Kriegerherz und Königsehre - null slena - E-Book

Kriegerherz und Königsehre E-Book

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Beschreibung

Es ist eine Liebesgeschichte im Jahr 1100 in England. Nach dem William der Eroberer das Land eingenommen hat, regiert sein Sohn Rufus. Oliver ist ein Anhänger und Freund von Henry, jüngstem Sproß von William. Die Eltern von Oliver und Deria haben die Hochzeit arrangiert, obwohl die Kinder davon nicht angetan sind. Oliver ist Deria zutiefst zuwider, sodass sie in eine andere Identität flüchtet. Doch mit der Zeit lernen sie sich lieben um dann gewaltsam voneinander getrennt zu werdenl. Viele Hindernisse liegen im Weg der Liebenden. Werden sie am Ende siegen?

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Seitenzahl: 432

Veröffentlichungsjahr: 2013

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slena

Kriegerherz und Königsehre

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Schicksalstage

Neue Freunde

Ende der Maskerade

Das Geständnis

Erics Begräbnis

Hochzeitsvorbereitungen

Entführt

Olivers Schwur

Im Verlies

Bestätigter Verdacht

Gerettet

Unverhoffter Besuch

Ein neues Jahr

Audienz beim König

Auf Mission für den König

Wieder vereint

Epilog

Impressum neobooks

Prolog

Die Sonne strahlte auf White Castle nieder. An diesem Sommernachmittag in Mittelengland im Jahre 1096 herrschte dort geschäftiges Treiben. Die Ritter waren von der Jagd nach Hause gekommen und die Beute wurde entsprechend verarbeitet: Das Fleisch wurde geräuchert oder in einem kühlen Raum gelagert. Man erwartete Gäste. Sir Otto Wallace und sein 27-jähriger Sohn Oliver sollten am frühen Abend mit einigen ihrer Gefolgsleute eintreffen. Sir Robert Eddings, der Burgherr von White Castle, hatte zu seinem 40. Geburtstag geladen. Er stand neben dem großen Brunnen mitten im Burghof und beobachtete seine hübsche Gemahlin. Lady Diana ging ganz in der Organisation des herannahenden Festes auf. Sie war mit ihren 35 Jahren noch immer eine wunderschöne Frau. Rotes langes Haar, welches sie jedoch unter einem weißen Schleier verbarg, und grüne Augen leuchtend wie Smaragde strahlten mit der Sonne um die Wette. Ihre Wangen waren leicht gerötet vor Anstrengung. Mit sanfter, aber trotzdem bestimmender Stimme erteilte sie der Dienerschaft Anweisungen. Noch immer verspürte Robert eine tiefe Liebe zu ihr und wenn er sie so ansah, zog es in seinen Lenden. Seit nunmehr fast 20 Jahren waren sie verheiratet. Ihre Liebe war mit der Geburt von Zwillingen gekrönt worden, die jetzt 13 Jahre alt waren: Eric, der Erstgeborene und Deria, seine Schwester. Sie sahen sich so ähnlich, dass sie kaum auseinander zu halten waren. Beide hatten das Aussehen ihrer Mutter geerbt.

Eric war auf dem unteren Burghof und bekam Unterricht im Schwertkampf. Robert sah kurz zu ihm hinunter und schmunzelte. Sein Sohn schwang sein Holzschwert übermütig und versuchte, Sir Edgar zu treffen. Dieser wich ihm geschickt aus und versetzte ihm im Gegenzug einen Stich. Eric fluchte so laut, dass Robert lachen musste. Doch dann spürte er den prüfenden Blick seiner Gattin auf sich und wandte den Kopf in ihre Richtung. Er lächelte sie an und ging zu ihr. Liebevoll schlang er die Arme um sie und küsste sie auf den Mund. Diana hatte sich in all den Jahren nicht an die zärtlichen Bekenntnisse ihres Gatten in aller Öffentlichkeit gewöhnen können und senkte vor Verlegenheit den Kopf.

„Noch immer schüchtern wie eine Jungfrau“, raunte ihr Robert in ihr Ohr.

„Lass das, du Wüstling, du machst mich ganz verlegen“, flüsterte sie und versuchte sich aus seiner stählernen Umarmung zu befreien. Er blickte in ihr Gesicht und registrierte amüsiert ihr schelmisches Lächeln. Dann ließ er sie los.

„Hast du Deria gesehen?“, fragte ihn seine Frau.

„Nein, wo ist das Mädel schon wieder hin? Ich dachte, sie hilft dir.“

„Nein, nachdem ich ihr gesagt habe, was wir heute Abend feiern, ist sie kreidebleich davongerannt“, erwiderte seine Frau seufzend.

„Du hast es ihr gesagt? Warum?“, fragte Robert überrascht.

„Nun, sie muss sich doch wenigstens damit auseinandersetzen können, dass sie heute zum ersten Mal ihren zukünftigen Ehemann sieht. Außerdem wollte ich vermeiden, dass sie unhöflich wird.“

Robert musste lachen. Seine kleine Deria hätte ein Junge werden sollen. Wild, ungezügelt und frech war sie. Und obwohl sich Diana große Mühe mit der Erziehung ihrer Tochter gab, fiel es Deria schwer sich wie eine Dame zu benehmen.

Währenddessen war Deria über die Wiesen gelaufen, die an die Burg grenzten, und saß nun unter ihrem Lieblingsbaum, einer alten Trauerweide. Ihre weit herabhängenden Zweige spendeten gleichzeitig Schatten und verbargen das Mädchen vor neugierigen Blicken.

Sie war immer noch sehr aufgewühlt über die Worte ihrer Mutter:

„Heute Abend werden wir deine Verlobung bekannt geben. Oliver Wallace wird dich an deinem 18. Geburtstag zur Frau nehmen.“

Deria sollte einen Mann heiraten, den sie noch nie gesehen hatte! Wenn auch erst in fünf Jahren. Sie wusste, dass alle jungen Mädchen irgendwann mit irgendjemand verheiratet wurden, aber sie hatte immer geglaubt, dass ihre Eltern anders wären und sie Deria selbst ihren Ehemann wählen lassen würden. Welch falscher Gedanke, dachte sie verbittert. Tränen liefen an ihren Wangen hinunter. Sie war wütend. Auf ihren Vater und ihre Mutter und auf Eric, denn er war frei und konnte tun und lassen was ihm gefiel. Sie hingegen durfte nicht mehr allein ausreiten, seit sie vom Pferd gefallen war und Angst hatte. Auch Schwertkampfunterricht war ihr verboten und schwimmen konnte sie nur heimlich gehen. Daher Deria fasste einen Entschluss: Ich laufe weg. Und zwar jetzt sofort! Sie sprang auf, wischte sich entschlossen die Tränen aus dem Gesicht und trat unter dem Baum hervor. Sie blickte noch einmal zur Burg zurück, dann wandte sie sich um und begann in Richtung Wald zu laufen. Plötzlich tauchten zwischen den Bäumen bunte Flecken auf und das Echo von Pferdehufen donnerte zu Deria herüber. Dann sah sie auch schon die Ritter aus dem Wald hervorbrechen. Sie erkannte Sir Otto und seinen Sohn Oliver sofort an den Farben ihrer Wappenröcke: Ein riesiger aufrecht stehender Bär in blutroter Farbe zeichnete sich deutlich auf dem schwarzem Hintergrund ab. Schlagartig hielt Deria inne, änderte dann die Richtung und begann zu rennen, so schnell sie ihre Beine trugen. Otto sah die kleine Gestalt und nickte seinem Sohn zu:

„Sieh mal dort, Oliver, wenn das nicht die kleine Deria, deine Braut, ist. Wo sie wohl so schnell hin will?“

Oliver schnaubte verächtlich:

„Das ist keine Braut sondern ein Kind, noch dazu ein äußerst verzogenes.“

„Oliver, du weißt, dass wir heute nur das Heiratsversprechen geben. Sie wird noch zu einer Frau heranwachsen. Am besten reitest du dem Mädchen nach und bringst sie mit“, sagte sein Vater lachend.

Mit einem Kopfschütteln zügelte Oliver sein Pferd und ritt der sich entfernenden Gestalt hinterher. Sie war groß, aber auch sehr dünn. Nach kurzer Zeit hatte er sie eingeholt und stellte zornig fest, dass es tatsächlich seine zukünftige Verlobte war, die wie ein Junge gekleidet davonlief. Als er auf gleicher Höhe war, stellte er sich in die Steigbügel, umfing ihre Taille und zog sie schwungvoll vor sich in den Sattel.

„Lasst mich sofort runter!“, schrie sie ihn zornig an und begann zu treten und um sich zu schlagen.

Statt einer Antwort schlug ihr Oliver jedoch mit der flachen Hand auf den Hintern.

„Wenn du noch ein Wort sagst oder dich mir noch einmal widersetzt, werde ich dir deinen kleinen Po grün und blau schlagen. Hast du verstanden?“, drohte Oliver.

Derias Hintern brannte wie Feuer und so verhielt sie sich still. Oliver ließ sein Pferd langsamer werden und Deria erkannte entsetzt, dass sie fast die Burg erreicht hatten.

„Bitte lasst mich herunter. Ich möchte alleine hineingehen.“

„Das hättest du dir vorher überlegen sollen“, gab Oliver schroff zurück.

Das Hufgetrappel schallte in Derias Ohren als sie durch das Burgtor ritten.

„Deria!“, donnerte die Stimme ihres Vaters, als dieser sie quer vor Oliver im Sattel liegen sah. Der junge Wallace ließ sie vorsichtig vom Pferd gleiten. Mit hochrotem Kopf blickte Deria sich um, sah die zornig blitzenden Augen ihres Vaters und den kummervollen Blick ihrer Mutter. Mit gesenktem Kopf ging sie zu ihnen.

„Geh dich umziehen! Wir reden später darüber. Dann hilf deiner Mutter.“

„Ja, Vater“, erwiderte Deria kleinlaut.

Deria trug ein weißes Unterkleid mit langen Ärmeln und darüber ein grünes mit Gold besticktes Kleid, das hervorragend zu ihren Augen passte. Ihr Haar hatte sie zu einem langen Zopf geflochten und mit einem grünen Band durchzogen. Als sie in die große Halle trat, saßen bereits alle an den Tischen und unterhielten sich lautstark. Das Kinn trotzig vorgestreckt ging sie zu ihrem Platz. Ihr war bewusst, dass Oliver sie die ganze Zeit anstarrte. Wenn er mich weiterhin so angafft, fallen ihm noch die Augen aus dem Kopf, dachte Deria und streckte ihm wenig damenhaft die Zunge heraus. Oliver war schier sprachlos von dieser Frechheit und zog erstaunt seine rechte Augenbraue hoch.

Als Deria sich auf ihren Platz setzte, stieß Eric ihr den Ellenbogen in die Rippen und raunte ihr zu:

„Bei Gott, Deria, du siehst fast schon wie eine Dame aus. Fehlen nur noch die entsprechenden Rundungen.“

Grinsend beschrieb er mit den Händen welche Rundungen er meinte.

„Schwachkopf“, zischte sie ihrem Bruder zu.

Sie aß nur wenig und folgte auch nur ab und an einem Gespräch. Spät am Abend erhoben sich Sir Robert und Sir Otto und baten um Aufmerksamkeit.

„Verehrte Freunde, verehrte Gäste, wir sind heute nicht nur zusammengekommen um mein Wiegenfest zu feiern, sondern auch die Vereinigung unserer beiden Familien. Mit Freude geben wir die Verlobung meiner Tochter Deria und Oliver Wallace bekannt. Die Vermählung wird am Tag von Derias 18. Geburtstag stattfinden.“

Während er dies sagte, nahm er die Hand seiner Tochter, zog das Mädchen von ihrem Stuhl hoch und überreichte sie symbolisch an Oliver. Der junge Wallace blickte in die Augen der kleinen Deria und drückte ihr einen Kuss auf die Hand. Dann flüsterte er ihr zu:

„Auch wenn du jetzt nur wie eine Küchenmagd aussiehst, so hoffe ich doch, dass du in fünf Jahren so schön wie deine Mutter sein wirst.“

Deria war zutiefst verletzt über diese Worte und trat ihm mit aller Kraft gegen sein Schienbein.

„Bevor ich so einen Grobian wie Euch heirate, gehe ich lieber ins Kloster“, fauchte sie.

Dabei entzog sie ihm ruckartig die Hand und stürmte aus dem Saal. Ihre Tränen sollte keiner sehen.

„Deria!“, schrie ihr Vater ihr hinterher, aber dieses Mal hörte Deria nicht hin.

„Oliver, sie ist noch ein halbes Kind“, versuchte Diana das Verhalten ihrer Tochter zu entschuldigen.

Obwohl Oliver gegen diese Verlobung war, musste er doch grinsen. Was würde er für einen Spaß haben, diesen Wildfang zu zähmen.

Schicksalstage

Die Jahre vergingen und kurz nachdem die Zwillinge ihr 15. Lebensjahr zählten, brach eine fürchterliche Fieberepidemie über England herein. Auch White Castle blieb davon nicht verschont. Lady Diana kümmerte sich aufopferungsvoll um die Kranken, ob es Adelige oder Leibeigene waren spielte keine Rolle. Deria unterstützte sie, wo sie nur konnte. Sie war in den letzten beiden Jahren zu einer kleinen Schönheit herangereift. Ihre „Rundungen“, wie es ihr Bruder neckend nannte, waren hervorgetreten und ihr Gesicht glich immer mehr dem ihrer Mutter.

An diesem Tag saßen beide am Bett von Jane und Hannah, einer Leibeigenen und ihrem kranken Kind.

„Ach Mutter, sie werden es nicht schaffen“, wisperte Deria traurig.

So viele waren schon gestorben und bei jedem hatte sie geweint, so dass sie manchmal glaubte, keine Tränen mehr zu haben. Doch Jane und Hannah lagen ihr besonders am Herzen. Milly, Janes älteste Tochter, war Derias Zofe und jetzt sollte ausgerechnet ihre Familie sterben.

Diana war blass. Die letzten Wochen waren zuviel für sie gewesen. Sie hatte starke Kopf- und Gliederschmerzen und hatte nächtelang nicht mehr geschlafen. Gerade wechselte sie die kühlen Umschläge einer Kranken als ihr schwindelig wurde. Diana richtete sich auf, ihr wurde schwarz vor Augen. Ohnmächtig brach sie zusammen.

„Mutter, um Gottes Willen! Hilfe!“, schrie Deria und kniete neben ihr nieder.

Sir Edward, der in der Nähe war, kam sofort herbeigelaufen und betrat die Hütte.

„Mylady…!“, rief dieser erschrocken.

Er nahm sie auf die Arme und trug sie zur Burg zurück.

Deria lief neben ihm und redete verzweifelt auf ihre Mutter ein. Sir Edward brachte Diana in ihr Schlafgemach und legte sie aufs Bett.

„Ich werde Sir Robert suchen“, sagte er und verließ die beiden.

Deria befahl einer Magd, sofort kühles Wasser zu bringen und zog ihrer Mutter den Schleier vom Kopf. Dianas Haare waren feucht vom Schwitzen, ihre Stirn und ihre Wangen glühten.

„Oh Mutter, jetzt bist du auch krank“, jammerte Deria.

Sie kühlte ihrer Mutter die Stirn und zog ihr das Obergewand aus. Sie blieb an ihrer Seite sitzen und hielt ihre Hand. Wie lange sie so da saß, wusste Deria nicht mehr. Plötzlich flog die Tür auf und ihr Vater kam hereingestürmt.

„Diana, mein Liebes.“

Er sank neben dem Bett auf die Knie und nahm ihre feuchte Hand in die seine.

„Du darfst mich nicht verlassen. Ich kann ohne dich doch nicht leben.“

Deria stand auf und betrachtete ihre Eltern. Angst schnürte ihr die Brust zu, das Atmen fiel ihr schwer.

„Vater, wird sie sterben?“

„Nein, sie wird bestimmt wieder gesund werden. Deria, dein Bruder fühlt sich auch nicht wohl. Kannst du bitte nach ihm sehen?“, bat ihr Vater mit zittriger Stimme.

Deria rannte aus dem Zimmer und suchte Eric. Sie fand ihn in seinem Schlafgemach. Er hatte sich bis auf sein Hemd ausgezogen und lag auf dem Bett.

„Wie geht es Mutter?“, fragte er mit matter Stimme. Deria erschrak, als sie ihn hörte, und noch mehr als sie das Fieber in seinen Augen brennen sah. Sie stürzte zu ihm und warf sich in seine Arme.

„Sie ist so krank… genau wie du. Ach Eric…“, schluchzte sie.

Vater und Tochter teilten sich die Pflege der Kranken. Robert saß am Bett seiner Frau und versuchte das Fieber zu lindern. Er ließ Heiler kommen, doch keiner konnte helfen. Diana war in einen Dämmerzustand gefallen, aus dem es kein Erwachen mehr für sie gab. Nach einer Woche hörte ihr müdes Herz auf zu schlagen. Auch Eric lag in diesem Delirium, doch sie hatten Hoffnung, dass er es schaffen würde, da er noch jung und robust war.

Deria stand am Bett und betrachtete ihre tote Mutter. Sie fühlte sich schuldig, dass sie nicht bei ihr gewesen war. Wie gerne hätte sie ihr noch gesagt, wie sehr sie sie liebte. Nun war es zu spät. Sie drückte einen Kuss auf die Stirn ihrer Mutter, bevor man den Leichnam für das Begräbnis vorbereitete.

Der Himmel war wolkenverhangen. Es regnete in Strömen als die kleine Prozession von der Burg zu Lady Dianas letzter Ruhestätte zog. Ein paar Dorfbewohner, die bisher vom Fieber verschont geblieben waren, schlossen sich ihnen an, um ihrer angesehenen Burgherrin die letzte Ehre zu erweisen. Christlichen Beistand gab es nicht, der Priester war auch dem Fieber erlegen. Es war Derias Vater, der diese Aufgabe übernahm. Mit hängenden Köpfen lauschten die Trauernden Sir Roberts Grabrede und stimmten in das abschließende Gebet mit ein.

Deria wickelte fröstelnd ihren Umhang enger um sich, dennoch spürte sie die Kälte und die Feuchtigkeit bis in ihre Knochen. Sie weinte als man ihre Mutter ins Grab hinabsenkte.

Als Deria mit ihrem vor Kummer gebeugten Vater zurück zur Burg ging, bemerkte sie seine Tränen. Er weinte still vor sich hin. Als sie jedoch in seine Augen sah, erkannte sie auch darin die ersten Anzeichen des tückischen Fiebers.

„Bei Gott, Vater, du bist auch krank!“

„Ich weiß, kleine Deria. Schon seit ein paar Tagen spüre ich es in mir. Jetzt werde ich mich ausruhen, damit ich dir bei Eric helfen kann.“

Verzweiflung überkam Deria. Was, wenn Eric und ihr Vater sterben würden? Was würde dann aus ihr werden? Sie müsste Oliver heiraten, diesen gemeinen Kerl, der sie geschlagen und verspottet hatte, und der es sicher wieder tun würde.

Sie ging in Erics Kammer und bemerkte seine schwache Atmung. Er wird sterben, auch er wird sterben, dachte sie bekümmert und weinte.

Milly half ihr bei der Pflege und so konnte sie gelegentlich bei ihrem Vater sein. Im Delirium redete er sie mit dem Namen ihrer Mutter an:

„Diana, du bist so schön wie damals, als ich dich auf meine Burg holte. Wie geht es den Kindern?“

„Gut. Schlaf jetzt“, antwortete Deria geduldig.

Sie fühlte sich müde. Seit Tagen hatte sie kaum etwas gegessen und jetzt wollte sie nur noch schlafen. Als sie am nächsten Morgen aufwachte, fühlte sie sich wie zerschlagen, jeder Muskel schmerzte.

Ich bin wohl auch krank, stellte Deria fast glücklich fest. Dann werden wir wenigstens alle gemeinsam sterben, fügte sie ihren Gedanken hinzu.

Deria lief als sei der Teufel persönlich hinter ihr her. Als sie einen kurzen Blick über ihre Schulter warf, sah sie Oliver Wallace auf seinem Pferd herangaloppieren. Verzweifelt rannte sie weiter. Doch das Schnauben des Pferdes und das Donnern seiner Hufe kamen immer näher.

„Du kannst mir nicht entkommen, Deria! Die Ehe ist beschlossen, du wirst mir ein gutes Weib sein.“

Olivers Lachen dröhnte in Derias Ohren. Gerade wollte sie einen Haken zum Waldrand hin schlagen, als Deria gepackt und in die Luft gehoben wurde. Wild strampelte sie mit ihren Beinen und versuchte sich zu befreien.

„Nein! Lass mich los! Ich will dich nicht heiraten, nein!“

„Aber Deria, beruhige dich doch!“, hörte sie plötzlich eine Frauenstimme. Deria schlug die Augen auf. Milly tupfte ihr mit einem kalten Lappen über die Stirn.

„Milly… wo ist Oliver…“, flüsterte Deria.

Ihre Zofe schüttelte bekümmert den Kopf.

„Er ist nicht hier, Deria. Du liegst im Delirium. Schlaf jetzt, damit du wieder gesund wirst. Ich bin bei dir.“

Dankbar und zutiefst erleichtert, dass Oliver nur ihrem Fieber entsprungen war, schlief Deria wieder ein.

Die Zwillinge lagen in einem Raum und nur Milly war bei ihnen. Kein anderer durfte die Kammer mit den beiden Kranken betreten, darum hatte Deria gebeten. In der zehnten Nacht seit Erics Erkrankung hauchte einer der Zwillinge seinen letzten Atemzug aus, während der andere eine schwerwiegende Entscheidung für sein eigenes Leben traf.

Zwei Jahre waren seit der verheerenden Fieberepidemie vergangen.

Wie durch ein Wunder überlebten Robert und sein Sohn Eric die Krankheit. Deria hingegen hatte den Kampf mit dem Fieber verloren. Robert jedoch erholte sich nicht wieder ganz von der Krankheit. Er spürte, dass die Krankheit ihn langsam aber sicher aufzerrte und er bald sterben würde. Daher musste er eine Lösung für Eric finden. Wer sollte ihn zu einem ehrenhaften Ritter ausbilden? Seine Lehnsmänner, denen Robert blind vertraute, waren bis auf wenige Ausnahmen ebenfalls gestorben und die verbliebenen konnten diese Aufgabe nicht zu seiner vollkommenen Zufriedenheit erledigen. Leider war auch Sir Otto dem Fieber erlegen. Wieder kam ihm dessen Sohn Oliver in den Sinn. Er war jetzt 32 Jahre alt und hatte sich in vielen Schlachten einen Namen gemacht. Da Robert schon einmal eines seiner Kinder in die Obhut von Oliver geben wollte, kam nur er für diese Aufgabe in Betracht und so schickte er nach ihm, ohne Eric darüber zu informieren. Erst wenn Oliver einverstanden wäre, würde er mit Eric darüber sprechen, denn er rechnete mit gehörigem Widerstand, wenn sein Sohn von seiner Entscheidung erfuhr.

Seit dem Tod seiner Mutter und Derias kümmerte sich Eric um die Verwaltung der Burg und Lehensgüter. Dies tat er trotz seiner 17 Lenze sehr erfolgreich. Aber er musste auch stark werden, um sich in dieser harten Welt behaupten zu können und das sollte ihm Oliver beibringen.

„Sei mir gegrüßt, Vater, wie geht es dir heute?“, fragte Eric, als er Robert das Mittagessen brachte.

„Ach Eric, lass das doch. Das sind Frauenarbeiten! Wieso machst du das?“, fragte Robert ärgerlich.

Eric zuckte nur mit den Schultern.

„Ich werde jetzt die Felder überprüfen. Wenn du etwas benötigst, lass es Geoffrey bitte wissen.“

„Eric, wir bekommen Gäste. Ich habe den jungen Wallace gebeten zu kommen, da ich mit ihm einiges zu besprechen habe. Wenn er kommt, geleite ihn bitte umgehend zu mir.“

Während er sprach, schüttelte ihn ein Hustenanfall. Eric schaute besorgt auf das pergamentfarbene Gesicht seines Vaters. Er sah älter aus als er eigentlich war. Obwohl er spürte, dass sein Vater dem Tode täglich näher kam, wollte der junge Eddings es nicht wahrhaben. Und er hatte große Angst, was dann mit ihm selbst geschehen würde.

„Was ist der Grund dieses Besuchs?“, versuchte er möglichst beiläufig von Robert zu erfahren.

„Mein Sohn, das werde ich dir noch früh genug sagen und jetzt kümmere dich um deine Pflichten als Gastgeber“, fuhr ihn sein Vater gereizt an.

Eric verließ verstimmt das Gemach seines Vaters.

„Irgendetwas führt er im Schilde“, murmelte Eric vor sich hin. „Sonst hätte er nicht so geheimnisvoll getan. Und es betrifft mich“. Diese Erkenntnis verursachte ihm noch mehr Unbehagen.

Eric wies Milly an, entsprechend für den bevorstehenden Besuch, ein üppiges Mahl vorbereiten zu lassen. Er selbst wollte gerade gehen, als ein kleiner Junge angesprungen kam und meldete:

„Reiter kommen, sie tragen die Farben der Familie Wallace.“

„Danke Peter, führ sie herein“, nickte Eric ihm freundlich zu. Er strich seine Hosen und sein Wams glatt und blieb auf der obersten Treppenstufe stehen. Vier Jahre war es her, seit er Oliver das letzte Mal gesehen hatte. Er hatte ihn immer als schwarzen Riesen mit eisblauen Augen in Erinnerung.

Es dauerte nicht lange und dann kam Peter mit weit ausschreitenden Schritten in die große Burghalle und blieb vor Eric stehen. Er deutete auf den großen Mann hinter sich: „Sir Olivääär Wallace, Mylord“, kündigte er den Besucher gestellt vornehm an.

Eric zuckte unmerklich zusammen. Olivers Augen waren genauso eisig, wie er sie in Erinnerung hatte. Oliver blieb zwei Stufen unterhalb von Eric stehen und war trotzdem genauso groß wie sein Gegenüber.

„Mein Vater heißt Euch auf Burg White Castle willkommen“, sprach der junge Gastgeber zögerlich.

„Und Ihr etwa nicht?“, fragte Oliver erstaunt. Dabei zog er seine rechte Augenbraue gereizt in die Höhe. Eric schluckte und versuchte sich zu rechtfertigen:

„Verzeiht dieses Missverständnis. Es sollte ein besonderer Willkommensgruß sein.“

„Nun, wenn das so ist…“

„Aber sicher! Vater wünscht Euch umgehend zu sprechen, wenn Ihr bereit dazu seid.“

„Natürlich, seine Nachricht klang dementsprechend. Er hatte Glück mich zu erreichen, ich war gerade auf dem Weg zu meiner Vermählung.“

Ein stechender Schmerz durchfuhr Eric:

„So schnell habt Ihr meine Schwester schon vergessen?“, warf er seinem Gast vorwurfsvoll entgegen.

Oliver blieb überrascht und verärgert zugleich stehen.

„Eric, ich habe Eure Schwester nur einmal gesehen und zwar am Tag unserer Verlobung. Da war sie noch ein Kind. Ich bedaure Euren Verlust, aber mir hat sie nichts bedeutet“, antwortete Oliver ohne eine Spur der Reue in seiner Stimme.

Der Schmerz wurde heftiger und brannte ungeheuer in Erics Brust. Tränen bahnten sich einen Weg ins Freie, doch er blinzelte sie weg.

Eric geleitete Oliver nun schweigend zu Roberts Räumen. Als er die Tür öffnete und hinter Oliver eintreten wollte, schaute ihn sein Vater sofort an:

„Eric, ich möchte mit Oliver allein sprechen. Ich rufe dich später hinzu.“

Roberts Stimme klang so stark und bestimmend wie früher. Mit trotzigem Blick schloss Eric die Tür ein wenig lauter als sonst hinter sich.

„Oliver, verzeih, dass ich nicht aufstehen kann, aber du siehst ja selbst, was aus mir geworden ist“, versuchte Robert zu scherzen und hob entschuldigend die Hände.

Oliver war bestürzt, wie alt und schwach der langjährige Freund seines Vaters aussah. Der Schatten des Todes lag auf ihm, das erkannte Oliver sofort.

„Wie kann ich dir dienen?“

„Setz dich!“

Oliver nahm ihm gegenüber Platz und Sir Robert schaute ihn eingehend an.

„Du bist ein stattlicher Mann geworden. Dein Vater wäre stolz auf dich, mein Junge. Und du wärst meiner Deria ein guter Mann gewesen. Wie gerne hätten wir unsere Familien durch diese Heirat verbunden“, seufzte er bedauernd. „Doch es kam alles anders. Oliver, ich werde bald sterben, ich spüre es. Meine einzige Sorge gilt Eric. Er hat in den letzten beiden Jahren die Burg verwaltet. Hier kannst du die Bücher einsehen. Er ist jetzt 17 Jahre alt, doch noch fehlt ihm die körperliche Entwicklung zum Manne. Er braucht einen Beschützer und einen Erzieher.“

Diese kurze Ansprache hatte Robert merklich geschwächt und er holte tief Luft, bevor er fortfuhr:

„Oliver, ich bitte dich, Eric als Mündel anzunehmen und ihn zu einem ehrbaren Ritter und Mann zu erziehen. Durch meine Krankheit war und wird es mir nicht mehr möglich sein. Seit Diana und Deria tot sind, hat er keinen Schwertkampfunterricht mehr gehabt. Er hat sich nur um die Verwaltung der Burg und der Ländereien gekümmert.“

„Was sagt Eric dazu?“

Oliver musste an die widerspenstige Deria denken. Das Verhalten des jungen Mannes beim Empfang ließ ebenfalls einen gewissen Trotz vermuten.

„Er weiß es noch nicht. Ich wollte mich erst vergewissern, ob du diese Aufgabe übernehmen würdest. Als Dank dafür sollst du die nächsten vier Jahre die Einnahmen aus der Verwaltung der Burg und den Ländereien bekommen.“

Da Robert das Schweigen Olivers als Ablehnung deutete, unterstrich er seine Bitte mit diesem großzügigen Angebot.

„Robert, ich danke dir für diese Geste. Ich fühle mich zutiefst geehrt, dass du mir deinen Sohn anvertrauen möchtest, so wie du mir damals auch deine Tochter anvertraut hattest. Ich nehme diese Aufgabe sehr gerne an und werde mein Bestes geben, aus Eric einen ehrbaren und anständigen Mann zu machen.“

Er sah die Erleichterung in Roberts Gesicht. Diesen überkam erneut ein Hustenanfall. Oliver bemerkte das Blut auf dem Tuch, dass sich Robert vor den Mund hielt, und erkannte, wie schlimm es um den Herrn von White Castle wirklich stand. Es war nur noch eine Frage von Tagen, bis dessen letztes Lebenslicht erlosch.

„Gut, holen wir Eric und setzen ihn von unseren Plänen in Kenntnis“, keuchte der ältere Mann.

Oliver öffnete die Tür und schickte Geoffrey nach Eric.

Als dieser das Zimmer seines Vaters betrat, musterte Sir Oliver ihn aufmerksam. Der Junge ging zum Stuhl seines Vaters und blickte ihn gespannt an.

„Du wolltest mich sprechen?“

Er ahnte bereits, dass sein Vater ihm etwas sagen würde, was ihm nicht behagte.

„Eric, ich habe dir etwas Wichtiges mitzuteilen. Sir Oliver wird deine Erziehung übernehmen, du wirst ihm auf sein Anwesen folgen.“

„Auf keinen Fall! Ich kann dich doch nicht alleine lassen“, protestierte er.

„Eric, es ist mein ausdrücklicher Wille. Ich kann diese Aufgabe nicht mehr ausüben, meine Tage sind gezählt. Du hast die Tätigkeiten zum Verwalten und Führen einer Burg in den letzten beiden Jahren hervorragend gemeistert, aber das reicht nicht für den Rest deines Lebens. Du musst auch die Burg und ihre Bewohner vor Feinden verteidigen können. Du musst den Umgang mit Waffen erlernen. All das wird dir Oliver beibringen. Und ich möchte, dass du ihm gehorchst. Eric, schau mich an! Versprichst du mir das?“

Nur widerwillig hob Eric den Kopf. Er blickte erst seinen Vater in die Augen und dann kurz auf Oliver. Er hatte keine andere Wahl, seinem Vater konnte er den letzten Willen nicht abschlagen.

„Ich verspreche es dir“, sagte er gepresst.

„Eric, wir brechen morgen früh auf“, erklärte Oliver, der die innere Ablehnung von Roberts Sohn spürte.

„So früh schon?“, versuchte der Jüngling zu widersprechen.

„Eric!“ Die Mahnung seines Vaters wurde von einem erneuten Hustenanfall unterbrochen. Eric drehte sich um und stapfte wütend davon. Geräuschvoll schloss er die Tür hinter sich und rannte in seine Räume.

Er war außer sich vor Zorn und ging in seinem Zimmer von einer Seite zur anderen. Dabei redete er laut vor sich hin:

„Verdammt, das darf doch nicht wahr sein! Wie konnte Vater mir das antun? Ausgerechnet Oliver Wallace! Ich wäre auch sehr gut allein zurechtgekommen. Das habe ich doch die letzten Jahre eindeutig bewiesen.“

Ein zaghaftes Klopfen unterbrach seinen Monolog.

„Ja?“

„Ich bin es, Milly. Darf ich eintreten?“

„Ja, komm rein“.

Stillschweigend blickte Milly auf die zornige Person vor sich.

„Ich bin sein Mündel, Milly! Vater hat Sir Oliver mit meiner Ausbildung zum Ritter beauftragt. Kannst du dir das vorstellen?“

„Bei Gott, was wirst du jetzt tun?“, fragte Milly entsetzt.

„Ich werde, wie ich es Vater versprochen habe, bei Oliver in die Ausbildung gehen. Ich werde mich so tollpatschig anstellen, dass er mich schneller als gedacht wieder nach Hause schickt. Und dann bin ich diesen Kerl los. Ja, so mach ich es!“, rief Eric zuversichtlich und warf seinen Kopf siegessicher in die Höhe. Der Plan war in seinen Augen einfach, aber genial.

„Da wäre ich mir nicht so sicher, du freches Bürschlein.“

Als Eric die Stimme seines frisch ernannten Vormundes vernahm, setzte sein Herz einen Herzschlag lang aus. Er fuhr herum. Oliver stand lässig in den Türrahmen gelehnt und hatte wieder die rechte Augenbraue hochgezogen, ein untrügliches Zeichen dafür, dass er wütend war.

„Was fällt Euch ein, mir nachzuschleichen?“, fauchte Eric erschrocken.

Die Augenbraue hatte mittlerweile die Form eines spitzen Dreiecks, doch Oliver beherrschte sich ohne große Mühe.

„Dein Vater möchte dich sprechen. Es geht ihm sehr schlecht.“

Eric wollte sich an Oliver vorbeidrücken, doch dieser hielt den Jungen am Oberarm fest.

„Lasst mich los, Ihr tut mir weh!“

Eric zerrte an seinem Arm, doch der Druck wurde nur noch fester.

„Morgen beginnen wir mit deiner Ausbildung, Eric. Heute lasse ich dir deine Respektlosigkeit noch einmal durchgehen. Aber vergiss nicht, ab morgen ist meine Geduld zu Ende!“, flüsterte Oliver zwar leise, doch die Drohung war nicht zu überhören. Dabei schaute er Eric ins Gesicht. Sonderbar, wie zart seine Züge sind, durchfuhr es Oliver. Lange Wimpern umgaben die grünen Augen, die in einem hervorragenden Kontrast zu den goldroten Haaren standen. Fast wurden diese schönen Augen von dem langen Pony versteckt. Die Lippen waren sinnlich geschwungen, fast zu schön für einen Mann. Abrupt ließ Oliver Eric los und dieser floh zu seinem Vater.

Sir Robert lag im Sterben. Eric sah seinen Vater auf dem Bette liegen, der Atem ging flach.

„Vater, nein, du darfst mich nicht allein lassen. Nicht mit diesem …“

„Mein Sohn, glaube mir, es ist das Beste so. Mach mir keine Schande. Hast du verstanden? Schwöre es mir!“ Lord Eddings Stimme war nur noch ein Flüstern. Eric kniete neben dem Bett und hielt die Hand seines Vaters.

„Ja“, kam es kaum hörbar über seine Lippen.

Mit der anderen Hand strich sein Vater ihm noch einmal liebevoll über das Haar und verschied.

„Vater… !“

Eric warf sich auf den ausgemergelten Körper seines Vaters und weinte bitterlich. Fast die halbe Nacht saß er am Totenbett, bis ihn die Erschöpfung übermannte und er auf dem Fußboden einschlief.

Geoffrey stand seit Stunden vor dem Schlafgemach und hörte das Klagen des Sohnes um den geliebten Vater. Als dies verstummte, spähte der Diener in den Raum und sah Eric auf dem Boden liegen. Leise schloss er die Tür und ging in die große Halle, um Oliver zu suchen. Der junge Wallace stand vor dem Kamin und unterhielt sich mit seinem Onkel Guy.

„Sir Oliver, verzeiht die Störung“, begann Geoffrey.

Der Angesprochene nickte dem Diener auffordernd zu.

„Sir Robert ist soeben verstorben. Eric ist vor Erschöpfung eingeschlafen und liegt nun vor dem Bett seines Vaters. Dürfte ich Euch um Hilfe bitten, den Jungen in sein Gemach zu bringen?“

Oliver warf Guy einen kurzen Blick zu und beide folgten dem Kammerdiener. Als sie das Gemach des Burgherrns betraten, schlief Eric noch immer. Es war ein erschreckend trauriges Bild, das sich den Männern bot: Roberts Arm hing vom Bett herunter und seine Hand ruhte auf dem Schopf seines Sohnes. Als würde er ihm noch über seinen Tod hinaus Trost spenden wollen. Oliver rüttelte sanft an Erics Schulter.

„Dein Vater ist jetzt erlöst, Junge“, sagte Oliver mitfühlend. Kraftlos erhob sich Eric. Seine Augen waren vom vielen Weinen verquollen. Verlegen senkte er den Kopf vor seinem Vormund.

„Es ist keine Schande, wenn ein Mann weint. Wir haben genauso viele Gefühle wie Frauen und sollten es dann und wann auch zeigen. Sir Guy wird dich auf dein Zimmer begleiten. Ich werde alles Nötige für das Begräbnis veranlassen. Sobald dein Vater beigesetzt ist, brechen wir auf.“

„Ihr könnt es wohl gar nicht abwarten, alles an Euch zu reißen“, sagte Eric, dem alles viel zu schnell ging. Und wieder schoss die rechte Augenbraue Olivers steil in die Höhe. Eric blickte seinen Vormund trotzig an, dann folgte er Sir Guy. Als sie beide alleine waren, wandte sich Guy an ihn:

„Eric, ich verstehe deinen Kummer. Aber du wirst lernen müssen deine Zunge im Zaum zu halten, denn dein Benehmen ist respektlos. Sir Oliver hat dich nur geschont, da du in Trauer bist.“ Mit diesen Worten ließ ihn Guy allein.

Wenige Tage später fand das Begräbnis statt, an dem neben Oliver und Guy auch Sir Frederic und weitere Gefolgsmänner der Familie Eddings teilnahmen. Stumm sah Eric zu, wie der Totengräber und sein Gehilfe den einfachen Holzsarg mit den sterblichen Überresten Sir Roberts in die Erde hinabließen. Da das Amt des Priesters im Dorf noch immer nicht besetzt war, sprach Oliver Wallace das Gebet. Erstaunt über seine tröstenden Worte blickte Eric ihn an und bemerkte Trauer in Olivers Augen.

„Nimm den Leib unseres geliebten Vaters, Freundes und Gönners in deinen Schoß auf. Sir Robert war ein harter, aber gerechter Mann. Er liebte seine Frau und seine Kinder, er war stolz auf sie. Und sie haben ihn geliebt. Friede seiner Seele.“

Anschließend wanderte die kleine Prozession zurück in die Burg.

„Sir Edgar wird die Besitztümer bis auf weiteres verwalten, Eric. Er ist ein kluger und erfahrener Kastellan.“

„Wenn Ihr es sagt“, antwortete Eric teilnahmslos. Er fühlte sich leer, ohne Hoffnung, verlassen von dem letzten Menschen, der ihm Liebe und Geborgenheit gespendet hatte.

„Hol dein Pferd und ….“, riss Oliver ihn aus seiner Lethargie.

„Pferd...?“, unterbrach Eric ihn aufgeregt.

„Eric, unterbrich mich nicht mehr, wenn ich rede! Du sollst dein Pferd holen. Wir brauchen zwei Tagesreisen zu meinen Ländereien.“

Seit dieser verdammte Oliver aufgetaucht ist, bin ich vom Pech verfolgt, fluchte Eric innerlich. Er hatte seit seiner Kindheit auf keinem Pferd mehr gesessen, weil er einst heruntergefallen war und sich danach nicht wieder getraut hatte, es zu versuchen. Aber jetzt durfte er sich keine Blöße geben. Mit hängenden Schultern ging er in den Stall. Dort nahm er sich Aragon, den alten Wallach seines Vaters. Es war ein geduldiges Tier. Mit Hilfe eines Steigbaums bestieg Eric das Pferd und ritt heraus. Der Rücken des Tieres war so breit, dass Eric kaum sitzen konnte. Oliver warf ihm einen prüfenden Blick zu und ritt dann voran durch das Burgtor. Der Trupp setzte sich in Bewegung.

Eric ritt neben Sir Guy. Er rutschte auf dem Sattel hin und her und die Bewegungen des Pferdes schüttelten ihn durch und durch. Er konnte sich dem Rhythmus des Tieres einfach nicht anpassen. So dauerte es nicht lange, bis ihm der Rücken schmerzte und seine Oberschenkel wund gescheuert waren. Guy warf dem Jungen zwischendurch einen Blick zu und musste sich ein Lachen verkneifen. Reiten konnte dieser wahrlich nicht.

Oliver ließ sich ans Ende des Zuges zurückfallen und bedeutete Sir Guy ihm zu folgen. Als sie auf gleicher Höhe waren, wartete Sir Guy darauf, was sein Neffe ihm zu sagen hatte. Seit Kindheitstagen war er Olivers engster Vertrauter. Selbst in der Zeit, als Sir Otto noch lebte, hatte sich Oliver lieber seinem Onkel anvertraut und ihn statt seinen Vater um Rat gefragt.

„Guy, was hältst du von Eric?“, wollte Oliver wissen.

„Nun, er ist ein wenig seltsam. Seine Statur ist ungewöhnlich; lange dünne Beine, aber einen kleinen Bauchansatz, noch keine männlichen Züge, kein Bartwuchs, ein dünnes Stimmchen und reiten kann er auch nicht. Und zu allem Überfluss ist er auf dich überhaupt nicht gut zu sprechen“, resümierte Guy.

„In der Tat. Nachdem ihn sein Vater unterrichtete, dass ich ab jetzt sein Vormund bin, erst recht nicht. Er hat mir sogar vorgeworfen, dass ich seine Schwester vergessen hätte. Dabei haben wir uns nur einmal vor vier Jahren gesehen und da war sie eine Bohnenstange gewesen. Für mich ist Eric fast zu hübsch für einen Jungen“, berichtete ihm Oliver.

„Das ist mir auch schon aufgefallen“, pflichtete ihm Guy bei.

„Weißt du, wenn er schon so ein reizendes Bürschchen ist, wie schön wäre dann seine Schwester geworden?“, sinnierte Oliver laut. Ein leichtes Bedauern schwang in seiner Stimme mit.

„Ich denke, sie wäre eine Augenweide geworden“, antwortete sein Onkel überzeugt.

„Ja, das glaube ich auch.“ Und wieder dachte Oliver an die zarten Züge in Erics Gesicht, sein trotziges Verhalten ihm gegenüber. Auf einmal begann sich ein Verdacht in ihm zu regen. Doch der Gedanke war so absurd, dass er sich selbst verrückt schimpfte. Dennoch beschloss er, Eric sehr genau im Auge behalten, um zu sehen, ob sich seine Ahnung bestätigte. Denn auf seine Intuition konnte er sich jederzeit verlassen.

Eric indes litt Höllenqualen. Er hatte den Kopf gesenkt, damit niemand die heimlichen Tränen bemerkte, die stumm an seiner Wange hinabperlten. Die Innenseiten seiner Schenkel brannten höllisch und er konnte sich kaum noch auf dem Pferd halten. Damit er nicht runterrutschte, drückte er seine Fersen in die Flanken des Pferdes. Aragon nahm dies als Anreiz und begann zu galoppieren. Völlig überrascht fiel Eric aus dem Sattel und landete unsanft auf seinem Hosenboden.

Die Ritter hielten ihre Pferde an und bildeten einen Kreis um ihn. Gelächter schlug ihm entgegen. Der Kreis öffnete sich und Oliver ritt mit Guy heran.

„Es scheint, als hättest du noch nie im Sattel gesessen, Bürschchen. Oder hast du das Reiten verlernt?“, lachte Oliver.

Eric stand auf, seine Wangen glühten und er biss sich auf die Lippen. Er fühlte sich so gedemütigt. Wie konnte Oliver ihn vor der versammelten Ritterschaft nur so bloßstellen? Zornig funkelte er ihn an. Oh, wie er Oliver verabscheute!

Wortlos nahm Eric die Zügel in die Hand, die ihm Oliver hinhielt. Dann führte er Aragon zu einem umgestürzten Baum und stieg auf. Schweigend setzte sich der Zug erneut in Bewegung.

Die Sonne stand hoch im Zenit und brannte auf sie herunter. Eric spürte die warmen Strahlen in seinem Gesicht, sie berührten sanft seine Wangen als wolle das Licht ihm Trost spenden. Ohne Pause ritten sie, bis die Sonne sich anschickte am Horizont hinter den Bergen zu verschwinden.

Sie erreichten eine Baumgruppe, die von einigen Hecken umgeben war, als Oliver plötzlich rief:

„Wir rasten hier. Macht Feuer! Roger und Martin werden auf die Jagd gehen.“

Eric glitt mühsam vom Pferd. Mit schwankenden Beinen suchte er sich hinter den Hecken einen Platz, wo er seinen Bedürfnissen nachkommen konnte. Als er sich erleichterte, sah er die wunden Innenseiten seiner Oberschenkel.

„Bei Gott, das ist ja fast wie rohes Fleisch“, stellte er fest.

Er holte eine Salbe und Leinenverbände aus seiner Tasche, die er vorsorglich mitgenommen hatte, und machte sich zwei Umschläge, die er fest um die Schenkel wickelte. Es brannte wie Feuer auf den offenen Stellen. Doch nur für einen kurzen Moment, denn sofort setzte die kühlende Wirkung ein. Allerdings konnte er die Linderung noch nicht genießen.

„Eric, wo steckst du, zum Teufel noch einmal?“, hörte er Oliver ungeduldig rufen.

„Ich komme gleich.“ Schnell zerrte Eric seine Hosen hoch. Er wollte auf keinen Fall von Oliver in so einer entwürdigenden Situation entdeckt werden. Gerade hatte er seine Beinkleider fest um seine Hüften gebunden, als Oliver auch schon die Hecke vor ihm teilte. Und wieder zog er seine rechte Augenbraue steil in die Höhe.

„Bevor du das nächste Mal verschwindest, melde dich vorher bei mir ab“, herrschte er ihn an.

„Ich lauf schon nicht weg. Ich habe meinem Vater mein Wort gegeben und außerdem bin ich nicht Euer Leibeigener“, fauchte Eric beleidigt zurück.

Oliver biss die Zähne fest zusammen. Wie gerne würde er diesem vorlauten Grünschnabel eine Tracht Prügel verabreichen, aber Sir Robert hatte ihn ausgewählt, weil er ihn für würdig und fähig gehalten hatte mit Eric klar zu kommen. Alles zu seiner Zeit, beruhigte er sich selbst.

„Du bist mehr als das, du bist mein Mündel.“

Ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen drehte sich Oliver um und überließ Eric sich selbst. Nach einer Weile folgte ihm der Junge und fand das Lager bereits fertig aufgebaut vor. Ein Feuer brannte und auf zwei Holzspießen wurden Kaninchen gebraten. Ein verführerischer Duft stieg Eric in die Nase. Unsicher blieb er stehen und schaute auf die Männer. Sie saßen um das Feuer und unterhielten sich. Oliver war nirgends zu sehen. Aber dieser stand im Schatten eines Baumes und betrachtete Eric genauer. Die gleichen grünen Augen, wie Deria sie gehabt hatte, dachte er. Olivers Gedanken wanderten zu dem kleinen Wildfang, dem er vor vier Jahren den Hintern versohlt hatte, als sie vor ihm davonlaufen wollte. Damals war er wütend auf Robert und seinen Vater gewesen, die ihm vorschreiben wollten, wen er zur Frau nehmen sollte. Aber inzwischen sah er es anders. Bald würde er heiraten, dieses Mal eine wohlerzogene junge Dame. Sie war das genaue Gegenteil von Deria. Aber auch sie wählte er nicht aus Liebe, sondern weil die Ehe ihm den Frieden sicherte, seine Ländereien und Besitztümer erweiterte und weil er einen Erben brauchte.

Eric setzte sich neben Guy, der ihn zu sich gewunken hatte.

„Alles in Ordnung?“, fragte dieser den Jüngling.

„Ja, ich habe nur das Gefühl, dass Oliver wütend auf mich ist, egal was ich mache.“

„Eric, dein Benehmen ist unreif. Er ist jetzt dein Vormund, er hat die Verantwortung für dich übernommen. Wenn du dich ihm gegenüber nicht anders verhältst, dann wird euer beider Zusammenleben sich sehr schwierig gestalten.“

Da trat Oliver aus dem Schatten ans Feuer heran und nahm einen Spieß vom Feuer. Prüfend betrachtete er das Fleisch, zog sein Messer, schnitt ein Stück ab und hielt es Eric hin. Dieser war überrascht, als Erster das Mahl kosten zu dürfen. Guy nickte ihm aufmunternd zu und so griff Eric zögernd nach dem Stück Fleisch, das auf der Schneide lag. Bevor er es greifen konnte, zog Oliver das Messer zurück:

„Pass auf, es ist noch heiß“, erklärte Oliver.

Vorsichtig nahm Eric das Fleisch entgegen. Dabei berührten sich ihre Finger. Eric erschauerte. Er hob den Kopf und sah direkt in Olivers eisblaue Augen. Für einen kurzen Moment erwiderte dieser den Blick, wandte ihn jedoch irritiert wieder ab und ging zu seinen Männern auf der anderen Seite des Feuers. Gedankenverloren schaute Eric ihm nach und biss in das gebratene Stück Fleisch, das er immer noch in der Hand hielt.

Anschließend leckte sich Eric jeden Finger einzeln ab. Oliver beobachtete ihn dabei und war erstaunt, wie erregend es auf ihn wirkte. Aber das da war ein Mann, nein, ein Jüngling, schoss Oliver durch den Kopf, wie konnte er ihn anziehend finden? Und wieder kam ihm sein Verdacht in den Sinn. Er musste so schnell wie möglich herausfinden, ob sein Instinkt ihm nicht einen Streich spielte.

Oliver teilte die Wachen ein und streckte sich auf dem Boden aus. Über Eric nachdenkend schlief er ein.

Neue Freunde

Eric dachte, auf dem harten Boden könnte er niemals einschlafen, doch bevor der Gedanke sich aus seinem Kopf verflüchtigte, schlief er schon tief und fest. Der anstrengende Ritt und die Schmerzen forderten ihren Tribut.

Bei Sonnenaufgang brachen sie auf und rasteten nur zweimal, um die Pferde ausruhen zu lassen. Als die Sonne blutrot am Horizont in die dunkle Ebene hinabtauchte, erreichten sie die Bärenburg. Sie lag auf einer breiten Anhöhe und zeichnete sich gegen den dunkelroten Himmel ab. Vier große Türme und eine hohe Burgmauer bildeten den äußeren Ring, die Mauern schimmerten rotgolden. Als sie das erste Tor passierten, kamen sie in den unteren Burghof. Hier waren die Ställe und die Häuser der Bediensteten. Über eine Brücke gelangten sie in den zweiten Vorhof. Hier befanden sich eine Bäckerei, das Waschhaus und eine Fleischerei. Weiter hinten gab es weitere Ställe und eine Schmiede.

Oliver stieg vom Pferd und alle anderen folgten ihm. Also glitt auch Eric von Aragon.

„Du kümmerst dich um die Pferde, Eric. Bring sie in den Stall dort und versorge sie. Danach kannst du in die Küche gehen und selbst etwas essen. Guy wird dir dann zeigen, wo dein Schlafplatz ist.“

Während er dies sagte, drückte er Eric die Zügel seines Pferdes in die Hand und verschwand durch das Tor. Eric blies sich die Haare aus der Stirn. Er war hundemüde und sein Vormund ging einfach so davon und überließ ihm auch noch sein Pferd.

„Dieser aufgeblasene Gockel“, grummelte Eric und wollte Aragon und Olivers Pferd in die Ställe führen. Aber das Tier kannte Eric nicht, warf trotzig seinen Kopf in die Höhe und wand sich in die Richtung um, in der sein Herr verschwunden war. Durch diesen unerwarteten Ruck glitten Eric die Zügel aus der Hand und er wusste nicht, wie er das riesige Tier am Weglaufen hindern sollte.

„Ghost, schau mal, was ich für dich habe“, hörte er eine Knabenstimme.

Ein etwa 10jähriger Junge gesellte sich zu ihm und hielt seine Hand ausgestreckt dem Pferd entgegen. Das Tier wendete sich wieder und kam auf den Jungen zu. Ghost - na, dieser Name passte zu dem Schimmel, dachte Eric amüsiert. Zaghaft nahm es die angebotene Karotte von der Hand und fraß sie auf. In der Zwischenzeit hatte der Junge die Zügel ergriffen und stellte sich Eric vor:

„Ich bin Stephen, der Stallmeister von Sir Oliver. Ich helfe dir, wenn du willst.“

„Du bist der Stallmeister? Wie alt bist du denn?“, fragte Eric ungläubig.

„Diesen Sommer werde ich elf Jahre alt! Vor mir war mein Großvater Stallmeister und davor sein Vater auch schon“, antwortete Stephen beleidigt.

„Entschuldige bitte, ich wollte… ach, egal. Ich heiße Eric und bin das Mündel von diesem aufgeblasenen Gockel.“

Stephen fing laut an zu lachen. Das war einfach zu komisch! Bisher hatte sich noch keiner getraut so etwas über den Burgherrn zu sagen. Gemeinsam führten sie die Pferde in den Stall und Stephen half Eric bei der Versorgung der Pferde. Sie nahmen Stroh und rieben die Rücken und Flanken trocken. Dann gaben sie ihnen Wasser und Hafer. Über eine Stunde waren sie so am Arbeiten. Eric war hundemüde und fühlte sich schmutzig.

„Willst du mit zu mir nach Hause kommen?“, fragte Stephen seinen neuen Freund.

„Was werden denn deine Eltern sagen, wenn du einfach einen Fremden mitbringst?“, fragte Eric zögerlich.

„Freunde sind uns immer willkommen. Außerdem habe ich keinen Vater mehr und Mutter hat bestimmt nichts dagegen.“ „ Eigentlich muss ich mich bei Sir Guy melden, wenn ich fertig bin.“, protestierte Eric schwach.

Wortlos nahm Stephen seine Hand. Mehr gezogen, als selbst gelaufen, folgte Eric. Sie gingen jetzt durch das dritte Tor und standen in einem weiteren Burghof. Hier gab es einen Brunnen und kleine Häuser reihten sich auf der rechten Seite aneinander. Vor ihm ragte die Hauptburg mit zwei Türmen auf. Eine breite Treppe führte nach oben in die große Halle. Stephen ging an der Treppe vorbei zu einem der kleinen Häuser. Ohne zu klopfen öffnete er die Tür und trat ein. Das Haus war sauber, es lagen frische Binsen auf dem Boden. Der Holztisch war geschliffen und glänzte matt im Kerzenlicht. Eric hatte selten ein so reinliches Haus wie dieses gesehen. Eine Frau stand an einem anderen Tisch und bereitete das Abendbrot zu.

Ohne aufzuschauen sagte sie:

„Stephen, wo hast du so lange gesteckt? Geh dich waschen und komm dann zum Essen.“

Ihre Stimme hatte einen wunderbaren Klang. Eric fühlte sich an die Stimme seiner Mutter erinnert, die ähnlich geklungen hatte. Trauer erfasste ihn.

„Mutter, ich habe einen Freund mitgebracht. Darf…“, begann Stephen zu sprechen. Bei dem Gehörten hob seine Mutter sofort den Kopf und Eric wurde von rehbraunen Augen eingehend gemustert. Für einen Moment runzelte sie die Stirn, doch dann wurde ihr bewusst, wie unhöflich sie sich verhielt: „Oh, entschuldige bitte. Ich heiße dich willkommen. Ich bin Ester.“

„Ich heiße Eric, Eric Eddings von Winterley.“

„Darf er bleiben, Mama? Er ist Olivers Mündel.“, hakte Stephen nach.

„Aber nur, wenn du dich jetzt sofort waschen gehst“, sagte seine Mutter mit gespielter Strenge. Stephen verschwand hinter einem Vorhang, der den Zugang zu einem anderen Raum verdeckte. Eric blickte ihm sehnsüchtig nach. Was gäbe er nicht alles dafür, sich waschen zu können. Ester verstand seinen Blick und bot ihm spontan an: „Wenn es dir nichts ausmacht, dich mit dem gleichen Wasser zu waschen, kannst du dich gerne etwas frisch machen.“

Früher hätte Eric die Nase gerümpft und eine hochnäsige Antwort gegeben. Aber jetzt war alles anders. Dankbar nahm er das Angebot an. Als Stephen herauskam, blieb ihm vor Fassungslosigkeit der Mund offen stehen. Der Junge war Oliver wie aus dem Gesicht geschnitten. Die gleichen schwarzen Haare und himmelblauen Augen, sogar das Grübchen im Kinn war da.

„Das gibt es doch nicht! Ist das…“, stammelte Eric. Ester half ihm aus der Verlegenheit:

„Es ist Olivers Halbbruder. Sir Otto ist sein Vater.“

Als wäre es das normalste der Welt hatte sie ihm gerade gesagt, dass Stephen ein Bastard war.

„Stellt das ein Problem für dich dar?“, fragte jetzt Stephen, der in Erics Gesicht genau gelesen hatte, was dieser gerade dachte. Eric räusperte sich und erwiderte dann aufrichtig:

„Früher hätte ich mit solchen Sachen ein Problem gehabt. Aber es hat sich vieles geändert und auch ich habe meine Meinung zu solchen Dingen überdacht. Es geht mich nichts an.“

Stephen atmete erleichtert auf, denn er wollte seinen neuen Freund nicht schon wieder verlieren.

„Dann geh dich waschen. Anschließend gibt es erstmal etwas Ordentliches zu essen.“

Das ließ sich Eric nicht zweimal sagen und verschwand hinter dem Vorhang. Er zog sein Hemd aus und tauchte seine Hände in die Schale. Das Wasser war noch warm. Er griff nach dem kleinen Stück Seife, das auf dem kleinen Tisch lag, und begann sich den Dreck von der Haut und aus den Haaren zu schrubben. Als er fertig war, nahm er das Handtuch und trocknete sich ab. Erneut rieb er sich die Oberschenkel mit der Salbe ein. Dabei fiel sein Blick auf den Boden. Ester hatte unter dem Vorhang frische Kleidung durchgeschoben. Er probierte sie an und stellte erstaunt fest, dass sie bis auf die Länge der Beinkleider passte. Das war ihm jedoch egal. Er fühlte sich frisch und sauber. Jetzt fehlen mir nur noch etwas Ordentliches zu essen und etwas Schlaf, dachte er bei sich. Verlegen trat er zu Ester und Stephen und bedankte sich für die Kleidung.

„Sie gehörten meinem älteren Sohn Roy, er ist vor zwei Jahren gestorben.“ Trauer schwang in Esters Stimme. Schon lag Eric die Frage auf der Zunge, ob Roy auch der Halbbruder von Oliver gewesen war, doch er verkniff sie sich.

Sie saßen am Tisch und aßen Brot, Käse und Wurst. Dazu tranken sie Wasser. Es war ein heiteres Beisammensein.

„Ich habe schon lange nicht mehr soviel gelacht, wie heute Abend. Dank deiner Witze, Stephen.“

Eric hielt sich noch immer den Bauch vor Lachen. Stephen grinste, doch er rieb sich mittlerweile ständig die Augen vor Müdigkeit.

„So, mein Sohn, Abmarsch ins Bett“, befahl seine Mutter, seinen Protest ignorierend.

Ester schob ihn in Richtung der Schlafkammer, gab ihm noch einen Gute-Nacht-Kuss und wartete einen Moment. Dann vergewisserte sie sich, ob er wirklich im Bett lag und kam dann zu Eric zurück.

Als sie sich wieder an den Tisch setzte, sah sie Eric geradewegs in die Augen. Sie hatte die tragische Geschichte der Familie Eddings gehört: Lady Diana und ihre Tochter Deria waren während der großen Fieberepidemie gestorben. So war es jedenfalls bekannt, doch als Ester den Eric Eddings vor sich genauer betrachtete, hatte dieser wenig Ähnlichkeit mit dem Jungen, der vor einigen Jahren zusammen mit Sir Robert auf der Bärenburg Rast gemacht hatte. Dieser Eric müsste jetzt schon kräftiger gebaut sein. Und markantere Gesichtszüge haben. Ohne Umschweife fragte Ester daher:

„Wie lange willst du diese Maskerade aufrechterhalten?“

Eric saß wie vom Donner gerührt da und wusste im ersten Moment nicht, wie Ester ihn so schnell durchschaut hatte. Ihm war sofort klar, was sie meinte, denn ihr Blick sprach Bände.

„Bis Oliver verheiratet ist. Dann bin ich frei!“, antwortete Deria genauso offen zurück.

„Das glaubst du doch nicht allen Ernstes?“, fragte Ester erstaunt.

„Wieso denn nicht?“, wollte jetzt das Mädchen wissen.

„Wenn du es ihm nicht sofort sagst, wird er es wahrscheinlich früher oder später herausfinden. Dann wird er furchtbar wütend auf dich sein und dich bestrafen.“

„Dann hau ich eben vorher ab. Er kann mir dann nichts mehr anhaben“, verteidigte sich Deria weiter, aber ihre Stimme klang schon nicht mehr ganz so zuversichtlich.

„Deria, er wird dir dann einen anderen Ehemann suchen. Du bist sein Mündel! Hast du diese Möglichkeit denn gar nicht in Betracht gezogen?“, fragte Ester weiter.

Die Erkenntnis, dass Ester sie sofort durchschaut hatte und die Aussicht, dass Oliver ihr womöglich einen Ehemann suchen würde, versetzte Deria in panische Angst. Sie schluckte schwer. Alles war umsonst gewesen. Zwei Jahre hatte sie geglaubt, die perfekte Lösung gefunden zu haben und dann hatte ihr Vater alles zunichte gemacht. Jetzt liefen die Tränen in ihrem Gesicht hinunter.

„Ich weigere mich jemanden zu heiraten, der mich nicht liebt und den ich nicht liebe!“, schrie Deria und sah Ester trotzig an.

„Ach Deria, ich versteh dich ja. Aber wir Frauen müssen gehorchen. Du musst es Oliver sagen, bevor es zu spät ist.“

Tröstend legte Ester ihre Hand auf Derias.

„Das kann ich nicht, Ester. Er wird mich umbringen.“