Kussbilanz 3 - Kooky Rooster - E-Book

Kussbilanz 3 E-Book

Kooky Rooster

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Beschreibung

Schüchterne Jungs im Schwimmbad, schüchterne Jungs in Chatrooms und schüchterne Jungs mit draufgängerischen Freunden. Sie alle stürzen heraus aus ihrer Komfortzone und herzüber hinein ins Abenteuer der Liebe. Andere sind da schon viel weiter. Ein erotischer Dreier im Wald, eine schnauzbärtige Fee, die einem drei Wünsche erfüllt, wenn man seine Juwelen poliert, und ein abgebrühter Macho, der zwar auf harte Kerle steht, sich jedoch in eine pinkfarbene Transe verknallt. Und schließlich noch Bruno. Alle Jahre wieder spielt er seinen Eltern zu Weihnachten den glücklich vergebenen Hetero vor. Doch dann fällt seine langjährige Fakefreundin aus und er braucht rasch einen Ersatz. Kussbilanz Band 3, der fancy kleine Bruder der ersten beiden Bände, bringt mit sieben schwulen Kurzgeschichten die Leser zum Seufzen, zum Erröten und … zum Lachen.

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Seitenzahl: 164

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Kooky Rooster

Kussbilanz 3

Sieben schwule Kurzgeschichten

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Inhalt

 

 

Aus dem Off

Wenn Sam mit seinen Kumpels unterwegs ist, sieht er nur Jochen und Kevin. Vor Paul hat er eine Wand hochgezogen. Vor Paul, dem Schönen, dem Erfahrenen, dem, der nichts für scheues Herumgefummel übrig hat. Was sollte er schon mit einer Jungfrau wie Sam anfangen können?

 

In der Nacht ist der Mann nicht gern allein

Serendipity_32 eröffnet einen Chatroom, damit wir darüber diskutieren können, inwiefern Star Wars eine Neuinterpretation der Bibel ist. Ich, Ocean_11, diskutiere natürlich mit, denn in der Nacht ist der Mann nicht gern allein.

 

Rainers Plan

Rainer ist bekannt für seine guten Ideen, und wenn er mit einer ankommt, ist es gut, wenn man darin geübt ist, standhaft zu sein. Ich bin es nicht. Vermutlich kommt er damit deswegen auch zu mir. Aktuell lautet die neue gute Idee folgendermaßen: Die Schwester der Freundin seiner Cousine braucht jemanden, der sich für ein Buchcover fotografieren lässt. Angeblich schreibt sie irgendwelche Romane. An dieser Stelle werden Rainers Angaben etwas vage.

 

Herbstlaub

Das schönste Licht, um zu fotografieren, liefert der Herbst. Wenn ich mit meiner Kamera unterwegs bin, achte ich auf andere Dinge als sonst, hebe den Blick, suche Kontraste, Farben, besondere Formen. Da, ein Rascheln, ein schmatzendes Geräusch. Ich versuche mich zu erinnern, welche Tiere schmatzende Laute von sich geben, dann vernehme ich ein tiefes Brummen – ein Stöhnen vielmehr, einen lang gezogen, wimmernden Laut. Dieses Tier kenne ich!

 

Klaus ist jetzt Cloé

Ich bin schwul, weil ich auf Kerle stehe, K.E.R.L.E., und nicht auf irgendwelche pinkfarbenen Hüpfdohlen. Wenn ich jemanden wollte, der länger im Bad braucht als ich, ständig Laufmaschen beklagt und zu hyperventilieren beginnt, wenn die Kosmetikindustrie die Herbstkollektion rausbringt, wäre ich hetero! Ich mag es pur und ehrlich. Wir sind nicht beim Karneval und basta! Aber: Irgendwo unter diesem pinkfarbenem Fummel schlägt ein männliches Herz, und das will ich erobern.

 

Damn – ein masturbatorischer Roman

Mitarbeitermeeting in einem Verlag. Einer der Klienten hat eine Geschichte von einer schwulen Fee geschrieben, die erscheint, wenn man seinen Pimmel reibt. Sie erfüllt einem drei Wünsche – danach ist man für immer in Sachen Wichsen impotent. Nachdem ein Kollege den Klappentext vorgelesen hat, herrscht erst einmal betretenes Schweigen. In den Köpfen der männlichen Mitarbeiter tobt eine rege Schlacht der Möglichkeiten.

 

Schöne Bescherung

Jede Weihnacht ist Bruno hetero. Für drei Tage. Doch dieses Jahr macht ihm seine Fakefreundin einen Strich durch die Rechnung. Immerhin treibt sie auf den letzten Drücker eine neue Begleitung für Bruno auf. Sie ist nahezu perfekt, steht auf weiße Weihnachten, Romantik vor dem Christbaum und traditionelle Weihnachtslieder. Es gibt nur ein Manko: Sie heißt sie Christoph.

Aus dem Off

 

 

 

»Zählt auch Petting?«, fragte Jochen und spielte mit einem Grashalm.

»Nein«, sagte Paul aus dem Off.

»Klar.« Kevin lag am Rücken, lümmelte auf den Ellenbogen und streckte – die Augen geschlossen –, das Gesicht der Sonne entgegen. »Es zählt jeder, mit dem du jemals etwas hattest.«

»Dann hab ich aber mehr als achtzehn«, sagte Paul aus dem Off. »Dann habe ich, Moment …« Einen geraumen Augenblick war nur das Kreischen und Planschen von den Schwimmbecken her zu hören. »Neunzehn.«

Kevin runzelte die Stirn. »Um das herauszufinden, musstest du jetzt wirklich die Finger zur Hilfe nehmen?«

»Dumm fickt eben gut«, sagte Jochen und grinste.

»Zumindest häufig«, meinte Kevin.

Sam blickte zwischen Jochen und Kevin hin und her und lächelte scheu. Zu Paul sah er nicht. Vor ihm hatte er eine unsichtbare Wand hochgezogen.

»Ich mach eben Nägel mit Köpfen«, sagte Paul aus dem Off. »Meine Zeit ist zu wertvoll für scheues Herumgefummel.«

Jetzt wurde Sams Kopf heiß. Er versuchte, sich auf die Neuankömmlinge im Schwimmbad zu konzentrieren, als hätte er mit all dem hier nichts zu tun. Vielleicht wurde er so ja unsichtbar.

»Und du, Sam?«, fragte Paul aus dem Off.

Mist. Sams Brustkorb zog sich zusammen. Er entschied, so zu tun, als hätte er Paul nicht gehört.

»Na sag schon. Mit wie vielen hast du?« Paul umfasste mit einer Hand Sams Rist.

Die Berührung zog wie ein Blitz durch Sams Körper. Rasch zog er seinen Fuß weg und sprang hoch. »Ich geh mir ein Eis holen.« Ohne sich umzudrehen, stakste er davon. Weg, einfach nur weg. Er spürte das Gras unter den Sohlen, stampfte Slalom zwischen den Liegeflächen und hörte sein Herz in den Ohren pulsieren. Erst, als ihn eine Umkleidekabine stoppte, bemerkte er, dass er den Kiosk meilenweit verfehlt hatte.

Kurz entschlossen schlüpfte er hinein, schloss ab und setzte sich auf die Holzbank. Noch immer kribbelte der Knöchel von Pauls Hand. Sam zog das Bein zur Brust und strich mit den Fingerkuppen über diese Stelle. Er schloss die Augen, presste die Lippen auf sein Knie und überließ sich der Fantasie, die Berührung hätte etwas zu bedeuten gehabt.

Dann wurde ihm bewusst, wie bescheuert er reagiert hatte. Einfach weglaufen! Wie peinlich! Er hätte doch auch lügen können. Warum kam ihm immer erst hinterher, was er in einer Situation hätte sagen können? Wie sollte er denn jetzt erklären, dass er in dieser Umkleide verschwunden war, obwohl er sich ein Eis hatte holen wollen?

Und – wie hätte er das Eis bezahlen wollen, ohne Geld? Seine Brieftasche lag noch bei seinen Sachen.

»Idiot! Idiot! Idiot!« Sam schlug mit dem Hinterkopf gegen die Wand. Vielleicht sollte er hier drin bleiben und warten, bis alle gegangen waren.

So absurd die Idee war, für einige Augenblicke schien sie die Lösung für sein Problem. Dann wurde er klaustrophobisch. Die Enge und die Dunkelheit drückten ihm auf die Seele. Die Sonne, die durch die Ritzen und den Lichtschlitz fiel, lockte. Ebenso das vergnügte Kreischen und Planschen. Abgesehen davon wurde es in der Kabine unerträglich heiß, da die Nachmittagssonne direkt auf die Tür knallte.

Ohne weiter darüber nachzudenken, riss Sam die Tür auf, marschierte schnurstracks zum großen Becken und ließ sich hineinfallen wie ein Stein.

Die Kälte war ein angenehmer Schock. Er tauchte unter und blieb dort so lange, bis er Luft holen musste.

Als er auftauchte, blickte er direkt in zwei feurig-klare, vertraute Augen. Die begehrten, sinnlichen Lippen waren zu einem Lächeln gezogen und betonten das Kinn mit dem gepfefferten Grübchen.

»Hey«, sagte Paul.

Sam tauchte sofort wieder unter. Nicht freiwillig. Er vergaß, dass er einen Körper hatte und sich bewegen musste, um an der Wasseroberfläche zu bleiben. Er trank eine ordentliche Menge Chlorbrühe – preschte hoch, hustete und tastete sich halb blind zum Beckenrand.

Immerhin, für ein paar Sekunden war Paul vergessen.

Dann landete eine warme Hand auf seinem Schulterblatt. »Alles Okay?«

Sam schüttelte Paul ab und rückte einen halben Meter von ihm weg.

»Ist was?«, fragte Paul.

Sam schüttelte den Kopf, zuckte die Schultern, sagte nichts.

»Bist du irgendwie sauer auf mich?«

Sam versteifte sich. Den Blick auf die Steinfliesen geheftet verharrte er reglos und hoffte, die Situation ginge irgendwie von alleine vorbei.

»Hab ich dir was getan?«, bohrte Paul nach.

Sam senkte den Blick, schüttelte den Kopf. Dann stieß er sich vom Beckenrand ab und schwamm in die andere Richtung davon.

»Hey!«, hörte er Paul rufen, und schwamm schneller.

Sam wusste nicht, ob Paul ihm folgte, er wagte nicht, sich umzudrehen. Am Ende der Bahn sprang er aus dem Becken und eilte, als wäre der Teufel hinter ihm her, zu seinen Kumpels, wo er sich bäuchlings auf sein Badetuch fallen ließ, den Kopf in seinen verschränkten Armen vergrub und so tat, als wollte er schlafen.

»Hast du dir in der Umkleide einen runtergeholt?«, fragte Jochen.

Sam stellte sich taub.

»Das Thema hat dich wohl scharfgemacht«, witzelte Kevin.

Sam stellte sich tot.

Wenige Augenblicke später hörte er seine Schritte, sein Atmen, er spürte, wie sich Paul triefendnass setzte, sah regelrecht vor sich, wie er sich hinstreckte – diesen langen, athletischen, begehrenswerten Körper.

»Freak«, grunzte Paul.

»Was?«, fragte Kevin.

»Freak!«, sagte Paul lauter – in Sams Richtung.

Sam fiel. Seinem Herzen gab es einen Stich. Er schloss die Augen, schluckte und versuchte, den Schmerz anzunehmen wie ein Surfer eine Welle. Er war es doch gewohnt.

»Was ist denn passiert?«, fragte Jochen.

»Frag ihn!«, knurrte Paul.

Sam spürte die Blicke seiner Freunde auf seinem Körper. Er atmete flach und achtete darauf, nicht versehentlich mit irgendeinem Muskel zu zucken.

»Postorgastisches Koma«, diagnostizierte Kevin.

»Was?«, fragte Paul.

»Sam hat sich in der Umkleide einen runtergeholt«, behauptete Jochen.

»Echt jetzt?« Paul begann hörbar zu grinsen. »Fuck. Kein Scheiß?«

Plötzlich klatschte es und Sams Hintern brannte.

»Das hättest du doch sagen können, du Idiot«, sagte Paul lachend.

Sam hielt den Atem an, seine Bauchmuskeln verkrampften sich. Er drückte die Stirn noch fester gegen seine Unterarme. Gottseidank lag er auf dem Bauch. Im Versuch, seine Erektion zu verbergen, presste er sein Becken fester gegen den Boden – und spannte dabei unabsichtlich die Gesäßmuskeln an.

»Was ist los mit dir?«, fragte Paul und legte eine Hand auf Sams Oberschenkel – direkt unterm Hintern – und drückte zu.

Sam presste die Augen zusammen und unterdrückte ein Stöhnen.

»Willst du jetzt echt pennen?«, fragte Paul.

»Lass ihn doch«, sagte Kevin.

»Apropos – wenn wir schon dabei sind: Gilt Sex mit sich selbst auch?« Jochen schnaubte selbstgefällig. »Weil wenn ja, stell ich euch alle locker in den Schatten.«

»Yeah, Joe«, Kevin lachte. »Wir wissen alle, dass du der größte Wichser bist.«

»Natürlich zählt das nicht«, sagte Paul – seine Hand lag noch immer auf Sams Schenkel. »Und selbst wenn, zählt das nur einmal.«

»Ich glaub, dann bin ich bei sechs«, meinte Jochen.

»Exklusive dir selbst, oder inklusive dir selbst?«, fragte Kevin.

»Inklusive. So viel Respekt muss sein.«

»Respekt?« Kevin lachte.

»Und du, Sam?«, fragte Paul und drückte wieder zu. »Wie viele hattest du schon?«

Sams Schultern verspannten sich.

»Lass ihn schlafen«, sagte Kevin.

»Er schläft nicht. Ich seh genau, dass er nicht schläft.«

»Er will offensichtlich seine Ruhe.«

Pauls Hand verschwand von Sams Schenkel und Sam atmete erleichtert und ein wenig wehmütig auf. Dann tropfte etwas auf seinen Rücken, etwas streifte seinen Oberarm, dann spürte er die Nähe eines fremden Körpers.

»Huhu, Sam. Sam? Aufwachen«, säuselte Paul ganz nah an seinem Ohr.

Der heiße Atem jagte Sam einen Schauer über den Rücken. Eine fette Gänsehaut stellte seine Härchen auf. Seine Erektion war dabei, ein Loch ins Erdreich zu graben. Er stellte sich schlafend – oder tot. Seine Lippen kribbelten, sein Bauch kitzelte. Er wusste, er machte sich gerade wieder zum Idioten, je mehr er sich tot stellte, umso mehr, aber er wusste nicht, was er sonst tun, wie er auf Pauls Verhalten reagieren sollte.

Paul rückte wieder ab. Er gab offensichtlich auf. Sam war zugleich erleichtert und enttäuscht.

Kevin und Jochen kicherten unterdrückt. Keiner sagte was.

Plötzlich strichen Fingerkuppen den Bund seiner nassen Badehose entlang. Sam zuckte, sog scharf Luft durch die Zähne, Kevin und Jochen prusteten. Dann riss Paul mit einem Ruck die Badehose runter und setzte Sams blanken Arsch ins Freie. Trockene Sommerluft streifte über die nackten Backen. Die nasse Badehose schnalzte gegen die Schenkel.

Neben Sam explodierte ekstatisches Gelächter.

Panisch riss er die Badehose wieder hoch und fuhr herum. Jochen und Kevin kullerten auf den Rücken und hielten sich vor Lachen den Bauch.

Paul kniete gelassen vor Sam und grinste. »Netter Arsch.« Dann fiel sein Blick abwärts und seine Augenbrauen gingen hoch.

Sams Herz setzte für einen Moment aus. Rasch grapschte er nach seinem T-Shirt und raffte es vor seinem Schritt. Er starrte Paul an – sie starrten einander an –, den Bruchteil einer Sekunde oder ein halbes Jahr, Sam verlor jedes Zeitgefühl. Er stand unter Schock, konnte, was eben passierte, nicht einordnen. Schließlich sprang er hoch, schnappte panisch seine Sachen – sie fielen ihm mehrmals wieder aus der Hand –, und rannte, sein Zeug vor den Bauch gepresst, zu den Umkleidekabinen.

 

~ * ~

 

»Wieso nicht?«, fragte Kevin.

Das Handy am Ohr lief Sam im Flur hin und her. »So halt.«

»So halt? Was soll das heißen?« Kevin sprach mit jemandem, der neben ihm stand – Jochen vermutlich. Und Paul. »Er meint so halt«, gab er weiter. »Ja, keine Ahnung«, antwortete er ihnen.

»Ich hab … mir gehts nicht gut«, log Sam mit peinlicher Verspätung. Dann fiel ihm noch eine bessere Ausrede ein. »Meine Schwester kommt nachher vorbei.«

»Seine Schwester kommt vorbei«, gab Kevin weiter und sagte dann zu Sam: »Nimm sie mit.«

Das war sicher von Paul gekommen. Wahrscheinlich witterte er eine weitere Eroberung.

»Nein, sie … äh … sie kann nicht.« Sam lief eine Runde durchs Wohnzimmer, in den Flur bis zur Wohnungstür, kehrte um, kratzte sich im Nacken. Das Telefonat wurde zur Tortur.

»Weil sie bei dir ist?«, fragte Kevin.

Oh, wie naheliegend! »Ja«, sagte Sam erleichtert. Dann schlug er sich gegen die Stirn. Er war ein Idiot.

Kevin lachte. Er lachte ihn aus.

»Sam, zick nicht rum und komm«, tönte plötzlich Pauls Stimme durch den Hörer.

Sam fiel um ein Haar das Telefon aus der Hand. Er hielt den Atem an, seine Muskeln verspannten sich, wie eine Säule stand er im Türrahmen zum Wohnzimmer, presste die Augen zu und … wusste nicht, was sagen.

»Sam?«

Sam schluckte, atmete langsam aus und krächzte schließlich: »Ja?«

»Ist es, weil ich dir gestern im Schwimmbad die Hose runtergezogen hab?«

Im Hintergrund konnte Sam Jochen und Kevin lachen hören.

»Nein. Ja. Ich meine … Ja. Nein.« Sam schlug mit der Stirn gegen den Türrahmen.

»Willst du eine Entschuldigung?«, fragte Paul.

Sam klappte den Mund auf und zu. »Ich weiß nicht. Ich meine …«

»Wenn du in – sagen wir, einer halben Stunde? – hier bist, kriegst du von mir eine hochoffizielle Entschuldigung.« Jochen und Kevin kicherten hörbar. »Ich krieche zu Kreuze, Sam, nur für dich. Was sagst du dazu?«

»Nein … das ist nicht …« Sam verbrannte. Seine Hände zitterten. Er wechselte das Telefon ans andere Ohr, drehte sich um, drückte die Stirn gegen den Türrahmen. Wie oft hatte er mit Paul bisher telefoniert? Es war das erste Mal! Nein, das zweite. Beim ersten Mal hatte Paul eigentlich Kevin anrufen wollen, der bei Sam zu Besuch gewesen war. Der Saft seines Handys war alle geworden und … na ja, das wars eigentlich schon.

»Wenn du darauf bestehst, hole ich dich gerne auch ab«, schlug Paul vor und sagte halb zu Jochen und Kevin: »Während die beiden Idioten hier die Stellung halten.« Aus dem Off ertönte ein gegröltes »Prooost«.

Oh ja!, schrie es in Sam. »Nicht nötig«, sagte er.

»Also kommst du freiwillig.«

»Okay.«

»Er sagt Okay«, erzählte Paul den anderen. Wieder ertönte Johlen im Hintergrund. Dann sagte Paul leiser, irgendwie sehr nah am Hörer: »Bis gleich, Sam« – und legte auf.

Sam ließ einen Schrei fahren, oder ein Jauchzen, vielleicht auch ein Stöhnen. Die Anspannung musste raus. Er presste das Handy gegen seine Brust. Dann schlug er mit dem Hinterkopf gegen den Türrahmen und ließ weitere Laute aus der Kehle, die Gebete sein konnten, Flüche oder Hilferufe.

Als er sich gefangen hatte, stürzte er ins Bad, um alles zu tun, so perfekt auszusehen, wie irgend möglich.

 

~ * ~

 

Ding-Dong

Sam war gerade dabei, zum zwölften Mal das T-Shirt zu wechseln, in den Flur zu laufen und im Spiegel zu kontrollieren, ob es nicht zu eng saß und dabei trotzdem das bisschen Muskeln betonte, das er hatte, dann festzustellen, dass er darin mehr Mut brauchte, als er hatte, und doch wieder das eher weiter geschnittene …

Ding-Dong

Als hätte jemand einen Ausschalter betätigt, blieb Sam wie eingefroren stehen und starrte zur Wohnungstür. Wer konnte das sein? Um diese Zeit. Wo er doch gleich wegwollte. Ein Nachbar vielleicht? Nein, wieso sollte ein Nachbar … Seine Schwester? Hatte er sie mit seiner Notlüge irgendwie herbeigewünscht?

Ding-Dong machte es ein drittes Mal.

Sam trottete zur Tür und hob den Hörer der Gegensprechanlage ans Ohr. »Ja?«

»Das Taxi ist da.«

»Ich hab kein Taxi bestellt.«

»Ich bins, du Leuchte, Paul.«

Sam war drauf und dran, den Hörer aufzulegen, als könnte er Paul damit wegbeamen.

»Darf ich hoch, oder kommst du runter?«

»Ich … äh … komm runter«, brabbelte Sam. Dann kippte er in rasende Routine. Schlüssel, Brieftasche, Handy einstecken, Füße in die Schuhe stopfen, Lichter aus und dann nichts wie los. Dass Paul am anderen Ende des Treppenhauses wartete, verdrängte Sam. Aber sein Körper wusste es, es zog ihn zu ihm hin, er trippelte die Stufen abwärts, er sprang am Ende jedes Treppenabsatzes über gleich drei, vier Stufen, hielt sich am Handlauf fest, um mit Schwung in die Kurve zu laufen …

… dann zog er die Haustür auf und …

… da stand er. Paul. In der graublauen Dämmerung.

Im Reflex schaute sich Sam nach Jochen und Kevin um – Paul war alleine gekommen.

»Wow«, sagte Paul, musterte Sam von Kopf bis Fuß und schnupperte. »Hast heute noch was vor, ha?«

Sam wurde heiß. Seine Ohren brannten. Er blickte an Paul vorbei die Straße runter. Natürlich hatte er das schwarze Muskelshirt bemerkt, das Pauls definierte Arme und Schultern zur Geltung brachte. Er hatte bemerkt, dass er es in die Hose gesteckt hatte, was die schmalen Hüften betonte. So, wie er bemerkt hatte, dass Pauls Haar fluffiger wirkte als sonst. Vielleicht lag es auch daran, dass sein Kinn so glatt rasiert war, wie Sam noch nie an ihm gesehen hatte.

Aber er tat so, als wäre das alles unwichtig für ihn. Als wäre Paul unwichtig. Als wäre alles, was jetzt von Belang wäre, nur das Ziel. Das Volksfest, auf dem sich Jochen und Kevin gerade besoffen – um sich dort dann selbst zu besaufen.

»Wollen wir einen Umweg gehen?«, fragte Paul und zeigte in die andere Richtung.

Wieso? Sam starrte ihn perplex an und realisierte erst mit Verspätung, dass er Paul direkt ins Gesicht sah, in die Augen.

Paul lächelte. »Alles klar?«

Sam machte eine Kopfbewegung, die zwischen Nein und Ja alles hätte bedeuten können, und zuckte mit den Schultern.

»Wir können gerne auch direkt gehen«, meinte Paul. »Ich dachte mir nur …« Er blickte zum Himmel hoch, straffte die Schultern, atmete tief durch. »Es ist so lau heute. Angenehm kühl nach dieser Hitze. Ich dachte mir, wir könnten vielleicht am Bach entlang gehen. Ist ein schönerer Weg als neben der Straße. Außerdem können wir uns so ein wenig unterhalten.«

Uns unterhalten! Sam schluckte. »Okay.«

Paul lächelte. »Cool.«

Sie setzten sich in Bewegung. Keiner sagte ein Wort. Bald erreichten sie das Ufer des friedlich plätschernden Baches und spazierten dort entlang. Grillen zirpten, Mücken schwirrten, ein paar verspätete Vögel zwitscherten.

»Jochen und Kevin sind sicher schon dicht, bis wir kommen«, meinte Paul schließlich. »Die waren ja schon blau, als ich los bin, um dich abzuholen.«

»Ich hätte schon allein hingefunden«, platzte Sam heraus.

»Oha. Noch immer sauer wegen gestern?«

Sam stierte auf seine Schuhspitzen.

»Weißt du … ich hab am Telefon zwar gesagt, dass ich mich entschuldigen werde – hochoffiziell entschuldigen –, und wenn du darauf bestehst, dann mach ich das auch, vor Jochen und Kevin. Aber du solltest wissen, dass das nur Show ist. Ich hab das nur gesagt, um dich dazu zu bringen, heute mitzukommen.«

Sam starrte Paul von der Seite an, nicht sicher, ob er richtig gehört hatte.

»War es nett, was ich getan habe? Nein. Bereue ich es? Nein.« Paul grinste Sam an. »Was sagst du dazu?«

Rasch stierte Sam wieder auf den Weg vor seinen Füßen. Er zuckte mit den Schultern, schüttelte den Kopf.

»Du lässt mir das durchgehen?«, fragte Paul.

»Ich kanns ja nicht mehr ändern«, murmelte Sam. »Es ist passiert, also …«

»Also was?«

»Nichts.«

»Du meinst, es ist okay, weil es bereits passiert ist?«

Sam schwieg.

»Und was ist, wenn ich es wieder mache? Und wieder? Und wieder?«

Was sollte Sam auf so was antworten? Er tat, als würde er darüber nachdenken, doch sein Kopf war leer.

»Würdest du es auch hinnehmen, wenn Jochen es machen würde? Oder Kevin?«