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Der nächste Auftrag von Jasmin Karras treibt Toby Weston weiter als je zuvor. Was als kalkulierte Verführung beginnt, führt ihn in ein abgeschottetes Luxusleben voller Gewalt, Loyalität und tödlicher Regeln. Getarnt als Gärtner dringt er in die Welt eines mächtigen Gangsters ein, in der Nähe stets beobachtet und Vertrauen eine gefährliche Illusion ist. Doch das Spiel kippt, als alte Schuld zurückkehrt. Victor Pawlow, skrupellos und unberechenbar, fordert Wiedergutmachung für einen früheren Fehler, den Toby niemals hätte begehen dürfen. Die Wahl ist einfach und grausam zugleich: ein letzter Auftrag oder der Tod. Toby muss liefern, was Pawlow im erbitterten Scheidungskrieg braucht – Beweise, die zerstören können. Zwischen Angst, Zwang und immer enger werdenden Grenzen erreicht Der Preis der Begierde seinen Höhepunkt. Band 4 ist der bisher riskanteste Teil der Reihe, in dem Verführung nicht mehr nur Mittel zum Zweck ist, sondern zur Überlebensfrage wird.
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Seitenzahl: 179
Veröffentlichungsjahr: 2026
Toby Weston
Keine Wahl außer Lust
Der Preis der Begierde (Band 4)
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
1
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3
4
5
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Impressum neobooks
Es gibt Tage, an denen scheint die Sonne so warm und harmlos, als hätte sie nie etwas anderes vorgehabt, und kaum blinzelt man einmal zu lange, fällt Regen vom Himmel, kalt, unangekündigt und unerquicklich. Das Wetter ist launisch. Unzuverlässig. Ein Wechselspiel aus Hoffnung und Ernüchterung.
Im Leben ist das meist genauso.
Mit einer einzigen Ausnahme.
Toby Weston ist ein Arschloch.
Das ist keine Meinung. Es ist eine Feststellung. Eine dieser Wahrheiten, die sich nicht wegdiskutieren lassen, egal wie oft man den Blick abwendet oder die Stimme senkt. Ich weiß das, weil ich Toby sehr gut kenne. Fast so gut wie den bittersüßen Geschmack von Schokolade, die zu langsam auf der Zunge schmilzt. Oder dieses unangenehm-befriedigende Gefühl, wenn man einen Pickel auf der Nase ausdrückt und sofort weiß, dass man es bereuen wird.
Glaubt mir. Toby ist ein Arsch.
Meine Mutter hat mich allerdings dazu erzogen, große Behauptungen niemals ohne Beweise in den Raum zu stellen. „Wer etwas behauptet, muss es auch belegen können“, pflegte sie zu sagen, während sie mir mit strengem Blick die Welt erklärte. Ein Professor behauptete einmal im Internet, der Mensch lüge im Durchschnitt zweihundert Mal am Tag. Die Berliner Morgenpost korrigierte das großzügig nach unten und sprach von lediglich zwei Lügen täglich. Wo genau die Wahrheit liegt, weiß niemand so recht. Wahrscheinlich irgendwo zwischen Selbstbetrug und schlechtem Gewissen.
Aber dass Toby Weston ein riesiges Arschloch ist, bleibt davon unberührt. Eine Konstante. Felsenfest. Unverrückbar.
Und weil ich meine Mutter nicht enttäuschen möchte, werde ich nun liefern. Beweise. Fakten. Geschichten. Ich werde euch Toby vorstellen, sein Leben ausbreiten wie eine gut gedeckte, moralisch fragwürdige Tafel, und am Ende werdet ihr mir zustimmen. Ganz sicher.
Fragt man Toby Weston, was er beruflich macht, lächelt er. Dieses selbstzufriedene, leicht überhebliche Lächeln, das Männern vorbehalten ist, die zu oft gehört haben, wie attraktiv sie doch seien. Dann sagt er nur ein Wort:
„Verführer.“
Ihr lacht? Macht den Fehler nicht. Toby lacht nicht. Er meint das ernst. Bitterernst. Für ihn ist Verführung keine Laune, kein Spiel, keine zufällige Begegnung zwischen zwei Gläsern Wein. Für ihn ist sie Disziplin, Wissenschaft, Kunstform. Herausforderung und Genuss in perfekter Symbiose. Er glaubt fest daran, dass keine Frau ihm dauerhaft widerstehen kann.
Ich sagte doch: Arsch.
Den Großteil seiner Zeit verbringt Toby damit, Frauen zu analysieren. Blicke zu deuten. Gesten zu sezieren. Worte zu wiegen, bis sie genau das richtige Gewicht haben. Verführung ist sein Lebensinhalt geworden, sein Antrieb, sein verdammt gut gepflegtes Hobby.
Dass er sich dabei finanziell keinerlei Grenzen setzen muss, macht alles einfacher. Bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahr sah das anders aus. Damals war Toby Sachbearbeiter bei einem Münchner Automobilkonzern, gefangen zwischen Excel-Tabellen, Kantinenessen und dem bitteren Wissen, dass München teuer war, ist und immer sein wird. Träume hatten dort keinen Platz.
Dann kam die Erbschaft.
Eine dieser Geschichten, die man sonst nur aus schlechten Filmen kennt. Der einzige Bruder seines Vaters starb unerwartet – und hinterließ Toby ein Vermögen, das groß genug war, um sein Leben neu zu schreiben. Und genau das tat Toby. Ohne Zögern. Ohne Skrupel.
Er hält sich für intelligent, offen, flexibel. Und fairerweise muss man sagen: Ganz Unrecht hat er nicht. Er verstand es, sich anzupassen, sich einzufügen, sich hochzuspielen. Ein gewisser natürlicher Charme, gepaart mit neu entdeckten Talenten auf dem Golfplatz, öffnete ihm Türen, die ihm zuvor verschlossen geblieben waren. Die gehobenen Kreise Münchens nahmen ihn auf – dankbar, neugierig, beeindruckt.
Heute ist Toby fünfundzwanzig. Er besitzt eine Villa am Starnberger See, eine Penthouse-Dachterrassenwohnung in Schwabing, ein Chalet in St. Moritz und ein Strandhaus auf Mallorca. Orte, an denen andere Urlaub machen. Orte, an denen Toby lebt.
Das allein reicht natürlich schon aus, um in den Augen vieler Frauen interessant zu sein. Attraktiv. Begehrenswert. Anfangs nahm Toby, was ihm gefiel. Fast wahllos. Jede Frau, die ihm ins Auge sprang, landete früher oder später in seinem Bett. Es war leicht. Zu leicht.
In den letzten Monaten allerdings hatte sich etwas verändert. Toby begann, seine Leidenschaft zu verfeinern. Zu kultivieren. Nicht mehr jede Frau war würdig. Er suchte nach Herausforderung. Nach Widerstand. Nach Beute.
Und in Tobys Welt waren die wertvollsten Jagdopfer verheiratete Frauen. Frauen, die niemals fremdgehen würden. Frauen mit Moral, Prinzipien und Eheringen. Genau hier lag sein Ehrgeiz: aus treuen Ehefrauen fremdgehende Lustobjekte zu machen.
Aber wie findet man solche Frauen?
Toby fand die Antwort schnell.
Das Internet.
Er schaltete Inserate auf einschlägigen Plattformen, bot diskret seine Dienste an. Anfangs richtete er sich an gelangweilte Hausfrauen, die tagsüber, während der Ehemann arbeitete, etwas Abwechslung vom immergleichen Alltag suchten. Und ja – er fand sie. Viele. Willige. Bereite.
Doch das befriedigte ihn nicht. Toby wollte jagen. Nicht serviert bekommen.
Also änderte er seine Strategie.
Seine neuen Inserate richteten sich an Ehemänner. An Männer, die wollten, dass ihre Frauen fremdgingen. Männer, die Toby beauftragten, die eigene Ehefrau zu verführen. Treue zu brechen. Grenzen zu überschreiten.
Toby hatte seinen Lebensinhalt gefunden.
Und als wäre das nicht absurd genug, bekam er dafür auch noch Geld. Oder andere Gegenleistungen. Man fragt sich unweigerlich, was in unserer Gesellschaft schiefläuft. Toby tat das nicht. Ihm war es egal. Sein Tag war ausgefüllt. Sein Ego genährt. Sein Hobby perfektioniert.
Habe ich schon erwähnt, dass er ein Arsch ist?
Lest selbst. Ich werde euch von seinen Aufträgen erzählen. Von seinen Abenteuern. Denn fast täglich landeten neue E-Mails in Tobys Postfach, alle mit derselben unausgesprochenen Frage:
Ob er bereit wäre, die Ehefrau eines anderen Mannes zu ficken.
Marie Losenstein rannte durch den dichten Nebel.
Ihr keuchender Atem hinterließ kleine weiße Dampfwölkchen in der Luft. Immer wieder warf sie gehetzte Blicke über die Schulter nach hinten. Schon mehrere Male war sie auf diese Weise gestolpert. Doch immer wieder hatte sie sich aufgerappelt und war weitergelaufen.
Sie fürchtete sich davor, nicht wieder aufstehen zu können und somit ihrem Verfolger auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu sein. Marie wusste weder, was sie in diesen Wald verschlagen hatte, noch wer ihr Verfolger war.
Das Einzige, was sie mit Sicherheit wusste, war, dass sie Angst hatte.
Plötzlich hörte sie, zuerst weit hinter sich, doch dann immer näherkommend, das Geheul eines Wolfes.
Angstvoll warf sie einen Blick über die Schulter. Dabei verhedderte sie sich in einem Dornengestrüpp und fiel der Länge nach hin. Ein scharfer Schmerz bohrte sich durch ihr linkes Bein und ließ sie vor Schreck aufschreien. Mit ihrer rechten Hand ertastete sie unterhalb ihres Knies eine offene Wunde. Sie konnte das Blut sehen und fühlen, dass an ihrem Bein herunterlief.
Das Heulen ertönte wieder, nun war es ganz nahe. Marie stemmte sich nach oben und wäre beinahe abermals gestürzt. Ein scharfer Schmerz durchbohrte ihr Bein wie eine Klinge. Wimmernd warf die schlanke Frau einen Blick über die Schulter.
Durch den dichten Nebel erkannte sie einen dunklen, schemenhaften Umriss. Der Wolf kam immer näher! Und der Wolf hatte exakt das Antlitz ihres Ehemannes … während Marie dies bewusst wurde, versank sie in der undurchdringlichen Schwärze einer erlösenden Bewusstlosigkeit …
Neben dem Krankenbett, indem Marie Losenstein in tiefer Bewusstlosigkeit lag, standen zwei Männer und betrachteten neugierig die sehr attraktive Frau.
„Die Grenze an Beruhigungsmitteln ist erreicht“, sagte der Mann im weißen Arztkittel.
„Es ist Ihre Entscheidung, Doktor. Aber ich möchte, dass meine Frau einige Tage in völliger Ruhe verbringt. Sie hat eine sehr schwere Zeit hinter sich.“
„Ich werde Ihre Wünsche befolgen, Herr Losenstein. Aber die Gesundheit Ihrer Frau sollte nicht gefährdet werden.“
„Natürlich nicht, Doktor Baumann. Sie werden die richtige Dosierung der Medikamente finden. Ich vertraue Ihnen völlig.“
Marie Losenstein spürte nichts. Es schien, als würde sie sich in einem luftleeren Raum befinden. Dann kamen die ersten Gefühle zurück. Inmitten der Dunkelheit kumulierte sich aus dem Nichts ein Gedanke. Er schwebte, gleich einer Sprechblase in einem leeren Comic, frei im Raum. Ohne Worte, ohne Bilder, bis es ihr bewusst war, dass sie es ist. Sie fühlte wieder ihren Herzschlag, sie fühlte das Blut durch ihre Adern laufen. Sie lebte noch, konnte aber nicht ihre Augen öffnen.
Sie versuchte einen Bezugspunkt in der sie umgebenden Schwärze zu finden, versuchte in sich hineinzuhören. Doch da war nichts. Rein gar nichts. Marie war sich vollkommen unsicher, ob das, was sie fühlte, überhaupt Leben war. Oder ob ihr ganzes, eben entdecktes Bewusstsein, nichts weiter war als eine nicht vorgesehene Fehlschaltung eines elektronischen Schaltkreises. Ein elektronischer Klumpen, der sich mit dem Abschalten des Gerätes in Nichts auflöst.
Sie spürte, dass allein schon das Denken ihre letzten Kraftreserven verzehrte. Doch im Dahinschwinden ihrer Sinne hörte sie eine Stimme, die eines Mann. Es war eindeutig der nette Arzt, der sich regelmäßig um sie kümmerte. Doch bei all ihren Gedanken spürte sie weder ihren Körper, noch konnte sie etwas sehen. Sie rief: „Hallo! Doktor? Hören Sie mich?" Keine Antwort.
Marie wollte die Augen öffnen, aber es gelang ihr nicht. Dann spürte sie Finger, die über ihren wehrlosen Körper strichen. Sie beruhigte sich mit dem Gedanken, dass es nur der Arzt war, der ihren Körper untersuchte. Aber warum erfolgte eine vaginale Untersuchung? Während sie noch darüber nachdachte, entstand ein irrsinniges Glücksgefühl.
Sie fühlte sich voller Energie, war so euphorisch. Blitzlichter zuckten durch diese Farbenpracht. Das Wogen wurde schneller. Die Farben noch intensiver. Sie hatte das Gefühl ihre Gedanken würden zerplatzen.
Wieder und immer wieder. Schneller und immer schneller. Intensiver und noch intensiver.
Dann glaubte sie, ihr Geist würde eine Barriere durchstoßen. Wie bei einer Explosion öffnete sich über ihr ein azurblauer Himmel. Ihre Gefühle schlugen Purzelbäume. Die Endorphine brachten sie an den Rand des Wahnsinns. Ein nicht endendes überirdisches Glücksgefühl erfüllte ihren Geist. Sie hatte ein Gefühl, als hätte sie den Hauptpreis gezogen, den Jackpot geknackt. Ein solch überwältigendes Gefühl hatte sie bis jetzt nur einmal in ihrem Leben gespürt, als sie beim Sex einen gewaltigen überirdischen Orgasmus erlebte.
Einen Orgasmus?
Ja genau, sie hatte gerade einen gewaltigen Orgasmus.
Dann wurden ihre Gedanken wieder klarer. Sie setzte ihre Instinkte ein und konnte die Anwesenheit des Doktors spüren, der seine Finger in der Höhle ihrer Vagina versenkt hatte. Der Mann untersuchte sie nicht, sondern verging sich sexuell an ihrem wehrlosen Körper!
Sie wollte protestieren, etwas schreien oder sich in irgendeiner Weise wehren, aber es gelang ihr nicht. Stattdessen versank sie erneut in einer tiefen Bewusstlosigkeit.
Als sie wieder aufwachte, fühlte sie sich erstaunlich frisch und ausgeruht. Sie horchte, ob sie alleine im Raum war. Außer Vogelzwitschern konnte sie nichts hören. Wie lange hatte sie wohl geschlafen? Egal, dachte sie, heute geht es mir besser. Sie öffnete die Augen. Es gelang! Ein Glücksgefühl jagte durch ihren Körper. Sie starrte zunächst an die Decke, dann ließ sie die Blicke durch den Raum schweifen. Es handelte sich eindeutig um ein Krankenzimmer. Es roch nach Desinfektionsmitteln.
Nach weiteren zehn Minuten konnte Marie die Finger bewegen, dann die Füße. Sie richtete sich auf und blickte aus dem Fenster. Es war dunkel. Sie konnte den Mond am Firmament erkennen. Sie zog die Decke von ihrem Körper und warf diese auf den Boden. Außer einem grünen Krankenhauskittel war sie völlig nackt. Sie spürte den rauen Stoff, der über ihre empfindliche Haut rieb.
Nach weiteren Minuten, die ihr neue Kraft und Energie gaben, richtete sie sich auf. Zuerst sitzend und anschließend stehend. Sie versuchte einige Schritte zu gehen, und war erstaunt, dass es gelang. Die Kraft kehrte in ihren Körper zurück.
Es musste ausreichen. Wer weiß, wie viele Gelegenheiten sie zu einer Flucht noch bekam. Sie musste dieses Krankenhaus, oder was auch immer es war, verlassen!
Die nächtliche Stille in der psychiatrischen Anstalt München-Haar wurde von den bloßen Füßen der Marie Losenstein, die den leeren Korridor im Südflügel des Gebäudes entlanglief, kaum gestört. Ihr schlanker Körper war ein flüchtiges, geistergleiches Etwas, dass sich zwischen dem schwachen blauen Schimmer der nächtlichen Lampen bewegte.
Marie war erstaunt, dass ihr die Flucht bis zu diesem Punkt bereits gelungen war. Normalerweise stellte ihr Ehemann einen Bodyguard vor die Tür. Nicht um seine Frau zu schützen, sondern um sie zu kontrollieren. Aber heute Nacht war niemand vor der Tür ihres Krankenzimmers gestanden. Vielleicht war der Gorilla ihres Mannes gerade auf der Toilette oder vernaschte eine Krankenschwester. Marie war das egal, sie wollte nur weg, flüchten aus diesem Haus und aus der Ehe mit Paul Losenstein.
Warum hatte sie Paul nur geheiratet? Sie konnte sich nicht mehr erinnern. Aber vielleicht lag es an den Medikamenten, die sie die letzten Tage bekommen hatte, die ihr die Erinnerungen nahmen. Es musste doch einen Grund gegeben haben. Egal! Darüber konnte sie zu einem späteren Zeitpunkt nachdenken. Nun musste sie sich auf die aktuelle Flucht konzentrieren.
Sie probierte verschiedene Türen zu öffnen, die jedoch alle verschlossen waren. Die Tür allerdings am Ende des Korridors im Südflügel nicht. Sie zögerte nur ein paar Augenblicke lang, dann schlüpfte sie hinaus in die kühle Dunkelheit der spätsommerlichen Nacht und entdeckte, dass sie auf einem fast leeren Parkplatz war.
Geduckt huschte sie in den Schatten der Hecke. Direkt vor ihr stand ein großes Auto, in dessen Chrom sich die Sterne widerspiegelten. Eine Tür wurde irgendwo links von ihr geöffnet und geschlossen, und dann erschrak sie, als jemand auf sie zukam.
Impulsiv schlüpfte sie aus dem Versteck, öffnete die Hintertür des Autos, glitt hinein und legte sich mit angstgeweiteten Augen und rasendem Herzen auf den Boden zwischen den beiden Sitzreihen. In der Dunkelheit und in ihrer Eile hatte sie das Äskulap-Zeichen neben dem hinteren Nummernschild nicht bemerkt.
Gemächlich fuhr Dr. Sven Baumann die ruhigen Straßen des Münchner Vorortes Haar entlang.
Er war aufgekratzt.
Erst kürzlich hatte er seine Zeit als Assistenzarzt beendet. Die Erlaubnis, nun als Arzt praktizieren zu dürfen, war fast so neu wie der Wagen, den er fuhr.
Er hatte Glück gehabt, überlegte er, so schnell eine so gute Position in einer Psychiatrischen Klinik zu bekommen. Die Bezahlung war ausgezeichnet und seine Pflichten verhältnismäßig leicht. Der Stress des Studiums und der Assistentenzeit lag hinter ihm. Er konnte nun auch einmal an andere Dinge denken, zum Beispiel an die süße Krankenschwester Claudia. Sie wirkte, dass musste er zugeben, ein bisschen spröde, fast abweisend, aber Krankenschwestern waren oft so. Und dabei war sie eine außergewöhnlich attraktive Rothaarige, mit Beinen, wie sie Tänzerinnen haben, mit prallen, steilen Brüsten, die er liebend gern einmal nackt gesehen, gestreichelt und geküsst hätte.
Selbstverständlich besaß sie nicht die Ausstrahlung und Erotik einer Marie Losenstein – aber welche Frau hatte das schon?
Der Ehemann, Paul Losenstein, hatte seine Frau vor ein paar Tagen einliefern lassen. Nervenzusammenbruch, so wurde es diagnostiziert. Der Ehemann wünschte, dass seine Frau mit Beruhigungsmitteln stillgelegt wurde. Keiner widersprach einem Paul Losenstein! Besonders kein junger Arzt, der am Beginn seiner Karriere stand.
Daher hatte sich Sven Baumann gefügt und Marie Losenstein mit starken Beruhigungsmitteln vollgepumpt. Es lag auch in seinem eigenen Interesse. Bereits während seiner Zeit als Assistenzarzt hatte er seine heimliche Leidenschaft erkannt. Er genoss den sexuellen Kick, eine betäubte Patientin intim zu befummeln. Auch an Marie Losenstein hatte er sich die letzten Tage bereits drei Mal vergangen. Allein der Gedanke an die enge Scheide der Frau brachte ihm eine erneute Erektion. Aber er musste aufpassen. Wenn Paul Losenstein das herausfinden würde, bekäme er mächtig Ärger. Der Ehemann war nicht nur reich und mächtig, sondern auch ein skrupelloser Gangster, der vor keiner Racheaktion zurückschrecken würde.
Aber der Mann würde nichts herausfinden. Die Medikamente waren so stark, dass die Frau sich an nichts erinnern würde und somit nichts verraten könnte. Lieber Himmel! Was für eine Frau!
Ein Gesicht wie ein Engel und ein Körper, der aus Vanilleeiscreme geformt zu sein schien. Marie Losenstein war in seinen Augen die perfekte Frau, und dass trotz der zweiundvierzig Jahre, die sie bereits alt war. Aber er wusste es von seinen nächtlichen Aktionen besser: Sie besaß den Körper einer jungen Frau.
Die Erinnerung an dieses köstliche Bild wurde so stark, dass er, nachdem er sein Wohnhaus erreicht hatte, fast vergaß, auf die Bremse zu treten, und beinahe mit den Garagentüren kollidiert wäre.
Plötzlich wirbelte er herum!
Er hatte irgendetwas gehört, einen dumpfen Aufprall, ein halblautes Keuchen – und er starrte in das erschreckte Gesicht von Marie Losenstein!
Die plötzliche Erfüllung seines Wunschtraums, war so bestürzend, dass er sie nur mit offenem Mund anstarren konnte.
„Bitte!“, bettelte Marie Losenstein drängend. „Bitte, bringen Sie mich nicht zurück!“
„Zurück?“, erwiderte Dr. Sven Baumann und schüttelte den Kopf. „Oh – die Psychiatrie. Aber Sie ... Sie stehen doch unter Beruhigungsmitteln! Wie konnten Sie ... wie haben Sie ...? Natürlich muss ich Sie zurückbringen! Das ist ja entsetzlich, Frau Losenstein. Ich ...“
Maria Losenstein nickte und sagte: „Ja, das ist es. Und es ist noch viel schlimmer, als Sie denken, Doktor. Sehen Sie, wenn Sie versuchen, mich in die Psychiatrie zurückzubringen, dann werde ich jetzt die Wagentür öffnen und zu schreien anfangen. Ich werde so lange schreien, bis die ganze Nachbarschaft zusammengelaufen ist und Fragen stellt. Möchten Sie, dass man um diese Nachtzeit eine fast nackte Frau, die behauptet, Sie hätten sie vergewaltigen wollen, in Ihrer Einfahrt findet? Das dürfte ein bisschen schwer zu erklären sein, nicht wahr?“
Er war wie betäubt von dieser Drohung und hatte das Gefühl, dass sie so verzweifelt sein könnte, es tatsächlich zu tun.
„Nein! Nein, das dürfen Sie nicht!“, flüsterte er heiser. „Was soll ich denn bloß machen?“
„Verstecken Sie mich in Ihrer Wohnung bis morgen. Dann besorgen Sie mir passende Kleidung, und ich werde verschwinden.“
„Aber ich kann nicht ... äh, nicht in meiner Wohnung. Ich ...“
„Ich werde schreien!“ Sie öffnete den Mund, und er sah, wie die Sehnen an ihrem Hals sich verdickten.
Der Arzt warf sich über den Rücksitz und legte eine Hand über ihren Mund.
„Nein! Nicht!“, bat er. „Okay, aber bitte nicht schreien! Hier nehmen Sie mein Sakko.“
Er schlüpfte hastig aus seinem Sakko und legte ihn über ihre Schultern. „Und jetzt, um Himmels willen, seien Sie bloß ruhig!“
„Ja, Doktor“, murmelte sie.
Sie stieg aus dem Auto und folgte ihm zur Tür seiner Wohnung im Erdgeschoss. Er schloss die Tür schnell auf und schubste sie mit mehr Eile als Höflichkeit hinein.
„Oh, das ist aber nett!“ rief sie und bewunderte die kleine, aber sehr teuer ausgestattete Junggesellenwohnung.
„Und jetzt könnten Sie mir einen Drink mixen.“
Doktor Baumann schwitzte. Er wischte mit einem Taschentuch über seine Stirn und versuchte, nicht auf ihre nackten Beine zu schauen.
„Das ist nicht möglich, Alkohol und Beruhigungsmittel …“, murmelte er, „...aber ich glaube, ich brauche einen starken Drink!“
„Oh, ich habe die letzten Tabletten nicht geschluckt“, versicherte sie ihm und kicherte. „Sie liegen noch unter meinem Kissen im Krankenzimmer. Ich mag einen Scotch.“
„Aber was ist, wenn Ihr Mann davon erfährt, dass Sie geflohen sind und sich bei mir verstecken?“
„Dann würden wir beide in ernsthaften Schwierigkeiten stecken. Aber wie sollte er von meiner Flucht erfahren? Außer uns beiden weiß niemand davon.“
Aber da sollte sich Marie Losenstein täuschen!
Nur wenige Kilometer entfernt, in einer exklusiven Luxusvilla, saß Paul Losenstein hinter seinem Schreibtisch, und starrte auf den Bildschirm seines Computers. Ein unerwarteter Alarm hatte ihn aufgeschreckt. Der Chip im Körper seiner Frau hatte ein Signal gesendet. Nun verfolgte Losenstein dieses Signal auf dem Bildschirm.
Nach wenigen Sekunden begriff er, dass Marie die Psychiatrie verlassen hatte! Sie flüchtete!
Paul fluchte und dankte nochmals innerlich seiner Eingebung, die ihn dazu veranlasst hatte, vor sechs Monaten einen Chip im Oberarm seiner Frau anbringen zu lassen. So konnte er ständig überwachen, wo sie war und was sie tat.
Er griff zu seinem Handy und rief die Nummer seines Sicherheitschefs an. Paul Losenstein beschäftigte acht Mitarbeiter, die für seine persönliche Sicherheit und zur Lösung von Problemen zuständig waren. Es handelte sich um ehemalige Soldaten von Spezialeinheiten, die das Kriegshandwerk perfekt beherrschten.
Unverzüglich meldete sich eine raue Stimme: „Ja, Chef?“
„Meine Frau ist aus der Klapsmühle geflohen. Ich kann den Chip am Computer verfolgen.“
„Aber das ist doch nicht möglich. Markus sollte vor der Zimmertür Wache stehen.“
„Dann scheint der Trottel eingeschlafen zu sein. Marie ist nicht mehr in der Anstalt. Kümmere dich darum! Warum bezahle ich euch Volldeppen sonst? Bring mir meine Frau zurück und löse das Problem, verstanden.“
„Ja“, antwortete der Sicherheitschef und beendete das Telefonat. Sofort suchte er mit dem I-Pad die Internetverbindung zum Chip in Marie Losensteins Körper. Er konnte nach wenigen Augenblicken den Chip lokalisieren. Die Frau befand sich etwa fünf Kilometer von der Psychiatrie entfernt. Sofort befahl er zwei weitere Sicherheitsmänner zu sich und verteilte Pistolen mit angebrachten Schalldämpfern. Der Auftrag war so gut wie erledigt. Die Männer waren Profis.
Davon bekamen weder Marie Losenstein noch Dr. Sven Baumann etwas mit. Der Arzt grunzte in dieser Sekunde missbilligend, holte eine Flasche Scotch aus seiner kleinen Hausbar und füllte zwei Gläser.
Marie trank und betrachtete den Arzt nachdenklich. Sie konnte sich gut erinnern, wie er ihre Bewusstlosigkeit ausgenutzt und sich sexuell an ihrem Körper vergangen hat. So ein Dreckskerl! Aber die Erinnerung erzeugte ein angenehmes Kribbeln zwischen ihren Schenkeln. Der Orgasmus war sensationell gewesen. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals so intensiv gekommen zu sein. War dieser Arzt ein solcher Könner, dass ihm das gelingen konnte?
Sie ließ das Sakko ein wenig auseinanderfallen und war entzückt, als sie sah, dass er errötete. Er sah noch jungenhafter aus als vorher.
„Vielleicht sollten Sie mir sagen, was das alles bedeutet“, meinte der Arzt.
Marie lächelte bei seinem Versuch, seine Stimme männlich und erfahren und auch ein klein wenig drohend klingen zu lassen.
„Es ist ganz einfach“, erklärte sie. „Sie sind der Prinz, der gerade die Märchenprinzessin von dem Monster im Schloss befreit hat.“
