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In ihrem Alter wird vermutlich nicht mehr viel passieren, denkt Sonny sich. Sie hat einen guten Job, ein angenehmes Umfeld und die eine oder andere Affäre, die ihr das Leben versüßt. Aber da lernt sie durch ihre beste Freundin Bettina zufällig Yvonne kennen, eine Frau, mit der sie sich auf Anhieb versteht. Obwohl sie eigentlich Bettinas Date ist. Hin- und hergerissen zwischen ihrer Loyalität zu Bettina und ihren eigenen Gefühlen für Yvonne kämpft sie lange mit sich, bevor sie sich Yvonne nähert. Auch Yvonne hat eher Interesse an Sonny als an Bettina, und da Bettina bereits auf neuen Pfaden wandelt, scheint alles eitel Sonnenschein. Doch da bilden sich auf einmal dunkle Wolken über dem so idyllischen kleinen Häuschen mit Garten, das Yvonne bewohnt. Denn in einem Alter wie dem von Sonny und Yvonne hat jede Frau eine Vergangenheit . . .
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Seitenzahl: 301
Veröffentlichungsjahr: 2024
Roman
© 2024édition el!es
www.elles.de [email protected]
Alle Rechte vorbehalten.
ISBN 978-3-95609-379-1
Coverillustrationen:
»Du bist eine süße Frau.«
»Ich bin eine starke Frau.«
Sonny lächelte. »Eine starke Frau, aber süß.« Sie legte ihren Arm um die nackte Frau, die neben ihr im Bett lag, und zog sie an sich. »Eine starke, schöne, süße Frau.«
»Wenn du meinst.« Es war nicht so ganz das, was dieses wundervolle junge Geschöpf neben ihr wollte, das merkte Sonny schon.
Sie versuchte, es zu ignorieren. Der nackte warme Körper an ihrem eigenen erleichterte das. Aber er war schon sehr jung. Zu jung. Die Frau war doch höchstens Mitte zwanzig.
Und sie hatte einen Traumkörper. Einen Körper wie aus einem Fitness-Video. Wahrscheinlich hatte Sonny einfach zu viele solcher Körper gesehen, in all den YouTube-Videos, die sie angeschaut hatte, um ihre eigene Fitness zu steigern. Oder auch nur zu halten.
Halblange blonde Haare, blaue Augen, groß und schlank. Straffe Linien, die sich von unterhalb ihrer Brüste über ihre Taille und ihren Bauch bis in die Leistengegend zogen, weil sich darunter fast so etwas wie ein Sixpack verbarg. Fitness-Video, ganz klar. Das hier war nicht die Realität.
Langsam und äußerst widerwillig schlug Sonny die Augen auf. Natürlich war das nicht die Realität. Neben ihr im Bett lag niemand. Schon gar nicht eine fünfundzwanzigjährige Fitnesstrainerin.
Sonst träumte sie doch nicht von so was. Wie kam das auf einmal?
Na ja, so ganz abwegig war das nicht. Manchmal sehnte sie sich schon danach, jemanden zu haben. Obwohl sie ihr Leben lang überzeugter Single gewesen war.
Hin und wieder vielleicht eher der Not gehorchend, nicht dem eignen Trieb, wie schon der alte Schiller sagte. Aber im Großen und Ganzen doch zufrieden, dass es so war.
Je älter sie wurde, desto mehr kam es ihr jedoch so vor, als hätte sie auch eine andere Entscheidung treffen können. Ob es mit fünfundfünfzig schon zu spät dazu war?
Ihr Handy, das sie zum Laden auf dem Nachttisch liegen hatte, meldete sich.
Wer wollte denn schon so früh an einem Samstagmorgen etwas von ihr? Es war gerade einmal halb acht.
Sie hätte gern die Augen geschlossen und diese hübsche junge Fitnesstrainerin in ihren Tag zurückgerufen. Aber als sie es versuchte, ging es nicht. Sie war ein Geschöpf der Nacht, der Imagination, nicht des Tages, der Wirklichkeit.
Sonnys Handy wollte nicht aufgeben. Seufzend griff sie danach, wurde durch das Ladekabel gestoppt, entfernte es leicht gereizt, sodass es mit einem lauten Klack auf ihren Nachttisch fiel, und nahm den Anruf an.
»Ja, Bettina? Was ist denn?«
»Du musst mir helfen!« Bettinas Stimme klang etwas panisch.
»Am Samstag um halb acht Uhr morgens? Da schlafe ich normalerweise noch!«
»Jetzt schläfst du aber nicht mehr.«
Weil du mich geweckt hast. Sonny schüttelte den Kopf. »Nein.« Sie atmete tief aus. »Also was ist?«
»Du musst mitkommen!«
»Jetzt?« Sonny riss die Augen auf. »Ich habe noch nicht einmal geduscht! Geschweige denn gefrühstückt.«
»Nein, nicht jetzt.« Auf einmal lachte Bettinas Stimme nicht mehr ganz so panisch. »Entschuldige. Ich bin wirklich unmöglich.«
»Bist du«, bestätigte Sonny nicht sehr höflich, jedoch durchaus wahrheitsgemäß. »Aber du bist auch meine beste Freundin. Deshalb bin ich natürlich für dich da. Wie du für mich.« Sie stöhnte ein wenig auf. »Wenn auch nicht so gern am Wochenende morgens um halb acht!«
»Sorry. Das war unüberlegt von mir.« Dummerweise fiel das Bettina immer erst hinterher ein. »Aber ich habe da eine Mail bekommen . . . Ich meine, schon vor einiger Zeit. Jetzt ist es mehr ein Chat –«
»Bettina!«, unterbrach Sonny sie laut. Sie verstand kein Wort. »Der Reihe nach. Und vielleicht nicht alles auf einmal.« Sie strich sich die Haare aus der Stirn. »Können wir uns nicht später zum Frühstück treffen? Ich habe nichts im Haus«, erinnerte sie sich. »Also vielleicht in einem Café?«
Dass Bettina nichts im Haus hatte, wusste sie. Sie war eine Chaotin.
»Ja . . . Ja.« Bettina wirkte unentschlossen, aber das kannte Sonny schon. Sie konnte keine Entscheidungen treffen. Nur wenn man ihr etwas vorschlug und das auch gleich eine Entscheidung war. »Im Café am See?«
»Warum denn da?« Sonny war erstaunt. »Da müssen wir doch extra rausfahren. Haben die so früh denn überhaupt geöffnet?«
»Ab neun.« Das kam wie aus der Pistole geschossen durch den Hörer. Ungewöhnlich für Bettina. »Aber da ist da meistens noch niemand. Am Wochenende haben die immer ein Brunchbuffet. Die Leute kommen später.«
»Brunch klingt nicht schlecht.« Sonny hob die Augenbrauen. Irgendetwas an Bettinas Stimme klang komisch. »Also kein Frühstück bei mir zu Hause. Aber duschen muss ich noch. Darauf bestehe ich.«
»Ja, natürlich.« Jetzt klang Bettinas Stimme eifrig. »Alles klar. Mach das ruhig.«
Sonny warf einen resignierten Blick auf die Uhr in ihrem Handy. Viertel vor acht. Unglaublich. »In einer Stunde«, sagte sie, »kann ich bei dir sein. Dann fahren wir zusammen raus. Okay?«
»Okay.« Bettina wirkte selbst am Telefon hibbelig, aber daran konnte Sonny jetzt nichts ändern. Ihre Freundin musste warten. »Bis dann.«
Als ein Düt im Lautsprecher anzeigte, dass Bettina den Anruf beendet hatte, legte Sonny ihr Handy zurück auf den Nachttisch. Danach fuhr sie sich mit beiden Händen über das Gesicht. War sie denn wahnsinnig? Vor acht Uhr aufstehen an einem Samstag?
Andererseits . . . Wenn sie um diese Uhrzeit schon einmal wach war, konnte sie nicht mehr einschlafen. Und sie hätte sowieso das Haus verlassen müssen, um einkaufen zu gehen. Dann konnte sie das gleich tun, wenn sie vom Café am See zurückkam.
Es war ein hübsches Café an einem künstlich angelegten See am Stadtrand. Ein Ausflugslokal, das besonders an Wochenenden prall gefüllt war.
Schon allein deshalb hätte Sonny es vorgezogen, nicht an einem Samstag dort hinzugehen. Aber so früh am Morgen ging es vielleicht.
Hatte Bettina zumindest behauptet. Woher auch immer sie das wusste. Mit Sonny war sie jedenfalls noch nie so früh im Café am See gewesen.
Aber Bettina war ständig unterwegs. Sie konnte kaum stillsitzen. Und allein zu Hause zu sein hasste sie. Sie ging mit ihrer Hündin manchmal dort draußen spazieren. Vielleicht auch schon so früh am Morgen.
Es half ja nichts. Sie hatte es versprochen. Erneut seufzend schälte Sonny sich aus den Laken.
Sie musste duschen und sich anziehen, wenn sie Bettina abholen wollte.
Kurz nach neun stand sie bei Bettina vor der Haustür. Sie klingelte und der Summer ging.
Wenn Bettina bei Sonny vorbeigekommen wäre, hätte Sonny schon vor der Tür gestanden oder sie wäre gleich heruntergekommen. Bettina war wahrscheinlich wie immer trotz allen Drängens am Telefon noch nicht fertig.
Sonny hätte doch erst einmal ein Brötchen essen sollen. Das konnte noch dauern, bis sie im Café waren . . .
An der Tür begrüßte sie Bettinas Hündin Flipflop stürmisch. Sie war ein Riesenteil von einem Hund. Bettina hatte sie mal aus einem Urlaub in Spanien mitgebracht. Da war sie allerdings noch nicht so groß gewesen. Ihr darauffolgendes Wachstum hatte alle überrascht.
Und eigentlich passte sie auch gar nicht in Bettinas kleine Wohnung. Man hatte immer das Gefühl, die Wände hätten zurückweichen müssen, um ihr mehr Platz zu verschaffen. Aber Bettina hatte so oft das Bedürfnis, draußen zu sein – vielleicht sogar öfter als ihr Hund –, dass dieses Raumproblem wohl zu keinem wurde.
Lachend fuhr Sonny mit den Händen durch Flipflops langes, flachsfarbenes Fell. Sie sah aus wie eine Mischung zwischen einem Collie und einem Afghanen. Das lange Fell hatte sie von beiden.
»Na du? Ist dein Frauchen noch nicht fertig?«
»Gleich!« Das kam aus dem Bad.
Dass gleich bei Bettina jedoch nicht immer gleich hieß – eher selten sogar –, damit rechnete Sonny schon. »Hast du einen Kaffee?«, rief sie durch die kleine Diele zurück.
»Küche!« Heute war Bettina aber kurz angebunden. Das war doch sonst nicht ihr Stil.
Mit Flipflop an ihrer Seite schlenderte Sonny in die Küche. Eine große Glaskanne mit Kaffee stand auf der Warmhalteplatte der Kaffeemaschine.
Obwohl Sonny Filterkaffee nicht so gern mochte, nahm sie sich eine Tasse aus dem Schrank darüber und goss sich ein. Bettinas Kaffee war, obwohl Filterkaffee, trotzdem gut. Sie trank ihn schwarz und literweise.
Wie sie es bei Bettinas Kaffee schon gewöhnt war, versüßte Sonny den Inhalt ihrer Tasse mit etwas Zucker und Milch und trat dann ans Fenster, um hinauszusehen. Flipflop setzte sich erwartungsvoll neben sie und sah sie an.
Sonny lachte. »Ja, du hast recht. Wir gehen gleich weg.«
Ein leichtes Wedeln bestätigte, dass Flipflop verstanden hatte. In der Wohnung war sie erstaunlich ruhig, außer bei der Begrüßung, doch draußen kam dann der Windhund raus. Sie brauchte viel Auslauf. Gut, dass Bettina den auch brauchte.
»Fertig!« Wie ein Pfeil schoss Bettinas Stimme von der Tür herein.
Automatisch drehte Sonny sich um und hob gleich darauf erstaunt die Augenbrauen. »Wolltest du ausgehen? Jetzt, am frühen Morgen?«
Ein leicht verschmitztes Lächeln überzog Bettinas Gesicht. »Kann ich mich nicht mal für meine beste Freundin schickmachen?«
Ein Stirnrunzeln unterstützte Sonnys Augenbrauen in ihrem erstaunten Ausdruck. »So schick? Das hast du ja noch nie getan.«
»Einmal ist immer das erste Mal«, bemerkte Bettina kokett und blinzelte Sonny an. »Können wir gehen?«
»Ich bin schon lange fertig.« Sonny seufzte. Aber diesmal hatte es gar nicht so lange gedauert, wie sie befürchtet hatte.
Da das Café ziemlich weit draußen lag, die Fahrtzeit eine Dreiviertelstunde betrug und Bettina auch noch eine Viertelstunde gebraucht hatte, bis sie tatsächlich gehen konnten, war es nach zehn, als sie dort ankamen. Die ersten Brunchgäste hatten schon ein paar Autos wie bunte Flecken auf dem Parkplatz hinterlassen.
»Dass hier morgens schon so viel los ist, hätte ich nicht gedacht«, meinte Sonny verwundert.
»Nicht alle Leute sitzen am Wochenende bis mittags im Bett und lesen.« Bettina war heute sehr kess. Sie war immer aufgedreht, aber es schien fast, als ob sie flirtete.
»Ich finde das gemütlich«, sagte Sonny. »Unter der Woche muss ich zur Arbeit gehen. Da komme ich nicht dazu.«
Etwas argwöhnisch beobachtete sie Bettina, als sie ins Café hineingingen. Was ging hier ab?
Flipflop war so gut erzogen, dass sie mitkommen durfte. Sie legte sich unter den Tisch am Fenster, als sie sich setzten.
Das Brunchbuffet war es wirklich wert, hier herauszufahren, dachte Sonny eine Dreiviertelstunde später, als Bettina und sie sich mehrmals daran bedient hatten.
»Jetzt kann ich aber nicht mehr!« Sonny lachte und lehnte sich im Stuhl zurück. »Auch wenn ich heute nicht wie üblich gemütlich im Bett sitzen konnte, danke ich dir, dass du mich hier rausgezerrt hast. Gute Idee.« Sie lächelte Bettina an.
»Ja, finde ich auch.« Auf einmal wirkte Bettina abgelenkt. Ihr Blick schweifte etwas fahrig durch den Raum, dann blickte sie ruckartig zum Fenster hinaus. Mit genauso einem Ruck kehrte ihr Blick zu Sonny zurück. »Ich glaube, das ist sie!«
Das war mehr gezischelt als geflüstert, und Bettina beugte sich so nah zu ihr, als ob sie ihr ein Geheimnis verraten wollte, das niemand anderer hören durfte.
Verständnislos zog Sonny die Augenbrauen zusammen. »Sie? Wer?«
»Sie!«, wiederholte Bettina betont, als müsste Sonny wissen, wen sie meinte. »Die Frau, von der ich dir erzählt habe.«
Noch verständnisloser sah Sonny sie an. »Du hast mir von gar keiner Frau erzählt.«
»Doch«, behauptete Bettina. »Heute Morgen am Telefon. Die Frau, die mir die Mail geschrieben hat auf meine Kontaktanzeige. Mit der ich gechattet habe . . .«
Jetzt endlich dämmerte es Sonny. Bettina versuchte immer wieder, Kontakte zu knüpfen, über die unterschiedlichsten Wege, aber Sonny hatte da den Überblick verloren.
»Du hast eine Frau über eine Online-Kontaktanzeige kennengelernt?«, fasste sie das zusammen, was sie verstanden zu haben glaubte.
»Eben nicht kennengelernt«, zischelte Bettina wieder geheimnisvoll fast an Sonnys Ohr. »Das sollte heute passieren.«
»Hier?« Jetzt endlich wusste Sonny, was Sache war. »Deshalb hast du mich in aller Herrgottsfrühe geweckt und hierhergeschleppt?«
»Ja.« Bettina gab es bedenkenlos zu. Sie fand offensichtlich überhaupt nichts dabei. »Ich . . . Ich . . . Wir haben uns noch nie gesehen. Ich meine, ich habe ein Foto von ihr –«
»Und gerade eben ist sie gekommen.« Sonny blickte durch den Raum, aber sie wusste ja nicht, wie die Frau aussah, und jetzt kamen immer mehr Leute.
Bettina nickte. Eine leichte Röte überzog ihr Gesicht. »Ich traue mich nicht, sie anzusprechen.«
Sie sah aus wie ein Teenager vor dem ersten Rendezvous, dabei war Bettina mittlerweile stramme einundsechzig und eigentlich eine gestandene Frau.
»Hat sie denn kein Foto von dir?«, fragte Sonny.
»Doch.« Bettina biss sich auf die Lippe. »Aber das sieht mir nicht sehr ähnlich.«
Sonny rollte die Augen. »Was hast du ihr geschickt? Ein Babyfoto auf dem Bärenfell?«
»So was habe ich gar nicht«, empörte Bettina sich. »Aber ja, auf dem Foto war ich noch ein bisschen . . . jünger.«
»Soso.« Kopfschüttelnd sah Sonny sie an. »Wie alt ist sie?«
»So alt wie du«, flüsterte Bettina, obwohl der Geräuschpegel mittlerweile so hoch war, dass man nicht mehr flüstern musste, um schon am nächsten Tisch nicht mehr verstanden zu werden. »Fünfundfünfzig.«
»Du siehst mindestens zehn Jahre jünger aus.« Sonny musterte sie. »Wo ist das Problem?«
»Ich . . . Ich . . . Ich finde, sie ist sehr attraktiv.« Bettina schnappte nach Luft. »Noch attraktiver als auf dem Bild. Als ich sie hereinkommen sah . . .«
»Hast du Manschetten gekriegt«, stellte Sonny schmunzelnd fest. »Aber du machst das doch nicht zum ersten Mal.«
»Nein, aber sie ist schon –« Bettina brach ab. Ihr Blick schlängelte sich durch den Raum und blieb an einer Frau hängen, die sich jetzt gerade an einen Tisch setzte.
Sonny folgte dem Blick. »Das ist sie? Die Frau in Hellblau?«
Bettina nickte mit fast schmerzhaft verzogenem Gesicht. »Ja, das ist sie.«
»Sie ist attraktiv, aber –«, setzte Sonny an.
Doch da sprang Bettina schon auf, griff nach Flipflops Leine und raste mit ihr zur Tür. »Der Hund muss raus!«, rief sie Sonny noch zu und war schwuppdiwupp in Richtung Wald am See verschwunden.
»Betti-!« Sonny konnte nicht einmal ihren Namen zu Ende aussprechen, um zu protestieren.
Das konnte ja wohl nicht wahr sein! Erst schleppte Bettina sie hierher, bestellte diese Frau zu einem ersten Treffen, und dann verschwand sie einfach?
Sinnierend blickte Sonny auf die Frau, schaute aber schnell auf ihren Teller, als sie merkte, dass die sich in ihre Richtung drehte. Natürlich durchforschte sie den Raum nach Bettina.
Das geht mich absolut nichts an! Sonny konnte zwar nicht ewig auf ihren Teller starren, aber sie versuchte, jeden Augenkontakt mit der Frau in Blau zu vermeiden, während sie überlegte, was sie jetzt tun sollte.
Sie konnte hinausgehen und Bettina suchen. Wenn sie Flipflop rief, würde die vielleicht sogar kommen und sie dann zu ihrem feigen Frauchen führen, die sich irgendwo im Unterholz eingegraben hatte.
Sonny konnte aber auch einfach nach Hause fahren und Bettina ihrem Schicksal überlassen. Auch wenn sie gemeinsam in Sonnys Auto gekommen waren, konnte Bettina sich ja ein Taxi rufen. Oder die Frau in Blau würde sie mitnehmen, wenn Bettina sich endlich dazu entschloss, zu dieser Einladung zu stehen.
Vielleicht musste Bettina sich nur beruhigen. Dann würde sie zurückkommen und an den Tisch gehen, an dem die Frau saß, ihr enthüllen, wer sie war, und sie würden darüber lachen, wie Bettina auf dem Bild aussah, das sie der Frau geschickt hatte. Und dass sie sich in Wirklichkeit schließlich auch nicht verstecken musste.
Dann konnte Sonny gehen und sie sich selbst überlassen.
Sie wartete, trank noch einen Kaffee, stocherte ein wenig in den Resten auf ihrem Teller herum, sammelte jeden einzelnen Krümel mit der Fingerspitze auf . . .
Bettina kam nicht zurück. Nichts geschah.
Immer wieder wanderte Sonnys Blick zu der Frau hinüber, die ein schickes hellblaues Kostüm trug, das genauso frühlingshaft aussah, wie dieser Frühlingstag sich anfühlte.
Sie schaute sich immer wieder um, blickte zur Tür, trank ihren Kaffee, den sie sich mittlerweile besorgt hatte, und wirkte ebenso unentschlossen wie Sonny.
Eine halbe Stunde war vergangen, seit Bettina sich verdrückt hatte. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie zurückkommen würde, sank immer mehr.
Die Frau war jedenfalls geduldig, dachte Sonny. Nun ja, vielleicht hatte sie eine längere Fahrt hinter sich, und eine halbe Stunde bedeutete dagegen nichts.
Dann musste sie aber schon gestern Abend gekommen sein, denn dieses Kostüm sah nicht so aus, als hätte sie darin Stunden im Auto verbracht. Und ihr Gesicht sah nicht nach einer durchgefahrenen Nacht aus.
Es sah . . . nett aus. Attraktiv, ja, aber vor allen Dingen nett.
Etwas länger verharrte Sonnys Blick auf der Frau. Und sie bemerkte es.
Leise begann sie zu lächeln.
Oh mein Gott, was für ein Lächeln! Sonny erschlug es fast. Sie blickte zum Fenster.
Aber jetzt konnte sie sich nicht mehr drücken. Sie war ja schließlich nicht Bettina.
Und eigentlich ging sie das ja alles auch gar nichts an.
Indem sie ihren Blick zurückwandte und die Frau ansah, allerdings ohne zu lächeln, stand sie auf und ging zu ihr hinüber.
»Bettina?«, begrüßte sie eine dunkle, etwas fragende Stimme, als sie dort ankam.
Der Gesichtsausdruck der Frau wirkte leicht unsicher. Sonny sah nicht im Entferntesten wie Bettina aus, noch nicht einmal auf einem Jugendfoto.
»Leider nein«, erwiderte sie mit bedauernder Miene. »Sonja. Ich bin Bettinas Freundin.«
»Oh.« Die Frau wirkte verblüfft.
»Nicht so eine Freundin.« Sonny lachte. »Ihre beste Freundin. Sie hat mich mit hierhergeschleppt, weil sie dich . . . Sie . . . nicht allein treffen wollte. Sie hatte Angst.«
»Du kannst ruhig du sagen. Ist einfacher.« Das Lächeln, das sich schon ein paar Minuten zuvor auf ihrem Gesicht aufgebaut hatte, erstrahlte erneut.
Das Lächeln passte gut zu ihrer Stimme, und ihre Stimme passte gut zu ihrem Lächeln. Das hellblaue Kostüm passte zu beidem. Es war alles sehr stimmig.
»Und jetzt hat sie dich geschickt, um mir abzusagen?«, fragte die Frau. »Oder nur, um mal vorzufühlen, ob ich es wert bin?« Sie schmunzelte.
Die Frau hat Humor, dachte Sonny und lächelte, weil sie das Lächeln der anderen dazu veranlasste. »Weder noch.« Sie zuckte die Schultern. »Sie ist einfach mit Flipflop verschwunden.«
»Flipflop?«
»Ihr Hund. Du hast ihn bestimmt gesehen. Man kann ihn kaum übersehen. Er ist groß.« Sonny blickte zur Eingangstür, durch die Bettina verschwunden war. »Und kein Er«, fügte sie hinzu. »Es ist eine Hündin.«
Der Blick der Frau in Blau folgte ihrem. »Ach? Das war sie?«
»Ja, das war sie.« Sonny seufzte. »Tut mir leid. Ich dachte, sie kommt zurück, aber wahrscheinlich hockt sie da draußen und traut sich nicht.«
»Ist sie so ängstlich?« Bettinas versetztes Rendezvous hob erstaunt die Augenbrauen. »Den Eindruck hatte ich bisher nicht von ihr. Wir haben uns ja schon einiges geschrieben.«
Sonny zuckte die Achseln. »Ich verstehe es auch nicht. Normalerweise ist sie die, die zuerst losstürmt. Ich muss sie oft zurückhalten, damit sie nichts Dummes tut.«
»Dann muss ich ihr wohl nicht gefallen haben.« Die Frau seufzte. »Dafür bin ich nun sechs Stunden gefahren.«
Lange Anfahrt. Dachte ich’s doch. Hier in der Stadt wäre sie mir bestimmt aufgefallen.
Auf einmal begannen Sonnys Mundwinkel ganz von selbst zu zucken. »Ich glaube, du hast ihr zu gut gefallen. Du hast sie umgehauen. Sie findet dich sehr attraktiv.«
»So attraktiv, dass sie wegläuft?« Eine Weile saß die andere da und überlegte. »Dann hat es wohl keinen Sinn.« Sie blickte zum Buffet hinüber. »Aber jetzt habe ich wirklich Hunger.« Mit leicht angehobenen Augenbrauen – sorgfältig gezupften Augenbrauen – schaute sie zu Sonny hoch. »Du würdest nicht vielleicht mit mir brunchen?«
Bedauernd hob Sonny die Schultern. »Leider habe ich das schon. Mit Bettina.«
»Schade«, sagte die Frau in Blau. »Dann muss ich wohl allein frühstücken.«
Irgendetwas in Sonny schien das nicht zu wollen, denn fast, ohne dass sie es merkte, sagte sie: »Einen Kaffee könnte ich noch mittrinken.«
Auf dem Gesicht der Frau breitete sich wieder dieses bezaubernde Lächeln aus. »Das würde mich freuen«, erwiderte sie mit so viel Charme, dass es Sonny immer verständlicher wurde, warum Bettina verschwunden war. Das konnte eine schon umhauen. »Ich bin übrigens Yvonne.« Während sie aufstand, streckte sie Sonny die Hand hin.
»Sonny«, sagte Sonny, als sie diese Hand nahm. »Mich nennen alle Sonny.«
»Du hast mit ihr gefrühstückt!« Allertiefste Empörung färbte Bettinas Stimme.
»Weil du dich verdrückt hast, meine Liebe.« Sonny ließ sich von Bettinas sowieso nur gespielter Empörung nicht die Butter vom Brot nehmen. »Hätte ich sie so da sitzen lassen sollen, wie du sie sitzengelassen hast?« Strafend blickte sie Bettina an. »Feigling.«
»Ich habe sie doch nicht sitzengelassen.« Während sie die Lippen schmollend verzog, spielte Bettina mit Flipflops Leine in ihrer Hand. Flipflop sprang auf der Wiese herum und hatte viele Freunde und Freundinnen gefunden, mit denen sie ihre unbändige Energie austoben konnte.
»Ach? Und wie nennst du das?« Sonny ging weiter neben ihr her. »Eine halbe Stunde habe ich – haben wir, muss man ja wohl sagen – auf dich gewartet, bevor ich zu ihr rübergegangen bin. Ich wollte nicht einfach so gehen. Das fand ich unhöflich.«
»Du hattest dich ja nicht mit ihr verabredet.« Immer noch spielte Bettina die Beleidigte. Als ob Sonny ihr etwas angetan hätte.
»Nein, du«, bestätigte Sonny mit einem erneut tadelnden Gesichtsausdruck und dem dazu passenden Tonfall in der Stimme. »Es war deine Unhöflichkeit, die ich ausbügeln musste.«
»Sie ist so ein Hingucker«, versuchte Bettina sich herauszureden. »Ein echter Knaller. Damit hatte ich nicht gerechnet. Das hat mich total eingeschüchtert.«
»Ihr habt euch doch geschrieben.« Verständnislos hob Sonny die Augenbrauen. »Und du hattest ein Foto von ihr.«
»Ein Foto in Freizeitkleidung«, verteidigte Bettina sich. »Lockerer, vergleichsweise unauffälliger Freizeitkleidung. Gestern sah sie aus wie ein Model.« Sie seufzte. »Wie ein Supermodel.«
»Na, na. So schlimm war es ja auch wieder nicht.« Sonny lachte, aber sie wusste, dass ihre Aussage nicht stimmte.
Yvonne hatte wirklich etwas von einem Supermodel. Einem Supermodel aus den Achtzigern vielleicht, aber einem Supermodel. So eine Frau hatte Sonny selbst auch noch nicht getroffen. Sie konnte Bettinas Einschüchterung bei Yvonnes erstem Anblick durchaus verstehen.
»Und sie ist sehr nett«, fügte sie hinzu. »Du musst dich unbedingt mit ihr treffen, um ihr das Ganze zu erklären. Dann kann es bestimmt noch was werden mit euch beiden.«
»Niemals!« Das klang so überzeugt, dass man es Bettina beinah hätte glauben können. »Ich versinke im Boden vor Scham, wenn ich sie jetzt noch persönlich treffe.« Sie stöhnte auf. »Mein Verhalten war so peinlich!«
»Das war es.« Sonny grinste sie an. »Aber wir sind doch alle erwachsen. Über so etwas kann man doch reden.«
»Kannst du nicht mit ihr reden und es ihr erklären?«, fragte Bettina. Ihre Stimme klang fast so flehend wie die eines kleinen Kindes. »Du kennst sie doch schon. Persönlich, meine ich.«
»Du hast sie wohl nicht alle.« Mit einer eindeutigen Geste tippte Sonny sich an die Stirn. »Sie ist deine Bekanntschaft. Sie hat auf deine Kontaktanzeige geschrieben. Und ihr habt euch so gut unterhalten, dass sie extra hergekommen ist. Sechs Stunden Fahrt.«
Bedripst schaute Bettina zu Boden. »Ja, ich weiß. Ich hatte ja vorgeschlagen, uns auf der Hälfte zu treffen. Aber sie meinte, es macht ihr nichts aus. Sie wollte sowieso mal wieder in eine größere Stadt. Sie wohnt ziemlich auf dem Land.«
»Wie auch immer. Du willst sie doch wohl nicht zurückschicken, ohne dass ihr euch gesehen habt.« Stirnrunzelnd sah Sonny sie an. »Habt ihr denn noch nie einen Videochat gemacht? Über Skype oder so? Dass du so überrascht warst?«
»Ja, irgendwie . . .« Bettina wand sich ein bisschen. »Weil ich ihr doch dieses Foto geschickt hatte, dachte ich –«
»Oh Bettina!« Sonny warf die Arme in die Luft. »Hättet ihr per Video gechattet, wäre das alles viel einfacher gewesen. Dann hättet ihr euch beide gesehen, und das alles hier hättest du dir ersparen können.«
»Ich weiß.« Bettina sah sehr unglücklich aus. »Aber dann wäre sie vielleicht gar nicht gekommen.«
»So ein Blödsinn!« Ungläubig sah Sonny sie an. »Du musst dein Licht doch wirklich nicht unter den Scheffel stellen. Tust du sonst ja auch nicht.« Das war tatsächlich so, und deshalb fragte Sonny sich, warum Bettina sich bei Yvonne so anders verhielt als üblich. Aber das war ja nun wirklich nicht Sonnys Problem. »Heute ist sie noch da«, meinte sie nur trocken.
Bettina trippelte von einem Fuß auf den anderen. »Kannst du mitgehen?«
»In ihr Hotel? Jetzt hast du aber wirklich nicht mehr alle Latten am Zaun!« Missbilligend schüttelte Sonny den Kopf. »Was soll das dann werden? Ein flotter Dreier?«
»Du meinst, sie will –?« Bettinas Augen öffneten sich weit.
»Das weiß ich doch nicht!« Nun endgültig genervt warf Sonny die Arme noch einmal hoch in die Luft. »Ihr habt euch geschrieben. Ihr habt euch unterhalten. Was hattet ihr denn vereinbart?«
»So direkt . . .«, jetzt wühlte Bettinas Fußspitze den Boden auf, »haben wir nicht darüber gesprochen.«
»Wie machst du es denn sonst?«, fragte Sonny. »Sie ist doch nicht die Erste, mit der du dich triffst.«
Bettina lief rot an. »Mal so, mal so«, nuschelte sie undeutlich. »Das ergibt sich dann meistens.«
Erneut schüttelte Sonny den Kopf. »Du findest sie superattraktiv. Was hast du dann gegen Sex mit ihr?«
»Überhaupt nichts!« Bettinas Ausruf erschall fast wie eine Fanfare in den Wald hinein. »Das ist ja das Schlimme. Ich würde am liebsten sofort über sie herfallen. Und das . . .«, sie senkte den Blick, »das tut man doch nicht.«
Sonny lächelte. »Vielleicht will sie ja dasselbe. Ruf sie an. Verabrede dich mit ihr.« Sie holte tief Luft. »Ich kann dich sogar zum Hotel fahren. Aber reinkommen tue ich nicht.«
Bettina schien immer noch unschlüssig. »Sie wird mich gleich wieder rauswerfen«, vermutete sie kläglich. »Sie hat jedes Recht dazu.«
»Hat sie«, bestätigte Sonny nickend. »Aber so schätze ich sie nicht ein. Sie ist . . .« Etwas in ihrem Kopf drehte sich plötzlich. »Sie ist wirklich sehr nett, wie ich sagte«, beendete sie den Satz schnell. »Sie wird es verstehen.«
»Meinst du?« Ein Hoffnungsschimmer veränderte den Klang von Bettinas Stimme.
»Ja, meine ich.« Das Bild von Yvonne schwirrte auf einmal in Sonnys Kopf herum. Wie sie da gesessen hatte in ihrem hellblauen Kostüm.
Ein bisschen Prinzessin Margaret zu ihren besten Zeiten. Nur größer und schlanker. Und sie hatte keinen Alkohol getrunken.
Auf einmal vermischte dieses Bild sich mit Sonnys Traum. Das hellblaue Kostüm verschwand, und Yvonne lag im Bett. Nackt. Mit dem Körper einer fünfundzwanzigjährigen Fitnesstrainerin.
Und da meinst du, Bettina spinnt? Du spinnst ja noch viel mehr!
Yvonnes Lächeln war nicht vor ihrem inneren Auge wegzubekommen. Dieses verdammte Lächeln, dieser Charme . . . Es war wie eingebrannt.
»Am besten fahre ich dich sofort hin«, krächzte Sonny fast. Ihre Stimme klang plötzlich sehr belegt. Sie räusperte sich. »Sonst ist sie vielleicht doch schon weg.«
»Jetzt sofort?« Bettina riss die Augen auf. »Aber Flipflop –«
»Die kann ich nehmen«, bot Sonny an. »Wäre ja nicht das erste Mal.« Sie wandte sich zur Wiese. »Flipflop! Komm her! Wir gehen!«
Flipflop blickte fragend von ihrem Spiel hoch, ob das auch wirklich ernst gemeint war.
»Hier, Flippy!«, rief Bettina da. »Komm her!«
Aha. Es war ernst gemeint. Mit langen Sätzen kam Flipflop angesprungen.
Bettina nahm sie an die Leine. »Ich müsste aber erst noch –«
»Du musst gar nichts. Wenn du duschen willst, kannst du das bestimmt auch im Hotel tun.« Jetzt wollte Sonny nichts mehr dazwischenkommen lassen. »Komm. Wo wohnt sie?«
Etwas verdattert suchte Bettina die Adresse heraus, obwohl sie die eigentlich auswendig hätte kennen müssen. Was ihre Verwirrung mehr zeigte als alles andere, denn sie hatte das Hotel selbst für Yvonne gebucht, da ihre Wohnung zu klein und sie zudem aus der Reisebranche war. Hotels zu buchen war ihr täglich Brot. Vielleicht wollte sie die Begegnung aber auch nur noch so lange wie möglich hinauszögern.
Eine gute halbe Stunde später setzte Sonny sie vor dem Hotel in der Innenstadt ab.
Als Bettina immer noch etwas zaudernd hineinging, atmete Sonny tief durch.
»Und, Flippy?«, wandte sie sich an die Hündin. »Was machen wir zwei Schönen jetzt?«
Flipflop wedelte vertrauensvoll mit dem langen Schwanz. Sie war völlig davon überzeugt, dass Sonny da schon etwas finden würde.
»Was hältst du von einem schönen, romantischen Liebesfilm?«, fragte Sonny schmunzelnd. »Wir kuscheln uns zusammen aufs Sofa.«
Aber immer, schien Flipflops Wedeln zu sagen, und ihre leicht geöffnete Schnauze lächelte.
»Oder auch etwas Heißeres . . .«, fügte Sonny leise hinzu, als sie den Motor anwarf, um loszufahren.
Als sie am Montag während der Mittagspause in der Cafeteria saß, um nach dem Essen noch einen Kaffee zu trinken, bevor sie wieder zu ihrer Arbeit zurückkehrte, klingelte Sonnys Telefon.
Es war Bettina. »Wie geht es dir, mein Schatz?«, flötete sie. Ihre Stimme sang fast wie ein tirilierender Vogel.
Sonny lachte. »Ich darf wohl annehmen, dass Yvonne und du einen schönen Sonntag hattet?«
»Oh ja . . .« Ein tiefer Seufzer entrang sich Bettinas Brust. »Ich bin dir so dankbar, dass du mich dazu gebracht hast, ihr alles zu erklären.«
Da sie annahm, dass das noch nicht die ganze Geschichte sein durfte, wartete Sonny eine Weile ab, aber es kam nichts. »Und?«, fragte sie deshalb.
»Und . . .«, Bettinas Stimme bebte hörbar, »sie ist einfach unglaublich!«
Sie hatten also Sex, dachte Sonny und fragte sich, warum sie sich so komisch bei dem Gedanken fühlte. Das ging sie schließlich überhaupt nichts an. Auch wenn sie durch Bettinas Schuld Yvonne kennengelernt hatte.
»Sagte ich doch«, bemerkte sie lächelnd. »Sie ist nett.«
»Nett ist nicht der richtige Ausdruck.« Bettina gluckste. »Wirklich nicht. Sie ist –«
»Schon gut«, unterbrach Sonny sie schnell. »Meine Mittagspause ist vorbei. Ich muss zurück. Lass uns später darüber reden.«
Lieber nicht, dachte sie, aber sie wusste selbst nicht so genau, warum.
»Kommst du?« Ein Kollege, der gleich zwei Kaffeebecher zum Mitnehmen in den Händen hielt, blieb kurz vor ihrem Tisch stehen. »Das Meeting fängt gleich an.«
»Ist es schon zwei?« Etwas verdutzt blickte Sonny zu ihm hoch.
»In fünf Minuten«, sagte er. »Bis wir drüben sind . . .«
»Ja, natürlich.« Sonny stand viel zu überhastet auf, wenn man bedachte, dass es nur um ein langweiliges Meeting ging.
Gleichzeitig beendete sie den Anruf mit Bettina und stellte ihr Handy auf Nicht stören. Nun konnte sie niemand mehr erreichen. Obwohl sie gerade erst ihre Mittagspause hinter sich hatte, hatte sie das Gefühl, sie müsste sich ausruhen.
Ihr Kollege Marco schlenderte schlaksig mit seinen beiden Kaffeebechern neben ihr her. Er war so um die zehn Jahre jünger als Sonny, wirkte aber manchmal immer noch wie ein großer Junge.
»Magst du?«, fragte er und bot ihr einen der Becher an.
Lächelnd schüttelte Sonny den Kopf. »Danke, ich hatte gerade.«
»Ich auch.« Er grinste. »Aber im Meeting gibt es ja nur wieder dieses Schlabberwasser, das Frau Steinhauer kocht.«
Sonny lachte. »Dass dein Herz das aushält . . . Den ganzen Tag über doppelter Espresso.«
»Mein Herz hält vieles aus.« Sein jungenhaftes Grinsen blieb. »Bloß kein Schlabberwasser.«
»Was macht dein Projekt?«, fragte Sonny.
Er nickte ganz zufrieden. »Geht voran.« Er seufzte. »Wenn die oberste Etage nur mal verstehen würde, dass das Geld kostet.«
»Ich sitze in der obersten Etage«, sagte Sonny. »Und ich verstehe das.«
»Dich habe ich doch nicht gemeint.« Leicht aufgeschreckt schaute er sie an. »Du weißt schon, wen ich meine.«
»Weiß ich.« Sonny nickte. »Vielleicht begreift sie es ja heute im Meeting.«
»Sie ist einfach technikfeindlich.« Marcos Mundwinkel kräuselten sich genervt. »Hat selbst keine Ahnung davon und meint, das braucht man alles nicht.«
»Nächstes Jahr geht sie in Rente.« Mit einem zuversichtlichen Lächeln hielt Sonny ihm die Tür auf, damit er mit seinen beiden Kaffeebechern hindurchgehen konnte. »Dann kommt jemand Jüngeres.«
»Hoffentlich jemand, der ein bisschen mehr von Technik versteht.« Er rollte die Augen. »Am liebsten soll alles auf dem neuesten Stand sein und funktionieren, aber nichts kosten.«
»So ist es doch immer«, sagte Sonny. »Und in einem mittelständischen Unternehmen wächst das Geld leider nicht auf den Bäumen.«
»Ich dachte, dafür seid ihr im Controlling zuständig. Ihr zieht das dort in Brutkästen.« Er lachte.
»Wenn ich das könnte, wäre ich schon längst nicht mehr hier.« Sonny lachte auch. »Dann hätte ich eine Jacht im Mittelmeer und würde nie mehr zurückkommen.« Sie hielt ihm die letzte Tür auf, damit er seinen Kaffee im Konferenzzimmer abstellen konnte. »Aber vielleicht schaffen wir ja heute die Quadratur des Kreises.«
Skeptisch sah er sie an. »Seit wann haben Meetings dabei geholfen? Alles nur Zeitverschwendung.«
Da musste Sonny ihm prinzipiell zustimmen, aber das sagte sie nicht. »Ich hole nur meine Sachen«, sagte sie stattdessen, schloss die Tür und ging mit schnellen Schritten in ihr Büro.
Sie wäre lieber dort geblieben und hätte Arbeit erledigt, statt jetzt zwei Stunden in einem Meeting zu sitzen, das vermutlich nicht viel brachte, aber auch wenn sie als Abteilungsleiterin in der obersten Etage saß, bedeutete das nicht, dass sie sich das aussuchen konnte.
Seit sie vor vielen Jahren Wirtschaftswissenschaften studiert hatte, hatte sie Karriere gemacht, das musste sie zugeben, aber die oberste Leitung eines mittelständischen Familienunternehmens lag meistens in der Hand eines Familienmitglieds. So war es auch in diesem Unternehmen. Mit der jetzigen Chefin würde jedoch das letzte Familienmitglied in einer direkten Führungsposition verschwinden. Nächstes Jahr würde das dann wohl ein Manager übernehmen. Oder eine Managerin.
Dann würde sich vermutlich vieles ändern, auch das Verständnis für Technik, das Marco sich so sehr wünschte. Es war erstaunlich, wie man auch im einundzwanzigsten Jahrhundert noch an Bleistift und Papier hängen konnte, wenn man aus dem zwanzigsten, aus der Mitte des zwanzigsten, stammte.
Das war aber nicht Sonnys Problem. Ihren Job hatte sie im Griff und machte ihn gern. Zahlen waren immer schon etwas gewesen, das sie liebte.
Zahlen waren allerdings auch viel einfacher als Menschen. Zahlen waren eindeutig. Eine Statistik konnte man schnell beurteilen und seine Schlüsse daraus ziehen.
Bei Menschen war das etwas ganz anderes. Wie beurteilte man beispielsweise eine Frau wie Yvonne? Wie konnte man sie einschätzen?
Sonny hatte ihre ausgedruckten Unterlagen – für die technikfeindlichen älteren Mitglieder des Managements – und ihren Laptop schon in der Hand und blieb plötzlich stehen.
Yvonne hatte sie nicht zu interessieren. Sie war Bettinas Freundin. Warum dachte Sonny überhaupt über sie nach? Sie hatte sie nur zufällig kennengelernt. Weder Yvonne noch sie, Sonny, hatten ein Treffen miteinander vereinbart.
Dass sie dort im Café am See über eine Stunde zusammen am Tisch gesessen und gefrühstückt hatten – das hieß, Yvonne hatte gefrühstückt und Sonny hatte ihr dabei zugesehen, während sie ihren letzten Kaffee trank –, war nur der Tatsache zu verdanken, dass Bettina zu feige gewesen war, Yvonne von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen.
Und doch war es ein denkwürdiges Ereignis gewesen. Ein Ereignis, mit dem Sonny nicht im Entferntesten gerechnet hatte.
Denn diese Stunde war eine der schönsten ihres Lebens gewesen.
»Meinst du, ich soll den anderen absagen?«
Entgeistert starrte Sonny Bettina an. »Ist das eine ernsthafte Frage?«
Entscheidungsschwach, wie sie war, zog Bettina ein wenig den Kopf zwischen die Schultern. »Eigentlich ist das doch unfair. Ich habe die meisten noch nicht einmal persönlich gesehen.«
»Die meisten?« Sonnys Augenbrauen hoben sich verwundert an.
»Na ja, mit Astrid habe ich zumindest schon einmal per Video telefoniert«, erklärte Bettina leicht eingeschüchtert. »Mit den anderen nur geschrieben.«
»Astrid? Wer ist Astrid?« Zwar hatte Sonny nicht erwartet, dass sie bei Bettinas vielen Kontakten je durchblicken würde, aber nach dem letzten Wochenende, dem Sonntag mit Yvonne, hatte sie irgendwie angenommen, dass Bettinas Suche beendet sein müsste.
»Eine Frau, die auf meine Kontaktanzeige geschrieben hat.« Bettinas Stirn runzelte sich so, als ob sie sich wunderte, dass Sonny sie danach fragte. »Genauso wie die anderen.«
»Genauso wie Yvonne?«, fragte Sonny mit hochgezogenen Augenbrauen.
»Ja.« Bettina nickte. »Genauso wie Yvonne. Insgesamt waren es sechs bis jetzt.«
»Und mit all denen willst du dich noch treffen?« Sonny konnte es nicht glauben.
Für Bettina schien das jedoch außer Frage zu stehen. »Ich muss ihnen doch eine Chance geben«, behauptete sie ganz selbstverständlich. »Ich konnte mich ja nicht mit allen gleichzeitig treffen. Eine musste die erste sein.«
»Und das war Yvonne«, murmelte Sonny.
»Ja, das war Yvonne«, bestätigte Bettina.
Sonny konnte es immer weniger fassen. »Ich dachte, ihr hattet einen schönen Sonntag zusammen.«
»Hatten wir auch.« Bettina lächelte. »Einen sehr schönen Sonntag.«
Unvermittelt fühlte Sonny einen Schauer durch ihren Körper fahren, als Bettina das sagte. Verzweifelt versuchte sie, irgendwelche Bilder aus ihrem Kopf zu vertreiben, die sich dort hineindrängen wollten. Bilder von Yvonne und Bettina. Im Bett. Nackt.
»Aber das reicht dir nicht«, stellte sie fest. »Du musst die anderen auch noch haben.«
Schmollend verzog Bettina die Lippen. »Das hört sich an, als ginge es mir nur um Sex.«
Sonny atmete tief durch. »Ich habe mich schon manchmal gefragt, worum es dir eigentlich geht. Du hast so viele Kontakte . . .«
»Ich bin nicht gern allein«, begründete Bettina das mit einem etwas trotzigen Ausdruck im Gesicht. »Du kannst das vielleicht, aber ich . . .« Sie schüttelte den Kopf. »Ich fühle mich dann so verloren.«
