Liebe und andere Verdrießlichkeiten - Ada Zapperi Zucker - E-Book

Liebe und andere Verdrießlichkeiten E-Book

Ada Zapperi Zucker

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Beschreibung

Und noch einmal das uralte Thema der Menschen, tausendfach beschrieben und doch immer noch unerschöpflich und unauslotbar: die Liebe, als plötzlicher Blitzschlag, verklärt durch lange Ehejahren oder nur als momentane Verwirrungen der Sinne, aber immer zwischen Ekstase und bitterem Erwachen in der Wirklichkeit. Tief dringt die Autorin in die Psyche der handelnden Personen ein und lässt uns miterleben, wie es zu den jeweiligen Konstellationen gekommen ist und wie es eventuell weitergehen könnte. Fünf Erzählungen, fünf verschiedene Facetten ein und desselben Prismas, weit weg von Klischees und romantischen Oberflächlichkeiten, bringen den Leser zum Schmunzeln und Nachdenken - auch wenn er meinte, schon alles über dieses Thema gewusst zu haben.

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Seitenzahl: 264

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Ada Zapperi Zucker ist in Catania (Sizilien) geboren. In Rom hat sie mit dem Gesang- und Klavierstudium begonnen und an der Musikhochschule Wien beendet. Gleichzeitig hat sie für das Dizionario Biografico degli italiani des Istituto Treccani, die Enciclopedia dello Spettacolo und an der Enciclopedia Universo De Agostini gearbeitet. Ihre sängerische Karriere ist hauptsächlich außerhalb Italiens abgelaufen. Sie unterrichtet Gesang in Deutschland und in Südtirol.

Von dem Südtiroler Maler Gotthard Bonell wurde sie in Malerei unterrichtet.

Ada Zapperi Zucker è nata a Catania. A Roma ha iniziato gli studi di canto e pianoforte per poi concluderli alla Musikhoschule di Vienna. Nello stesso tempo ha collaborato per il Dizionario Biografico degli italiani dell'Istituto Treccani, all'Enciclopedia dello Spettacolo e all'Enciclopedia Universo De Agostini. Cantante lirica ha svolto la sua attività prevalentemente all'estero. Insegna canto in Germania e in Sudtirolo.

Con Gotthard Bonell ha studiato pittura.

Ihre Veröffentlichungen haben verschiedene nationale und internationale Preise bekommen, die wichtigsten sind:

I suoi scritti letterari hanno ottenuto vari riconoscimenti nazionali e internazionale, i più importanti sono:

2017

Menzione d'onore

Casentino

, per il romanzo

La casa del nonno

2015

Primo Premio

San Domenichino

per i racconti

La cucchiara

2012

Primo Premio

Casentino,

per il romanzo

Teatro di ombre

2012

Premio

Stiftung Kreatives Alter, Zürich

per i racconti

Le inquietudini della sora Elsa

2011

Primo Premio

Chianti,

per il romanzo

Il silenzio

2008

Primo Premio

Giovanni Gronchi,

per i racconti

La scuola delle catacombe

Inhaltsverzeichnis

Liebe und Politik

Eine Begegnung

Ein Abendessen für zwei

Das Blümchen

Elis und das Ungetüm

Indice

Amore e politica

Un incontro

Una cena per due

Il fiorellino

Elis e l'orco

Liebe und Politik

Das Rom der fünfziger Jahre war in zwei politische Lager gespalten: die Rechte, das heißt die Faschisten der Jahre zuvor, noch präsent und ziemlich lautstark, und die Kommunisten, polemisch und auf irgend eine Art voller Gravität, weil jeder Intellektuelle, der etwas auf sich hielt gezwungenermaßen links, beziehungsweise fortschrittlich zu sein hatte. So war es auch nach 1953, als im Visconti-Lyzeum und anderswo noch die Devise Verbreitung fand: „a da venì Baffone“, was soviel heißt wie, „da bräuchte es Stalin“, obwohl der bereits tot und begraben war, während nach und nach gewisse, gelinde gesagt haarsträubende Hintergründe ans Tageslicht kamen, die von den linken Politikern, die teilweise jahrelang in der Sowjetunion gelebt hatten, sorgfältig verschwiegen wurden. Praktisch lebten sie mit geschlossenen Augen.

Leda, obwohl äußerst schüchtern, war mehr als einmal im Mittelpunkt kleiner Zusammenstöße mit Schulkameraden eindeutig faschistischer Gesinnung gestanden. Zu den deftigen Anspielungen der männlichen Klassenkameraden, die teilweise mit ihrem süditalienischen Akzent, vielleicht aber auch eher mit ihrem aufmüpfigen Charakter zu tun hatten, gesellten sich jetzt auch offene Anspielungen auf unterschiedliche politische Einstellungen. Stalins Tod hatte den Klassenkameraden weitere Gelegenheiten für Angriffe und Verhohnepiepelungen jeder Art geboten: der Wunsch nach einer größeren Nähe zu ihr, einem zwar unnahbaren, aber doch sehr hübschen Mädchen, war offensichtlich.

Im Jahr 1956 dann erreichten die Diskussionen unter den Jugendlichen, die in ihrer Wohnung verkehrten ihren Höhepunkt: die Panzer in Budapest, tausende Tote, die eiserne Faust der Sowjetunion in den Satellitenstaaten, das Man-weiß, Man-weiß-nicht. Die Kommentare, die Gewissensfrage: auf den Parteiausweis verzichten oder weiterhin zu den Versammlungen gehen? Ziemlich beunruhigende Themen, die ganze Nachmittage ausfüllten. Leda hörte zu, ohne je mitzureden. Sie dachte über die Diskussionen der Jugendlichen nach, die etwas älter als sie waren und deren Desorientierung auch die ihre wurde. Es blieb aber eine Basis, vielleicht von ihrem Vater geerbt, Sozialist der ersten Stunde, das heißt, noch bevor der Faschismus in Italien auftauchte: niemals würde sie zur Rechten wechseln. Zudem beschäftigten in jener Zeit andere Sorgen, anderes Unbehagen ihre junge Seele: in welche Richtung sollte ihr weiteres Leben verlaufen, Universitätsstudium oder doch etwas anderes?

Dazu kam noch der Schmerz, der erste zerreißende Schmerz: ihre geliebte Katze, Kirili Nikolajewitsch, musste eliminiert werden. Die Mutter, Nicola, die irrtümlicherweise für einen Kater gehalten wurde, hatte vor einiger Zeit die Beherrschung verloren und war eines Tages vom Fenster in den Innenhof hinuntergesprungen, von wo aus ein Verbrecher, ein mafiöser Kater, unaufhörlich, Tag und Nacht mit unmenschlichen Lauten nach ihr gerufen hatte. Sie hatte nachgegeben, das heißt, für ihn hatte sie sich buchstäblich aus dem Fenster gestürzt. Der Nichtsnutz hatte sie in Nullkommanichts geschwängert. Das Ergebnis dieser wahnsinnigen Liebe war ein Korb voller Kätzchen gewesen, die aus offensichtlichen Gründen nicht in einer normalen Stadtwohnung bleiben konnten. Largo Argentina war und bleibt ein Katzenplatz mit uralten Wurzeln, die sogar bis ins Rom der Cäsaren zurückreichen. Eines schönen Tages wurden Mutter und Nachwuchs dorthin gebracht; nur eines, eben Kirili Nikolajewitsch blieb zurück, als Trost für die eh' schon verzweifelte Leda. Jetzt, da auch er erwachsen war, hatte er begonnen die Wohnung zu zerstören; das Sofa und die Polstersessel im Wohnzimmer, mit braunem Leder überzogen, waren derart zerfetzt, dass sich der Vater schämte seine Freunde einzuladen. Für die Jugendlichen aber, die vorbeikamen und nur an der immer bereitstehenden Cognacflasche interessiert waren und nicht am Zustand des Sofas, vor allem aber an den aufgeheizten politischen Diskussionen, war das Mobiliar gut genug. Aber auch die Teppiche, eine chinesische Vase von wahrscheinlich unschätzbarem Wert hatten daran glauben müssen, und schließlich hatte die ganze Wohnung diesen unverkennbaren Geruch nach Katzenpisse angenommen, dem sie mit verschiedenen Raumsprays vergeblich versucht hatten beizukommen. Schluss! Auch Kirili Nikolajewitsch musste am Largo-Argentina-Platz ausgesetzt werden. Leda weinte Tag und Nacht und der Aufstand in Budapest hatte für sie eine relative Bedeutung.

Einige Jahre nach diesen traurigen Ereignissen, lud Valentina, ihre beste Freundin, und deren Verlobter sie zu Silvester zu einem Fest ein. Dieser Verlobte war ein unpolitischer Journalist, das heißt, er arbeitete für die ANSA, die italienische Nachrichtenagentur, die seit Anfang 1945 die faschistische Agentur ersetzt hatte. Er behauptete, dass er keiner Partei angehöre und das ihm das ermögliche, sowohl Journalisten als auch Politiker verschiedenster politischer Ausrichtungen zu kontaktieren.

Während des Festes, bei dem nichts los war, außer einigen Trinksprüchen, Konfettis und anderen Banalitäten dieser Art, wurde viel getanzt und natürlich unaufhörlich geflirtet.

Leda tanzte nicht. In einer Ecke sitzend beobachtete sie ziemlich gelangweilt das Spektakel. Nicht nur ein junger Mann näherte sich ihr und versuchte, sie zum Tanz aufzufordern, aber alle handelten sich eine höfliche Ablehnung ein: sie tanzte nicht gerne und es wäre ziemlich schwierig gewesen, die Gründe dafür zu erklären, weil sie sie selbst nicht kannte. di ballare.

Ein junger Mann, vielleicht dreißig, gutaussehend und sehr selbstbewusst setzte sich auf den Stuhl neben dem ihren, ohne sie um einen Tanz zu bitten.

»Ich sehe, dass Sie nicht tanzen. Ich beobachte Sie die ganze Zeit, und alle, die sich Ihnen nähern, werden systematisch abgewiesen.« Er sah auf seine Uhr. »Ich werde bis Mitternacht warten … noch eineinviertel Stunden, dann, da bin ich mir sicher, werden Sie mit mir tanzen!« Schau an, eine Provokation, dachte sie und lachte vergnügt. Wer wird wohl gewinnen? Derweil fing er eine Diskussion über Tanzen und Nicht-Tanzen an.

»Zwei Menschen begegnen sich, vielleicht gibt es einen Hauch von Sympathie zwischen ihnen, und beim Tanzen können sie plaudern …«

»Man kann auch plaudern während man geht oder sitzt.«

»Das ist anders. Beim Tanzen ist man sich viel näher, riecht man den Geruch des Anderen … Wissen sie, dass die erste Annäherung über den Körpergeruch erfolgt …«

»Reden Sie von Geruch oder Parfüm?«

»Nein, nicht von Parfüm, ich rede von Geruch, vom Geruch, den jeder menschliche Körper absondert … dem Geruch, der seit jeher, seit der Steinzeit die Menschen zusammen oder auseinander gebracht hat. Das erste Zeichen von Übereinstimmung oder Assonanz, wenn Sie so wollen, aber auch von Zwietracht, erklärter Feindschaft.«

»Nur um besser zu verstehen: man tanzt, um sich zu beschnüffeln? So wie es die Katzen, die Hunde machen.«

»Nicht nur. Es ist eine erste, sehr wichtige körperliche Annäherung: sich an der Hand halten, zum Beispiel, ein taktiler Annäherungsversuch. Denken sie an die Möglichkeit zweier Hände, die übermäßig schwitzen … aber auch an das Kinderhändchen, vertrauensselig in der Hand des Vaters oder der Mama ruhend. Wieviel Vertrauen ist notwendig, damit sich zwei Hände vereinen.«

»Ich hingegen denke an gewisse Männerhände, roh, klobig … fähig meine armen Hände wie zwei Erdnüsse zu zerquetschen!«, und sie lachte, während sie an ihre Hände wie Erdnüsse dachte.

»Ihr Lachen gefällt mir … es kommt mir vor wie die klare Kaskade eines Brunnens oder besser wie eine Abfolge von Silberglöckchen. Und Ihre Hände … zum Streicheln gemacht!« Leda errötete und senkte den Blick und sah die „zum Streicheln gemachten Hände“ an. Dann starrte sie ihn einen Moment lang an und sah zwei schwarze Augen, intensiv, penetrant. Er schien in Trance zu sein: was geschah mit ihm?

»Darf ich Sie fragen, wie Sie heißen? Ach, ich bitte um Entschuldigung, dass ich mich nicht vorgestellt habe: Marco Proietti, und wie alle hier, bin auch ich Journalist.«

»Meine Eltern haben mich Leda getauft, ich weiß nicht warum. Manchmal denke ich, dass jeder von uns zumindest das Recht haben sollte, einen Namen auszusuchen, den er dann sein ganzes Leben lang trägt. Am Anfang könnte man einen bis zur Volljährigkeit befristeten Namen vergeben und danach hätte man die Freiheit, einen der eigenen Persönlichkeit entsprechenden Namen zu wählen.«

»Leda … Leda … war eine Nymphe oder etwas von der Art? War das nicht ein Schwan involviert?«

»Oh nein, sie war keine Nymphe. Sie sind nicht gut informiert! Leda war die Gemahlin des Königs von Sparta, die Mutter von Klytämnestra und Helena, zwei sehr wichtige Persönlichkeiten, wie Sie wissen, hoffe ich. Erstere heiratete Agamemnon, und Helena war Trojas Ruin. Zeus verliebte sich in Leda und um sie zu verführen, verwandelte er sich in einen Schwan. Aus dieser Verbindung erwuchsen die Dioskuren Kastor und Pollux.«

»Sie haben mir eine schöne Lektion in griechischer Mythologie erteilt. Danke, Leda. Mir gefällt Ihr Name sehr.« Er beobachtete sie weiter.

»Darf ich Sie fragen, wie alt Sie sind …? Sie kommen mir dermaßen jung vor, ich würde sagen, frisch von der Schule: sind Sie alleine hier?«

»Nach Mitternacht werde ich volljährig sein! Am 10. Januar werde ich einundzwanzig … und dann könnte ich den Namen wechseln! Ich könnte mich von dieser Leda befreien und …«

»Dann sind auch Sie ein Steinbock, genau wie ich. Ich bin am 16. Januar geboren, aber im Unterschied zu Ihnen werde ich zweiunddreißig. Für Sie bin ich schon alt.«

Leda lachte und zeigte alle ihre zweiunddreißig Zähne, klein, schön aneinandergereiht, Kinderzähne beinahe. Er lächelte nur, immer mehr faszinierter. An ihr gefiel ihm alles: das kleine, spitzbübische Näschen, die lebhaften, das heißt lächelnden, kastanienbraunen Augen mit den strohgoldenen Spritzern, der kleine Schmollmund, beinahe ein natürliches Merkmal, mit einem Hauch Lippenstift, die dunkelblonden, schulterlangen Haare, die kleinen, ein wenig pummeligen Hände, unschuldige Hände, man sah es; wie auch die Stirn, hell, unschuldig; der Rest des Körpers, den er sich auch unter dem eleganten Kleid vorzustellen vermochte. Berauschend: die rundlichen Formen, gerade der Kindheit entwachsen, die frische Haut, gewiss nach, wer weiß welchem, geheimnisvollen, namenlosen Parfüm riechend und schlussendlich bezauberte ihn alles an ihr. Er hielt es nicht mehr ruhig auf seinem Stuhl aus.

»Ich würde Sie gerne nachher wiedersehen. Der Gedanke, Sie zu verlieren macht mich verrückt. Leda, ein Name, der mir ein Schicksal zu sein scheint … ich rede eine Menge Unsinn daher. Möchten Sie etwas trinken? Ich gehe einen Augenblick nach drüben; im Nebenzimmer ist ein wunderbares Buffet angerichtet, vielleicht möchten Sie das eine oder andere Brötchen?« Leda lachte erneut, nein, sie wollte nichts, nur etwas zu trinken, aber keinen Alkohol. Er sprang auf und lief los wie der Blitz. Er wurde von einem Kollegen aufgehalten, musste ein paar Floskeln austauschen, die üblichen Neujahrswünsche, einige belanglose Worte, die Gedanken ganz woanders.

»Was ist los mit dir? Du kommst mir eigenartig vor, entschuldige, aber ich hab dich noch nie so erlebt. Du hast dich richtig verknallt, was …?« Marco hatte es eilig zu dem Mädchen zurückzukehren. Er entfernte sich, ohne zu antworten, den anderen verblüfft stehen lassend. Er sah sich fieberhaft nach einem Fruchtsaft für sie und einem Prosecco für sich um, und eilte zurück ins Zimmer, wo frenetisch nach südamerikanischen Rhythmen getanzt wurde. Es gelang ihm nicht, sich zwischen den Paaren hindurchzudrängeln, einige Freunde stellten sich ihm sogar absichtlich in den Weg, um ihn auf den Arm zu nehmen. Endlich, da, die Stelle, an der er das Mädchen zurückgelassen hatte: ein ihm unbekanntes Pärchen saß dort und hantierte wegen der Hitze mit einem Fächer. Er erkundigte sich in der Runde nach dem Mädchen, das dort bis vor wenigen Minuten auf einem dieser Stühle gesessen hatte.

»Also hier hat kein Mädchen gesessen«, bekam er von dem Burschen gereizt zur Antwort. Leda war nicht mehr da. Er suchte sie überall, immer noch mit den beiden Gläsern in der Hand, er klopfte sogar an die Badezimmertür, um sich zu versichern, dass sie nicht etwa einem völlig normalen Bedürfnis Rechnung tragen musste. Nichts. Sie war verschwunden. Es kam ihm ein in den vierziger Jahren populärer Schlager in den Sinn, „Dove sta Zazà?“, „Wo ist Zazà?“, der eben von einem Mädchen namens Zazà erzählt, das während eines Festes verschwindet und von ihrem Verehrer namens Isaia verzweifelt gesucht wird.

Eines Morgens im Frühling, vielleicht war es nicht wirklich Frühling, weil in Rom fast jeden Tag die Sonne scheint, der Himmel blau und die Luft mild ist, und das kann auch im Februar, März geschehen, eines Morgens also brachte ein Telefonanruf Ledas Tagesprogramm völlig durcheinander.

»Hallo … dürfte ich mit Leda sprechen? Ich bin Marco Proietti … erinnern Sie sich an mich?« Leda war wie versteinert. Marco Proietti? Sie kannte niemanden mit diesem Namen, zumindest erinnerte sie sich nicht.

»Ich weiß nicht, ich glaube nicht einen Marco Proietti zu kennen.«

»Am Silvesterabend, erinnern Sie sich? Ich habe mit Ihnen gesprochen … ich habe versucht Sie zu überreden mit mir zu tanzen … ich suche Sie seit Monaten. Es war nicht einfach Ihre Telefonnummer zu bekommen. Darf ich Sie zu einem Abendessen einladen? Ich möchte Sie so gerne wiedersehen.«

Leda begann sich zu erinnern. Ja doch, jener Journalist, der eine gute Weile neben ihr gesessen hatte und dann etwas zu trinken holen gegangen war. Gleich darauf war Valentina mit ihrem Verlobten zu ihr gekommen und hatte ihr gesagt, dass sie wegen dringender Arbeitsangelegenheiten sofort weggehen müssten. Sie, die sich übrigens den ganzen Abend gelangweilt hatte, hatte sie begleitet. Und nun ließ er von sich hören und lud sie zum Abendessen ein. Warum nicht? Sie vereinbarten sich am selben Abend an der Piazza del Popolo zu treffen, da er dort in der Gegend zu tun hatte.

Es war ein ziemlich chaotischer Tag, die Gedanken auf dieses Treffen konzentriert. Was war zu erwarten? Er hatte gesagt, dass er sie so sehr gesucht habe, es seien mehr als zwei Monate vergangen und er wolle sie wiedersehen. Ein sehr eigenartiger Mann. Wie sollte sie sich verhalten? Zu allererst telefonierte sie mit Valentina.

»Weißt du, wer mich heute Früh angerufen hat?«

»Gewiss weiß ich das. Francesco hat mir von einem Verrückten erzählt, der dich seit zwei Monaten sucht. Sei vorsichtig, man kann nie wissen.« Also war die Geschichte schon öffentlich geworden. Wer alles wusste davon?

»Francesco hat mir gesagt, dass er unter all den Geladenen jenes Abends Erkundigungen eingeholt hat, aber niemand kannte dich, nicht einmal der Gastgeber. Du kannst dir ja vorstellen, wie neugierig jetzt alle auf das große Finale sind: sie fragen bereits, wann die Hochzeit stattfinden wird … und denken daran, ein kolossales Fest zu organisieren!«

Die Begegnung fand auf eine ziemlich konventionelle Weise statt: er wartete am Anfang des Corso und stieß praktisch mit ihr zusammen, weil sie, wie üblich, mit den Gedanken irgendwo anders durch die Gegend lief. Ihr Händedruck war vorsichtig und kurz – sie erinnerte sich an ihre Befürchtung, ihr Händchen könnte von einer zu energischen männlichen Hand zermalmt werden – während er dieses Händchen gerne etwas länger in der seinen gehalten hätte, um besser dessen Frische genießen zu können und es vielleicht für einen flüchtigen Handkuss leicht an seine Lippen zu führen, doch er spürte, dass sein Verhalten sie hätte alarmieren können.

Wie oft hatte er sich diese Begegnung vorgestellt, den Moment, an dem er sie hätte wiedersehen, ihr in die Augen blicken, ihre Stimme hören können: er fand sich mit einer Fremden wieder, mit einer Person, die nur in seiner Fantasie gelebt hatte, mit der er nur in Gedanken gesprochen hatte. War er deshalb enttäuscht? Auf irgend eine Art fühlte er sich gehemmt, sogar eingefroren: wo war seine Sicherheit geblieben, beziehungsweise die Unternehmungslust, die ihn immer ausgezeichnet hatte, auch wenn er Unbekannte interviewen musste?

Leda schwieg weiterhin. Was mochte sie denken? Vielleicht nur eines: wer ist dieser Unbekannte? Er führte sie in eine Seitenstraße. Hier befand sich das Restaurant, in dem er am selben Morgen einen Tisch für zwei, bitteschön in einer etwas lauschigen Ecke, reserviert hatte. Man hatte ihn sofort verstanden, obwohl er kein Stammkunde war, aber doch einige Male dort vorbeigeschaut hatte, beinahe als wolle er einen Ort auskundschaften, wohin er das Mädchen zum ersten Mal einladen wollte.

Jetzt saßen sie einander gegenüber und sahen sich endlich an, das heißt, sie prüften sich: wer bist du? Das fragten sie sich, wortlos. Er überbrückte diesen ersten Moment der Verlegenheit, indem er den Kellner um die Speisekarte bat; er fragte Leda, ob sie lieber Weißwein oder Rotwein wolle. Sie antwortete sofort, dass sie keinen Wein trinke. Das erste Problem gelöst, dachte er, dann reichte er ihr immer verlegener die Speisekarte: worüber sprach man mit einer jungen Frau, die man nicht kennt und von der man geträumt hatte, mit der man sogar mindestens zwei Monate lang geplaudert hatte? Eine neue Situation, auf die er, er bemerkte es jetzt, überhaupt nicht vorbereitet war, obwohl er sie sich jeden Tag und jede Nacht vorgestellt hatte, sogar davon träumend ihr zu begegnen, Träume, die jedes Mal auf unterschiedlichste Weise endeten. Leda hatte eine Tür zwischen ihnen beiden zugemacht, eine Mauer des Schweigens errichtet, die ihn entmutigte. Aber bloß für einen Moment.

»Seit über zwei Monaten möchte ich Sie fragen, wie Sie es angestellt haben zu verschwinden, ohne eine einzige Spur zu hinterlassen. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie schwierig es war, Sie aufzuspüren. Niemand hatte Sie zuvor jemals gesehen und niemand wusste, mit wem Sie zu diesem Fest gekommen waren.«

»Meine Freundin Valentina hat mich eingeladen, das heißt eigentlich ihr Verlobter.«

»Ich kenne keine Valentina, dieser Name wurde während meiner Nachforschungen kein einziges Mal erwähnt! Ja, ich muss gestehen, ich habe richtige Nachforschungen angestellt. Ich kannte nur ihren Namen, Leda«, und er schaute sie zum ersten Mal eindringlich an, beinahe, als wolle er sie im selben Augenblick besitzen, indem er mit lauter Stimme ihren Namen aussprach. Zum ersten Mal. Dieser Blick, der Ton seiner beinahe heiseren Stimme, wühlte sie irgendwie ein wenig auf. Sie senkte den Blick.

»Wir sind fortgegangen, weil Francesco einen dringenden Anruf von der ANSA erhalten hat, ich glaube, dass da irgendetwas passiert ist, aber ich erinnere mich nicht mehr. Jedenfalls sind wir deshalb fortgegangen.« Ein langes Schweigen. Es schien als gäbe es keine Themen mehr, worüber sie hätten sprechen können.

»Sagen Sie mir etwas über sich … mir wird bewusst, dass ich Sie überhaupt nicht kenne, obwohl ich zwei Monate Tag und Nacht mit Ihnen geredet habe.«

»Mit mir? Sie haben Tag und Nacht mit mir geredet?« Er war verwirrt. Er hatte sich bloßgestellt und wusste nicht wie weiter, ohne sich irgendwie lächerlich zu machen.

»Ja, ich gestehe, dass ich, während ich Sie suchte, von mir erzählte, von meiner Kindheit hier in Rom im Esquilino und dann von meinen Jahren am Visconti-Lyzeum.«

»Auch Sie sind ins Visconti gegangen? Schau einer an … welch ein Zufall … ich habe es ebenfalls besucht, wann war das, in welchen Jahren?«

»Gewiss viel früher als Sie. Wenn ich mich recht erinnere, sind Sie vor kurzem einundzwanzig geworden, gut elf Jahre jünger als ich, deshalb müssen Sie das Visconti bis vor kurzem besucht haben.«

»Ja, ich habe das Abitur vor drei Jahren gemacht.« Ab und zu warf Leda einen Blick in die Speisekarte, ohne zu wissen, was sie wählen sollte, da sich ihr Magen völlig verkrampft hatte, wie jedes Mal, wenn sie aufgeregt war. Sie konnte gerade einmal einen Schluck Wasser trinken.

»Ich hingegen habe es in den glorreichen Jahren besucht, als das Überqueren der Piazza Venezia immer sehr aufregend war: ein Platz, der für jeden von uns eine gänzlich andere Bedeutung hatte als jetzt, als unser Land viel galt in der Welt, bevor wir unglücklicherweise in den Krieg eintraten, nur um mich klar auszudrücken, während Sie nur das Italien nach der Niederlage kennen gelernt haben.«

»Von welchen glorreichen Jahren reden Sie? Und von welcher Niederlage?« Leda erstarrte, der Ton ihrer Stimme wurde hart, gereizt; der Magen begann zu rebellieren, der Hals war zugeschnürt. »Darf ich Sie nach Ihrem Beruf fragen? Wenn ich nicht irre, waren an jenem Silvesterabend nur Journalisten eingeladen.«

»Gewiss, auch ich bin Journalist, ich glaube auch, es Ihnen an jenem Abend gesagt zu haben. Aber, entschuldigen Sie, warum ist das jetzt interessant?«

»Für welche Zeitung schreiben Sie?«

»Natürlich für den Secolo d'Italia1.«Leda zog die Augenbrauen zusammen, presste die Lippen aufeinander. Sie wurde von einem tiefen Gefühl des Ekels erfasst.

»Tut mir leid, aber ich sitze nicht mit einem Faschisten am gleichen Tisch.« Entschlossen stand sie auf und ging zur Tür. Der Mann schoss fast vom Stuhl hoch und folgte ihr, völlig durcheinander. Was geht hier vor?

»Ich bitte Sie … bleiben Sie stehen … Sie können nicht so weggehen, ich glaube nicht, Sie beleidigt zu haben, ich weiß nicht mehr, was ich daherrede, wenn Sie nicht hier bleiben wollen, erlauben Sie mir zumindest, Sie nach Hause zu begleiten … ich rufe sofort ein Taxi … ich muss ja auch für die Reservierung des Tisches bezahlen.« Er verlor den Kopf. Wäre eine Bombe neben ihm explodiert, sie hätte ihn nicht ärger verwirren können. Leda blieb stehen und sah ihn an. Jetzt wusste sie nicht mehr was sagen. Ihre Reaktion war übertrieben gewesen, vielleicht kindisch. In Wirklichkeit hatte er sie nicht beleidigt, im Gegenteil, er hatte sie die ganze Zeit angehimmelt. War es vielleicht das, was sie so verwirrt hatte? Die Leidenschaft, die offen aus seinen Augen sprach, erschreckte sie mehr als seine politische Einstellung! Sie sah den tiefen Schmerz, der sich ganz offen im Gesicht dieses jungen, unbekannten Mannes abzeichnete.

»Entschuldigen Sie mich, Sie haben Recht, Sie haben mich nicht beleidigt. Ich bin wie in allen meinen Handlungen ein wenig voreilig gewesen. Ich stehe auf der anderen Seite, auf der Seite des Widerstandes, der Antifaschisten … deshalb.«

»Mag sein, doch sind wir gebildete Menschen, wir können doch reden, wir werden uns doch nicht prügeln! Ich bitte Sie, kommen Sie zurück. Reden wir nicht über Politik, reden wir über irgendetwas, über was sie möchten, aber bitte kommen Sie an den Tisch zurück, bitte.«

Ohne ein Wort zu sagen, setzte sich Leda wieder hin, irgendwie schämte sie sich ihrer impulsiven Reaktion; er hatte Recht, sie waren zwei gebildete Menschen und der Krieg war mittlerweile weit weg, das faschistische Regime auch. Alles gehörte der Vergangenheit an, während sie in dieser Gegenwart voller Umwälzungen lebten, das schon, aber in jedem Falle war jeder frei, seine eigene Meinung zu äußern, ohne Gefahr zu laufen ins Gefängnis gesteckt zu werden.

Endlich sah sie ihn an, wie man ein menschliches Wesen ansieht und bemerkte seine Eleganz, die bewusst nachlässige Art, wie ihm der Haarschopf in die Augen fiel, die gut geformte Nase und auch den Mund: ein schönes, klassisches Gesicht eines gut gekleideten Römers von der gewissen Art, wie sie ihr oft auf der Straße begegneten; seine Augen waren ernst, mit einem Anflug von Wehmut. Gewiss, sie hatte, wer weiß welche im Laufe dieser beiden Monate ausgebrüteten Hoffnungen enttäuscht, und jetzt verstand sie den Sinn seines ununterbrochenen Redens: vielleicht war er in sie verliebt. Ein Faschist in sie verliebt! Sie verspürte Brechreiz; nichts Widerlicheres als ein Faschist. Ein verächtliches Wesen eines niederen, gewalttätigen Gesellschaftsranges; waren sie alle so, die Faschisten? Wer waren sie schlussendlich, diese Faschisten?

Sie sah ihn erneut verstohlen an und versuchte in ihm nur den Mann zu sehen, einen jungen, offensichtlich Verliebten ohne politische Einstellung; es war, als sehe sie ihn, wie er sorgfältig das Hemd wählt, sich vielleicht duscht, parfümiert und … was macht ein Mann gewöhnlich, wenn er zu einer Verabredung mit der Angebeteten geht? Sie wusste es nicht, aber sie dachte an sich selbst vor dem Spiegel. Auch sie hatte sich sorgfältiger als sonst geschminkt, hatte aus ihrer Garderobe etwas ausgewählt, was ihr besonders gut stand … auch die Schuhe! Sie hatte die, mit dem höchsten Absatz genommen, um ihn zu beeindrucken. Schließlich bedeutet links sein nicht auf die eigene Weiblichkeit zu verzichten.

Ein chaotischer Tag; sie hatte nichts Vernünftiges zuwege gebracht und mehrmals hatte sie den neugierigen Blick der Mutter bemerkt: geschah da etwas mit ihr? Im letzten Moment hatte sie sich auch noch die Haare gewaschen: und was noch? Ihre Gedanken wanderten dauernd zum Moment, da sie dem unbekannten jungen Mann begegnen würde. Valentina hatte ihr gesagt, dass sich ihre Freunde schon auf das Hochzeitskonfekt freuen würden!

Das Konfekt … ihr zitterten die Hände. Sie schaute in die Speisekarte und wählte das billigste Gericht, überzeugt, dass er sie unbedingt würde einladen wollen.

Jetzt wussten sie nicht mehr worüber reden. Kann es sein, dass es abgesehen von der Politik keine weiteren Gesprächsthemen für zwei junge Leute unterschiedlichen Geschlechts gibt? Es schien genau so zu sein. Er war verstört, desorientiert, wie ausgehöhlt; in einem Augenblick hatte er die Träume, die Hoffnungen zweier Monate verloren. Jetzt sah er sich einer Feindin gegenüber, einer jener linken Intellektuellen, die er immer verachtet hatte. Warum hatte er an jenem Abend nicht erkannt, wer diese entzückende Person war, mit der er sehr angenehme, unvergessliche Minuten verbracht hatte? War er völlig verrückt? Konnte es sein, dass er sich auf derart kindische Weise selbst belogen hatte? Eine Kommunistin an seinem Tisch, trotz allem faszinierend … und begehrenswert.

Er war nicht im Stande sie anzusehen, ohne sich aufgewühlt zu fühlen; verdammt, dieses Mädchen verdrehte ihm den Kopf. Sein ganzer Körper war in Aufruhr, er konnte sich nicht beherrschen: ein unwiderstehlicher Wunsch brachte sein Gehirn dermaßen durcheinander, dass er außer Stande war auch nur einen vernünftigen Gedanken zu formulieren. Er überraschte sich dabei, wie er für Augenblicke die Politik verfluchte, aber er verfluchte auch die dem Menschen gegebene Fähigkeit zu denken und die Unannehmlichkeit, diesen verdammten, von der Gesellschaft diktierten Regeln unterworfen zu sein, notwendig, um die Beziehungen zwischen Mann und Frau in Ordnung zu halten. Wer hat sich das alles ausgedacht? Während er sie einem mehr als primitiven und natürlichen Impuls folgend nur hätte in die Arme schließen, den Geruch ihres Körpers riechen, diese Haut hätte ablecken wollen, um ihren Geschmack kennen zu lernen, denn jede Haut hat einen besonderen Geschmack, das wusste er … diesen abweisenden Mund hätte mit einem Kuss öffnen, sich in diesem Kuss verlieren wollen, jeden Zug seiner Menschlichkeit vergessend, um bloß eine Kreatur des Universums zu werden und zu lieben, nur zu lieben: er wollte sich nur mit ihr in einer Umarmung jenseits von Raum und Zeit vereinen. Mit ihr und nur mit ihr hätte er die Ewigkeit, die Glückseligkeit erreichen können.

Zwei Monate lang träumte er das alles und jetzt war sie hier, ganz nah vor ihm und er durfte sie nicht berühren, ansehen, sich ihr nähern, ihr die vielen Worte sagen, die er tausende Male wiederholt hatte.

Leda war nicht imstande einen einzigen Bissen hinunterzuwürgen. Sie fühlte sich von einer unbekannten Kraft überwältigt, die sie nur mit der glühenden Lava vergleichen konnte, die sie einmal vom Ätna hatte hinunterfließen sehen, eine Masse aus Feuer (aber sie stand damals auf einem Beobachtungsposten, völlig außer Gefahr). Diese Feuermasse drohte sie jetzt zu überwältigen, leise, heimtückisch und unendlich aufregend: was geschah da mit ihr? Eine bisher nie gehörte Stimme, ein Lockruf der Sinne, unbekannt, gefährlich ging von diesem Mann aus: sie hätte blind sein wollen, taub, sich in ihm verlieren wollen.

Sie aßen ohne Eile fertig, unter ständig größer werdender Verwirrung, nur Banalitäten austauschend wie: möchten Sie noch etwas trinken? Wünschen Sie noch etwas, ein Dessert oder einen Kaffee?, während der nonverbale Dialog in einem immer beängstigenderem Crescendo weiterlief. Ein Abendessen, das nicht enden zu wollen schien. Sogar der Kellner, der sie bediente, war eingeschüchtert; er hatte die vorausgegangene Szene gesehen und obwohl er nicht begriffen hatte, wie die Dinge wirklich lagen, war klar, dass etwas Schwerwiegendes geschehen sein musste. Auf Ersuchen des Mannes rief er ein Taxi.

Während der ganzen Fahrt wechselten sie kein einziges Wort. Leda war ganz nahe an die Tür gerückt, so weit wie möglich von ihm weg. Der junge Mann spürte ihre Ablehnung, aber auch ihre Furcht: dachte sie vielleicht, da er ein Faschist war, könnte er ihr Gewalt antun, sie vielleicht mit Gewalt umarmen? Er fühlte sich allein schon vom Gedanken beleidigt. Leda aber hat den restlichen Abend nicht mehr den Mund aufgemacht, und er hatte die unterschiedlichen Botschaften, Befürchtungen und auch gewisse sensible Verlockungen wahrgenommen, die er nicht zu identifizieren gewusst hatte. Irgendwie hatte er das Gefühl ihr zu gefallen, jene Barriere überwunden zu haben, die sich nur aus ideologischen Gründen zwischen sie gestellt hatte.

Als sie angekommen waren, stieg er aus und hielt ihr die Autotür auf.

Sie gab ihm die Hand.

1Secolo d'Italia, Tageszeitung der Partei Movimento Sociale Italiano (MSI), der nach dem Krieg neu gegründeten, nie verbotenen faschistischen Partei.

Eine Begegnung

Die Tür hatte kein Schloss. Es fehlte auch jedwede Klingel. Andererseits musste man einige Stufen hinuntersteigen und von der Straße aus schien man in ein Tiefparterre zu gelangen. Francesca blieb einige Augenblicke stehen, unentschlossen was zu tun sei; im Laden gegenüber, wo sie das Bild oder besser gesagt das auf Pappe gemalte Ölbild ohne Rahmen gefunden hatte, das ihre Aufmerksamkeit erregt hatte, hatte man ihr gesagt, sie brauche nur die Straße zu überqueren. Gleich gegenüber sei das Atelier des Malers. Sie hätte direkt mit ihm den Preis aushandeln können. Es war erst seit kurzem ausgestellt und bis zu diesem Moment hatte sich niemand dafür interessiert. Übrigens handelte es sich um ein Zeitschriftengeschäft, und die Leute, die dort ein- und ausgingen interessierte die Malerei nicht. Das war klar. Im Übrigen war auch sie nur hineingegangen, um eine Zeitung zu kaufen, dann hatte sie dieses Bild gesehen und war davor stehen geblieben. Es lehnte auf einem Stapel alter Zeitungen, beinahe als sei es im Begriff fortgeschafft zu werden und im Altpapier zu landen. Wer konnte das schon wissen?

Seit einigen Jahren schon studierte sie an der Akademie und sie spürte, dass die anfängliche Leidenschaft, die sie bewogen hatte dieses Studium anzufangen, zu schwinden begann. Sie hatte gehofft, die verschiedenen Techniken zu lernen, das sogenannte Handwerk, statt dessen lief alles ziemlich anders ab, als sie erwartet hatte. Nun, dieses Bild hatte etwas, das sie an ihre ersten Gehversuche, ihre erste Begeisterung erinnerte, und darum hätte sie gerne den Maler kennen gelernt, der diese Technik anwandte, der dieselben Visionen wie sie hatte.

Sie stieg die wenigen Stufen hinab und klopfte an die Tür. Sie bemerkte die Schäbigkeit. Neben diesem Haus befand sich eine Baustelle. Man riss das Gebäude ab, das aus Pappe gemacht schien, in einem derart schlechten Zustand war es. Ein Überbleibsel der Bauten der Nachkriegszeit.

Eine Männerstimme rief nach einer Weile von drinnen:

»Herein!«