Lisettens Tochter - Elisabeth Dreisbach - E-Book

Lisettens Tochter E-Book

Elisabeth Dreisbach

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Beschreibung

Was bedeutet schon in unserer schnelllebigen, lärmerfüllten und gehetzten Welt die Erinnerung an eine Frau aus längst vergangenen Zeiten? Nach der Schulzeit hat sie sich auf der Ausbildungsstätte der Heilsarmee die nötigen Kenntnisse für den Dienst angeeignet, der ihr ganzes Leben ausfüllen sollte. Wir begegnen Lisettens Tochter in diesem Buch in vielen Großstädten und Ländern, hören sie in Kirchen und Vortragssälen zu vielen Menschen sprechen, erleben wie sie am Leben Verzweifelte ermutigt, Traurige tröstet, Gestrandeten wieder aufhilft - immer im Wissen um den einen Auftrag, dem sie sich nicht entziehen kann und will. Als glücklich verheiratete Frau und Mutter mehrerer Kinder bleibt auch ihr Leben nicht verschont von Schmerz und Leid. Doch weiß sie sich in allem gehalten von dem einen, der ihr Leben reicht gemacht und ihm Erfüllung geschenkt hat. So schildert Elisabeth Dreisbach ihre Mutter, die vielen Menschen zum Segen werden durfte. Elisabeth Dreisbach (1904 - 1996) zählt zu den beliebtesten christlichen Erzählerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihre zahlreichen Romane und Erzählungen erreichten ein Millionenpublikum. Sie schrieb spannende, glaubensfördernde und ermutigende Geschichten für alle Altersstufen. Unzählig Leserinnen und Leser bezeugen wie sehr sie die Bücher bewegt und im Glauben gestärkt haben.

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Lisettens Tochter

Band 18

Elisabeth Dreisbach

Impressum

© 2017 Folgen Verlag, Langerwehe

Autor: Elisabeth Dreisbach

Cover: Caspar Kaufmann

ISBN: 978-3-95893-139-8

Verlags-Seite: www.folgenverlag.de

Kontakt: [email protected]

Shop: www.ceBooks.de

 

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Autor

Elisabeth Dreisbach (auch: Elisabeth Sauter-Dreisbach; * 20. April 1904 in Hamburg; † 14. Juni 1996 in Bad Überkingen) war eine deutsche Erzieherin, Missionarin und Schriftstellerin.

Elisabeth Dreisbach absolvierte – unterbrochen von einer schweren Erkrankung – eine Ausbildung zur Erzieherin in Königsberg und Berlin. Sie war anschließend auf dem Gebiet der Sozialarbeit tätig. Später besuchte sie die Ausbildungsschule der Heilsarmee – der ihre Eltern angehört hatten – wechselte dann aber zur Evangelischen Landeskirche in Württemberg, für die sie in den Bereichen Innere Mission und Evangelisation wirkte. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gründete Dreisbach in Geislingen an der Steige ein Heim für Flüchtlingskinder, in dem im Laufe der Jahre 1500 Kinder betreut wurden. Dreisbach lebte zuletzt in Bad Überkingen.

Elisabeth Dreisbach war neben ihrer sozialen und missionarischen Tätigkeit Verfasserin zahlreicher Romane und Erzählungen – teilweise für Kinder und Jugendliche – die geprägt waren vom sozialen Engagement und vom christlichen Glauben der Autorin.1

1 Quelle: wikipedia.org

Inhalt

Titelblatt

Impressum

Autor

Lisettens Tochter

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Lisettens Tochter

„Sind Sie der alten Dame auch schon einmal begegnet?“

„Welcher alten Dame?“

„Ach, man sieht sie doch beinahe jeden Tag. Entweder auf der Heide oder im Wald, an den Wiesenhängen oder an den Felsen. Und meistens hat sie einen Rauhaardackel bei sich.“

„Wenn Sie die alte Kräuterfrau meinen, ja, die habe ich schon ein paarmal gesehen. Kürzlich suchte sie sogar Holz im Wald. Aber Sie sprachen von einer alten Dame?“

„Ja, die meine ich.“

„Na hören Sie, unter einer Dame stelle ich mir doch etwas anderes vor.“

„Wenn Sie den Begriff ,Dame‘ von Dauerwellen, Stöckelschuhen und geschminkten Lippen abhängig machen, dann allerdings.“

„Nun, das gerade nicht. Aber – ohne mir ein Urteil zu erlauben: Diese alte Frau macht doch einen sehr schlichten Eindruck.“

„Es ist gut, dass Sie schlicht und nicht primitiv sagen, denn dagegen müsste ich mich aus Gerechtigkeitsgründen sehr verwahren. Diese alte Dame will gar nicht anders als schlicht sein. Sie würden sich aber wahrscheinlich wundern, wenn Sie mit ihr ins Gespräch kämen. Für alles interessiert sie sich. Sie ist sehr belesen und verfügt über reiche Lebenserfahrung und große Menschenkenntnis.“

„Was Sie nicht sagen! Aber meinen wir wirklich dieselbe Person? Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass – – Aber schauen Sie, da kommt sie gerade. Wie immer trägt sie den Arm voller Blumen, und ihr Hund ist auch dabei.“

Aus dem Wald trat soeben eine kleine, zierliche – in der Tat schlicht wirkende Frau, wohl bald achtzig Jahre alt. Sie grüßte die Fremden freundlich und setzte sich auf die nahestehende zweite Bank, die dort auf dem Ramsfelsen zum Rasten einlädt. Von hier aus hat man einen herrlichen Blick hinein ins Filstal über die Ortschaften Gingen, Kuchen, Süßen, Eislingen und Göppingen. Auf beiden Seiten des Tales erheben sich die Höhenzüge der Schwäbischen Alb mit ihren Laub- und Tannenwäldern. Im Schein der Sonne glitzert die Fils, die sich wie ein Band durch das Tal schlängelt.

„Ist dies nicht ein liebliches Bild?“ fragte die alte Frau, und machte eine Handbewegung, als habe sie ganz persönlich diesen genussreichen Ausblick zu verschenken. „Da machen nun die Menschen weite Reisen in ferne Länder und ahnen nicht, welchen Reichtum ihnen die nächste Umgebung bietet.“

„Ja, es ist schön“, pflichteten die Fremden bei. „Aus diesem Grund verbringen wir auch unsere Ferien hier auf der Alb.“

„Und diese Stille, nicht wahr“, fuhr die alte Frau fort. „Ich bin so dankbar, dass ich meinen Lebensabend in einer solch schönen und ruhigen Gegend verbringen darf. Der liebe Gott hat schon gewusst, dass ich in den vielen Jahren meines Lebens, die ich in den verschiedensten Großstädten zubringen musste, immer Sehnsucht nach dem Wald und dem Landleben hatte Es ist ein besonderes Geschenk von ihm, dass er mir zu guter Letzt noch diesen Herzenswunsch erfüllt.“

Sie schwieg, aber auf ihrem Angesicht lag ein frohes Leuchten, das Ausdruck ihres Empfindens war. Sie musste ein durch und durch zufriedener Mensch sein. Als vom Tal herauf das Läuten einer Kirchenglocke zu vernehmen war, erhob sich die alte Frau.

„Ich muss leider schon wieder gehen. Wenn ich nicht pünktlich zum Essen nach Hause komme, sorgt sich meine Tochter. Ich habe nur diese eine. Sie lässt mich nur ungern meine Touren allein machen. Aber ich beruhige sie immer wieder und sage: ,Mach dir keine Sorgen, ich bin ein Waldkind, ich finde mich immer wieder zurecht!‘ Und dann ist ja auch mein Hund bei mir. Der hat noch nie den Heimweg verfehlt. Außerdem kenne ich die Himmelsrichtungen, die sagen mir auch, wohin ich meine Schritte zu lenken habe. Auf Wiedersehn! Sie sind sicher im Dorf als Feriengäste untergebracht. Vielleicht begegnen wir uns noch einmal.“

Die drei Fremden blickten ihr nach, bis sie zwischen den Baumstämmen verschwunden war.

„Also – ich muss schon sagen“, begann die eine, „Ihre Dame hat wirklich eine gepflegte Sprache. Das hätte ich hinter ihr gar nicht vermutet.“

„Habe ich es Ihnen nicht gesagt! Nun werden Sie staunen. Diese kleine, schlichte Frau hat oft im In- und Ausland vor Hunderten von Zuhörern gesprochen. Auch soll sie gedichtet haben, und manch ein wertvoller Artikel ist ihrer Feder entsprungen.“

„Das hätte ich wirklich nicht gedacht.“

„Sie hat in Berlin, in Hamburg, in Königsberg, Leipzig und Stuttgart und an noch vielen anderen Plätzen ihren Wirkungskreis gehabt. An ihrem Tisch haben Menschen vieler Nationen gesessen. Sie selbst hat an großen Kongressen in London, in der Schweiz, in Berlin nicht nur teilgenommen, sondern auch öffentlich gesprochen. Sie muss einen großen Einfluss ausgeübt haben.“

„Diese unscheinbare Frau?“

„Ja! Wenn es Sie interessiert, will ich Ihnen gerne von unseren Gesprächen erzählen. Ich bin ihr bereits einige Male begegnet. Sie stand fast vierzig Jahre mit ihrem Mann im Missionsdienst der Heilsarmee.“

„Ach, zur Heilsarmee gehört sie? Aber das sind doch meistens sehr primitive Leute!“

„Sehen Sie, nun sagen Sie doch primitiv. Es mag solche darunter geben, aber haben wir die nicht auch innerhalb unserer Kirche? Ist es recht, von den Heilsarmee-Leuten geringschätzig zu denken, weil sie sich der Verkommensten und Verachtetsten annehmen? Ist das nicht vielmehr ein Gebot Christi?“

„Na ja, das tut schließlich auch die Innere Mission und in der katholischen Kirche der Caritasverband. Muss man deswegen eine Uniform tragen?“

„Ich möchte Ihnen einmal etwas sagen. Wir, die wir uns Christen nennen, tun Unrecht, indem wir alle ablehnen, die nicht dieselbe Form bejahen, wie wir sie kennen.“

„Ich bin nicht für Sekten, Gemeinschaften und Heilsarmee.“

„Sie nennen alles in einem Atemzug. Sektierer sind solche, die das Unwesentliche zur Hauptsache machen.“

„Was ist denn nach Ihrer Meinung das Wesentliche?“

„Jesus Christus natürlich. Wo er verkündigt wird als der Erretter der Menschheit, da wird man sich in ihm finden, auch wenn die Formen voneinander abweichen. Wir müssen uns vor geistlichem Hochmut hüten. Ich selber bejahe auch nicht alles, was in der Heilsarmee üblich ist. Aber sind wir mit allem einverstanden oder zufrieden, was in unserer Kirche geschieht?“

Bis dahin hatten sich zwei der drei Damen miteinander unterhalten. Nun mischte sich auch die dritte in das Gespräch ein.

„Ich gehöre weder zur Heilsarmee noch zur Landeskirche, sondern bin Glied einer Freikirche. Lange Zeit lebte ich in der Vorstellung, dass wir Gemeinschaftsleute den Kirchlichen etwas voraus haben. Bei uns wird zum Beispiel von Bekehrung gesprochen. Als ich in früheren Jahren einmal einen unserer Pastoren sagen hörte, die Gemeinschaften seien ein berechtigter Vorwurf gegenüber der Kirche, da stimmte ich dem zu; auch als er fortfuhr: ,Hätte die Kirche reines Evangelium verkündigt, so wären die Gemeinschaften nicht entstanden.‘ Heute denke ich: Alles hat seine Zeit. Die Kirche hat ihre Aufgabe, die Gemeinschaften haben sie und ebenso die Heilsarmee. Dem einen kann das Tragen einer Uniform ein Auftrag und eine Hilfe sein, der andere fühlt sich besonders zur Art der Marienschwestern hingezogen. Schlimm ist eins: Dass wir, die wir an Jesus Christus glauben, durch Vorurteile oft schwer zueinander finden. Kürzlich hörte ich einen Ausspruch: Das Leben der Christen ist die Bibel der Ungläubigen. Wie sollen diese an uns glauben, wenn wir uns nicht einig sind? Lassen wir doch den einzelnen Gruppen und Kirchen ihre äußere Form oder Eigenart, wenn wir nur im Wesentlichen zusammenfinden. Aber hier haben wir uns wohl alle mehr oder weniger schuldig gemacht. Gehört die alte Dame noch immer zur Heilsarmee?“

„Sie ist pensioniert. Wie ich sie einschätze, steht sie über den verschiedenen Formen der Christen. Kommt man mit ihr in ein religiöses Gespräch, dann staunt man über ihre tiefe Erkenntnis.“

„Ich weiß nicht. Mir imponiert es nicht, wenn Menschen ihr Christentum gewissermaßen im Schaukasten vor sich hertragen. Ich finde immer, ein wenig Zurückhaltung ist hier besser am Platz. Ich bin kein Freund von Frömmelei.“

„Niemals würden Sie von der alten Dame den Eindruck haben, dass sie frömmelt. Vor einer solchen Überzeugungskraft verstummt man. Bei ihr geht es nicht um fromme Redensarten, sondern um erprobte Erfahrungen.“

„Ich muss schon sagen, Sie machen mich wirklich neugierig. Diese Frau muss Sie doch sehr beeindruckt haben, sonst würden Sie nicht so warmherzig von ihr reden.“

„Mir kam neulich der Gedanke, nachdem ich einige Male mit der alten Frau ins Gespräch gekommen war, dass man die Erfahrungen eines solchen Lebens festhalten und anderen zugänglich machen sollte.“

„Glauben Sie wirklich, dass es Menschen gibt, die sich dafür interessieren?“

„Das will ich meinen! Wenn das Leben selber spricht, würde sicher mancher aufhorchen und sich wohl auch etwas sagen lassen. Sprechen wir doch am besten mit ihrer Tochter. Es müsste ihr, der Schriftstellerin, am leichtesten möglich sein, die Lebenserinnerungen der Mutter aufzuzeichnen.“

„Allerdings, da haben Sie recht!“

Und so entstand dieses Buch.

„Ein Mädchen ist's. Wieder ein Mädchen!“

Die Frau in der weißen Schürze, die schon so vielen kleinen Erdenbürgern ins Leben hineingeholfen hatte, nickte der jungen Mutter ermunternd zu.

Ganz so jung war sie allerdings nicht mehr, die Lisette. Aber sie sah trotz der vier Kinder, die sie zur Welt gebracht hatte, noch recht gut und stattlich aus. Auch diese Geburt hatte das frische Rot ihrer Wangen nicht zu tilgen vermocht.

Lisette schloss die Augen und seufzte. Wieder ein kleines Mädchen. Was mochte diesem Kind beschieden sein? Würde ihm in seinem Leben auch so manches aus den Händen geschlagen werden – wie ihr, der Mutter?

Frau Bohle hatte das kleine Mädchen inzwischen gebadet und gewickelt. Sie legte es in den Arm Lisettens und ging dann mit festen Schritten zur Tür, öffnete sie und rief: „Friedrich Wilhelm, Sie können kommen. Ich gratuliere zur Tochter!“

Ein mittelgroßer Mann, der bis dahin – von Sorge getrieben – das Nebenzimmer durchquert hatte – immer hin und her, vom Fenster zur Tür und wieder zurück – stand mit wenigen Schritten am Bett seiner Frau. Er beugte sich zu ihr nieder, nahm ihre schmale Rechte in seine beiden Hände und sagte mit vor Bewegung zitternder Stimme nichts anderes als: „Lisette, Lisette!“

Sie öffnete die Augen und begegnete seinem Blick voller Liebe. „Bist du enttäuscht, Wilhelm, dass es wieder ein Mädchen ist?“

Er schüttelte den Kopf, und ein Strahl unaussprechlicher Freude traf sie aus seinen guten und klugen Augen.

„Dass es nur wieder ein Kleines ist, und dass es euch beiden gutgeht!“ Trotz des heftigen Protests der Hebamme nahm der glückliche Vater sein Töchterchen von der Seite der Mutter weg in seine Arme. Dabei füllten sich seine Augen mit Tränen. Glücklich blickte er auf das kleine, schwarzlockige Geschöpfchen nieder.

„Kleines, kleines Mädchen, komm einmal zu deinem Vater. Soll sie nun wirklich Berta heißen, Lisette? Sie macht die Augen auf, und ob du's glaubst oder nicht, sie hat mich angelacht!“

Vorsichtig beugte er sich über das Neugeborene und küsste es ganz zart und behutsam auf die Wange.

Doch nun griff Frau Bohle energisch ein: „Friedrich Wilhelm, jetzt ist's genug! Außerdem muss Lisette Ruhe haben, und auch die Kleine hat jetzt nichts Weiteres zu tun, als zu schlafen!“

Es blieb dem Manne nichts anderes übrig, als sich zu fügen.

Lisette schlummerte zwar für ein Weilchen ein, erschöpft von dem Vorausgegangenen, doch wartete sie vergeblich auf den tiefen, erquickenden Schlaf. Die Gedanken wollten sie wieder einmal nicht loslassen. Wie war es nur möglich, dass einerseits eine Woge heißer Liebe ihrem Mann entgegenflutete – wie vor wenigen Augenblicken, als er sich über sie gebeugt hatte – und andererseits ihr Herz sich ängstlich ausmalte – ohne dass sie es wollte – was unter Umständen die nächsten Stunden oder Tage für sie bringen könnten? Obgleich sie es gar nicht vorhatte, blätterte sie in dem Buch ihrer Vergangenheit, Seite für Seite. Ihr ganzes bisheriges Leben schien an ihr vorüberzuziehen.

Da war vor allem das Heimathaus, der elterliche Hof, der nach dem Namen des Besitzers in der plattdeutschen Sprache einfach der Lepperhof genannt wurde. Erst als sie endgültig von zu Hause fortgegangen war, hatte Lisette gewusst, wie stattlich, schön und gepflegt dieser Besitz war. Wohl gab es in der Gegend reichere Bauern und größere Höfe, aber man konnte weit gehen, ehe man ein so sauberes und in jeder Beziehung vorbildliches Anwesen fand. Allein die Lage war unvergleichbar. Hoch oben vom Berg grüßte das weiße Wohngebäude mit dem leuchtend roten Dach ins Tal hernieder. Die angebauten Ställe und Scheunen machten einen ebenso geordneten Eindruck wie das Wohnhaus, vor dem eine alte Linde mit ihren weit ausbreitenden Ästen Schatten spendete. Eine ,Putznärrin‘ hatten viele die Bäuerin genannt, weil sie nirgends ein Stäubchen duldete. Wahrlich sie, Lisette, hatte oft heimlich über die beinah krankhafte Ordnungsliebe der Mutter geseufzt und unter dieser fast ebenso gelitten wie unter ihrer strengen Art, die sie besonders im Kindesalter als fast unerträgliche Härte empfand.

Eine schöne und stattliche Frau war die Lepperhofbäuerin gewesen, und tüchtig wie keine zweite. Wie ihr ganzes Hauswesen, so bot auch sie immer ein Bild gepflegter Sauberkeit. Streng und kalt jedoch blickten ihre Augen, und ihr schmaler Mund war herb verschlossen. Kein unbedachtes Wort entschlüpfte ihren Lippen. Dass ihre Kinder sich oft nach einem Ausdruck der Zärtlichkeit sehnten, schien sie nicht zu merken. Sie liebte sie zwar auf ihre Art, besonders die gelähmte Tochter, aber es schien ihr unnötig, das zu zeigen oder gar Worte darüber zu verlieren. Sie erfüllte ihre Pflicht – ja, gewiss oft mehr als diese – und erzog die Kinder zu rechtschaffenen Menschen. Genügte das etwa nicht?

Über religiöse Dinge wurde ebenso wenig gesprochen. Man gehörte zu seiner Kirche, war getauft worden und besuchte an besonderen Festtagen die Gottesdienste. Für den regelmäßigen Kirchgang war der Weg zu weit. Natürlich gingen die Kinder in den Konfirmandenunterricht. Die Mutter achtete streng darauf, dass ihre Kinder das Glaubensbekenntnis, die Choräle und was sonst noch von ihnen verlangt wurde, gut lernten. Man war konfirmiert worden und später kirchlich getraut, zwei- oder dreimal im Jahr ging man zum Abendmahl und rechnete auch mit einem kirchlichen Begräbnis, wenn es soweit sein würde. Sollte man mehr tun? Genügte das etwa nicht?

Lisette seufzte. Ob die Mutter nie geahnt hatte, dass sich im Innern ihrer Kinder eine Sehnsucht regte, die bei aller Arbeit, bei allem Fleiß und großer Pflichttreue in dem gepflegten, vorbildlichen Bauernhaus unbeantwortet blieb?

Der Vater, ja, der verstand es eher – dieser stille Mann mit den sinnenden Augen. Er sah aus, als wisse er selbst gar gut um diese Sehnsucht. Aber darüber reden? Nein, das war einfach nicht möglich. Man hatte eine seltsame Scheu davor, dem andern, auch dem allernächsten, nur einen Blick in sein Innerstes zu gewähren. Vielleicht wäre der Vater in seinen jungen Jahren mehr aus sich herausgegangen. Er besaß Gemüt und war nie anders als gütig, auch seinen Kindern gegenüber. Aber neben dieser herben und strengen Frau war er schweigsam geworden und lebte ein eigentlich einsames Dasein, ohne dass man hätte sagen können, dass die beiden Leute sich nicht verstanden hätten oder unglücklich gewesen wären.

Jetzt, wo Lisette zur Ruhe kam, sah sie in greifbarer Deutlichkeit eine Anzahl Episoden aus ihrer Kinder- und Jugendzeit vor sich. Seltsam, dass man die Schönheit und Eigenart der Dinge erst richtig erkennt, nachdem man einen gewissen Abstand von ihnen genommen hat.

Sie sah sich an einem milden Sommerabend neben dem Vater auf der steinernen Bank unter der Linde sitzen. Der alle Zeit gütige und besinnliche Mann betrachtete ein Lindenblatt, das auf seiner flachen Hand lag, und wandte sich, nachdem beide eine lange Zeit schweigend nebeneinander gesessen hatten, seiner Tochter zu: „Sieh dieses Blatt, Lisette. Wie wunderschön in seiner Form und Äderung. Es ist ein Jammer, dass wir Menschen so sehr im Alltag untergehen, dass wir die Wunder, die sich täglich in tausendfacher Weise unserem Auge darbieten, nicht mehr wahrnehmen. Sieh, mein Kind, dieses Lindenblatt sagt mir, dass es keine Sinnlosigkeiten im Leben gibt, alles ist weislich geordnet, auch das vermeintlich Unberechtigte, Unverständliche. Wir müssen nur nicht erwarten, alles Geschehen begreifen zu können.“

Eine unerhört lange Rede des sonst so schweigsamen Vaters, und weil es selten vorkam, dass er so sprach, hatte Lisette sie auch im Gedächtnis behalten.

Ihr Blick ruhte nun forschend auf dem Gesichtchen des im Waschkorb neben ihr schlafenden Kindes. Kleine Berta, was wohl deiner wartet? Wenn es keine Sinnlosigkeiten gibt, dann müsste eigentlich der Weg deines Lebens dir bereits vorgezeichnet sein.

Wieder entrang sich ein Seufzer ihrer Brust. War das auch bei ihr der Fall gewesen? Musste sie diesen schweren Weg gehen, der sie in Tiefen führte, die sie selbst nie gewählt haben würde? War es das ihr von höherer Hand zugewiesene Schicksal? Ach, dass man mit keinem Menschen darüber reden, dass man sich nirgends Rat und Weisung holen konnte! Warum nur verschloss man selbst vor dem Nächsten schamhaft das Tor seines Innern? Warum war es ihr nicht möglich, mit Friedrich Wilhelm, dem Vater ihrer Kinder, der doch eigentlich um ihr ganzes Sein wissen musste, über diese letzten Lebensfragen zu sprechen?

Bei ihm war es wie in ihrem Elternhaus. Man redete nicht über Dinge, die außerhalb des Greifbaren oder Sichtbaren lagen. Lisette meinte mit Sicherheit sagen zu können, dass auch ihr Mann im Innern solche Fragen bewegte. Er, der alles Schöne, Harmonische, Reine liebte, der es nie duldete, dass in seiner Gegenwart ein unschönes, gemeines Wort gesprochen wurde, obgleich er aus schlichten Verhältnissen kam und keine besondere Bildung genossen hatte, besaß natürlichen Herzenstakt. Das hatte sie gleich empfunden, als sie ihm zum ersten Mal begegnet war. Nie kam ein frivoler oder zweideutiger Scherz über seine Lippen. Es ging etwas von ihm aus, das lose Mäuler in seiner Gegenwart verstummen ließ.

Und doch seufzte Lisette aufs Neue, als sie an ihn dachte. Unwillig schloss sie die Augen. Hatte sie sich nicht vorgenommen zu schlafen? Aber die Gedanken ließen sich nicht bannen. Wie schwarze Nachtvögel breiteten sie ihre Schwingen über ihr aus. Nein, sie wollte jetzt nicht an all das denken, was schon so namenloses Unheil über sie und ihre Familie gebracht hatte. Lieber rief sie die Bilder ihrer Kindheit wieder ins Gedächtnis zurück.

In strenger und doch wohltuender Ordnung wickelte sich auf dem Lepperhof ein Tag nach dem andern ab. Saat und Ernte, Freud und Leid, Leben und Tod. Es wurde als unabänderlich hingenommen. Pflichterfüllung bedeutete alles.

Weder Freude und Erfolg noch Leid und Enttäuschung warf die Menschen dort oben auf dem Berge aus dem Geleise. Es wäre Zeitvergeudung gewesen, nach dem Warum und Wieso zu fragen. Leicht war es für die Eltern natürlich nicht, dass das jüngste Kind, Julie, Lisettens kleine Schwester, nach vollendetem zweiten Lebensjahr durch eine Lähmung, die als Folge einer Kinderkrankheit auftrat, völlig kraftlos und hilflos geworden und je älter, desto mehr auf die Hilfe anderer angewiesen war. Aber in großer Selbstverständlichkeit hatte Lisette die Schwester jahrelang mit einem großen Leintuch auf ihrem Rücken festgebunden, so zur Schule getragen – eine ganze Stunde weit – und das im kalten Winter; denn während der Sommermonate war es aus Zeitmangel und wegen des Fehlens anderer Arbeitskräfte nicht möglich, die Schule zu besuchen. Die Bestellung der Felder, die Arbeit im Garten, im Stall und in den eigenen Wäldern waren wichtiger. Dafür wurde jede Kraft gebraucht. So war Lisette herangewachsen in einer zwar geordneten, aber herben und entbehrungsreichen Kindheit und Jungmädchenzeit. Und dann waren die schweren Kriegsjahre 1864/66 über sie alle hereingebrochen, die für das ganze Volk Not und manchen Verlust mit sich brachten.

Eines Tages war es der freudehungrigen Lisette zu eng geworden auf dem elterlichen Hof, da auch der junge Bergerhof aus dem Kirchdorf ernstlich vom Heiraten sprach. Die Jugend der umliegenden Dörfer war an den Herbst- und Winterabenden in den Spinnstuben zusammengekommen. Man hatte neben der Arbeit gescherzt und gelacht, und da erst war es Lisette eigentlich zum Bewusstsein gekommen, dass sie glücklicherweise noch erfreulich jung war

und dass schließlich noch etwas anderes auf sie wartete als nur die strenge Rechtlichkeit und Pflichterfüllung im Elternhaus, wo man nichts, aber auch gar nichts mehr vom Leben zu erwarten schien. Als die Mutter erfahren hatte, dass Fritz Bergerhof ihre Tochter Lisette am Abend wiederholt von der Spinnstube nach Hause begleitete, hatte sie einen Augenblick in ihrer Arbeit innegehalten, die Stirne hochgezogen und das errötende Mädchen forschend angeblickt. Nach einem Augenblick eisigen Schweigens hatte sie gefragt: „Was ist mit euch beiden?“

Lisette hatte in Trotz und gleichzeitiger stolzer Genugtuung den Kopf zurückgeworfen und begegnete dem Blick der Mutter frei. „Fritz Bergerhof ist ein anständiger Bursche. Er hat einen guten Ruf. Kein Mensch kann ihm etwas Unrechtes nachsagen. Zudem sieht er ordentlich aus und hat beim Straßenbau sein Einkommen. Er will mich heiraten. Deshalb ist's wohl an der Zeit, dass ich in Stellung gehe, um mir meine Aussteuer zu verdienen.“

„Wir werden es heute mit dem Vater besprechen“, war die gelassene Antwort der Mutter gewesen. Weiter hatte man im Augenblick nicht darüber gesprochen. Auch jetzt ging die Arbeit vor. Nie wäre es der Bäuerin eingefallen, mit der Tochter über Liebe und gegenseitige Zuneigung zu sprechen, die doch Grundlage einer harmonischen Ehe sein müsste. Gegenseitige Achtung war nach ihrer Meinung die erste Bedingung. Daraus konnte ohne weiteres Zuneigung oder gar Liebe entstehen, aber es wäre undenkbar gewesen, darüber zu reden.

Lisette war es damals klar, dass sie nicht im elterlichen Haus bleiben konnte. Der Hof vermochte nicht alle sechs Kinder zu ernähren. Wohl war er in gutem und geordnetem Zustand. Im Stall stand prächtiges Vieh. Die Äcker waren erträglich. Aber es fehlte an Bargeld. Julchen, der gelähmten Schwester, war das Leben verschlossen worden. Ihr stand das erste Recht zu, auf dem Hof zu bleiben, und sie, Lisette, hatte es ihr auch nie geneidet. Sie war gesund und kräftig. Der Spiegel, in den sie allerdings nur heimlich zu blicken wagte – die Mutter hätte solche Hoffart nie zugelassen – hatte ihr oft genug verraten, dass sie ein frisches, ansehnliches Gesicht und eine schöne Gestalt besaß. Um ihre prächtigen Zöpfe wurde sie von manchen Mädchen beneidet.

Wie oft hatte sie damals am Abend, wenn man es endlich wagen durfte, die Arbeit aus der Hand zu legen, hinter dem Haus gestanden und sehnsuchtsvoll hinab ins Tal geblickt, in die Weite, die so verheißungsvoll lockte. Sie hatte sich nach dem Leben, dem wirklichen, vollen Leben gesehnt, dessen Tore einmal auch ihr offen stehen mussten. Die Ernüchterung war natürlich nicht ausgeblieben. Gewiss, es war ein prächtiger Hof gewesen, auf dem sie Stellung gefunden hatte. Achtzehn Stück Vieh standen in dem Stall. Die Bauersleute waren gut zu ihr, aber arbeiten musste sie wie nie zuvor im Leben. Also gab es das in noch weit stärkerem Maße als zu Hause. Sie hatte Tage erlebt, an denen sie keine Zeit fand, ihre langen Zöpfe frisch zu flechten; und wenn sie sich auch der Anerkennung freute, die ihr der Bauer wegen ihres Fleißes aussprach, so litt sie doch oft darunter, nichts anderes als ein Arbeitstier zu sein. Desto stärker wurde deshalb die Sehnsucht nach einem eigenen Hausstand.

Fritz Bergerhof war der Meinung gewesen, dass sie sich eine leichtere Stelle suchen solle, einen Platz, wo sie die gute Küche erlernen könne. Ein solcher hatte sich auch gefunden. Aber schon nach einem weiteren Jahr hatte Fritz einen erneuten Wechsel für nötig gehalten. „Jetzt kommst du zu mir. Wir heiraten.“

Die Eltern waren einverstanden gewesen. Für kurze Zeit kam Lisette noch einmal nach Hause, um die Vorbereitungen zur Hochzeit zu treffen. Sie hatte mit ihrem Verlobten die sogenannten Aussteuerbesuche bei Verwandten und Bekannten gemacht. Überall gab man dem jungen Paar ein Bündel Flachs oder Schafwolle. Ein großmächtiges, grobes Leintuch war schließlich prall gefüllt. Gesponnen und gewoben wurde selbst. Ab die jungen Leute schließlich am Ziel ihrer Wünsche anlangten, konnten sie einen recht ordentlichen Anfang machen.

Und dann kam das Leben, nach dem Lisette sich gesehnt hatte. Es brachte Liebe und Leid, Sehnsucht und Erfüllung, doch brachte es nicht die Stimmen zum Schweigen, die nach mehr verlangten. Was war es nur, das sie nicht zur Ruhe kommen ließ? Sie hatte nun doch erreicht, was sie erstrebte: Sie war die Frau des Mannes geworden, den sie liebte. Nach einem Jahr schenkte sie ihm ein Mädchen. Dann kam Fritz, der erstgeborene Sohn. Ihre Ehe war das, was man glücklich nennt. Aber wirklich von Herzen froh war Lisette dennoch nicht. Machte sich die Art der Mutter in ihr bemerkbar, die nur ein Lebensziel kannte: arbeiten, arbeiten, Besitz erwerben, ihn erhalten und möglichst vergrößern.

„Fritz, ein eigenes Häuschen sollten wir haben, und wenn es noch so klein wäre. Ein paar Kühe im Stall, ein paar Äcker. Sieh, man wüsste doch, wofür man arbeitet. Man könnte den Kindern eine Heimat schaffen.“ Tränen hatten in ihren Augen gestanden, als sie es sagte.

„Ich habe gar nicht gewusst, wie schwer es ist, in der Stadt zu leben. Kannst du verstehen, dass die Häusermassen mich bedrängen? Kein noch so kleines Gärtchen haben wir, in dem unsere Kinder spielen können. Ach, Fritz, wie gerne möchte ich Tag und Nacht arbeiten! Ich bin stark und gesund, doch muss ich wieder Erde statt Steine unter den Füßen haben. Und ein Tier, das ich betreuen kann. Die Stadt tötet mich.“

Erschrocken hatte Fritz Bergerhof diesen Gefühlsausbruch seiner jungen Frau über sich ergehen lassen. Dass sie nur ungern mit ihm in die Stadt gezogen war, hatte er gewusst. Aber von diesem unstillbaren Heimweh hatte er nichts geahnt.

„Ein eigenes Häuschen“, wiederholte er sinnend. „Lisette, du weißt, das ist nicht so einfach. Bedenke die Teuerung im Land. Aber was in meiner Kraft steht, will ich tun, um dir zur Erfüllung dieses Wunsches zu verhelfen.“ Er schwieg und blickte sinnend in die Feme. Ob er ahnte, dass er bald sein eigenes Häuschen haben würde, ein Haus, gezimmert aus kahlen Brettern, das er ganz allein bewohnen und in dem man ihn auf den Friedhof tragen würde?

Kaum drei Jahre war Lisette verheiratet gewesen, als sie Witwe wurde. Fritz Bergerhof hatte auswärts gearbeitet. Eines Abends kam er sehr ermattet nach Hause und erzählte seiner bestürzten Frau, dass in einer Familie, in der er heute zu tun hatte, die schwarzen Pocken ausgebrochen seien.

„Um alles in der Welt, Fritz, denke, wenn du sie ins Haus schlepptest und die Kinder davon befallen würden!“ Aber die Kleinen blieben verschont. Dafür stand Lisette acht Tage später am Totenbett ihres Mannes.

Das Neugeborene im Waschkorb begann zu schreien. Kräftig und fast ein wenig gewalttätig erhob es seine Stimme. Leise wurde die Tür geöffnet. Frau Bohle erschien und beugte sich in gespielter Entrüstung über Berta.

„Du böser kleiner Schreihals! Hast du jetzt deine arme Mutter wieder aufwecken müssen, wo ihr doch der Schlaf so gut tut?“

„Lassen Sie nur, Frau Bohle“, lenkte Lisette ein. „Die Kleine wird sich schon wieder beruhigen. Aber jetzt holen Sie doch den Fritz und die Anna einen Augenblick herein, damit sie ihr neues Schwesterchen begrüßen können. Julchen ist noch zu klein, die versteht noch nichts von dem großen Ereignis.“

Frau Bohle stieg brummend die Treppe hinauf. Solch ein Getue mit den Kindern! Als wenn sie nicht früh genug den kleinen Schreihals zu sehen bekämen. Und außerdem wird's bestimmt nicht das Letzte sein.

Oben angekommen aber setzte sie eine feierliche Miene auf.

„Fritzchen, komm her, lass dir die Nase putzen. Anna, dein Schuh ist auf. Was, du kannst ihn noch nicht selbst binden, wo du doch schon bald sechs Jahre alt wirst? So, nun gebt mir die Hand. Jetzt ganz leise auf Zehenspitzen. Was meint ihr denn, was es unten bei der Mutter zu sehen gibt?“

„Ein Schwesterchen“, erwiderte Anna prompt. „Die Langentante hat es gesagt, der liebe Gott hat es geschickt.“

„Natürlich die“, murrte Frau Bohle in sich hinein und schluckte die Geschichte vom Klapperstorch, die sie für solche Fälle so schön bereithielt, verärgert hinunter.

„Na schön, also der liebe Gott.“

Und dann hatte der dreijährige Fritz mit seiner älteren Schwester ehrfürchtig staunend vor dem Waschkorb gestanden.

Anna bewunderte als erstes die schwarzen Haare des neuen Schwesterleins. „Ganz richtige Locken hat sie“, während der kleine Bruder fast scheu über die blasse Hand der Mutter streichelte und fragte: „Stehst du nicht auf, Mutter? Komm doch, Fritz hat Angst, wenn Vater kommt!“

Frau Bohle hatte die Kleinen wieder herausgeholt.

„Die Mutter muss Ruhe haben!“

Aber Lisette fand auch jetzt keine Ruhe. Die Worte des Kindes, die aus seinem zagenden Herzchen gekommen waren, klangen in ihrem Innern nach: Fritz hat Angst, wenn Vater kommt!

Das war es ja gerade, was sich immer wieder wie eine fast unerträgliche Last auf sie legte. Konnte es denn möglich sein, dass man einen Menschen, den man von Herzen liebte, auch gleichzeitig fürchten musste? Ja, sie wussten alle von dieser Angst vor dem Vater, sie und auch die Kinder. Und sie bangte, ob die Angst eines Tages nicht stärker sein würde als die Liebe. Wie sollte es dann weiter gehen? Wie war das nur gekommen?

Nachdem ihr erster Mann so jäh von ihrer Seite gerissen worden war, hatte Lisette geglaubt, niemals wieder einem andern die Hand zur Ehe reichen zu können. Aber da waren die zwei Kinder gewesen. Es blieb ihr keine andere Wahl, als entweder diese fortzugeben und sich Arbeit zu suchen oder aber mit ihnen auf den elterlichen Hof zurückzukehren. Das letztere wollte sie nicht. Julie, die gelähmte Schwester, wurde – wahrscheinlich als Folge ihrer Krankheit – immer reizbarer und eigentümlicher. Eine fast krankhafte Putzsucht hatte sich ihrer bemächtigt. Ehe sie ein Stäubchen in ihrer Nähe duldete, rutschte sie mit einem Lappen auf dem Fußboden herum und tyranniesierte so ihre Umgebung nicht wenig mit einem übertriebenen Reinlichkeitseifer. Lisettens Vater hätte sich gewiss an den beiden Enkelkindern gefreut, aber die Verhältnisse waren durch den Krieg 1870/71 nicht besser geworden. Nein, sie wollte sich mit ihren Kindern nichts schenken lassen. Sie wollte nicht von Almosen leben. Sie war gesund und konnte arbeiten. Und selbst damals hatte sie den Traum vom eigenen, wenn auch noch so kleinen Häuschen nicht aufgegeben.

Lisette war noch immer eine stattliche junge Frau. An Bewerbern hatte es deshalb nicht gefehlt. So lernte sie einen Handwerker kennen, einen stillen, fleißigen Menschen, der in der nächsten Nachbarschaft im Hause seiner Schwester wohnte. Seine ersten Annäherungsversuche hatten nicht einmal der jungen Witwe, sondern ihren zwei Kindern gegolten. Er war ein richtiger Kindernarr. War es Anna mit ihrem zutraulichen Plaudern, die ihm, der so still und fast zur Schwermut neigend aus dem Krieg zurückgekehrt war, das Herz aufgetan hatte? Nach all dem unsagbar Schweren, das er hatte durchmachen müssen, glaubte er damals, nie wieder richtig froh werden zu können. Seine rechte Hand war ihm durchschossen worden. Man hatte sie ihm amputieren wollen. Doch dagegen hatte er sich mit aller Gewalt gewehrt, und da es bei Kriegsende war und er ohnehin entlassen worden wäre, verließ er das Lazarett auf eigene Verantwortung und versuchte seine Hand dadurch zu heilen, dass er wochenlang Umschläge mit Lehm anwandte. Sein größtes Unglück aber war, dass er sich in jener Zeit der Not das Trinken angewöhnt hatte. Zwar nahm er nie übermäßig Alkohol zu sich, doch sein durch das Kriegserleben geschwächter Körper ertrug auch die kleinste Menge nicht. Auf diese aber wollte er nicht verzichten, und so durchlebte er und mit ihm seine Familie manche notvolle Stunde. Oft erzählte er später von der Zeit, als sein Regiment in Frankreich so aufgerieben und heruntergekommen war, dass die Soldaten in Ermangelung von brauchbaren Uniformen sich alle nur möglichen Kleidungsstücke aneigneten. Als Kaiser Wilhelm I. diesem Regiment einen unerwarteten Besuch abstattete, fand er seine Soldaten in einer unglaublichen Verfassung vor: mit langen wilden Bärten, von Hunger ausgemergelt und in ungenügender Kleidung, etliche sogar in Frauenröcken. Mit Tränen in den Augen soll der Kaiser ausgerufen haben: „Mein Gott, wie sehen die Kerle aus!“

Diese schweren Zeiten hatten auch im Leben Friedrich Wilhelms die Grundfesten erschüttert. Wie oft stand Lisette vor einem für sie unlösbaren Rätsel. Von einem Augenblick zum andern konnte aus dem gütigen, besorgten und alles Unschöne ablehnenden Manne ein unberechenbarer, vollkommen unbeherrschter Mensch werden, der schrie, tobte, ja manchmal sogar gewalttätig wurde, so dass man beinah den Eindruck gewann, er sei seiner Sinne nicht mehr mächtig. Und das alles schon, nachdem er nur eine ganz geringe Menge Alkohol zu sich genommen hatte.

Ohne eigentlich ein Trinker zu sein, brachte er auf diese Weise namenlose Not über seine Familie und nicht zuletzt über sich selbst; denn wenn er nach einem solchen Delirium zu sich kam, überfielen ihn unsagbarer Jammer und große Scham, so dass er sich am liebsten von allen zurückgezogen hätte und in die Einsamkeit geflüchtet wäre.

Nicht nur die Eltern der kleinen Berta hatten voller Freude und Erwartung der Geburt des Kindes entgegengesehen, sondern ebenso die Mitbewohnerin, Frau Lange, von den Kindern die Langentante genannt. Als das junge Ehepaar mit den drei kleinen Kindern auf den Eulenhof gezogen kam – Lisette hatte das Leben in der Stadt tatsächlich nicht länger ertragen – war sie seit dem ersten Tag, an dem sie mit ihnen unter einem Dach wohnte, bemüht gewesen, Lisette mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, ohne sich dabei aufzudrängen. Sie hatte eine Aufgabe darin gesehen, sich ihrer helfend anzunehmen, besonders aber, als sie das Unglück erkannte, das auf der Familie lag. Lisettens Stolz ließ es zwar nicht zu, dass sie von der Hilfe anderer lebte. Nie hätte sie zu einem Fremden über das gesprochen, was sie glaubte allein durchkämpfen zu müssen. Es wäre ihr wie ein gemeiner Verrat dem Manne gegenüber vorgekommen, den sie trotz allem liebte, hätte sie auch nur einmal über ihn geklagt. Aber die Not war eben doch nicht zu verbergen gewesen.

Frau Lange gehörte außerdem zu den Menschen, die in feiner, natürlicher Herzensbildung anderen die Hand zur Hilfe reichen, ohne indiskret zu werden. Vielleicht verstand sie das Leid des Nächsten, weil sie selber Leid trug, allerdings ein anderes als Lisette, doch war es ebenso schwer und einschneidend. Wohl nur der weiß Tränen anderer zu trocknen, der selbst solche geweint hat. Frau Lange war glücklich verheiratet. Fünfmal hatten ihr Mann und sie sich auf ein Kind gefreut, und jedes Mal war es eine

bittere Enttäuschung geworden. Jedes Mal starb es bei der Geburt. Die Ärzte waren ratlos, die Eltern fast verzweifelt, und doch hofften sie weiter. Frau Lange konnte es nicht glauben, dass sie vom Glück des Mutterseins ausgeschlossen sei. Als Lisette ihr viertes Kind erwartete, sagte sie einmal, dass mit den Kindern nicht nur Glück, sondern auch Sorge und manchmal bitteres Herzeleid komme. Da erwiderte Frau Lange mit sehnsuchtsschweren Augen: „Wie gerne würde ich beides auf mich nehmen, Glück und Leid. Ich gebe die Hoffnung nicht auf.“

Über dem Dasein der leidgeprüften Frau lag jedoch ein fast überirdisches Leuchten. Eine tiefe Frömmigkeit erfüllte sie. Die ließ sie alle Geschehnisse von einer höheren Warte aus erkennen und beurteilen. Wie hätte sie sonst das große Leid ihres Lebens ertragen können! Fünfmal war sie nun vergeblich durch die Monate des Wartens und Höffens mit all ihren Mühsalen gegangen, hatte jedes Mal die Bangigkeit der Geburt fast bis zur Unerträglichkeit durchlebt und dann doch immer wieder ein totes Kind zur Welt gebracht. Allein ihr Glaube, ihr lebendiges Christentum, das bei ihr nicht nur Formsache oder Tradition war, bewahrte sie vor dem Verzweifeln.

Nun ergoss sich ihre ganze Liebe über das neugeborene Kind in ihrem Haus. Die kleine Berta wurde ihre Patentochter, über die sie von der ersten Stunde ihres Daseins an betende Hände faltete.

Die Atmosphäre, die diese Frau verbreitete, wurde auch von Lisette wohltuend empfunden. In ihr erwachten Erinnerungen an eine Zeit, in der sie als junges Mädchen, von anderen eingeladen, regelmäßig eine christliche Versammlung besucht hatte und von dem dort Gehörten stark beeindruckt worden war. Hatte sie mit ihrer Familie darum auf den Eulenhof kommen müssen, damit – angeregt durch diese Frau, die sich ihrer in so mütterlicher Weise annahm – die Saiten ihres Innern, die verstummt schienen, wieder zu klingen begannen?

Im Garten hinter dem Haus stand ein kleines Mädchen in kurzem rotem Röckchen und beugte sich voller Interesse und Neugierde über ein bewegliches längliches Etwas, das zu seiner Verwunderung eben aus der Erde gekrochen war. Schwarze Locken fielen dem Kind über das gespannte Gesicht. Unwillig warf es das Köpfchen zurück. Es musste doch sehen, was sich da unten vor seinen Füßen abspielte! Ob das Ding schreien konnte? Die kleine Berta hob ein spitzes Stöckchen von der Erde auf – aber obwohl sie das Tier vorne, hinten und in der Mitte piekte, gab es keinen Laut von sich. Doch es begann sich zu krümmen und bewegte sich immer schneller. Da regte sich in dem kleinen Mädchen etwas von Gewalttätigkeit, von der Lust zu quälen. Mit ihren derben Schuhen trat Berta auf das sich windende Tier am Boden. Schrie es immer noch nicht?

Dafür wurde eine andere, ernste Stimme plötzlich vernehmbar: „Kind, was tust du da?“ Erschreckt fuhr das kleine Mädchen zusammen. Schuldbewusstsein drückte sich aus auf seinem tief geröteten Gesichtchen, die Hände versteckte es in großer Verlegenheit auf dem Rücken, nachdem ihnen das spitze Stöckchen lautlos entglitten war. Dass es ein Regenwurm war, den es gequält hatte, wusste das Kind damals noch nicht. Aber dass es damit ein Unrecht begangen hatte, das war Berta klar, noch bevor die Langentante sich neben ihr zur Erde niederbeugte, auf das gepeinigte Tier am Boden deutete und nun von dem armen Würmchen sprach, das so furchtbare Qualen ausstehen musste, weil die kleine Berta Freude daran fand, ein Tier zu quälen.