Lieder, die wie Brücken sind - Rainer Moritz - E-Book

Lieder, die wie Brücken sind E-Book

Rainer Moritz

0,0
2,99 €

Beschreibung

Rainer Moritz leitet das Literaturhaus Hamburg und ist Publizist – vor allem aber ist er bekennender Schlagerfan. Pünktlich zum Eurovision Song Contest 2015 lädt er dazu ein, jenes offiziell verrufene Großereignis neu zu besichtigen, das in Wahrheit jeder Europäer kennt und nahezu jeder liebt. Sein ganz persönlicher Rundgang durch sechzig Jahre Grand-Prix-Historie ist auch eine warmherzige, urkomische Geschichte der Deutschen und ihrer Lieder.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 44

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Rainer Moritz

Lieder, die wie Brücken sind

Deutschland und der Eurovision Song Contest

Inhalt

Wie alles begann, mit einer Tafel Schokolade

Triste Anfänge, goldene Siebzigerjahre

Ein bisschen Siegen: Nicoles Friedensbewegung

Demütigungen und Hoffnungsschimmer: Warten auf Lena

Anhang: Meine All-Time-Favourites

Zum Autor

1Wie alles begann, mit einer Tafel Schokolade

Einmal im Jahr, den Termin wusste ich im Voraus, war europäischer Schlagerwettbewerb. Ein Samstagabend, was gut war, denn da durfte ich länger aufbleiben, was bei dieser Sendung notwendig war. Bei dem Wettsingen, das auf Französisch Grand Prix (d’)Eurovision de la Chanson hieß, brauchte man Geduld, bis feststand, welches Land gewann. Wenn man es zwei, drei Jahre angeschaut hatte, kannte man sich in den Ländern Europas aus, und mit den Hauptstädten hatte man auch keine Probleme mehr. »Chansons« sollten da gesungen werden, das hieß eigentlich Lieder, aber die Franzosen verstanden etwas anderes darunter. So ein Pariser Chanson war getragener und ernster, solche Sänger wie Tina York (Wir lassen uns das Singen nicht verbieten) oder Nina & Mike (Fahrende Musikanten) hätten in Paris keine Chancen gehabt. Französische Interpreten trugen schwarze Bekleidung und einen feierlichen Gesichtsausdruck; wenn die sangen, gehörte es sich nicht, lauthals zu grölen oder zu klatschen.

Beim Grand Prix dagegen ließ sich schwer sagen, wie sich Chansons, Schlager und Popsongs unterschieden. Mein Bruder interessierte sich nicht dafür, aber meine Eltern machten jedes Jahr mit, wenn die Eurovisionssendungen aus Dublin, Madrid oder Paris übertragen wurden und wir hofften, dass Deutschland gewinnen würde. Ich bereitete Tippzettel vor, und Mutter stiftete eine Tafel Schokolade für den, der die Ergebnisse am besten vorhersagte. Vater hatte gegen die meisten Sänger Einwände, und als eine Spanierin mit einem Lied gewann, das La, la, la hieß, hatte er endgültig genug und setzte seine Brille ab. Für mich blieb es spannend, bis alle Länder gesungen hatten und aus den Studios die Wertungen bekannt gegeben wurden. Das zieht sich heute ja wieder, klagte Mutter und sah auf die Uhr. Den Geschmack Europas vorherzusehen gelang selten, und ganz gemein war es, dass sich Nachbarländer, die Skandinavier zum Beispiel, die Punkte zuschusterten. Wohingegen die Österreicher, das bemerkte Vater jedes Jahr mit rügendem Unterton in der Stimme, mal wieder nichts für uns übrig hatten. Überhaupt, behauptete Vater, habe manche Abstimmung mit dem Krieg zu tun, immer noch, weil uns viele nicht mochten. Ein Glück, dass wenigstens der Osten am Grand Prix nicht teilnahm; da hätten wir ja keinerlei Punkte abbekommen.

Immerhin gab es Jahre, in denen es für Deutschland trotz des Weltkriegs gut lief. Fast hätte diese Katja Ebstein aus Berlin gewonnen. Singen konnte die, sagte Vater, und zwar sogar etwas Kritisches zur Luftverschmutzung: Diese Welt. Das schien den anderen Völkern zu gefallen, wenn sich die Deutschen engagierten und nicht nur alles besser wussten. Allerdings hatte die Ebstein Schnittlauchhaare und einen sehr großen Mund. Später sang sie von der Dritten Welt, so nannte man Länder, die es nicht so weit gebracht hatten wie Deutschland, von einem Indiojungen aus Peru, der so leben wollte wie ich. Wenigstens behauptete Katja Ebstein das, was ich mir nicht vorstellen konnte. Ob es dem bei uns zu Hause in der Heilbronner Hundsbergstraße wirklich gefallen hätte? Keine Ahnung, ich wusste ja auch nicht, wie es in Peru zuging, obwohl die an der Fußball-Weltmeisterschaft 1970 teilgenommen hatten. Auch Mary Roos, die in Wirklichkeit anders hieß, ein sogenannter Künstlername also, brachte es beim Grand Prix weit. Nur die Liebe lässt uns leben, sang sie in einem sehr schönen Kleid. Besser als Katja Ebstein sah sie sowieso aus, und gegen einen dritten Platz ließ sich nichts sagen. Wenn man die Tafel Schokolade, unseren Hauptpreis für das Vorhersagen der Ergebnisse, einsacken wollte, durfte man sich nicht vom eigenen Geschmack leiten lassen. Gewiss, manchmal passte alles zusammen, etwa als eine kleine Irin mit einem gehauchten Lied, All Kinds of Everything, gewann. Das hatte ich geahnt, während Vater kopfschüttelnd etwas von einer Piepsstimme vor sich hin brummte und Mutter sich nicht entschließen konnte, was von diesem Mädchen zu halten sei. Selbst auf Favoriten war kein Verlass. Cliff Richard, der bekannte Engländer, guckte beleidigt, als er auch beim zweiten Mal nicht gewann. Power to all our friends, to the music that never ends schaffte es nicht. Die Stimmabgabe war fürs Kopfrechnen gut; rasch addierte ich, wie beim Ausrechnen der Bundesligatabelle, und war stolz, wenn ich das Zwischenergebnis schneller als der Ansager wusste. Mutter sagte, sie sei froh, dass es diesen Grand Prix nur einmal im Jahr gebe. Anders wäre das nicht auszuhalten.