Lassiter 2554 - Jack Slade - E-Book

Lassiter 2554 E-Book

Jack Slade

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Beschreibung

Die Morgensonne holte ihn aus einer Bewusstlosigkeit, die so abgrundtief und dauerhaft gewesen war, dass sich das Erwachen anfühlte wie eine Auferstehung von den Toten. Er öffnete mühsam die Augen und erhob sich.
Wüste, so weit man schauen konnte. Egal, in welcher Richtung.
Hinter seiner Stirn pochte es dumpf, als würden winzige Spitzhacken seine Hirnwindungen malträtieren.
Als sein Blick sich endlich klärte, erkannte er eine Hügelkette im Osten unter der aufgehenden Sonne, hatte aber trotzdem keine Ahnung, wo er sich befand und wie er hierher gekommen war. Das war schlimm genug. Doch was ihn wirklich verstörte, war, dass er sich nicht mal mehr an seinen Namen erinnern konnte ...


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Seitenzahl: 135

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

Cover

Honeymoon im Death Valley

Vorschau

Impressum

Honeymoonim DeathValley

Die Morgensonne holte ihn aus einer Bewusstlosigkeit, die so abgrundtief und dauerhaft gewesen war, dass sich das Erwachen anfühlte wie eine Auferstehung von den Toten. Er öffnete mühsam die Augen und erhob sich.

Wüste, so weit man schauen konnte. Egal, in welcher Richtung.

Hinter seiner Stirn pochte es dumpf, als würden winzige Spitzhacken seine Hirnwindungen malträtieren.

Als sein Blick sich endlich klärte, erkannte er eine Hügelkette im Osten unter der aufgehenden Sonne, hatte aber trotzdem keine Ahnung, wo er sich befand und wie er hierher gekommen war. Das war schlimm genug. Doch was ihn wirklich verstörte, war, dass er sich nicht mal mehr an seinen Namen erinnern konnte...

Er benötigte drei Versuche, bevor es ihm gelang, auf die Füße zu kommen. Taumelnd drehte er sich einmal um die eigene Achse, dann stieg schlagartig Brechreiz in ihm auf und er kotzte einen dünnen Schwall in den roten Staub. Dabei wäre er fast wieder zu Boden gegangen, doch es gelang ihm mit Mühe, sich zu fangen. Himmel und Erde tanzten vor seinen Augen, und er wurde abermals gezwungen, sich würgend zu bücken, obwohl kaum mehr etwas kam außer Galle.

»Goddam«, stieß er tonlos hervor und spuckte zu Boden, wobei ihm vage durch den Kopf ging, dass jeder Tropfen Körperflüssigkeit vielleicht schon bald den Unterschied zwischen Leben und Sterben ausmachen konnte. Mit tränenden Augen wartete er, bis sich die Krämpfe im Bauch legten und seine erstickten Atemzüge zur Ruhe kamen. Es schien eine halbe Ewigkeit zu dauern, bevor er sich aufrichten und die Hände in die Hüften stützen konnte.

Obwohl die Sonne sich noch nicht weit über die Horizontlinie im Osten erhoben hatte, trieb ihm die Hitze bereits den Schweiß auf die Stirn und ließ das lederne Hemd am Rücken kleben.

Sein Blick fiel auf den ausgeblichenen Schädel eines Longhorn-Rinds, das wohl vor Monaten hier verendet war. Der Schädel starrte aus leeren Höhlen zurück wie eine düstere Prophezeiung.

Ein leises Schnauben drang an seine Ohren, und als er sich in Richtung des Geräuschs umwandte, weiteten sich seine Augen.

Der Braune mit der hübschen weißen Blesse, die sein Haupt von der Stirn bis zu den Nüstern teilte, stand einen Steinwurf entfernt in einem der wenigen Flecken trockenen Präriegrases und bewegte lustlos die Kiefer, während er das karge Grünzeug zwischen den Zähnen in etwas Verdauliches zu verwandeln versuchte. Dabei taxierte das Pferd ihn mit mildem Interesse.

Es trug einen Sattel auf dem Rücken, und als er die am Horn hängende Wasserflasche bemerkte, leckte er sich die rissigen Lippen.

»Hola, Amigo«, murmelte er. »Schön, dich zu sehen.«

Er machte ein paar Schritte auf das Pferd zu; langsam und vorsichtig, ohne es dabei aus den Augen zu lassen.

Der Braune hob den Kopf und erwiderte seinen Blick, rührte sich aber nicht von der Stelle.

»So ist es brav«, sagte er. »Guter Kumpel...«

Noch vier Schritte. Er hob die Hände und streckte sie weit von sich. Das Pferd blähte die Nüstern und schnaubte leise.

»Ganz ruhig, mein Freund«, sagte er mit einschmeichelnder Stimme. Wieder ein paar Schritte, jetzt war der Braune nur noch sechs Yards vor ihm. Die Wasserflasche am Lederriemen ließ ihn schlucken, und die trockene Kehle schmerzte.

»Wir sind doch sicher zusammen hergekommen, oder? Also wäre es nur normal, wenn wir auch gemeinsam wieder von hier verschwinden, meinst du nicht?« Er hob treuherzig die Augenbrauen.

Das Pferd wieherte und warf den Kopf hin und her; das sah nicht unbedingt nach Zustimmung aus.

»Okay, okay...«, flüsterte er und verharrte. Er zwang sich dazu, ruhig zu atmen und die Hände zu senken, dabei aber aufrecht zu stehen und dem Tier unverwandt in die Augen zu blicken.

Fast eine Minute verstrich, während sich Mann und Tier so gegenüber standen.

Dann schien der Bann gebrochen, denn der Braune senkte den Kopf und ließ es zu, dass er die kurze Distanz zu ihm überwand und die Zügel ergriff.

»Na also. Ich wusste doch, dass wir uns verstehen, Amigo«, brummte er erleichtert, obwohl das nur hohle Worte waren, denn im schwarzen Loch seiner Erinnerungen war buchstäblich nichts zu finden, auch kein Pferd mit weißer Blesse auf der Nase.

Trotzdem klopfte er dem Tier freundschaftlich auf den Hals, zog die Wasserflasche vom Sattelholm und runzelte im nächsten Moment die Stirn.

Er schraubte den Deckel ab und hielt sich die Öffnung an die Lippen, doch nur ein kleiner Schluck abgestandener Brühe benetzte seine Zunge – kaum mehr, als er vor ein paar Minuten ausgespuckt hatte.

»Bloody hell...«, knurrte er und schloss für einen Moment resigniert die Augen.

Er schüttelte die Enttäuschung ab, verschloss die leere Feldflasche wieder und hängte sie zurück an das Sattelhorn, bevor er das Gepäck auf dem Rücken des Braunen inspizierte.

Im Scabbard steckte ein Winchester-Karabiner, doch das Magazin war leer. Nur noch eine Patrone vor dem Lauf. Hinter dem Sattel zwei Decken, mit Lederriemen befestigt. In den Satteltaschen Kochgeschirr, ein Dreibein, Zündhölzer, eine Blechdose mit Nähnadeln und aufgerolltem Garn, eine zerfledderte, fleckige Zeitungsseite, ein Fernglas mit zersprungenem Okular, ein Tabaksbeutel, zwei schmutzige Hemden und eine zerschlissene Jeans, eine Taschenuhr, die stehengeblieben war, ein Futtersack mit reichlich Hafer darin, den er sofort hervorholte und dem Braunen über das Maul hängte. Eine Schachtel mit Munition, leer bis auf sechs jämmerliche Patronen – und ein Revolvergurt, in dessen Holster ein Remington steckte.

In den Schlaufen des Gurts befand sich keine weitere Munition, die Trommel des Sechsschüssers war aber immerhin noch zur Hälfte bestückt.

Nachdenklich starrte er die Waffe eine Weile an, doch die Hoffnung, dass ihr Anblick und der der anderen Dinge irgendeine Erinnerung in ihm weckte, erfüllte sich vorerst nicht.

Er band sich den Gurt um die Hüften und nahm den Revolver in die Hand. Schnaufte und streckte sich.

Der Remington fühlte sich vertraut an, mehr aber auch nicht.

Als er sich umsah, entdeckte er einen leicht verbeulten Stetson, der sich im Gestrüpp eines Mesquitestrauchs verfangen hatte. Er befreite den Hut aus den dornigen Zweigen und stülpte ihn sich über den Kopf. Erst als er die Hand wieder sinken ließ, fiel ihm das Glänzen auf, und er starrte ungläubig den goldenen Ring an seinem Finger an.

»Was ist das denn?« Erschrocken, als würde ihm ein Finger fehlen statt nur von einem Goldring geschmückt zu sein, legte er die Stirn in Falten, und das Pochen im Kopf, das sich gerade erst aus seinem Bewusstsein zurückgezogen hatte, kehrte mit aller Macht zurück.

Er hatte keine Ahnung, wo er sich befand, wer ihn hier mitten in der Wüste ausgesetzt hatte, wusste nicht mal, wie er hieß. Und nun war er auch noch verheiratet – was hielt Gott, der Teufel oder wer auch immer die Fäden seines Schicksals gerade in den Klauen hielt und in Turbulenzen versetzte, sonst noch in der Hinterhand?

Er rieb sich über das verschwitzte, von Bartstoppeln bedeckte Gesicht und versuchte, die Benommenheit, die ihn immer noch wie eine Matte aus Blei niederdrückte, abzuschütteln.

Das waren Dinge, über die er sich Gedanken machen konnte, wenn es ihm gelungen war, den Tag in der Gluthölle zu überleben.

Was voraussetzte, dass es ihm und dem Braunen gelingen würde, Wasser zu finden. Im Gegensatz zu ihm schien das Pferd noch gut bei Kräften zu sein, also befreite er es vom Futtersack und schwang sich mühsam in den Sattel.

Er hoffte, das Tier würde eine Wasserquelle wittern, wenn sich eine in Reichweite befand, und nahm sich vor, selbst nach Anzeichen zu suchen: Eine Zunahme der Vegetation, vorbeiziehende Wildtiere und Vögel oder Veränderungen in der Luft.

Diese Dinge gingen ihm durch den Kopf, ohne dass er hätte sagen können, woher dieses Wissen kam. Er nahm es dankbar hin und versetzte den Braunen in Bewegung, dabei seinem Instinkt vertrauend, der ihn Kurs auf die Berge im Osten nehmen ließ.

Wer auch immer ihn hier mitten im Nirgendwo ausgesetzt hatte, war offenbar nicht bereit gewesen, sich damit zufriedenzugeben, ihn einfach nur zu töten.

Er wollte, dass er langsam und qualvoll zugrunde ging.

Doch er war entschlossen, wenigstens lang genug zu überleben, bis er sich daran erinnern konnte, weshalb man ihn hier in der Wüste krepieren lassen wollte.

Vier Wochen zuvor, Los Angeles, Südkalifornien

»Wie war die Reise, Lassiter?«

Der Mann im elfenbeinfarbenen Seidenanzug, der ihn auf der Dachterrasse empfing, trug neben einer Zigarre in der linken und einem Cocktailglas in der rechten Hand ein süffisantes Lächeln zur Schau, das der Brigadeagent ignorierte.

»Es war heiß, Mr. Muir. Und es roch nach Schaf. Nach zwei Dutzend Schafen, um genau zu sein.«

Lassiter sah sich um und taxierte dabei die neue Kontaktperson in Südkalifornien auf beiläufige Weise. Wobei der Ort und das Ambiente ihres Treffens ihm ebenso viel über Oscar Muir verrieten wie der Mann selbst.

Arrogant, geltungssüchtig, eitel und von einem bemerkenswerten Hang zum Luxus erfüllt. Nicht unbedingt Eigenschaften, die normalerweise für die Position als Kontaktmann der Brigade Sieben verlangt wurden.

Lassiter griff nach der Karaffe mit dem Whiskey, die neben allerlei anderen Flaschen kostspieligen Inhalts auf einem Tisch im Schatten eines Sonnenschirms stand, schenkte sich ein Glas halbvoll und langte umstandslos nach ein paar Eiswürfeln aus dem glänzenden Behälter, die er in seinen Drink fallen ließ. Die Metallzange daneben ließ er unberührt.

Muir rümpfte die Nase, und Lassiter wusste nicht, ob das wegen seiner bloßen Finger in dessen Eiskübel geschah, oder weil der Mann mit dem bleistiftdünnen Menjoubärtchen sich gerade vorzustellen versuchte, wie es war, mit über zwanzig blökenden Schafen in einem Bahnwagen durch das sommerliche Kalifornien zu gondeln.

»Was um Himmels willen hat eine Viehherde in einem Passagierwagen verloren?«

Lassiter zuckte gleichmütig die Achseln, während er dabei zusah, wie das Eis in seinem Drink schmolz. »In Stockton gab es einen Brand, und dabei sind mehrere Frachtwaggons in Flammen aufgegangen. Die Tiere mussten trotzdem mit, aber es gab Nachlass auf die Billetts.«

Er grinste und nippte an seinem Whiskey, als würde er sich immer noch darüber freuen, ein paar Dollar gespart zu haben.

»Die Brigade Sieben gesteht Ihnen das Reisen erster Klasse zu, Lassiter«, erwiderte Muir mit einem blasierten Heben der Augenbrauen. Sein Blick ergänzte ohne Worte: Selbst Schuld, du Trottel.

»Danke für den Hinweis. Es gab keine Verbindung mehr hierher mit Plätzen erster oder zweiter Klasse. Ich hätte mehr als einen Tag warten müssen, und da das Telegramm sich dringend las...«

»Sehr löblich, dass Sie keine Mühen gescheut haben«, schloss Muir das Thema ab und deutete auf zwei Lehnstühle am Rand der Terrasse, von denen aus man einen prächtigen Blick auf das kleine Küstenstädtchen und die dahinter im Morgendunst liegende Pazifikküste hatte.

Keiner der Männer verschwendete einen Blick auf das Panorama, als sie sich niederließen. Lassiter, der bereits beschlossen hatte, Oscar Muir als überhebliches und wenig vertrauenswürdiges Arschloch zu betrachten, setzte eine ausdruckslose Miene auf.

»Also, warum bin ich hier?«

Muir sog an seiner Zigarre, die viel zu groß für sein Alter und den schmallippigen Mund war; er starrte Lassiter für eine Weile schweigend an, bevor er sich zurücklehnte und endlich zu einer Antwort herabließ.

»Ich will ehrlich zu Ihnen sein, Lassiter. Die Sache ist äußerst heikel. Brandgefährlich. Daher war ich persönlich nicht sicher, ob Sie dafür der Richtige sind.«

Dasselbe könnte ich von dir behaupten, dachte Lassiter, sagte aber stattdessen unbeeindruckt: »Irgendjemand in Washington war vermutlich anderer Meinung, sonst wäre ich nicht hier.«

Beschwichtigend hob Muir die Hände. »Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich kenne Ihren Ruf, Sie gelten als einer unserer besten Agenten, trotz Ihres jungen Alters. Und natürlich habe ich auch von Ihrer erfolgreichen Mission kürzlich in Mexiko gehört. Wohl der Grund dafür, dass man Sie geschickt hat.«

»Also führt mich der Auftrag nach Mexiko?« Lassiter runzelte die Stirn, denn in diesem Fall hätte er erwartet, von jemand anderem an einem anderen Ort empfangen zu werden.

»Keineswegs. Obwohl die Beziehungen der Leute, um die es geht, durchaus bis über den Rio Grande reichen.«

»Und von wem reden wir?« Lassiter stellte sein Glas ab und beugte sich vor. Seine Miene verriet beginnende Ungeduld.

Muir streckte die feingliedrigen Hände aus, manikürt und beweglich, als würden sie einem Pianisten gehören.

Im Geiste zuckte Lassiter die Achseln. Wer konnte schon wissen, ob irgendwo da unten im Palazzo nicht ein kostbarer Flügel stand.

»Sagt Ihnen der Name Zalamanca etwas?«

»Nie gehört.«

»Das überrascht mich.«

»Klären Sie mich doch einfach auf, Muir.«

Mit einem arroganten Grinsen nahm Muir Lassiter in den Blick, während er nach seinem Glas griff, es leerte und auf die Balustrade zurückstellte.

»Die Zalamancas. Eine weit verzweigte Familie mit indianischen Wurzeln in Mexiko, New Mexiko und bei uns im tiefen Süden Kaliforniens, die bis in die Zeit der Konquistadoren zurückreichen soll. Oder wenigstens bis zu den Kriegen, die die Vereinigten Staaten geführt haben, bevor der Rio Grande zu ihrer Grenze wurde, was wohl wichtiger ist für das, worüber wir reden müssen.«

Lassiter wartete immer noch darauf, dass Muir endlich damit herausrückte, warum man ihn her beordert hatte, deshalb schwieg er und ließ den Mann fortfahren.

»Der Clan der Zalamancas ist so reich, dass sie sich wohl bequem den ganzen Bundesstaat Kalifornien einverleiben könnten, wenn man ihr Vermögen mit den hiesigen Steuereinnahmen pro Jahr vergleicht. Einige riesige Grundbesitze, aber vor allem verbrecherische Unternehmungen aller Art. Unten im Grenzgebiet schätzt man, dass bei jedem zweiten Überfall und jeder dritten Erpressung jemand aus der Familie seine Finger im Spiel hat. Die Zalamancas sind sozusagen die dunkle, böse Seite Kaliforniens. Und die meisten Farmer zahlen lieber an den Clan als an unsere Steuereintreiber. Unter dem Strich fährt man damit offenbar besser.«

Muir lachte freudlos. Lassiter stimmte nicht ein, sondern hielt seine reglose Miene aufrecht.

»Wir versuchen seit Jahren, irgendwie in diese verschworene Gemeinschaft einzudringen, ohne Erfolg. Aber jetzt haben wir die Chance, ein trojanisches Pferd einzuschleusen.« Muir schmunzelte.

»Und dieses Pferd werden Sie sein.«

Lassiter nickte nur. Muir war vom hartnäckigen Schweigen des Agenten zwar ein wenig irritiert, ließ sich aber lediglich für einen Moment aus dem Rhythmus bringen.

»Die Zalamancas sind durchaus nicht so eng miteinander, wie wir dachten. Ein Spitzel in deren Reihen hat uns jetzt verraten, dass die Oberhäupter des Clans hier im Südwesten, die beiden Brüder Jesús und Genaro, durchaus unterschiedliche Ziele verfolgen. Dem einen scheint es nur um Reichtum zu gehen, während der andere sich offenbar zu Höherem berufen fühlt.«

Ein leichtes Zucken der Mundwinkel ließ erwachendes Interesse in Lassiters stoischer Miene erkennen, bevor er knurrte: »Und das wäre? Will er etwa die alten Jagdgründe für seine roten Brüder zurückerobern?«

Muir lehnte sich an der Balustrade zurück und strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn, die der Wind vom Meer aus seiner sonst wie aus Holz geschnitzt wirkenden Frisur hatte zerren können.

Er hob die Achseln.

»Etwas in der Art. Denn unser Spitzel hat uns mitgeteilt, dass Don Jesús Zalamanca Waffen kaufen möchte. Moderne Waffen, und zwar kein Dutzend, sondern gleich ein paar hundert.«

Lassiter nickte. »Okay. Das hört sich tatsächlich so an, als wäre da etwas Größeres geplant als ein Zugüberfall. Aber was soll ich dabei tun?«

»Ganz einfach.« Muir grinste breit. »Sie liefern ihm die Schießeisen.« Er breitete die Hände aus, und die Glut seiner Zigarre zauberte dabei eine kurzlebig leuchtende Kurve in die flimmernde Luft.

»Sagen wir mal, zweihundert fabrikneue Winchester Modell 1876, dazu zehntausend Schuss Munition. Und wenn das nicht reicht, legen Sie noch hundertfünfzig Revolver und ein paar Pfund Dynamit oben drauf.«

Muir steckte sich den Zigarrenstumpen zwischen die gebleckten Zähne und versuchte, dabei wie ein mexikanischer Revoluzzer auszusehen – eine ziemlich lächerliche Darbietung. Lassiter schüttelte langsam den Kopf und stützte sich mit den Händen auf der Balustrade ab. Er blickte nach Westen und versuchte vergeblich, im Dunst die Küstenlinie auszumachen.

Irgendwo draußen auf dem Meer ertönte der klagende Laut eines Nebelhorns von einem Fischkutter, der sich dem Hafen näherte.

»Wie stellen Sie sich das vor? Diese Leute sind doch keine Narren. Wenn ein Yankee ihnen mal eben Schusswaffen in einer Größenordnung anbietet, mit der man einen Militärstützpunkt versorgen könnte...«

»Dann muss derjenige sie irgendwo herhaben – natürlich!«

Muir trat neben ihn und tippte auf einen schmalen Dokumentenordner. »In den vergangenen drei Monaten fanden mehrere Überfälle auf Militärtransporte statt, bei denen Waffen und Munition in beängstigender Menge geraubt wurden.«

Lassiter drehte den Kopf und starrte Muir an. Er verzog die Lippen. »Tatsächlich? Ich habe nichts davon in den Gazetten gelesen.«