Braut der Schatten - Kresley Cole - E-Book

Braut der Schatten E-Book

Kresley Cole

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Beschreibung

Der Schattenprinz Trehan Daciano ist ein gefürchteter Schwertkämpfer. Als er der jungen Zauberin Bettina begegnet, entbrennt sein Herz augenblicklich in tiefer Leidenschaft zu ihr. Doch um Bettina für sich zu gewinnen, muss er an einem gefährlichen Turnier teilnehmen - einem Kampf auf Leben und Tod.

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KRESLEYCOLE

Braut der Schatten

Roman

Ins Deutsche übertragen

von Bettina Oder

Zu diesem Buch

Die junge Zauberin Bettina – Thronerbin und passionierte Goldschmiedin – ist nach einem grausamen Überfall ihrer Kräfte beraubt und an Abaddon, das Dämonenreich ihres Paten, gebunden. Ihr einziger Lichtblick ist ihr bester Freund Caspion, in den Tina unsterblich verliebt ist … nur leider hat er gar keine Augen für sie. Nicht nur, dass jedes Liebesglück in unerreichbarer Ferne ist, die zierliche Zauberin wird zudem gezwungen, sich in einem Turnier feilbieten zu lassen: Freier aus der ganzen Mythenwelt nehmen teil, und der, der aus den tödlichen Kämpfen als Sieger hervorgeht, erhält ihre Hand, ihre Jungfräulichkeit und das ganze Königreich obendrein. Tina ist alles andere als begeistert – erst recht nicht, als Trehan Dakiano, ein Vampir aus dem sagenumwobenen Reich aus Blut und Nebel, ebenfalls in das Turnier einsteigt. Dakiano, der ein Meister des Tötens ist, hat eigentlich den Auftrag, Caspion zu eliminieren. Doch als er auf die betörende Zauberin trifft, muss er feststellen, dass sie seine Seelengefährtin ist, die sein untotes Herz zum Schlagen bringt. Trehan ist gefesselt von Tinas Anmut und ihrem entzückenden Gemüt, aber sie will nichts von ihm wissen, auch wenn der Vampir ungeahnte Sehnsüchte in ihr weckt. Dakiano setzt sein Leben aufs Spiel, um den Wettstreit zu gewinnen und Tinas Herz noch dazu …

Ich widme dieses Buch von ganzem Herzen Lauren »The Rock« McKenna.

Neunzehn Bücher geschafft – bleiben noch hundert …

Danksagung

Mein tief empfundener Dank gilt Louisa Edwards, Beth Kendrick, Kristen Painter, Gena Showalter und Roxanne St. Claire – alles fabelhafte Freundinnen und zufälligerweise auch wunderbare Autorinnen. (Macht weiter wie bisher.)

Aus dem Lebendigen Buch des Mythos …

Der Mythos

»… und jene empfindungsfähigen Geschöpfe, die nicht der menschlichen Rasse angehören, sollen in einer Schicht vereinigt sein, die neben der der Menschen besteht, ihnen jedoch verborgen bleibt.«

Die meisten von ihnen sind unsterblich und können sich nach Verletzungen regenerieren. Die stärkeren Rassen können nur durch mystisches Feuer oder Enthaupten getötet werden.

Bei heftigen Gefühlsregungen verändert sich ihre Augenfarbe, die von Rasse zu Rasse variiert.

Die Vampire

»Im ersten Chaos des Mythos dominierte ein Bund von Vampiren, die sich auf ihr von Natur aus kaltes Wesen, ihre Verehrung der Logik und das Fehlen jeglichen Mitgefühls stützten. Sie entsprangen den harschen Steppen Dakiens und siedelten später nach Russland über. Es heißt allerdings, dass eine geheime Enklave, die Dakier, immer noch in Dakien lebt.«

Jeder Vampir sucht nach seiner Braut, seiner Gemahlin für alle Ewigkeit, und wandelt als lebender Toter über die Erde, bis er sie findet.

Eine Braut lässt seinen Leib lebendig werden, indem sie ihm Atem einhaucht und sein Herz schlagen lässt. Dieser Prozess wird Erweckung genannt.

Translokation nennt man die Fähigkeit, sich zu teleportieren. Ein Vampir kann sich nur zu Orten translozieren, an denen er schon einmal war oder die er mit eigenen Augen sieht.

Es existieren drei Vampirfaktionen: die Armee der Devianten (gewandelte Menschen), die Horde (die Blut direkt von lebenden Wesen trinken) und die Dakier …

Die Dakier

»Es wird gemunkelt, sie besäßen einen scharfen Verstand, jedoch ein steinernes Herz. Die Vampire des Nebels und der Legende beobachten die Mythenwelt mit leidenschaftslosem Blick. Auf ihnen lastet der Fluch immerwährender Zwietracht, bis sich ein Prinz aus längst vergangenen Zeitaltern erhebt …«

Es heißt, das verborgene Königreich Dakien, das Reich von Blut und Nebel, befände sich in einer ausgehöhlten Bergkette.

Dakier trinken niemals Blut direkt von einem Lebewesen.

Die königliche dakische Familie besteht aus fünf Zweigen, von denen jeder mit einer heiligen Pflicht gegenüber dem Reich betraut wurde.

Mit dem Tod des alten Königs und dem Verschwinden des rechtmäßigen Erben zersplitterte die Familie in einander bekriegende Häuser.

Die Septe der Sorceri

»Die Septe sucht und begehrt immerdar die Macht anderer, schreckt nicht vor Provokation noch vor Duellen zurück, um mehr davon an sich zu raffen – oder aber heimtückisch die Zauberkraft eines anderen zu stehlen …«

Angehörige der Septe kommen mit einer angeborenen Macht, ihrer Radixmacht, auf die Welt.

Da sie zu den physisch schwächeren Spezies der Mythenwelt gehören, verwenden sie aufwendige und kunstvolle Panzerungen zum Schutze ihres Körpers. Daher gelten Metalle – insbesondere Gold – unter ihnen als heilig.

Die Dämonarchien

»Die Dämonen sind so mannigfaltig wie die Stämme der Menschen …«

Eine Ansammlung dämonischer Dynastien.

Die meisten Dämonenrassen sind in der Lage, sich an Orte, an denen sie sich früher schon einmal aufgehalten haben, zu teleportieren.

Ein männlicher Dämon muss mit einer potenziellen Gefährtin Geschlechtsverkehr haben, um sich zu vergewissern, dass sie wahrhaftig die Seine ist. Dieser Prozess wird als Erprobung bezeichnet.

Die Todesdämonen

»Brutal, kriegerisch und erbarmungslos gieren sie ständig nach dem nächsten Opfer – und der Stärke, die dieses ihnen einbringt …«

Diese Dämonarchie ist auf der Ebene von Abaddon beheimatet und war einstmals für ihre blutigen Turniere berühmt.

Todesdämonen erlangen jedes Mal, wenn sie töten, neue Kraft.

Die Vrekener

»Der Tod stößt auf flinken Schwingen hinab. Die gerechte Abrechnung des Mythos schlägt wie eine Strafe des Himmels zu, und ihre Schwingen verdunkeln das Licht der Sonne und tauchen das Land in Finsternis.«

Todfeinde der Septe der Sorceri, die sie für verdorben und unrein erachten.

Sie leben in den Luftterritorien. Der Sitz ihres Königs befindet sich in Skye Hall.

Die Akzession

»Und es wird eine Zeit kommen, da alle unsterblichen Kreaturen des Mythos, von den mächtigsten Gruppen der Walküren, Vampire, Lykae und Dämonenfaktionen bis hin zu den Hexen, Gestaltwandlern, Feyden und Sirenen … kämpfen und einander vernichten sollen.«

Die Akzession ist eine Art mystisches System zur gegenseitigen Kontrolle in einer beständig wachsenden unsterblichen Bevölkerung.

Sie geschieht alle fünfhundert Jahre – oder genau in diesem Augenblick …

»Wer der Frau eines Assassinen ein Leid antut, wird dafür bezahlen.«

– Trehan Cristian Dakiano, Prinz von Dakien, letzter Nachkomme des Hauses der Schatten

»Ich dachte immer, Gold wäre das Kostbarste und Schönste auf Erden – bis ich ihm begegnete.«

– Prinzessin Bettina von Abaddon, Königreich der Todbringenden

1

Ein brutaler Tritt in den Rücken der Prinzessin von Abaddon durchtrennte ihr Rückenmark.

Was für ein Segen.

Der brennende Schmerz, der sich in ihren gesamten Körper gekrallt hatte, ließ unterhalb der Taille nach. Zuerst spürte sie noch einen leichten Druck, dann ein Prickeln, und dann …

Nichts mehr.

Ein Segen. Sie hatte längst aufgegeben, um ihr Leben zu betteln, und sie wusste, dass sie dieses Mohnblumenfeld nicht lebendig verlassen würde.

Die vier geflügelten Ungeheuer, die sie hierher verschleppt hatten, verfolgten einen Plan: Sie wollten ihr so viele Schmerzen wie nur möglich zufügen, ehe sie starb. Ihrer Sorcera-Mutter hatten sie vor zwanzig Jahren das Gleiche angetan.

Auch wenn sie zur Hälfte ein Dämon war, war Bettinas Körper unbrauchbar im Kampf. Sie hatte sich immer darauf verlassen, dass ihre Sorceri-Macht sie schützte. Doch jene Vrekener hatten ihr diese Macht mit derselben Leichtigkeit ausgesaugt, mit der sie ihr auch die Kleider vom Leib gerissen hatten.

Sie war nicht einmal mehr imstande, die geschwollenen Augen zu öffnen. Das Letzte, was sie gesehen hatte, war deren Anführer, der über ihr aufragte und mit rasendem Blick seine Sense schwang. Seine Schwingen mit den Klauen an ihren Enden hatten das Licht eines tief stehenden gelben Mondes verdeckt. Die Klinge der Sense war nicht aus Metall gefertigt, sondern bestand aus einer schwarzen Flamme …

Doch Bettina konnte immer noch hören, war immer noch bei Bewusstsein. In der Ferne spielte eine New-Age-Band auf einer Freilichtbühne. Junge Sterbliche sangen und tanzten …

Ein gewaltiger Tritt warf sie auf den Bauch. Ihr übel zugerichtetes Gesicht landete inmitten zertrampelter Mohnblumen. Der Anführer spielte mit ihr, wie ein Falke mit einer Maus spielen würde, während er ihr das Fleisch von den Knochen riss. Seine Gefolgsleute jubelten und übergossen sie mit Branntwein aus ihren Flaschen.

Drohende Schreie, Stiefelspitzen mit Stahlkappen, das Brennen von Alkohol auf ihrer Haut.

Oh ihr Götter, all das bekam sie bei vollem Bewusstsein mit. Verzweifelt bemühte sie sich, die Erinnerungen an einen Jungen mit lächelnden blauen Augen und von der Sonne gebleichtem Haar heraufzubeschwören.

Er weiß nicht, wie sehr ich ihn liebe. Es gibt so viele Dinge, die ich gern getan hätte …

Eine weitere Explosion des Schmerzes erschütterte ihren Oberkörper – wie um die Taubheit in ihren zerschmetterten Beinen auszugleichen. Sie spürte die gebrochenen Rippen, die aus ihrer Haut herausragten. Ihre verstümmelten Arme lagen schlaff auf der Erde, wo sie hingefallen waren, als sie zuletzt versucht hatte, ihren Kopf zu schützen. Ihre Qualen wuchsen ins Unermessliche.

Oder vielleicht schlugen die Vrekener nun auch rascher und heftiger auf sie ein. Der Tod war nahe.

Dabei hatte sie doch nur mit ihren sterblichen Collegefreunden auf eine Party gehen wollen. Sie war so aufgeregt gewesen, überglücklich, unter ihnen nicht aufzufallen – zumindest dem Anschein nach. Als Halbling hatte sie noch nie zuvor irgendwo dazugehört. Doch da ahnte sie noch nicht, dass sie mit ihren Zauberkünsten bereits die Aufmerksamkeit des Feindes auf sich gezogen hatte. Sie hatte sie ja nie absichtlich benutzt …

Durch all den anderen Schmerz hindurch nahm sie die Hitze der brennenden Sense wahr, die ihr immer näher kam. Heißer, heißer, versengend.

Alkohol auf ihrer Haut, die schwarze Flamme …

Bettina unterdrückte ein Schluchzen. Sie hatten vor, sie zu verbrennen?

Mit einem Mal fühlte sie sich schwerelos. Fühlt es sich so an, zu sterben?

Nein, sie bewegte sich. Hatte man sie gerufen? Ihr guten Götter, ja, der Dämon in ihr war durch Zeit und Raum beschworen worden. Nackt, hilflos, blind glitt sie von jenem Feld in der Welt der Sterblichen hinüber in ihre Heimatebene Abaddon.

Im nächsten Augenblick wichen die Mohnblumen kaltem Marmor – ein Balsam für die verbliebenen Reste ihrer Haut. Ihre Wahrnehmung wurde wieder klarer. Ich liege auf dem Boden im Hof meiner Burg, zerschmettert, und trage nichts als mein eigenes Blut und den widerlichen Branntwein der Vrekener auf der Haut. Doch die Höflinge schwatzen und lachen immer noch. Können sie mich denn nicht sehen?

Sie versuchte, um Hilfe zu schreien. Blutbläschen quollen aus ihrem Mund. Kannnicht schreien, kann mich nicht rühren. Sie konnte nur hören und wurde Zeugin einer Unterhaltung zwischen ihrem Paten Raum, dem Großherzog der Todbringenden, und einem anderen Mann.

»Was hast du denn jetzt schon wieder gemacht, Raum?« Es war Caspion der Jäger. Der Dämon, den sie insgeheim liebte. »Tina hasst es, durch dieses Medaillon beschworen zu werden.« In diesem Moment sicher nicht! »Sie fühlt sich dabei wie ein Hund, der an einer Kette liegt.«

Ihre Vormunde hatten darauf bestanden; es war eine Bedingung dafür gewesen, dass sie Abaddon verlassen durfte.

»Ha! Vermutlich sorgt es dafür, dass sie sich mehr wie ein Dämon fühlt«, sagte Raum barsch, wohl wissend, dass das nicht stimmte. Sie hatten sich bereits wegen des mystischen Medaillons gestritten. »Außerdem sagte sie zu mir, sie würde Ende des Monats sowieso vom College nach Hause kommen.«

»Du weißt, dass die Zeit im Reich der Sterblichen anders vergeht.« In Caspions Stimme schwang Belustigung mit. »Abgesehen davon sagte sie, sie sei sehr beschäftigt, würde aber versuchen, zu Besuch zu …«

Bettina hörte einen der Höflinge nach Luft schnappen. Sie haben mich gesehen. Leises Gemurmel entwickelte sich zu einem Aufruhr.

Von der Vorderseite des Hofes erklang Caspions gebieterische Stimme. »Was ist da los?« Gleich darauf hörte sie, wie er aus größerer Nähe fragte: »Wer ist diese bemitleidenswerte Kreatur? Nein, nein, das ist nicht Tina. Das kann nicht sein!« Eine Berührung ihrer Stirn … ein schwerer Atemzug, als er sie wiedererkannte … ein erschütterter Schrei. »Bettina!«

»Was ist passiert?«, brüllte Raum.

»Tina, wach auf!«, befahl Caspion ihr. »Oh ihr Götter, bleib bei mir!«

Ihm zuliebe gelang es ihr schließlich, ein zugeschwollenes Auge einen Spaltbreit zu öffnen. Das lockige blonde Haar fiel ihm in sein fassungsloses Gesicht. Seine Augen waren nicht länger mitternachtsblau, sondern tiefschwarz gefärbt, ein Zeichen seiner Aufgewühltheit. Tränen sammelten sich in ihnen, als er ihre Verletzungen musterte.

Sie sah in ihm den strahlenden Helden früherer Tage. Ihren geliebten Cas.

Er riss sich den warmen Mantel vom Leib und deckte sie damit zu. »Ein Arzt!«, schrie er in die Menge hinein. »Sofort!«

Immer mehr versammelten sich um sie. Sie hörte Raums stampfende Schritte näher kommen. »Wer hat meiner kleinen Tina das angetan?« Irgendetwas zerbrach – zweifellos in seiner Faust. »Verdammt noch mal, sagt es mir! Wer hat ihr wehgetan?«

Sie versuchte zu antworten, öffnete den Mund … Ihr Kiefer musste gebrochen sein.

Ein weiterer schmerzerfüllter Schrei. Oh, Cas.

»Du hältst durch und bleibst bei mir«, sagte er. Ihm war anzuhören, wie viel Mühe es ihm bereitete, sich zusammenzureißen.

Es gibt keinen Ort, an dem ich lieber wäre, als bei dir.

»Ich werde dir helfen, dies durchzustehen, Tina. Ich schwöre es. Schon bald wird es dir wieder gut gehen.« Seine Stimme klang belegt. »Verlass mich nicht.«

Bettina fühlte einen Hauch von Hoffnung, etwas, worum es sich zu kämpfen lohnte. Sicherlich erwiderte Cas ihre Gefühle und sah in ihr mehr als seine kleine Schwester.

»Wird sie es überleben?«, stieß Raum hervor. »Sie ist nicht so widerstandsfähig wie eine Dämonin, nicht so stark wie wir.«

Schon vorher war sie keine wahre Dämonin gewesen. Jetzt war sie auch nicht länger eine Sorcera. Sie haben mir meine Radixmacht genommen. Meine Seele.

Ein Mann, den sie nicht erkannte, fragte: »Hatte sie bereits ihre Unsterblichkeit erlangt?« Vielleicht der Arzt?

»Sie stand kurz davor«, erwiderte Cas. »Vielleicht ist es inzwischen geschehen …«

»Wir brauchen einen Sorceri-Heiler. Wenn wir rasch handeln, könnte sich die Prinzessin erholen«, sagte der Arzt, um seine Aussage hastig zu ergänzen: »Das heißt, ihr Körper könnte sich erholen.«

Was wollte er damit sagen?

»Sucht Tinas Patin!«, befahl Raum. »Und kehrt ja nicht ohne Morgana von der Sorceri-Ebene zurück!« Jetzt trat Raum vor Bettina, sodass sie ihn sehen konnte. »Ich hätte sie niemals gehen lassen dürfen!«, schrie er Cas an. »Ich war zu nachgiebig! Aber es wird sich einiges ändern in Abaddon!« Seine Augen funkelten, er schien die Worte nur mit Mühe herauszubekommen. Der bärbeißige alte Krieger wusste nicht mehr weiter. Er rammte seine Hörner gegen eine Steinmauer und brüllte die Umstehenden an: »Hört gut zu, was ich sage! Wir werden zu den alten Sitten zurückkehren!«

Da Bettinas Körper nun nicht weiter angegriffen wurde, versuchte er, sich zu regenerieren. Ihre Nerven erwachten Funken sprühend zu neuem Leben. Eine Welle sengenden Schmerzes nach der anderen rollte tosend über sie hinweg.

Doch selbst inmitten der zunehmenden Qualen und des Schreckens des gerade Erlebten lösten die Worte »alte Sitten« eine schreckliche Angst in ihrem Herzen aus.

Prinz Trehan Dakiano erwachte mit einem Schlag mitten am Tag und setzte sich in seinem Lager aus Pelzen kerzengerade auf.

Als er sich verwirrt umsah, erblickte er seine gewohnte Umgebung: Bücherregale, Waffen, seine Anrichte, auf der Karaffen mit Met, das mit Blut gemischt war, standen.

Obwohl er keinen Albtraum gehabt hatte, war er aus dem Schlaf gerissen worden, und nun verspürte er eine ausgeprägte Besorgnis. Mit jeder Sekunde wurde er unruhiger. Ein Gefühl der … Leere breitete sich in seiner Brust aus.

Ein Gefühl des Grauens. Das absolute Gegenteil zu seiner üblichen Gleichgültigkeit.

Mit zusammengezogenen Brauen erhob er sich und translozierte sich quer durch das geräumige Zimmer zu einem der mit Vorhängen verdeckten Balkone.

Dieses herrschaftliche Apartment war einmal die königliche Bibliothek gewesen. Vor einigen Jahrhunderten war er hier eingezogen und nie wieder ausgezogen. Er hatte sich so häufig an diesem Ort aufgehalten, bis kein anderes Familienmitglied ihn mehr betreten hatte.

Die wohlvertrauten Mauern verströmten alte Zeiten und Geschichten. Er kannte jeden Felsbrocken, jede Kerbe, jedes Detail im Raum so gut wie sein eigenes grimmiges Spiegelbild. Genau wie diese Steine ertrage ich ruhig ein Zeitalter nach dem anderen.

Er zog den dichten Vorhang zurück und sah hinaus. Aus dieser Höhe vermochte Trehan weit in das Reich von Blut und Nebel, das verborgene Land der mächtigen Dakier, hinauszublicken.

Zu dieser Zeit herrschte in der königlichen Stadt unter ihm noch Ruhe. Nur der Klang von Dakiens sprudelnden Blutquellen war zu hören.

Seiner Residenz gegenüber erhob sich die majestätische Burg aus schwarzem Stein, das Herz des Reiches – doch leer und verlassen ohne einen König. Wie viele Mitglieder seiner Familie waren schon bei dem Versuch umgekommen, diese Festung einzunehmen? Dieser Thron war umgeben von Hinterlist und Mord.

Die einander bekriegenden Geschlechter der königlichen Familie hatten sich einstmals Hunderter von Mitgliedern rühmen können … Inzwischen besaßen sie kaum mehr als eine Handvoll.

Für eine unsterbliche Familie kannten sie den Tod erstaunlich gut.

Trehan war der Letzte, der dem Haus der Schatten geboren worden war, dem Familienzweig, der traditionell die Assassinen stellte. Auch wenn er ein potenzieller Anwärter auf die Krone war – so wie auch vier seiner mörderisch gefährlichen Cousins –, verspürte er keinerlei Ehrgeiz, sie zu erobern. Von Natur aus ein stiller Einzelgänger, hasste er jede Art von Spektakel und Aufmerksamkeit und war es zufrieden, mit den Schatten zu verschmelzen.

Sein einziger Wunsch war es, seine Pflicht zu erfüllen. Seit beinahe einem Jahrtausend war er nun schon der Gesetzeshüter des Landes, ein erbarmungsloser Assassine.

Sein längst verstorbener Vater hatte ihn so oft ermahnt: »Du bist das Schwert des Königreichs, Trehan. Dakien wird alles für dich sein: deine Familie, dein Freund, deine Geliebte, die große Liebe deines Lebens. Dies ist dein Los, Sohn. Wünsche dir nichts anderes, und du wirst niemals enttäuscht werden.«

Einst war Trehan närrisch genug gewesen, heimliche Hoffnungen zu hegen, doch schließlich hatte er die Lehren seines Vaters angenommen – wie es die Logik gebot.

Ich begehre nichts. Dies war sein Schicksal: tief unten in der Erde zu warten, bis Mutter Dakien sein Schwert brauchte, um dann zuzuschlagen, hinzurichten. Und wieder zurückzukehren.

Woher kommt dann diese unerklärliche Unruhe? Diese plötzliche … Frustration?

Es ähnelte jenem nagenden Gefühl, eine Pflicht vernachlässigt zu haben. Allerdings setzte ihm dieses Gefühl beinahe schmerzhaft zu.

Und warum sollte Trehan das Gefühl quälen, er habe etwas vergessen? Er tat immer alles, was von ihm erwartet wurde. Der stets gefühlskalte, stets rationale Trehan konnte sich das einfach nicht erklären.

Was habe ich unerledigt gelassen? Trehan rieb sich mit der Hand die Brust, als er zu einem der zahllosen Bücherregale hinüberging. Er wählte den Bericht eines Forschungsreisenden aus, den er erst kürzlich erworben hatte, und begab sich zu seinem Lieblingssessel vor dem Feuer, mit der Absicht, sich in den Erzählungen des Lebens außerhalb dieses Berges zu verlieren, in Gefühlen, die er niemals fühlte, und Erlebnissen, die er nie durchlebte.

Doch an diesem Tag gelang ihm das nicht.

Nachdem er dieselbe Seite ein Dutzend Mal gelesen hatte, schloss er den Band und starrte in die Flammen, während er sich darum bemühte, die schmerzende Leere in seinem schlummernden Herzen zu identifizieren.

Seine Finger schlossen sich fester um das Buch, bis sie beinahe im Einband versanken. Bei allen Göttern, was habe ich nur übersehen?

Doch seine Furcht wuchs immer weiter. Und dann war da ein Wort, ein Flüstern in seinem Geist …

Beschützen.

2

Ebene von Abaddon

Dämonarchie der Todbringenden

Drei Monate später

»Du begreifst nicht, Bettina«, murmelte Caspion, der in die Nacht hinausblickte. Eine Hand umklammerte das Balkongeländer, die andere einen Silberkrug mit Dämonenbräu. »Ich habe etwas getan, das ich nicht ungeschehen machen kann. Und nicht einmal ich werde mich herausreden können.«

Bettina stand neben ihm am Geländer. Auch sie hatte ein Getränk in der Hand. »Ach, um des Goldes willen, was kann schon so schrecklich sein?«

Schrecklich war es, wenn man sich monatelang davon erholen musste, auf brutale Weise zusammengeschlagen worden zu sein, und dann zu den »alten Sitten« zurückzukehren. Schrecklich war es, von den eigenen Paten als Preis in einem Turnier ausgesetzt zu werden.

»Kannst du dich nicht einfach entspannen, Cas? Genieße die Nacht und erzähl mir, was dich beunruhigt.« Obwohl ihre Gemächer in einer der hohen Turmspitzen von Burg Rune inzwischen eine Art Gefängnis waren, war die Aussicht unschlagbar.

Ihr Balkon zog sich um die gesamte Turmspitze herum und ragte weit aus dem Nebel heraus, der die mittelalterliche Stadt Rune unter ihnen verhüllte. Von hier aus konnten Caspion und sie die Wipfel der riesigen Mondbäume sehen, die sich bis zu zweihundert Meter hoch aus dem Marschland erhoben. Die Silhouetten von Fledermäusen waren vor dem zunehmenden Mond zu erkennen.

Die Szene war so romantisch, wie man sie sich nur erträumen konnte. Sie trat noch ein wenig näher an Cas heran und genoss die Wärme, die sein riesiger Kriegerkörper ausstrahlte. Doch er seufzte nur müde und nahm einen Schluck aus dem Krug, während sein sorgenschwerer Blick in die Ferne gerichtet blieb.

Als ausgewachsener Todesdämon war Cas in der Lage, im Dunkeln zu sehen und sogar die berühmt-berüchtigten Nebelbänke von Rune mit seinen Blicken zu durchdringen. Was war es nur, wonach er Ausschau hielt? Warum war er so nervös?

Sie hasste es, ihren zukünftigen Geliebten in diesem Zustand zu sehen. Seine Augen waren blutunterlaufen, sein goldenes Haar zerzaust. Erschöpfung hatte ihre Spuren in seinem für gewöhnlich makellosen Gesicht hinterlassen.

»Meine Lage ist doch sicherlich um einiges schlimmer als deine.« Sie würde demnächst mit dem »Freier« vermählt werden, der in dem bevorstehenden Turnier siegen und damit das Recht auf ihre Hand erringen würde – ganz gleich, wer er auch war. Es sei denn, es gelingt mir, Cas noch heute Nacht zu verführen …

»Wurdest du etwa mit der Tochter eines anderen Adligen im Bett erwischt?«, fragte sie. Nur mit Mühe konnte sie ihre Eifersucht unterdrücken. Caspion war für seine Eroberungen berühmt.

»Wenn es nur das wäre.« Er trank sein Bräu in einem Zug aus.

Also leerte auch Bettina ihren Krug und musste sogleich davon husten. Vor dieser Nacht hatte sie von diesem starken Gebräu nie mehr als einige wenige Schlucke genommen; sie zog die leichteren Weine der Sorceri vor. Aber sie hatte eine Mission zu erfüllen und würde alles tun, um ihr Ziel zu erreichen.

»Nicht so hastig, Mädchen«, sagte Cas mit einem Hauch seines für gewöhnlich atemberaubenden Lächelns. »Das Zeug wirkt mit jedem Tropfen stärker.«

Sie zwang sich trotz ihrer tränenden Augen zu lächeln. »Es schmeckt so … anders.« So stelle ich mir fermentierten Ghul-Urin vor.

Bettina wusste, dass man bei diesem Gebräu bis zu einem gewissen Punkt relativ nüchtern blieb, doch darüber hinaus war man mit einem Schlag volltrunken. Dann war man voll wie zehn nackte Walküren, wie ihr frecher neuer Diener sagen würde.

Aber hey, solange Cas mit ihr zusammen betrunken war … »Ich hätte schrecklich gern noch mehr davon, mein Lieber. Lass uns wieder hineingehen.« Zurück in meine Gemächer mit der gedämpften Beleuchtung und zu meinem gemütlichen Sofa.

»Nun gut, auf einen letzten Schluck«, murmelte er und wandte sich ihrer Sitzecke zu.

Alle zwölf Räume in ihrem Turm waren mit importierten Seidenstoffen und Antiquitäten eingerichtet und mit Kronleuchtern aus dem feinsten Kristall ausgestattet. Überall nur reiner Luxus und glänzende Pracht.

Na ja, bis auf die kleine, verbeulte Kupferklingel auf ihrem Beistelltischchen …

Nachdem er ihnen noch einmal eingeschenkt hatte, ließ sich Cas auf das Sofa sinken und fuhr sich mit den Fingern durch sein lockiges Haar.

Sie gesellte sich zu ihm und blickte mit einem Seufzer der Bewunderung auf sein gut aussehendes Gesicht und seine muskulöse Gestalt.

Wenn er stand, war er über zwei Meter groß und ragte weit über ihre zierlichen ein Meter fünfundsechzig hinaus. Seine Augen leuchteten in einem hypnotisierenden Blau, das sich in stürmisches Schwarz verwandelte, wenn er starke Emotionen durchmachte. Seine stolzen Hörner hatten genau die ideale Größe und bogen sich wie ein Lorbeerkranz um seinen blonden Kopf herum nach hinten. Er achtete darauf, dass sie stets poliert waren, und so glänzten sie im Kerzenschein wie Bernstein.

Seine Gesichtszüge waren von vollendeter Schönheit: ein starkes Kinn, breite Wangenknochen und volle Lippen, die zum Küssen einluden. Sie konnte sich nur vorstellen, wie unglaublich sich diese Lippen auf ihren eigenen anfühlen würden, denn sie hatten einander nie geküsst, hatten einander nie berührt, abgesehen von der ein oder anderen Umarmung.

Sie hatte sich gleich in Caspion verliebt, als sie ihn vor zehn Jahren zum ersten Mal gesehen hatte, auch wenn sie gerade einmal zwölf Jahre alt gewesen war. Ihr geliebter Vater, König Mathar, war eben erst gestorben, und Raum und sie hatten dem königlichen Hof Abaddons vorgestanden. Oder zumindest Raum hatte dies getan, wenn auch nur widerwillig.

Da war Cas in den Saal marschiert, so schneidig in seiner Rüstung, auch wenn er nur drei Jahre älter als Bettina war. Sämtliche Gespräche waren verstummt, und die Menge hatte sich vor ihm geteilt, als er mit einem Geschenk auf sie zugekommen war – er hatten ihnen einen der meistgefürchteten Feinde des Reiches gebracht, in Fesseln gelegt.

Cas hatte ihn nicht etwa Raum dargeboten, sondern ihr.

Sie war zu diesem Zeitpunkt immer noch tief in ihre Trauer versunken gewesen, hatte sich einsam gefühlt, wie eine Sorceri-Hochstaplerin, die niemals vollkommen zu den kriegerischen Abaddonae gehören würde. Doch dann war ein Sonnenstrahl auf Caspion gefallen und hatte ihre Aufmerksamkeit auf diese blonden Locken gelenkt und auf seine leuchtenden Augen. Es war wie ein Zeichen gewesen.

Sie hatte gewusst, dass ihr Leben nie wieder dasselbe sein würde.

Abgesehen von der Tatsache, dass sie beide Waisen waren, hatten sie wenig gemeinsam. Sie gehörte einer reichen Königsfamilie an, wurde wie eine zerbrechliche Porzellanpuppe behandelt, während man ihn als Knirps mit flaumigen Hörnern in einer schmutzigen Gasse fand, wo er sein Leben als Betteljunge gefristet hatte. Sie war voller Selbstzweifel gewesen, hatte sich gefragt, wie ein merkwürdiger Halbling wie sie je Königin werden könnte. Er hingegen war frech und dreist gewesen, fest entschlossen, sich einen Namen zu machen und den Respekt der Abaddonae zu verdienen.

Und doch war zwischen ihnen eine mehr als unwahrscheinliche Freundschaft erblüht. Nach jenem ersten Tag war sie Caspion überallhin gefolgt.

In den darauf folgenden Jahren hatte er sich regelmäßig zusammen mit ihr heimlich auf die Ebene der Sterblichen teleportiert, damit sie all diese unbekannten Länder gemeinsam erkunden konnten. Irgendwann hatte er sie auch auf seine weniger gefährlichen Kopfgeldjagden mitgenommen, während der sie bewundern konnte, mit welchem Talent er seine Beute aufspürte.

Sie hatten stets ihre Geheimnisse miteinander geteilt: seine ständigen sexuellen Abenteuer, ihre modernen Ideale und ihre Angst vor der Zeit, in der ihr die Krone zufallen würde, wenn sie volljährig und verheiratet sein würde.

Doch nach allem, was sie zusammen durchgemacht hatten, hielt Cas sie immer noch für seine beste Freundin und sonst nichts. Vielleicht lag das daran, dass sie ihm in puncto Aussehen nicht ebenbürtig war – oder auch nur im Mindesten dämonisch aussah. Ihre Züge wurden meist als »elfenhaft« bezeichnet. Das Problem war jedoch: Sie war keine Elfe.

Vielleicht waren ihre Brüste einfach zu klein. Sie blickte an sich hinunter, um ihnen einen kurzen bösen Blick zuzuwerfen.

Ganz egal. Trotz all ihrer körperlichen Defizite würde sie heute Abend alles daransetzen, ihre Freundschaft mit Cas zu verändern und auf eine neue Ebene zu bringen.

Zur Vorbereitung hatte sie die Kronleuchter ausgelöscht, sodass ihre Gemächer nur von einigen Kerzen erleuchtet wurden. Sie hatte mehrere Krüge Dämonenbräu bereitstellen lassen und schließlich die Wachen fortgeschickt, die normalerweise vor ihrer Tür standen.

Und sie hatte sich dem Anlass entsprechend gekleidet.

»Willst du mir denn nicht sagen, was los ist, mein Liebling?«, fragte sie. Sie rutschte noch näher an ihn heran. »Du hast mir deine Geheimnisse doch immer anvertraut. Du weißt, dass ich sie niemals verraten würde.«

»Mein Problem hat nichts mit dir zu tun«, sagte er, während er sich geistesabwesend den Hals rieb. »Das darf es auch nicht.«

»Hmm. Na gut.« Sie würde eine andere Taktik ausprobieren. »Du hast mir ja noch gar kein Kompliment für mein Outfit gemacht.« Bettina hatte sich an die Kleidung gewöhnt, die sie während ihrer zwei Semester am College getragen hatte – Jeans, T-Shirt und Sandalen –, aber in Abaddon kleidete sie sich nun wieder traditionell, wie ihre Vorfahrinnen.

Mit anderen Worten: Sie trug ziemlich aufreizende Kleidung, hatte ihre Haare in wilde, unordentliche Zöpfe geflochten und so viel Goldschmuck angelegt, wie ihr Körper nur tragen konnte.

Wie bei den Sorceri üblich trug sie dazu noch eine Maske: ein dünnes Band aus scharlachroter Seide über den Augen, das deren Farbe – champagnerbraun mit einem schwarzen Ring – betonte. Ihrer Patin Morgana zufolge waren ihre großen Augen das Attraktivste an ihr.

Doch Cas hatte ihrem roten Schnürmieder und dem knappen schwarzen Rock mit Schlitzen bis zur Hüfte bisher kaum Beachtung geschenkt. Die schenkelhohen Stiefel, deren weiches Leder sich eng an ihre Beine schmiegte, riefen keinerlei Reaktion hervor. Auch über die goldenen Armbänder, die ihre Arme schmückten, und das dazu passende Collier um ihren Hals oder das Diadem, das auf ihrem Kopf thronte, sagte er nichts.

Als meisterliche Goldschmiedin hatte Bettina jedes dieser Stücke selbst in ihrer Werkstatt angefertigt – mit einer besonderen Designmodifikation als Überraschungseffekt. Sie war insgeheim überaus stolz auf ihr Geschick.

»Wirklich hübsch«, sagte er geistesabwesend nach einem flüchtigen Blick in ihre Richtung. »Du wirst mit jedem Jahr hübscher.«

In einer Frauenzeitschrift hatte sie einmal gelesen, dass ein Mann, der eine Frau mochte, diese am liebsten die ganze Zeit ansah. Angeblich würde eine Frau den Mann dann ständig dabei erwischen, dass er seine Blicke über sie wandern ließ.

Cas sah sie manchmal überhaupt nicht an. Und wenn doch, dann schien er Sie häufig gar nicht richtig wahrzunehmen.

Nein, ich muss seine Aufmerksamkeit auf mich ziehen! Es gab zwei mögliche Schicksale, die sie erwarteten, abhängig vom Ausgang ihrer Mission heute Nacht.

Wenn es ihr gelang, Cas zu verführen, würde sie denjenigen heiraten, den ihr Herz begehrte, und für immer von dem einzigen Mann beschützt werden, den sie je geliebt hatte. Sie würden König und Königin der Todbringenden werden und bis in alle Ewigkeit zusammenleben.

Wenn sie bei ihrem Dämon versagte, würde ein Turnier abgehalten werden, dessen erster Preis ihre Hand – und die Krone von Abaddon – war. Bettina hatte bereits einen Blick auf die Kandidaten werfen können, die zurzeit nach Rune strömten, und sie wusste, von welchem Kaliber ihre Bewerber waren.

Versoffene Dämonenlords, die bereits Dutzende misshandelter Ehefrauen besaßen.

Schlangengleiche Cerunnos, die von ihr erwarten würden, dass sie ihre Nachkommen fütterte – mit ihrem eigenen Fleisch.

Ein Troll, dem sie schon rein anatomisch nicht gewachsen war.

Sie wusste, dass keiner von ihnen sie begehrte. Sie wollten einzig und allein den Thron. Neuerlich an ihre Aussichten erinnert, legte sie Cas die Hand auf den Oberschenkel.

»In den vergangenen Wochen war es schrecklich einsam hier, ohne dich«, murmelte sie mit gehauchter Stimme. Sie rückte noch näher. »Und du willst mir immer noch nicht anvertrauen, an welchem Ort der Mythenwelt du dich herumgetrieben hast?«

»Das geht dich nichts an«, erwiderte er, doch sie kannte ihn lange genug, um zu wissen, dass sie ihn bald so weit hatte.

»Bitte sprich mit mir, Cas.« Sie spielte mit den Enden ihrer Miederschnüre, um seine Aufmerksamkeit auf ihre winzigen, aber meisterlich zur Schau gestellten Brüste zu lenken. »Lenk mich von meinem Schicksal ab.«

»Das ist eine weitere Sorge, mit der ich mich herumschlagen muss.« Seine Hand umklammerte den Krug mit solcher Gewalt, dass sich der Henkel verbog. »Wie können deine Paten dir nur so etwas antun?«

Obwohl Raum und Morgana, die Königin der Sorceri, Feinde auf Lebenszeit waren, waren sie sich doch in einer Sache einig: Bettina brauchte einen Ehemann/Beschützer/König. Nachdem sie sich aber nicht auf einen bestimmten Mann – oder auch nur eine bestimmte Spezies – einigen konnten, hatten sie beschlossen, dieses Turnier zu veranstalten.

Da sie auf der Suche nach dem stärksten Helden der Mythenwelt waren, stand der Wettkampf für sämtliche Kreaturen offen.

Die alten Sitten. Abaddon war einstmals für seinen blutigen Sport im berühmt-berüchtigten Eisernen Ring bekannt gewesen. Und auf den Sieger wartete als Preis eine Jungfrau.

Bettina wusste, dass ihre beiden Vormunde sie liebten; sie meinten es gut. Sie wusste auch, welches Glück sie hatte, sie überhaupt zu haben. Halblinge, die zwei verfeindeten Spezies angehörten, wurden häufig von beiden geächtet.

»Ich habe all ihren Bedingungen zugestimmt, Cas.«

Sie erinnerte sich nur zu gut an jene verhängnisvolle Unterhaltung. Sie hatte laut geschluchzt. »Ja, ja, ich tue alles! Hauptsache, ihr holt mir meine Fähigkeit zurück!«, hatte sie ihnen versichert. So düster und zerstörerisch die Aussichten nun auch waren.

Cas schnaubte verächtlich. »Zugestimmt? Du meinst wohl, du hast dich von ihnen manipulieren lassen.«

Sollte Bettina je berühmt genug werden, um sich einen Beinamen zu verdienen – wie Maksimilia die Schlächterin oder Lothaire der Erzfeind –, dann würde dieser vermutlich Bettina der Schwächling lauten. Oder vielleicht Bettina das wehrlose Opfer.

»Immer machen sie mit dir, was sie wollen!«

Nicht immer. Letztes Jahr hatte sie alle – einschließlich sich selbst – in Erstaunen versetzt, als sie ihren Vormunden die Stirn geboten hatte, um ein College für Design in der Welt der Sterblichen zu besuchen. Seit frühester Jugend war sie von Mode und der Herstellung von Schmuck fasziniert gewesen; offenbar war die den Sorceri angeborene Liebe für Gold und Kleidung tief in ihr verwurzelt. Sie hatte jedes Buch zu diesem Thema verschlungen und war begierig gewesen, noch mehr zu lernen und ihre Fähigkeiten zu vervollständigen.

Weit entfernt von den neugierigen Blicken auf Burg Rune hatte Bettina ein sorgenfreies Leben geführt. Sie hatte sich den Menschen angepasst und ihre Freiheit, neue Freunde und sogar ihre eigene Wohnung mit Strom und allen modernen Einrichtungen genossen! Sie war nicht länger ein seltsamer Halbling unter tollkühnen Dämonen, sondern sie war ein Designfreak gewesen, der zu einer ganzen Gruppe von Designfreaks gehörte.

Doch nur eine Nacht hatte ihr ganzes Leben verändert. Sie schluckte und bemühte sich, diese Erinnerung zu verdrängen. »Ich war in diesem Moment nicht unbedingt in der Lage, mich meinen Vormunden erneut zu widersetzen.«

Als sie sich ihnen zum ersten – und letzten – Mal widersetzt hatte, wäre sie um ein Haar mit dem Tod dafür bestraft worden.

Sie hatte zwei Monate gebraucht, um sich davon zu erholen. Da sie zum Teil eine Sorcera war und sich an der Schwelle zur Unsterblichkeit befand, war sie vollständig gesundet – aber langsam. Sie hatte diese Zeit nur aus einem Grund durchgestanden.

Caspion.

Er hatte jeden Tag an ihrem Bett gesessen und sie mit Geschichten über seine verkommenen Kumpane unterhalten, eine Meute junger, geiler Dämonen.

Und jede Nacht hatte er unerbittlich ihre Angreifer gejagt. Sechzig Tage, in denen er kaum gegessen oder geschlafen hatte.

Doch vor einem Monat hatte Raum dem völlig erschöpften Cas befohlen, die Suche aufzugeben, ihm aber versprochen, dass eine Gruppe Soldaten die Jagd übernehmen würde. Bitter enttäuscht war Cas verschwunden und erst letzte Nacht zurückgekehrt.

Jetzt nahm er einen weiteren Schluck. »Warum im Namen der Götter hast du nicht gewartet, bis ich zurückkomme, ehe du so einer Sache wie diesem Turnier zugestimmt hast?«

Weil mich meine Paten dermaßen bedrängt haben. Weil ich mich ohne meine Fähigkeit unvollständig fühle. Weil sie mir die allerschlimmsten Details dieses mittelalterlichen Fiaskos vorenthalten haben.

»Ich hatte wohl keine andere Wahl.« Und ihre Lage hatte sich inzwischen auch nicht verbessert. Im Grunde genommen blieb Bettina nur eine einzige Möglichkeit: Sie musste Caspion verführen. Nur eine Jungfrau durfte als Preis für den Sieger des Turniers ausgesetzt werden. »Außerdem hatte ich ja keine Ahnung, wann du wiederkommen würdest. Schließlich bist du einfach abgehauen, ohne mir ein Wort zu sagen.«

Im Laufe der Jahre war er immer wieder mal verschwunden, wegen eines gefährlichen Jagdausflugs oder einer Sauftour oder irgendwelcher Orgien – was auch immer er und seine wilden Freunde sonst noch so trieben.

»Was geschehen ist, ist geschehen, Cas. Die Tatsache bleibt bestehen, dass sie mich bis zum Ende der nächsten Woche mit einem Fremden verheiraten werden, es sei denn, ich finde einen Weg, dieses Turnier zu verhindern, ehe es morgen Abend beginnt.«

»Ich werde am Ende dieser Nacht tot sein«, sagte er. Seine Stimme war kaum lauter als ein Flüstern.

Sie erschauerte. »Du kannst doch nicht so etwas sagen und es dann nicht erklären. Sind wir denn keine Freunde?«

»Es gibt so viele Dinge, die ich noch tun wollte.« Cas’ Blick verlor sich in weiter Ferne. »So viele Dinge, mit denen ich nicht einmal angefangen habe.«

Genauso hatte sie sich in diesem Mohnblumenfeld gefühlt.

Endlich sah er sie wieder an. »Weißt du noch, wie wir uns vorgenommen hatten, den Rest der Welten zu bereisen? Jede einzelne Dämonenebene des ganzen Mythos zu besuchen?«

»Das können wir immer noch tun.«

»Nein, Tina.« Er strich mit der Handfläche über das Bein seiner schwarzen Hose. »Ich habe eines ihrer Gesetze gebrochen. Sie werden ihn schicken. Auf direktem Weg aus dem Reich von Blut und Nebel.«

»Wen?«, fragte Bettina. Von so einem Reich hatte sie noch nie gehört. »Wer, glaubst du, wird dir etwas antun?«

Wer wäre überhaupt dazu imstande? Caspion war ein ausgewachsener männlicher Dämon und unsterblich. Außerdem war er ein begabter Schwertkämpfer. Sie hatte ihm unzählige Stunden beim Training zugesehen. Sogar jetzt glänzte sein allgegenwärtiges Schwert stolz in der Scheide an seiner Seite.

Warum also zeigte seine Miene diesen Ausdruck offensichtlicher Todesangst? So hatte sie den unerschütterlichen Cas noch nie gesehen.

Mit einem Mal sah er so alt aus, wie er tatsächlich war: ein junger Mann von fünfundzwanzig. »Es gibt ein verborgenes Königreich, das vor der Mythenwelt verborgen liegt …«

Oh ja, jetzt würde er endlich alles erzählen. »Sprich weiter, Liebling.«

»Die Leute verlassen es nur selten, und wenn, dann in einem Nebel, der sie einhüllt und unsichtbar macht. Obwohl den meisten ›Anderländern‹ der Zutritt verboten ist, hatte ich einen mächtigen Freund, eine Art Bürgen, darum haben sie mich reingelassen.« Er verstummte und nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Krug. »Aber wenn ein Anderländer das Reich erst einmal betritt, darf er es nie wieder verlassen. Auf Zuwiderhandlungen steht die Todesstrafe. Und ich hab’s getan. Ich konnte dort einfach nicht länger bleiben, es war da genauso primitiv wie in Abaddon. Aber hier bin ich wenigstens frei, kann hingehen, wo ich will! Und mein Bürge … er hat sich verändert. Radikal. Also bin ich geflohen, weil ich dachte, ihre Killer würden mich auf unserer Ebene niemals finden. Aber ich spüre bereits einen. Schon jetzt kann ich seine Anwesenheit in Abaddon fühlen.«

»Sag mir, wer nach dir sucht!«

Er starrte an ihr vorbei. »Der Prinz der Schatten. Der gefühlloseste Schweinehund, den ich je getroffen habe. Er kommt im Nebel, ein Assassine, der seinesgleichen sucht. Wen er ins Visier nimmt, ist so gut wie tot.«

»Nein! Wir werden gegen diesen Kerl kämpfen. Ich werde ihm die gesamte Armee auf den Hals hetzen, ein Kopfgeld auf ihn aussetzen! Was für eine Art Mythianer ist er?«

»Die Art, gegen die unsere Armee nichts ausrichten kann. Ach, Tina, ich hätte unsere Heimat nie verlassen sollen, hätte überhaupt nicht dorthin gehen dürfen! Ich war nur einfach so gottverdammt frustriert, nachdem ich immer wieder gescheitert war … Und jetzt ist eine Mondsichel das Letzte, was ich je sehen werde.«

»Mein Liebling, was du sagst, ergibt doch gar keinen Sinn«, sagte sie. Sie überlegte verzweifelt, wie sie diesen Assassinen aufhalten könnte. Sie würde jeden, der Caspion feindlich gesinnt war, mit ihrer neuen Klinge töten. Diese geheime Klinge hatte sie so angefertigt, dass sie in ihr goldenes Halsband passte. »Ich möchte mich endlich einmal für all deine Freundlichkeit mir gegenüber revanchieren, Cas. Ich kann dir jetzt helfen.«

»Ohne deine Fähigkeit?«

Wie nüchtern er darüber sprach, während ihr ein Schauder über den Rücken jagte. »Dann kann Salem helfen.« Salem, ihr neuer »Diener«.

Er war einst ein Phantomkrieger gewesen, der imstande war, seinem Körper willentlich eine feste Gestalt zu verleihen. Doch dann war er durch einen Fluch in einen Sylphen verwandelt worden – ein unsichtbares Elementarwesen, eine Art Luftgeist. Er war in der Lage, von so ziemlich allem Besitz zu ergreifen: einem Raben, einem Kissen, einer Uhr. Sie würde ihm befehlen, nach diesem mysteriösen Assassinen Ausschau zu halten.

Anstatt immer mir hinterherzuspionieren. Dachten Morgana und Raum denn tatsächlich, dass sie Salem für einen einfachen Dienstboten hielt? Es war ihr heute Abend nur mit Mühe gelungen, den Sylphen aus ihren Gemächern zu verscheuchen, ehe Cas eingetroffen war. »Salems Telekinese ist überraschend mächtig …«

»Niemand kann mir helfen.« Cas erhob sich schwerfällig und richtete sich zu seiner vollen, hoch aufragenden Gestalt auf. »Ich muss gehen, mich noch mit ein paar Freunden treffen. Meine Angelegenheiten in Ordnung bringen. Erzähle niemandem davon, Tina. Ich habe dir mein größtes Geheimnis anvertraut und hoffe, du wirst mein Vertrauen nicht missbrauchen.«

Sie sprang auf. »Bitte, du darfst nicht gehen!«, rief sie. Wenn er nun dem Tod direkt in die Arme lief!

»Die Würfel sind gefallen. Zumindest kann niemand behaupten, ich hätte meine Schulden nicht bezahlt.« Er stieß ein bitteres Lachen aus, als hätte er einen Witz gemacht, den nur Eingeweihte verstanden.

Sie packte seinen starken Arm. »Dann komm wenigstens heute Nacht noch hierher zurück.«

Er zuckte mit den Schultern. »Vielleicht.«

»Nein, nicht vielleicht.« Sie dachte an seine zahlreichen Eroberungen und seine Liebe zu den Frauen, dann blickte sie unter ihren Wimpern zu ihm auf und leckte sich die Lippen. »Wenn du zu mir zurückkehrst, werde ich dich mit offenen Armen empfangen, Caspion.«

Er stöhnte. »Du bist immer noch Jungfrau und die zukünftige Königin von Abaddon. Ich würde dich heiraten müssen, um mit dir ins Bett zu gehen.«

»Okay! Du würdest einen wunderbaren König abgeben.«

»Ach, wirklich? Und die Abaddonae würden den elternlosen Gossenjungen mit offenen Armen als ihren König willkommen heißen?«

Die alte Garde der Todbringenden schätzte Cas nicht allzu sehr, da er ein Findelkind ohne Land oder Namen war, aber … »Du hast dich so unglaublich weiterentwickelt, Cas.«

Sie allein wusste, wie sehr er sich nach Anerkennung sehnte. Auch wenn er gerne feierte und ausgelassen war, arbeitete er hart und vermehrte seinen Reichtum mit jedem gewonnenen Kopfgeld.

Er schenkte ihr ein trauriges Lächeln. »Du weißt, dass ich dich nicht haben kann.«

Ein halbes Jahrzehnt lang hatte sie sich nun eingeredet, dass er aufgrund ihrer unterschiedlichen Herkunft zögerte. Sie musste ihn einfach dazu bringen, endlich seinen eigenen Wert anzuerkennen.

Vielleicht musste er sich auch nur erst die Hörner abstoßen, ehe er sich endgültig festlegte.

Wer könnte ihn schließlich mehr bewundern als sie? Auch wenn er ihre Gefühle für ihn schon längst erraten haben musste, beschloss sie, sie jetzt endlich offen auszusprechen. »Aber ich … ich liebe dich, Cas.«

Er tippte ihr ans Kinn. »Ich liebe dich auch.«

»Jetzt stell dich nicht dümmer, als du bist.« Sie legte ihm eine Hand auf die muskulöse Brust. »Ich bin in dich verliebt. Ich will dich und sonst keinen.« Sie hatte versucht, ihn zu vergessen – ihren Ausflug in die Welt der Menschen hatte sie nicht allein wegen des Colleges unternommen –, aber Caspion wollte einfach nicht aus ihrem Herzen weichen.

»Das denkst du doch nur wegen dem, was dich morgen erwartet. Du suchst verzweifelt nach einem Ausweg. Ich kann ja verstehen, warum du das tust, aber du bist nun mal nicht meine Gefährtin.«

»Das kannst du gar nicht wissen, ehe du mich erprobt hast. Ist es dann so weit, weiß dein Schwanz Bescheid. So sagt man doch bei euch Männern, oder?«

Er packte ihre Hand und löste sie von seiner Brust. »Du solltest dich mit solchen Dingen gar nicht beschäftigen, Bettina!«

Manchmal konnte Cas genauso mittelalterlich denken wie die übrigen Bewohner dieser Ebene. Selbst wenn er ihr von seinen Eroberungen erzählte, enthielt er ihr doch sämtliche Details vor. »Ich bin kein Kind. Ich weiß über simple Biologie Bescheid.«

Ein männlicher Todesdämon war – wie die männlichen Angehörigen der meisten Dämonenspezies – nicht in der Lage, Samenflüssigkeit zu produzieren, es sei denn, er war mit seiner Gefährtin zusammen. Er konnte bis dahin durchaus Spaß am Sex haben, konnte eine Vielzahl von Frauen erproben und dabei zum Höhepunkt kommen, aber die Lust, die er dabei empfunden hatte, verblasste in dem Moment, da er diejenige fand, die ihm vom Schicksal zugedacht war.

»Nimm mich, Cas, und lass es uns ein für alle Mal herausfinden.«

»Solltest du nicht die Meine sein, wäre ich dennoch verpflichtet, dich zu heiraten. Willst du mich wirklich um meine zukünftige Gefährtin bringen? Mit der Zeit würde ich dich hassen.« Er rieb sich die Stirn. »Aber das alles spielt sowieso keine Rolle mehr! Ich bin am Ende. Ich bin selbst schuld, dass mir ihr Killer jetzt auf den Fersen ist.«

»Wessen Killer? Wenn du es mir sagst, können wir einen Weg finden, ihn zu besiegen oder dich zu verstecken. Aber du musst mit mir reden. Bitte.«

Cas sah sie an und legte ihr seine schwielige Hand auf die Wange. »Leb wohl, Tina.«

»Warte!«

Aber er hatte sich bereits davontransloziert. Er hatte sich aus ihren Gemächern teleportiert, und sie konnte ihm nicht folgen oder nach ihm suchen. Selbst wenn der dämonische Anteil in ihr ausreichend wäre, um sich zu translozieren, war es Bettina nicht möglich, diesen verfluchten Turm allein zu verlassen.

Ihr … Zustand machte es unmöglich. Sicher, ihr Körper war verheilt. Aber nicht der Rest von mir.

Sie eilte zu ihrem umlaufenden Balkon. Tagsüber konnte sie von dort aus den zentralen Marktplatz sehen, aber nachts wälzte sich der Nebel darüber. Sie kniff die Augen zusammen, strengte sich an, um Cas zu erspähen, aber vergebens. Sie verfügte über die Sehfähigkeit der Sorceri, die beinahe so schlecht wie die eines Menschen war.

Ich kann nicht zu ihm, kann nicht auf ihn aufpassen.

Also eilte sie wieder hinein. »Salem! Komm her!«, rief sie. Nichts.

Mit erheblichem Widerwillen ergriff sie die kupferne Klingel, mit der sie Salem zu sich rufen konnte. Ein Medaillon beherrscht mich, eine Glocke beherrscht ihn.

Sie war sich sehr wohl bewusst, wie erniedrigend das sein konnte, aber da sie keine andere Wahl zu haben schien, läutete sie.

Einen Augenblick später meldete sich die alte Standuhr mit tiefer Baritonstimme zu Wort. »Erst wirfst du mich raus, und jetzt rufst du mich mit dieser Glocke zurück? Da sollte sich jemand verdammt noch mal endlich entscheiden!«

»Salem, ich will, dass du heute Nacht Caspion bewachst.«

»Was’n los mit dem Dämon?«, erkundigte er sich mit seinem ausgeprägten Akzent. Bettina dachte oft, dass er damit wie ein erwachsener Oliver Twist klang.

»Würdest du bitte zur Abwechslung einfach mal einen Befehl befolgen?«

»Soll ich raten?« Salem listete in verdrießlichem Tonfall einige Vergehen auf. »Hat er sich mal wieder mit dem Falschen angelegt? Ist er mit der Tochter von ’nem Lord Kirschen pflücken gegangen? Oder hat er mit der Frau von ’nem Krieger ›Versteck die Gurke‹ gespielt?«

»Sollst du nicht jeden meiner Befehle ausführen?«, fragte sie ungehalten. Salems Dienste waren ein Gute-Besserungs-Geschenk von Raum gewesen. Offensichtlich hatte Raum keine Ahnung gehabt, dass Salem ein ziemlicher Gauner war, zu dessen Hobbys es gehörte, Bettina heimlich beim Baden zu beobachten.

»Na guuut«, sagte Salem widerwillig. »Ich nehm an, Caspion treibt sich in einem seiner Stammlokale herum?«

»Ja, er trifft sich mit Freunden.«

»Na, dann werd ich mich mal unverzüglich zum nächstgelegenen Freudenhaus begeben.« Die Luft um die Uhr herum schien zu verschwimmen, und dann war Salem fort.

Nachdem sie allein zurückgeblieben war, begann sie, auf- und abzugehen. Wenn Caspion irgendetwas zustoßen sollte … Nein, nein, Salem würde auf ihn aufpassen.

Obwohl Caspion eigentlich niemanden brauchte, der auf ihn aufpasste, rief sie sich in Erinnerung.

Und welcher fremde Assassine würde es wagen, einen der Todbringenden in Abaddon anzugreifen?

Dreißig Minuten vergingen.

Eine Stunde.

Sie nagte an ihren Fingernägeln, aber sie wuchsen immer wieder nach, da ihre unsterbliche Regeneration endlich ihren Höhepunkt erreicht hatte. Die Standuhr tickte Unheil verkündend.

Oh, warum kam Cas denn nicht endlich zurück? Sie hängte eine Laterne in ihr Fenster, um ihn daran zu erinnern, dass sie auf ihn wartete. Nein, sie konnte die Stadt nicht sehen, aber Cas konnte ihren Turm sehen. Ein beständiges Licht würde ihn möglicherweise herlocken.

Mit einem Mal wurde Bettina schwindelig. Sie konnte nur noch verschwommen sehen.

Ihr war klar, was das bedeutete. »Oh nein«, flüsterte sie. Ihre Zunge lag schwer in ihrem Mund.

Das Dämonenbräu entfaltete seine volle Wirkung.

Sie schüttelte den Kopf, um dessen Einfluss abzuschütteln – sie musste nachdenken. Ich hab mir solche Sorgen um Cas’ Sicherheit gemacht, dass ich ganz vergessen habe, dass meine Mission, ihn zu verführen, gescheitert ist.

Eines von zwei Resultaten. Morgen wird mein Schicksal besiegelt.

Sie schwankte leicht, als das Schwindelgefühl sie zu überwältigen drohte. Benommen stolperte sie in ihr Schlafzimmer und schob mit einiger Mühe die Vorhänge ihres Himmelbetts beiseite. Dann ließ sie sich auf die seidenen Laken sinken und schloss die Augen, während sich das Zimmer um sie herum drehte.

Vielleicht würde Cas noch in dieser Nacht zurückkommen. Wenn sie nur noch eine einzige Chance bekäme, würde sie ihn nicht noch einmal so leicht loslassen. Bettina war nicht gerade als feurige Kämpferin bekannt, aber verzweifelte Zeiten …

Sie würde zuschlagen, schnell und hart.

Ihr letzter Gedanke, ehe sie das Bewusstsein verlor, war: Bitte komm zu mir zurück, Caspion.

3

Hier also hält sich dieser Dämon versteckt …

Das Schwert an der Hüfte, verborgen in einem Nebel, den er selbst erzeugt hatte, musterte Trehan eine imposante Burg und die Stadt, die sie umgab. Beide waren auf einem Plateau errichtet worden, das vom Nebel überschwemmt wurde. Auf drei Seiten lagen sumpfige Dschungelgebiete, aus denen diverse kleine Flüsse hervortraten. Aus dem schlammigen Wasser erhoben sich gigantische Bäume, deren Stämme leicht sechs, sieben Meter dick waren.

Auch wenn Trehan einen solchen Urwald noch nie zuvor zu Gesicht bekommen hatte, wandte er sich ohne das geringste Interesse ab und überquerte eine uralt aussehende Zugbrücke, um in die Stadt zu gelangen. Auf einem verwitterten Schild war zu lesen: Willkommen in Rune, dem Sitz des Königs von Abaddon. Macht schafft Recht. Die Worte waren zwischen zwei Drachenköpfen in das Holz geschnitzt worden.

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