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Ein erfundener Verlobter bringt die leicht versponnene Piper ganz schön ins Schwitzen. Um ihre überfürsorgliche Familie nicht zu enttäuschen, engagiert sie den in finanzielle Nöte geratenen William Turner. Der steht kurz davor, obdachlos zu werden und kann das Geld gut gebrauchen. Umgeben von ihrer chaotischen Familie und dem Zauber der Weihnacht, erleben Piper und William ihr ganz persönliches Wunder. Eine bezaubernde RomCom mit viel Herz und Weihnachtsstimmung ... Band 1 der Delaney-Reihe. Jeder Band ist in sich abgeschlossen! Titel- und Coverwechsel! Wurde ursprünglich unter dem Titel "Ein Penner unter´m Weihnachtsbaum" veröffentlicht.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Die Delaneys 1
Ivy Paul
© 1. Auflage: 2017 Ivy Paul
2. Auflage: 2023 Ivy Paul
© Covergestaltung: Ivy Paul
Depositphotos
In diesem Buch sind sämtliche Personen frei erfunden. Dieses eBook darf weder auszugsweise oder vollständig ohne die ausdrückliche Genehmigung der Autorin weitergegeben werden.
Ein erfundener Verlobter bringt die leicht versponnene Piper ganz schön ins Schwitzen. Um ihre überfürsorgliche Familie nicht zu enttäuschen, engagiert sie den in finanzielle Nöte geratenen William Turner. Der steht kurz davor, obdachlos zu werden und kann das Geld gut gebrauchen.
Umgeben von ihrer chaotischen Familie und dem Zauber der Weihnacht, erleben Piper und William ihr ganz persönliches Wunder.
Ursprünglich unter dem Titel »Ein Penner unter´m Weihnachtsbaum« veröffentlicht
Hochzeiten deprimieren mich zutiefst.
Deshalb drücke ich mich auf dem Empfang nach der Trauung in einer Ecke herum, umklammere krampfhaft mein drittes Sektglas, vielleicht ist es auch das vierte oder fünfte, und mache mich möglichst unsichtbar.
Für eine Singlefrau ohne Aussicht auf einen passenden Partner sind derartige Feiern die Hölle. Hochzeiten, Taufen, Verlobungen, die Top drei der Horror-Familienfeste.
Am liebsten würde ich jedes Mal absagen und meist vermeide ich mein Kommen erfolgreich, doch bei der Hochzeit von Cousine Beverly gibt es keine Ausflüchte für mich. Es sei denn, ich möchte mir anschließend für den Rest meines Lebens Vorhaltungen anhören.
Genervt beäuge ich meine perfekte Cousine. Der Saal, den die Eltern der Braut, Tante Bethany und Onkel Dave, gemietet haben, ist geschmackvoll dekoriert. Die Rosengestecke sind farblich auf das Kleid der Braut abgestimmt, auf den Tischen sind weiße Damastdecken ausgebreitet, blitzendes Besteck und edel wirkendes Porzellan dienen als Gedeck. Die Gäste haben sich dem Anlass entsprechend allesamt in Schale geworfen. Sogar Onkel Humphrey, der Onkel meines Vaters trägt eine Krawatte und eine ordentliche Scheitelfrisur, was sein Aussehen so sehr verändert, dass ich ihn vor der Kirche kaum erkannt habe.
Wieder blicke ich zu Beverly, dem blonden Rauschgoldengel mit der sanften Stimme. Sie ist sicherlich der Traum aller Eltern und Schwiegereltern. Gleiches trifft auf ihren Verlobten Rupert zu. Mit seinem pechschwarzen Haar und dem männlichen Bass, der seiner Stimme sonore Tiefe verleiht, sieht er nicht nur gut aus, nein, er schafft es überdies, am laufenden Band kluge und humorvolle Kommentare von sich zu geben. Dass er in seiner Perfektion langweiliger als eine Valium wirkt, brauche ich wohl nicht extra zu erwähnen, oder?
Immerhin gibt es einen Punkt, der den Highscore der Perfektion zerstört. Seinen Nachnamen: Everly. Meine Cousine heißt künftig also Beverly Everly. Das hört sich nach einem bescheuerten Countrysong oder einem extrem schlechten Witz an! Während ich missmutig die anderen Gäste beobachte und mich nicht dazu durchringen kann, meinen Eltern und meinen vier Brüdern Gesellschaft zu leisten, nimmt das Unheil in Gestalt von Tante Muriel und Großtante Heather Fahrt auf. Ein leichter Anflug von Panik erfasst mich, als ich sehe, dass sie mich ansteuern.
Ich mag meine Tanten. Wirklich. Ich will sie nur nicht in meiner Nähe haben. Beide stammen aus meiner Familie mütterlicherseits und dieser Teil der Verwandtschaft ist regelrecht besessen von Ehe und Mutterschaft. Zwar akzeptieren sie die modernen Zustände, doch es will keinem von ihnen in den Kopf, dass eine Frau es vielleicht nicht als höchstes Lebensziel betrachtet, einen Mann mit einem Ring auf ewig an sich zu binden und auch nicht glückstrahlend etwas von der Größe einer Honigmelone durch eine Öffnung so winzig wie eine Walnuss zu pressen. Dummerweise sind ausgerechnet Tante Muriel und Großtante Heather die unerschütterlichsten Vertreterinnen dieser archaischen Einstellung.
»Piper!«, zwitschert Großtante Heather und lächelt mir mit ihrem Pferdegebiss so breit entgegen, dass ich Angst habe, ihre Zahnprothese könne herausrutschen.
Beide haben sich zur Feier des Tages schick gemacht und tragen ihre besten Kleider und ihren teuersten Schmuck.
»Tante Heather.« Ich umarme und küsse sie auf die faltigen, trockenen Wangen. Sie riecht nach Lavendel und Vanille. Der Duft beruhigt mich ein wenig.
Tante Muriel, eher robust und energisch, wohingegen Heather sanft und freundlich ist, drückt mich nun ebenfalls an sich. Sie war einst Lehrerin auf einer Militärbasis, man munkelt, ihre einzige Motivation seien die strammen Soldaten gewesen. Auf jeden Fall hat sie sich ihren Traummann geangelt: Fast fünfzig Jahre war sie mit Onkel Victor verheiratet, den alle nur ehrfurchtsvoll den Major genannt haben.
Großtante Heather mustert mich aufmerksam, während sie aus ihrer Handtasche einen Spitzenfächer zerrt, schwungvoll aufklappt und sich Luft zuwedelt, obwohl wir in der Nähe der offenen Tür stehen und damit angenehme Temperaturen herrschen.
»Meine liebe Piper«, beginnt Heather derart salbungsvoll, dass ich am liebsten sofort auf und davon wäre. Ich weiß, was kommen wird. »Meine liebe Piper, wann werden wir denn zu deiner Hochzeit eingeladen?«
Hochzeit? Ich grinse verkrampft, weil ich nach unzähligen Familienfesten, an denen wir aufeinandergetroffen sind und ich wieder und wieder die gleichen Fragen beantwortet habe, keine Lust mehr verspüre, mich zu erklären.
Die alten Damen beginnen auf mich einzureden, und da ich das schon kenne, verschwimmt mein Blick und mein Verstand driftet davon. Am Rande bekomme ich mit, wie sie mir den Status der Ehefrau als Gipfel der Vollkommenheit und des Glückes anpreisen. Lang und breit erläutern sie mir, wie sich Frau und Mann gegenseitig Hilfe und Halt im Leben sind.
Das Einzige, wofür ich eine Stütze brauche, ist mein wackelnder Couchtisch. Vermutlich werde ich die Dankeskarte von Rupert und Beverly Everly drunter schieben, überlege ich mit diabolischem Rachedurst, während ich das perfekte Brautpaar dabei beobachte, wie es mit einigen Gästen plaudert. Sie sehen so glücklich aus, und Tante Bethany scheint jeden Moment vor Stolz zu platzen. Es muss schön sein, zu wissen, dass da jemand ist, mit dem man sein restliches Leben teilen darf. Außerdem fände ich es ganz angenehm, nicht ständig von allen wie das sprichwörtliche schwarze Schaf behandelt zu werden, nur weil ich keinen potenziellen Ehemann vorweisen kann. Bevor ich mich zurückhalten kann, sprudeln die Worte aus meinem Mund: »Mein Verlobter hätte mich wirklich gerne zur Hochzeit begleitet. Aber er musste geschäftlich nach Asien fliegen.«
Ich drehe mich um und mache einen Abgang, während Tantchen und Großtantchen mit offenen Mündern dastehen. Als ich ein weiteres Glas Sekt von einem Tablett nehme, das ein Kellner an mir vorbeiträgt, überfällt mich Scham. Was habe ich getan? Die beiden können doch nichts für sich behalten und werden sofort jedem davon erzählen.
Das Worst-Case-Szenario tritt tatsächlich schneller ein, als mir lieb ist und das gesamte Ausmaß meines Leichtsinns wird mir bewusst, als meine Mom, am Arm von Dad, mit zwei von meinen vier Brüder im Schlepptau, auf mich zustürmt. Was sich da in ihren Augen spiegelt, ist gewiss keine Freude.
»Miss«, intoniert meine Mutter bedeutungsschwanger. »Hast du uns vielleicht etwas zu sagen?«
Oh, oh, das riecht nach Ärger! Prompt fühle ich mich in meine Teenagerzeit zurückversetzt, wo auf diesen Tonfall unweigerlich Hausarrest folgte. Mein Unbehagen ist eigentlich völlig unsinnig. Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt und habe tatsächlich genauso viel Schiss wie als junges Mädchen.
»Du hast nen Kerl, der dich heiraten will, Freckles? Wie hast du das geschafft?« Matthew mustert mich feixend. Er ist der Zweitälteste, was ihm jedoch nicht genug Respekt von Marcus, dem zweitjüngsten meiner Brüder verschafft, um nicht doch den Ellenbogen in den Magen gerammt zu bekommen.
Vier Augenpaare sezieren mich und mir schlägt das Herz bis in der Kehle. Nun bremst sich meine Mutter nicht mehr und ihre gesamte Empörung entlädt sich über mir: »Wieso erfahren wir sowas von Tante Muriel und Großtante Heather? Und wo zauberst du so plötzlich einen Verlobten her? Du hast bis jetzt noch nicht mal einen Freund erwähnt.« Mom fixiert mich und ich sehe ihr an, dass sie mir nicht glaubt. Ich weiß nicht, ob ich traurig oder enttäuscht sein soll, weil sie mich für eine Lügnerin zu halten scheint und nicht einmal in Erwägung zieht, dass mich ein toller Mann haben will.
»Es war mir peinlich«, behaupte ich und versuche eine Erklärung zu finden, während ich beobachte, wie Mutters Gesicht in sich zusammenfällt.
»Um Gottes Willen, du bist schwanger!«, zischt Mom schockiert.
»Nein!«, rufe ich entsetzt aus. Denk nach, Piper! Du brauchst eine glaubwürdige Erklärung!
Fast triumphierend behaupte ich das erstbeste, das mir in den Sinn kommt: »Mike und ich kennen uns noch nicht so lang. Und es ging alles rasend schnell!«
»Aha«, macht Mom, während Dad mich stirnrunzelnd mustert. Manchmal leide ich an temporärem Wahnsinn, anders kann ich mir nicht erklären, dass ich meiner Mutter den Irrtum nicht augenblicklich offenbare, sondern weiter lüge, dass sich die Balken biegen. Vielleicht liegt es auch nur daran, weil ich weiß, wie glücklich sie trotz allem wäre, wenn ich nicht länger unbemannt bin.
Meine Brüder fixieren mich ebenfalls so misstrauisch, dass mir fast schlecht wird. Im Geiste höre ich schon, dass Mutter Hausarrest auf Lebenszeit für mich fordert.
»Ich wollte es euch erzählen, wirklich! Nach der heutigen Hochzeitsfeier.« Ich finde, ich klinge panisch. Wenn sie mir das abkaufen, bin ich aus dem Schneider. Tatsächlich entspannen sich die Gesichtszüge meiner Mutter. Sie lächelt liebevoll und greift nach meinen Händen. »Du wolltest es uns wirklich erzählen? Aber warum erst nach der Hochzeit?«
»Ich wollte Beverlys großen Tag nicht verderben, indem ich ihr die Show stehle«, sage ich und bin erleichtert, weil mir die Flunkerei so leicht von den Lippen geht, dass sich meine körperliche Anspannung löst.
Mein Vater tätschelt mir den Arm. »Das ist sehr rücksichtsvoll von dir. Wann lernen wir den Glückspilz kennen?« Dad verströmt den vertrauten Geruch nach frisch gesägtem Holz und Tannengrün. Er hat bis zu seiner Pensionierung als Schreiner gearbeitet und der Duft umgibt ihn nach wie vor. Dies und seine Berührung wirken tröstlich auf mich. Ich sollte wirklich die Wahrheit sagen, aber die nunmehr freudigen Mienen meiner Eltern halten mich zurück. Warum ihnen den Tag versauen? Heute feiern wir noch und sind fröhlich und morgen beichte ich ihnen die ganze Geschichte. Beim Gedanken an ihre Enttäuschung schnürt sich mir jetzt schon der Magen zusammen.
Der nächste Tag beginnt mit einem mächtigen Kater meinerseits. Derart lädiert gelingt es mir nicht, die Kraft– vielleicht ist es auch der Mut – aufzubringen, meine Lüge einzuräumen und dann muss ich bereits zurück nach New York, wo mein äußerst stressiger und obendrein extrem mies bezahlter Job als Anwaltssekretärin auf mich wartet. Die nächsten Tage komme ich nur zum Schlafen in mein Appartement und bin viel zu fertig, um an nervenaufreibende Geständnisse zu denken.
Mit jedem weiteren Tag aber fällt es mir schwerer, meiner Familie die Wahrheit zu gestehen. Bin ich deshalb ein schlechterer Mensch? Meine Schwindelei hat meine Mutter immerhin glücklich gemacht.
Wenn ich ehrlich bin, bin ich einfach zu feige. Außerdem … je weiter die Zeit voranschreitet, desto besser gefällt mir die Rolle der Verlobten. Mom schickt mir Brautzeitschriften und Goodies. Besonders über den großen Karton mit Hochzeitsmandeln habe ich mich echt gefreut. Als ich meine Eltern das nächste Mal besuche, werde ich behandelt wie eine Prinzessin.
Das genieße ich. Als jüngstes Mädchen mit vier Brüdern, die man im Sport-Team unserer Schule nur Witcher, Tiger, Speedster und Chief nannte, hatte ich keine leichte Kindheit. Sie waren so berüchtigt an der Highschool, dass mich nicht ein Junge angebaggert hat, geschweige denn zum Abschlussball einlud. Am Ende wurde ich dann von Marcus begleitet. Ich muss nicht erwähnen, dass meine Laune beschissen war – und Marcus seither traumatisiert, wenn es ums Tanzen geht.
Meinen ersten Kuss habe ich mit sechzehn erhalten. An einem Wochenende bei meinen Großtanten, wo der Junge zu spät herausfand, dass ich das Delaney-Mädchen bin.
Plötzlich war ich also der Liebling meiner Eltern, das wollte ich nur ein bisschen ausreizen. Irgendwann verspreche ich dann sogar, meinen erfundenen Verlobten Mike über Weihnachten mit nach Hause zu bringen.
Bis dahin wird mir schon etwas einfallen, um ihn verschwinden zu lassen.
Leider habe ich es versemmelt, mir eine passende Ausrede einfallen zu lassen. In ein paar Tagen fahre ich nach Hause, zurück nach Sherwood Hills in den Schoss meiner Familie.
Ohne Verlobten und mit einer Scheißangst. Wenn ich jetzt wieder mit einer angeblichen Geschäftsreise, einer Krankheit seiner Mutter, die ich zuvor nie auch nur erwähnt habe, oder sonst einem Notfall daherkomme, riecht meine Familie sofort Lunte!
Ich ertrage es nicht, meine Eltern zu enttäuschen. Um das zu vermeiden, hüpfen mir die verrücktesten Ausreden durch den Kopf, auf jeden Fall muss es etwas nachvollziehbares, vielleicht sogar Spektakuläres sein: Mike habe mir den Laufpass gegeben, zum Beispiel. Aber damit würde ich meiner Familie das Fest verderben und außerdem habe ich ihnen weisgemacht, er wäre der wunderbarste Mann, dem ich je begegnet bin. So etwas würde mein Mike nie tun! Ihn heldenhaft sterben zu lassen, während er ein Kind aus einem brennenden Haus rettet, verwerfe ich ebenfalls. Nicht mal ich bin zu einer derart hinterhältigen Lüge fähig.
Ich könnte so tun, als hätte ich Schluss gemacht, überlege ich. Das passt zu meiner impulsiven Natur. Andererseits würde ich dann meines Lebens nicht mehr froh werden. Dann wäre ich nicht mehr die, die noch keinen Kerl gefunden hat, sondern die, die einen Traummann abserviert hat.
Ich seufze und mein Atem entweicht vor meinem Gesicht in dicken weißen Schwaden. Nebeliger Dunst schmiegt sich auf meine Haut, um einige Sekunden später nur umso eisiger darauf zu brennen. Vermutlich ist heute einer der frostigsten Tage dieses Winters. Sogar durch meine dicken Handschuhe dringt die Eiseskälte und ich fühle, wie meine Finger steif werden. Aus einer inneren Unruhe heraus bin ich heute eine U-Bahn-Station früher ausgestiegen, um nach Hause zu laufen. Mein Weg führt mich über eine der unzähligen Brücken New York Citys. Auf der Hälfte der Strecke mache ich Halt, blicke auf das Wasser des East Rivers unter mir und grüble.
Während ich hier an der Brücke stehe und mich selbst bedauere, fällt mir eine zerlumpte Gestalt auf, die sich der Stelle nähert, an der ich mich aufhalte. Ich lehne hinter einem breiten Laternenpfahl, der mich größtenteils verdeckt. Ganz offensichtlich hat er mich noch nicht bemerkt.
An seinen Schuhen klebt irgendwas undefinierbar Braunes und seine Hose ist nicht nur schmutzig, sondern an den Knien auch sichtbar aufgeraut, so als wäre er damit über den Asphalt gekrochen. Trotz der Kälte trägt er nur ein Jackett, dessen rechter Ärmel an der Schulternaht ein großes Loch aufweist. Keine Mütze, keine Handschuhe. Der Typ ist verlottert. Soweit ich das beurteilen kann, scheint er nüchtern zu sein, aber seine Klamotten haben eindeutig schon bessere Tage gesehen und sind definitiv nicht für die aktuellen eisigen Temperaturen geeignet. Seiner Miene nach zu urteilen, fühlt er sich mindestens so elend wie ich.
Ich beachte ihn nicht weiter und starre wieder in die Ferne. Soll er seine Lebensdramen selbst bewältigen. Ich tue es ja mit meinen auch.
Aus den Augenwinkeln bekomme ich mit, wie er gerade dabei ist, ein Bein über die Brüstung zu schwingen.
Meine Gleichgültigkeit bricht jäh in sich zusammen.
»Halt!« Ohne nachzudenken renne ich los. Das ist eine meiner Stärken. Nicht nachzudenken, meine ich. Eben bemerke ich noch, wie er zusammenzuckt und bedenklich ins Schwanken gerät, dann zieht er sein Bein wieder zurück und dreht sich zu mir um. »Warum auch immer Sie sich umbringen wollen, das ist es nicht wert!« Die Worte brechen hastig aus mir heraus. Ich habe den Mann erreicht und mir schlägt eine Dunstwolke entgegen, die vermuten lässt, dass sich der Gute hinter den Restaurants von Queens getummelt hat. Genauer gesagt in den Mülltonnen.
Ich versuche flach zu atmen, und bin froh, dass meine Nase verstopft und Winter ist. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie er im Hochsommer riecht!
»Sie müssen das nicht tun, wirklich nicht!«, rede ich weiter beschwörend auf ihn ein. Er bewegt sich nicht. Also nähere ich mich vorsichtig. Ich will ihn weder verschrecken, noch zu Tätlichkeiten provozieren. Mit zerschmettertem Gesicht und tot in der Leichenhalle zu liegen würde mich weitaus weniger beglücken, als mich meinen Eltern und ihrer Enttäuschung wegen meiner Lügen zu stellen.
»Kommen Sie«, gurre ich. »Wir gehen einen Kaffee trinken und dann erzählen Sie mir, was Sie bedrückt.«
Er macht einen abrupten Schritt auf mich zu, sodass ich vor Schreck einen Satz nach hinten mache und auf meinem Allerwertesten lande. Autsch! Na, danke auch! Mühsam rapple ich mich auf. »Scheiße«, fluche ich und hebe den Kopf, um in die schönsten Augen zu blicken, die ich je gesehen habe. Blau und klar wie kostbarste Saphire. »Wow, sind die blau!«, entfährt es mir.
Der Mann hat immer noch nichts gesagt, und obwohl sich eine gewisse Wut und Verzweiflung auf seiner Miene spiegelt, drückt sie in diesem Moment ebenso aus, dass er mich für verrückt hält.
Er sagt nichts, starrt mich nur an. Was hat er nur? Ist er taubstumm?
»Warum?«, fragt er mich nun.
Ich blinzle verwirrt und kann mich kaum von seinen tollen Augen losreißen, um mich auf seine Worte zu konzentrieren. »Warum was?«
»Warum soll ich mich nicht in die Tiefe stürzen?«
»Weil das Leben fabelhaft ist, voller Abenteuer und Möglichkeiten.« Die Worte blubbern aus meinem Mund.
»Das Leben ist ein einziger großer Haufen Scheiße und jedes Mal, wenn man denkt, jetzt hat man sich freigebuddelt, kackt einem das Schicksal erneut auf den Kopf«, sagt er. Obwohl seine Miene ausdruckslos ist, sehe ich in seinen Augen so viel Bitterkeit, dass es mir fast die Sprache verschlägt. Ich habe vielleicht gelegentlich mal einen Scheißtag, aber der Typ hat wohl ein komplettes Scheißjahr hinter sich.
Unwillkürlich bewege ich mich einen Schritt auf ihn zu. Obwohl er so schauderhaft aussieht, habe ich das Gefühl, ihm helfen zu müssen. Habe ich erwähnt, dass ich nicht die Klügste bin? Jede andere New Yorkerin wäre vor so einem Penner hastig geflohen, nur ich Piper, die Unheilige, muss natürlich die Motivationstrainerin spielen.
»Sehen Sie, nur weil Sie etwas … knapp bei Kasse sind, heißt das doch nicht, dass Sie nicht glücklich sein können«, plappere ich drauf los.
Der Penner runzelt die Stirn. »Sind Sie eine von denen, die zu Weihnachten plötzlich ihre wohltätige Ader entdecken?«
Ich stoße einen empörten Laut aus. »Ganz bestimmt nicht.« Ich zögere und ringe mit mir, ob ich nicht einfach gehen soll. Dann kann er sich von der Brücke stürzen, wenn er unbedingt will. Ist doch nicht mein Problem. Stattdessen verharre ich und mustere ihn forschend. »Hören Sie, ich weiß, wie es ist, wenn man einen Fehler mit weitreichenden Folgen begeht …« Einen Verlobten zu erfinden, der gar nicht existiert, zum Beispiel, füge ich in Gedanken hinzu. »Aber manche kann man nicht rückgängig machen. So ein Salto von der Brücke zum Beispiel. Sie haben doch bestimmt irgendwo eine Frau, die auf Sie wartet.«
»Ich habe keine Frau. Nicht mehr. Sie hat mich verlassen. Im August.« Mit jedem Wort klingt seine Stimme brüchiger.
Hallo Fettnäpfchen! Ich bin ja so dämlich. Gut, dass ich keine Psychiaterin bin. Die Bestattungsunternehmen würden mir sicher eine Erfolgsprämie zahlen. Als Profikillerin könnte ich auch prima arbeiten. Ich würde meine Opfer einfach zu Tode quasseln.
Der Gute hat offenbar Liebeskummer. Ich will mir lieber nicht ausmalen, wie seine Liebste ausgesehen hat, wenn er schon so verlottert daherkommt.
»Na ja, aber ein Mann wie Sie bleibt nicht lang allein. Schauen Sie, da draußen wartet sicher irgendwo Ihre Seelenverwandte.« Was ich ihm da erzähle, glaube ich selbst nicht. Welche Frau würde sich denn mit einem Penner einlassen? Na ja, vielleicht eine andere Obdachlose, aber irgendwas sagt mir, dass seine Ex nicht sein einziges Problem ist. Der Kerl hat sicher weit mehr Sorgen als ein aussichtsloses Date mit seiner Traumfrau.
»Ich hab keine vernünftige Wohnung, ich hab keinen Job. Welche Frau verabredet sich mit einem solchen Loser?« Plötzlich wird mein Gegenüber gesprächig. So was aber auch. Ich weiß nicht, ob ich mich deswegen freuen oder ängstigen soll. Und dann wird mir klar, dass wir eine Gemeinsamkeit haben: Wir sind beide Loser.
Als Gott daran dachte einen weiblichen Verlierer zu erschaffen, hat er mich auf den Weg gebracht. Mit fünfundzwanzig lebe ich als Single in einem besenkammerähnlichen Miniapartment mitten in New York, arbeite für einen zweitklassigen Anwalt, den ich nur den dämlichen Blob nenne und am liebsten erschießen würde, und setze überdies vor lauter sexueller Frustration untenrum Spinnweben an. Oh Gott.
Davon, was geschieht, wenn meine Familie herausbekommt, dass ich meine Verlobung nur erfunden habe, will ich gar nicht erst anfangen. Ich werde sie fürchterlich enttäuschen und die diesjährigen Weihnachtsfeiertage nachhaltig ruinieren.
Einen Moment lang erwäge ich, mich selbst von der Brücke zu stürzen.
Der Stadtstreicher legt den Kopf schief und betrachtet mich nachdenklich und fast ein wenig mitleidig. Klasse, jetzt bedauert mich schon ein Penner.
Ein paar rote Haarsträhnen fallen mir ins Gesicht, ich versuche sie fortzupusten. Als das nach mehrmaligen Versuchen nicht klappt, nehme ich die Finger zu Hilfe und schiebe sie unter meine Mütze. Unter halbgesenkten Wimpern mustere ich den Obdachlosen.
So schlecht sieht er gar nicht aus. Scharfgeschnittene Gesichtszüge, hohe Wangenknochen, gerade Nase und sinnliche Lippen. Wenn er nicht so trüb gucken würde, gewaschen und frisch angekleidet wäre, könnte man sich überall mit ihm sehen lassen.
Er ist eindeutig der Typ `Schwiegermutters Liebling´.
Ich seufze. Und erstarre, als mir meine Gedankengänge klar werden. Verdammt Piper, das denkst du jetzt nicht wirklich! Erneut betrachte ich Mr. Blue Eyes von Kopf bis Fuß und spüre ein eigentümliches Flattern im Bauch. Das ist verrückt! Absolut verrückt. Er ist ein Wildfremder, er könnte sogar ein Serienmörder sein.
»Krieg dich wieder ein, Piper«, murmle ich und hebe den Kopf, um ihm ins Gesicht zu blicken.
»Führen Sie Selbstgespräche?«, fragt er.
»Nur bei wichtigen Themen«, erwidere ich und nun erhellt sich seine Miene tatsächlich. Ich glaube, ein Lächeln in seinen Augen aufblitzen zu sehen. Mein Herz beginnt aufgeregt schneller zu pochen. Jemand, der so betörend lächeln kann, muss einfach ein guter Mensch sein.
So überzeugt war er dann wohl doch nicht von seinen Todesplänen.
Mich überkommt aus dem Nichts eine total verrückte Idee.
Vielleicht … ich bin ja nicht religiös, aber ich wurde so erzogen und so manches hat man doch verinnerlicht … wäre es möglich, dass mir eine höhere Macht eine Lösung präsentiert?
»Falls Sie… also bevor Sie sich sinnlos von der Brücke stürzen, könnten Sie mir dabei helfen, ein Schlamassel in meinem Leben zu beseitigen.« Vermutlich wirke ich sehr aufgewühlt, denn er starrt mich verschreckt an.
»Schlamassel?«
Ich knete verzweifelt meine Hände. »Na ja, ich habe meiner Familie von einer Verlobung erzählt und nun sitze ich gewaltig in der Patsche. Mein Verlobter existiert nämlich überhaupt nicht und jetzt brauch ich dringend jemand, der so tut, als wäre er Mike. Man erwartet, dass ich meinen Zukünftigen an Weihnachten mitbringe und da ich etwas in Zeitnot bin …«
»… dachten Sie, ich könnte Ihren Verlobten spielen.«
Dumm ist er nicht, schießt es mir durch den Kopf und ich nicke zustimmend. »Genau. Es wäre auch nur über die Weihnachtstage. Wir verbringen ein paar Tage bei meiner Familie, spielen ihnen das glückliche Paar vor und danach gehen wir wieder unserer Wege.« In dem Moment, in dem ich das ausspreche, kommt mir der Gedanke, wie idiotisch meine Idee ist. Streng befehle ich mir, nicht weiter darüber nachzudenken.
»Was springt für mich dabei raus?«, fragt mein Gegenüber.
