Nur mit dir - Claudia Lütje - E-Book

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Claudia Lütje

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Beschreibung

Die neue Abteilungsleiterin Mel verdreht Thea trotz deren Devise, keine Liebeleien am Arbeitsplatz anzufangen, gehörig den Kopf. Auf einem Ausflug in die Skihalle mit Tandemschwüngen den Berg hinab funkt es dann endgültig, zumindest bei Thea, denn Mel lässt sie danach zunächst wieder abblitzen. Oder doch nicht? Denn irgendwie zeigt Mel das eine Mal Zuneigung, dann wieder nicht. Sie scheint sich nicht entscheiden zu können, ob sie Thea mag oder nicht. Und warum verdirbt es Mel jedes Mal die Laune, wenn Thea Skifahren im Winter erwähnt? Doch als Thea sich endlich ein Herz fasst und sie küsst, woraus sich eine heiße Nacht ergibt, verschwindet Mel am nächsten Tag spurlos ...

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Seitenzahl: 353

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Claudia Lütje

NUR MIT DIR

Roman

© 2019édition el!es

www.elles.de [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-95609-295-4

Coverfoto:

1

Thea streckte den Rücken durch und warf einen kurzen Blick auf ihre Armbanduhr. Feierabend war schon lange vorbei, doch sie hatte noch eine Menge Arbeit vor sich liegen. Sie seufzte. Zu Hause wartete eh niemand auf sie. »Also kein Grund zu jammern, du wolltest es doch so«, murmelte sie. Ihre Worte hallten dumpf durch das leere Großraumbüro.

Schicksalergeben griff sie nach einem weiteren Blatt und gab die Daten in ihren Computer ein, als sie hinter sich ein Geräusch hörte. Ihre Halswirbel knackten. Uh, sie hatte etwas zu schnell über ihre Schulter geschaut, aber irgendwie hatte das Geräusch sie überrascht. Normalerweise war um diese Zeit niemand mehr hier. Außer natürlich . . . War die Putzkolonne schon da?

Ja, anscheinend. Sie sah eine Gestalt sich aus dem Halbdunkel des Büroeingangs herausschälen. Die Frau würde wahrscheinlich gleich anfangen, hier sämtliche Schreibtische abzuwischen und die Papierkörbe auszuräumen. Vielleicht sollte sie jetzt doch besser gehen. Aber nach Hause? Nein, sie wollte lieber ihre Arbeit erst noch beenden.

»Oh, Sie sind heute Abend aber früh dran«, sagte sie deshalb und fuhr sich etwas irritiert durch die kurzen Haare. »Könnten Sie die anderen Plätze bitte zuerst reinigen?« Sie hob den Arm und wies auf die andere Seite des Büros. »Ich brauch hier noch etwas.«

Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte sie sich zum Bildschirm und zog sich das nächste Blatt heran.

»Warum sind Sie überhaupt noch hier? Es ist doch schon nach sieben.«

Die sanfte Stimme in ihrem Rücken ließ Thea erneut einen überraschten Blick über die Schulter werfen.

Sie versuchte, in den Gesichtszügen der unbekannten Frau zu lesen, doch das Halbdunkel des Büros machte ihr einen Strich durch die Rechnung.

Irritiert zog sie die Augenbrauen zusammen und strich sich über die Nasenwurzel. »Ich glaube nicht, dass ich Ihnen erklären muss, warum ich noch arbeite, oder? Fangen Sie doch einfach bei den anderen Plätzen an. Bis Sie dann hier sind, bin ich sicher fertig.« Die Worte kamen härter hervor, als sie es beabsichtigt hatte, und so schob sie schnell noch ein »Bitte« hinterher.

Die Frau kam noch einen Schritt auf Thea zu und trat somit in den Lichtkreis der Schreibtischlampe.

Der intensive Blick aus ihren dunklen Augen jagte Theas Puls nach oben. Wow, ist die aber niedlich, schoss es ihr durch den Kopf. Sie atmete zweimal tief durch und wartete darauf, dass sich ihr Herzschlag wieder beruhigte. Was für ein erfreulicher Anblick in diesem Büro.

Bevor Thea noch weiter über die junge Frau nachdenken konnte, wurde hinter ihnen die Tür aufgestoßen, und die Putzkolonne betrat lärmend das Büro.

Die Vorarbeiterin drückte den Lichtschalter und gab einen überraschten Laut von sich, als sie Thea und die andere Frau in der Ecke sah. »Oh, es hat uns niemand gesagt, dass heute noch jemand da ist.«

»Schon gut.« Thea fuhr den Computer herunter und schaltete ihre kleine Lampe aus. »Bei dem Krach kann man eh nicht arbeiten.« Sie schnappte sich ihre Jacke und drückte sich an der jungen Frau vorbei, die noch immer neben dem Schreibtisch stand.

Vor dem hohen Gebäude atmete sie tief die kühle Nachtluft ein. Langsam stieg sie die Stufen nach unten und machte sich auf den Heimweg. Ihre Wohnung war nur einige Minuten zu Fuß entfernt, und sie genoss normalerweise den kleinen Spaziergang durch die Straßen der Stadt.

An diesem Abend drehten sich ihre Gedanken jedoch um die junge Frau, die sie zuvor überrascht hatte. Sie hatte angenommen, dass sie zur Putzkolonne gehörte, doch die Vorarbeiterin schien sie nicht gekannt zu haben. Außerdem, Thea seufzte leise, ihr Auftreten war so anders gewesen. So anmutig und grazil und doch auch so bestimmt.

Nachdenklich stand sie an der Mainbrücke und blickte auf das dunkle Wasser unter ihr. Du hast dich schon lange nicht mehr so vom Anblick einer hübschen Frau aus der Ruhe bringen lassen, oder? Vielleicht solltest du mal wieder ausgehen, anstatt dich im Büro zu vergraben.

Blödsinn, gab sie sich selbst die Antwort. Du weißt doch, warum du die Überstunden machst.

Stimmt, ja. Trotzdem . . .

Sie drückte ihren Rücken durch und ging mit schnellen Schritten nach Hause.

»Nanu, Thea, du bist ja richtig früh heute.« Denise steckte ihren Kopf aus der Küche, als Thea die Tür aufschloss und in die Wohnung trat. »Du kommst genau richtig, das Essen ist gleich fertig.«

»Ich habe keinen Hunger, Denise.« Thea wollte sich an ihrer Mitbewohnerin und auch guten Freundin vorbeidrücken, doch Denise trat ihr flink in den Weg.

»Du musst was Anständiges essen. Außerdem brauche ich deine Meinung. Ich habe ein neues Rezept ausprobiert.« Sie warf Thea einen bittenden Blick zu, der sogar Steine hätte erweichen können. Zumindest dachte Thea das manchmal.

»Also gut.« Lachend gab sie nach. »Aber nur probieren. Hunger habe ich wirklich keinen.«

Sie setzte sich an den Küchentisch und beobachtete Denise fast bewundernd, die geschickt die Pfannen schwang und zwei Teller füllte. Sie selbst hatte sich nie so für Kochen interessiert, aber für Denise war es ihr Beruf und ihre Berufung.

»Das ist ein Rezept aus der Kochschule, leicht abgewandelt und verfeinert«, erklärte Denise. »Sag mir, was du denkst und ob ich es meinem Chef vorführen soll.« Nervös beobachtete sie Thea, die ihre Gabel füllte und langsam zum Mund führte.

»Das ist köstlich.« Thea kaute bedächtig und ließ die feinen Aromen über ihre Zunge gleiten. »Du wirst immer besser. Wann bekommst du deinen ersten Stern?« Sie lächelte Denise freundlich an.

»Ach, das dauert wohl noch ein bisschen.« Denise ließ sich auf ihren Stuhl fallen. »Immerhin durfte ich schon eigene Kreationen ausprobieren, und mein Chef ist noch gut auf mich zu sprechen. Aber ein Stern . . .« Sie senkte den Blick und lächelte verträumt vor sich hin. »Das wäre schon der Hammer. Zuerst muss ich allerdings meine Prüfungen hinter mich bringen, und bei meiner Prüfungsangst . . .«

Thea legte ihre Gabel weg und strich Denise unterstützend über den Arm. »Du schaffst das schon. Setz dich mit den Prüfungen nicht so unter Druck.« Lächelnd drückte sie Denise’ Hand und nahm ihre Gabel wieder auf. »Du bist eine hervorragende Köchin, und die theoretischen Sachen, die hast du doch schon längst intus.«

Denise seufzte. »Dein Wort in wessen Gehörgang auch immer.«

»Siehst du, wie es mir schmeckt?« Thea aß mit Appetit weiter. »Und dabei hatte ich wirklich keinen Hunger.« Fast ohne dass sie es merkte, leerte sie den ganzen Teller. »So eine leckere Mahlzeit kann niemand stehenlassen.« Mit einem frechen Blinzeln legte sie zum Schluss ihr Besteck hin und sah Denise an. »Ich nicht und niemand anderer.«

Denise stand auf und räumte die leeren Teller in die Spüle. »Ich tue jetzt einfach mal so, als würde ich das glauben«, erwiderte sie seufzend. »Vielleicht kann ich mich bei der Prüfung ja daran erinnern.« Sie begann die Teller abzuspülen und sah kurz sehr in sich gekehrt aus. »Oh, entschuldige«, sagte sie dann plötzlich und drehte sich halb wieder zu Thea um. »Ich rede nur über mich selbst und habe dich noch gar nicht gefragt, wie dein Tag war. Wann entscheidet es sich denn nun, ob du die neue Abteilungsleiterin wirst?«

Seufzend streckte Thea ihre langen Beine von sich. »Ich habe keine Ahnung. Eigentlich habe ich heute schon mit einer Entscheidung gerechnet. Aber ich bin ja nicht die einzige Bewerberin für den Posten.«

»Das weiß ich doch.« Denise warf ihr einen Blick über die Schulter zu, während sie nun Wasser aus dem Kessel, den sie so nebenbei zum Kochen gebracht hatte, als sie abspülte, in zwei Teebecher goss. »Aber du bist die Einzige, die in Frage kommt. Deine Kollegin ist doch nicht wirklich Konkurrenz für dich. Arbeitet sie auch immer so lange wie du, oder hat sie andere Qualitäten?«

Thea machte eine abwinkende Geste. »Ach, was weiß ich, welche Kriterien für die Firmenleitung eine Rolle spielen. Aber Dagmar als Chefin, das wäre der blanke Horror.« Vor ihren Augen tauchte Dagmars höhnisches Grinsen auf und jagte ihr einen Schauer über den Rücken. »Ich hoffe, dass die Geschäftsleitung das auch so sieht. Außerdem würde eine Beförderung auch eine Gehaltserhöhung bedeuten, und das wäre schon schön. Dann bräuchte ich nicht mehr so viele Überstunden zu machen.«

»Na dann.« Denise stellte einen Becher Tee vor sie hin und lächelte sie nun wieder fröhlich an. »Ich bin sicher, dass sie sich für dich entscheiden. Etwas anderes kommt doch gar nicht in Frage. Komm, trinken wir schon einmal auf deine Beförderung.«

»Das wäre dann vielleicht doch etwas verfrüht.« Thea lachte etwas unsicher. »Und außerdem ein schlechtes Omen.« Sie verzog die Mundwinkel zu einem leicht gequälten Lächeln. »Ich warte lieber noch etwas, bevor wir darauf anstoßen.«

2

Als Thea am nächsten Morgen das Büro betrat, wurde sie von ihrer Kollegin Heidrun aufgeregt empfangen. »Wir sollen gleich alle in den Konferenzraum kommen. Es ist wohl endlich eine Entscheidung gefallen. Oh, Thea, ich hoffe so sehr, dass du den Posten bekommst!« Sie plapperte in einem zu, während sie Thea mit sich zum Konferenzraum zog.

Das hast du Dagmar wahrscheinlich auch schon gesagt. Thea kannte ihre Kollegin gut genug und wusste, dass sie ihr Fähnchen im Wind zu drehen verstand. Gerade so, wie es für sie am sinnvollsten zu sein schien.

Mit vor Aufregung feuchten Handflächen drückte Thea sich neben Heidrun an die Wand. Hoffentlich nicht Dagmar.

Sie atmete tief durch und versuchte so, ihren Puls wieder auf Normal zu fahren.

Ihre Augen glitten durch den Raum und blieben an Dagmar hängen, die mit ihren Schweinsäuglein ihren Blick erwiderte und ihre Lippen zu einem triumphierenden Lächeln verzog.

Weiß sie womöglich schon mehr als ich? Unruhig biss sie sich auf die Unterlippe, bis sie den metallischen Geschmack ihres Blutes spürte.

Das leise Gemurmel der Kollegen verstummte sofort, als sich die hintere Tür öffnete und ihre Chefin Ilona den Raum betrat. In ihrem Schlepptau eine junge Frau, die Thea vage bekannt vorkam.

»Guten Morgen.« Ilonas Stimme stand in keinem Verhältnis zu ihrer geringen Körpergröße und drang ohne Mühe durch den Raum. »Ich darf Ihnen Ihre neue Abteilungsleiterin, Frau Mel Franke, vorstellen. Auf eine gute Zusammenarbeit.« Sie nickte einmal kurz in die Runde und war auch schon wieder verschwunden.

Thea zog überrascht die Luft ein. Das aufbrandende Gemurmel um sie herum machte ihr deutlich, dass sie nicht als Einzige von dieser Nachricht überrascht wurde.

Wieder suchte sie mit ihrem Blick nach Dagmar, die wie versteinert an der Wand lehnte.

Sie ist genauso überrumpelt wie ich. Thea beobachtete sie noch einen Moment, bis Dagmar sich voller Wut von der Wand abstieß und den Raum verließ.

Puh, das kann noch heiter werden. Mit der Entscheidung wird sie sich nicht so leicht abfinden, ging es Thea durch den Kopf, als eine sanfte Stimme an ihr Ohr drang und sie sich wieder auf ihre neue Abteilungsleiterin konzentrierte, die sich vor die Kollegen stellte und selbstsicher in die Runde strahlte.

»Auch von mir einen Guten Morgen.«

Als der Blick aus ihren dunklen Augen über Thea streifte, schrak Thea zusammen, und sie schloss leicht gequält die Augen. Oh Himmel, kannst du nicht wenigstens einmal ein Fettnäpfchen auslassen?

Mel Franke bemerkte offensichtlich Theas Unbehagen nicht und sprach mit ihrer leisen Stimme weiter. »Ich freue mich darauf, Sie alle näher kennenzulernen, und werde dies in den nächsten Tagen auch in Angriff nehmen. Bis dahin bitte ich Sie, mir einen Vertrauensvorschuss zu gewähren.«

Wieder glitten die Blicke aus den dunklen Augen über die Kollegen, nur dieses Mal blieben sie an Thea haften.

Thea wurde ganz warm, und sie konnte die Röte spüren, die ihr in die Wangen stieg. Wo ist das Loch, in das ich mich jetzt verkriechen kann? schoss es ihr durch den Kopf.

Mel Frankes Mundwinkel zuckten kaum merklich, dann wandte sie ihren Blick wieder ab, und Thea ließ endlich die Luft, die sie unbewusst angehalten hatte, aus ihren Lungen entweichen.

Im Licht betrachtet ist sie fast noch jünger, als ich gestern Abend dachte, stellte Thea fest, als sie Mel heimlich weiter musterte. Schwierig zu schätzen, aber hübsch ist sie allemal. Allerdings, für den Posten der Abteilungsleiterin kommt sie mir sehr jung vor.

»Ich habe gehört, sie kommt aus dem Busch.« Heidrun, die nach Dagmar den Raum verlassen hatte, war zurückgekommen und drückte sich nun noch näher an Thea heran. Wichtigtuerisch flüsterte sie ihr dabei ins Ohr.

»Wer erzählt denn so einen Unsinn, und seit wann plapperst du nach, was andere verzapfen?« Wütend blitzte Thea ihre Kollegin an.

»Schau sie dir doch an.« Heidruns Mundwinkel wirkten etwas unentschlossen, ob sie sich nach oben oder nach unten bewegen sollten. »Außerdem hat Dagmar . . .«

»Himmel noch mal, Heidrun!« Thea hob die Hand und brachte Heidrun damit zum Schweigen. »Dagmar ist nur sauer, weil sie den Posten nicht bekommen hat. Deshalb versucht sie jetzt, Unfrieden zu stiften. Lass dich doch nicht da mit reinziehen.«

»Trotzdem.« So leicht ließ Heidrun sich nicht von dem, worauf Dagmar sie wahrscheinlich angesetzt hatte, abbringen. »Ich sag nur noch mal: Sieh sie dir an . . . Außerdem«, jetzt hatten ihre Mundwinkel sich entschieden und fielen nach unten, »wolltest du den Posten doch auch.« Leise maulend drehte sie sich um und verließ den Raum.

Kopfschüttelnd sah Thea ihr nach, als eine sanfte Stimme an ihrem Ohr sie herumwirbeln ließ.

»Frau Vogler, wenn ich mich nicht irre? Kann ich Sie einen Moment sprechen?« Mel Franke stand vor ihr und sah sie mit ihren beinahe schwarzen Augen an.

»Ja, natürlich.« Woher kennt sie meinen Namen? Mit einem Mal wurde Theas Kehle eng. Mühsam schluckte sie den Kloß hinunter, der ihr das Atmen schwermachte.

»Gut, kommen Sie mit in mein Büro.« Mel Franke drehte sich um und verließ mit langen Schritten den Besprechungsraum.

Thea beeilte sich, ihr zu folgen. Dabei hatte sie einen atemberaubenden Blick auf Mels Kehrseite.

Himmel, Thea, reiß dich zusammen! Sie ist deine Chefin, und du hast dich gestern schon nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Die Gedanken wirbelten nur so durch Theas Kopf, als sie hinter Mel in das geräumige Büro trat. Hoffentlich nimmt sie dir das nicht übel.

»Nehmen Sie bitte Platz.« Mel setzte sich hinter ihren Schreibtisch und zeigte auf einen Stuhl.

»Frau Franke, wegen gestern . . .« Mit hochrotem Kopf blieb Thea vor dem schweren Schreibtisch stehen und sah auf ihre neue Chefin hinunter. Wieder blockierte der Kloß ihre Kehle und ließ sie verstummen.

»Ja genau. Ich wüsste gern, warum Sie so lange gearbeitet haben.« Mel Franke legte ihre schlanken Hände übereinander und musterte Thea.

»Sie brauchen sich keine Gedanken zu machen. Ich rechne die meisten Stunden nicht ab, das können Sie überprüfen«, beeilte Thea sich ihre neue Chefin zu unterbrechen.

»Das ist ja noch schlimmer.« Mit leicht zusammengekniffenen Augenbrauen sah Mel sie von unten her an. »Würden Sie sich bitte setzen? Es spricht sich leichter, wenn man auf Augenhöhe ist.«

Thea ließ sich schnell in den Stuhl fallen und beugte sich angespannt nach vorn. »Es tut mir wirklich leid, dass ich dachte . . . ich meine . . . ich wollte nicht . . .« Betreten senkte sie ihren Kopf und starrte auf ihre Knie.

»Sie dachten, ich gehöre zur Putzkolonne.«

Der leicht amüsierte Ton in Mel Frankes Stimme ließ Thea den Kopf anheben. Stumm nickte sie.

Auf Mels linker Wange tauchte ein süßes Grübchen auf, als sie Thea freundlich anlächelte. »Wissen Sie, Frau Vogler, das ist nicht das erste Mal, und es wird auch sicher nicht das letzte Mal sein, dass ich falsch eingeschätzt werde. Ich hoffe nur, dass ich Sie in den nächsten Tagen und Wochen davon überzeugen kann, dass ich nicht den falschen Posten habe.«

Irritiert sah Thea sie an. Was meint sie denn damit?

Mel hatte sich locker in ihrem Stuhl zurückgelehnt. Sie faltete die Hände in ihrem Schoß und musterte Thea aufmerksam. »Ich weiß, dass es intern zwei Bewerberinnen für diesen Posten gegeben hat. Zum einen Dagmar Hauser und zum anderen Sie, nicht wahr?«

»Das ist richtig. Ich hatte mich ebenfalls auf den Posten beworben.« Thea erwiderte nun fest den Blick ihrer neuen Chefin. Dies war ein Terrain, auf dem sie sich deutlich besser zurechtfand als der Fauxpas vom Abend zuvor.

»Und, sind Sie nun enttäuscht, dass ich, eine Externe, auf den Posten gesetzt wurde?« Mel Frankes Augen funkelten im einfallenden Sonnenlicht. Nun schimmerten sie nicht mehr schwarz, sondern eher bernsteinfarben.

Die Lichtreflexe faszinierten Thea, die sich kaum vom Anblick der schön geschwungenen Augen losreißen konnte. »Was?« Sie schüttelte leicht den Kopf. »Nein, wie kommen Sie denn darauf?«

»Nun«, Mel zog ihre Augenbrauen leicht zusammen und beobachtete Thea, der unter dem eindringlichen Blick erneut warm wurde, »dann hoffe ich, dass ich Sie auch weiterhin nicht enttäuschen werde. Danke für Ihre Zeit. Sie können jetzt an Ihre Arbeit zurückgehen.« Sie nickte Thea kurz zu und beugte sich über die Papiere auf ihrem Schreibtisch.

Erleichtert stand Thea auf.

Als sie gerade das Büro verlassen wollte, hielt Mels leise Stimme sie kurz zurück. »Noch etwas. Keine weiteren Überstunden mehr. Ich bin für Sie verantwortlich, und ich möchte nicht, dass es deswegen noch mit der Geschäftsleitung Ärger gibt. Überstunden werden dort nicht gern gesehen. Wenn Ihre Arbeitsbelastung zu hoch ist, dann sollten wir darüber reden.«

»Aber . . .«, wollte Thea protestieren, doch dann senkte sie den Kopf. »Natürlich.« Sie schluckte trocken. Für einen Moment überlegte sie, noch etwas hinzuzufügen, beließ es aber dabei, nickte Mel noch einmal zu und verließ das Büro. Langsam schloss sie die Tür in ihrem Rücken.

Was für eine Frau. Und was für Augen sie hat. Aber sie kann auch ganz schön bestimmend sein. Thea atmete kurz durch. Also hatte sie ihr Gefühl am Vorabend doch nicht getrogen. Anmutig und selbstbewusst und ihre neue Vorgesetzte und meganiedlich.

Sie ging zu ihrem Schreibtisch und startete ihren Computer, als lautes Gebrüll vom Gang sie aufsehen ließ.

Durch die Glasscheibe konnte sie Dagmar und Ilona beobachten, die sich unterhielten. Falsch. Thea verzog das Gesicht. Dagmar brüllte, dass die Scheiben klirrten. Immer wieder trat sie näher an Ilona heran, die sich jedoch trotz des Größenunterschiedes davon nicht beeindrucken ließ und ihr weiter gelassen entgegensah. Ihre Worte konnte Thea nicht verstehen, aber Dagmars Reaktion war dafür umso deutlicher. Voller Wut schlug sie mit der Faust gegen die Scheibe, verfehlte dabei nur um Millimeter Ilonas Kopf.

Thea konnte das nicht mehr länger mit ansehen und marschierte in Ilonas Büro. »Jetzt reicht es aber!«, fuhr sie Dagmar an.

»Was willst du denn jetzt von mir?« Hasserfüllt starrte Dagmar sie an. »Du hast mir gerade noch gefehlt.« Feine Schaumbläschen tanzten auf ihren Lippen und sprühten Thea mit jedem ihrer Worte entgegen.

»Komm schon.« Thea legte ihr beruhigend die Hand auf den Arm. »Wenn du dich jetzt nicht wieder einkriegst, dann riskierst du deinen Arbeitsplatz. Ist dir das nicht bewusst?«

»Ha, als wenn ich auch nur einen Tag länger hier arbeiten würde. Nachdem man uns diese . . . diese Gazelle vorgesetzt hat.« Wütend wischte Dagmar Theas Hand von ihrem Arm und machte einen weiteren Schritt auf Ilona zu.

»Was geht hier vor?« Die sanfte, aber bestimmte Stimme ließ die Frauen herumfahren.

»Du . . .«, presste Dagmar hervor.

Thea konnte sehen, wie sie ihre Hände zu Fäusten ballte. Innerlich machte sie sich bereit einzuschreiten, falls Dagmar vollends die Beherrschung verlieren sollte.

»Du kommst aus dem Nichts, und da wirst du auch wieder hin verschwinden!« Dagmar machte einen Schritt auf Mel zu, die ihr ohne Furcht entgegensah. »Geh zurück in den Busch, wo du hingehörst!«

Obwohl sie die Worte nur flüsterte, konnte Thea sie mühelos verstehen.

Und Mel hatte sie auch verstanden, wie der eisige Blick zeigte, mit dem sie Dagmar ansah, die sich drohend vor ihr aufgebaut hatte. »Ich gebe Ihnen einen Tag Bedenkzeit. Entweder Sie entschuldigen sich für Ihr Verhalten, oder Sie können sich Ihre Papiere abholen. Ihre Entscheidung.« Damit drehte sie sich um und ging.

»Was glaubt die eigentlich, wer sie ist?« Noch immer wütend schlug Dagmar mit der Faust gegen die Wand.

»Sie ist deine Chefin, und im Moment würde ich sagen, sie ist dir gegenüber extrem tolerant. Himmel, Dagmar, willst du wirklich deinen Job verlieren? Los, geh hin und entschuldige dich. Am besten sofort.« Leicht fassungslos schüttelte Thea den Kopf.

Dagmar starrte sie wortlos an. Dann drehte sie sich um und stapfte davon. Allerdings ging sie nicht zurück ins Büro, sondern stieg in den nächsten Aufzug, der nach unten fuhr.

Kopfschüttelnd blickte Thea ihr hinterher.

»Danke für den Beistand.« Ilona atmete schwer aus.

»Dagmar ist ja schon etwas hitzig manchmal, aber dass sie jetzt so ausrastet . . .« Thea schüttelte erneut den Kopf.

»Ja, damit habe ich jetzt auch nicht gerechnet. Schließlich habe ich die Entscheidung nicht allein getroffen.« Ilona machte einen leicht abschätzigen Laut. »Denken Sie, sie wird sich bei Frau Franke entschuldigen?«

»Wenn sie klug ist.« Thea zog ihre schmalen Schultern nach oben. »Es hat sie ziemlich verletzt, dass Frau Franke den Posten bekommen hat und nicht sie. Sie war sich sehr sicher.«

»Zu sicher.« Ilona legte ihre Hand auf Theas Arm. »Und was ist mit Ihnen? Sind Sie sehr enttäuscht?«

»Dass Dagmar den Posten nicht bekommen hat?« Ungläubig sah Thea ihre Chefin an.

»Nein, nein. Dass Sie nicht berücksichtigt wurden, das meine ich.« Ilona sah Thea freundlich an. »Immerhin hatten Sie sich auch beworben.«

Nachdenklich rieb sich Thea über die Nase. »Ganz ehrlich? Ich habe damit gerechnet, dass Dagmar den Posten bekommt, und das hätte mir eher zu schaffen gemacht. Nein«, sie lächelte Ilona an, »ich bin froh, dass Frau Franke den Job hat.«

»Das habe ich mir gedacht.« Ilona nickte ihr wohlwollend zu, drückte noch einmal ihren Arm und wandte sich ab.

Thea ging zurück zu ihrem Schreibtisch und machte sich wieder an die Arbeit.

Doch immer wieder wanderten ihre Gedanken zu der Szene am Morgen zurück. Dagmar hatte sich entschieden im Ton vergriffen und nicht nur das. Thea hatte sehen können, dass ihre Worte Mel verletzt hatten, auch wenn sie versucht hatte, es sich nicht anmerken zu lassen. Ihre schönen Augen hatten einen trüben Schleier bekommen, und Thea war sich nicht sicher gewesen, ob das vor Wut oder eher Trauer war.

Hat sie nicht gesagt, du wärst nicht die Erste, die sie falsch einschätzt? Da kannst du ja froh sein, dass sie dir deinen Fauxpas nicht übelgenommen hat.

Als sich das Büro um sie herum zu leeren begann, schaltete Thea ihre Schreibtischlampe an und arbeitete ohne Unterbrechung weiter.

»Ich dachte, ich hätte mich klar ausgedrückt.« Weiche Finger legten sich auf Theas Schulter und ließen sie erschrocken zusammenfahren.

Sie drehte ihren Kopf und starrte direkt in Mel Frankes dunkle Augen. »Es tut mir leid, ich habe tatsächlich die Zeit vergessen.«

Ihre neue Chefin seufzte leise auf. »Frau Vogler, bitte, halten Sie mich für so dumm?«

Entsetzt wollte Thea aufspringen, doch Mels Hand lag noch immer auf ihrer Schulter und hielt sie auf dem Stuhl fest. »Nein, natürlich nicht, wie kommen Sie darauf?« Sie konnte die Röte spüren, die ihr über den Nacken kroch.

Mels Finger strichen leicht, beinahe sanft über Theas Schulter. Durch den feinen Stoff der Bluse übertrug sich die Wärme ihrer Fingerspitzen auf Thea.

Eine Wärme, die durchaus angenehm war, wie Thea irritiert feststellte. Was ist nur mit dir los? Du wirst schon wieder rot wie ein Schulmädchen.

Mel legte ihren Kopf schräg. »Das Büro leert sich um Sie herum, und Sie müssen das Licht auf Ihrem Schreibtisch einschalten. Sind das nicht genug Anzeichen, dass es Zeit ist, in den Feierabend zu gehen?«

Thea schluckte trocken und suchte krampfhaft nach einer Antwort, die Frau Franke überzeugen würde. Doch unter dem brennenden Blick der dunklen Augen fiel ihr einfach nichts ein. So senkte sie den Blick und sah vor sich auf den Boden.

»Frau Vogler, wie kann es sein, dass alle pünktlich gehen, nur Sie sind immer noch bei der Arbeit? Können Sie mir das vielleicht erklären?« Mel lächelte leicht. »Ich sagte doch, wenn Ihre Arbeitsbelastung zu hoch ist, dann müssen wir eine Lösung finden. Möglichst ohne Überstunden. Wenn Sie die Arbeit nicht während der vorgegebenen Arbeitsstunden schaffen können –«

Thea durchfuhr ein Schreck. Hieß das etwa, dass ihre neue Chefin dachte, sie arbeitete schlechter als ihre Kolleginnen und Kollegen? Dass sie die Beförderung nicht bekommen hatte, weil ihre Vorgesetzten der Meinung waren, sie wäre nicht gut genug, um auch nur ihre normale Arbeit in der vorgegebenen Zeit zu schaffen? Sie schluckte. »Vielleicht liegt es daran . . .« Tief durchatmend brach sie ab, räusperte sich und setzte neu an. »Vielleicht liegt es daran, dass die anderen alle Familie haben und schnell nach Hause wollen, und ich . . .« Sie schluckte erneut, fuhr sich verunsichert mit den Fingern durch die Haare und ließ sie dadurch in alle Richtungen abstehen.

»Und Sie?« Mel drehte Theas Stuhl zu sich herum. Ihre sanfte Stimme ging Thea durch und durch.

Unwillkürlich musste sie Mel ansehen. Ihre dunklen Augen glitzerten im einfallenden Licht der Sterne.

Ein zartes Kribbeln lief durch Theas Körper. Sie hatte das Gefühl, als könnte sie Mels Blick bis tief in ihre Fasern spüren. So etwas hatte sie noch nie erlebt.

Ihre Wangen begannen zu brennen, genauso wie ihre Lungen, denen so langsam die Luft ausging. Mels Nähe raubte ihr regelrecht den Atem, so betörend schön war die Frau.

Mühsam räusperte sie sich. »Ich bin schon weg.« Sie schaltete den Computer aus, schnappte sich ihre Jacke und drückte sich mit einem gemurmelten »Gute Nacht« an Mel vorbei.

3

»Und, hast du den Job?« Denise stand in der Küchentür und sah Thea strahlend entgegen, als sie durch die Wohnungstür trat.

»Nein, hab ich nicht.« Am liebsten hätte Thea sich schnell an Denise vorbeigedrückt, aber sie wusste selbst, dass das keine Option war.

»Oh nein, Thea, das tut mir so leid!« Entsetzen lag in Denise’ Zügen. »Sag nicht, dass diese Dagmar den Job bekommen hat.« Sie zog Thea in die Küche und drückte ihr eine Tasse Tee in die Hand.

Thea nahm einen Schluck des aromatisch duftenden Getränks und lehnte sich gegen die Küchenzeile. »Nein, hat sie nicht. Es wurde jemand Externes eingestellt. Damit haben wir alle nicht gerechnet, Dagmar am allerwenigsten.« Sie fuhr sich müde über die Augen. »Sie ist ganz schön ausgerastet.«

»Und jetzt? Bist du sehr enttäuscht?«

Erschöpft lächelnd verzog Thea das Gesicht. »Nicht wirklich. Natürlich wäre es eine neue Herausforderung gewesen, und das zusätzliche Geld wäre auch nicht zu verachten. Aber das ist alles nicht so wichtig. Wenn ich ehrlich bin, dann habe ich mich hauptsächlich nur beworben, weil ich nicht wollte, dass Dagmar den Posten bekommt. Aber jemand anderes, das ist in Ordnung.«

»Wirklich?« Denise schaute sie etwas skeptisch an.

»Wirklich«, bestätigte Thea fest und nickte. »Du weißt, ich bin nicht der geborene Boss.«

»Okay.« Kurz musterte Denise sie noch, dann begann sie zu lächeln. »Hauptsache, du kommst damit klar.« Sie hob ihre Tasse und blickte Thea über den Rand hinweg neugierig an. »Und, wie ist deine neue Chefin?«

Thea lachte heiser auf. »Stell dir vor, ich hatte sie am Abend zuvor schon gesehen, dachte aber, dass sie zur Putzkolonne gehört. Hab ihr gesagt, sie soll schon mal am anderen Ende anfangen sauberzumachen, weil ich noch nicht fertig bin.« Voller Peinlichkeit fuhr sie sich mit einer Hand über die Stirn. »Ich bin mal wieder voll ins Fettnäpfchen getreten.«

»Na ja, woher solltest du auch wissen, dass jemand Neues eingestellt worden ist. Hat sie etwas dazu gesagt?« Denise füllte zwei Teller und stellte sie auf den Tisch.

Das würzige Aroma stieg Thea in die Nase. Denise hatte sich wieder außergewöhnliche Mühe gegeben. »Ich habe mich entschuldigt, aber sie hat es nur leichtfertig abgetan.« Sie setzte sich an den Tisch und starrte vor sich auf den Teller. Mels dunkle Augen tauchten vor ihr auf. Wie sie im Sonnenlicht geglitzert hatten. Leise seufzend nahm sie die Gabel und stocherte in ihrem Essen herum.

»Schmeckt es etwa nicht?«

Erschrocken sah Thea auf. »Aber nein. Es ist bestimmt köstlich. Riecht jedenfalls so.« Sie lächelte entschuldigend. »Ich habe nur keinen Hunger.« Um Denise einen Gefallen zu tun, führte sie die Gabel zum Mund, verharrte jedoch, als sie das Grinsen in Denise’ Gesicht sah. »Was ist los?« Irritiert ließ sie die Gabel wieder sinken.

»Ach nichts«, gab Denise leise glucksend zurück.

»Komm, Denise. Warum grinst du so?« Thea legte die Gabel neben den Teller und lehnte sich im Stuhl zurück.

Denise hob ihre Hand und kniff Thea leicht in die Wange. »Du hast so einen verklärten Gesichtsausdruck. So, wie ich es schon ewig nicht mehr bei dir gesehen habe. Willst du mir etwas sagen?«

»Ach, wo denkst du nur hin.« Thea zog ihre Schultern nach oben. »Da gibt es nichts zu sagen.« Sie senkte den Kopf und starrte auf den Teller vor sich.

»Aber du wärst nicht abgeneigt, oder?« Noch immer grinsend schob sich Denise die volle Gabel in den Mund.

»Sie ist eine äußerst attraktive Frau, daran besteht kein Zweifel.« Theas knurrender Magen meldete sich, und so begann sie doch noch zu essen. »Aber sie ist meine Chefin und damit für mich tabu.«

»Was ist das denn für eine Einstellung?« Denise hielt beim Kauen inne und sah Thea mit aufgerissenen Augen an. »Was hat das eine mit dem anderen zu tun?«

»Für mich ganz viel.« Thea warf ihr einen vielsagenden Blick über den Teller zu. »Es geht hier nicht um eine Liebelei am Arbeitsplatz. Die ich auch schon nicht anfangen würde. Sie ist meine Chefin, und ich habe kein Interesse daran, dass getuschelt und getratscht wird. Falls ich jemals einen höheren Posten bekomme, dann weil ich ihn mir erarbeitet habe, und nicht, weil ich mich hochgeschlafen habe.«

»Oh, wow, klare Ansage.« Denise hob die Hände und lächelte Thea zustimmend an. »Ich habe es verstanden. Aber trotzdem, wenn sie dir doch gefällt, und das tut sie offensichtlich. Das ist dann eine doofe Situation, oder nicht?«

»Nein, ist es nicht.« Entschlossen legte Thea die Gabel wieder zur Seite. »Sie ist tabu und damit hat es sich.« Sie machte eine bedeutungsvolle Pause, um das noch mehr zu betonen, bevor sie mit einem gezielt endgültigen Hochziehen der Augenbrauen das Thema wechselte. »Und wie war dein Tag?« Sie wollte nicht noch weiter über Mel sprechen.

Glücklicherweise war das auch nicht Denise’ erstes Interesse. Sie seufzte theatralisch auf und verdrehte ihre großen Augen. »Ich konnte zwei der neuen Rezepte ausprobieren, und sie wurden auch gut angenommen. Jetzt hat mein Chef mir in Aussicht gestellt, dass ich in ein anderes Restaurant kann, zu einem richtigen Sternekoch, um dort noch mehr zu lernen. Nicht nur in der Kochschule oder von ihm.«

»Aber das ist doch wunderbar.« Thea freute sich aufrichtig für Denise, die jedoch leicht gequält das Gesicht verzog. »Und wo ist der Haken an der Geschichte? Ich kenne dich lange genug und kann deinen Gesichtsausdruck lesen.«

Seufzend ließ Denise die Schultern hängen. »Das Restaurant, das er erwähnt hat, das wäre dann in Paris.«

»Wow.« Thea sah Denise begeistert an. »Das ist krass. Was für eine Chance!«

»Ich weiß nicht so recht.« Denise seufzte. »Ich war noch nie im Ausland, spreche kein Französisch, und mein Schulenglisch ist auch mehr als bescheiden. Ich bin nicht sicher, ob ich das machen soll.«

»Jetzt hör mir mal zu.« Thea beugte sich nach vorn und nahm Denise’ Hände in ihre. »Das ist doch eine einmalige Chance. Wenn du jemals einen Stern haben möchtest, dann solltest du dieses Angebot nicht ausschlagen. Und wegen der Sprache solltest du dir keine Gedanken machen. Wenn du im Land bist, dann wirst du dich schon durchwursteln. Du bist doch nicht auf den Kopf und noch weniger auf den Mund gefallen.« Sie lachte leicht und tätschelte Denise’ Hand aufmunternd.

Denise seufzte erneut. »Du hast leicht reden, Thea. Du bist es gewöhnt, von zu Hause weg zu sein. Aber ich, ich war noch nie aus Frankfurt raus.« Zweifelnd kaute sie auf ihrer Unterlippe herum. »Noch nicht mal im Urlaub war ich weiter weg als im Allgäu bei deiner Familie.«

Sacht strich Thea ihrer Freundin über die Wange. »Dann wird es vielleicht mal Zeit. Auch wenn du das Gefühl hast, dass es ein Sprung ins kalte Wasser ist. Spring einfach rein. Was hast du denn zu verlieren? Nutz die Chance. Du würdest es dein Leben lang bereuen, wenn du es nicht tun würdest.«

»Nun gut, wir werden sehen.« Denise stand auf und stellte ihren leeren Teller in die Spüle. »Noch ist das Ganze ja nicht spruchreif.« Geistesabwesend drehte sie den Wasserhahn auf und ließ das Wasser einfach über den Teller laufen, ohne darauf zu achten, was sie tat.

»Hey, Denise!« Thea streckte ihren Arm aus und lachte. »Willst du den Teller ersäufen?«

Erschrocken blickte Denise in die Spüle und stellte das Wasser schnell ab. Sie zuckte die Schultern. »Mein Chef hat es mir ja auch nur in Aussicht gestellt. Vielleicht vergisst er es wieder.«

»Das glaube ich eher nicht«, sagte Thea und lächelte sie zuversichtlich an. »Das, was du mir hier immer servierst, spricht eine andere Sprache.«

»Aber nicht Französisch.« Denise seufzte tief auf. »Ich bin ja vielleicht eine ganz gute Köchin, aber für besonders sprachbegabt habe ich mich nie gehalten.«

Thea stand auf und nahm sie bei den Schultern, um ihr besser in die Augen schauen zu können. »Dann lässt du eben deine Kreationen, deine Gerichte für dich reden. Das werden die in Frankreich schon verstehen. Die sind ja Meister darin.« Wieder strich sie Denise ermutigend über die Wange. »Und du bist auch schon eine halbe Meisterin.«

Abwehrend lachte Denise auf. »Das würde ich so nicht sagen.« Sie lächelte mit für sie ganz untypisch scheuen Augen in Theas Gesicht. »Aber danke, dass du das glaubst.«

»Ich glaube es nicht nur, ich weiß es.« Zuversichtlichkeit versprühend drückte Thea ihre Schultern. »Wie lange kochst du jetzt schon für mich? Denkst du nicht, ich kann das beurteilen?«

»Na gut.« Denise atmete tief durch. »Wenn du es sagst . . .«

»Ich sage es.« Thea lachte und setzte sich wieder hin. »Und ich glaube nicht, dass dein Chef dir diesen Vorschlag gemacht hätte, wenn er das nicht auch glauben würde.«

Etwas gedankenverloren schaute Denise sie an, zögerte kurz, dann wandte sie sich ab und ging in ihr Zimmer.

Nachdenklich sah Thea ihr nach. Sie hatte in einem recht. Thea war es gewöhnt, von zu Hause weg zu sein. Immerhin war sie schon mit siebzehn fortgegangen und kam nur für kurze Besuche zu ihren Eltern zurück.

Seufzend stand sie auf, füllte die Reste von ihrem Teller in eine Plastikdose, die sie in den Kühlschrank stellte, und ging ebenfalls in ihr Zimmer.

Sie legte sich aufs Bett und starrte an die Decke.

Ihre Eltern hatten einiges mit ihr durchgemacht. Es war für Thea früh klar gewesen, dass sie nicht auf dem Hof der Eltern bleiben wollte. Als sie sich dann noch geoutet hatte, hatte sie für eine weitere Belastungsprobe für die Familie gesorgt. Es hatte anfangs ständig Reibereien gegeben, und Thea hatte sich dadurch mehr und mehr zurückgezogen. Erst in der letzten Zeit hatte sie wieder mehr den Kontakt zu ihren Eltern gesucht und fuhr immer wieder übers Wochenende ins Allgäu.

Doch ganz zurückzukehren stand für sie nicht zur Debatte, auch wenn ihre Mutter sie immer wieder darum bat. Lieber schickte sie weiter monatlich etwas Geld. Auch wenn das nur ein Tropfen auf den heißen Stein war, so konnte sie damit wenigstens ihr schlechtes Gewissen etwas beruhigen.

In ihrem Kopf drehten sich die Gedanken. Von ihren Eltern weiter zu Denise. Es war wirklich eine einmalige Chance, und Denise musste sie einfach wahrnehmen. Doch der Gedanke, ihre beste Freundin zu verlieren, wenn auch nur zeitlich begrenzt, der lag Thea schwer auf dem Magen. Und allein würde sie die Wohnung hier auch nicht halten können.

Aber darüber würde sie sich Gedanken machen, wenn es tatsächlich so weit war.

4

»Frau Vogler, hätten Sie einen Moment für mich?«

Thea hob überrascht den Kopf, als Mels Stimme hinter ihr erklang. Sie stand in der halboffenen Tür, die ihr Büro von dem Großraumbüro trennte, in dem Thea arbeitete, und sah aus dieser Entfernung zu ihr herüber.

»Was will sie denn von dir?« Heidrun beugte sich zur Seite und sah Thea neugierig an.

»Ich werde es gleich erfahren«, gab Thea mit leicht belegter Stimme zurück und stand auf. Als müsste sie sich vergewissern, dass alles in Ordnung war, strich sie ihre Kleidung glatt. Vielleicht wollte sie die Begegnung aber auch nur hinauszögern, das war ihr selbst nicht so ganz klar. Dann straffte sie ihre Schultern und ging zu der nur angelehnten Tür hinüber, die Mel mittlerweile wieder verlassen hatte. Sie atmete zweimal tief durch, bevor sie anklopfte. Auch wenn die Tür offenstand, hielt sie das für nötig.

»Kommen Sie herein«, drang es ihr entgegen.

Thea drückte die Tür ganz auf und betrat das Büro.

Mel blickte von ihrem Schreibtisch auf. »Bitte, schließen Sie die Tür.«

Vorsichtig drückte Thea die Tür ins Schloss und drehte sich zu Mel um, die ihr ruhig entgegensah.

»Nehmen Sie bitte Platz.« Mel zeigte auf den Stuhl vor ihrem Schreibtisch. Ihre wachen Augen ruhten einmal mehr auf Thea, die sich nur auf die äußerste Kante des Stuhls setzte und dann dagegen ankämpfte, unruhig darauf herumzurutschen. »Ich würde die Belegschaft gern kennenlernen«, fuhr Mel leicht lächelnd fort. »Doch jeden, nach und nach, das würde zu lange dauern.« Sie hob mit einer sprechenden Geste die Arme. »Deshalb dachte ich an ein Zusammentreffen mit allen.« Entspannt lehnte sie sich zurück. »Ilona hat mir da freie Hand gelassen. Was denken Sie, was wäre eine gute Gelegenheit, die bei allen gut ankommen würde?«

Erleichterung durchflutete Thea. Nach dem Aufeinandertreffen am Abend zuvor hatte sie mit einem anderen Thema gerechnet. Nachdem sie es hatte in sich einsinken lassen, dass es nicht darum gehen würde, dachte sie einen Augenblick nach. »Wir haben bisher selten etwas veranstaltet. Eigentlich nur die Weihnachtsfeier, und nicht einmal die wurde besonders gut von der Belegschaft angenommen.«

Mel runzelte leicht ihre ansonsten so glatte Stirn. »Was denken Sie, woran das liegt?« Sie schürzte ihre vollen Lippen ein wenig. »Und da uns das möglichst nicht passieren sollte: Was könnte ich besser machen?«

Thea atmete tief durch. Warum fragt sie mich das und nicht Ilona? »Darüber habe ich mir bisher noch keine Gedanken gemacht. Geben Sie mir einen Tag Zeit? Dann kann ich Ihnen vielleicht eine Antwort geben.«

»Gut, Frau Vogler.« Mel nickte. Dann blickte sie auf ihren Schreibtisch und wandte sich sofort wieder ihrer Arbeit zu. »Ich erwarte morgen Ihre Einschätzung. Danke.«

Damit war Thea entlassen.

»Und, was wollte sie jetzt von dir?« Heidrun rollte mit ihrem Stuhl in Theas Weg und sah sie mit gierigen großen Augen an.

»Nichts Besonderes«, antwortete Thea lapidar und drängte sich an Heidrun vorbei, die dafür bekannt war, dass sie lieber Klatsch und Tratsch verbreitete, als dass sie ihre Arbeit erledigte. Und gerade deshalb würde Thea ihr nichts erzählen, egal wie harmlos es sein mochte.

Missmutig ließ Heidrun sie ziehen. Es war ihr anzusehen, dass sie gern noch weiter gebohrt hätte, aber Theas verschlossene Miene ließ nichts weiter zu.

Am Abend saß Thea in der leeren Küche und starrte auf den Block vor sich auf dem Tisch.

Denise hatte Dienst im Restaurant und würde erst spät nach Hause kommen. Weshalb Thea jetzt mit einer Tüte Chips hier saß statt mit einer der tollen Kreationen von Denise. Aber manchmal war das auch mal eine nette Abwechslung. Jeden Tag Haute Cuisine musste ja nicht sein.

Nachdenklich kaute sie auf ihrem Kugelschreiber herum. Sie will die Belegschaft kennenlernen. Die Weihnachtsfeiern waren ein Desaster, so geht es also nicht. Mehr als die Hälfte der Belegschaft war überhaupt nicht da. Das wäre keine gute Voraussetzung, um sich kennenzulernen.

Sie kritzelte einige Notizen auf den Block. Während sie über die letzte Weihnachtsfeier nachdachte, die besonders schlecht besucht gewesen war, begann sie einzelne Striche auf das Papier zu zeichnen. Es war eine Mindmap, und die Striche stellten Verbindungen dar.

Für Außenstehende sah das oft wie sinnloses Gekritzel aus, aber das war es nicht, es war ein Gedankengeflecht, das üblicherweise zu einer Lösung führte, die man zuerst nicht sah. In der Mitte ein Kreis, in dem das Thema stand, davon ausgehend dann wie Spinnenfüße die verschiedenen Gedanken, Verbindungen, Ressourcen, die benötigt wurden, egal ob das Menschen oder Räume oder Computer waren.

Das hätte es jedenfalls sein sollen, doch plötzlich nahm die Darstellung eine ganz andere Gestalt an, und ein schmales Gesicht blickte ihr von dem weißen Blatt entgegen.

Ruckartig richtete sie sich auf. Mel. Das war Mel. Mels interessantes und auch ein wenig geheimnisvolles Gesicht.

»Hätte ich mir ja denken können«, seufzte sie.

So ganz abwegig war Mels Gesicht im Zentrum dieses Geflechts zwar nicht, denn es hing ja alles mit ihr zusammen, aber trotzdem hätte das nicht bei einer Mindmap herauskommen sollen. Da konnte höchstens Mels Name als Verantwortliche darüberstehen.

Ein Lächeln überzog Theas Gesicht, und sie stützte ihren Ellbogen auf den Tisch, ihr Kinn in die Hand und betrachtete das, was sie gezeichnet hatte, nachdenklich.

Rassig, kam ihr wieder in den Sinn. Wo sie wohl herkommen mochte?

Spielt eigentlich keine Rolle. Auf jeden Fall ist sie eine äußerst attraktive Frau. Und deine Chefin, falls du das vergessen hast.

»Wer könnte das schon vergessen?« Erneut seufzend fügte Thea noch ein paar Striche und Wörter auf dem Rest des Blattes hinzu.

Gedanken, die tatsächlich in die Mindmap gehörten.

Dann legte sie den Block zur Seite, stand auf und ging schlafen.

Am nächsten Morgen ging sie schnurstracks zu Mels Büro und klopfte an die halbgeöffnete Tür.

»Herein«, drang es an ihr Ohr, und Thea schob die Tür ganz auf.

»Guten Morgen, Frau Franke«, sagte sie.

»Guten Morgen.« Mels dunkle Augen sahen ihr freundlich entgegen. »Sie haben schon etwas für mich? Betrifft es die Sache mit dem Kennenlernen?«

Bitte was? Thea musste sich sehr am Riemen reißen, damit ihr das nicht laut entfuhr. Aber natürlich hatte Mel das nicht so gemeint.

»Ja«, brachte sie einigermaßen klar hervor, obwohl ihre Kehle wie zugeschnürt schien. »Ich habe mir da . . .«, sie hob ihren Block an, »ein paar Sachen überlegt.«

»Dann setzen Sie sich doch bitte.« Zuvorkommend wies Mel auf den Stuhl vor ihrem Schreibtisch.

Thea setzte sich und schlug ihren Block auf. Glücklicherweise war ihr gestern Abend einiges eingefallen, bevor die Striche sich plötzlich in Mels Gesicht verwandelt hatten.

»Schön, Sie haben sich wirklich schon Gedanken gemacht.« Mel lehnte sich in ihrem Sessel zurück und sah Thea lächelnd an. Wieder zeigte sich das Grübchen in ihrer linken Wange.

Thea rieb sich kurz über die Nase. »Ich weiß ja nicht, was Sie sich so vorgestellt hatten. Aber Sie haben mich gefragt, was meiner Meinung nach die beste Möglichkeit wäre, die Belegschaft kennenzulernen, und da habe ich an ein Sommerfest gedacht.«

Mel legte den Kopf schräg und schenkte Thea ein süßes Lächeln, das ihr durch und durch ging. »Die Idee kam mir auch, allerdings wüsste ich gern, was ich besser machen muss, damit auch alle kommen und es nicht so ein Desaster wird, wie es die letzten Weihnachtsfeiern offenbar waren.«