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Dies ist die Geschichte des Tagträumers Philip (12), der von seinen Eltern vernachlässigt wird. Philip zeigt "Auffälligkeiten", denn er kungelt verbotenerweise Spielzeuge mit anderen Kindern und neigt zu vielfältigen "Streichen". Aus diesem Gründen schalten die Eltern einen Psychologen ein. Die Tatsache, dass Philipo zum "Seelenklempner" gehen muss, führt zu Ausgrenzung bei anderen Kindern seines Alters. Nach einem Streit mit Jugendlichen sucht Philip Schutz im wurmzerfressenen Haus am Bach, wo er einen Soldaten auf der Flucht trifft. Zwischen Philip und dem Fremden entwickelt sich eine Freundschaft ... Soll er seinen Eltern hiervon erzählen? LESERSTIMMEN: "Ein herausragendes Werk voller Zauber und Poesie ..." (Franz Leiße) "Zeitlose Geschichten aus der Kindheit." (Yuuto Nakamura) "Ein Plädayer für die menschliche Fantasie ..." (Arnold Andreas) "Lesegenuss vom Allerfeinsten!" (Susanne Brinkmann) "Versteckter Humor ..." (Jutta Wölk)
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Seitenzahl: 117
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Erhard Schümmelfeder
KUNGELBOY
Roman
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort des Autors
Das Chang
Das wurmzerfressene Haus
In der Schule passiert etwas
Eine Lampe fällt von der Decke
Die Emaildetektive
Eine bahnbrechende Erfindung
Das Duell
Die Tänzerin auf dem Küchentisch
Ein peinlicher Zwischenfall
In letzter Sekunde
Die Strumpfhose im Apfelbaum
Missverständnisse
Das Kungelbuch
Der Korkenzieher in der Manteltasche
Die Orgelpfeifenbande
Im Kreuzverhör
Gurkensalat
Zwei Verurteilungen
Der brennende Bahndamm
In der Scheune
Der Mann mit dem wurmzerfressenen Gesicht
Der Herr der Scheune
Eckstein, Eckstein
Das Versteck
Das Autowrack auf der Brücke
Ein schwerer Fehler
Der geplatzte Kragen
Auf frischer Tat ertappt
Das Falsche ist das Richtige
Das Geheimnis des Sauerkrauts
Email an eine Unbekannte
Email von Donna
Abenteuer in Afrika
Das Glück in der Dose
Ein Geheimnis wird gelüftet
Der Abrissbagger
Beim Seelenklempner
Die Macht des Chang
Nachtwache
Eine Überraschung mit M
Die Botschaft im Staub
Impressum neobooks
Meine Erzählung Kungelboy ist der Versuch, das reale und gedankliche Erleben eines zwölfjährigen Jungen in einer handlungsstarken und bunt schillernden Geschichte zum Ausdruck zu bringen. Philip, die Hauptgestalt meines Buches, ist ein Tagträumer. Seine Wahrnehmungen sind geprägt durch eine Vermischung von Realität und phantastischer Traumwelt. Als Autor interessiere ich mich für die poetischen Bilder, die wesentliche Bestandteile der kindlichen Weltbetrachtung sind. Vielleicht, so vermute ich, ist die literarische Auseinandersetzung mit der kindlichen Lebenswelt mein sehnsuchtsvoller Versuch, das eigene innere Kind zu ergründen und zu bewahren.
Kungelboy ist kein Jugendbuch im klassischen Sinne; vielmehr richtet es sich vornehmlich an erwachsene Leser, die die Fähigkeit besitzen, sich einzufühlen in die Seele eines introvertierten Jungen, der an der Schwelle zwischen Kindheit und Jugend steht. Philips Abenteuer bieten dem Leser Impulse für die Rückbesinnung auf die eigene Kindheit, die ein prägender Erkenntnisbaustein im Gesamtgefüge jeder menschlichen Biografie ist.
Vergnügliche und spannende Unterhaltung bei der Lektüre wünscht
Erhard Schümmelfeder
Philip glaubte nicht an Zauberei, auch dann nicht, wenn eine Verpackung mit gelber Sternenschrift auf blauem Grund das Wort Wundertüte anpries.
Auf dem Trödelmarkt, im dichten Menschengedränge, fasste er in seine Hosentasche, holte die übriggebliebenen Münzen hervor und zählte sie. Was konnte er für 3 Euro kaufen?
Jungen und Mädchen boten an den Verkaufsständen ihre Besitztümer an: Hörspielcassetten, CDs, Matchboxautos, Plastikpanzer, Comics, Fantasyfiguren, Filmcassetten ... Eigentlich war es ihm fast gleich, was er kaufen würde. Auf einem Tisch, den er bereits zweimal abgeschritten hatte, sah er wieder die blaue Wundertüte mit den gelben Sternen.
»Wie viel?«, fragte er den Jungen mit den Sommersprossen auf der Nase.
»Drei Euro.«
»Ich habe aber nur zwei«, schwindelte er.
Der Junge beschrieb eine abwinkende Macht-nichts-Geste und hielt Philip seine geöffnete rechte Hand über den Verkaufstisch entgegen.
Philip ließ die beiden Münzen in die Hand purzeln und ergriff die flache Papiertüte. Er drehte sich herum und spürte sogleich, während er langsam weiterging, ein Gefühl von Enttäuschung über das geringe Gewicht der Tüte, die er am oberen Rand aufriss. Den schmalen Papierstreifen ließ er zu Boden zappeln. Er zog ein streichholzgroßes pechschwarzes Plastikgehäuse hervor und betrachtete es von allen Seiten. In der Mitte des Kästchens befand sich ein runder roter Knopf, der, als er ihn hinunterdrückte, mit einem sanften Chang einrastete und kurz hell aufleuchtete. In diesem Moment stieß ein vorbeieilender Mann hart gegen Philips Schulter, wobei die Tüte auf den Bürgersteig fiel. Achtlos schritten die Leute darüber hinweg. Zuerst wollte Philip sie dort liegenlassen, da sie offensichtlich keine Kostbarkeiten mehr enthielt. Aber dann bückte er sich danach. Vielleicht hatte er das Beste dieses Kaufes übersehen. Er hob die Tüte auf und blies leicht von oben gegen die offengerissene Stelle, wobei sich Vorder- und Rückseite der Verpackung nach außen wölbten. Im Innern fand er einen weißen Zettel, auf dem in gaukelnden schwarzen Buchstaben ein kurzer Text stand. Er las:
DAS CHANG
Suchst Du das Abenteuer, das Glück, das Besondere? - Ein Knopfdruck verändert Dein Leben! Wann immer Du das CHANG benutzt, wird es Deinem Leben eine Wendung geben.
Gebrauch nur auf eigene Gefahr.
Ein Glücksbringer? Made in Hongkong. Eigentlich hatte Philip sich etwas Anderes gewünscht. Etwas Wertvolles mit Gewicht, das sich, wenn es ihm nicht gefiele, zum Tauschen eignete. Aber für zwei Euro konnte man nicht viel verlangen. Er bahnte sich seinen Weg nach Hause durch den Menschenstrom in der Einkaufsstraße.
Unterwegs drückte er den für eine Sekunde rot aufleuchtenden Knopf des Kästchens. Chang machte es, nachdem der Knopf mit einem sanften Knacken eingerastet war. Philip hörte das leise schwirrende Ausklingen einer Sprungfeder im Innern des Gehäuses. Eine weiße Wolke am Himmel schob sich für einen Moment vor die Sonne, während ein Schatten über die Stadt hinweg glitt.
Plötzlich entschloss er sich, noch einmal über den Trödelmarkt zu schlendern. Vielleicht konnte er sich von seinem letzten Euro ein Eis kaufen und das nutzlose Ding in seiner Hand gegen ein Buch oder einen anderen Gegenstand eintauschen.
Als er das Haus seiner Eltern betrat, vernahm er sogleich die Stimme seiner Mutter, die ihm aus der Küche entgegenkam.
»Philip Korsakoff, würde es dir etwas ausmachen, die Tür künftig ein wenig leiser ins Schloss fallen zu lassen?«
Nein, es machte ihm nichts aus.
»Hast du wieder gekungelt?«
»Nein, verflucht, habe ich nicht«, antwortete er und hielt ihr seine leeren Hände entgegen.
»Darf ich deine Taschen sehen?«
Ja, sie durfte. Philip zog zuerst das linke, dann das rechte Futter seiner Taschen hervor und lieferte ihr den Beweis dafür, zu Unrecht verdächtigt zu werden. Eigentlich bedeutete ihm das Kungeln nichts mehr. Doch die Anrufe empörter Eltern, mit deren Söhnen er gelegentlich kungelte, hatten ihm einen zweifelhaften Ruf, den Beinamen Kungelboy und in der kommenden Woche einen Gesprächstermin beim Psychologen eingebracht.
»Na gut«, sagte seine Mutter nach einem kritischen Blick und ließ ihn in sein Zimmer gehen.
Als er die Tür leise geschlossen hatte, zog er die Gardine beiseite, öffnete den Fensterflügel, nahm das Chang von der Außenfensterbank und steckte es in seine rechte Hosentasche. Mit Streichen wie diesem waren Gameboyspiele, CDs, Walkmans, Bücher, Comics, Filme und andere Kostbarkeiten unbemerkt in sein Zimmer geschmuggelt worden, seit seine Eltern ihn misstrauisch kontrollierten. Philip war dabei, sich das aus Langeweile und Trotz entstandene Kungeln abzugewöhnen, doch sein zweifelhafter Ruf schien an ihm zu kleben.
Er schaltete den PC auf seinem Schreibtisch ein. Während der Rechner zu summen begann und der Bildschirm sein Auge öffnete, blickte er durch das Fenster zum nahegelegenen Bach, an dessen mit Brennnesseln bestandenem Ufer das wurmzerfressene Haus darauf wartete, irgendwann vor dem Winter niedergerissen zu werden. Schon als kleiner Junge hatte er am gluckernden Wasser gespielt und mit den anderen Kindern Steine in die Scheiben des alten Hauses geworfen. Nun waren die Fenster mit Brettern vernagelt. Er hoffte, das Haus würde noch bis Halloween überleben, denn an diesem Tag sollte Dirk, mit dem er sich seit Beginn des Schuljahrs öfter traf, seine nächtliche Mutprobe bestehen. Es war ein gruseliger Spaß, für den sie einerseits schon zu alt, andererseits noch nicht alt genug waren.
Als Philip die Verbindung zum Chatroom hergestellt hatte, schickte er Dirk seine Nachricht:
SUCHST DU DAS ABENTEUER, DAS GLÜCK, DAS BESONDERE? DANN MUSST DU DEN WEIßEN KNOPF DRÜCKEN.
Keine Antwort. Wahrscheinlich lag Dirk auf seinem Bett und sah fern, während der eingeschaltete Computer in der hinteren Ecke seines Zimmers unbemerkt vor sich hin flimmerte. Dirk war mit seiner Familie erst vor wenigen Monaten in diese Stadt gezogen. Für Leute, die nicht immer hier gewohnt hatten, verwendete Philips Mutter manchmal das Wort Zugezogene. Seinen Vater, der als Einheimischer galt, bezeichnete sie hingegen manchmal als zugeknöpft. Er tippte den nächsten Satz:
BIST DU BEREIT, DEINEN MUT AUF HALLOWEEN ZU BEWEISEN?
Zuerst sah es aus, als würde die Antwort ausbleiben, doch dann erschien langsam auf dem Bildschirm, Buchstabe für Buchstabe, Dirks Erwiderung:
ICH DACHTE, DAS WÄRE NUR EIN SCHERZ. WAS SOLLTE ICH DENN TUN?
Philip antwortete:
DU WEIßT ES.
NICHT MEHR GENAU. - ES GEHT UM DAS WURMZERFRESSENE HAUS.
DU HAST ES ALSO NICHT VERGESSEN. - WEIßT DU AUCH, WER NOCH IMMER IM KELLER DES WURMZERFRESSENEN HAUSES LEBT?
DER MANN MIT DEM WURMZERFRESSENEN GESICHT. HAHAHA.
EINE NACHT MUSST DU ALLEIN IN DEM HAUS BLEIBEN. DANN HAST DU DIE MUTPROBE BESTANDEN. BIST DU BEREIT?
Wieder zögerte Dirk. Dann mailte er:
LASS DOCH DEN QUATSCH. ES GIBT KEIN ABENTEUER UND ES GIBT AUCH KEINE MUTPROBE. AUßERDEM DARF ICH NICHT MEHR MIT DIR SPIELEN.
WER SAGT DAS?
MEINE MUTTER. SIE WEIß VON DEM KOPFHÖRER, DEN DU MIR ABGEKUNGELT HAST. SIE WILL BEI DEINEN ELTERN ANRUFEN.
Manche Dinge ließen sich nicht am Bildschirm lösen. Eilig tippend stellte Philip seine Frage:
WANN KÖNNEN WIR UNS SEHEN?
MORGEN. IN DER SCHULE.
HEUTE NICHT MEHR?
ICH DARF NICHT AUS DEM HAUS GEHEN. AUßER -
AUßER?
NA, UM 6. ICH MUSS DIE MILCH VOM BAUERN HOLEN: HEUTE ABEND GIBTS BEI UNS MILCHREIS MIT HEIßEN KIRSCHEN.
Philip wartete hinter der Litfasssäule, bis er Dirk in der Abenddämmerung mit der Milchkanne aus dem Torbogen des Erlenhofes kommen sah. Langsam schlenderte er ihm entgegen.
»Da bist du ja.«
»Meine Mutter ist stinksauer auf dich«, sagte Dirk.
»Wegen dem blöden Kopfhörer?«
»Der hat über 50 Mäuse gekostet.«
»Rauscht und knistert aber trotzdem. Kannst ihn gleich zurück haben«, sagte Philip und gab ihm die Plastiktüte.
»Die zwei CDs bringe ich morgen zur Schule mit«, sagte Dirk. Er machte nicht den Eindruck, als wolle er weiter über die Sache reden.
Philip spürte die warmen Strahlen der Abendsonne durch seinen wollenen Pullover hindurch. Er fragte: »Kannst du deine Mutter dazu bringen, nicht bei uns zu Hause anzurufen?« Er fügte bedrückt hinzu: »Es wäre sonst eine Katastrophe.«
»Versuchen kann ichs«, antwortete Dirk. »Aber rechne mit dem Schlimmsten. Sie hat was gegen dich.«
Zwei Mädchen mit Gitarrentaschen gingen vorüber. Auf der anderen Straßenseite leerte der Postbote einen Briefkasten bei der Telefonzelle. Da fiel Philips Blick auf die Milchkanne.
»Ich wollte dir noch den Trick zeigen.«
»Was fürnTrick?«
»Du hast doch nicht geglaubt, ich könnte eine Milchkanne durch die Luft schleudern, ohne dabei Milch zu verlieren.«
Ungläubig entgegnete Dirk: »Ich weiß. Leute mit Mut müssen mit allen Wassern gewaschen sein. Vor allem mit Milch. Wie soll man eine Kanne durch die Luft schleudern, ohne -«
»Ich zeigs dir. Gib mal her, die Kanne.«
»Lieber nicht.«
Chang machte es gedämpft in Philips Hosentasche, als er den Knopf des Glücksbringers gedrückt hatte.
»Angst?«
»Na gut«, sagte Dirk ohne Überzeugung. »Hier. Aber pass auf. Ich hatte heute schon genug Scherereien.«
Philip ließ die halb gefüllte Milchkanne am Henkel wie ein schweres Uhrpendel über dem Bürgersteig hin und her schwingen, dann vergrößerte er den Schwung, fasste Mut - - - und ließ sie zweimal!, dreimal! durch die Luft sausen, ohne einen Tropfen Milch herausfließen zu lassen.
»Gut«, sagte Dirk überrascht. »Echt gut.«
»Jetzt bist du dran.«
»Meinst du, ich schaffe es?«
»Du schaffst es. Weiß ich ganz genau.«
Während die Kanne in Dirks Hand über dem Bürgersteig zu pendeln begann, sagte er: »In der nächsten Zeit solltest du meiner Mutter besser aus dem Wege gehen.« Dann schleuderte er die Kanne einmal durch die Luft. »He, ich habs geschafft. Prüfung bestanden.«
»Sag ich doch. Ist kinderleicht.«
Dirk öffnete den Deckel, tauchte den linken Zeigefinger erst in die Milch und dann in den Mund.
»Ich dachte schon, die Milch wäre in der Kanne festgefroren.«
»Festgefroren«, sagte Philip kopfschüttelnd, während sie die Straße überquerten. »Im Oktober.« Sie gingen über den Schotterplatz zum Haus von Dirks Eltern.
»Hätte ja auch irgendein anderer fauler Trick sein können.«
»Das ist kein fauler Trick.«
»Ausnahmsweise hast du mal Recht«, gab Dirk zu. »Der Trick ist gut.« Einen Moment blieb er stehen »Stimmt es, was über dich erzählt wird?«
»Was wird denn erzählt?«
»Du sollst zum Seelenklempner?«
Woher wusste Dirk davon? Wahrscheinlich waren alle darüber informiert. Er antwortete: »Und wenn schon - eine ansteckende Krankheit habe ich jedenfalls nicht. - Hat deine Mutter sonst noch was gegen mich?«
»Was weiß ich. Sie sagt jedenfalls, du hättest einen schlechten Einfluss.«
»Auf wen?«
»Auf mich.«
»Blödsinn. - Wieso denn?«
»Sie meint, durch dich komme ich nur in Schwierigkeiten.«
Philip schwieg. Dirks Mutter wetterte und hetzte im Hintergrund seit Wochen gegen ihn. Das wusste er bereits. - Er sah nun, wie Dirk die Milchkanne pendeln ließ, erst langsam, dann schneller - - - einmal, zweimal kreiste sie durch die Luft. Plötzlich wurde die Drehbewegung langsamer. Dirk blickte an seinem aufgerichteten Uhrzeigerarm in die Höhe, so als wolle er prüfen, ob nicht doch ein fauler Zauber hinter dem Trick stecke.
»Was für Schwierigkeiten?«, fragte Philip seinen Freund.
Im gleichen Moment löste sich der Plastikdeckel der Kanne und die Milch ergoss sich wie ein Sturzbach über Dirks Kopf.
»Solche Schwierigkeiten«, prustete er und schüttelte sich. »Mann, was sage ich denn jetzt meiner Mutter?«
»Versuchs einfach mal mit der Wahrheit«, sagte Philip, steckte beide Hände in die Taschen, wandte sich von Dirk ab und schlenderte langsam die Straße hinunter in die Richtung des wurmzerfressenen Hauses.
Wie langweilig alles war. Nichts Neues geschah am ersten Schultag nach den Herbstferien. Gleich würden sie wieder ihre Bücher schlagen. Philip nahm sich vor, sein Buch aufzubiegen oder aufzuklappen. Keinesfalls würde er es schlagen.
»So«, sagte Herr Vahle trocken. »Dann schlagt eure Bücher auf. Seite 14.«
Schlagen. Blättern. Biegen. Klappen. Jemand gähnte. Ein Bleistift fiel zu Boden. Jetzt müsste etwas passieren, dachte Philip. Er fasste in seine rechte Hosentasche und fühlte die glattpolierte Seitenfläche des Chang. Er glaubte nicht an Zauberei. Er hörte neben sich Dirk husten. Dann vernahm er das sanfte Einrasten des Knopfes. Konnte man das aufleuchtende Licht durch den Jeansstoff sehen? Nein. Er war darauf gefasst, vom Chang enttäuscht zu werden. Seine Augen wanderten über die Seite 14. In dem blauen Himmel über einer Sandwüste stand die orangene Überschrift: Jesus lädt uns ein zum Heiligen Mahl.
Herr Vahle nahm die Kreide und schrieb den Satz schwunglos aber ordentlich an die Tafel. Dann legte er das Kreidestück in das Fach zurück, drehte sich herum und rieb seine Hände, von denen weißer Puder zu Boden schwebte. »Diesen Satz schreibt ihr in euer Heft«, sagte er.
Niemand in der Klasse bemerkte, dass etwas nicht stimmte. Alle kritzelten Wort für Wort, was von der Tafel prangte, aufs Papier:
