Keira, die Überirdische - Gudrun Leyendecker - E-Book

Keira, die Überirdische E-Book

Gudrun Leyendecker

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Beschreibung

Einige Menschen glauben, dass Keira übernatürliche Kräfte besitzt, weil merkwürdige Dinge in ihrer Umgebung geschehen. Ein Geheimdienst engagiert sie für eine wichtige Arbeit, dabei begegnet sie verschiedenen Männern, von denen einige nicht leicht zu durchschauen sind. Mit Optimismus versucht Keira ihren Auftrag trotz einiger Hindernisse zu erledigen. In diesem Roman wird die Beziehung zwischen Frauen und Männern humorvoll ins Licht gerückt.

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Gudrun Leyendecker ist seit 1995 Buchautorin. Sie wurde 1948 in Bonn geboren.

Siehe Wikipedia.

Sie veröffentlichte bisher circa 80 Bücher, unter anderem Sachbücher, Kriminalromane, Liebesromane, und Satire. Leyendecker schreibt auch als Ghostwriterin für namhafte Regisseure. Sie ist Mitglied in schriftstellerischen Verbänden und in einem italienischen Kulturverein. Erfahrungen für ihre Tätigkeit sammelte sie auch in ihrer Jahrzehntelangen Tätigkeit als Lebensberaterin.

Inhaltsangabe:

Einige Menschen glauben, dass Keira übernatürliche Kräfte besitzt, weil merkwürdige Dinge in ihrer Umgebung geschehen. Ein Geheimdienst engagiert sie für eine wichtige Arbeit, dabei begegnet sie verschiedenen Männern, von denen einige nicht leicht zu durchschauen sind. Mit Optimismus versucht Keira ihren Auftrag trotz einiger Hindernisse zu erledigen. In diesem Roman wird die Beziehung zwischen Frauen und Männern humorvoll ins Licht gerückt.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 1

„Ach wie gut, dass niemand weiß …“, hat meine Mutter immer sagt, wenn ich sie nach meinem Vater gefragt habe. In manchen Ohren klingt das abenteuerlich, aber das, was sie danach sagte, klang noch unglaublicher.

Als ich klein war, erzählte sie mir nette kleine Geschichten über das Leben mit meinem Vater, aber als ich älter wurde, nahm sie an, dass ich fähig war, die ganze Wahrheit zu vertragen.

Zu meinem 12. Geburtstag schenkte sie mir einen besonders hübschen Spiegel, in dem ich mich einmal genau betrachten sollte. Zur Erklärung sagte sie: „Meine süße Keira, du bist etwas ganz Besonderes, und das hast du von deinem Vater geerbt. Er war nämlich ein Außerirdischer und hat uns nur ganz kurz besucht. Deswegen wirst du jetzt auch verstehen, dass er nicht warten konnte, bis du geboren wurdest. Außerirdische haben stets enorm wichtige Missionen, mit denen sie die Erde bereisen. Die Welt ist groß, und deswegen hatte er noch andere wichtige Stationen vor sich, zu denen er eilig aufbrach.“

So weit hatte ich ihre Geschichte verstanden, bisher hatte ich meinen Vater nicht vermisst, weil ich ihn nie gekannt habe. Aber der Spiegel weckte meine Neugier.

Ich sah Mama fragend an „Was soll ich damit? Ich bin nicht sehr eitel, und betrachte mich nicht täglich Dutzende Male.“

Sie seufzte und in ihrem Blick lag etwas Tragisches. „Dein Vater hat dir etwas vererbt. Es ist der „Klick“ in deine Augen. Wenn du jemanden mit diesem besonderen Augenblick anschaust, kann dir niemand etwas abschlagen.“

Mit dieser Erklärung war ich noch nicht zufrieden. Daher fragte ich nach. „Heißt das, dass ich zaubern kann?“

„In gewisser Weise, ja“, antwortete sie. „Wenn du diesen einen besonderen Blick mit diesen leuchtenden Fünkchen in den Augen anwendest und dir gleichzeitig etwas wünscht, wirst du augenblicklich Erfolg haben. Das kann natürlich auch sehr gefährlich sein, manches Mal für dich, aber auch für die anderen Menschen. Du musst also damit sehr behutsam und sparsam umgehen, um niemandem zu schaden.“

„Hast du das einmal bei meinem Vater erlebt?“ erkundigte ich mich vorsichtig.

Erneut seufzte sie, und ihr Blick wanderte in die Ferne. „Ja, an dem Abend, als ich ihn kennenlernte.“

Später wurde mir dann klar, dass ihre Begegnung etwas Zauberhaftes gewesen sein musste. Ich beschloss, sie nicht weiter zu fragen, um ihre goldenen Erinnerungen nicht zu entweihen.

Und nun sitze ich hier im Auto und fahre nach Sandalia, um einen extrem wichtigen politischen Geheimauftrag auszuführen. Vor mir liegt eine bezaubernde Landschaft mit sanften Hügeln und hohen dunkelgrünen Bäumen.

Die Straße schlängelt sich unentwegt bergauf und bergab, und ich hätte gute Lust, eine Abkürzung nehmen. Aber mein altes Auto ist gerade mit Ach und Krach durch die Prüfung für Verkehrstüchtigkeit gekommen, daher schlage ich mir den Gedanken aus dem Kopf, querbeet über die gemähten Wiesen zu fahren.

Sicher werde ich mir mit dem Geld, dem Lohn für meinen wichtigen Auftrag, bald einen neuen Wagen kaufen können.

Der azurblaue Himmel über mir stimmt mich optimistisch. Warum sollte ich es auch nicht schaffen, diese beiden unterschiedlichen Männer dazu zu bewegen, diesen Vertrag miteinander abzuschließen?! Schließlich geht es um ein gutes Geschäft für beide Parteien, und für mich fällt eine gute Provision ab.

Das Panorama nimmt Gestalt an, auf dem nächsten Hügel entdecke ich die altertümliche Stadt, die sich zur Krönung der Bergkuppe in sanften Pastellfarben malerisch darstellt.

Ich nehme den normalen Straßenverlauf und entdecke kurz vor dem Ortseingang einen Jungen, der am Straßenrand dahinschlendert.

Sein schwarzes Haar ist vom Wind zerzaust, sein gebräuntes Gesicht von der Sonne erhitzt.

„Ciao“, grüße ich ihn. „Kannst du mir sagen, wo ich hier die Pension Calzone finde?“

Er hebt die dunklen Augenbrauen und überlegt einen Augenblick. „Ja, klar. Das geht hier noch eine ganze Weile geradeaus, dann zweimal links, dann wieder rechts, hinter der Bar wieder links und zweimal rechts.“ Er lächelt und seine Zähne blitzen. „Einfacher ist es, wenn du mich gleich mitnimmst, dann bin ich besser als ein Navi.“

Ich lasse ihn einsteigen und fahre langsam an. „Prima, dass ich jetzt schon einen eigenen Stadtführer habe. „Wahrscheinlich wohnst du hier.“

„Gar nicht weit weg von der Pension. Machst du da Urlaub?“

„Ich sehe mir die Gegend an“, antworte ich mit einer Umschreibung, um nicht zu lügen. „Sicher hast du gerade Ferien.“

„Certamente, ja. Endlich mal ausschlafen!“

„Und was machst du sonst noch, wenn du nicht schläfst?“

Er dirigiert mich durch die Straßen. „Fußballspielen wie alle Männer. Interessierst du dich dafür?“

Ich überlege. Vielleicht werde ich mich hier dafür interessieren müssen, wenn das hier bei allen Männern so üblich ist. „Das kommt ganz darauf an. Spielst du selbst?“

„Ja, aber nicht im Verein. Nur so mit den Freunden. Aber ab und zu schaue ich hier, wenn mein Onkel Tonio ein Heimspiel hat. Das ist ein klasse Torwart! Den musst du dir unbedingt mal ansehen, wenn du länger hierbleibst.“

„Das lässt sich bestimmt einrichten. Du meldest dich einfach bei mir, wenn er spielt, und ich schaue dann, ob es gerade bei mir passt.“

Langsam lenke ich den Wagen durch die engen Gassen, die sich durch den idyllischen Ort bis zum Ausgang mit alten kleinen Häusern und pastellfarbenen Fassaden präsentieren.

Ein paar Kleingärten schließen sich an, hinter denen sich ein breites, altes Gebäude versteckt, das vor vielen Jahren sicher einmal ein stattlicher Gutshof gewesen ist.

Auf einem Holzschild lese ich den Namen „Pensione Calzone“ und atme erfreut auf. „Angekommen!“ freue ich mich.

„Freu dich nicht zu früh!“ warnt mich der Junge. „Der alte Nero ist in letzter Zeit ein Brummbär.“

„Dann willst du bestimmt nicht mit mir hineingehen“, vermutete ich, und er nickt eifrig.

„Er verträgt sich momentan nur mit seiner Schwester, die dafür sorgt, dass die Pension weiter geöffnet bleiben kann. Anna ist sehr nett. Sie bäckt die besten Plätzchen der Welt.“

„Das ist ein Lichtblick“, finde ich und halte den Wagen an.

Der Junge springt hinaus. „Wie heißt du eigentlich?“

„Keira“, antworte ich ihm bereitwillig, „und wie kann ich dich nennen?“

„Marco, Marco der Dritte. Das ist wichtig, damit ich nicht mit meinem Vater und meinem Großvater verwechselt werde. Aber meine Freunde nennen mich Leone, den Löwen.“

„Und wie kommst du zu diesem Spitznamen?“ frage ich ihn interessiert.

„Das ist ganz blöd entstanden“, antwortet er grinsend. „Wir waren mit der Schulklasse in Venedig, da habe ich mich neben dem Löwen auf dem Markusplatz fotografieren lassen, das hat meine Freunde dann auf die Idee gebracht, dass ich Marco, der Löwe sei.“

„Finde ich gut! Ich mag diese großen Katzen. Sie haben tatsächlich etwas Majestätisches an sich. Kein Wunder, dass sie früher auch schon den Königen und anderen Regenten gefallen haben.“

Er reckt sich. „Na, gut. Dann mach ich mich mal auf den Weg. Hab noch was zu erledigen. Und viel Spaß dann mit dem alten Brummbären!“ fügt er grinsend hinzu.

„Möchtest du ein paar Cent in dein Sparschwein für deine Hilfe, oder soll ich dich lieber in den nächsten Tagen zu einem Eis einladen?“

Er schüttelt den Kopf und schmunzelt. „Nein, lass es! Es hat mir Spaß gemacht, in deinem alten Klapper-Auto zu fahren. Warum fährst du eigentlich so einen alten Wagen?“

Was für eine Frage! Sie verdient eine ausgefallene Antwort. „Ich fahre nicht gern schnell. Eine Fahrt mit einem Rennwagen wäre ein Horror für mich. Aber bei so einem alten Auto habe ich immer die gute Ausrede, dass er bei einer schnellen Fahrt auseinanderfallen könnte.“

„Hey! Du bist gut drauf! Ich kann mir vorstellen, dass du gute Ideen für meinen Onkel Tonio hast.“

„Wozu braucht er gute Ideen? Ist er in der Werbebranche?“

„Wo denkst du hin? Er versucht Geld aufzutreiben für den Fußballverein Verein, und er spendiert den ausgewählten Geschäftsleuten ziemlich viel Wein aus unserer Herstellung, damit sie spendierfreudig werden. Aber ich habe ihm immer schon gesagt, er braucht gute Argumente, das ist doch viel preiswerter.“

„Du wirst bestimmt mal ein guter Geschäftsmann“, finde ich. „Weißt du schon, was du einmal werden willst?“

„Na, das ist doch sonnenklar. Ich soll den Betrieb meines Vaters und meines Großvaters weiterführen. Aber, ob du es jetzt glaubst oder nicht, ich will es wirklich tun. Allerdings habe ich ganz andere Vorstellungen und werde alles verändern und große Neuerungen einführen.“

„Dann hast du viel vor“, staune ich. „Ich finde es prima, dass du dir jetzt schon darüber so viele Gedanken machst. Bist du denn jetzt auch öfters mit in den Weinbergen?“

„Sicher! Ich muss doch wissen, um was es geht. Wenn man mal groß rauskommen will, muss man doch auch Bescheid wissen.“

Ich schaue ihn bewundernd an. „Das hört sich gut an. Wenn ich noch etwas Zeit finde, werde ich auch einmal euer Weingut besuchen. Oder ist dir das nicht recht?“

„Mir schon“, sagt er schmunzelnd. „Aber wir sind eine verrückte Familie. Ich glaube nicht, dass du viel Spaß hast, wenn du diese Menschen kennenlernst.“

„Du machst mich neugierig“, verrate ich ihm. „Mein Leben war bisher ein großes Abenteuer, und ich habe auch nicht vor, etwas daran zu ändern.“

Er grinst und nickt, winkt kurz und entfernt sich mit schnellen Schritten.

Kapitel 2

Die ältere Frau schließt mich in ihre molligen Arme und drückt mich an ihre Brust. „Schön, dass du endlich da bist, Kindchen!“ Sie reißt mir das Gepäck aus den Händen und führt mich in das Gebäude, dessen Wände einen neuen Anstrich vertragen könnten. „Ich bin die Anna, Neros Schwester und sorge dafür, dass hier alles einigermaßen weiterläuft. Dein Zimmer ist fertig, und wenn du dich ein bisschen frisch gemacht hast, wirst du in der Küche erwartet, damit du dich stärken kannst.“

Mit diesen Worten führt sie mich in ein weiß getünchtes Zimmer, in dem alte und antike Möbel, buntgewürfelt durcheinander, dem Raum ein originelles Aussehen geben.

Sie verlässt mich kurz darauf, und ich habe genügend Zeit, mir alles einmal näher anzuschauen. Auf dem Tisch prangt ein großer Strauß roter Lilien in einer geschliffenen Glasvase, daneben entdecke ich eine Schale mit Orangen, Trauben und frischen Feigen, die mich appetitlich anlachen. Durch das kleine Fenster fallen ein paar Sonnenstrahlen und beleuchten die Intarsienarbeiten eines alten Sekretärs, über dem ein kleines Marienbild hängt.

Ich beschließe, die weiteren Untersuchungen auf später zu verschieben, folge ihrem Ratschlag, indem ich mich kurz dusche und danach leichtere Sommerkleidung zum Wechsel wähle.

In der Küche finde ich lediglich Anna vor, die mir als ersten Gang Spaghetti mit Tomatensauce serviert.

„Nun musst du aber zulangen“, meint sie. „Du bist viel zu dünn.“

Da sie mindestens das Doppelte von mir zu wiegen scheint, und offenbar von sich selbst ausgeht, gehe ich nicht näher auf ihre Bemerkung ein, sondern lasse mir die „al dente“ gegarten Spaghetti schmecken.

„Ist Nero nicht zu Hause?“ frage ich, als sie den Hauptgang, gegrilltes Gemüse mit geschmortem Fisch serviert.

„Den wirst du kaum zu Gesicht bekommen“, antwortet sie. „Er hat ja schon mit dem Leben abgeschlossen. Aber soviel ich weiß, bist du ja in diesen Ort gekommen, um seinen Neffen Enrico, den größten Olivenbauern der Umgebung zu treffen. Er hat übrigens hier im Ort mindestens zehn Neffen, und ein Drittel aller Einwohner sind mit uns in irgendeiner Weise verwandt.“

„Ich habe eben schon den jüngsten von drei Marcos kennengelernt“, berichte ich ihr. „Ich hoffe, dass jetzt nicht alle anderen Enrico heißen.“

Sie lächelt flüchtig. „Nein, da gab es schon Eltern mit mehr Fantasie bei der Namensgebung. Aber im Weingut der Marcos gibt es noch alte Traditionen. Beim Wein ist das gut, aber bei den Männern …?!“ Sie verdreht die Augen.

Wie gut, dass ich mit ihnen kein Geschäft erledigen muss!

„Sind sie so altmodisch?“

Anna seufzt. „Sie sind noch schlimmer als Nero. Bei ihm kann man es noch irgendwie verstehen, dass er sich von der Welt zurückzieht. Schließlich war er fünfzig Jahre mit seiner Frau verheiratet, bevor sie starb. Aber der mittlere Marco ist mit der Welt zerstritten, weil ihn seine Frau verlassen hat, und der älteste Marco kann es nicht ertragen, dass seine Frau ständig auf Reisen ist, weil sie sich jetzt im Alter endlich einmal etwas vom Leben gönnen will.“

„Und er arbeitet sicher fleißig im Weinberg“, vermute ich. „Wahrscheinlich wird er dort gebraucht.“

„Das wünscht er sich jedenfalls so. Er sucht weiter seine Bestätigung als Winzer, obwohl sein Sohn mit seinen Mitarbeitern alles mehr als gut bewirtschaftet. Tatsächlich hätte er Zeit genug, seine Frau zu begleiten. Aber vielen Männern fällt es häufig schwer, irgendwo anders als in der Arbeit ihre Bestätigung zu suchen.“

„Er könnte beides tun“, finde ich. „In der Saison kann er sich um den Weinberg kümmern, und wenn es im Winter weniger zu tun gibt, sollte er seine Frau begleiten. Oder reist er nicht gern?“

„Das weiß ich nicht, er hat sich noch nicht auf ein Schwätzchen mit mir eingelassen. Wenn du dir keine schlechte Stimmung auffangen möchtest, dann bleibst du dem Weingut lieber fern“, rät sie mir.

„Gibt es da keine Frauen im Haushalt?“ erkundigte ich mich verwundert.

Ihre Augen werden ganz eng, als sie lächelt. „Nie für lange. Im Augenblick wohnt dort noch eine Cousine, eine Malerin, sie klopft den Männern ab und zu einmal auf die Finger. Lorena heißt sie und spielt dort eine ähnliche Rolle wie ich hier bei Nero.“

„Und was tut sie genau?“ hake ich nach.

„Sie passt auf, dass die Männer, die in der Theorie alles immer besser wissen, in der Praxis einigermaßen klarkommen. Aber sie macht das sehr diplomatisch, sie schimpft nicht mit ihnen, denn im Gegensatz zu mir ist sie der reinste Engel. Leider ist sie unglücklich verliebt in Gianni, das ist der Bruder des Oliven-Fabrikanten Enrico, den du unbedingt besuchen und kennen lernen willst.“

Ich atme tief und sehe sie fragend an. „Ist er denn etwa auch so schrullig wie die anderen Männer?“

Sie hebt die Augenbrauen. „Hast du schon einmal einen anderen Männertyp kennengelernt?“

Ich überlege einen Augenblick. Dies ist bestimmt jetzt der unpassendste Moment, Anna von meiner besonderen Gabe zu erzählen. Ich habe noch nie mit einem Mann Schwierigkeiten gehabt, aber das liegt natürlich an mir. Jedes Mal, wenn ich mir irgendetwas gewünscht habe, und Zweifel bestanden, dass man es mir nicht gewähren wollte, habe ich sofort meinen Zaubertrick angewandt. Und danach war es allen Männern sofort klar, was ich wollte, keiner konnte dieser Magie widerstehen.

„Es gibt wirklich viele verschiedene Typen von Männern“, beginne ich umständlich, „und trotzdem gibt es auch ein gewisses Schema, in dem man sie alle wiedererkennen kann. Sie sind wie Krankheiten, bei denen man etwas an den Symptomen erkennen und danach diagnostizieren kann. Natürlich kann man nicht jede Krankheit mit dem gleichen Medikament behandeln. Aber so wie es bei dem Menschen am Immunsystem liegt, ob und wie er gerade krank wird, so gibt es bei dieser Spezies Mann auch weitverbreitete Gemeinsamkeiten.“

Ich entdecke, dass Annas Augen kreisrund werden. „Eh, was willst du damit sagen?“

„Naja, nimm doch zum Beispiel einmal die Eitelkeit. Die ist bei Frauen und Männern sehr unterschiedlich. Eine Frau will für sich und andere gut aussehen oder sich gut darstellen. Ist das nicht so?“

Meine Gastgeberin nickt. „Natürlich ist es so. Meinst du etwa, bei Männern wäre das anders?“

„Ganz anders“, behaupte ich. „Es geht immer um Konkurrenzkampf, immer um den Ausdruck ihrer Männlichkeit, ihrer Sexualität. Hast du schon einmal ein balzendes Eichhörnchen gesehen?“

Sie schüttelt den Kopf. „Bis heute noch nicht.“

„Aber ich, und glaube mir, das war ein männliches Tier. So etwas machen die Weibchen nicht. Sie haben Besseres zu tun. Bei den Menschen ist es nicht viel anders. Es ist der Konkurrenzkampf, der Männer in die Arbeit treibt, der sie dazu treibt, sehr eitel zu sein und stets darauf zu achten, ob sie beim weiblichen Geschlecht auch genügend Beachtung finden. Warum glaubst du, schauen sie sonst den Frauen so gern hinterher?“

„Weil..., weil …, weil sie sich für Frauen interessieren und sie hübsch finden.“

„Das auch, aber es geht um die Reaktion, die sie damit hervorrufen wollen. Es geht ganz allein um ihre Eitelkeit.“

In diesem Augenblick öffnet sich die Tür und ein grauhaariger, älterer Mann tritt in die Küche. Sein Mund versteckt sich hinter einem dichten, sich ausbreitenden Backenbart, der auch sein Kinn verdeckt, also fast wie ein Vollbart wirkt.

In seinen Augen lese ich eine Mischung aus Abwehr und Misstrauen, und mitten in meine Beobachtungen hinein ertönt seine brummige Stimme in meine Richtung: „Aha! Der neue Gast ist da. Ich sehe, dass meine Schwester wieder alles im Griff hat. Sicher ist sie auch imstande, für alle Fragen und Probleme bereitzustehen. Dann wünsche ich Ihnen hier einen guten Aufenthalt!“

Bevor er einen Rückzug antreten kann, stelle ich mich ihm in den Weg und reiche ihm die Hand. „Ich bin sehr dankbar, dass ich jetzt hier bei Ihnen wohnen darf. Ich bin Keira und hoffe, Sie nicht allzu sehr zu stören.“

Ich muss nicht einmal den Klick meiner Augen benutzen, meiner ausgestreckten Hand kann er nicht widerstehen. Er ergreift sie und drückt fest zu, aber trotz eines kleinen Schmerzes lasse ich mir nichts anmerken.

Seine Ablehnung ist verschwunden, lediglich sein Misstrauen lauert noch in den Augenwinkeln. „Dann werden wir es wohl miteinander aushalten“, gibt er seine Vermutung Preis, betrachtet mich noch einmal von oben nach unten und schlurft dann gemächlich aus dem Zimmer.

Kaum hat sich die Tür hinter ihm geschlossen, lächelt mich Anna vielsagend an. „Und, ist er nicht ein ekelhafter Brummbär?!“

„Bis jetzt hatte ich noch keine Gelegenheit, durch seine raue Schale hindurch in sein Inneres zu schauen. Ich werde dir zu gegebener Zeit mehr darüber sagen können.“

Anna seufzt und stellt mir lächelnd einen riesigen Teller, gefüllt mit einer großen Portion Tiramisu auf den Platz.

Kapitel 3

Nach einer ruhigen Nacht in der Pensione Calzone gönne ich mir am nächsten Morgen einen Spaziergang durch Sandalia und bin, wie am Tag vorher vom mittelalterlichen Flair verzaubert.

Doch offensichtlich stecke ich noch zu tief in meiner Arbeit drin, ein Urlaubsgefühl will sich noch nicht einstellen. Nach einem kleinen Imbiss in einer Osteria suche ich Enricos Büro auf, bei dem mich meine Auftraggeber schon angemeldet haben.

Ich schätze den charmanten Italiener auf Mitte Dreißig und stelle objektiv fest, dass er von der Mischung aus Charme und attraktivem Aussehen her zu den männlichen Typen gehört, die eine Frau leicht zum Träumen bringen können.

Wie ich erwartet habe, begrüßt er mich nicht nur mit vollendeter Höflichkeit, sondern spendet mir auch jede Menge Komplimente.

„… und weil ich Sie schon erwartet habe, liebe Keira“, fährt er fort, „und weil ich Sie schon aus einigen Vorankündigungen kenne, schlage ich Ihnen das Du vor, dann lässt sich doch alles viel persönlicher regeln.“

Bei diesen Worten wandern seine Blicke wie ein Scanner über meinen Körper, von den Beinen nach oben bis zu meinem Gesicht und wieder hinunter.

„Ich kenne dich zwar noch nicht, Enrico“, antworte ich locker, „aber ich bin mit dem Du einverstanden. Und ich werde dich bestimmt noch kennenlernen“, füge ich in besonders harmlosem Tonfall hinzu.

„Das ist schön“, findet er, und jetzt sieht er aus wie ein kleiner Junge, der seiner Großmutter das doppelte Taschengeld abgeluchst hat. „Wir werden unsere Verhandlungen natürlich lieber in einer anderen Umgebung führen, privater und stilvoll, denke ich.“

„Ich habe mir ein paar Tage Zeit genommen, gern können wir unsere Gespräche in einer positiven Atmosphäre führen“, stimme ich ihm zu. „Denn diese neuartige Verwendung der Olivenkerne dient den Menschen auch in positiver Art und Weise, ganz im Gegensatz zu einigen anderen Vermarktungen.“

„Sicher denkst du daran, dass man aus Olivenkernen auch biologisch abbaubarere Urnen herstellt“, vermutet er.