Krieg im Frieden - Erhard Schümmelfeder - E-Book

Krieg im Frieden E-Book

Erhard Schümmelfeder

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Beschreibung

Zufällig entdeckt der Musiker Phil im Telefonbuch den Namen seines Erzrivalen Sebastian Giese, den er seit fünfzig Jahren nicht mehr gesehen hat. Phil verspricht Vera, seiner Frau, auf eine eher peinliche Begegnung mit dem einstigen Widersacher zu verzichten. Wird Phil sein Versprechen halten? Wir wissen es nicht, ahnen aber, dass uns hier allerlei turbulente Ereignisse für eine Stunde köstlich unterhalten werden. Leser, die "Komische Leute", "Die Ermordung meiner Frau" oder "Die Fliege des Bischofs" kennen, werden auch in diesem satirischen Werk über menschliche Abgründe, Fehler und Irrtümer der Jugend voll auf ihre Kosten kommen.

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Seitenzahl: 38

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Erhard Schümmelfeder

Krieg im Frieden

Eine Realsatire zum besseren Fairständnis der Welt

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

KRIEG IM FRIEDEN

WEITERE BÜCHER DES AUTORS

Impressum neobooks

KRIEG IM FRIEDEN

Sebastian Giese, den die Mitschüler unserer Klassengemeinschaft als Lehrerspitzel und Hinterbringer verachteten, war für eine kleine Weile mein bester Freund.

Aus heutiger Sicht weiß ich: Tödliches Gift für jede Freundschaft ist die Frage: Wer ist der Bessere von uns beiden? - Sebastian Giese sonnte sich seit Beginn unserer kindlichen Beziehung in dem Bewusstsein, mir körperlich, geistig, moralisch, sozial und kulturell um Lichtjahre voraus zu sein, weshalb er sich berechtigt fühlte, seine Nase über mich zu rümpfen.

Kann man es mir verübeln, dass unsere Freundschaft nur einen Tag währte?

Mehr als fünfzig Jahre spielte der einstige Mitschüler keinerlei Rolle in meinem Leben. Die wenigen Erlebnisse unserer gemeinsamen Kindheit und Jugend aber bleiben, solange ich lebe, unauslöschlich in meiner Erinnerung verhaftet. Die Frage, was aus Sebastian Giese geworden ist, hat mich in der Vergangenheit nie interessiert. Erst vor wenigen Tagen, als ich bei meinem Umzug nach L. das örtliche Telefonbuch durchblätterte, stieß ich zufällig bei der Suche nach einem Arzt wegen meines geschwollenen Knies und des grippalen Infekts auf den Namen des Nachbarjungen, den ich fast vollständig aus meinem Denken verdrängt hatte. Der Vorname, der Nachname und die Berufsbezeichnung vermittelten mir ein Aha-Erlebnis, welches mich zu beschäftigen begann.

Mit einem Mal wollte ich diesem Menschen noch einmal gegenübertreten, wollte den Klang seine Stimme hören, um meine erwachte Neugier zu stillen. Sollte ich Sebastian besuchen und mich nach seinem Befinden erkundigen? Nein, das war ausgeschlossen. Der Stellenwert unserer Beziehung, so sagte ich mir, ist ein Nullfaktor. Der Gedanke, ihn einmal wiederzutreffen, um aufschlussreiche Details seiner Lebensgeschichte zu erfahren, gefiel mir, je länger ich darüber nachsann.

Als ich Vera, meiner Frau, von einer möglichen Begegnung mit Sebastian erzählte, war sie keinesfalls einverstanden mit meinem Vorhaben. Vera will keinen Ärger mit anderen Leuten bekommen. Als vernunftbegabte Frau bemüht sie sich stets, unnötige Konflikte zu vermeiden. Prinzipiell denke ich ebenso.

»Da ich keinen Konflikt mit Sebastian anstrebe, gibt es auch keinen Grund zur Beunruhigung«, beruhigte ich Vera.

»Dein bläulich verfärbtes Knie macht mir schon einige Sorgen«, sagte sie. »Hast du dich für einen neuen Hausarzt entschieden?«

»Wähl du einen aus dem Telefonbuch aus«, sagte ich.

* * *

Dr. Zehran, ein grizzlybäriger Vollbartträger mit nur einem Arm, befand sich in großer Eile, als er mich abends an meinem Krankenbett besuchte. Der linke Ärmel seines karierten Jacketts steckte in der linken Tasche. Vera informierte ihn mit wenigen Worten über meinen unglücklichen Sturz beim Möbeltransport im Treppenhaus und zeigte ihm das geschwollene Knie.

»Das wird schon wieder, junger Mann«, munterte er mich auf.

Junger Mann! Er nahm meine Schmerzen nicht ernst. Das merkte ich gleich.

Er blickte durch unser Schlafzimmerfenster in den sommerlichen Garten.

»Eine idyllische Aussicht haben Sie hier.«

»Doktor Watson«, sagte ich zerknirscht, »habe ich Anspruch auf lebensverlängernde Maßnahmen?«

»Nur dann, wenn Sie mir Ihre Krankenversicherungskarte aushändigen.«

»Die werde ich Ihnen gleich geben«, versprach Vera, drehte sich auf dem Absatz herum und ging zur Küche.

Dr. Zehran untersuchte mich, gab mir eine Injektion gegen die Schmerzen, verordnete Kühlung und verschrieb ein Breitbandantibiotikum gegen meinen fiebrigen Zustand.

»Habe ich eine Überlebenschance?«, erkundigte ich mich bei ihm.

«Fünfzig zu fünfzig«, sagte er trocken. »Verraten Sie mir, was Sie beruflich machen?«

»Ich bin Musiker«, sagte ich.

»Interessant«, meinte er nickend. »Welches Instrument spielen Sie?«

»Meistens Oboe.«

»Wie schön. Zuerst habe ich Sie für einen agiglen Tanzvestiten gehalten.«

»Was ist das?«, wollte ich wissen.

»Früher nannte man einen tanzbegabten Menschen dieser Prägung Springinsfeld.«

»Sie machen mir wirklich Mut, Herr Doktor.«

»Das ist mein Beruf«, erklärte er mit sich verabschiedendem Unterton in der brummigen Stimme. »Positives Denken ist die beste Medizin. - Schlafen Sie gut, Herr Reisig.«

* * *

In der von Fieberschüben getrübten Nacht träumte ich von Ereignissen aus meiner Kindheit:

Auf dem verwilderten Grundstück, einem Niemandsland in der Nähe unseres Hauses, inmitten von Brennnesseln, Disteln und grasbewachsenen Erdhügeln, blühte im Mai ein Kirschbaum. Um den dickbauchigen Stamm hatte man einst eine Sitzbank gezimmert, auf der sich an den Sommerabenden verliebte Jungen und Mädchen trafen und Zigaretten rauchten. Die verräterisch in der Dunkelheit aufleuchtenden Zigaretten landeten häufig im Garten der in dieser Gegend unbeliebten Gieses.