KETTENWOLF - Erhard Schümmelfeder - E-Book

KETTENWOLF E-Book

Erhard Schümmelfeder

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Beschreibung

Das Ebook enthält die dramatischen Geschichten "Kettenwolf" und "Schwarzrock". LESERSTIMMEN: "... einfach genial." (Ly Fabian) "Spannend von der ersten bis zur letzten Zeile!" (E. Marek) "Grandios grauenhaft." (Renate Gatzemeier) "Ein Meisterwerk." (Carl Voss) * Die Texte dieses Werkes wurden entnommen aus "Brain" und gehören zu den Siegerbeiträgen des 8. neobooks-Wettbewerbes.

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Seitenzahl: 27

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Erhard Schümmelfeder

KETTENWOLF

Erzählungen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

KETTENWOLF

SCHWARZROCK

Impressum neobooks

KETTENWOLF

Ich habe nur neun Finger. Vor vielen Jahren – ich war noch ein Kind – biss ein Hofhund mit seinen scharf zuschnappenden Zähnen meinen linken Daumen ab. – Daran denke ich, als ich am Waldrand den schwarzen Hund erblicke.

Weiter! Nicht stehenbleiben.

Ein trockener Zweig knackt unter meinem Schuh. Ich beschleunige meine Schritte und rufe mir ins Gedächtnis zurück, was meine Augen erst vor wenigen Sekunden gesehen haben: Zwischen zwei Kiefern ein schwarzer Hund mit blutiger Schnauze. Beugte er sich über dem Kadaver eines Rehs? Witternd hob der Hund seinen Kopf und blickte in meine Richtung. Was fiel mir noch auf? – Hochbeinig. Zottelig. Schaum vor dem Maul. Wahrscheinlich ein wilderndes Tier.

Während des Laufens blicke ich über meine linke Schulter zurück. Ich begreife sofort: Der Hund läuft mir nach. Wird er mich weiter verfolgen?

Erste Regentropfen fallen auf den nadeligen Waldweg. Ferner Donner kündigt das Gewitter an. Der stärker werdende Wind bringt die Tannen in wogende Bewegung.

Mit einem Satz überwinde ich einen Wassertümpel, dessen Oberfläche sich kräuselt. Meine vorwärts eilenden Schritte sind gleichzeitig federnde Sprünge. Ich atme ein. Meine Lungenflügel füllen sich mit kühlender Septemberluft. Ich atme aus. Weiter, denke ich. In Gedanken schätze ich die Kilometerzahl, die ich bis zu meinem Auto, das am Ausgangspunkt unter einem Apfelbaum parkt, noch zurücklegen muss. Vier, vielleicht fünf.

Vor einer Wegbiegung schaue ich erneut zurück. Noch immer hetzt der Hund mir nach. Jagt er mich? – Nein, beruhige ich mich. Gleichzeitig wird mir bewusst, was ich eben erst falsch gemacht habe. – Ja, es war ein Fehler, meine Schritte zu beschleunigen. Ich erinnere mich an die Mahnung meines Vaters aus Kinderzeiten: „Bei einem Hund darfst du niemals Angst zeigen. Sobald er deine Angst spürt, fühlt er sich dir überlegen.“

Väterliche Fürsorge. Warnung vor dem fremden Hund. Heute ist mir bewusst: Der Mensch gehört nicht zum Beuteschema des Hundes. – Warum beruhigt mich diese Erklärung nicht?

Ich weiß, was es bedeutet, wenn ein Hund Schaum vor dem Maul hat.

Meine Beine tragen mich weiter bergauf. An der höchsten Stelle des Weges reiße ich meinen Kopf herum und schaue zurück. Ich habe einen kleinen Vorsprung. Das Gefühl einer Erleichterung schwindet aber, als ich sehe, wie mein Verfolger mit kraftvollen Sätzen den Abstand zwischen uns verringert.

Die Regentropfen verwandeln sich in Wasserfäden. Tiefhängende Wolken bedecken den Himmel. Flimmernder Horizont. Blitze zucken.

Schon jetzt spüre ich Erschöpfung. Körperlich bin ich nicht in meiner Höchstform. Gestern konnte ich nicht laufen wegen des anhaltenden Regens. Heute sind wieder Schauer für den Spätnachmittag angesagt. Ich wollte die Zeit vor dem nächsten Regenfall nutzen. Ein Läufer, der einen Tag mit dem Training aussetzt, benötigt vier Tage, um zu seiner alten Leistungsform zurückzukehren, sagt man. Das stimmt. Jetzt spüre ich es am eigenen Leib. Die Seitenstiche erschweren mir das Laufen. Meine Lunge brennt.

Ohne den schwarzen Hund hinter mir würde ich jetzt einen Teil der Strecke gehend zurücklegen. Vielleicht würde ich auch die Flasche aus meinem Rucksack nehmen, um mich ein wenig zu erfrischen.

Der Regen durchnässt mein Shirt und kühlt die erhitzte Haut. – Hunde schwitzen nicht am Körper, sondern unter der Zunge. - Wer hat mir das erzählt?