Verlag: epubli Kategorie: Erotika Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Liebe schmeckt wie Schokolade - Ava Patell

Leo Larkin führt ein unspektakuläres Leben. Er ist kurz davor, die sich seit Generationen in der Familie befindliche Schokoladenmanufaktur zu übernehmen und kommt gerade über eine Trennung hinweg. Er ist dabei, sein Leben wieder neu zu ordnen. Mit vielem hätte er gerechnet, aber nicht damit, dass unverhofft ein junger Mann seinen Weg kreuzt, der ihm den Kopf verdreht - und das von der ersten Sekunde an. Dieser junge Mann, der nach außen so unbeschwert und fröhlich erscheint, verbirgt ein dunkles Geheimnis, welchem Leo mit der Zeit auf die Spur kommt. Mit viel Fingerspitzengefühl und Schokolade bahnt er sich einen Weg in das geschundene Herz.

Meinungen über das E-Book Liebe schmeckt wie Schokolade - Ava Patell

E-Book-Leseprobe Liebe schmeckt wie Schokolade - Ava Patell

Liebe schmeckt wie Schokolade

Titel SeiteKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Epilog

Liebe schmeckt wie Schokolade

Ava Patell & Kim Pearse

Gay Romance

Ava Patell & Kim Pearse

c/oPapyrus Autoren-Club,R.O.M. Logicware GmbHPettenkoferstr. 16-1810247 Berlin

Texte: © Copyright by Ava Patell & Kim Pearse

Umschlaggestaltung: © Copyright by Carina Neppe

Besucht uns unter:

https://www.facebook.com/avpatell/

https://www.facebook.com/kipearse/

Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen

und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten

mit lebenden oder verstorbenen Personen wären

zufällig und nicht beabsichtigt.

Kapitel 1

»Schatz?« Die Dielen knarzten unter Evelyns Füßen, als sie die Eingangstür langsam öffnete und in den Flur trat. »Schatz, bist du da?«

Leise schloss sie die Tür hinter sich. Im Flur hatte sich nicht viel verändert. Kisten standen herum, eine Sitzbank war unter einer Plastikplane verborgen, eine nackte Glühbirne baumelte lustlos von der Decke herunter und auch das grauenerregende Grün an der Wand war noch keiner anderen Farbe gewichen. Sie schauderte, als sie länger auf den grünen Farbton starrte. Dann schüttelte sie den Kopf, denn irgendetwas war anders. Auch wenn sie im Moment noch nicht greifen konnte, was genau es war.

Sie trat durch den Flur in die Küche, doch auch hier hatte sich nichts verändert. Staub, ein Eimer mit Wasser und einem Putzlappen darin. In der alten Spüle stand eine Kaffeetasse. Die Kücheninsel war ebenfalls mit einer Plastikplane zugedeckt. Die ganze Küche brauchte eine Überholung, falls überhaupt noch etwas zu retten wäre. Nur die marmorne Arbeitsplatte schien jeglichem Verschleiß getrotzt zu haben. Das helle Weiß mit den grauen Einschlüssen glänzte zwar dumpf, würde jedoch nach der Bekanntschaft mit Putzmittel wieder in altem Glanz erstrahlen. Evelyn stemmte die Hände in die schmalen Hüften, grübelte. Dann hörte sie ein Knarren. Es kam von oben. Sie trat zurück in den Flur und auf die ersten Stufen der Treppe.

»Schatz?«, rief sie erneut und stieg die geschwungene Treppe nach oben. Jetzt bemerkte sie auch, was anders war. Leise Musik drang ihr an die Ohren. Die schwere Stille im Haus war verschwunden.

»Im Schlafzimmer!«, kam jetzt endlich eine Antwort und sie lächelte beim Klang der dunklen Stimme ihres Sohnes. Als sie das Schlafzimmer im ersten Stock betrat, breitete sich das Lächeln weiter aus. Leo stand mit einer Farbrolle bewaffnet vor einer Wand und übermalte das hier vorherrschende Rostrot mit einem hellen Cremeton.

»Eine sehr gute Wahl«, stellte sie jetzt fest und er sah über die Schulter zu ihr, lächelte. Tagelang hatte sie dieses Lächeln nicht mehr gesehen und es jetzt zu sehen, die Wärme zu spüren, die davon ausging, ließ ihr Herz stolpern. »Als nächstes musst du dringend den Flur in Angriff nehmen. Dieses Grün da unten verursacht Übelkeit.«

Leo lachte leise, was immer ein wenig kratzig klang. Dabei rauchte er schon viele Jahre nicht mehr. Jetzt trat Evelyn auf ihn zu und reckte sich, um ihm einen Kuss auf die Wange zu hauchen. Ihr Sohn war ein groß gewachsener Mann und er kam ihr entgegen, um es ihr leichter zu machen.

»Hey, Mum.«

»Hey, mein Großer.« Sie strich ihm über die Wange. Der Bart, den er noch vor zwei Tagen getragen hatte, war verschwunden. Noch ein gutes Zeichen. Er schien sich wieder zu erinnern, wie man einen Rasierer verwendete. »Wie geht es dir?«, fragte Evelyn jetzt und beobachtete, wie Leo die Farbrolle weglegte und sich die Finger an einem Tuch sauber wischte. Die Matratze, auf der er in den letzten Tagen geschlafen hatte, stand nun aufrecht gegen den Einbauschrank gelehnt und machte so Platz für die Malerarbeiten.

»Es geht.« Sie sah ihn tief einatmen und sein Blick ging aus dem Fenster, vor dem ein großer Baum stand. »Ich glaube, ich kann wieder atmen.«

Schief lächelte Evelyn und strich ihm über den Arm. »Es wird besser werden, Schatz. Versprochen. Das ist nicht das Ende der Welt.«

Der Blick, den er ihr zuwarf, sagte mehr als tausend Worte und sie lachte.

»Hey, schau mich nicht so an. Ich bin deine Mutter und damit verpflichtet, so etwas zu sagen.«

Wieder dieses Lächeln, das Eis zum Schmelzen bringen konnte. Und dieser Meinung war sie nicht nur, weil sie Leos Mutter war, sondern weil es einer Tatsache entsprach und er damit in seiner Jugend nicht nur ein Herz gebrochen hatte. Wie viele Mädchen hatten damals versucht, bei ihm zu landen? Sie hatte irgendwann aufgehört zu zählen. Und dann war die Zeit gekommen, in der er gemerkt hatte, dass er im Grunde gar nichts für Mädchen übrig hatte. Das war lange, nachdem sie selbst diese Vermutung gehabt hatte. Und ihn so sehen zu müssen, wie es ihm in den letzten Tagen ergangen war, das war hart für sie gewesen. Doch jetzt schien es, als würde er versuchen, die grauen Wolken davon zu schieben.

»Ich denke, ich möchte jetzt darüber reden«, sagte Leo und riss sie damit aus ihren Gedanken. Sofort war sie hellhörig.

»Oh. Gern, Schatz.« Sie entdeckte einen Pinsel, der auf dem umgedrehten Deckel der Wandfarbe lag, und griff danach. Sie kannte ihren ältesten Sohn gut und wusste auch, dass er nicht der Typ war, der bei einer Tasse Tee gut reden konnte. Er musste in Bewegung sein. Die Gefühle immer ein Stück auf Abstand. Ein Hauch von Beiläufigkeit war wichtig für ihn. Und so begann sie jetzt, die Ecken und Kanten des Zimmers mit Wandfarbe zu bestreichen. Leise seufzte Leo hinter ihr.

»Caleb hat mich seit einem halben Jahr betrogen.«

Es hätte nicht viel gefehlt und sie hätte den Pinsel fallen lassen, was einen unschönen Fleck auf dem Parkett hinterlassen hätte. Überrascht drehte sie sich zu Leo um, der mit der Rolle wieder Farbe an die Wand brachte.

»Das ist nicht dein Ernst«, würgte sie hervor und sah ihren Sohn dann nicken.

»Ich wäre zu berechenbar geworden. Hätte keine großen Ziele im Leben.«

Evelyn sah deutlich, wie fest er die Rolle umschlossen hielt. »Schatz, das ist doch ausgemachte Scheiße!«, brach es aus ihr hervor. Sein überraschter Blick traf sie. »Du hast keine Ziele im Leben? Ich bitte dich! Du wirst das Geschäft übernehmen, es gehört dir ja schon jetzt fast. Du bist dabei, unseren Umsatz deutlich zu steigern. Du bist tüchtig und was bitte soll das bedeuten? Berechenbar? Sollst du etwa losziehen und eine Tankstelle überfallen oder was?« Sie wedelte mit dem Pinsel herum und spritzte Farbe gegen die Fensterscheibe. »Bullshit! Du bist genau richtig, so wie du bist! Du bist bodenständig, du bist zielstrebig und zuverlässig!«

Sie wurde dadurch unterbrochen, dass ihr großer Sohn mit zwei Schritten bei ihr war und sie fest umarmte. Sie verschwand beinahe in seinen Armen. Leo kam eindeutig nach seinem Vater, was die Statur anbelangte. Charakterlich jedoch war er schon immer eher nach ihr geschlagen. Sie legte die Arme um ihn.

»Ach Schatz. Ich kann nur erahnen, wie sehr dir das weh tut. Wie weh er dir getan hat. Der dämliche Vollidiot.« Sie fühlte sein leises Lachen, fühlte aber auch die tiefe Traurigkeit, die ihn durchdrang. »Wir schaffen das. Zusammen. Das haben wir schon immer so gemacht, hm? Wir halten als Familie zusammen und wir holen auch dieses Schiff aus den Untiefen heraus. Versprochen.« Vorsichtig schob sie ihn von sich und sah ihm in die hellen, braunen Augen. Tränen standen darin. Tränen, die er vermutlich nicht mehr bereit war, zu vergießen. Er war dabei, einen Schlussstrich zu ziehen. Ein Umstand, der sie stolz machte. Sanft fuhr sie ihm durch das immer etwas störrische Haar.

»Tu mir nur einen Gefallen, hm? Falls Caleb auf die Idee kommen sollte, dich zurückhaben zu wollen, tu es nicht.« Eindringlich sah sie ihn an. »Du weißt, was dein Vater immer sagt?«

Schief lächelte Leo. »Wenn der Bär einmal aus dem verbotenen Honigtopf genascht hat, dann tut er es immer wieder.«

Evelyn nickte. »Ganz genau. Und das hast du nicht verdient, mein Schatz. Keines meiner Kinder hat so etwas verdient und ich schwöre dir, wenn Caleb mir noch mal unter die Augen tritt, kastriere ich ihn.«

Diesmal lachte Leo nicht. »Mum …«

»Das ist mein Ernst.«

»Ich weiß. Und das ist es, was mir Angst macht.«

Evelyn lachte leise. »Ich würde es wie einen Unfall aussehen lassen. Vertrau mir.«

Tief atmete Leo durch. Sie legte leicht den Kopf schief. »Morgen kommst du wieder zur Arbeit. Zeit, den Kopf aus dem Sand zu ziehen und sich dem Leben zu stellen.«

»Ja, Mum.«

»Und glaube mir. Dann war Caleb nicht der Richtige für dich. Irgendwo dort draußen aber gibt es ihn.« Sie drehte sich wieder zur Wand um und setzte den Pinsel an. »Du wirst ihn finden. Oder er dich.«

Auch Leo setzte die Rolle wieder an die Wand. »Im Moment habe ich die Nase voll von der Liebe.«

Evelyn lachte. »Ach, das hat deine Tante Samantha auch gesagt. Ein halbes Jahr später war sie verlobt und ein weiteres halbes Jahr später hat sie ihr erstes Kind bekommen. Ich wäre also vorsichtig mit solchen Äußerungen.«

Leo lachte. »Wieso? Hast du Angst, dass ich schwanger werde?«

»Nun, schwanger vielleicht nicht gerade«, sagte sie mit einem Grinsen, »aber ich habe schon irgendwie damit gerechnet, dass du eines Tages vor unserer Tür stehst, einen Mann an deiner Seite, den du in Vegas geheiratet hast. Über Nacht. Einfach so. Mit 18.«

»Du dachtest, ich würde so einen Mist machen?«

»Ach Leo, ich bitte dich! Dir sind die Mädels nur so hinterhergerannt. Dein Dad hatte Angst, schon sehr früh Großvater zu werden. Was denkst du, von wem all die Kondome in deinem Nachttisch kamen?«

»Das war Dad?!«

»Na, ich war es nicht! So viel Verstand habe ich dir immer zugetraut. Und so habe ich dich ja auch nicht erzogen.«

Fassungslos starrte Leo sie an. »Also, mein Vater hat mir Kondome in den Nachtschrank getan und du hast gedacht, ich würde mit 18 heiraten?«

Betont langsam zog sie den Pinsel am Fensterrahmen entlang. Jahrelange Fingerfertigkeit machte ein Abkleben unnötig. »Du warst nun einmal sehr heißblütig und impulsiv, mein Schatz. Aber dann hast du ja zum Glück herausgefunden, dass du auf Männer stehst.«

»Was heißt denn hier zum Glück?«

Sie lächelte. »Ach Schatz. Du wärst doch nie glücklich geworden mit einem Mädchen. Ich hab das schon früh geahnt. Irgendwie.« Jetzt drehte sie sich wieder zu ihrem Sohn, der langsam die rote Farbe aus dem Zimmer verdrängte. »Du wirst ihn finden. Den Mann, der alles für dich bedeuten wird. Und du für ihn. Glaub mir. Ich weiß es.«

Er schwieg einen Moment. »Ach, und woher?« Es klang bitterer als er beabsichtigt hatte.

»Mütterlicher Instinkt», lächelte sie. »Hör auf meine Worte. Wenn du nicht damit rechnest, wird er auftauchen. Und alles auf den Kopf stellen.« Zuversichtlich tauchte sie den Pinsel in die Farbe und anders als ihr Sohn im Moment hatte sie absolut keinen Zweifel daran, dass es passieren würde.

Kapitel 2

»Ich schwöre es dir, die haben die besten Pekannuss-Karamell-Brocken, die ich je gegessen habe.« Lucys volle Stimme klang so sehnsüchtig als würde sie sich an einen Urlaub am Meer erinnern.

»Ich mag Nüsse in Schokolade nicht so sehr«, antwortete Calvin. Er sprach deutlich leiser als seine Freundin, immerhin saßen sie im Kino und der Film hatte längst begonnen. Doch wie immer kümmerte das Lucy wenig. Um nicht zu sagen überhaupt nicht. Jetzt sah sie ihn mit ihren großen, grauen Augen an, die ein wenig zu weit hervorstanden. Im Moment ähnelte sie einem Frosch, die Wangen mit Popcorn vollgestopft.

»Wirklich? Das wusste ich noch nicht«, rief sie aus, nachdem sie hinuntergeschluckt hatte. »Wieso nicht?«

Darauf wusste Calvin keine Antwort, also zuckte er nur mit den Schultern.

»Ich liebe Schokolade mit Nüssen«, erklärte sie.

Grinsend schob sich Calvin einen Tortillachip mit Salsa-Dip in den Mund. »Ja, ich weiß.«

Hinter ihnen räusperte sich eine männliche Stimme. Lucy mochte ihr eigenes Verhalten nicht stören, doch alle anderen Kinobesucher dafür umso mehr. Sie machte sich nicht einmal die Mühe, ihre Stimme zu senken - im Gegensatz zu Calvin. Doch Lu sagte immer, einen Film zusammen zu schauen, egal wo, sei nicht unterhaltsam genug, wenn man nur stumm nebeneinander saß.

»Leider komme ich nicht so oft da raus, aber wenn ich könnte, würde ich mir einen ganzen Jahresvorrat holen, glaub mir«, schwärmte Lucy weiter und schloss dabei genießerisch ihre Augen. »Das ist so unglaublich lecker da! Nicht zu süß, trotz des Karamells und der Schokolade und die Nüsse schmecken überhaupt nicht alt oder ranzig wie so oft bei Nussschokolade. Du weißt, ich hasse das.« Lucy seufzte tief und schüttelte den Kopf.

»Schatz, ich habe Lust auf Schokolade», hörte Calvin eine Frauenstimme in der Sitzreihe hinter ihnen flüstern, »holst du mir welche?« Glucksend wandte sich Calvin an seine Freundin.

»Lu, vielleicht sollten wir ... Autsch!« Der Kerl, der zu der Frauenstimme gehörte, war beim Aufstehen versehentlich gegen Calvins Sitz getreten.

»'Tschuldigung«, murmelte er. Calvin winkte gerade ab, als sich Lucys Fingernägel in seinen Arm gruben.

»Oh, pass auf, Cal, gleich passiert etwas!«, zischte sie mit ihrer Vorahnung für spannende Filmmomente und deutete mit Popcorn in der freien Hand auf die Leinwand. »Da!« Calvin war noch damit beschäftigt, die schlanken Finger aus seinem Arm zu lösen, als ein lauter Knall dazu führte, dass er sich beinahe den Salsa-Dip über die Jeans gekippt hätte. Vier Tortilla-Chips und etliche Popcorn-Häufchen flogen auf und vor ihre Sitze. »Ha«, machte Lucy zufrieden, »wusste ich es doch. Das musste so kommen.«

Calvin unterdrückte ein Lachen und griff nach einem Popcorn-Brocken, der auf seiner Hose gelandet war, um es Lucy zurückzureichen. »Hast du eigentlich an den Drehbüchern mitgeschrieben oder woher weißt du das immer?«

Lu griff breit grinsend nach dem Popcorn, schob es sich zwischen die ungeschminkten Lippen. »Ich hab glaube ich schon zu viele Horrorfilme gesehen.«

»Ich kann meine an der Hand abzählen.«

»An einer?«, fragte Lucy glucksend und Calvin blieb nichts anderes übrig als zu nicken, doch bevor er antworten konnte, unterbrach sie eine mittlerweile bekannte männliche Stimme.

»Ruhe jetzt! Und wenn ich euretwegen noch mal los muss, weil ihr von irgendwelchem Süßkram schwärmt, setzt es was.«

Calvin sah zu Lu, die ihn überrascht ansah. Unterdrückt lachend legte sich Calvin den Zeigefinger auf die Lippen. Lucy nickte so heftig, dass beinahe wieder Popcorn aus ihrer großen Tüte gesprungen wäre. Sie richteten ihre Blicke auf die Leinwand, die sich in diesem Moment aufgrund eines Szenenwechsels verdunkelte.

»Die machen einfach die weltbesten Schokoladen-Brocken«, flüsterte Lucy und Cal schlug ihr leicht auf den Arm, um ihr zu bedeuten, dass es jetzt genug Getuschel war.

Und nun stand er hier, ein halbes Jahr später, wohl wissend, dass Lu seitdem nicht einmal hier gewesen war. Geschwärmt hatte sie aber noch bei weiteren Gelegenheiten von den Süßigkeiten, die hier hergestellt wurden.

Es war ein beinahe unscheinbares, in einem Cremeton getünchtes Vorstadthaus mit zwei Etagen. Die Holzfassade hätte gut mal wieder einen neuen Anstrich vertragen können, dafür sah das dunkle Dach aus wie mit neuen Schindeln bedeckt. Ein Fenster im oberen Stockwerk war hoch geschoben worden, sodass die frühlingshafte Luft in den Raum dahinter strömen konnte. Aus dem Schornstein drang ein dünner Rauchfaden. Eine schmale Holztreppe mit vier Stufen führte zu einer kleinen Veranda hinauf, deren Tür offen stand.

Langsam legte Cal den Kopf schief, seine Finger ruhig auf dem Gurt der Umhängetasche, die er über der Schulter trug.

Er stand vor diesem Haus, das er niemals für ein Geschäft gehalten hätte und das doch - sein Blick fiel auf die Dekoration aus rot-weiß geringelten Zuckerstangen auf dem Rasen links vor dem Haus und das Klappschild neben dem Gehweg, auf dem unter dem Firmenschriftzug groß und breit in einer geschwungenen Schrift›We're open‹stand - ganz offensichtlich ein Geschäft war. Die Zuckerstangen waren sicher noch Weihnachtsdekoration, die übrig geblieben war. Er hatte mit dem Bus knapp eine Stunde gebraucht, war zweimal umgestiegen. Mit den Fingern trommelte Calvin auf den Gurt der Tasche, unsicher, ob er sich an der richtigen Adresse befand, obwohl die Fakten ganz eindeutig dafür sprachen. In einem Fenster der Veranda leuchtete ein Neonschild ein grelles›Open‹.

Die Sonne stahl sich für einen Moment durch die Wolken. Unter der Steppweste, die er über dem dünnen Pullover trug, wurde Cal prompt warm. Schnell öffnete er den Reißverschluss und atmete auf. Das war besser.

Auf dem Rasen rechts neben der Treppe war keinerlei Dekoration zu sehen. Lediglich gelbe Winterlinge und violette Krokusse kündeten vom Frühling. In einer Ligusterhecke, die als Grundstücksbegrenzung diente, schwatzten Sperlinge vor sich hin, während Calvin nun langsam die Treppenstufen nach oben stieg. Das Holz knarrte selbst unter dieser geringen Belastung und auch die Tür quietschte leise, als er sie öffnete.

Eine altmodische Türglocke kündigte sein Eintreten an. Er stand völlig unerwartet in einem kleinen Wunderreich, von dem Lucy ihm nichts erzählt hatte. In hohen Regalen befanden sich Schälchen mit folienverpacktem Inhalt und liebevoll verpackte Schokoladen- und Bonbonkreationen in kleinen Tütchen, manche davon aus Plastikfolie, andere aus Papier. An einer Vorrichtung hingen die verschiedensten Schokoladen-Hohlfiguren aus Vollmilch-, Zartbitter- und weißer Schokolade. Autos, Häuser, Motorräder, Hasen, ein Einhorn.

Calvin machte einen Schritt vorwärts und erneut knarrte der Boden unter seinen Füßen. All die Eindrücke, die auf ihn einstürzten, konnte er kaum verarbeiten. Der Duft nach Schokolade und Zucker, von Hand geschriebene Schilder, wie er sie in der Stadt vergeblich in einem Geschäft suchte, eine alte Registrierkasse, die in diesem Moment ein Pling von sich gab und aufsprang, kleine, verzierte Einkaufskörbchen, zwei junge Mädchen, die mit ebenso staunenden Augen an den Händen ihrer Eltern zerrten.

Dass Lucy dieses Geschäft gefiel, glaubte er sofort. Sie kannten sich zwar erst seit zwei Jahren und doch schien dieses kleine Familienunternehmen genau das Richtige zu sein für die auf Flohmarktmöbel stehende, Klarinette spielende Lucy. Sie war der Typ Mensch, der sich in einem Second-Hand-Shop ein altes, heruntergekommenes Beistelltischchen kaufte, es abschliff, polierte, neu strich und so zu einem Schmuckstück machte. Nichts anderes schien hier mit Nüssen, Kakaobutter, Karamell, Erdnussbutter, Zucker und all den anderen Zutaten zu passieren. Nur, dass die nicht aus einem Second-Hand-Laden stammten, dachte Calvin. Sein Kopf war anscheinend verwirrt von der Wirkung, die das Geschäft auf ihn hatte.

Es war eine kleine, schmale Frau, die Calvin auf Ende 50 schätzte, die jetzt hinter dem Tresen hervortrat, auf dem die alte Registrierkasse stand. Sowohl der Tresen als auch die Regale waren aus dunklem Holz und schienen schon sehr lange hier zu stehen. »Hallo. Kann ich Ihnen helfen?«

Calvin öffnete den Mund, doch statt etwas zu sagen, schüttelte er nur den Kopf, sah sich noch immer mit großen Augen um. Unter der Registrierkasse, in einer dafür vorgesehenen Theke, saßen kleine Pralinen auf silbernen Tabletts und warteten darauf, dass sie ein Kunde mit nach Hause nahm. Nur langsam konnte sich Calvin auf das konzentrieren, was direkt vor seiner Nase geschah. Die kleine Frau vor ihm lächelte ihn aus graubraunen Augen an.

»Hallo. Ich ... Ich glaube schon, ich suche Pekannuss-Karamell-Brocken.«

»Gern. Die haben wir hier drüben.« Sie führte Calvin zu einem Regal und deutete auf liebevoll gestaltete Tüten aus braunem Papier mit einem Sichtfenster darin. »Wir haben zwei Größen im Angebot.«

»Das ... Ich«, begann Calvin, aber der Rest seiner Worte ging in einem Lachen unter. Er strich sich durchs Haar. »Entschuldigen Sie, ich bin gerade überwältigt. Eine Freundin hat mir von diesem Geschäft erzählt, aber das habe ich nicht erwartet.« Lächelnd sah er in die warmen Augen der fremden Frau vor sich.

Ihr fröhliches Lächeln wirkte ansteckend. »Und was haben Sie erwartet, wenn ich fragen darf?«

»Ich bin nicht sicher. Vermutlich gar nichts und ich bin genau deshalb so überrascht. Das ist als wäre ich durch die Eingangstür in eine andere Welt getreten.« Ohne hinzusehen deutete Calvin auf die Tür mit der altmodischen Klingel. Oder zumindest dachte er das, denn in Wirklichkeit zeigte sein Finger auf eines der Regale weit daneben. »Gehört Ihnen der Laden?«

»Oh, ja. Und das schon sehr lange. Wir haben eine lange Tradition.« Sie verschränkte die Hände vor der Schürze, die sie trug. Darauf waren lauter kleine Schokoladentafeln abgedruckt. Auf dem Kopf trug sie ein Basecap und darunter lugten braune, kurze Locken hervor.

»Ein richtiges Familienunternehmen, hm?« Ein Lachen hinter ihm ließ Calvin den Kopf drehen. Die beiden Mädchen deuteten auf kleine Schokoladenfiguren. Beim genaueren Hinsehen erkannte Cal Frösche und Enten.

»Inzwischen in der dritten Generation, ja. Und bald in der vierten.« Ein stolzer Ausdruck trat auf ihr Gesicht.

»Wow. Das ist toll. Wirklich«, nickte Calvin an die Frau gewandt, von der er nur den Nachnamen kannte: Larkin.Larkin Candys and Sweetshatte auf dem Schild draußen gestanden. »Also, meine Freundin sagt, Sie würden die besten Pekannuss-Karamell-Brocken herstellen und da sie nicht oft hierherkommt, wollte ich sie ihr zum Geburtstag schenken.«

»Ein schönes Geschenk. Und so etwas zu hören, freut mich immer sehr. Möchten Sie sich noch umsehen?«

»Unbedingt. Es gibt so viel zu sehen. Sie stellen alles selbst her?«

»Beinahe, ja. Die Schokolade kaufen wir ein. Und auch unser Karamell machen wir nicht selbst.« Sie grinste. »Und die Gummibären, die sich unter ihren Schokoladenmänteln verbergen, sind ebenfalls nicht selbst gemacht. Doch sonst, ja. Alles hier entsteht in Handarbeit.«

»Wow. Ich weiß, ich wiederhole mich, aber ... wow. Das muss ein Haufen Arbeit sein.« Der Vater der beiden Mädchen trat vor den Tresen und sah sich nach einer Bedienung um. Die Frau vor Calvin bemerkte das sofort - genau wie Calvin selbst. »Oh, bitte, gehen Sie nur, ich versuche derweil, wieder zu mir selbst zu finden und sehe mich etwas um.«

Sie lachte. »Nehmen Sie sich alle Zeit, die Sie brauchen.« Damit lief sie mit federnden Schritten zum Tresen.

Zeit brauchte Calvin tatsächlich mehr, als er gedacht hatte. Er lief an den Regalen auf und ab, besah sich Pralinen, Bruchschokolade, Karamell-Toffee, lächelte auf die kleinen Frösche und Enten und fragte sich, was er selbst am liebsten kosten würde. Irgendetwas mit flüssigem Karamellkern vermutlich. Das hatte er schon immer geliebt. Schließlich nahm er die größere Packung der Pekannuss-Karamell-Brocken und suchte erneut den Kontakt zu der netten Frau. »Darf ich Sie noch einmal stören?«

»Stören Sie, dafür bin ich doch da.«

Calvin musste grinsen, kam ihm diese Antwort doch so bekannt vor. »Ja, das sage ich auch immer. Sagen Sie, haben Sie auch etwas mit flüssigem Karamellkern im Angebot?«

Sie nickte. »Natürlich. Wir haben einmal unsere Karamell-Hütchen.« Sie deutete auf eine kleine durchsichtige Box, in der sich in Folie gewickelte runde Förmchen befanden, die aussahen wie ein Muffin, der nicht aufgegangen war. Nur in klein. »Da haben Sie wirklich nur Karamell und Schokolade. Oder Sie nehmen unsere Karamell-Schaum-Pralinen.« Sie deutete auf eine Reihe an Pralinen, die sich in der Auslage befand, die hinter Glas geschützt war. Auf den kugelförmigen Pralinen befand sich ein karamellfarbener Schokoladenkringel. »Zartbitterschokolade. Darin ein Boden aus Schokoladenschaum und darauf Karamell.«

»Schokoladenschaum«, murmelte Calvin. Allein das Wort ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen. »Das klingt himmlisch.«

»Man sagt ja, Eigenlob würde stinken, aber ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass es das auch ist.«

»Dann steht die Entscheidung fest.« Calvin deutete auf die Theke. »Ich nehme davon zwei mit. Ach was, packen Sie mir drei ein.«

Die Frau lachte, was kleine Fältchen neben ihren Augen aufkommen ließ. »Gern.«

»Machen Sie das alles allein oder hilft Ihnen Ihr Mann?«, fragte Calvin und beobachtete, wie seine Pralinen verpackt wurden.

»Oh nein. Alleine ginge es nicht mehr. So hat der Großvater meines Mannes angefangen. Damals war das alles hier noch viel kleiner. Geboren aus einer Laune heraus. Und aus der Not.« Sie lächelte, während sie die Pralinen sorgsam verpackte und schließlich sogar ein Schleifenband um die Schachtel band und daran ein Schild befestigte, auf dem der Name des Geschäfts geschrieben stand. »Heute führen mein Mann und ich den Laden. Mein ältester Sohn wird ihn von uns übernehmen, wenn er soweit ist. Und seine Schwester wird ihm dabei helfen. Und wir beschäftigen Teilzeitkräfte, die uns helfen, alles hier zu verpacken und zu verschicken.« Sie stutzte einen Moment. »Unfassbar, was das Internet alles möglich macht. Wir standen kurz vor dem Ruin. Und dann kam Leo auf die Idee mit dem Internet. Leo, das ist mein Sohn. Dank ihm läuft der Laden so gut wie noch nie.« Sie schob die Packung mit den Pralinen und die Tüte mit dem Geschenk, das Calvin ausgewählt hatte, in eine Papiertüte. »Entschuldigen Sie. Ich texte Sie hier zu.«

»Oh, nein, das stört mich nicht, ganz und gar nicht. Es ist interessant. In unserer Zeit sollte man doch meinen, dass so ein kleiner Laden sich nicht gegen die Großen durchsetzen kann, aber wie Sie schon sagten: Das Internet macht es ...« Calvin stutzte. »Moment, Sie verschicken auch über das Internet?«

Sie nickte. »Inzwischen schon gut ein halbes Jahr. Ich hätte auch nie gedacht, dass es funktioniert. Die Preise für den Versand sind doch recht hoch. Wir müssen ja alles sehr gut verpacken, damit die Sachen heile ankommen. Und doch, die Leute kaufen es. Meine Tochter sagt, das liegt an den Postings. Heißt das so? Ich lerne das alles gerade noch. Das ist Neuland für mich.«

»Postings in sozialen Netzwerken, ja. Oder auf einem Blog.« Ungläubig schüttelte Calvin den Kopf. »Na toll, davon hat mir meine Freundin natürlich nichts erzählt. Da hätte ich ja auch bestellen können. Andererseits«, sein Blick flog einmal durch den Laden, »hätte ich da das alles hier verpasst, hm?«

»Wo kommen Sie denn her?«

»Nur aus der Innenstadt, aber ich habe doch eine Stunde hierher gebraucht. Der eine Bus hatte Verspätung und ...« Calvin winkte ab. »Nicht so wichtig. Es hat sich gelohnt.«

»Das freut mich. Unsere weiteste Besucherin kam bisher aus England. Das war eine Überraschung.« Sie tippte etwas in die Kasse. »Das macht dann 19,40 $.«

»Ja, das glaube ich sofort.« Calvin reichte einen 20-Dollar-Schein über den Tresen. »Werfen Sie das Wechselgeld in die Kaffeekasse, falls Sie so etwas haben.«

»Haben wir. Wir unterstützen damit das hiesige Kinderheim.« Sie nahm das Wechselgeld aus der Kasse und warf es in eine Spardose, die auf einem Regal hinter der Kasse stand. Eine gemütlich schlummernde Katze.

Calvin legte leicht den Kopf schief. »Prompt komme ich mir schlecht vor, nicht noch mehr gegeben zu haben.«

Sie lachte. »Das ist Unsinn. Jeder Cent zählt. Wenn jeder nur ein bisschen gibt, dann haben wir am Ende eine Menge.«

»Das ist gut.« Cal schob sein Portemonnaie zurück in die Umhängetasche und griff nach der Papiertüte, in der seine neu erworbenen Schätze lagen. »Danke für den Einblick in die Geschichte und die Leckereien. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.«

»Für Sie auch. Und empfehlen Sie uns weiter», meinte die Frau mit einem Augenzwinkern.

»Das werde ich, da bin ich sicher.« Bevor er den Verkaufsraum verließ, sah sich Calvin noch einmal um. Es war ein merkwürdiges Gefühl, durch die Tür nach draußen zu treten. »Zurück in der Wirklichkeit«, murmelte er und stieg lächelnd die Treppenstufen hinab.

Kapitel 3

Das Geräusch von Schokolade, die aus der Temperiermaschine floss, ließ sich nur schwer mit etwas vergleichen. Samtig. Leise. Irgendwie gesetzt. Mit geübten Bewegungen schob Leo den Verschluss wieder auf den Auslass. Das volle Aroma von Schokolade erfüllte den Raum. Das war eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen er diesen Geruch überhaupt noch wahrnahm. Nach so vielen Jahren war er geruchsblind geworden für Zucker und Schokolade und all die Süßigkeiten, die sie hier im Keller produzierten.

»Guck mal hoch!«, rief ihm Elena zu. Stirnrunzelnd sah er auf und im nächsten Moment erklang der Verschlusston ihrer Handykamera. »Perfekt! Was haben wir ein Glück, dass du so ein hübsches Gesicht hast, Bruderherz.«

»Als nächstes fängst du noch an, ihn auf dem Klo zu fotografieren«, kam die Stimme ihres Vaters aus dem Hinterzimmer, in dem er die alten Muldenplatten in Maisstärke presste. Der Mann mit dem weißen Haar zog die Tür hinter sich zu, als er den Raum verließ.

»Ach Pop, erzähl keinen Blödsinn. Auf dem Klo will ihn niemand sehen.« Elenas Finger flogen über das Display ihres Handys. »Vielleicht in der Dusche.« Fragend hob sie den Blick und Leo winkte sofort ab.

»Vergiss es, du Satansbraten. Keine Chance.«

Sie rümpfte die Nase. »Aber das würde uns sicherlich eine Menge neue Likes einbringen.«

»Nein«, beschloss Leo endgültig und das Familienoberhaupt lachte.

»Reib ihn mit Schokolade ein.«

»Du hast sie ja nicht mehr alle!«, rief Leo aus.

»Das ist eine großartige Idee, Pop!«

»Nein, Elena, ist es nicht. Und jetzt geh da weg.« Er schob sich an ihr vorbei. Es war eng hier unten im Keller. Ohne das strenge Ordnungssystem, welches sein Vater hier eingerichtet hatte, würde nichts funktionieren. »Können wir uns vielleicht auf die Arbeit konzentrieren anstatt darüber zu fachsimpeln, ob ich besser mit Zartbitter oder Vollmilch harmoniere?«

Elena lachte. »Zartbitter. Ganz ohne Frage. Oder Pop?«

Der kratzte sich unter der Mütze. »Da bin ich überfragt.«

»Ihr werdet mich nicht in Schokolade tunken!«

»Niemand redet von tunken, Leo. Einreiben!« Erschrocken fuhr Elena zusammen. »Um Himmels Willen, wir könnten einen Kalender herausbringen! Mit dir. Mit Patty. Die findet doch auch so hohen Anklang bei unseren Followern! Und Pop und Mum auch.«

Leo verzog das Gesicht. »Willst du uns alle in Schokolade tunken?«

»Einreiben! Hörst du mir eigentlich zu?«

Leo schüttelte den Kopf. »Wenn du solchen Mist erzählst, dann in der Regel nicht, nein.«

Sie schnaubte. »Ach ja? Ich erzähle Mist? Wie kommt es dann, dass auf dein Bild schon wieder 17 Likes sind? Die Leute mögen uns! Ist das nicht toll?«

Charles, der nun schon sein ganzes Leben hier arbeitete, konnte nur nicken. »Ja. Toll. Und es war auch eine gute Idee von euch. Sonst würden wir heute vielleicht nicht mehr hier stehen.«

Elena seufzte. »Das wäre eine Schande. Aber Marketing ist alles. Seht ihr ja selbst.«

»Hast du deine Mutter eigentlich gefragt, was wir noch machen müssen?«, fragte Charles seine Tochter, die sich jetzt auf einen Hocker schob und wieder auf das Handy eintippte.

»Sie sagt, sie macht eine Liste. Es kommen immer noch Vorbestellungen für den Valentinstag rein.«

Leo seufzte und griff nach einer Form für die herzförmige Pralinenschachtel ganz aus Schokolade, die er nun mit der wohl temperierten Schokolade auszufüllen begann. Er war froh über den Erfolg des Geschäftes, darüber, dass das Internet ihnen sprichwörtlich das Leben gerettet hatte. Und doch, die anfängliche Freude, die er noch vor ein paar Wochen empfunden hatte, wollte sich nicht wieder einstellen.

Die Trennung von Caleb hing nach wie vor wie ein dunkler Schatten über ihm. Und das, obwohl er das nicht wollte. Caleb hatte ihm das Schlimmste angetan, was man einem anderen Menschen wohl antun konnte. Doch noch schlimmer als der Betrug war für ihn selbst der Umstand, dass er nichts davon bemerkt hatte. War er so unaufmerksam gewesen? So gleichgültig Caleb gegenüber? Hätte er nicht etwas merken müssen? Er wurde diese Gedanken nicht los.

Dabei sollte er alles dafür tun, diesen Mann aus seinen Gedanken zu verbannen. Betrug war für Leo etwas, das unverzeihlich war. Vermutlich lag es an der so lange andauernden Beziehung seiner Eltern. Seine Mutter war 17 gewesen, sein Vater 19, als sie sich kennengelernt hatten. Liebe auf den ersten Blick. Wie oft hatte er diese Geschichte gehört? Und wie oft hatte er sie darum beneidet? Diesen einen Menschen zu sehen und zu wissen, dass es der Richtige ist. Für den Rest des Lebens. Ein Jahr später hatten sie geheiratet. Und kurz darauf war Leo auf die Welt gekommen. Keine Zweifel, und die beiden waren heute noch so glücklich wie am ersten Tag. Er bewunderte das zutiefst.

Früher hatte er selbst eine solche Beziehung angestrebt und mit Caleb hatte er gehofft, diesen einen Menschen gefunden zu haben. Stattdessen hatte er einen Menschen gefunden, der ihm das Herz herausriss, es auf den Boden warf, darauf herumtrampelte und sich dann noch beschwerte, wenn Blut an seinen Schuhen zurückblieb. Mit einer geübten Handbewegung kippte er die Form und ließ die überflüssige Schokolade herauslaufen.

Tief seufzte er. Und spürte kurz darauf die Hand seines Vaters auf seiner Schulter. Leo hob den Blick und sah hinauf in braune Augen. Es war ein aufmunterndes Lächeln, das ihm der ältere Mann zuwarf. Keine großen Worte. Nur dieser Blick, von dem Leo genau wusste, was er ausdrückte. Er mühte sich, dieses Lächeln zu erwidern und drehte sich dann zum Kühlschrank um, stellte die Form hinein. Leise fiel die Tür wieder zu.

***

Tief hingen die Wolken am Himmel, dick und schwer drängte sie der Wind über Three Points hinweg. Derselbe Wind fing sich die letzten braunen Blätter des vergangenen Jahres, um unter den spärlich leuchtenden Straßenlaternen mit ihnen zu spielen. Die Straßen glänzten silber und die Hochhäuser der Innenstadt spiegelten sich in den Regenwasserseen, als gäbe es darin Three Points noch einmal - eine Vorstellung, die Calvin lächeln ließ.

Vielleicht wäre dieses Three Points in den Pfützen ein schöneres, ein friedlicheres, eine Art immer lächelndes Abbild seiner Welt. Eine Stadt, in der Taxifahrer die Autofahrer vor ihnen grüßten statt sie anzuhupen. In der Radfahrer immer Licht an ihren Fahrrädern hatten. In der Banken nur das Beste für ihre Kunden wollten und kein Kind Hunger leiden musste. Es gäbe keine Gewalt, Polizeireviere wären überflüssig, Feuerwehrmänner würden Katzen von Bäumen retten und die Sonne würde immer scheinen.

Ein Wasserschwall, der gegen die Fensterscheibe gepeitscht wurde, ließ Calvin zusammenzucken und sein paralleles Three Points verschwand. Stattdessen sah er sich selbst gedankenverloren und wehmütig lächelnd entgegen. Der Bus mit all den Menschen darin, mit den Geräuschen der Hydraulik, dem Husten und Schniefen, dem Schnarchen und dem Geruch nach vielen Fahrgästen, Abgasen und der muffigen Inneneinrichtung wurde seine Realität.

Oft fand er es faszinierend, wie ein wenig Wasser das Denken und Fühlen beeinträchtigen konnte. Regen machte ihn immer melancholisch. Die Sehnsucht nach dem versöhnlichen Three Points seiner Vorstellungskraft wurde beinahe übermäßig groß, als er die letzten Stufen zur Wohnung emporstieg und den Schlüssel ins Schloss schob. Schon im Hausflur drang laute Musik an seine Ohren. Musik, die im Grunde nur eines bedeuten konnte. Calvin trat in die Wohnung und die Stimmen, das Gelächter und die Jacken an der Garderobe bestätigten nur, was er schon wusste. Innerlich seufzend setzte er ein Lächeln auf, das er während seiner Arbeit im Laden perfektioniert hatte, und trat ins Wohnzimmer.

»Hey«, sagte er über die laute Musik hinweg.

Fünf Augenpaare richteten sich auf ihn. Es roch nach Bier und Zigarren. »Oh, hey«, antwortete die Stimme, die ihm am bekanntesten war. Einer der anderen Männer schob Spielchips in die Tischmitte.

»Ihr spielt Poker?«, bemühte sich Calvin um einen freundlichen Ton in seiner Stimme, während er auf Paul zutrat und ihn kurz küsste.

»Klar, ich habe mir die Jungs mal wieder eingeladen.« So selbstsicher, wie Paul an ihrem Esstisch saß, begegneten Cal auch seine Worte. Er hatte die Finger locker um eine Bierflasche geschlossen, die zwei Karten lagen verdeckt vor ihm auf dem Tisch.

»Mal wieder«, rutschte es Calvin heraus. Pauls Haltung veränderte sich nur dadurch, dass seine Schultern ein Stück nach hinten drängten. Der graue Blick, der auf Cal lag, blieb unverändert fest.

»Paul, du bist dran«, unterbrach sie eine dunkle Stimme, die durch Lippen nuschelte, die eine Zigarre hielten. »Bist du noch dabei?«

Calvins Finger schlossen sich fester um die Stuhllehne. Er richtete seinen Blick auf Pauls besten Freund. »Wir unterhalten uns gerade, Rick.«

»Das sehe ich«, grinste der, »aber das hält Paul sonst auch nicht davon ab, weiterzuspielen.«

Calvin spürte, wie seine Nasenflügel bebten, als er tief einatmete und sich wieder an seinen Freund wandte. »Und gewinnst du wieder?«

Paul hob eine Augenbraue, rührte sich sonst aber nicht. »Habe ich jemals verloren?«

Calvin schüttelte leicht den Kopf, fragte sich, ob sie noch immer übers Pokern sprachen. Dann nahm er aus dem Augenwinkel etwas wahr, was ihn seine Aufmerksamkeit darauf richten ließ. Frische Asche fiel von einer Zigarre auf den Tischläufer, den er mit Lucy in einem Second-Hand-Laden gefunden hatte und dessen sanftes Muster auf dem cremefarbenen Untergrund so perfekt zu der Tapete passte.

»José!«, rief er wütend. »Du Idiot!« Er griff an den Läufer und zog ihn den Männern unter den Pokerchips und Karten weg. Sofort wurde Protest laut. Protest, den er nicht hörte, der sich um Karten und Chips drehte. »Ich habe euch doch schon tausendmal gesagt, dass ihr den Läufer wegnehmen sollt, wenn ihr pokert! Da, da ist auch ein Bierring, na toll!« Calvin hob seufzend den Blick von dem hellen Stoff und sein zorniger Blick traf Pauls. »Sag mir das nächste Mal Bescheid, dann kann ich alles wegräumen, was mir lieb und teuer ist, bevor deine dämlichen Freunde alles ruinieren!«

Die Esszimmertür knallte lautstark ins Schloss und es war Calvin in diesem Moment egal, welche Konsequenzen sein Verhalten später haben würde. Brennende Tränen stiegen ihm in die Augen, als er die Badezimmertür hinter sich schloss und sich daranmachte, den Tischläufer auszuwaschen.

Er hatte sich auf einen ruhigen Abend gefreut! Darauf, vielleicht etwas zu lesen, einen Film zu schauen. Wenn nicht mit Paul, dann eben allein. Die Füße hochzulegen, die ihm nach seiner 8-Stunden-Schicht im Laden heute besonders weh taten. Sich in eine Decke zu kuscheln, einen Tee zu trinken. Mit einer Pokerrunde hatte er jedenfalls nicht gerechnet - wie auch? Paul entschied so etwas gern viel zu spontan für seinen Geschmack und vor allem, ohne es mit ihm abzusprechen.

Die Männer lachten längst wieder, als Calvin in die Küche trat und die Kühlschranktür aufzog. Bier wohin das Auge reichte, dazwischen eine Flasche Wodka. Cal ahnte, wer die mitgebracht hatte. Angefressen schüttelte er den Kopf, griff nach einer Wasserflasche und schloss den Kühlschrank wieder. Es knackte, als sich Plastik von Plastik löste. Calvin trank in kleinen Schlucken, vor allem, um sich zu beruhigen. Wenn er morgen noch ein weiteres Brandmal auf dem Esstisch fand, würde er wahnsinnig werden!

Die Küchenuhr tickte leise und erinnerte ihn daran, dass er wieder einmal wertvolle Lebenszeit mit Grübeln verschwendete. Calvin löste sich von der Arbeitsplatte, an die er sich gelehnt hatte, und ging erst ins Bad und schließlich ins Schlafzimmer, um seinen ursprünglichen Feierabendplan zu verfolgen. Lesen in ihrem Bett ging auch gut ohne Paul.

Es dauerte nicht lange, bis ihm die Augen zufielen, doch aus seinem leichten Schlaf sollte er rüde wieder geweckt werden, als Paul ins Zimmer stolperte und sich keine Mühe machte, Rücksicht auf Cal zu nehmen. Mit klopfendem Herzen sah er auf, das Buch noch neben sich auf dem Laken. Im Halbdunkel der kleinen Leselampe begegnete ihm Pauls Blick. Sein Freund versuchte gerade, sich von seiner Kleidung zu befreien.

»Du bist betrunken«, konstatierte Cal und erntete dafür ein Schnauben.

»Na und? Kann dir doch egal sein, was ich mit meinen dämlichen Freunden mache.«

»Paul ...« Es raschelte leise, als sich Calvin aufsetzte und auf das Bettende zu robbte, vor dem Paul noch immer stand und an seinen Hemdknöpfen herumfummelte. »So habe ich das doch nicht gemeint. Ich war nur sauer und ...«

Der Schlag kam aus dem Nichts. Pauls Handrücken traf Calvin hart an der Wange, schleuderte seinen Kopf zur Seite. Mit geschlossenen Augen öffnete er den Mund. Seine Lippen formten ein stummes Au, denn ein brennender Schmerz breitete sich auf seiner Wange aus, trieb ihm Tränen in die Augen. Doch die Genugtuung wollte er Paul nicht zugestehen, also verdrängte Calvin die Feuchtigkeit in seinen Augen und wandte seinen Blick wieder seinem Freund zu.

Wortlos sahen sie sich in die Augen. Dann rutschte Cal zurück, löschte das Licht und zog sich die Decke bis zur Nase, nachdem er seinen Kopf auf dem Kissen gebettet hatte. Er drehte sich zum Fenster, zog die Knie an den Körper und sah durch die Fensterscheiben nach draußen. Die dunklen Wolken zogen träge am Himmel dahin. Er erkannte es an den helleren Wolkenlöchern, die sich wie Schatten am Firmament bewegten. Schwere Regentropfen landeten am Glas und rannen nach unten. Calvin schloss die Augen, ignorierte das Rascheln hinter sich, das ihm bedeutete, dass auch Paul sich schlafen gelegt hatte.

Als er das nächste Mal die Augen öffnete, drang das Licht eines neuen, bewölkten Frühlingsmorgens durch die Fenster zu ihm. Er hatte heute Spätschicht, könnte also noch liegen bleiben, doch ... Leise drehte er sich um und stellte fest, dass die Betthälfte neben ihm leer war. Er schob sich aus dem Bett und hörte leise Geräusche aus der Küche, denen er folgte. Paul sah von einer Pfanne auf, aus der es verführerisch nach Rührei duftete.

»Morgen«, begrüßte Calvin ihn und Paul lächelte.

»Ich habe dir Frühstück gemacht.« Er trat auf Calvin zu und küsste ihn sanft auf die Lippen. Seine schmeckten nach Schlaf und Restalkohol. Dann fiel Pauls Blick auf Calvins Wange. »Oh, gut. Es ist kaum zu sehen.« Leise seufzte er. »Tut mir leid, Calvin. Ich wollte das nicht.«

»Ist schon gut.« Cal glaubte seinen eigenen Worten nicht, doch es war das Einzige, was er sagen konnte. »Ich mache mich kurz fertig, dann können wir essen.«

»In Ordnung.«

Im Spiegel betrachtete sich Calvin schließlich seine Wange. Seinem langsamen Bartwuchs hatte er einen leichten und in seiner Situation oft hilfreichen Bartschatten zu verdanken, der aber nicht so ungepflegt aussah, dass er sich heute rasieren musste. Dafür konnte er dankbar sein. Und Paul hatte Recht, bis auf eine kleine Rötung und den Hauch eines blauen Flecks war von dem Schlag nichts zu sehen. Er wich von dem Spiegel zurück, sah sich selbst in die grau-grünen Augen. Dann öffnete er den Spiegelschrank, griff nach dem Make-Up und begann mit zusammengebissenen Zähnen, die Spuren des letzten Abends zu beseitigen. Als er sich an den Frühstückstisch setzte und Paul Gesellschaft leistete, war von dem Schlag nichts mehr zu sehen.

»Du hast heute frei, oder?«, fragte Paul nach einer Weile in die Stille.

»Nein, Spätschicht. Aber ich fahre vor der Arbeit zu meinem Dad und schau mal nach Donatello.«

»Denkst du, er ist schon wach?« Pauls Messer kratzte Butter auf den goldbraunen Toast. Ein Geräusch, das Calvin Gänsehaut bereitete.

»Ich weiß es nicht. Deswegen muss ich ja gucken fahren.« Calvin trank einen Schluck grünen Tee. Selbst den hatte ihm der reumütige Paul gekocht.

»Wäre schön, ihn wieder hier zu haben.«

»Ja.« Calvins Stimme klang sehnsüchtig. »Ich vermisse ihn. Was ist mit dir? Was hast du heute vor?« Paul war KFZ-Mechaniker und arbeitete in einer großen Werkstatt. An Samstagen musste er nie arbeiten.

»Ich räume erst einmal das Wohnzimmer auf und dann werde ich vielleicht zu Steve fahren.«

»Hm«, machte Calvin nur leise mit Rührei im Mund.

»Wir schrauben vielleicht etwas an dem alten Mercedes rum«, fuhr Paul fort und biss dann geräuschvoll von seinem Toast ab.

»Dabei wünsche ich euch viel Spaß.« Calvin erhob sich und nippte noch einmal am Tee, bevor er die Tasse abstellte. Ein überraschter Blick traf ihn, den er ignorierte. »Ich werde dann mal los.«

»Aber, bis auf zwei Bissen Rührei hast du noch gar nichts gegessen.«

»Ich habe keinen Hunger.« Es kostete Überwindung, sich zu Paul zu beugen und ihn auf die Wange zu küssen. »Danke trotzdem fürs Kochen. Bis heute Abend.«

»Hm.« Paul zog ihn an dem weichen Pullover, den er sich übergezogen hatte, zu sich, um ihn richtig zu küssen. »Bis heute Abend.«

Calvin nickte lächelnd. Ein Lächeln, von dem er nicht sicher war, ob es echt oder unecht war. Es fühlte sich an wie ein bisschen von beidem. Seine Schritte wogen schwer, als er die Küche und wenig später auch die Wohnung verließ, doch mit jedem Schritt, den er auf die Bushaltestelle zu machte, wurden sie leichter. Der Bus war überheizt und obwohl er nicht einmal voll besetzt war, war die Luft zum Schneiden dick. Als Calvin wieder ausstieg und die letzten Meter bis zu seinem Elternhaus lief, war von dem Gewicht, das auf ihm gelastet hatte, kaum noch etwas zu spüren. Der Vorgarten des kleinen Häuschens erwachte mehr und mehr zum Leben. Es war ein strenger Winter gewesen, der jetzt von wärmeren Temperaturen und hellerem Tageslicht verdrängt wurde. Es war gerade zwei Wochen her, dass er zuletzt hier in der Vorstadt gewesen war.

»Womit habe ich diesen frühen Besuch denn verdient?«, dröhnte die Stimme seines Vaters ihm entgegen.

Lachend trat Calvin auf die Haustür zu, in der sein Vater stand, ignorierte dabei den Schmerz, den das Lachen auslöste. »Hi Dad.«

Eine große Hand schlug ihm liebevoll auf die Schulter und wie so oft hielt Calvin einen Moment ängstlich die Luft an. Doch wie sonst auch wirkte seine Maskerade. »Hallo, Junge. Also?«

»Was denkst du nur von mir? Ich wollte dich besuchen«, beteuerte Calvin, während er in den Flur trat und seine Weste in den Garderobenschrank bugsierte. Den bohrenden, blauen Blick seines Vaters spürte er deutlich in seinem Nacken. »Na schön«, seufzte er also, »ich wollte nach Donatello sehen.«

»So ist das! Von wegen deinen alten Herrn besuchen!«

»Dad», lachte Calvin. »Du weißt, dass es immer beides ist.«

»Ja ja, schon gut. Deinem gepanzerten Freund geht es gut. Ich habe gestern erst nach ihm gesehen.«

Calvin war seinem Vater in die kleine Küche gefolgt, in der es angenehm warm war und nach Kaffee duftete. »Ist er schon wach?«

»Wach ist bei dem Tier ja relativ.«

»Kommt er aus seinem Panzer? Blinzelt er?«

»Ja.«

»Dann ist er wohl wach. Schön. Dann kann ich ihn mitnehmen.« Calvin ließ sich auf einen der drei Stühle nieder, die an einem kleinen Esstisch standen.

»Zuerst trinkst du mit mir einen Kaffee.«

»Ich hätte heute lieber einen Tee.«

»Nah, darin kommst du ganz nach deiner Mutter.« Calvins Vater deutete auf einen Hängeschrank. »Such dir einen aus.«

Nickend erhob sich Calvin. Die Teeauswahl seines Vaters beschränkte sich auf fünf Sorten: Kamille, Hagebutte, Pfefferminze, Gunpowder und Jasmintee. Die beiden Grünteesorten standen nur in seinem Schrank, weil Calvin sie gern trank. Lächelnd griff Calvin nach einer der Packungen, befüllte einen Teebeutel mit den typischen, gerollten Teeblättern des Gunpowder-Tees und hängte ihn schließlich in die Tasse mit den Blumen darauf, die ihm sein Vater hinhielt.

Wenig später saßen sie an dem kleinen Holztisch, der die Kratzer und Schrammen vieler Mahlzeiten trug. »Wie geht es Paul?«

»Oh, es geht ihm gut«, antwortete Calvin so schwammig wie immer.

»Das freut mich. Ihr wart lange nicht zusammen hier. Wir könnten mal wieder einen Film zusammen sehen, was hältst du davon?«

»Ich frage Paul mal. Vielleicht zu Ostern, wenn er nicht mehr so viel zu tun hat.«

»Hm. In Ordnung. Ich würde mich freuen. Erzähl mal, wie läuft es auf der Arbeit? Ist es jetzt ruhiger nach dem Weihnachtsansturm?«

Froh über den Themenwechsel erging sich Cal in kleinen Anekdoten über seine Arbeit. Er erzählte gern von seiner Arbeit, es störte ihn nicht, weil er in der Regel gern arbeitete. So anstrengend sein Job oft war, er mochte es, hilflosen Männern den Weg zum Backmohn zu weisen oder hilflosen Frauen zu Zeltheringen. Doch er mochte auch Donatello und so bat er seinen Vater bereits nach dem ersten Tee, ihn in die Garage zu begleiten. In der großen Kiste in der Ecke, die mit Erde und Laub gefüllt war, raschelte es leise. Gleich darauf war ein Schaben zu hören, als Donatellos Panzer an einer Seite an die Wand stieß.

»Hallo Kumpel«, sagte Cal leise. Lächelnd hockte er sich neben die Kiste und sah in schwarze kleine Knopfaugen, die ihm entgegenblinzelten. »Na, ausgeschlafen? Möchtest du wieder mit nach Hause kommen?«

»Du weißt schon, dass er dir nicht antworten wird, hm? Wieso sprichst du immer mit ihm?« Sein Vater hockte sich neben ihn, doch Calvin sah nicht auf. »Ich meine, wahrscheinlich versteht er eh nichts von dem, was wir sagen.« Donatello blinzelte erneut, zog den Kopf etwas weiter zurück unter das Nackenschild, was Calvin lächeln ließ.

»Na und? Er gehört zur Familie. Stell dir mal vor, ich würde nicht mehr mit dir sprechen oder mit Mum, das wäre doch schlimm.«

»Nun, da hast du Recht«, pflichtete ihm sein Vater bei, bevor er sich erhob. »Nimmst du dir ein Taxi zurück?«

»Nein, ich muss von hier aus zur Arbeit. Donatello nehme ich mit. Er kann im Mitarbeiterraum stehen, bis ich Feierabend habe. Aber ein Taxi klingt gut. Die Kiste ist immer so schwer.«

Calvins Handy gab ein leises Plop von sich und er zog es aus seiner Hosentasche. Sein Vater sah ihm über die Schulter, als er die Benachrichtigung aufrief. Nach seinem Besuch beiLarkin Candys and Sweetshatte er die Seite geliked und verfolgte seitdem jeden Beitrag. Es war wirklich faszinierend, wie all die Köstlichkeiten hergestellt wurden. Auf dem jetzigen Foto waren zwei Hände in Handschuhen zu sehen, die mit Hilfe einer Tortenspritze Schokoladenhalbmonde füllten, die später zu runden Schokoladenbällchen verwandelt werden würden. Mit einem wehmütigen Gefühl im Magen erinnerte sich Cal an die Karamell-Schokoschaum-Pralinen zurück, die keine Woche durchgehalten hatten. Gerade heute war ihm so sehr nach Schokolade. Schnell drückte er auf das kleine Herz, das unter dem Foto zu sehen war.

Er trank noch einen Tee mit seinem Vater, unterhielt sich mit ihm, bis das Taxi da war, das ihn und Donatello zurück in die Innenstadt brachte. Calvin ging an die Arbeit, doch die Lust auf Schokolade blieb. Das Verrückte daran war, dass er nicht auf irgendeine Schokolade Lust hatte, die er sich leicht im Laden hätte kaufen können.

Am Dienstag nutzte er seinen freien Tag, umLarkin Candys and Sweetseinen weiteren Besuch abzustatten. Die Zuckerstangen vor dem Haus waren Herzen gewichen und es dauerte tatsächlich einen Moment, bis Calvin den Zusammenhang herstellen konnte. Nicht mal mehr ein Monat bis zum Valentinstag. Er trat die knarrenden Stufen nach oben, durch die Tür und wieder kündigte die kleine Glocke sein Eintreten an. Lächelnd sah er sich um. Viel hatte sich nicht geändert, abgesehen davon, dass statt Weihnachten und Silvester nun der Valentinstag im Mittelpunkt stand.

Es kam eine Stimme aus dem Hinterzimmer des Geschäfts. »Ich komme sofort!«

»Ganz in Ruhe!«, rief Calvin in die Richtung, aus der die weibliche Stimme gekommen war. Lächelnd trat er vor eines der Regale, hob eine Pralinenschachtel in die Höhe und betrachtete sich die herzförmigen Vollmilch- und Zartbitterschokoladenstücke, die mit Schokoladenstreifen, -herzen und -streuseln verziert waren.

»So. Tut mir leid, aber das musste ich kurz fertig machen. Oh! Sie sind das!«

Lächelnd wandte sich Calvin der Frau zu, die ihn auch das letzte Mal bedient hatte. »Sie erinnern sich an mich?«

»Ich vergesse selten ein Gesicht. Wie kann ich Ihnen helfen?«

»Ich muss sagen, dass drei Karamell-Schokoschaum-Pralinen absolut nicht lange halten.«

Die Frau mit den Locken unter der Mütze lachte auf. »Das tut mir sehr leid. Aber das verhält sich mit vielen unserer Süßigkeiten so.«

»Ich werde nicht widersprechen.« Calvin schob die Pralinenpackung zurück ins Regal. »Mein Geschenk ist übrigens super angekommen. Und weil ich ein netter Freund bin, werde ich Lucy heute wieder ihre Nuss-Karamell-Brocken mitnehmen.«

»Oh, da kann sich ihre Freundin aber glücklich schätzen. Wie lange sind sie denn schon zusammen?«

»Zusammen?« Calvin blinzelte verwirrt, dann lachte er auf. »Oh! Nein, nicht so eine Freundin. Nur eine Freundin«, schmunzelte er.

»Oh.« Die Frau blinzelte. Dann lächelte sie. »Entschuldigen Sie. Ich wollte nicht neugierig sein. Also unsere Nussberge. Die große oder die kleine Packung?«

»Die kleine genügt. Und diesmal probiere ich die Karamell-Hütchen. Bitte.« Er folgte der Frau zur Theke. »Wer macht bei Ihnen eigentlich die Öffentlichkeitsarbeit? Die Postings und die Fotos?«

»Meine Tochter und mein Sohn. Manchmal ich. Nur mein Mann hält sich da raus. Wie viele sollen es sein?« Sie deutete auf die in bunte Folie eingeschlagenen Schokoteilchen.

Calvin folgte ihrem Blick und trat von einem auf den anderen Fuß. »Das Schlimme ist, dass mir gerade sehr nach Schokolade ist. Diese Stimmung, in der man am liebsten Unmengen davon essen würde. Wissen Sie, was ich meine?« Cal sah auf.

Sie lachte. »Schätzchen, ich führe ein Süßigkeitengeschäft. Nichts kenne ich besser. Aber für solche Fälle empfehle ich etwas mit Zartbitter. Da lässt der Heißhunger schneller nach dank des hohen Anteils an Schokolade.«

»Oh. Ich hätte jetzt einfach nur weniger gekauft, aber das ist natürlich auch eine Idee.« Sein Blick glitt über die angebotenen Pralinen. »Hm. Oh, Pistazie!«

»Soll ich Ihnen eine Probierschachtel zusammenstellen?«

»Das klingt perfekt.« Die Frau nickte lächelnd und machte sich an die Arbeit. »Bestellen Sie Ihrer Tochter und Ihrem Sohn einen lieben Gruß. Ihre Postings bringen mich regelmäßig dazu, in den unpassendsten Situationen zu sabbern.«

Amüsiert sah sie auf. »Wenn Sie möchten, können Sie das gerne selbst tun.«

»Oh, ich habe schon öfter ein Foto kommentiert.«

Sie gluckste. »Nein. Ich meine hier. Ich kann Ihnen gerne zeigen, wo die Magie passiert. Leo und mein Mann sind unten am Arbeiten.«

»Ach so! Das würde ich wirklich gern sehen. Die Fotos zeigen immer nur einen so kleinen Ausschnitt der Arbeit.« Skeptisch sah Calvin in die graubraunen Augen. »Sie würden mich wirklich dahin lassen?«

»Natürlich. Wir führen regelmäßig Besucher nach unten. Wir haben nichts zu verbergen.« Sie schloss die Pralinenschachtel. »Kommen Sie. Ich zeige es Ihnen. Aber erschrecken Sie nicht. Es ist überraschend unspektakulär.«

»Das kann ich nicht glauben«, widersprach Calvin und folgte der kleinen Frau, die auch heute wieder die Schokoladenschürze und das Basecap trug. »Es sieht auf den Fotos alles immer aus wie ... Kennen Sie Charlie und die Schokoladenfabrik?«

Sie nickte. »Wir haben keine Umpa-Lumpas. Tut mir leid.« Sie führte Calvin durch das Hinterzimmer durch eine Tür auf eine verglaste Veranda. Von hier führte eine Treppe hinauf in das obere Geschoss. Und eine Tür offenbarte eine weitere Treppe, die hinabführte in den Keller. Eine geballte Ladung Schokoladenduft schlug Calvin entgegen.

Tief atmete er ein. Genau das, was er jetzt brauchte! »Schade, die mochte ich immer besonders gern«, antwortete er und folgte der kleinen Frau dann in den Keller. Er konnte kaum glauben, dass er gleich sehen würde, wo die Köstlichkeiten hergestellt wurden, die er schon nach dem ersten Bissen geliebt hatte. Lucy hatte ihn nur äußerst widerstrebend kosten lassen, aber der kleine Bissen, den er ihr abgerungen hatte, hatte ihn auch von den Pekannuss-Karamell-Brocken überzeugt - trotz der Nüsse. Er war sich sicher, dass er sich über kurz oder lang durch das Sortiment kosten würde. Wenn das mit Probierpackungen möglich war, umso besser.

Die Frau führte ihn die alte Steintreppe hinab. »Passen Sie auf Ihren Kopf auf«, sagte sie und sah über ihre Schulter. Die Decke über der Treppe hing tatsächlich überraschend tief. Doch das gab sich, als sie in den Raum traten, der sich jetzt offenbarte. Alte, gebrannte Fliesen lagen auf dem Boden, an einigen Stellen blank und ausgetreten von jahrzehntelanger Benutzung.

Gleich zu ihrer Rechten befand sich ein großer Gasbrenner, auf dem ein alter Kupferkessel stand. An der Wand hingen Rührkellen aus Holz, auch hier waren die Griffe blank von der Benutzung über Jahre hinweg. Und dann öffnete sich der Raum weiter. An der linken Seite fand sich ein langer Edelstahltisch, auf dem ein altersschwacher Ventilator stand. In einer Ecke des Raumes hing ein Fernseher, auf dem gerade ein Basketballspiel übertragen wurde. Der Ton war leise gestellt. Es gab eine große Spüle, eindeutig neueren Datums und nachträglich eingebaut.

Das Herzstück des Raumes aber war wohl der große Marmortisch. Die Platte dick und glänzend. Es waren kleine Kerben auszumachen, ebenfalls Zeichen von jahrzehntelanger Arbeit und Benutzung. An diese Platte grenzten zwei Arbeitstische, daran zwei Stühle. Und es gab ein großes Regal sowie Schränke, in denen sich alle möglichen Utensilien befanden, und alte Aktenschränke mit Schubladen. Was sich darin befand, war nicht zu sehen.

Und vor einem dieser Regale standen zwei Männer. Ein älterer mit schneeweißem Haar, das unter einem Basecap hervorlugte. Sie trug das Weinrot und den gelben Schriftzug der Pointy Ravens. Eine der zwei großen Basketballmannschaften von Three Points. Er rieb sich mit einer Hand über das Kinn, vor seinen Bauch eine Schürze gebunden. Ein breites Kreuz, starke Oberarme. Darin unterschied er sich nicht von dem anderen Mann, den Calvin nur schwer ausmachen konnte. Alles, was er im Moment sehen konnte, war eine Blue-Jeans, in der ein offensichtlich knackiger Hintern steckte, denn der Mann hatte sich vorgebeugt, zwischen zwei merkwürdige Behältern hindurch, die Getreidesilos nicht unähnlich sahen. Nur waren sie bedeutend kleiner.

»Also wenn wir die Regale umstellen und die zwei hier auch, dann könnten wir die Überzugsmaschine hereinbekommen. Es wird eng, aber es könnte klappen.« Ein Zollstock wurde über den Boden gezogen.

»Hey, ihr zwei!«, rief jetzt die Frau neben Calvin. Und das brachte den jüngeren Mann dazu, zusammenzuzucken. Ein seltsam hohles Geräusch erfüllte den Raum. Gefolgt von einem Schmerzenslaut.

»Verdammt!«, fluchte der Mann und rieb sich über den Kopf, während er sich aufrichtete.

Calvin verzog das Gesicht, weil er den Schmerz beinahe mitfühlen konnte. Der jüngere Mann, bei dem es sich um den ältesten Sohn Leo handeln musste, war etwas größer als sein Vater. Als er sich umwandte, sah Calvin in ein fein geschnittenes Gesicht mit ausgeprägten Kieferknochen und dunkelblondem Haar. Er erkannte den Mann von den Fotos wieder, die er im Internet gesehen hatte, doch als sich nun ausdrucksstarke, hellbraune Augen auf ihn richteten, war es als sähe er ihn zum ersten Mal. Trotz der hellen Augenfarbe wirkte der fremde Blick dunkel und unergründlich.

Leo hatte seine Mutter wirklich gern, doch die Frau ging auf so leisen Sohlen, dass man sie oft überhörte. So auch jetzt. Ihre Stimme erschreckte ihn und an was auch immer er sich gestoßen hatte, es schickte eine Welle des Schmerzes bis in seine Zehenspitzen. Doch dieser Schmerz verflog mit einem Mal. Als er sich erhob und nur mit dem Anblick seiner Mutter rechnete, traf sein Blick auf ein fremdes Augenpaar. Helle, grau-grüne Augen sahen ihm entgegen. In einem schmal geschnittenen Gesicht. Dunkelblondes Haar in einer modischen Kurzhaarfrisur, doch das nahm er nur am Rande wahr, denn er konnte den Blick nicht aus den hellen Augen nehmen. Fieberhaft suchte er nach einem Vergleich, doch es wollte ihm keiner einfallen. Kein Flaschengrün. Und kein Grau wie an einem Nebeltag. Eher wie der dumpfe Glanz eines erblindeten Spiegels. Doch für das Grün schien es keinen Vergleich zu geben.