeit der Nächstenliebe, und eine Frau in Not im Stich zu lassen, widerstrebte ihr zutiefst.

»Öhm.« Zwei grüne Augen weiteten sich erstaunt und sahen direkt in ihre.

Wow!, hallte es durch Katharinas Kopf. Doch bevor sie sich in dem klaren Grün verlieren konnte, wandte sich die Rothaarige ab und überflog die wenigen Münzen auf dem Tresen.

»Acht Euro«, sagte sie geschlagen und seufzte schwer.

Katharina wusste, die acht Euro waren nicht viel, aber definitiv zu viel, als dass die TÜV-Mitarbeiterin hinter der Glasscheibe ein Auge zudrücken konnte.

Kurz entschlossen zog sie einen Zehner aus ihrer Geldbörse und schob ihn unter der Glasscheibe hindurch. Sofort krallten sich schwarze Fingernägel den Schein, und er verschwand in der Kassenschublade.

»Hier, Ihre Quittung«, beeilte sich die TÜV-Mitarbeiterin zu sagen und schob der Rothaarigen das Wechselgeld hin.

Noch bevor diese das Geld aufgelesen hatte, rief die TÜV-Frau bereits nach dem nächsten Kunden und zwang ein zumindest ansatzweises freundliches Lächeln auf ihr Gesicht.

»Da. . . danke«, stotterte die Rothaarige.

Bitte, gern geschehen«, erwiderte Katharina mit einem warmen Lächeln. Ihre Mundwinkel wanderten amüsiert nach oben. Sie konnte förmlich sehen, wie es hinter diesen grünen Augen arbeitete.

Ihr Herz erhöhte ungefragt seinen Rhythmus, und sie erwischte sich dabei, wie sie sich beim Anblick dieses hübschen Gesichts fragte, ob im Sommer wohl auch noch ein paar Sommersprossen die wunderschönen Augen umspielten.

Oh nein. Sie zuckte unwillkürlich zusammen, und ein kalter Schauer rann ihren Rücken hinunter. Alles, nur das nicht!, schalt sie sich selbst und rief sich innerlich zur Ordnung. Kopfschüttelnd wandte sie sich ab und marschierte mit großen Schritten zurück zu ihrem Auto. Das ist definitiv nicht die richtige Jahreszeit für so etwas, ermahnte sie sich und kramte in ihrer Manteltasche nach dem Autoschlüssel.

»Warten Sie!«, hörte sie hinter sich. »So warten Sie doch bitte.«

Mit der Hand bereits am Türgriff hielt sie inne und atmete tief durch. Warum konnte die Rothaarige es nicht auf sich beruhen lassen?

»Wie kann ich das wiedergutmachen?« Die Rothaarige hatte inzwischen zu ihr aufgeschlossen, fröstelnd vergrub sie ihre Hände unter den Achseln und tapste von einem Bein auf das andere.

»Schon in Ordnung«, winkte Katharina ab. »Sehen Sie es als verfrühtes Weihnachtsgeschenk.«

»Das möchte ich aber nicht«, erwiderte die Rothaarige nachdrücklich. »Geben Sie mir bitte Ihre Adresse, dann kann ich Ihnen das Geld schicken«, schlug sie vor.

»Es ist mein Ernst«, versicherte Katharina, während sie die Autotür öffnete, sich ihre Mütze vom Kopf zog und auf den Beifahrersitz warf. »Es ist ein Weihnachtsgeschenk«, wiederholte sie und wuschelte sich durch die Haare.

Sie spürte, wie ihr augenblicklich heiß wurde, als sie den durchdringenden Blick bemerkte, den die Rothaarige über sie gleiten ließ. Aber noch viel wichtiger: Warum wurde ihr heiß, nur weil eine hübsche Frau sie betrachtete? Normalerweise machte ihr das nichts aus. Schon durch ihren Beruf war sie es gewohnt, hin und wieder im Rampenlicht zu stehen.

Und warum um Himmels willen wuschelte sie sich gerade durch die Haare? Wollte sie etwa gut aussehen für die Rothaarige? Sonst war es ihr doch egal, ob sie wegen ihrer Mütze mit einer platten Frisur hinterm Steuer saß oder nicht.

»Brauchen Sie einen Weihnachtsbaum?« Die Rothaarige kam einen Schritt näher und streckte ihr entschlossen eine Visitenkarte hin.

»Einen Weihnachtsbaum?«, echote Katharina. Skeptisch fixierte sie die Visitenkarte. Sie hätte beinahe gelacht, wenn es nicht so traurig gewesen wäre. Ihr Verhältnis zu Weihnachten und Weihnachtsbäumen konnte man kaum als gelungen bezeichnen.

Früher war das anders gewesen. Da hatte sie sich auf Weihnachten gefreut wie ein kleines Kind. Es gab Tage, da stand sie stundenlang mit großen Augen vor dem Fenster und betrachtete die Schneeflocken, wie sie unablässig vom Himmel fielen, sich am Boden sammelten und das Land in ihre weiße Pracht hüllten.

Auch war sie kaum zu halten, wenn es um den Weihnachtsbaum ging. Meist musste sie sich selbst bremsen, um nicht einen viel zu großen zu kaufen, der dann nicht in ihre Wohnung passte. Bunte Kugeln, Lametta, Schleifen und Kerzen, alles musste herhalten als Dekoration.

Doch als dann . . . Katharina kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf. Nein, daran wollte sie jetzt nicht denken. Keine Sekunde daran vergeuden, das war es schlicht nicht wert.

»Ja, ich . . . meine Familie verkauft Weihnachtsbäume«, erklärte die Rothaarige. »Falls Sie noch keinen haben . . . Es würde mich freuen, Ihnen einen als Dankeschön zu schenken.« Sie hielt ihr immer noch die Visitenkarte entgegen.

»Ich brauche daheim keinen Baum«, lehnte Katharina barsch ab. Sie wusste selbst, dass ihre Stimme sich gerade viel zu streng angehört hatte. Schließlich wollte die Rothaarige ihr nichts Böses, sondern sich nur erkenntlich zeigen.

»Sonst für Ihre Galerie?«, schlug die Rothaarige vor.

»Woher wissen Sie . . .?« Katharina konnte sich nicht erinnern, auch nur einen Ton über ihre Galerie verloren zu haben.

Oder war die Rothaarige eine Kundin von ihr? Das hätte sie gewusst. Sie vergaß nie ein Gesicht. Ganz zu schweigen von diesen grünen Augen, an die hätte sie sich garantiert erinnert. Denn als Galeriebesitzerin konnte sie es sich schlicht nicht leisten, Kunden oder auch Künstler zu vergessen.

Zögerlich deutete die Rothaarige auf die Autotür. »Da, Ihre Werbung.«

Katharina klatschte sich mit der Hand auf die Stirn. Natürlich! Sie stand hier schon die längste Zeit neben der weißen Inschrift auf ihrem schwarzen SUV. Dafür war Werbung schließlich da, dass man sie sah und wahrnahm.

Sie spürte, wie ihre Wangen heiß wurden. Über das Gesicht der Rothaarigen schien ein spitzbübisches Lächeln zu huschen, in einem Wimpernschlag war es da und wieder weg.

Wurde sie etwa gerade ausgelacht? Na ja, wägte sie ab. Sie machte sich in der Tat gerade selbst zum Depp. Es zeugte wohl nicht von besonderer Geistesgegenwart, wenn sie ihre eigene Werbung vergaß, zumal wenn sie direkt danebenstand.

»Ach, stimmt«, sagte sie etwas verlegen und nahm zaghaft die Visitenkarte entgegen. »Ich werde es mir überlegen«, versprach sie.

Die Hand der Rothaarigen berührte ihre kaum für eine Sekunde, aber schon das reichte, und ein Kribbeln sauste durch ihren Körper. Auch dieser feine, erdige Duft war wieder da, der ihr vorhin am TÜV-Schalter bereits die Sinne vernebelt hatte. Tief atmete sie ihn ein, und auf ihr Gesicht stahl sich ein scheues Lächeln. Jetzt wusste sie ja auch, woher die Rothaarige die Tannennadeln in ihren Haaren hatte.

»Es würde mich wirklich freuen, Sie wiederzusehen«, versicherte ihr die Rothaarige, vergrub die Hände tief in den Hosentaschen und sah ihr direkt in die Augen.

Katharina schluckte schwer. Diese Augen . . . Warum brachten sie diese grünen Augen so aus der Fassung? »Mich auch«, murmelte sie kaum hörbar, ohne den Blickkontakt zu unterbrechen.

Aber offenbar immer noch laut genug, denn die Rothaarige lächelte zufrieden und zwinkerte ihr noch frech zu, bevor sie sich umdrehte und zu den geparkten Autos hinüberschlenderte.

Hatte sie das jetzt richtig gesehen? Hatte die Rothaarige ihr tatsächlich zugezwinkert, oder hatte sie nur etwas im Auge gehabt?

Seufzend ließ Katharina sich in den Fahrersitz plumpsen und wischte sich übers Gesicht. Eingebildet hatte sie sich das Zwinkern hoffentlich nicht. Falls doch, wurde es Zeit, ihre geistige Gesundheit untersuchen zu lassen.

»Wenn die Rothaarige etwas im Auge gehabt hätte«, sinnierte sie, »hätte sie doch mit der Hand daran gerieben. Das war ein Zwinkern, was sonst.«

Ach herrje! Ratlos warf sie ihre Hände in die Luft. Warum machte sie sich darüber überhaupt Gedanken? Sie würde die Rothaarige sowieso nicht wiedersehen.

Zum Glück hatte sie keine Zeit mehr, sich noch weiter den Kopf zu zerbrechen. Denn ein Mann winkte ihr bereits zu, um sie – oder besser ihr Auto – zur Hauptuntersuchung abzuholen.

2

Was mach ich nur hier? Ich will doch gar keinen Weihnachtsbaum . . . Ihre Hände tief in den Haaren vergraben, stützte sich Katharina mit den Ellenbogen auf dem Lenkrad ab.

Seit exakt zwanzig Minuten saß sie nun schon hier in ihrem Auto, und langsam wurde es kalt.

Kraftlos ließ sie sich zurück in den Fahrersitz plumpsen. Da steckte sie, genau in ihrem Blickfeld auf dem Armaturenbrett, und verhöhnte sie wortlos. Weiß und unschuldig. Sarahs Visitenkarte. Sie brauchte sie nicht einmal mehr anzusehen, Katharina wusste, was da stand.

»Weihnachtsbäume der Familie Tanner, einfach die Besten«, murmelte sie vor sich hin.

Sie kannte auch die nachfolgende Zeile: »Sarah Tanner«, sprach sie den Namen der Rothaarigen leise aus, und ohne es zu wollen, wanderten ihre Mundwinkel nach oben. Schon allein diesen Namen zu sagen, ließ ihr Herz einen kleinen Freudenhüpfer machen.

Mit Schwung lehnte sie sich nach vorn und prallte mit der Stirn auf das Lenkrad.

Wie hatte sie sich da nur wieder hineinmanövriert? Sie hatte doch vergangenen Donnerstag beim TÜV nur nett sein und Sarah aushelfen wollen, und nun hatte sie den Salat.

Sie hätte es besser wissen müssen. Schon als sie beim TÜV ihre Autotür ins Schloss fallen lassen hatte, hatte sich ein nervöses Kribbeln in ihr breitgemacht. Da hätte sie noch die Gelegenheit gehabt zu fliehen, aber hatte sie sie genutzt? Zermürbt rollte sie mit den Augen. Nein, hatte sie nicht. Wie dumm von ihr . . .

Spätestens als Sarah um die Ecke gekommen war und sich ausgerechnet hinter ihr eingereiht hatte, hätte sie einen Spaziergang um den Block machen und sich einfach ein paar Minuten später noch einmal in der Schlange vor der Kasse anstellen sollen. Aber so war sie Sarahs erdigem Duft, gemischt mit dem leichten Aroma von Tannennadeln, hilflos ausgeliefert gewesen.

Ihre Hände verstärkten den Griff ums Lenkrad, so fest, dass ihre Knöchel weiß hervorstachen.

Das hier sah ihr leider viel zu ähnlich. Sich in eine Frau zu vergucken, mal eben beim Anstehen in der Schlange. Hatte sie sich nicht geschworen, es bleiben zu lassen? Wenigstens um Weihnachten herum. Warum konnte sie nicht ihre eigenen Vorsätze befolgen? Waren die Konsequenzen letztes Mal nicht hart genug gewesen?

Aber es half alles nichts. Irgendetwas hatte sie dazu gedrängt, heute herzukommen.

Ein Glucksen entrang sich ihrer Kehle. Irgendetwas? Nein. Katharina schüttelte schmunzelnd den Kopf, sie wusste genau, was es war. Es waren diese grünen Augen, die sie seither überallhin verfolgten. Selbst in ihren Träumen wurde sie nicht verschont. Diese Augen und ihr Herz hatten sie trotz leichtem Schneefall und eisiger Kälte an diesem Samstagnachmittag aus dem Haus gedrängt.

Ergeben zuckte Katharina mit den Schultern. Wenn sie schon mal hier war, konnte sie sich auch die Weihnachtsbäume ansehen . . . Zumindest war der Weihnachtsbaum für ihre Galerie eine gute Ausrede, Sarah wiederzusehen.

Tief atmete sie durch und kniff die Augen zu. Sie würde es jetzt einfach tun. Ungeachtet der Jahreszeit . . .

Oder sollte sie doch einen Rückzieher machen, schnell wieder losfahren, den Weihnachtsbaum lassen und Sarah vergessen? Daheim hätte sie es warm und kuschelig. Sie könnte sich in ihre flauschige Decke auf dem Sofa einmummeln, einen Tee, ein gutes Buch und das Wochenende genießen. Die Tür zumachen und die Welt draußen für zwei Tage vergessen. Aber da waren auch diese strahlenden grünen Augen, die sie nicht aussperren konnte . . .

Entschlossen schlug sie die Autotür zu und stapfte los durch den Schnee. Als sie die vielen Menschen jeden Alters sah, stutzte sie kurz. Sarah hatte offensichtlich nicht übertrieben, als sie erzählte, dass sie die besten Weihnachtsbäume hätten.

Katharina hatte schon viele Weihnachtsbäume gekauft, und wenn ein Hof derart abgelegen und trotzdem so geschäftig war, musste die Familie Tanner in der Tat weitläufig bekannt sein für ihre Weihnachtsbäume.

Das Knirschen unter ihren Schuhen verstummte abrupt, sie stand still wie eine Statue. Ihre Gesichtszüge verhärteten sich. Mist!

Argwöhnisch musterte sie den Mann, der Sarah mitten auf dem Hof vor allen Leuten umarmte.

Ihr Herz setzte für einen Schlag aus, dann fing es an zu rasen. Denn der überschwängliche Kuss, der auf Sarahs Wange landete, zusammen mit dem kleinen Mädchen, das Sarahs Hand hielt, zeigten das Bild einer perfekten Familie.

Verdammt!, durchschlug es sie wie ein Blitz, und ihre Hand knallte ungebremst auf ihre Stirn. Wenn sie keine Mütze getragen hätte, hätte es wohl so laut geklatscht, dass es über den ganzen Bauernhof zu hören gewesen wäre.

Das muss dann wohl oder übel Familie Tanner sein . . .

Ungläubig verschränkte sie die Arme vor der Brust und beobachtete Herrn Tanner dabei, wie er sich zu seiner Tochter hinunterbeugte und ihr fürsorglich den Schal richtete. Liebevoll strich er anschließend Sarah über den Arm und winkte seiner Tochter noch hinterher, als sie Richtung Haus davonsprang, gefolgt von Sarah.

Obwohl sie den Mann nicht einmal kannte, fühlte Katharina das eifersüchtige Murren in ihrer Magengegend.

Ungefragt und äußerst lästig drängten sich zusätzlich Bilder vor ihr inneres Auge, sehr unschöne Bilder von ihm und Sarah.

Verlegen kratzte sie sich am Hinterkopf und seufzte tief. Sie hatte zwar Ähnliches geträumt, aber in ihren Träumen waren da nur Sarah und sie selbst gewesen. Und das Gefühl von warmer Haut unter ihren Fingern und überall.

Warum war sie überhaupt noch hier? Sie war gerade so fehl am Platz wie ein Käfer auf einem Salatblatt, das sich auf dem Weg in einen Mund befand.

Sie hätte nicht herkommen sollen. War doch anzunehmen, dass Sarah einen Mann hat, schalt sie sich selbst.

Nachdenklich stupfte sie mit ihrer Stiefelspitze im Schnee herum. Familie Tanner. Ja klar. Das musste, nein, das konnte nur Herr Tanner sein, der sich inzwischen wieder einer Kundin zuwandte und ihr mit einem ehrlichen Lächeln den Tannenbaum abnahm, ihn mit Schwung in die Netzmaschine warf und hinten verpackt wieder herauszog.

Sie rümpfte unzufrieden die Nase und stemmte die Hände in die Hüften. Konnte der Mann nicht wenigstens einen ungepflegten oder ruppigen Eindruck machen? Aber nein, er lächelte herzlich, übergab der Kundin ihren vernetzten Weihnachtsbaum und winkte zu allem Übel noch dermaßen freundlich dem kleinen Kind der Kundin hinterher, dass sich Katharinas Magen umdrehte.

Verzweifelt drehte sie ab und stapfte ein paar Schritte durch den Schnee. Er machte es ihr wirklich nicht leicht, ihn zu hassen. Wenn der liebe Herr Tanner sich so aufführte, war es kein Wunder, dass Sarah Frau Tanner sein musste. Warum nur war der Kerl so sympathisch . . .

Genervt kickte sie nach dem Schnee. Doch es half alles nichts, es war, wie es war, und das galt es nun zu akzeptieren. Aus der Traum . . .

Das passte leider viel zu gut zu ihr und dieser Jahreszeit. Aber vielleicht war es auch besser so.

Was sollte sie nun tun? Nachdenklich richtete sie ihre Mütze. Einfach wieder nach Hause fahren und alles verdrängen? »Nein«, entschlüpfte es ihr trotzig. Wenn sie schon hier war, konnte sie sich auch ein wenig umsehen. Nach dieser unschönen Offenbarung zur Familie Tanner stand ihr der Sinn zwar noch weniger als sonst nach Weihnachten und schon gar nicht nach Weihnachtsbäumen, Sarahs Vorschlag mit dem Baum für ihre Galerie war trotz allem gut. Besonders, da am übernächsten Montag die Weihnachtsausstellung begann und ein bisschen Deko nicht schaden konnte.

Gemächlich schlenderte sie zwischen den Tannen hindurch und betrachtete eine nach der anderen. Hin und wieder ließ sie ihren Blick über den Hof schweifen in der Hoffnung, Sarah noch einmal zu sehen. Aber sie schien wie vom Erdboden verschluckt. Dafür tauchte Herr Tanner permanent in ihrem Sichtfeld auf.

Missbilligend rümpfte sie die Nase und wandte sich schnell wieder den Tannen zu.

Der Hof sah topgepflegt aus. Wenigstens nach dem zu urteilen, was der Schnee nicht bedeckte. Er wirkte fast wie das Motiv einer Postkarte mit Winterlandschaft. Ha, Postkarte!Gibt es die überhaupt noch? Katharina konnte sich nicht daran erinnern, wann sie die letzte erhalten, geschweige denn verschickt hatte.

Sie reckte sich erneut und suchte die Gegend nach Sarah ab. Aber leider sah sie nur den charmanten Herrn Tanner. Dieses Mal trieb er es in der Tat zu weit.

Ein leises Knurren grollte ihre Kehle empor, als sie beobachtete, wie er der Frau mit den grauen Haaren den vernetzten Weihnachtsbaum in den Kofferraum legte und ihr zuvorkommend die Wagentür aufhielt.

Verdrossen drehte sie sich um und sah direkt auf einen mickrigen Tannenbaum, der einen etwas verlorenen Eindruck machte. Aber tatsächlich war es doch eher sie, die hier verloren herumstand.

Sie seufzte und zupfte unentschlossen an einem kurzen Stummelast herum. Der wahre Grund für ihren Besuch war zerplatzt wie eine Seifenblase, die den spitzen Tannennadeln zum Opfer gefallen war. Sie konnte ebenso gut wieder verschwinden. Es würde Sarah nicht auffallen, sie hatte sie inzwischen sicherlich bereits vergessen.

»Der passt nicht zu Ihnen.«

Katharina drehte sich um und erstarrte. Da stand sie auch schon, wie aus dem Nichts, keine zwei Meter von ihr.

»Der Baum passt definitiv nicht zu Ihnen.« Lange rote Haare schwangen hin und her.

»Wie kann der Tannenbaum nicht zu mir passen?« Katharina stemmte ihre Hände in die Hüften.

»Der ist zu wenig elegant«, schmunzelte Sarah. »Sie brauchen einen . . .«, nachdenklich strich sie sich übers Kinn. »Sie brauchen einen, der schick ist und anmutig. Genau wie Sie.«

Hatte Katharina den Sommeranfang verpasst, oder warum war es plötzlich so unglaublich heiß? Zittrig öffnete sie den obersten Knopf ihres Mantels, um etwas kühle Luft an ihren Körper zu lassen. Allein schon Sarahs funkelnde Augen schienen die Kälte des Winters schlagartig vertrieben zu haben.

»Ich glaube, ich hab da genau den richtigen Baum für Sie.«

Huch! Katharina konnte gar nicht so schnell reagieren, wie Sarah ihre Hand nahm und zielstrebig mit ihr durch die Baumreihen marschierte.

»Da vorn, da ist er.« Sarah sah über ihre Schulter zurück, und Katharina konnte das Leuchten in ihren Augen sehen.

Oh Gott!

Katharina wusste nicht, was schneller war. Ihr Herzschlag oder ihre Beine, die versuchten, mit Sarah Schritt zu halten. Oder dieses Kribbeln, das durch ihren Körper sauste, seit Sarah ihre Hand genommen hatte.

»Das ist er.« Etwas außer Atem blieb Sarah stehen und deutete mit Schwung auf die Tanne, die vor ihnen stand. »Das ist der schönste Tannenbaum, den wir haben.« Verträumt strich Sarah einen kleinen Ast entlang. »Er ist genauso schön wie Sie«, murmelte sie, wandte ihren Blick von der Tanne ab und sah Katharina tief in Augen.

Katharina schluckte schwer. Hatte sie das jetzt richtig gehört? Schon vorhin hatte sie kurz an ihrem Gehör gezweifelt, aber die feine Röte, die sich auf Sarahs Wangen legte, war eben noch nicht da gewesen. Da war sie sich sicher.

»Ähm, da. . . danke«, brachte sie kaum hörbar heraus. Sie konnte es spüren, die Hitze breitete sich nun auch in ihren Wangen aus.

Jetzt wusste sie, was am schnellsten war, es war definitiv ihr Herz. Denn unter Sarahs sanftem Blick pochte ihr Herz heftiger als nach einem Sprint auf den Bus.

»Sehen Sie . . .«, Sarah nahm ihre Hand und führte sie behutsam über den Ast und die dichten Nadeln hinweg. »Ich glaube, der Baum ist genau wie Sie«, fuhr sie fort. »Seine spitzen Nadeln können piksen, wenn man in die falsche Richtung streicht. Aber ändert man die Richtung, ist er sanft, anschmiegsam und stark.«

Wie bitte? Anschmiegsam? Himmel nochmal! Genau das Wort erinnerte sie an vergangene Nacht, als Sarah in ihren Träumen dicht an sie gekuschelt im Bett lag, nachdem sie . . .

»Gefällt er Ihnen nicht?«, unterbrach Sarah ihre Gedanken.

»Do. . . doch«, stotterte Katharina und schüttelte den Kopf, um die Erinnerung zu vertreiben. »Er ist wunderschön.« Genau wie du, konnte sie sich gerade noch verkneifen zu sagen.

Wortlos senkte sie den Blick und betrachtete ihre verschlungenen Hände. Ihre Hand brannte wie Feuer unter Sarahs Daumen, der wiederholt sanft über ihren Handrücken strich und zarte Blitze ihren Arm entlangsandte.

Wie mochten sich Sarahs Hände wohl anfühlen, wenn sie ihren Körper liebkosten? Genießerisch fielen ihre Augen zu, und ein kleiner Seufzer drang zwischen ihren Lippen hervor. Ja, das wäre zu schön . . .

Erschrocken riss sie die Augen auf und zog hastig ihre Hand zurück. Was tat sie hier? Sie flirtete gerade hemmungslos mit einer verheirateten Frau!

Hastig richtete sie ihre Mütze und wankte einen Schritt zurück. Oder war es nicht eher andersrum, und Sarah flirtete mit ihr?

»Er sieht gut aus«, nuschelte sie. »Ich, ich nehme ihn.«

»Sehr schön«, freute sich Sarah und klatschte in die Hände. »Wohin soll ich ihn liefern, in Ihre Galerie?«

»Was, liefern?«, fragte Katharina ungläubig. »Warum liefern? Ich nehme ihn einfach mit.«

»Nein, das geht nicht«, lächelte Sarah. »Er ist viel zu groß, er passt nicht in Ihren Kofferraum.«

Verwirrt strich Katharina sich über die Stirn. Sarah hatte recht, er passte nicht in ihr Auto, aber womöglich auf das Autodach?

»Ich bringe Ihnen den Baum«, wiederholte Sarah. »Ich habe einen Lieferwagen, da passt er perfekt rein.«

»Nein«, wehrte Katharina ab. »Das ist wirklich nicht nötig.«

»Oh doch, das ist es«, protestierte Sarah mit den Händen in die Hüften gestemmt. »Ohne Sie würde ich heute noch beim TÜV am Schalter stehen. Also abgemacht«, fuhr sie unbeirrt fort. »Morgen gegen sechzehn Uhr?«

Was konnte Katharina dagegen noch sagen? Geschlagen ergab sich ihrem Schicksal. Sie würde Sarah also wiedersehen. Himmel, und das schon morgen!

3

Fünfzehn Uhr vierundfünfzig oder fünfzehn Uhr einundfünfzig? Aufgeregt trommelte Katharina mit den Fingern ihrer rechten Hand auf dem Pult. Ihre Wanduhr und die Uhr ihres Laptops waren sich mal wieder nicht einig – was viel zu treffend ihre Gefühlslage widerspiegelte. Das Trommeln nervte sie selbst, sie hörte auf damit.

Auf ihre Ellenbogen gestützt starrte sie erst auf den Bildschirm, dann ins Leere. Ihr Kopf bestand darauf, dass sie Sarah vergessen sollte. Eine verheiratete Frau, das konnte nicht gutgehen. Aber ihr Herz sah das komplett anders. Es pochte vor Aufregung ungestüm, und mit jeder Minute, die verstrich, verstärkte sich auch das Kribbeln in ihrem Bauch.

Seufzend ließ sie den Blick durch ihre Galerie schweifen. Oder zumindest durch den Teil, der von diesem Eck aus einsehbar war. Es hing gerade mal ein Bild mit Wintermotiv. Zu mehr hatte sie sich bisher nicht durchringen können. Der Rest der Gemälde befand sich noch hinten im Lager und wartete nur darauf, für die kommende Ausstellung hervorgeholt zu werden.

Katharina wusste, auch wenn sich alles in ihr dagegen sträubte, früher oder später kam sie nicht darum herum, die restlichen Bilder nach vorn zu tragen, und dann konnte sie den weihnachtlichen Motiven und den damit verbundenen Erinnerungen nicht mehr ausweichen.

Angespannt kniff sie die Augen zusammen und ballte die Hände zu Fäusten. Die Weihnachtsausstellung begann schon in einer Woche, bis dahin musste alles vorbereitet sein. Ganz egal, wie sehr es ihr widerstrebte.

Ruckartig erhob sie sich vom Stuhl und trat um ihr Pult herum. Ein Blick auf die Wanduhr verriet ihr, dass sie noch wenige Minuten hatte, bis Sarah kam.

Sorgsam richtete sie ihre Bluse, und ein kleines Schmunzeln stahl sich auf ihr Gesicht. Das Kribbeln hatte seit gestern kaum nachgelassen. Die Aussicht, Sarah wiederzusehen, versetzte ihren Körper in einen Kribbelmarathon, der keinen Zieleinlauf und schon gar keine Pause zu kennen schien.

Das schrille Klingeln des Glöckchens über der Tür ließ sie zusammenzucken. Hastig trat sie vor und starrte mit pochendem Herzen zur Tür. Da stand sie. Eine Hand noch an der Türklinke und in der anderen den Tannenbaum.

»Hallo«, begrüßte Sarah sie mit einem Lächeln. »Hier sind wir«, feixte sie fröhlich und trat einen Schritt näher.

Oh Gott! Ein heißer Schauer rann Katharinas Rücken hinunter. Warum musste Sarah nur so ein süßes Lächeln haben? Ihr Herz hüpfte vor Freude in der Brust, und für einen Moment wusste sie gar nicht, wohin mit sich.

»Guten Abend«, erwiderte sie Sarahs Gruß dann doch noch und hätte sich am liebsten im selben Moment auf die Zunge gebissen. Was sollte das denn? Es war kaum sechzehn Uhr, und sie wünschte Sarah einen guten Abend? Na, wenn das keinen Eindruck machte . . .

»Wo soll er hin?« Mit einem Lächeln, das inzwischen über ihr ganzes Gesicht strahlte, sah Sarah sie fragend an.

Ach herrje. Hastig sah sie sich um. Seit gut einem Tag hätte sie sich schon überlegen können, wo der Weihnachtsbaum aufgestellt werden sollte, aber daran hatte sie nicht einen Gedanken verschwendet. Denn das einzige Grün, an das sie die vergangenen vierundzwanzig Stunden unaufhörlich gedacht hatte, war das von Sarahs Augen.

»Ähm«, sie fuchtelte mit den Händen und fühlte gleichzeitig, wie immer mehr Hitze in ihre Wangen stieg unter Sarahs Blick, der jede ihrer Bewegungen genau verfolgte. »Da bitte«, entschied sie sich kurzerhand und deutete auf eine freie Stelle gleich neben dem Eingang. »Ich denke, dort wird er gut zur Geltung kommen.« Sie wischte sich über die Wange und atmete ein paarmal tief durch. Doch dieser Versuch, ihr wild pochendes Herz zu beruhigen und die Hitze aus ihrem Gesicht zu vertreiben, scheiterte kläglich.

»Ja, gut«, pflichtete ihr Sarah mit einem Nicken bei und legte den Tannenbaum an der Stelle ab. »Können Sie mir bitte helfen?«, bat sie und wandte sich zur Tür. »Ich habe noch mehr im Lieferwagen.«

Katharinas Augen weiteten sich. »Noch mehr?«, fragte sie ungläubig. »Aber ein Tannenbaum reicht doch!«

»Nein«, winkte Sarah amüsiert ab. »Kein Baum, nur etwas Baumschmuck und einen Ständer. Oder wollen Sie den Weihnachtsbaum im Netz verpackt am Boden liegen lassen?«

Überrumpelt sah Katharina zwischen dem Baum und Sarah hin und her. Oh Gott, wie peinlich!, durchblitzte es ihre Gedanken. Sie hatte weder an einen Ständer noch an den Baumschmuck gedacht.

»Nein, natürlich will ich das nicht«, erwiderte sie hastig und spürte, wie erneut ein heißer Schauer ihren Körper durchströmte.

Wo hatte sie nur ihren Kopf? Wenn das so weiterging, hielt Sarah sie noch für eine komplette Idiotin.

Normalerweise hatte sie alles fest im Griff und vergaß nie etwas, anders war eine Galerie kaum erfolgreich zu führen. Was war nur los mit ihr? Nun ja, was wohl . . . Umso besser, dass Sarah im Gegensatz zu ihr an alles gedacht hatte.

Eilig folgte sie Sarah auf den Gehweg hinaus und stellte sich neben die geöffnete Schiebetür des Lieferwagens.

Abwechselnd trat sie von einem Fuß auf den anderen und strich ihre Oberarme entlang. Der kalte Dezemberwind, der zwischen den Häusern hindurchpfiff, ließ sie frösteln. Aber das hielt sie nicht davon ab, den kurzen Moment zu genießen, in dem sich Sarah nach ein paar Kisten hinten im Lieferwagen bückte und ihr dabei ihren wohlgeformten Hintern präsentierte.

Katharina biss sich auf die Unterlippe bei diesem reizenden Anblick. Die grüne Hose, die Sarah trug, passte ihr perfekt und betonte ihre weiblichen Kurven genau an den richtigen Stellen.

Einfach zum Dahinschmelzen . . . Ein genussvoller Seufzer drang zwischen ihren Lippen hervor.

»Das ist der Ständer«, holte Sarah sie abrupt mit einem breiten Grinsen aus ihren Träumereien zurück. »Bitte behandeln Sie ihn vorsichtig, er ist aus Glas.«

Mist! Katharina schluckte schwer. Augenblicklich wurde ihr bewusst: Sarah hatte sie voll erwischt, wie sie ihren Hintern angeschmachtet hatte. Sie konnte es in Sarahs Augen sehen. Der Schalk darin sprang ihr förmlich entgegen, und ihre Blicke sprachen Bände.

Ich Idiotin!, schalt sie sich. Sie wusste, wenn ihre Wangen nicht schon rot gewesen wären, würden sie spätestens jetzt glühen wie die Nase von Rudolph dem Rentier.

»Danke«, murmelte sie und drehte sich eilig um. Die Kiste in ihren Händen gegen ihre Brust gedrückt, stapfte sie die wenigen Schritte zum Eingang der Galerie.

Zum Glück hatte sie beim Anblick von Sarahs attraktivem Hintern nicht gesabbert wie ein Teenager. Das hätte gerade noch gefehlt.

»So, ich glaube, das wären alle«, zufrieden betrachtete Sarah die Kisten, die neben dem Baum lagen. »Ich schlage vor, Sie halten den Baum, und ich befestige ihn im Ständer.«

»Ja, gut«, nickte Katharina und hielt den Baum so, wie Sarah es ihr zeigte.

Die Nadeln piksten sie gemein in die Hand, aber sie merkte es kaum. Sie war viel zu beschäftigt, nicht zu auffällig auf Sarahs Bauch hinunterzusehen, der verführerisch zwischen dem Hosenbund und dem schwarzen Langarmshirt hervorblitzte.

Nervös strich sie sich mit der freien Hand übers Genick, bemüht, in der Galerie einen Punkt zu finden, auf den sie ihre Augen richten könnte. Aber da war nichts, was ihre Aufmerksamkeit nur annähernd intensiv in Beschlag zu nehmen vermochte wie Sarahs Brüste, die sich gegen den schwarzen Stoff drängten und leicht bebten, während Sarah auf dem Rücken halb unter dem Tannenbaum lag und den Stamm mit dem Ständer verschraubte.

Himmel nochmal!

Fassungslos wandte Katharina sich ab, ging zwei große Schritte zur Seite und vergrub ihr Gesicht tief in den Händen. Konnte sie allen Ernstes an nichts anderes mehr denken als an Sarah und ihren wunderbaren Körper?

Das alles hier raubte ihr noch den letzten Nerv. Warum nur konnte sie sich nicht zusammenreißen und das halbwegs elegant hinter sich bringen? Sie würde sich jetzt benehmen wie eine erwachsene Frau und ihre ausufernde Fantasie zügeln. Jawohl!

Noch während sie sich wieder zu Sarah umdrehte, erstarrte sie, und ihr Herz setzte für einen Schlag aus. »Oh nein!« Sie machte einen Satz und beugte sich zu Sarah, hob vorsichtig den umgekippten Tannenbaum von ihr herunter und legte ihn achtlos beiseite. »Es tut mir unsagbar leid, bitte entschuldige.«

Sie verfolgte, wie Sarah sich aufsetzte und sich mit beiden Händen Shirt und Hose abwischte. Ihre Haare . . . Katharina streckte eine Hand aus und mit zittrigen Fingern begann sie, Ästchen und Nadeln aus Sarahs roten Haaren zu pflücken.

»Es tut mir so leid . . .«, wiederholte sie.

»Das macht nichts. Keine Sorge, es geht mir gut«, winkte Sarah ab und fuhr sich durch die Haare. »Ich war irgendwie sprachlos, weißt du. Das ist das erste Mal, dass sich ein Tannenbaum auf mich gestürzt hat«, scherzte sie und zwinkerte Katharina zu.

»Ich . . . ich weiß auch nicht, wie mir das passieren konnte«, beschämt reichte Katharina Sarah die Hand und half ihr auf die Beine. Sanft strich sie über Sarahs Wange und sah ihr tief in die Augen. »Hast du dir ehrlich nicht wehgetan?«

»Nein, es ist alles okay«, versicherte Sarah.

Katharinas Herzschlag verdoppelte sich augenblicklich, als sie Sarahs Arm spürte, der sich sanft um ihre Hüfte legte und sie behutsam näher zog. Das Kribbeln in ihrem Bauch spielte verrückt, und ein heißer Blitz entlud sich direkt an ihrer empfindlichsten Stelle.

Sie schluckte schwer. Sarahs Atem strich sanft über ihre Haut, und ihre verführerischen Lippen warteten wenige Zentimeter von ihren nur darauf, gekostet zu werden.

Aber . . . Schweratmend und mit pochendem Herzen löste sie sich hastig aus Sarahs Armen und tat einen Schritt zum Baum, der immer noch am Boden lag. Bemüht, Sarah nicht anzusehen, hob sie ihn hoch und zirkelte ihn in den Glasständer hinein.

Die Hände fest um den Stamm gelegt linste sie verstohlen zu Sarah, die mit gesenktem Kopf vor- und zurückwippte. Die Sekunden dehnten sich, flach atmend wartete sie, was Sarah als Nächstes tun würde.

Warum nur musste Sarah verheiratet sein? Es wäre alles so einfach, wenn sie . . . heftig schüttelte Katharina den Kopf. Ja, was wäre, wenn Sarah nicht verheiratet wäre, hätte sie sie dann geküsst? Hätte sie oder hätte sie nicht, was brachte es, darüber nachzudenken? Gar nichts . . .

Inzwischen war Sarah wieder unter den Tannenbaum gekrochen und machte sich erneut daran, den Stamm mit dem Glasständer zu verschrauben.

Diesmal gab es keinen Zwischenfall, Katharina hielt den Baum, als hinge ihr Leben davon ab, bis Sarah »Fertig!« sagte.

Gleich darauf stellte sich Sarah neben sie und nickte stolz. »Na, das sieht doch gut aus«, sagte sie vergnügt und knuffte Katharina in den Arm.

»Ja, er sieht wirklich gut aus«, pflichtete Katharina ihr bei und konnte sich das Lächeln nicht verkneifen, das sich auf ihr Gesicht drängte.

Der Tannenbaum stand nun endlich senkrecht im Ständer und verbreitete jetzt schon einen Hauch Weihnachtsstimmung in der Galerie. Und das störte Katharina nicht einmal. Jedenfalls nicht sehr.

»Hast du Wasser für den Baum?«, fragte Sarah.

»Ja, im Lager«, nickte Katharina. »Einen Moment bitte, ich hole welches.«

Mit einem kleinen Schmunzeln um die Mundwinkel schlenderte sie nach hinten ins Lager. Sie war erleichtert. Sarah schien nicht verstimmt oder böse darüber, dass sie sich vorhin dem Kuss entzogen hatte. Im Gegenteil. Ihr süßes Gesicht strahlte womöglich sogar noch etwas mehr.

Nachdenklich strich sie sich eine Haarsträhne zurück. Wenn sie darüber nachdachte, war Sarah vielleicht auch einfach froh, dass der Tannenbaum endlich stand und sie zurück zu ihrem Mann und ihrer Tochter konnte?

Vor einer großen Palette blieb Katharina stehen und rieb sich über den Arm, der noch von Sarahs Kniff pochte.

Es war schön, Sarah um sich zu haben, auch wenn sie sich vorhin etwas zu sehr hatte hinreißen lassen und sie ihr gefährlich nahe gekommen war.

Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie Sarah sogar vor Schreck geduzt hatte. Wenigstens schien es Sarah nicht zu stören, denn sie hatte ohne mit der Wimper zu zucken zurückgeduzt.

Entschieden wischte sie diesen Gedanken zur Seite. Das war jetzt ohnehin egal. Sie würde es nicht noch einmal so weit kommen lassen. Der Tannenbaum stand, und wenn der Ständer mit Wasser gefüllt war, würde sie Sarah freundlich, aber entschlossen nach Hause schicken zu ihrer Familie.

Missmutig legte sie die Hände an die obere Kante des Palettenrahmens und beugte sich vor. Da drin, fein säuberlich in ihren Verpackungen, warteten die vielen Weihnachtsgemälde auf ihren Einsatz. Und obenauf, noch in der weichen Holzwolle, verharrte das neue Gemälde von Frank Walffenstein.