Kuss der Finsternis - Kresley Cole - E-Book

Kuss der Finsternis E-Book

Kresley Cole

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Beschreibung

Vor langer Zeit verlor die Walküre Kaderin ihre geliebten Schwestern im Kampf gegen Vampire. Seither ist sie auf einem erbitterten Rachefeldzug gegen das Geschlecht der Blutsauger. Unfähig, tiefere Gefühle zu entwickeln, führt Kaderin das Leben einer Auftragsmörderin. Doch als sie den Vampir Sebastian töten soll, scheitert sie kläglich. Der verführerische Sebastian weckt längst verloren geglaubte Empfindungen und ein verzehrendes Verlangen in ihr. Aber kann Kaderin ihren Kampf gegen die Vampire aufgeben, nur weil einer von ihnen ihr Herz erobert hat?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 532




Kresley Cole

Roman

Ins Deutsche übertragen von Bettina Oder

Für Bretaigne E. Black, Mannschaftskameradin am College, verantwortlich für Hochzeits-Geschenkepartys in Toga-Gewandung, Organisatorin von „Wine & Sign“-Lesereisen und liebe, teure Freundin.

Ich weiß nicht, was ich ohne meine Bebs tun würde.

Danksagung

Mein zutiefst empfundener Dank richtet sich an drei wunderbare Frauen und wirklich talentierte Autorinnen: an Gena Showalter für ihre unglaubliche Unterstützung, an Caro Carson, die im Notfall immer für mich da ist, und an Barbara Ankrum, deren scharfem Auge nichts entgeht, für ihre Ermutigung. Und ich möchte mich bei Richard bedanken, meinem wunderbaren Mann, der den genauen Zeitpunkt von Sonnenauf- und -untergang auf der ganzen Welt festgestellt und die Reise- und Transportlogistik in diesem Buch verifiziert hat.

Prolog

Herrenhaus Blachmount, Estland

September 1709

Zwei meiner Brüder sind tot, dachte Sebastian Wroth. Er lag auf dem Boden und starrte an die Decke, während er mit aller Macht darum kämpfte, sich nicht vor Schmerzen zu winden. Oder halb tot.

Er wusste nur, dass sie irgendwie… anders waren, als sie aus dem Krieg zurückkehrten. Das Grauen des Krieges veränderte jeden Soldaten, aber Sebastians Brüder waren wie ausgewechselt.

Nikolai, der Älteste, und Murdoch, der Zweitälteste, waren endlich von der estnisch-russischen Grenze nach Hause zurückgekommen, obwohl Sebastian es kaum glauben konnte. Sie mussten dem Krieg, der nach wie vor zwischen den beiden Ländern wütete, den Rücken gekehrt haben.

Draußen tobte ein schrecklicher Sturm, der von der nahe gelegenen Ostsee über das Land peitschte, und aus dem strömenden Regen heraus betraten die beiden Gut Blachmount. Ihre durchnässten Hüte und Mäntel behielten sie an. Die Tür ließen sie hinter sich offen stehen.

Sie standen bewegungslos da, wie versteinert.

Vor ihnen befanden sich, über die Haupthalle verstreut, die blutigen Überreste dessen, was einmal ihre Familie gewesen war. Vier Schwestern und ihr Vater lagen im Sterben – von der Pest dahingerafft. Sebastian und der jüngste Bruder Conrad lagen, von Messerstichen übel zugerichtet, mitten unter ihnen. Sebastian war noch bei Bewusstsein, der Rest von ihnen gnädigerweise nicht mehr, nicht einmal Conrad, obwohl er noch immer vor Schmerzen stöhnte.

Nikolai hatte Sebastian und Conrad erst vor wenigen Wochen nach Hause geschickt, um die Familie zu schützen. Und jetzt waren sie alle dem Tod geweiht.

Blachmount, der Stammsitz der Wroths, war für die umherstreifenden Banden plündernder russischer Soldaten eine zu große Versuchung gewesen. In der vergangenen Nacht hatten sie das Gut angegriffen, auf der Suche nach den Reichtümern und Lebensmittelvorräten, die es dort Gerüchten zufolge geben sollte. Sebastian und Conrad hatten versucht, Blachmount gegen Dutzende von Angreifern zu verteidigen, doch schließlich wurden sie überwältigt und durch Stiche in den Unterleib niedergemacht – wenn auch nicht getötet. Die anderen Familienmitglieder blieben unverletzt. Sebastian und Conrad hatten die Soldaten lange genug aufgehalten, bis sie begriffen hatten, dass in diesem Haus die Pest wütete.

Daraufhin waren die Eindringlinge geflüchtet, wobei sie ihre Schwerter in den Leibern der Verwundeten stecken ließen …

Als Nikolai sich über Sebastian beugte, tropfte Wasser von seinem langen Mantel und mischte sich mit dem Blut des Bruders, das auf dem Boden gerann. Er sah Sebastian mit einem so bitteren Gesichtsausdruck an, dass dieser für einen Moment glaubte, sein Bruder sei von seinem und Conrads Versagen angewidert – so angewidert wie Sebastian selbst.

Dabei ahnte Nikolai nicht einmal die Hälfte von dem, was geschehen war.

Doch Sebastian wusste es besser; er wusste, dass Nikolai auch diese Bürde auf sich nehmen würde, so wie alle anderen zuvor. Sebastian hatte seinem ältesten Bruder immer sehr nahegestanden, und er glaubte fast, Nikolais Gedanken hören zu können, als ob es seine eigenen wären: Wie konnte ich bloß erwarten, ein Land zu verteidigen, wo ich doch nicht einmal mein eigen Fleisch und Blut verteidigen konnte?

Leider war es ihrem Heimatland Estland keinen Deut besser ergangen als ihrer Familie. Im Frühling hatten russische Soldaten die Ernte geraubt und dann die Erde mit Salz unbrauchbar gemacht und verbrannt. Diesem Boden würde man nicht ein einziges Korn mehr entlocken können, und das ganze Land hungerte. Geschwächt und ausgemergelt, waren die Menschen eine leichte Beute für die Pest gewesen.

Nachdem sie sich von dem Schock erholt hatten, zogen sich Nikolai und Murdoch zurück und beratschlagten in harschem Flüsterton. Dabei zeigten sie auf ihre Schwestern und ihren Vater, als ob sie über etwas debattierten.

Über Conrad, der bewusstlos auf dem Boden lag, oder Sebastian selbst schienen sie allerdings nicht zu diskutieren. Hatten sie über das Schicksal ihrer jüngeren Brüder bereits entschieden?

Selbst im Delirium begriff Sebastian, dass sich die beiden irgendwie verändert hatten – sie hatten sich in etwas verwandelt, das sein vom Fieber umnebelter Verstand kaum begreifen konnte. Ihre Zähne hatten sich verändert: Die Eckzähne waren länger, und seine Brüder schienen sie vor Wut und Angst zu blecken. Ihre Augen waren vollkommen schwarz, und doch glühten sie in der finsteren Halle.

Als Junge hatte Sebastian immer den Erzählungen seines Großvaters über Teufel mit schrecklichen Reißzähnen, die in den nahe gelegenen Sümpfen hausten, gelauscht.

Vampiir.

Sie konnten sich nach Belieben in Luft auflösen und wieder erscheinen und sich auf diese Weise mit Leichtigkeit von Ort zu Ort bewegen. Als Sebastian nun durch die immer noch offen stehende Tür nach draußen blickte, war weit und breit kein schweißbedecktes Pferd zu entdecken, das in aller Eile festgebunden worden war.

Es waren Kinderräuber und Blutsauger, die sich von menschlichen Wesen ernährten, als ob es sich um Vieh handelte. Oder, schlimmer noch, sie verwandelten Menschen in ihresgleichen.

Sebastian wusste, dass seine Brüder jetzt zu diesen verfluchten Dämonen gehörten. Und er fürchtete, dass sie die gesamte Familie ebenfalls zu diesem Schicksal verurteilen wollten.

„Tut das nicht“, flüsterte Sebastian.

Nikolai hörte ihn, obwohl er eigentlich viel zu weit entfernt stand, und kam zu ihm herüber. Er kniete nieder und fragte ihn: „Du weißt, was wir jetzt sind?“

Sebastian nickte schwach, während er ungläubig in Nikolais schwarze Iriden hinaufstarrte. „Und ich vermute …“, er holte keuchend Luft, „… dass ich auch weiß, was ihr vorhabt.“

„Wir werden dich und die Familie wandeln, so wie wir gewandelt wurden.“

„Lasst mich aus dem Spiel“, sagte Sebastian. „Ich will es nicht.“

„Du musst, Bruder“, murmelte Nikolai. War da ein Flackern in seinen unheimlichen Augen? „Oder du wirst noch in dieser Nacht sterben.“

„Gut“, erwiderte Sebastian mit rauer Stimme. „Das Leben ist schon seit Langem nur noch ermüdend. Und jetzt, wo die Mädchen im Sterben liegen …“

„Wir werden versuchen, auch sie zu wandeln.“

„Das wagt ihr nicht!“, brüllte Sebastian.

Murdoch sah Nikolai von der Seite an, aber Nikolai schüttelte den Kopf. „Heb ihn hoch.“ Seine Stimme klang so hart wie Stahl – derselbe Ton, den er als General in der Armee benutzt hatte. „Er wird trinken.“

Obwohl Sebastian sich laut fluchend wehrte, richtete Murdoch ihn in eine sitzende Position auf. Dabei strömte mit einem Mal ein ganzer Schwall Blut aus Sebastians Bauchverletzung. Nikolai zuckte bei dem Anblick zurück, doch dann öffnete er mit einem Biss sein Handgelenk.

„Respektiere meinen Willen in dieser Angelegenheit, Nikolai“, stieß Sebastian in verzweifeltem Tonfall hervor. Er nutzte seine letzten Kraftreserven, um Nikolais Arm zu umklammern und dessen Handgelenk von sich wegzuhalten. „Zwing mich nicht dazu. Leben ist nicht alles.“

Über dieses Thema hatten sie sich oft gestritten. Nikolai hatte stets die Auffassung vertreten, dass Überleben das Allerwichtigste sei. Sebastian hingegen glaubte, dass der Tod besser als ein Leben in Schimpf und Schande sei.

Nikolai schwieg. Seine schwarzen Augen zuckten über Sebastians Gesicht, während er überlegte. Schließlich antwortete er: „Ich kann nicht … Ich werde nicht zusehen, wie du stirbst.“ Seine Stimme war leise und rau; er schien kaum noch imstande zu sein, seine Gefühle im Zaum zu halten.

„Du tust das nur für dich selbst“, sagte Sebastian, dessen Stimme immer mehr an Kraft verlor. „Nicht für uns. Du belegst uns mit einem Fluch, um dein Gewissen zu beruhigen.“ Er durfte nicht zulassen, dass Nikolais Blut seine Lippen berührte. „Nein … verdammt sollst du sein, nein!“

Aber sie stemmten seinen Mund auf, ließen das heiße Blut hineintropfen und hielten ihm dann den Mund so lange zu, bis er es schluckte.

Sie hielten ihn immer noch fest, als er seinen letzten Atemzug tat und das Bewusstsein verlor.

Und niemand vernimmt des Postboten Klopfen,

Ohne dass sich sein Herzschlag belebt.

Denn wer ertrüge es, sich vergessen zu wähnen?

W. H. Auden

1

Schloss Gornyi, Russland

Gegenwart

Zum zweiten Mal in ihrem Leben zögerte Kaderin die Kaltherzige, einen Vampir zu töten.

Im letzten Moment eines lautlosen, tödlichen Hiebs hielt sie inne, sodass ihr Schwert nur wenige Zentimeter über dem Hals ihres Opfers verharrte – sie hatte bemerkt, dass er seinen Kopf in die Hände stützte.

Sie sah, wie sich sein riesiger Körper anspannte. Als Vampir wäre es ein Leichtes für ihn, sich zu translozieren – einfach zu verschwinden. Stattdessen hob er sein Gesicht, um sie mit dunkelgrauen Augen anzublicken – so grau wie der Himmel, kurz bevor ein Sturm losbrach. Überraschenderweise zeigten sie keinerlei Spuren jener Rotfärbung, die ein sicheres Zeichen für die unersättliche Blutgier eines Vampirs war. Das bedeutete, dass er nie so lange von einem Lebewesen getrunken hatte, bis es tot war. Noch nicht.

Mit diesen Augen sah er sie flehentlich an, und ihr wurde klar, dass er sich nach dem Ende sehnte. Er wollte den Todesstoß, den auszuführen sie eigens in sein baufälliges Schloss gekommen war.

Ohne den geringsten Laut zu verursachen, hatte sie ihm aufgelauert und sich auf einen Kampf mit einem bösartigen Raubtier vorbereitet. Kaderin war zusammen mit einigen anderen Walküren in Schottland gewesen, als sie den Anruf erhalten hatten, dass in Russland ein Vampir in einem Schloss hause und ein Dorf terrorisiere. Nur zu gern hatte sie sich freiwillig gemeldet, um den Blutsauger zu vernichten. In ihrem Koven war sie die erfolgreichste Vampirjägerin. Sie widmete ihr Leben einer einzigen Aufgabe: die Erde von Vampiren zu befreien.

In Schottland hatte sie gerade – vor diesem Ruf nach Russland – drei von ihnen umgebracht.

Also, wieso zögerte sie jetzt? Warum zog sie langsam ihr Schwert zurück? Er wäre doch nur einer von Tausenden, die sie bereits getötet hatte; auch ihm würde Kaderin die Fänge herausbrechen und sie zu den anderen auf ihre Trophäenschnur fädeln.

Als sie das letzte Mal gezögert hatte, hatte dies zu einer dermaßen grauenhaften Tragödie geführt, dass ihr Herz für alle Zeit gebrochen war.

Mit tiefer, rauer Stimme fragte der Vampir: „Wieso zögerst du?“ Der Klang seiner eigenen Worte schien ihn zu erschrecken.

Ich weiß nicht, wieso. Unbekannte Empfindungen durchzuckten ihren Körper. Ihr Magen zog sich zusammen. Ihre Lunge lechzte nach Luft, als ob sich ein Band fest um ihre Brust gelegt hätte. Ich begreife einfach nicht, wieso.

Draußen wehte der Wind, glitt über die Berge und seufzte durch den hohen Saal dieser düsteren Vampirhöhle. Unsichtbare Risse in den Wänden ließen die eisige Morgenluft eindringen. Als er sich nun erhob und zu seiner vollen imposanten Größe aufrichtete, fing ihre Klinge das flackernde Licht der Kerzen ein und erhellte seine Gestalt.

Das ernste Gesicht war hager und kantig. Andere Frauen würden es wahrscheinlich für attraktiv halten. Sein schwarzes Hemd war zerschlissen und stand offen, sodass seine Brust und ein Großteil seines wohlgeformten Oberkörpers zu sehen waren. Abgetragene Jeans saßen tief auf seiner schlanken Hüfte. Der Wind zerrte an seinen Hemdschößen und zerwühlte sein dichtes schwarzes Haar. Außergewöhnlich gut aussehend … Aber das sind die Vampire, die ich töte, schließlich oft.

Sein Blick richtete sich auf die Spitze ihres Schwerts. Dann, als ob er die Bedrohung durch ihre Waffe vollkommen vergessen hätte, musterte er ihr Gesicht, wobei seine Augen auf jedem Detail verweilten. Seine unverfrorene Begutachtung verunsicherte Kaderin, und sie umfasste den Schwertgriff mit aller Kraft – was sie sonst nie tat.

Ihr Schwert, das sie mit einer Diamantfeile zu meisterlicher Schärfe schliff, schnitt ohne große Anstrengung durch Knochen und Muskeln. Mit lockerem Handgelenk geführt, war sein Schwung so perfekt, als ob es eine Verlängerung ihres Armes wäre. Sie hatte es nie so fest gehalten.

Schlag ihm den Kopf ab. Ein Vampir weniger. Ein winzig kleiner Schritt in dem Bemühen, diese Spezies in Schach zu halten.

„Wie ist dein Name?“ Seiner Sprechweise nach zu urteilen könnte er dem Adel angehören, doch zugleich nahm sie einen vertrauten Akzent wahr. Estnisch. Obwohl Estland im Osten an Russland grenzte und seine Einwohner manchmal für eine Art nordeuropäische Russen gehalten wurden, erkannte sie den Unterschied und fragte sich, was ihn so weit von seiner Heimat weggeführt hatte.

Sie neigte den Kopf zur Seite. „Warum willst du das wissen?“

„Ich möchte gern den Namen der Frau kennen, die mich von alldem erlösen wird.“

Er wünschte sich zu sterben. Nach allem, was sie durch seinesgleichen erlitten hatte, lag es ihr absolut fern, dem Vampir in irgendeiner Art und Weise gefällig zu sein. „Du gehst davon aus, dass ich dir den Todesstoß versetzen werde?“

„Sollte ich mich da irren?“ Er verzog leicht seine Lippen, aber wenn das ein Lächeln war, dann ein trauriges.

Wieder packte sie das Schwert fester. Natürlich würde sie es tun. Keine Frage. Töten war ihr einziger Lebenszweck. Es war ihr gleichgültig, ob seine Augen rot waren oder nicht. Irgendwann würde er trinken, um zu töten, und er würde der Blutgier erliegen.

Es gab keine Ausnahmen.

Er ging um einen Stapel gebundener Bücher herum – nur ein kleiner Teil von Hunderten von Bänden, die im ganzen Raum verstreut lagen, mit Titeln in russischer und, ja, estnischer Sprache – und lehnte seinen gewaltigen Körper gegen die baufällige Wand. Es sah wirklich nicht danach aus, als würde er auch nur einen Finger zu seiner Verteidigung rühren.

„Aber bevor du das tust, sprich noch einmal. Deine Stimme ist wunderschön. So schön wie dein Gesicht.“

Sie schluckte und bemerkte mit Schrecken, dass ihre Wangen heiß wurden. „Zu wem gehörst du …?“ Sie verstummte, als er die Augen schloss, als ob es reine Glückseligkeit bedeutete, ihrer Stimme zu lauschen. „Zu den Devianten?“

Er riss die Augen wieder auf und blickte sie zornig an. „Ich gehöre zu niemandem. Vor allem nicht zu ihnen.“

„Aber auch du warst einmal menschlich, oder nicht?“ Die Devianten waren eine Armee, beziehungsweise ein Orden, der aus gewandelten Menschen bestand. Sie weigerten sich, Blut von lebenden Wesen zu trinken, da sie glaubten, dass dieser Akt für die hemmungslose Gier nach Blut verantwortlich sei. Indem sie Abstinenz übten, hofften sie, nicht wie die wahnsinnigen Vampire der Horde zu enden. Die Walküren hielten ihre Aussichten eher für gering.

„Ja, aber ich habe keinerlei Interesse an diesem Orden. Und du? Du bist auch kein Mensch, oder?“

Sie ignorierte seine Frage. „Warum hältst du dich in diesem Schloss auf?“, erkundigte sie sich. „Du hast die Dorfbewohner in Angst und Schrecken versetzt.“

„Ich habe diesen Besitz auf dem Schlachtfeld gewonnen, und das vollkommen rechtmäßig, also bleibe ich. Und ich habe ihnen niemals auch nur das Geringste zuleide getan.“ Er wandte sich ab und murmelte: „Ich wünschte, ich würde ihnen keine Angst einjagen.“

Kaderin musste diese Tötung endlich hinter sich bringen. In nur drei Tagen würde sie bei der Talisman-Tour antreten, einer tödlichen Version der Unsterblichen von Das große Rennen. Neben der Jagd auf Vampire war die Tour das Einzige, wofür sie lebte, und sie musste sich noch um ihre Reisevorbereitungen kümmern und einige Vorräte und Material beschaffen. Trotzdem hörte sie sich sagen: „Sie haben mir erzählt, dass du allein hier lebst.“

Er sah sie an und nickte kurz. Sie spürte, dass diese Tatsache ihn in Verlegenheit brachte, als ob er sich schuldig fühlte, weil er keine Familie besaß.

„Seit wann?“

Er zog seine breiten Schultern mit gespielter Gleichgültigkeit hoch. „Ein paar Jahrhunderte.“

Wie mochte das sein, so lange in Einsamkeit zu leben?

„Die Menschen im Dorf haben mich gerufen“, fuhr sie fort, auch wenn sie ihm keine Erklärung schuldete. Die Bewohner dieses entlegenen Dorfes gehörten dem Mythos an – ein buntes Gemisch von Unsterblichen und Fabelwesen, die sich vor den Menschen verbargen. Viele von ihnen verehrten die Walküren und zollten ihnen Tribut, aber das war nicht der Grund, wieso Kaderin an diesen abgeschiedenen Ort gereist war.

Die Aussicht, auch nur einen einzigen Vampir töten zu können, hatte sie angezogen. „Sie haben mich angefleht, dich umzubringen.“

„Wann immer es dir beliebt.“

„Warum tötest du dich nicht selbst, wenn es das ist, was du willst?“, fragte sie.

„Das ist … kompliziert. Aber du bewahrst mich vor einem solchen Ende. Ich weiß, dass du eine ausgezeichnete Kriegerin bist …“

„Woher weißt du, wer ich bin?“

Er wies mit einem Kopfnicken auf ihr Schwert. „Auch ich war einmal ein Krieger, und deine außergewöhnliche Waffe verrät viel.“

Die eine Sache, auf die sie stolz war – das Einzige in ihrem Leben, das ihr noch geblieben war und dessen Verlust sie nicht ertragen würde –, und ihm war seine Vortrefflichkeit aufgefallen.

Er näherte sich ihr und senkte seine Stimme. „Schlag zu, schönes Geschöpf. Sei gewiss, dass kein Ungemach über dich kommen kann, wenn du einen wie mich tötest. Es gibt keinen Grund zu zögern.“

Als ob dies eine Gewissensfrage wäre! Ganz und gar nicht. Das konnte es auch nicht sein. Sie hatte kein Gewissen. Keinerlei Empfindungen, keine tieferen Gemütsregungen. Sie war kaltherzig. Nach der Tragödie hatte sie um Vergessen gefleht, sie hatte gebettelt, dass ihre Verzweiflung und ihre Schuld betäubt werden mögen.

Irgendeine geheimnisvolle Macht hatte sie erhört und ihr Herz in Asche verwandelt. Kaderin verspürte weder Kummer noch Lust, weder Wut noch Freude. Nichts hielt sie vom Töten ab. Sie war eine tödliche Waffe. Schon seit eintausend Jahren, der Hälfte ihres bisherigen unsterblichen Lebens.

„Hast du das gehört?“, unterbrach er ihre Gedankengänge plötzlich. Die Augen, die um ein Ende gefleht hatten, verengten sich. „Bist du allein?“

Sie hob eine Augenbraue. „Ich brauche die Hilfe anderer nicht. Vor allem nicht bei einem einzigen Vampir“, fügte sie hinzu, doch ihre Stimme klang seltsam abwesend. Merkwürdigerweise war ihr Blick wieder zu seinem Körper gewandert. Über seinen Oberkörper nach unten, an seinem Bauchnabel vorbei bis hin zu dem dunklen Flaum, der sich weiter hinunterzog. Sie stellte sich vor, wie es wäre, mit einer ihrer scharfen Klauen darüberzustreichen und zu sehen, wie sein starker Körper daraufhin zitterte und bebte.

Ihre Gedanken verunsicherten sie. Am liebsten hätte sie ihr Haar hochgesteckt, damit die eisige Luft ihren Nacken abkühlen konnte …

Er räusperte sich. Als sie ruckartig ihren Blick wieder seinem Gesicht zuwandte, hob er die Augenbrauen.

Ertappt, wie sie ihr Opfer begaffte! Welche Erniedrigung! Was ist bloß mit mir los? Sie wurde genauso wenig von sexuellem Verlangen gesteuert wie dieser wandelnde Tote dort vor ihr. Sie schüttelte sich und zwang sich, daran zu denken, was geschehen war, als sie das letzte Mal gezögert hatte.

Vor langer, langer Zeit hatte sie einen von seinesgleichen auf dem Schlachtfeld verschont und laufen gelassen; einen jungen Vampirkrieger, der um sein Leben gebettelt hatte.

Doch er hatte sie für ihr Mitgefühl mit Hohn und Spott überschüttet. Ohne zu zögern hatte der Soldat ihre beiden Schwestern aufgesucht, die in der Ebene unter ihnen kämpften. Durch den Schrei einer anderen Walküre alarmiert, war Kaderin losgerannt und einen Hügel hinabgestolpert, der mit Leibern übersät war, lebenden und toten. In dem Moment, als sie sie erreicht hatte, hatte er ihre Schwestern abgeschlachtet.

Die jüngere, Rika, hatte es völlig unvorbereitet getroffen, denn Kaderins panischer Spurt hatte sie abgelenkt. Der Vampir hatte gelächelt, als Kaderin auf die Knie gesunken war. Er hatte ihre Schwestern mit einer brutalen Effizienz ermordet, die Kaderin seitdem imitierte. Sie würde gern sagen können, dass er der Erste war, an dem sie ihre neue Taktik ausprobiert hatte, aber sie hatte ihn noch eine ganze Weile am Leben erhalten.

Warum sollte sie also denselben Fehler zweimal machen? Das würde sie nicht. Sie hatte ihre Lektion gelernt und teuer dafür bezahlt.

Je schneller ich es erledige, umso schneller kann ich mit den Vorbereitungen für die Tour beginnen.

Sie straffte ihre Schultern und wappnete sich. Der Schwung ist das Wichtigste. Kaderin sah den Hieb vor sich, sie wusste genau, welchen Winkel sie wählen musste, damit sein Kopf auf dem Hals blieb, bis er fiel. Auf diese Art und Weise war es nicht so schmutzig. Und das war wichtig.

Sie reiste mit leichtem Gepäck.

2

Als junger Mann hatte sich Sebastian Wroth so vieles vom Leben erhofft, und da er in einer großen, wohlhabenden Familie aufgewachsen war, die ihn in jeder Weise unterstützte, hatte er geglaubt, dies stehe ihm zu.

Er hatte sich eine eigene Familie gewünscht, ein Heim, lachende Gesichter um den Kamin herum. Mehr als alles andere hatte er sich nach einer Frau gesehnt, einer Frau, die nur ihm ganz allein gehörte. Er war zutiefst beschämt, vor dieser fremden Kriegerin zuzugeben, dass er nichts von alldem erreicht hatte.

In diesem Moment war Sebastians einziger Wunsch, dieses faszinierende Geschöpf noch ein wenig länger anzustarren.

Zuerst hatte er gedacht, ein Engel sei gekommen, um ihn zu befreien. Denn genauso sah sie aus. Ihr langes, welliges Haar war so blond, dass es im Kerzenschein fast weiß erschien. Ihre Augen, die die Farbe dunklen Kaffees hatten, wurden von dichten schwarzen Wimpern eingefasst, ein eindrucksvoller Kontrast zu ihrem hellen Haar und den weinroten Lippen. Ihr Teint war makellos – hellgoldene Perfektion –, und ihre Gesichtszüge waren zart und überaus fein geschnitten.

Sie war so wunderschön, und doch trug sie die Waffe eines Mörders. Ihr zweischneidiges Schwert wies ein sogenanntes Ricasso auf, das heißt, ein Teil der Klinge direkt über dem Handschutz war nicht geschliffen, sodass ein geübter Kämpfer einen Finger über die Fehlschärfe legen konnte, um die Waffe so besser zu handhaben. Sie führte also mit großer Selbstsicherheit ein Schwert, das nicht zur Verteidigung, sondern für die Schlacht gemacht war.

Dieses Geschöpf trug Stahl, der einen raschen, stillen Tod garantierte.

Faszinierend. Ein Todesengel.

Er hatte es für einen unerwarteten Segen gehalten, dass ihr Gesicht das Letzte sein sollte, das er auf Erden vor Augen haben würde.

Ja, er hatte sie für göttlich gehalten – bis ihr schwelender Blick tiefer gewandert war und er erkannt hatte, dass sie sehr wohl aus Fleisch und Blut bestand. Er hatte seinen nutzlosen, abgestorbenen Körper verflucht. Als gewandelter Mensch atmete er nicht, er hatte keinen Herzschlag und war nicht mehr zu körperlicher Liebe fähig. Er konnte sie nicht nehmen, auch wenn er glaubte … diese Schönheit würde ihn möglicherweise nicht einmal abweisen.

Der Verzicht auf sexuelle Befriedigung hatte ihn nie zuvor gestört. Seine Erfahrungen als Mensch waren begrenzt – sehr begrenzt – durch Krieg, Hungersnot, die Notwendigkeit, einfach nur zu überleben. Deshalb hatte er nie das Gefühl gehabt, seine Wandlung habe ihn einer wichtigen Sache beraubt. Bis zu diesem Moment.

Zierliche Frauen hatten ihn nie besonders angezogen. Er hatte gewusst, dass er fürchten müsste, sie zu verletzen, wenn es ihm gelingen sollte, eine in sein Bett zu locken. Und doch fragte er sich nun bei dieser Frau, dem ätherischsten und zerbrechlichsten Wesen, das er je gesehen hatte, wie es wohl sein würde, sie zu seinem Bett zu tragen und behutsam zu entkleiden. In seiner Vorstellung überstürzten sich die Bilder – er sah sich selbst, sah, wie seine starken Hände ihren zarten Körper berührten und streichelten.

Sein Blick fiel auf ihren schlanken Hals und dann auf ihre hohen, vollen Brüste, die sich gegen ihre dunkle Bluse wölbten. Dieser Teil von ihr zumindest war alles andere als klein. Er wünschte sich, ihre Brüste zu küssen, sein Gesicht in ihnen zu vergraben …

„Warum siehst du mich so an?“, fragte sie zögernd und verwirrt. Sie trat einen Schritt zurück.

„Darf ich dich nicht bewundern?“ Zu seiner eigenen Überraschung ging er einen Schritt auf sie zu. Was war bloß in ihn gefahren? In der Gesellschaft von Frauen war er immer eher linkisch und unsicher gewesen. Wenn man ihn in früheren Zeiten dabei ertappt hätte, wie er eine Frau dermaßen anstarrte, hätte er sich rasch abgewandt und mit einer gemurmelten Entschuldigung den Raum verlassen. Vielleicht hatte er im unmittelbar bevorstehenden Tod endlich Befreiung gefunden.

Allerdings hatte er auch noch nie zuvor eine Frau so angestarrt, sich dermaßen nach ihr verzehrt, wie jetzt bei dieser schmächtigen Gestalt mit den üppigen Brüsten. „Der letzte Wunsch eines Sterbenden?“

„Ich weiß, wie Männer eine Frau ansehen.“ Ihre Stimme war sinnlich, eine Stimme wie aus einem Traum. Sie schien ihn von innen zu streicheln. „Sollte es am Ende sein, dass du mich einfach nur bewunderst?“

Nein, dachte er. In diesem Augenblick würde er ihr am liebsten das Hemd aufreißen, ihre Schultern auf den Boden pressen und an ihren harten Brustwarzen saugen, bis sie kam. Ihre Schultern mit aller Kraft herunterdrücken und sie lecken …

„Wie kannst du es wagen, mit mir zu spielen, Vampir!“

„Was meinst du?“ Er blickte ihr in die Augen, die über sein Gesicht flogen, als versuchte sie, seine Gedanken zu lesen. Ob sie wohl ahnte, welcher Kampf in seinem Inneren tobte? Dass innerhalb von Sekundenbruchteilen seine zärtlichen Fantasien von dem Impuls überwältigt worden waren, sie zu Boden zu werfen und sich über sie herzumachen?

Was geschieht mit mir?

„Ich weiß, dass du nicht fühlen kannst, was … was …“, sie stieß einen leisen Laut der Frustration aus, „du kannst nicht fühlen, was du gerade zu fühlen scheinst. Es ist unmöglich, es sei denn …“ Sie sog scharf die Luft ein. „Deine Augen … sie werden schwarz.“

Schwarz? Die Augen seiner Brüder hatten sich bei starken Gefühlsregungen schwarz gefärbt. Er hatte nicht gewusst, dass das bei ihm auch so war. Lag das vielleicht daran, dass er noch nie zuvor eine so starke Emotion empfunden hatte, wie er jetzt das Verlangen nach dieser geheimnisvollen Frau spürte?

Er hatte das Gefühl, sterben zu müssen, wenn er diesem Verlangen nicht nachgab …

Sebastian wandte den Kopf, und sein Körper erstarrte, als er plötzlich ein ohrenbetäubendes Krachen hörte. „Was war das?“

Alarmiert sah sie sich um.

„Was meinst du?“, fragte sie.

„Hörst du das denn nicht?“ Noch so eine Erschütterung, und das Schloss würde einstürzen. Er musste sie von hier fortbringen, auch wenn das bedeutete, sich in das morgendliche Tageslicht draußen zu begeben. Der Drang, sie zu beschützen, war mit einem Mal das einzig Wichtige; es war entscheidend geworden, er konnte sich nicht dagegen wehren.

„Nein!“ Ihre Augen weiteten sich; sie wirkte fassungslos. „Das kann nicht sein!“ Sie wich langsam vor ihm zurück, mit behutsamen Bewegungen, als ob er eine Schlange wäre, die jeden Augenblick zuschnappen könnte.

Eine weitere Explosion. Er translozierte sich direkt vor sie. Ihr Schwert schoss mit einer rasend schnellen Bewegung nach oben. Er packte ihr Handgelenk, aber sie wehrte sich. Wie stark sie war! Aber er schien sogar noch stärker als sonst zu sein, kräftiger, als er es sich je hätte vorstellen können.

„Ich will dir nicht wehtun.“ Er entwand ihr die Waffe und warf sie auf sein niedriges Bett. „Wehr dich nicht gegen mich. Das Dach wird einstürzen …“

„Nein … nein!“ Sie starrte entsetzt auf seine Brust – auf sein Herz. „Ich bin keine … Braut.“

Braut? Ihm blieb der Mund offen stehen. Er erinnerte sich, dass seine Brüder ihm erklärt hatten, dass, wenn er seine Braut gefunden hatte, seine Frau für die Ewigkeit, sie sein Blut zum Fließen bringen würde. Durch diese Erweckung würde sein Körper zu neuem Leben erwachen. Er hatte immer geglaubt, dies sei bloß eine Lüge gewesen, um seinen Schmerz darüber, was sie aus ihm gemacht hatten, zu lindern.

Und doch war es die reine Wahrheit. Das Geräusch, das er gehört hatte, war das Rauschen seines eigenen Herzens, das zum ersten Mal, seit er zum Vampir gewandelt worden war, wieder schlug. Er schwankte, als er tief Luft holte und nach dreihundert Jahren endlich wieder atmete.

Sein Herzschlag wurde stärker, schneller, und dann spürte er plötzlich sein erigiertes Glied, hart und pochend pulsierte es mit jedem Schlag seines Herzens. Reine Wonne schien durch seine Adern zu fließen. Er hatte seine Braut gefunden – die eine Frau, die für ihn bestimmt war, mit der er für alle Zeit zusammen sein würde –, und es war dieses quälend zarte Wesen.

Sein Körper war für sie erwacht.

„Du weißt, was gerade mit mir geschieht?“, fragte er.

Sie schluckte und wich weiter zurück. „Du veränderst dich.“ Ihre blonden Augenbrauen zogen sich zusammen, und mit einem kaum hörbaren Flüstern fügte sie hinzu: „Wegen … wegen mir.“

„Ja. Wegen dir.“ Er ging zu ihr hinüber und trat so nahe an sie heran, dass sie zu ihm hochschauen musste. „Vergib mir. Wenn ich gewusst hätte, dass die Geschichten wahr sind, hätte ich nach dir gesucht. Ich hätte dich irgendwie gefunden …“

„Nein …“ Sie begann zu schwanken, und er legte ihr eine Hand auf die Schulter, um sie zu stützen. Sie zuckte zusammen, ließ die Berührung jedoch zu.

In dieser Sekunde wurde ihm klar, dass sie, genau wie er, eine Verwandlung durchmachte. Er glaubte, ein silbernes Aufblitzen in ihren schimmernden Augen zu erkennen. Dann rann ihr eine Träne über die Wange.

„Warum weinst du?“ Die Tränen einer Frau hatten ihn schon als Sterblichen immer zutiefst erschüttert, aber ihre Tränen gaben ihm das Gefühl, als ob sich tausend Messer in seinen Leib bohrten. Als er ihr Haar zurückstrich, sog er mit einem scharfen, wenn auch ungeübten Atemzug Luft ein. Ihr Ohr lief oben spitz zu. So dicht bei ihr, entdeckte er außerdem winzig kleine Fangzähne.

Sebastian hatte keine Ahnung, was sie war, und es war ihm auch egal. „Bitte weine nicht.“

„Ich weine nie“, flüsterte sie. Sie runzelte verwirrt die Stirn und fuhr sich mit dem Handrücken über die Wange, um zu entdecken, dass sie tränenfeucht war. Ihre Lippen öffneten sich, und sie starrte erst die Tränenspur und dann ihre sich biegenden Fingernägel an, die eher eleganten Klauen glichen. Ihr Blick zuckte zu ihm zurück, und sie schluckte, als hätte sie Angst.

„Erzähl mir, was dich bedrückt.“ Endlich hatte er eine Aufgabe: sie zu beschützen, für sie zu sorgen, alles zu vernichten, was sie bedrohte. „Sag mir, wie ich dir helfen kann, Braut.“

„Ich bin keine Braut für jemanden von deiner Art. Niemals!“

„Aber du hast mein Herz zum Schlagen gebracht.“

Sie zischte ihre Antwort heraus. „Und du bist schuld, dass ich wieder fühle.“ Er verstand den Sinn ihrer Worte nicht, genauso wenig wie ihre Reaktionen während der nächsten Minuten, als er auf sie hinabblickte und begierig ihre Gesichtszüge studierte – den Bogen ihrer dichten Wimpern, wenn sie nach unten blickte, ihre vollen, roten, schmollenden Lippen. In ihren Augen schimmerten Emotionen, die ihr Schmerzen zu verursachen schienen. Ihr ganzer Körper bebte. Und dann trockneten ihre Tränen, so plötzlich, wie sie geflossen waren.

Sie lächelte zu ihm hinauf; ein herzzerreißendes Kräuseln ihrer Lippen. Ihre Augen blitzten fröhlich, schienen ihn auf geheimnisvolle Weise zu necken. Nichts hatte ihn je dermaßen erregt wie dieser Blick, und er fragte sich, wie viel er noch ertragen könnte. Aber nur allzu rasch verblasste ihr Lächeln. Ein heftiges Schaudern überlief sie, sodass ihre Stirn gegen seine Brust fiel.

Gerade als seine schmerzende Erektion nicht mehr zu leugnen war, hob sie ihr Gesicht. Ihre Miene hatte sich erneut verändert. Die zarte Haut über ihren hohen Wangenknochen war gerötet, und ihre Lippen waren leicht geöffnet. Ihre Finger gruben sich in seine Schultern. Während sie auf seinen Mund starrte, fuhr ihre Zunge über ihre Unterlippe, sodass kein Zweifel darüber möglich war, was sie im Sinn hatte.

Sie war … erregt. Seinetwegen. Er begriff nicht, was mit ihr geschah. Oder mit ihm selbst.

Seine Augen weiteten sich, dann kniff er sie wieder zusammen, als sie ihm ihre zarten Arme um den Hals legte. Ich könnte sie berühren … Sie würde meine Berührung hinnehmen … Noch nie war sein Schaft so hart gewesen. Er sehnte sich so verzweifelt danach, ihn in ihr zu vergraben, dass er alles dafür gegeben hätte.

Sie neigte den Kopf, ohne den Blick von seinem Mund zu lösen. „Ich vermisse es …“, murmelte sie.

Er hatte keine Zeit, über ihre Worte nachzugrübeln, da sie ihre Arme fest um ihn schlang, sodass sich ihre Körper berührten. Er stöhnte, als er fühlte, wie sich ihre Brüste an ihn pressten. Sie waren so voll und üppig; er wusste, sie würden genau in seine Handflächen passen.

Oh Gott, er hatte Jahrhunderte durchlitten, ohne Kontakt zu anderen zu haben, geschweige denn jemanden zu berühren, und jetzt spürte er seine Braut, weich und nachgiebig in seinen Armen. Er fürchtete, das alles sei bloß ein Traum. Bevor er die Nerven verlor, legte er seine Hände um ihre Taille und zog sie noch enger an sich. „Verrat mir deinen Namen.“

„Mein Name …?“, murmelte sie geistesabwesend. „Mein Name ist Kaderin.“

„Kaderin“, wiederholte er, doch der Name passte nicht zu ihr. Er blickte in ihre glänzenden Augen und entschied, dass dieser Name viel zu kalt, zu förmlich für das Geschöpf in seinen Armen war. „Katja“, brachte er mit heiserer Stimme hervor und sah zu seiner eigenen Überraschung, dass sein Daumen langsam über ihre Unterlippe streichelte. Das Verlangen, sie zu küssen, war überwältigend. „Katja, ich …“, begann er mit rauer, brüchiger Stimme. Er musste schlucken, bevor er weitersprechen konnte. „Ich muss … muss dich küssen.“

Bei diesen Worten verwandelte sich das dunkle Haselnussbraun ihrer Augen vollständig in Silber. Sie schien sich in einer Art Trance zu befinden. Sein Denkvermögen war noch so weit intakt, dass er diese verblüffende Reaktion bemerkte, ebenso wie den verführerischen Glanz ihrer roten Lippen.

„Früher liebte ich es, geküsst zu werden“, flüsterte sie verwirrt. Ihre Atmung wurde immer hektischer.

War es ihm überhaupt möglich, sich jetzt noch zu zügeln? Mit unsicherer Hand umfasste er ihren Hinterkopf, um sie näher an sich heranzuziehen. Sicherlich war sie stark genug, um mit ihm fertig zu werden – sie war eine Art Kriegerin und würde ihn vermutlich im Nu bremsen, sollte er ihr wehtun.

Aus irgendeinem Grund spürte er, dass sie ihn nicht mit jenem weinerlichen, enttäuschten Blick strafen würde, mit dem die Frauen früher auf ihn reagiert hatten, wenn er ihnen versehentlich auf den Fuß getreten oder hinter einer Straßenecke mit ihnen zusammengestoßen war; jenem Blick, der ihn immer am Boden zerstört zurückgelassen hatte.

„Vampir, bitte“, murmelte sie. „Sieh zu, dass es sich lohnt. Sieh zu …“

Als ihre Lippen sich berührten, stöhnte er auf. Auf seiner Haut schien pure Elektrizität zu tanzen. Er wich ein Stück vor ihr zurück. „Mein Gott!“ Nichts hatte sich je so gewaltig, so richtig angefühlt wie dieser Kuss. Das Verlangen in ihrem Blick nahm zu.

Wenn es nötig war, zum Vampir zu werden, nur um diesen einen perfekten Moment zu erleben, würde er es wohl noch einmal auf sich nehmen?

Als er sie erneut küsste, zuerst ganz sanft, stöhnte sie „Mehr!“ gegen seine Lippen.

Er hielt sie fest in seinen Armen, doch dann kam er wieder zu sich. Nein, du Dummkopf … Er lockerte seinen Griff.

Sofort gruben sich ihre Krallen in seine Arme und jagten ihm einen Schauer über den Rücken. „Versuch nicht, dich zu beherrschen! Ich brauche mehr!“

Sie brauchte mehr, sie wollte, dass er es ihr gab. Weil sie … die Seine war. Als er das endlich begriff, verlor er jede Zurückhaltung. Mit einem einzigen Herzschlag hatte er eine Frau ganz für sich allein gewonnen. Am liebsten hätte er seinen Triumph hinausgebrüllt. Zu spüren, wie sich ihre Klauen in seine Haut senkten – als befürchtete sie, er würde sich davonmachen –, war pure Ekstase. Sie braucht mich.

„Küss mich noch einmal, Vampir. Wenn du aufhörst, bringe ich dich um.“

Er konnte nicht anders: Er musste grinsen, seinen Mund an ihren gepresst. Eine Frau, die ihm drohte, falls er aufhören sollte, sie zu küssen?

Also küsste er sie erneut. Er schmeckte ihre Zunge, neckte sie, und dann eroberte er ihren ganzen Mund, heiß und nass. Er genoss das langsame Kreisen ihrer Hüfte an seinem Körper, passend zum Rhythmus seiner Zunge.

Sebastian küsste sie mit der ganzen Leidenschaft, die ihm so lange verwehrt gewesen war, mit all der Hoffnung, die ihm bei seiner Rückkehr entrissen worden war. Sein Lebensüberdruss war von einer Bestimmung abgelöst worden – ihretwegen. Er ließ sie das Ausmaß seiner Dankbarkeit spüren … indem er sie küsste, bis sie sich keuchend gegen ihn sinken ließ.

Doch er begann die Kontrolle zu verlieren. Es drängte ihn, Dinge mit ihrem Körper anzustellen, unaussprechliche Dinge, und er wusste, dass er diesem Drang bald nachgeben würde. „Ich werde dir immer mehr geben, bis ich sterbe.“

Und in diesem Moment, zum ersten Mal innerhalb der letzten dreihundert höllischen Jahre, wünschte sich Sebastian verzweifelt zu leben.

3

Als ob sie aus großer Höhe hinabstürzen würde, so brachen all die Gefühle über Kaderin herein, von denen sie über tausend Jahre lang abgeschnitten gewesen war. Angst, Freude, Sehnsucht und nicht zu leugnende Gier nach Sex rangen in ihr miteinander – bis er ihre Lust so weit angefacht hatte, dass sie alle anderen Empfindungen übertönte.

Sie war vollkommen durcheinander, verwirrt. Das Einzige, was sie mit Sicherheit wusste, war, dass sie sich dermaßen nach Erlösung sehnte, dass ihr Verlangen ihr Schmerzen bereitete und sie dazu brachte, zu wimmern. Und jeder einzelne seiner wilden, besitzergreifenden Küsse vergrößerte ihre Qualen noch.

Sie fuhr mit den Fingern durch sein dichtes, zerzaustes Haar. Sie konnte nicht mehr denken, konnte sich nicht erklären, wieso dies alles geschah. Unerklärliche Wünsche und Bedürfnisse stiegen in ihr auf: seine Haut zu lecken, zu spüren, wie das ganze Gewicht seines Körpers auf ihr lastete.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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