Wenn sie wüssten … - Elisabeth Dreisbach - E-Book

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Elisabeth Dreisbach

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Beschreibung

"Sie" - das sind die schon erwachsenen oder heranwachsenden Kinder von Frau Kernschmitt, die alle an ihrer Mutter hinaufschauen: Felix, der Buchhändler, der in eine angesehene Familie hineingeheiratet hat; Melanie und Ludwig, die beide ein wenig leicht veranlagt sind; Ruthild, die feinfühlige Jungdiakonisse, und Michael, an dessen Person sich das dunkle Geheimnis knüpft, das Frau Kernschmitt so sorgsam hütet. Die Not bricht nicht erst auf, als der Mann, der einmal gewaltsam in ihr Leben eingedrungen ist, wieder auf der Bildfläche erscheint, und ausgerechnet die empfindsame Ruthild wie ein Blitz von der Erkenntnis getroffen wird, dass er der Vater ihres jüngsten Bruders ist. Schon vorher, als die leichtsinnige Melanie offenbart, dass sie ein Kind unter dem Herzen trägt, das einmal keinen Vater haben wird, steigen quälende Gedanken im Herzen der Mutter auf: ob Gott die Schuld ihres Lebens so heimzahlt? Es bedarf eines längeren Urlaubs in den Schweizer Bergen und der seelsorgerlichen Gespräche mit einer einfachen Frau, dass Frau Kernschmitt getröstet und mit der Gewissheit der Vergebung wieder an ihren Platz zurückkehrt und den Menschen um sich her ein Segen sein darf. Elisabeth Dreisbach (1904 - 1996) zählt zu den beliebtesten christlichen Erzählerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihre zahlreichen Romane und Erzählungen erreichten ein Millionenpublikum. Sie schrieb spannende, glaubensfördernde und ermutigende Geschichten für alle Altersstufen. Unzählig Leserinnen und Leser bezeugen wie sehr sie die Bücher bewegt und im Glauben gestärkt haben.

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Wenn sie wüssten …

Band 6

Elisabeth Dreisbach

Impressum

© 2017 Folgen Verlag, Langerwehe

Autor: Elisabeth Dreisbach

ISBN: 978-3-95893-127-5

Verlags-Seite: www.folgenverlag.de

Kontakt: [email protected]

Shop: www.ceBooks.de

 

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Autor

Elisabeth Dreisbach (auch: Elisabeth Sauter-Dreisbach; * 20. April 1904 in Hamburg; † 14. Juni 1996 in Bad Überkingen) war eine deutsche Erzieherin, Missionarin und Schriftstellerin.

Elisabeth Dreisbach absolvierte – unterbrochen von einer schweren Erkrankung – eine Ausbildung zur Erzieherin in Königsberg und Berlin. Sie war anschließend auf dem Gebiet der Sozialarbeit tätig. Später besuchte sie die Ausbildungsschule der Heilsarmee – der ihre Eltern angehört hatten – wechselte dann aber zur Evangelischen Landeskirche in Württemberg, für die sie in den Bereichen Innere Mission und Evangelisation wirkte. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gründete Dreisbach in Geislingen an der Steige ein Heim für Flüchtlingskinder, in dem im Laufe der Jahre 1500 Kinder betreut wurden. Dreisbach lebte zuletzt in Bad Überkingen.

Elisabeth Dreisbach war neben ihrer sozialen und missionarischen Tätigkeit Verfasserin zahlreicher Romane und Erzählungen – teilweise für Kinder und Jugendliche – die geprägt waren vom sozialen Engagement und vom christlichen Glauben der Autorin.1

1 Quelle: wikipedia.org

Inhalt

Titelblatt

Impressum

Autor

Wenn sie wüssten ...

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Wenn sie wüssten ...

„Lauter Tränen! –“

„Schau, sie fallen vom Himmel herunter und laufen an den Fensterscheiben entlang.“

„Wer hat sie geweint?“

„Sicher der liebe Gott oder die Engel. Guck, sie kommen alle vom Himmel.“

Der fünfjährige Peter wandte sich an die Großmutter. „Sag, Omi, warum weint der liebe Gott?“ Der Kleine kniete mit seinem dreieinhalbjährigen Schwesterchen auf der breiten Fensterbank, und beide blickten in den strömenden Regen, der seit der Morgenfrühe fiel und die meisten Sonntagspläne zunichtemachte. Er schien vorerst nicht aufhören zu wollen; der Himmel war ein einziges Grau in Grau.

„Großmutti, hörst du nicht? Warum der liebe Gott so arg weint, sollst du mir sagen.“

„Aber Kind, die Regentropfen haben nichts mit Tränen zu tun, schon gar nichts mit den Tränen Gottes.“

„Aber wir haben doch im Kindergottesdienst gehört“, beharrte Peter auf seiner Meinung, „dass Jesus geweint hat bei – wie heißt doch die Stadt – bei Je – Je –?“

„Jerusalem“, half die Großmutter zurecht und dachte,

dass diese biblische Geschichte vielleicht doch etwas zu schwer für den fünfjährigen Enkel gewesen sei.

„Jerusalem“, bestätigte Peter. „Da hat er geweint, weil die Menschen so böse sind. Und meinst du nicht doch, dass die vielen Tropfen, die jetzt vom Himmel fallen, Tränen vom lieben Gott sein können?“

„Nein, Peter, gewiss nicht! Den Regen schickt der liebe Gott, dass unsere durstigen Felder und die Bäume und Blumen getränkt werden. – Und nun kommt vom Fenster herunter und malt dem Papa und der Mama ein schönes Bild mit euren Buntstiften.“

*

Die Mama und der Papa waren Felix und Mirjam Kernschmitt. Obgleich sie bei dem Regen dicht aneinandergedrängt unter einem Regenschirm Schutz suchend der Kirche zustrebten, in der ein Konzert stattfinden sollte, schienen sie sehr vergnügt zu sein.

„Weißt du“, sagte die junge Frau und hob ihr frisches Gesicht unter dem blonden Haar zu ihrem Mann empor, der sie um Kopfeslänge überragte, „ich glaube, der Regen ist recht günstig für uns. Die Kirche wird desto besser besucht sein. Bei strahlendem Sonnenschein wären viele lieber hinausgewandert oder -gefahren, als sich in die Kirche zu setzen.“

„Die rechten Sanges- und Musikfreunde wären trotzdem gekommen“, erwiderte ihr Mann, und aus seiner Stimme klang eine gewisse Selbstsicherheit.

*

„Ein total verdorbener Sonntag!“

„Wieso?“

„Na, sieh doch, es regnet immer stärker. Ich hatte mich so auf die Wanderung gefreut.“

„Die können wir noch lange machen.“

„Und was fangen wir mit dem Nachmittag an?“

Ludwig Kernschmitt, zwanzigjähriger Textilkaufmann, warf seiner Schwester einen fragenden Blick zu. „Seit wann bist du so phantasielos? Hast du dich denn nicht verabredet?“

Statt eine Antwort zu geben, wandte sich Melanie ihrer jüngeren Schwester zu. „Bleibst du heute Nachmittag auch zu Hause?“

„Nein, ich gehe ins Kirchenkonzert. Habt ihr denn keine Lust mitzugehen? Felix würde sich bestimmt freuen, wenn ihr an seinem Chor ein wenig Interesse zeigen würdet.“

„Danke! Ich bin völlig unmusikalisch.“ Ludwig zwinkerte Ruthild vielsagend zu.

„Aber nicht, wenn es um deine Schlagerschallplatten geht.“

„Lasst doch das Techtelmechtel!“ Melanie war in letzter Zeit oft gereizt. „Jeder geht dahin, wo er mag. Schon der Gedanke, dass meine holde Schwägerin mitsingt, genügt mir, dass ich nicht mitgehe.“

„Verstehst du dich immer noch nicht besser mit Mirjam?“ Ruthild war zu der Schwester getreten. „Dann wird es gut sein, wenn du bald heiratest; denn auf die Dauer mit einem Menschen zusammenzuleben, den man nicht ausstehen kann, denke ich mir schrecklich.“

„Es ist auch schrecklich, aber was bleibt mir anderes übrig, zumal ich gar nicht heiraten werde. Jedenfalls nicht den Hugo.“

„Was?“ Ludwig und Ruthild fragten wie aus einem Munde. „Wieso denn nicht?“ Melanie bemerkte wohl den Blick des Bruders, der wie tastend an ihr herabglitt, und konnte, obgleich es ihr peinlich war, nicht verhüten, dass sie errötete.

„Ich denke, es sei abgemachte Sache, dass ihr bald heiratet?“ Ruthild warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. „Wenn ich nicht zu spät zum Konzert kommen will, muss ich jetzt gehen. – Schade!“ Sie lachte der Schwester zu. „Ich hatte gedacht, zu deiner Hochzeit zum letzten Mal mein hübsches Sommerkleid anzuziehen, bevor ich ins Mutterhaus ginge.“

„Dazu bist du also fest entschlossen?“ Ludwig sah seine Zwillingsschwester mitleidig an. „Ich hab langsam aufgegeben, daran zu glauben, dass wir beide außer im Gesicht irgendeine Ähnlichkeit miteinander haben. Ich glaube, ich passe viel mehr zu Milla.“

Ruthild hatte, ohne auf seine Worte einzugehen, das Wohnzimmer verlassen und eilte die Treppe hinunter. Im ersten Stock öffnete sie die Glastür.

„Mutti, ich gehe jetzt! Schade, dass du nicht mitkommst. Milla bleibt ohnehin zu Hause.“

„Du weißt, sie versteht es nicht recht, mit den Kindern umzugehen.“

„Ludwig ist doch auch da.“

„Lass nur, Ruthild. Ich bleib jetzt schon hier. Aber du wirst dich beeilen müssen, sonst kommst du zu spät. Hast du einen Schirm bei dir?“

Mit einem kleinen Seufzer wandte sich Frau Kernschmitt wieder den beiden Kindern ihres ältesten Sohnes zu. Es war weder diesem noch seiner Frau eingefallen, daran zu denken, dass sie vielleicht auch gerne an dem Kirchenkonzert teilgenommen hätte. Beide hielten es für selbstverständlich, dass die Oma bei den Kindern blieb.

Ja, nun war sie schon seit fünf Jahren Großmutter und hatte zwei Enkelkinder. In einem halben Jahr würde sie ihren sechsundfünfzigsten Geburtstag feiern. – Fühlte sie sich alt? Es kam wohl darauf an, von welcher Lebenshöhe man das Alter ansah. – Ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie daran dachte, wie Ludwig vor Jahren einmal nach Hause gekommen war: „Mama, stell dir vor, wir haben eine neue Lehrerin bekommen. Die ist schon ganz alt.“

„Wie alt denn?“ hatte sie zurückgefragt, und Ludwig hatte mit einem prüfenden Blick auf sie geantwortet: „Na, etwa so alt wie du.“ Sie war damals noch nicht ganz vierzig Jahre gewesen. – Es war seltsam: manchmal fühlte sie sich jung und konnte herzhaft miteinstimmen in das fröhliche Lachen ihrer jungen Leute. Ein andermal kam sie sich so alt und müde vor, dass ihr alles zu viel wurde. Schließlich war es ja verständlich, dass sie früher gealtert war als andere Frauen, die ihre Kinder nicht allein hatten großziehen müssen wie sie. Ludwig hatte ihr erst gestern ein Kompliment gemacht. „Mutti, du siehst alle Tage jünger aus. Wenn ich nicht dein Sohn wäre, würde ich dir tatsächlich einen Heiratsantrag machen.“ Aber er wusste es immer schlau anzufangen, der Ludwig. Sein Geld war ihm wieder einmal ausgegangen, und er hatte sich für den Abend mit seiner Freundin verabredet. „Das musst du doch einsehen, Mutti, dass ich nicht ohne einen Pfennig mit Lilo ausgehen kann. Ich gebe es dir bestimmt zurück, sobald ich mein nächstes Gehalt bekomme.“

Sie hatte ihm zehn Mark gegeben, obwohl sie wusste, dass er vergessen würde, sie zurückzuerstatten. Er vergaß es gewöhnlich.

Es regnete noch immer. Wirklich ein trübsinniger Sonntagnachmittag! Die beiden Kinder, Peter und Doris, beschäftigten sich zum Glück still mit ihren Farbstiften.

Im unteren Fach des Bücherschranks sah Frau Kernschmitt das rote Album. Jedem ihrer Kinder hatte sie ein Fotoalbum mit Bildern aus ihren ersten Lebensjahren angelegt, jedes in einer anderen Farbe.

„Natürlich, Felix bekommt ein rotes“, hatten die anderen Kinder geneckt. „Rot ist die Liebe. Felix als Ältester ist dein Herzstück.“ Sie hatte nur gelächelt und ihrem Großen einen warmen Blick zugeworfen. Es stimmte, sie hing besonders an ihm. Wie hatte er ihr zur Seite gestanden in den schweren Jahren, die hinter ihr lagen! Bestand eigentlich heute noch das gleiche innige Verhältnis zwischen ihnen? Sie seufzte. Es wurde eben doch anders, wenn die Söhne heirateten, obgleich ihr Mirjam eine liebe Schwiegertochter war. Vor allem war man ihr und ihren Eltern sehr zu Dank verpflichtet – wenn man nur an die schöne Wohnung dachte und an so manches andere.

Frau Kernschmitt blätterte in dem Album von vorne nach hinten. Die ersten Blätter zeigten das Ostseebad Kolberg. – Kolberg, die alte, traute, aber längst verlorene Heimat! – Alles sah sie plastisch vor sich: die Apotheke am Markt, deren Inhaber ihr Vater gewesen war, die elterliche Wohnung im ersten Stock, in der sie mit ihren drei Brüdern aufgewachsen war. Sie sah sich mit den Brüdern und deren Freunden im großen Garten hinter dem Haus umhertollen. Sie tummelte sich mit ihnen am Strand oder in der See. – Überhaupt die Ostsee! Noch heute vernahm sie beim Einschlafen den anmutigen Schlag ihrer Wellen, das Rauschen im Sturm, das Brausen bei hoher See. Es war das Wiegenlied ihrer Kinderzeit. Unvergesslich der glatte Wasserspiegel im strahlenden Sonnenschein, das wechselvolle Farbenspiel auf der Wasserfläche: jetzt geheimnisvoll schillernd in Perlmutt, dann grün in allen Steigerungsmöglichkeiten – und wieder tiefblau bis zum Schwarz, die Wellen gekrönt mit weißen Schaumkronen, kommenden Sturm anzeigend. – Es gab keine Situation, in der sie nicht bereit gewesen wäre, sich mit ihren Brüdern und den Spielgefährten den Wellen anzuvertrauen. Hätte der Vater nicht ein energisches Machtwort gesprochen, sie hätten sich oft in Gefahr begeben. Erst als eine Schulkameradin in der See ertrunken war, wurde sie vorsichtiger. –

„Großmutti, bist du ein Hase?“

„Großmutti – Großmutti, du hörst gar nicht! – Bist du ein Hase?“

Frau Kernschmitt schrak aus ihrem Sinnen empor. Peter, ihr fünfjähriger Enkel, stand vor ihr.

„Du schläfst mit offenen Augen. Vati sagt, das tun die Hasen. Doris hat die ganze Wand im Kinderzimmer mit den Buntstiften vollgemalt.“

Frau Kernschmitt schrak empor. Die Wand im Kinderzimmer? – Um alles in der Welt, was würde Mirjam sagen! Sie war so peinlich sauber und duldete auch im Kinderzimmer nicht die geringste Unordnung.

Tatsächlich! Die dreieinhalb jährige Doris zeigte ihr beglückt ihr Gemälde. „Sieh mal, Großmutti! Das hab ich ganz allein gemacht.“ Frau Kernschmitt eilte in die Küche, um Wasser und Seife zu holen. Wie gut, dass im Kinderzimmer abwaschbare Wände waren! Aber Mirjams Augen würde die feuchte Stelle nicht entgehen.

*

Inzwischen hatte sich Melanie dem Bruder, zu dem sie ein persönliches Verhältnis besaß, anvertraut. „Ludwig, ich erwarte ein Kind.“

„Du bist verrückt! – Das heißt – seit ein paar Tagen habe ich es befürchtet.“

„Sieht man es mir denn schon so deutlich an?“

„Nein, aber – ich weiß auch nicht wieso. Ich habe es einfach geahnt. Und du sagst, du heiratest den Hugo nicht? – Weiß er denn nicht, dass du – dass du – ein Kind von ihm erwartest? – Oder ist er gar nicht der Vater?“

„Du – das verbitte ich mir. So eine bin ich denn doch nicht.“

„Na ja – aber warum heiratest du ihn denn nicht?“

„Frag nicht so dumm. Weil er schon verheiratet ist.“

„Was sagst du – der Hugo? – Hast du das denn nicht vorher gewusst?“

„Nein, eben nicht. Das ist ja gerade das Gemeine. Er hat es mir erst gestanden, als er wusste, wie es um mich steht. Beschwindelt hat der Kerl mich. Er hat mich im Glauben gelassen, dass er bei seinen Eltern wohnt und an jedem Wochenende zu ihnen fährt. Dabei geht er zu seiner Frau.“

„Ja, hat er denn nicht versprochen, dich zu heiraten? Ich denke, ihr wart euch einig?“

„Versprochen hat er es nicht direkt, immer nur so herumgeredet. Ich habe mich auch gewundert, dass er mich nie mit nach Hause zu seinen Eltern genommen hat.“

Eine Weile schwiegen beide. Dann fuhr Ludwig fort. „Aber was willst du jetzt tun?“

„Was soll ich tun? – Ich werde über mich ergehen lassen, was die Familie der verlorenen Tochter an heiliger Entrüstung entgegenbringt. Am meisten fürchte ich Mirjam und Felix. Sie sind ja so unantastbar. Ihnen würde natürlich so etwas nie passiert sein.“

„Na, Mutti wird sich auch nicht gerade freuen.“

„Aber sie wird sich damit abfinden. Jedenfalls bringe ich mein Kind auf die Welt.“

Ludwig kratzte sich hinter den Ohren. „Ich möchte nicht in deiner Haut stecken.“

„Pass du nur auf, dass es Lilo nicht eines Tages ebenso geht.“

Wütend erhob sich Ludwig. „Werde nicht anzüglich, Milla. Meine Lilo lässt du gefälligst aus dem Spiel. Und wenn es je einmal so käme, dann wäre ich bestimmt so anständig, sie zu heiraten.“

Auch Melanie war aufgestanden. Sie legte dem Bruder die Hand auf den Arm. „Werde nicht gleich ärgerlich. Ich habe es gar nicht so gemeint. – Wenigstens du musst zu mir halten. Die ganze übrige Familie wird sich ohnedies von mir abwenden, als sei ich aussätzig. Wenn du es auch so machen würdest, hielte ich es nicht aus.“

Irgendwie fühlte sich der um drei Jahre jüngere Bruder durch das Vertrauen Melanies geehrt. Ein wenig gönnerhaft klopfte er ihr auf die Schulter. „Na, du wirst wissen, dass du dich auf mich verlassen kannst. – Aber schau, es hört auf zu regnen. Wollen wir nicht doch noch auf den Berg fahren und die Wanderung machen? Wir holen Lilo ab.“

„Ach nein, nach dem Regen ist der Weg so aufgeweicht. – Und ich bin auf einmal so müde. – Fahr nur mit deiner Lilo. Ich bleibe heute lieber zu Hause.“

„Auf Wiedersehen, Milla!“ Ludwig streckte in einer Anwandlung von Mitleid der Schwester die Hand hin. „Du tust mir leid!“

„Dein Mitleid kannst du dir für günstigere Gelegenheiten sparen“, erwiderte Melanie. „Ich habe mir die Suppe eingebrockt, ich muss sie auch ausessen.“ Sie wandte sich ab, um ihre Tränen zu verbergen.

*

Das Kirchenkonzert war beendet. Felix Kernschmitt, der Dirigent, klappte die Partitur zu. Einige seiner Getreuen umstanden ihn. Mirjam lächelte ihn glückselig an. „Wie in unserer Brautzeit“, dachte Felix und erwiderte innig ihren Blick. Er wusste, sie war stolz auf ihn. Das Konzert war ein voller Erfolg gewesen. Sie verabschiedeten sich von den letzten Sängern, dann verließen sie Arm in Arm die Kirche.

„Es war großartig!“ flüsterte Mirjam ihrem Mann zu. „Heute hast du dich selbst übertroffen!“

„Du bist verliebt“, erwiderte er, beglückt über ihr Lob.

„Soll ich nicht?“ fragte sie zurück und kniff ihn sacht in den Arm.

„Doch, immer! Am liebsten würde ich dir jetzt einen Kuss geben. Ich bin's nämlich auch.“

„Was?“

„Verliebt in dich. Je länger, desto mehr.“

„Sieh, Felix, dort drüben steht der Bürgermeister mit seiner Frau. Er nickt zu dir herüber. Sie waren beide im Konzert.“ Wohlwollende Blicke begegneten denen des jungen Ehepaars. Die Kirche war überfüllt gewesen.

„Ich bin so glücklich, Felix.“ Mirjam drängte sich an ihn. „Immer habe ich mir einen Mann gewünscht, der erfolgreich wäre.“

„Bin ich das?“

„Komm – tu nur nicht so ahnungslos. Du weißt es selbst nur zu genau.“

„Eigentlich ist es schade, dass Mutter nicht am Kirchenkonzert teilnehmen konnte. Sie hätte sich bestimmt darüber gefreut.“

Mirjam warf den hübschen Kopf zurück, ohne sich dieser Bewegung bewusst zu sein. „Einer muss schließlich bei den Kindern sein. Das nächstemal werde ich zu Hause bleiben.“

„Aber Mirjam, so war das doch gar nicht gemeint.“

„Übrigens hat Mutter sich selbst angeboten. Sie bemüht sich wirklich, sich erkenntlich zu zeigen für das, was wir – was meine Eltern für deine Familie getan haben.“

„Ja, natürlich!“

Nach einer Weile hob die junge Frau den Kopf. „Du bist plötzlich so schweigsam, Felix?“

„Ich bin müde!“ gab er zur Antwort; sie spürte jedoch deutlich, dass ihn etwas anderes bewegte, und es wollte sie kränken, dass er es ihr nicht anvertraute.

*

Am Abend dieses Tages saß Frau Kernschmitt allein in ihrem Wohnzimmer – wie jetzt eigentlich immer. Ludwig war mit Lilo ins Kino gegangen, Ruthild besuchte eine Freundin, Michael nahm an einem Vortrag des CVJM teil, und wo Melanie war, wusste sie nicht. Was wusste sie überhaupt noch von dieser Tochter? Schon als Kind war sie viel komplizierter gewesen als die anderen Geschwister. Sie hatte sich als einzige geweigert, die Oberschule zu besuchen. Gleich nach der Schulentlassung war sie in eine Lehrstelle als Verkäuferin gegangen. Seit Beendigung der Lehrzeit hatte sie schon wiederholt die Stelle gewechselt. Flüchtig war ihr Wesen. Frau Kernschmitt dachte an diese Tochter nicht ohne Sorge.

Wie erstaunte sie, als die, mit der sie sich soeben beschäftigt hatte, plötzlich das Zimmer betrat und sich zu ihr setzte. Frau Kernschmitt fühlte: Es kam etwas auf sie zu, es griff etwas nach ihrem Herzen. Angst legte sich lähmend auf sie.

„Es ist gut, dass ich dich allein antreffe“, sagte Melanie unvermittelt, nachdem sie einige Augenblicke wortlos beieinander gesessen hatten. Gerade hatte Frau Kernschmitt gedacht, ob es wirklich so weit gekommen sei, dass sie sich nichts mehr zu sagen hatten!

„Ich muss mit dir reden, Mutti.“

„Es ist lange her“, erwiderte Frau Kernschmitt und konnte es nicht verhüten, dass ihre Stimme bitter klang, „dass du mit einem Anliegen zu mir kamst.“

„Heute bleibt mir nichts anderes übrig. Es ist besser, du erfährst es von mir selber.“

Angstvoll waren Frau Kernschmitts Augen auf ihre Tochter gerichtet.

„Ich erwarte ein Kind. Es ist von Hugo. Ich habe nicht gewusst, dass er verheiratet ist. Er hat mich gemein belogen. – Sieh mich nicht so entsetzt an, Mutter. Es ist nun einmal so. Ich muss mich damit abfinden. Schließlich bin ich nicht die einzige, die ein uneheliches Kind bekommt. Eines Tages werde ich mich trotzdem verheiraten. So lange bleibt das Kind in einem Säuglingsheim. Dir kann ich es ja schon wegen der heiligen Familie unter uns nicht zumuten, es aufzuziehen – obgleich ich es nicht umsonst haben wollte. –

Ist dir schlecht, Mutter, dass du so bleich geworden bist? Doch nicht etwa wegen mir? Das wäre unnötig. Ich werde meinen Weg schon finden. Aber ich weiß, wovor du Angst hast – vor Felix und Mirjam. Es ist mir völlig gleichgültig, was sie von mir denken. Aber ich will nicht, dass sie es dich fühlen lassen. Darum habe ich mir folgenden Plan gemacht: Am nächsten Ersten, das ist in vierzehn Tagen, kündige ich im Geschäft. Dann ziehe ich in die Kreisstadt. Dort besteht für schwangere Mädchen die Möglichkeit, vor der Entbindung in der Frauenklinik zu arbeiten. – Auch diese Zeit geht vorüber. Dem Hugo, dem Schuft, möchte ich es gerne heimzahlen – aber ich weiß noch nicht wie. Irgendwie muss er seine Gemeinheit büßen. –

So, Mutter, nun weißt du's. Wie es nachher weitergeht, wird man sehen. Ich zerbreche mir jetzt noch nicht den Kopf darüber.“

Melanie stand auf. „Mit Ludwig habe ich heute Nachmittag bereits gesprochen. Wie du es mit den anderen halten willst, ist deine Angelegenheit, Mutter. Einmal werden sie es doch erfahren.“ Sie wollte das Zimmer verlassen.

Nun richtete sich Frau Kernschmitt auf. Während ihre Tochter ohne Unterbrechung auf sie eingeredet hatte, war sie in ihrem Sessel zusammengesunken. „Setz dich noch einmal, Melanie“, sagte sie jetzt und vermochte in diesem Augenblick nicht, den sonst üblichen Kosenamen „Milla“ anzuwenden. Schon als Kind hatte die Tochter gewusst: wenn Mutti „Melanie“ sagte, war es ernst. Zögernd ließ sie sich noch einmal nieder.

„Ich wüsste nicht, was in dieser Sache noch zu reden wäre. Moralpredigten kannst du dir sparen, Mutter. Sie würden die Sache nicht mehr ändern.“

„Das stimmt“, erwiderte Frau Kernschmitt. „Zu ändern ist nichts mehr. Vielleicht wird dir die Verantwortung für dein Kind dazu verhelfen, das Leben von einer anderen Seite anzusehen. Von mir hast du dir ja leider schon lange nichts mehr sagen lassen. Unter Umständen findest du den Weg wieder zu mir, wenn du selbst ein Kind hast. Trotzdem tut mir das kleine Geschöpfchen schon heute leid.“

Melanie warf den Kopf zurück. „Du solltest endlich deine veralteten Ansichten begraben. Als ob ein uneheliches Kind nicht ebenso viel wert ist wie ein anderes!“

„Selbstverständlich ist es ebenso viel wert und kann ein tüchtiger Mensch werden. Aber die, die es in die Welt setzen, werden an ihm schuldig, wenn sie ihm nicht ein warmes Nest und ein geordnetes Familienleben bieten. Jedes Kind hat Anspruch auf Vater- und Mutterliebe, auf Umsorgt- und Geliebtsein. Du sprichst schon jetzt davon, dass du es gleich nach der Geburt fremden Händen überlassen willst.“

Melanie erhob sich aufs Neue. „Meinem Kind wird einmal nichts abgehen. Spare dir alles weitere, Mutter. Ich werde dir mit meinem Kind einmal nicht zur Last fallen, sondern wie bisher meine eigenen Wege gehen.“

Frau Kernschmitt saß wieder allein. Da war nun zu dem bereits Vorhandenen diese neue Last auf ihre Schultern gelegt. Wenigstens dachte Milla nicht daran, das Kind aus dem Weg zu schaffen. – Hätte sie es nur Felix schon gesagt! Ihr bangte vor dem, mehr noch aber vor der Reaktion Mirjams. Die war so selbstsicher. Ihr Weg war bisher gerade verlaufen. Sie würde der Schwägerin weder Verständnis noch Nachsicht entgegenbringen. Nicht einmal das Wort Jesu: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“, würde ihr etwas zu sagen haben. Sie hielt sich für so einwandfrei, dass sie meinte, vor Gott bestehen zu können.

Frau Kernschmitt hatte nach dieser Unterredung eine schlaflose Nacht. Unentwegt quälte sie die Frage: „Bin ich an Melanie schuldig geworden?“ War es nicht seit zehn Jahren wie ein Verhängnis, dass sie sich bei allem, was die Kinder bewusst oder unbewusst falsch machten, diese Frage vorlegen musste: „Bin ich nicht im tiefsten Grunde selbst die Ursache?“ Zeitweise hatte sie versucht, sich über diesen Gedanken hinwegzusetzen, aber immer wieder tauchte er auf. Wenn Frau Kernschmitt auch von Vergebung ihrer eigenen Schuld wusste, so musste sie doch die Folgen ihres Fehltritts tragen. Gehörte zu diesen nicht auch die Erkenntnis, dass sie nicht fähig gewesen war, ihre eigenen Kinder zu bewahren? –

Stunde um Stunde blätterte sie im Lauf der Nacht in dem Buch ihrer Erinnerung.

Fröhliche Episoden ihrer Kindheit zogen an ihrem geistigen Auge vorüber.

Da war das Kolberger Kinderfest, an dem sie in weißem Kleid mit breiter Schärpe im Festzug hinter der Musikkapelle geschritten war, strahlend und glücklich wie alle Kinder, die es miterleben durften. – Da war der Frühkonzertplatz mit dem Musikpavillon und den sorgsam gepflegten Rasenflächen, Rosenhecken und Ziersträuchern. Dort blühte und duftete es in den Sommermonaten, dass es eine Pracht war. Zwischen den promenierenden Kurgästen bewegte sich an den Festtagen auch Annemarie Kernschmitt, die damals noch Weißenfels hieß. Die einzige Tochter des Apothekers galt als kleine Schönheit. Sie nahm es beinahe als selbstverständlich hin, dass sich schon sehr früh ein Kreis jugendlicher Verehrer um sie scharte. Sie war eine gute Schülerin und hatte den Wunsch, Lehrerin zu werden. Der Vater hätte gern gehabt, dass sie Apothekerin geworden wäre, um einmal später sein mit großem Fleiß aufgebautes Werk fortzuführen, zumal keiner der Söhne sich entschließen konnte, den Beruf des Vaters zu übernehmen; aber auch Annemarie spürte nicht die dazu notwendige Neigung und Freudigkeit. Da sie sehr an ihrem Vater hing, hätte sie schließlich ihm zuliebe diesen Beruf ergriffen. Andererseits war sie sehr kinderlieb und interessierte sich viel mehr für eine Tätigkeit auf erzieherischem Gebiet. Unter ihren Freunden aus der Oberschule befand sich eine Lehrerstochter, deren Vater eine vierklassige Schule in einem Fischerdorf nicht weit weg von Kolberg leitete. Annemarie verbrachte manche Stunde in diesem Lehrerhaus und wurde von dem Vater ihrer Freundin öfters mit in die Schule genommen. Es erschien ihr damals verlockend, Volksschüler zu unterrichten. Darum war sie glücklich, als der Vater ihr seine Zustimmung zur Wahl des Lehrerberufs gab. Die lange und schwere Krankheit ihrer Mutter, deren Pflege sie als einzige Tochter übernehmen musste, machte allerdings einen Strich durch ihren Plan, nachdem sie über ein Jahr ein Lehrerseminar in Berlin besucht hatte.

Annemaries Brüder brachten einen Schulfreund mit nach Hause. Er war der einzige und ziemlich verwöhnte, allezeit zu lustigen Streichen aufgelegte Sohn eines Bankdirektors. Die Ehe seiner Eltern war geschieden. Er lebte mit seiner Mutter, die einen Modesalon hatte, in Kolberg. Nicht nur seiner gepflegten, gut sitzenden Anzüge wegen imponierte er den Brüdern; er war auch ein witziger und immer fröhlicher Kamerad, stets bei allen Unternehmungen der Tonangebende und sehr bald auch ein glühender Verehrer Annemaries. Mehr noch als an ihre Brüder hatte Walter Hof fing sich dem Bruder der Freundin Annemaries angeschlossen. Michael Kernschmitt, der Lehrersohn aus dem Fischerdorf, besuchte die Realschule mit Walter Hof fing und Annemaries Brüdern. Es war eigenartig, dass gerade diese beiden Jungen sich einander angeschlossen hatten. Michael war im Gegensatz zu Walter still, bescheiden, beinahe scheu. An Fleiß und Leistung übertraf er jedoch Walter, der in derselben Klasse war wie er. – Auch Michael kam oft in das Apothekerhaus. Annemarie glaubte bald zu wissen, dass auch er sie gern sah. Nie aber zeigte er irgendwelche Zuneigung zu ihr oder deutete eine solche auch nur im entferntesten an. Als junges, ihrer Schönheit wohl bewusstes Mädchen kokettierte sie einmal mit diesem, einmal mit dem anderen und fand Gefallen an diesem Spiel.

Lange Zeit betrachteten die Eltern die Freundschaft zwischen den jungen Leuten als eine völlig harmlose Angelegenheit und ließen die einzige Tochter unbesorgt mit den Freunden der Brüder Segelbootfahrten oder Wanderungen unternehmen, mit ihnen zum Tennisspielen und Schwimmen gehen. Dann aber kam die Zeit, wo Annemaries Vater seine Tochter beiseite nahm und ihr im Tone der Besorgnis sagte: „Sei ein wenig zurückhaltend, Annemie. Du bist jetzt kein Kind mehr. Ich möchte nicht, dass du einem der beiden jungen Männer Hoffnung machst, wo nichts zu hoffen ist. – Ich nehme doch nicht an, dass du dich entschließen könntest, einen von ihnen als deinen Ehegatten zu wählen.“

Die junge Annemarie hatte damals dem Vater ins Gesicht gelacht. „Vielleicht nehme ich sie beide. Erst den einen und dann, wenn ich seiner überdrüssig bin, den anderen. Ich weiß nur noch nicht, mit wem ich anfange.“

Da hatte der Vater fast erschrocken geantwortet: „Annemie, mit diesen Dingen spaßt man nicht. Wenn ich euch manchmal so beobachte, dann meine ich, es sei bei den beiden jungen Männern mehr als nur eine Kinderfreundschaft. Jedenfalls seid ihr jetzt dem Kindesalter entwachsen. Keinen von beiden könnte ich mir als meinen Schwiegersohn vorstellen. Walter ist mir zu leichtlebig. Ich habe immer die Besorgnis, er mache im Leben einmal eine große Dummheit. Sein Vater soll ein ganz leichter Vogel sein. Kein Wunder, dass seine Mutter sich von ihm hat scheiden lassen. Michael dagegen ist ein guter, solider Mensch. Aber er kommt mir manchmal zu unentschlossen vor. Er wäre bestimmt nicht der rechte Mann für dich, Annemie.“

„Wie müsste denn der aussehen und beschaffen sein“, hatte sie damals, noch immer lachend, den Vater gefragt, „den du deiner einzigen Tochter genehmigen würdest?“

Da hatte er den Arm um sie gelegt und in tiefer Bewegung gesagt: „Nur den Besten, den Treusten, den, der mein Kleinod auch zu würdigen weiß.“

Nein, sie hatte es damals nicht vermocht, dem Vater zu sagen, dass Walter oft recht anzüglich war, dass er schon manchmal, wenn sie etwa des Abends miteinander am Strand entlang gingen, heiße Liebesschwüre getan und ihr beteuert hatte, nie ein Mädchen außer ihr lieben zu können. Aber sie wusste, dass er ein Schwätzer war, und nahm seine Redensarten nicht ernst. Allerdings hätte sie – das war ihr heute in der Rückschau klar – seine leidenschaftlichen Küsse nicht dulden dürfen.

Michael war ganz anders. Bisweilen glaubte sie, auch von ihm her eine tiefe Zuneigung zu spüren. Aber er war ihr eher wie ein Bruder, zuverlässig und unbedingt wahrhaftig. Wenn sie in Not gewesen wäre, hätte sie tausendmal eher den Weg zu ihm als zu Walter gefunden.

Auch mit Michael war sie öfters in jenen Jahren bei Mondschein am Strand entlang gegangen. Aber nur an ein einziges Mal erinnerte sie sich, bei dem er in jener Zeit ihre Hand ergriff und drückte – zaghaft und doch auf Bejahung hoffend. Sie aber war damals kühl und unzugänglich gewesen, bereits wach geworden durch das ungestüme Wesen Walters. Irgendetwas Großes musste kommen – etwas, was sie aus den Grundfesten ihres bisherigen Lebens riss. Wer hätte es anders sein können, der ihr zu solchem Erleben verhalf als Walter? Sie war sich damals trotz der besorgten und warnenden Worte des Vaters darüber klar, dass sie, sollte Walter ernstlich um sie werben, ihn und keinen anderen nehmen würde. Obgleich sie noch nicht ganz zwanzig Jahre alt war, wartete sie sehnsüchtig auf diesen Augenblick.

Wie kurz ist eine Nacht und doch wie lang! – Lang genug, um ein ganzes Leben noch einmal durchzugehen.

Sie hatten sich zu einer Segelfahrt verabredet: die Brüder, Gisela, die Lehrerstochter, ihr Bruder Michael und Walter Hoffing. Es war am Vortag von Annemaries 20. Geburtstag. – Walter kam nicht. Nachdem man beinahe eine Stunde gewartet hatte, entschloss man sich, ohne ihn zu segeln.

Ein herrlicher Maientag war es. Kleine Vögel wiegten sich auf den Ästen der Birken, die den Strand säumten. Möwen schossen über das Wasser, und die Segel blähten sich im leichten Maienwind. Annemarie bemühte sich, ihre Enttäuschung zu verbergen. Sie saß neben Gisela im Boot, hatte ihre Hand spielend ins Wasser getaucht und blickte verträumt in die Tiefe, als könne sie diese mit ihren Augen durchdringen. Warum war Walter nicht gekommen? – Heute am Vortag ihres Festes?

Am nächsten Abend erschien er, als sei keine Segelfahrt verabredet gewesen. Als er nach dem Grund seines Fernbleibens gefragt wurde, hatte er sofort eine Ausrede bereit und verstand es, durch seine Heiterkeit, einen wundervollen Rosenstrauß und eine entzückende Bernsteinkette, die er Annemarie überreichte, ihre Bedenken zu zerstreuen.

Dann hatte sie ihn zum ersten Mal auf dem Frühkonzertplatz mit einem fremden Mädchen gesehen. Er hatte sie ihr lachend als eine gute Bekannte seiner Mutter vorgestellt. Sie aber hatte in jenem Augenblick gewusst, dass er sie anlog, und deutlich gefühlt, dass dieses übermoderne Mädchen Walter bereits ganz für sich eingenommen hatte. Fast hochmütig blickte sie auf die Apothekertochter herab, die sich zwar auch gerne hübsch kleidete und Gefallen daran fand, wenn ein junger Mann sie verehrte. Dennoch war es etwas anderes. Die Fremde wusste mehr vom Leben als Annemarie. Sie war eine wissende Frau, obgleich sie nicht viel älter schien als Annemarie.

Tatsächlich verlobte Walter sich bald darauf mit ihr, obgleich er sein Studium als Architekt noch nicht beendet hatte. Annemarie war zutiefst getroffen. Aber sie zeigte niemand, was in ihr vorging. Verzweifelt lief sie am Abend seiner Verlobung, zu der Walter auch sie und die Freunde eingeladen hatte, allein am Strand entlang. Sie hatte vorgegeben, krank zu sein. War sie es nicht in Wirklichkeit gewesen? Er hatte mit ihr getändelt und sie dann wie ein Spielzeug, das einem nicht mehr gefällt, weggeworfen, nachdem das andere Mädchen in seinen Gesichtskreis getreten war.

Nicht lange danach hatte Michael Kernschmitt bei den Eltern um ihre Hand angehalten. Sie selbst hatte ihm aus Trotz gegenüber Walter ihr Jawort gegeben. Der sollte nicht meinen, dass sie ihm nachtraure, wenn auch ihr Herz den Schlag nicht so schnell verwunden hatte. Sie mochte Michael, den Treuen, Aufrichtigen, gut leiden, obgleich sie nicht von himmelstürmender Liebe ihm gegenüber hätte reden können. –

Treuherzig hatte er zu ihr gesagt: „Ich meinte immer, Walter wolle dich heiraten, und hätte mich nie zwischen euch drängen wollen. Eine Zeitlang glaubte ich, du würdest dir nichts aus mir machen – aber nun bin ich anderer Meinung und habe nur einen Wunsch, dich glücklich zu machen.“

Guter Junge, hatte Annemarie gedacht. Ich bin froh, dass du nicht in mein Herz blicken kannst. Ich hab dich wirklich gern, aber die große Liebe meines Lebens wäre Walter gewesen.

Kurze Zeit später war ihre Mutter gestorben. Das schwere Kranken- und Sterbelager war nicht ohne Einfluss auf Annemarie geblieben. Sie war nicht mehr das völlig unbeschwerte, junge Mädchen.

Der Vater hatte schweren Herzens seine einzige Tochter dem einfachen Lehrer gegeben. Aber wenn Annemarie ihn liebte? Er zweifelte keinen Augenblick daran, dass es so sei. – Schließlich wollte er sie glücklich sehen. Walter hatte mit seiner jungen Frau eine Fahrt nach Schweden zu seinem Vater gemacht. Annemarie bat Michael, mit ihr ebenfalls eine Hochzeitsreise zu machen. Sie bestürmte ihren Vater. „Nicht wahr, Vater, du hilfst uns finanziell? Michaels Gehalt ist nicht so groß.“ – Und der Vater finanzierte die Reise nach Wien.

Als Frau Kernschmitt in jener schlaflosen Nacht mit ihren Gedanken hier angekommen war, hätte nicht viel gefehlt und sie wäre, ohne noch an die eigentliche Ursache des fliehenden Schlafs zu denken, völlig in Erinnerungen an diese unvergleichlich schöne Reise versunken, zumal es die letzte wirklich unbeschwerte Zeit ihres Lebens gewesen war.