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Die Staubwolke über dem Hügel wurde vom Wind fortgetragen und löste sich rascher auf als trockene Blätter in einem Kaminfeuer. Martha Penderton presste die Lippen zu einem Strich zusammen und starrte die Stelle an, hinter der ihr Sohn gerade verschwunden war. Mit unbekanntem Ziel, aber einer klar bestimmten Aufgabe.
"Er hat ... sich auf den ... Weg gemacht?" Die Stimme, die sie den Kopf zum Bett wenden ließ, war schwach und kam rasselnd aus einem eingefallenen Brustkorb.
"Ja." Sie trat an das Krankenlager, um seine knochigen Hände in die ihren zu nehmen. Und versuchte sich an einem Lächeln.
"Jack ... wird sie finden, Martha", verkündete ihr Mann, und Martha nickte stumm. Ohne zu wissen, ob sie das wirklich wollte.
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Seitenzahl: 144
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Jack wird sie finden
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Impressum
Jack wirdsie finden
Die Staubwolke über dem Hügel wurde vom Wind fortgetragen und löste sich rascher auf als trockene Blätter in einem Kaminfeuer. Martha Penderton presste die Lippen zu einem Strich zusammen und starrte die Stelle an, hinter der ihr Sohn gerade verschwunden war. Mit unbekanntem Ziel, aber einer klar bestimmten Aufgabe.
»Er hat ... sich auf den ... Weg gemacht?« Die Stimme, die sie den Kopf zum Bett wenden ließ, war schwach und kam rasselnd aus einem eingefallenen Brustkorb.
»Ja.« Sie trat an das Krankenlager, um seine knochigen Hände in die ihren zu nehmen. Und versuchte sich an einem Lächeln.
»Jack ... wird sie finden, Martha«, verkündete ihr Mann, und Martha nickte stumm. Ohne zu wissen, ob sie das wirklich wollte.
Der alte Morgan begann bereits zu lahmen, als sie gerade mal zwei Meilen zwischen sich und die Farm seiner Eltern gebracht hatten, doch Jack Penderton war nicht bereit, dem Klepper das durchgehen zu lassen. Während sich über ihnen allmählich dunkle Wolken zusammenballten, als hätte Gott heute noch ein paar andere Schikanen für ihn parat, warf Jack keinen Blick zurück und versuchte stattdessen, dem Ackergaul unter sich ins Gewissen zu reden.
»Dittrich, jetzt hör mir mal zu, okay? Ich habe bis zuletzt dafür gesorgt, dass du noch am Leben bist. Seit zwei Jahren habe ich Dad davon abgehalten, dir den Garaus zu machen mit dem Argument, das Fleisch von deinen Knochen wäre viel zu zäh, um im Kochtopf zu landen. Ich habe dich jeden Tag mit Futter versorgt, von dem wir übrigens immer viel zu wenig haben, und du hast dir auf der Weide mit Rosi und Bella einen schönen Tag gemacht, seit du den Pflug nicht mehr ziehen willst. Warum tue ich das? Weil ich dich gern hab, verstehst du?«
Er tätschelte dem Pferd grob und liebevoll zugleich den Hals und legte dabei die Stirn in Falten.
»Wir kennen uns jetzt seit... sechs Jahren, oder sind es schon acht? Lange genug jedenfalls, damit ich weiß, wenn du mir etwas vormachst.«
Der Morgan stieß erschöpft den Atem durch die Nüstern aus, fand sich darüber hinaus aber immerhin zu einem leisen Wiehern bereit.
»Genau«, nahm Jack die Reaktion als Zustimmung und fuhr fort. »Du hast wirklich lang genug treu auf dem Acker deinen Dienst getan, und ich wäre der Letzte, der dir Vorwürfe macht, weil du jetzt nach all den Jahren noch den Beruf wechseln und einen Sattel auf dem Rücken tragen musst. Ist schon klar, das kommt einem erst einmal komisch vor.«
Dittrich schüttelte die lange Mähne und schnaubte, was Jack mit einem Nicken quittierte.
»Die Stuten sind alles, was Mom und Dad noch bleibt, seit wir die letzten Schafe geschlachtet haben. Und die werden wohl auch noch verkauft werden, während wir weg sind.«
Jack Penderton zuckte die Achseln. »Deshalb musstest du den Job übernehmen, Kumpel – ob's dir nun passt oder nicht.«
Er trat dem kurzbeinigen Pferd kräftig mit den Hacken seiner Stiefel in die Flanken, und der Morgan machte einen überraschten Satz nach vorn. Nach ein paar Schritten hatte Jack den Eindruck, dass das Lahmen von Dittrich tatsächlich nachgelassen, der also seine Ansprache wohl verstanden hatte.
In düsteren Gedanken versunken ließ er den Morgan die Poststraße entlang trotten und nahm den kurz darauf einsetzenden Regen ebenso stoisch zur Kenntnis wie das Pferd unter ihm.
Als Reiter und Pferd das Ortsschild von Buckaroo Hills passierten, war die Sonne im Begriff, sich hinter dem Horizont im Westen zu verziehen, ohne dass dies angesichts des düsteren Himmels, aus dem es schüttete wie aus Kübeln, einen großen Unterschied gemacht hätte.
Jack nahm den Mietstall ins Visier und war dankbar, dass dessen Tor noch offen stand. Denn im Rest des Städtchens waren alle Fenster so dunkel, als wäre es ausgestorben.
»Komm schon rein!«, rief ihm ein hochgewachsener Farbiger in Latzhosen zu, der gerade im Begriff war, das Tor zu schließen, und Jack beeilte sich, dem Folge zu leisten.
Eine wütende Böe ließ das Brettertor hinter dem Schwanz von Dittrich zuschlagen, und der Morgan schnaubte erschrocken. Jack klopfte dem Tier auf den Hals, bevor er aus dem Sattel stieg.
Der Farbige legte den eisernen Bügel vor die Torflügel und wandte sich um. Sein Blick weitete sich ein wenig, als er Jack im Licht der Laternen an den Deckenbalken erkannte.
»Ach, du bist's, Junge.«
Er lächelte und entblößte dabei ein lückenhaftes Gebiss. »Was machst du denn bei diesem Sauwetter hier? Warst du nicht erst letzte Woche in der Stadt wegen des Saatguts?«
Jack winkte ab und bemühte sich um ein Lächeln. »Was gibst du mir für den alten Dittrich, Sam?«
Sein Gegenüber riss kurz die Augen auf, dann verzog er ungläubig die vollen Lippen. »Meinst du das ernst?«
Als Jack statt einer Antwort nur bekümmert das Gesicht verzog, schüttelte Sam den Kopf. »Sorry, mein Freund. Aber für den Klepper zahlt mein Boss dir nicht mal einen Dollar. Und das weißt du selbst so gut wie ich.«
Resignierend ließ Jack für einen Moment die Schultern hängen, bevor seine Hand in der Hosentasche verschwand und nach der dünnen Rolle Dollarnoten tastete.
»Okay, schon klar«, murmelte er, wandte sich um und nahm die Pferde in Augenschein, die hinter den Männern in den Boxen standen. »Gibt es hier einen Gaul, der mich für... sagen wir mal, drei Dollar nach Brookhaven bringen kann?«
»Drei Dollar?«
Sam kratzte sich am Kopf und trat dabei ein wenig von einem Fuß auf den anderen, bevor er die Hand hob und an Jack vorbei stiefelte.
»Mhmm... nicht leicht, aber möglich, Kleiner. Komm mal mit.«
Draußen pfiff der Wind unheimlich durch die Schindeln des Daches, und die Laternen über ihnen quietschten an ihren rostigen Haken, während Jack hinter Sam her marschierte und die Hinterteile der Reittiere unter seinen prüfenden Blicken stetig unattraktiver wurden, je weiter sie in die Tiefen des Mietstalls vordrangen.
»Die Gute hier könnte ich dir überlassen für drei Dollar.«
Jack verzog die Lippen. Der Schimmel mochte einmal ein stattliches Tier gewesen sein, doch das Alter hatte sichtbare Spuren an ihm hinterlassen. Mager und mit stumpfem Fell stand es vor der Rückwand des Stalls und hielt scheu den Kopf gesenkt.
Doch als Jack sich der Stute näherte, hob sie den Kopf und wieherte erfreut. Überrascht tätschelte er dem Tier den Hals und verengte die Augen, bevor er sich Sam zuwandte.
»Die Gute ist doch mindestens zehn Jahre alt, oder nicht?«
Er verzog das Gesicht, als ihm der übelriechende Atem der Stute entgegenschlug.
Sam grinste. »Ich seh's sofort, wenn zwei sich mögen! Sie heißt übrigens Blacky!«
Jack hatte Mühe, sich gegen die Zärtlichkeiten der Schimmelstute zu wehren, während er die Stirn runzelte. »Blacky? Das Pferd ist ein Schimmel, um Himmels Willen!«
Sam rollte mit den Augen, bevor er nach unten zeigte. Jack folgte dem Fingerzeig und erkannte die schwarz verfärbten Läufe des Pferdes. Es sah aus, als hätte die Stute sich vor kurzem in eine Teergrube verirrt.
»Toll«, murmelte Jack und zuckte zurück, als er die Zunge von Blacky an seiner Schläfe spürte.
»Drei Dollar«, brummte Sam. »Weil du's bist, Jack. Und weil ich weiß, was du und deine Eltern zu erdulden haben.«
Dieser alte Heuchler! Für einen Moment war Jack versucht, Sam die Faust mitten ins Gesicht zu zimmern, bis ihm die Knollennase im Nacken wieder rauskam, denn es war offensichtlich, dass er hier über den Tisch gezogen wurde.
»Und keine Fragen, was das Schicksal des alten Kleppers vor dem Tor angeht! Schlag ein oder lass es bleiben.«
Jack legte die Stirn in Falten und schob seinen Hut in den Nacken. Die Hand in seiner Hosentasche umschloss die Banknoten und musste sie nicht hervorholen, um zu wissen, dass ihm kein Spielraum zum Verhandeln blieb.
Als er schließlich nickte, versuchte er, nicht in Dittrichs Richtung zu schauen.
»Aber du lässt mich bleiben, bis es aufgehört hat, zu regnen, okay?«
Sams Grinsen ließ ihn nochmals verstohlen die Faust ballen.
»Ist doch Ehrensache. Ich spendier dir sogar noch einen Kaffee! Na, wie hört sich das an?«
Als der Regen nach zwei Stunden endlich nachließ, verließ Jack Penderton die Stadt. Und hoffte, dass ein altes Ackerpferd, das den morgigen Tag wohl kaum überleben würde, das geringste Opfer war auf dem Weg, den er zu beschreiten hatte.
✰
Die einzige Nachricht, die Loreley ihrer Familie hatte zukommen lassen, bestand in einem Brief, der die Penderton-Farm ein paar Wochen nach ihrem Verschwinden erreicht hatte.
Er war vor fast acht Jahren im Postamt von Brookhaven aufgegeben worden, was nahelegte, dort die Spur seiner Schwester aufzunehmen. Er hatte diesen Brief so oft gelesen, dass er ihn nicht aus der Satteltasche holen musste, um sich jedes Wort vor Augen zu führen.
Liebe Mom, Daddy, Jack,
ich weiß, ihr werdet mich hassen dafür, dass ich die Farm und euch im Stich gelassen habe. Doch mir blieb einfach keine Wahl, und ich hoffe inständig, dass ihr irgendwann verstehen werdet, warum eure Tochter und Schwester gezwungen war, ihr Zuhause hinter sich zu lassen. Bei Vater bin ich mir nicht sicher, denn ich habe lang und bitterlich gefleht und gebettelt und dabei tausend Tränen vergossen, dass er seinen Entschluss, mich an die Harts zu verschachern – ja, nichts anderes wolltest du tun, Daddy! – noch mal überdenkt.
Es hat alles nicht gefruchtet, also konnte ich nur ein Bündel packen und abhauen, wenn ich nicht mit diesem Widerling von Grant Hart verheiratet werden wollte, nur damit unsere Farm nicht vor die Hunde geht.
Jetzt denkt ihr vermutlich, eine anständige, pflichtbewusste Tochter hätte sich in ihr Schicksal gefügt, wäre vielleicht sogar dankbar dafür, die Gattin eines reichen Ranchersohnes werden zu dürfen. Mag sein, dass das stimmt. Doch dann will ich weder anständig sein noch mein Leben für Tochterpflichten opfern!
Euch gegenüber mag Grant ja immer den höflichen, kultivierten Gentleman gespielt haben. Aber ihr dürft mir glauben, ich kenne ihn besser. Er ist ein verabscheuungswürdiger, hinterhältiger Teufel, und eine Ehe mit ihm wäre die Hölle auf Erden gewesen.
Ihr glaubt, das sei übertrieben? Dieser Widerling hat mir nachgestellt, seit ich vierzehn bin, und damit meine ich keine Gedichte oder Blumensträuße! Doch wenn ich versucht habe, dir das zu erklären, hast du mir nicht zugehört, Dad. Schlimmer noch, du hast mir einzureden versucht, ich würde nur übertreiben oder mir alles einbilden.
Wie kann man sich die Hand auf einer Brust einbilden, die kaum mehr als eine kleine Knospe ist? Oder... ach, mir fehlt die Kraft, all das zu schildern, was Grant getan hat oder versucht hat zu tun. Ihr wolltet mir vor meiner Flucht nicht zuhören, warum also solltet ihr jetzt etwas darauf geben?
Ich hoffe, ihr habt euch in den Wochen, seit ich euch verließ, nicht zu sehr um mich gesorgt. Dazu bestand kein Grund, jetzt noch viel weniger. Denn ich habe einen netten Gentleman kennengelernt, der mir Arbeit gegeben hat. Ein leichter Job, und er wird gut bezahlt. Mein Freund ist zwar ein paar Jahre älter als Grant, dafür weiß er, wie man eine junge Lady behandelt – und Geld hat er auch, jede Menge! Er kauft mir schöne Kleider, es gibt immer genug zu essen, und am Abend trinken wir manchmal Champagner!
Also braucht ihr euch keine Gedanken zu machen. Und sucht um Himmels willen nicht nach mir. Ich weiß, ihr werdet erfahren, dass ich diesen Brief aus Brookhaven abgeschickt habe, doch schon in zwei Tagen werden wir die Stadt verlassen und an einen Ort gehen, der noch viel aufregender ist als dieses Städtchen hier. Mein Freund glaubt, ich sei zu Höherem berufen – genau das waren seine Worte!
Ich würde mir wünschen, dass ihr eines Tages wieder mit Zuneigung an mich denken könnt. Falls das nicht geht, dann vergesst mich einfach und versucht, euer Leben ohne mich weiterzuleben.
Eure euch immer noch liebende Loreley
Vater hatte damals vor Wut gekocht und war wild entschlossen gewesen, auf dem schnellsten Weg nach Brookhaven zu reiten, um die widerspenstige Tochter zur Räson zu bringen, während Mom Loreleys Entscheidung ein gewisses Verständnis entgegenbrachte – und Jack schockiert zwischen beiden gestanden hatte; zu jung, um den Brief von Loreley wirklich zu verstehen, aber alt genug, um die Tragweite der Ereignisse zu erfassen.
Der Streit der Eltern war eskaliert, die Stimmen waren lauter geworden, Geschirr zerbrach, und der Vater hatte bereits die Hand gegen seine Gattin erhoben – etwas, was nie zuvor passiert war –, als ihm plötzlich die Augen aus den Höhlen traten und er sich mit der Rechten an die Brust griff, anstatt seiner Frau damit eine Maulschelle zu verpassen.
Es war eine glückliche Fügung gewesen, dass der Doktor sich gerade auf dem benachbarten Anwesen der Harts befunden hatte und Jack ihm quasi vor die Kutsche lief, als er hilfesuchend über die Straße gerannt kam. Das rasche Eintreffen des Arztes rettete Joshua Penderton wahrscheinlich das Leben.
Dennoch war ein Teil von ihm an diesem Tag gestorben, und sein Vater wurde nie wieder der alte. Dabei war es wohl nicht nur der Herzinfarkt, der ihn seiner Lebenskraft beraubte.
Es war auch der Brief gewesen, der den Verlust der Tochter besiegelte und die eigene Schuld daran offenbarte. Auch vor seiner Frau und dem Sohn.
Doch Gott schien Penderton zu einem neuen Hiob auserkoren zu haben und war mit seinen Prüfungen noch nicht am Ende. Denn obwohl sie sich wohlweislich damit zurückhielten, Loreleys Motive für ihr Verschwinden zu enthüllen, betrachteten die Harts das Platzen der Hochzeit als Affront, und der alte Fingus Hart entzog den Pendertons seine Gunst von einem Tag auf den anderen, als hätte ihm ein Schoßhündchen in die Hand gebissen: Das begann damit, dass der Anschein eines freundschaftlichen Verhältnisses von kalter Missachtung abgelöst wurde und man sich selbst beim sonntäglichen Gottesdienst nicht mehr grüßte. Danach wurde der vormals großzügig bewilligte Zugang zum Fluss, der über den Grund der Harts floss, erst verwehrt, um schließlich eine Gebühr zu verlangen, wenn die Pendertons dort ihr Vieh saufen lassen wollten.
Als ein Jahr zuvor der alte Hart starb und Grant zum neuen Herrscher über die Ranch wurde, schlugen die Repressalien schließlich in offene Feindschaft um. Grant machte seinen Einfluss geltend, damit die Pendertons erst bei der Bank in Buckaroo Hills keinen Kredit mehr bekamen und nun seit ein paar Wochen auch Schwierigkeiten hatten, bei den Händlern anschreiben zu lassen.
Der Bastard ließ sie regelrecht ausbluten und zeigte damit mehr als deutlich, wie richtig Loreley damals mit ihrer Einschätzung von Grant Harts Charakter Gelegen hatte.
Die Farm stand vor dem Aus, ihr Vater lag im Sterben. Immer noch wusste Jack nicht genau, warum er sich ausgerechnet jetzt aufmachte, um die verschollene Schwester aufzuspüren. Denn um das, was Loreley damals mit ihrem Verschwinden ausgelöst hatte, noch zum Guten zu wenden, war es wohl längst zu spät.
Doch ungeachtet dessen hatte seine Mutter ihn angefleht, es zu versuchen. Und damit wohl den Wunsch ihres Mannes ausgesprochen, der die Tochter am Sterbebett noch einmal sehen wollte, bevor er seinem Schöpfer gegenübertrat.
Weil er um Verzeihung, gar um Erlösung bitten wollte? Oder weil er hoffte, die verstoßene Tochter käme als reiche Lady heim und würde Grant Hart die Stirn bieten, mit Dollarbündeln winken und die Ehre der Pendertons retten, indem sie die Farm von ihren Schulden befreite und für ein Grabmal sorgte, das jenes vom alten Hart aussehen ließ wie einen Maulwurfshügel?
Etwas in der Art würde Jack zwar gefallen, wie er sich eingestehen musste. Doch er glaubte nicht daran. Obwohl gerade erst einundzwanzig geworden, hatten ihm die letzten Jahre zur Genüge bewiesen, dass das Leben einem nur selten mit zum Kussmund geschürzten Lippen entgegenkam.
Meistens war der Mund geöffnet, hatte spitze Zähne und war bereit, zuzubeißen.
Deshalb hatte er sich damit abgefunden, dem Untergang der Penderton-Farm und dem Sterben seines Vaters beizuwohnen, solange es eben dauerte. Und sich danach irgendwo einen Job zu suchen, um für Mom zu sorgen.
Stattdessen saß er nun auf dieser Schindmähre und jagte einer fixen Idee seines Vaters nach, die er nicht teilen mochte.
Selbst wenn er Loreley finden sollte, was alles andere als leicht werden würde – was für einem Menschen würde er dann gegenüberstehen?
Blacky trabte munterer über die Piste, als er es ihr zugetraut hätte, und sie schien dabei weder Ansporn noch Kommandos zu benötigen. Er legte die Zügel über das Sattelhorn und griff in die Innentasche seiner hüftlangen Jacke, um eine zerknitterte Fotografie hervorzuholen.
Das Bild war von einem reisenden Fotografen in Buckaroo Hills aufgenommen worden, als die Pendertons anlässlich des Unabhängigkeitstages einen Ausflug in die Stadt unternommen hatten. Auch von ihm und den Eltern hatte der Fotograf Bilder gemacht, die in ihren Rahmen im Farmhaus zurückgeblieben waren.
Loreley hatte eine feierliche Miene aufgesetzt, denn der Vater hatte vorher verdeutlicht, wie teuer solche Fotografien waren, und dass es vielleicht die einzige bleiben würde, die man von ihr machte – wenigstens, bevor sie vor den Traualtar trat.
Sie trug das lange dunkle Haar zu sorgfältig von der Mutter geflochtenen Zöpfen, hielt den Rücken gerade und hatte die Hände vor dem Bauch gefaltet. Das lange Kattunkleid mit dem gestärkten Spitzenkragen und der niedlichen Schleife war kindlicher als die Figur darunter, die bereits die ersten weiblichen Rundungen einer Sechzehnjährigen andeutete.
Sein Blick blieb an ihren ernsten Zügen hängen, dem trotzig erhobenen Kinn, den herabgezogenen Mundwinkeln, die er damals als kleiner Bruder für konzentriert gehalten hatte – und die jetzt fast wütend auf ihn wirkten, und schließlich den dunklen Augen, die in seiner Erinnerung die Farbe gefrorener Veilchenblüten hatten und ihm aus der Fotografie entgegen starrten, als wollten sie ihm einen verspäteten Vorwurf machen.
