Lockruf der Highlands - Janet Chapman - E-Book
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Lockruf der Highlands E-Book

Janet Chapman

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Beschreibung

Spritzige Dialoge und prickelnde Erotik – einfach unwiderstehlich

Seit Camry MacKeage ihren Job bei der NASA verloren hat, versteckt sie sich in einem kleinen Nest in der Wildnis. Ihre Eltern erfahren dies von einem Fremden und beauftragen ihn, ihre Tochter zu suchen. Camry fühlt sich magisch zu dem attraktiven Fremden hingezogen, der plötzlich in Go Back Cove auftaucht. Doch sie weiß nicht, dass der Mann, mit dem sie heiße Küsse tauscht, ausgerechnet Lucian Renoir ist – der Wissenschaftler, der ihre Arbeit bei der NASA sabotiert hat …

Die »Highlander«-Reihe:
Band 1: Das Herz des Highlanders
Band 2: Mit der Liebe eines Highlanders
Band 3: Der Ring des Highlanders
Band 4: Der Traum des Highlanders
Band 5: Küss niemals einen Highlander
Band 6: In den Armen des Schotten
Band 7: Lockruf der Highlands

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Seitenzahl: 329

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Buch

Seit Camry MacKeage ihren Job bei der NASA verloren hat, versteckt sie sich in einem kleinen Nest in der Wildnis. Ihre Eltern erfahren dies von einem Fremden und beauftragen ihn, ihre Tochter zu suchen. Camry fühlt sich magisch zu dem attraktiven Fremden hingezogen, der plötzlich in Go Back Cove auftaucht. Doch sie weiß nicht, dass der Mann, mit dem sie heiße Küsse tauscht, ausgerechnet Lucian Renoir ist – der Wissenschaftler, der ihre Arbeit bei der NASA sabotiert hat …

Autorin

Janet Chapman ist das jüngste von fünf Kindern. Schon immer hat sie sich Geschichten ausgedacht, aber erst mit ihrem ersten Roman »Das Herz des Highlanders« begann die Gewinnerin mehrerer Preise, professionell zu schreiben. Janet Chapman lebt mit ihrem Mann, ihren zwei Söhnen, drei Katzen und einem jungen Elchbullen, der sie regelmäßig besucht, in Maine.

Besuchen Sie uns auch auf www.facebook.com/blanvaletund www.instagram.com/blanvalet.verlag

Janet Chapman

Lockruf der Highlands

Roman

Deutsch von Anke Koerten

blanvalet

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2009 unter dem Titel »A Highlander Christmas« bei Pocket Star Books, A Division of Simon & Schuster, Inc., New York.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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Copyright © der Originalausgabe 2009 by Janet Chapman

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2011 by Blanvalet Verlag,in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München Covergestaltung: © Johannes Wiebel | punchdesign, unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com (Volodymyr TVERDOKHLIB; vishstudio; Stephen Robertso; 55th) LH · Herstellung: sam Satz: Buch Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-10623-2 V003

www.blanvalet.de

1

Das Einzige, was Grey davon abhielt, dem vor Kälte bibbernden Mann, der vor ihrem Kamin kauerte, den Hals umzudrehen, war der Umstand, dass er seiner Frau Grace nicht noch mehr Aufregung zumuten wollte, denn sie war schon kreidebleich. Greylen MacKeage beließ es daher bei einem finsteren Blick, den er seinem Schwiegersohn Jack Stone zuwarf; er war der zuständige Polizeichef hier und hatte ihnen den halb erfrorenen Mann ins Haus gebracht.

Von der Neuigkeit ebenso verblüfft, zuckte Jack nur die Schultern.

»Würden Sie wohl wiederholen, was Sie soeben gesagt haben, Mr. Pascal?«, flüsterte Grace, die Armlehnen ihres Sessels umklammernd. »Ich fürchte, dass ich Sie nicht richtig verstanden habe.«

Luke Pascal, der sich die Hände am Feuer wärmte, drehte sich um. Sein beunruhigter Blick schoss zu Grey hinüber, bevor er ihn wieder auf Grace richtete. »Als ich vor ein paar Monaten zur NASA ging, um Camry zu treffen, sagte man mir, dass sie seit Dezember vergangenen Jahres nicht mehr dort arbeitet. Und als ich zu ihrer Adresse fuhr, stellte ich fest, dass sie ihre Wohnung irgendwann im letzten Frühjahr verkauft hat. Es tut mir leid, wenn ich Ihnen einen Schrecken eingejagt habe, Dr. Sutter, aber ich nahm an, dass Ihnen das bekannt war.«

Verdammt, wenn Pascal nicht endlich aufhörte, seine Frau mit »Dr. Sutter« anzusprechen, würde Grey den Kerl doch noch eigenhändig erwürgen. »Und woher kennen Sie unsere Tochter?«, fragte er.

Luke Pascal richtete sich auf und wandte sich Grey zu. »Ich stand mit Camry per E-Mail schon länger in Verbindung.« Er wand sich vor Unbehagen. »Bis zum Sommer, als sie plötzlich nicht mehr antwortete.«

Grace sprang so unvermittelt auf, dass Pascal zurückwich. »Dann sind Sie also der Franzose, der Camry an den Rand des Wahnsinns getrieben hat?«

Pascals von der Kälte gezeichnetes Gesicht errötete. »Ich würde eher sagen, dass wir in einer lebhaften wissenschaftlichen Diskussion begriffen waren. Es war gewiss nicht meine Absicht, sie in den Wahnsinn zu treiben.« Er zuckte unmerklich zusammen. »Wenn ich allerdings an einige ihrer E-Mails denke, wird mir klar, dass ich ein- oder zweimal durchaus einen empfindlichen Nerv getroffen haben könnte.«

»Und mit den E-Mails war letzten Sommer Schluss, sagen Sie?«

»Gleich nachdem ich ihr vorschlug, dass ich nach Amerika kommen könnte, um dort mit ihr zusammenzuarbeiten.«

»Und meine Tochter hielt das für keine gute Idee?«, fragte Grey und lenkte damit die Aufmerksamkeit Pascals, der noch einen Schritt zurückwich, wieder auf sich.

»Aus ihrer letzten Nachricht zu schließen, muss ich wohl sagen, dass sie es für keine gute Idee hielt«, antwortete Pascal.

»Und trotzdem sind Sie gekommen.«

Ihr langsam auftauender Gast blickte Grace an. Ihm war klar, dass sie die Wissenschaftlerin in der Familie war und er gut daran tat, sich an sie zu halten. »Ich stehe knapp davor, das Geheimnis des Ionenantriebes zu lüften«, erklärte er, wobei er Daumen und Zeigefinger einen Zentimeter breit auseinanderhielt. »Und ich war überzeugt, dass wir binnen eines Jahres einen funktionsfähigen Prototyp auf die Beine hätten stellen können, wenn Camry und ich das Problem gemeinsam angepackt hätten.«

»Und wie lautete ihre Antwort?«

»Ein kurz und bündiges Nein«, murmelte er und rückte wieder näher ans Feuer heran. Der Blick seiner tiefblauen Augen wanderte von Grace zu Grey. »Sie haben das ganze letzte Jahr nicht mit ihr gesprochen?«

Jack schnaubte, und Grey warf ihm kurz einen finsteren Blick zu, um ihn sodann auf Pascal zu richten. »Camry war ein paar Mal zu Hause und ließ uns stets in dem Glauben, sie würde wie immer nach Florida zurückkehren.«

»Seit sie ein Handy hat«, warf Grace ein, »rufen wir sie allerdings nicht mehr im Labor an.« Sie sank wieder auf ihren Sessel und schüttelte den Kopf. »Erst vor einigen Tagen habe ich mit ihr gesprochen, und sie erzählte, es gehe mit ihrer Arbeit großartig voran.« Sie schaute Grey bekümmert an. »Warum hat sie uns verschwiegen, dass sie nicht mehr bei der NASA arbeitet? Und wo lebt sie jetzt, wenn sie ihre Wohnung verkauft hat?«

Grey, dem es widerstrebte, Familienangelegenheiten vor Fremden zu besprechen, ging voraus in den Flur. »Kommen Sie, Pascal, ich bringe Sie ins Hotel.«

»Nein!« Grace sprang auf. »Luke bleibt hier auf Gù Brath!«

»Das ist nicht nötig«, erwiderte Pascal, der ganz richtig erkannt hatte, dass Grey ihn aus dem Haus haben wollte. »Ich möchte Ihnen wirklich nicht zur Last fallen. Ein paar Tage in einem warmen Bett, um aufzutauen«, sagte er mit unwillkürlichem Frösteln, »und reichlich warmes Essen, dann bin ich schon wieder fit. Ich muss ohnehin schleunigst zurück nach Frankreich, bevor ich noch meinen Job verliere.«

»Und ich dachte, Sie wären gekommen, um mit Camry zusammenzuarbeiten?«

»Aber Camry hält nichts von einer Zusammenarbeit mit mir, Dr. Sutter.«

Grace tat seine Antwort mit einer Handbewegung ab, nahm unvermittelt seinen Arm und ging mit ihm an Grey vorbei zur Treppe, die zu den Schlafzimmern oben führte. »Bitte, sagen Sie Grace zu mir. Seit Jahren spricht mich niemand mehr mit meinem Titel an. Wo ist Ihr Gepäck?«

»In meinem Mietwagen, irgendwo draußen einen Meter unter dem Schnee begraben«, erwiderte Luke. »Ich hatte ja keine Ahnung, dass in Maine zu Winteranfang so heftige Schneestürme toben. Ich dachte, Februar und März wären eigentlich die Schneemonate. Ich muss an die zehn Meilen gelaufen sein, bis schließlich Polizeichef Stone auf seinem Motorschlitten daherkam.«

Grace blieb am Fuß der Treppe stehen und drehte sich zu den Männern um. »Jack, könntest du dich auf die Suche nach Lukes Wagen machen und seine Sachen holen?«

Jack nickte. »Kein Problem, Mutter Mac.«

Sie stieg die Treppe hinauf, Luke noch immer im Schlepptau. »Bis dahin suche ich etwas für Sie zum Anziehen, und während Sie heiß duschen, richte ich rasch etwas zu essen für Sie her.«

Von der Galerie aus warf Luke einen letzten wachsamen Blick hinunter in die Diele, ehe er über den Korridor weiterging.

Grey drehte sich zu seinem Schwiegersohn um, doch Jack hob beschwichtigend die Hand. »Gib mir zwei Stunden, und ich werde dir über Luke Pascal alles sagen können, was du wissen möchtest – bis hin zu seinem Geburtsgewicht.«

»Und du wirst herausfinden, wo zum Teufel Camry steckt.«

»Das könnte sich als etwas komplizierter erweisen«, gab Jack zu bedenken. »Wenn Cam uns ein Jahr lang über ihre Arbeit und ihren Wohnsitz hinters Licht führen konnte, ist sie sicher klug genug, keine Spuren zu hinterlassen.«

»Ich werde sie anrufen, dann kannst du ihr Handysignal orten.«

Jack schüttelte den Kopf. »Dazu müsste man das FBI einschalten, und ich bezweifle sehr, dass die Burschen die Suche eines Vaters nach seiner erwachsenen Tochter als Bedrohung der staatlichen Sicherheit ansehen.«

»Dann greifst du eben auf deine eigene Erfahrung beim Aufspüren von Ausreißern zurück.«

»Es hat oft Monate gedauert, bis ich diese Kinder finden konnte, Grey, und dann war es meist reines Glück. Vielleicht können ja Winter oder Matt mithelfen. Oder Robbie.«

»Nein, ich möchte niemand anderen mit hineinziehen. Camry hat ja auch sie belogen, und ich will zuerst den Grund herausfinden und sie nicht womöglich unnötig vor der ganzen Familie bloßstellen.«

Jack nickte. »Kann ich verstehen. Ich werde unauffällig ihre Spur aufnehmen. Das könnte allerdings eine Weile dauern. Außerdem steigt zur Wintersonnenwende ohnehin die große Geburtstagssause. Da kannst du sie ja dann fragen, was los ist.«

»Sie kommt diesmal nicht. Sie hat behauptet, sie könne sich nicht von der Arbeit loseisen.«

»Das tut mir aber leid. Es ist hart, von einem Fremden zu erfahren, dass man von der eigenen Tochter belogen wurde. Ich kann mir nicht vorstellen, was sie dazu bewogen hat.« Jack lachte leise. »Von allen deinen Mädels war Cam immer für allerhand Überraschungen gut, aber blanke Lügen?« Er schüttelte den Kopf. »Das hätte ich nie erwartet.«

Grey warf einen Blick zur Galerie hinauf. »Sie ist nicht die Einzige, die hier lügt. Luke Pascal glaube ich nur, dass er vom Schneesturm überrascht wurde. Sein Bart und der Zustand seiner Kleidung verraten, dass er schon eine ganze Weile draußen im Freien kampiert hat. Wo genau hast du ihn eigentlich aufgegabelt?«

Jack ging zur Tür und legte die Hand auf den Knauf. »An die zwanzig Meilen nördlich der Stadt. Auf einer der Forststraßen zum Springy Mountain.«

»Und welche Begründung hat er dir gegeben, dass er sich im finsteren Wald herumtreibt?«

»Er hat angeblich nach einem alten Camp gesucht, das seinerzeit seinem Großvater gehörte. Doch als ich mich vorstellte, erwähnte er sofort Camrys Namen. Da wusste ich, dass er nach diesem Ding da suchte, das letzten Sommer vom Himmel gefallen und hier irgendwo im Norden zu Boden gekracht ist.« Jack blickte zur leeren Galerie hinauf, dann sah er wieder Grey an. »Lässt du ihn wirklich hier im Haus wohnen?«

Grey fand zu seinem ersten Lächeln an diesem Nachmittag. »Schare deine Freunde eng um dich, und deine Feinde noch enger, Jack.«

»Und Luke Pascal ist ein Feind?«

»Bis er das Gegenteil beweist, wohl schon.«

 

Luke stand unter dem himmlisch heißen Duschstrahl und biss die Zähne zusammen, so sehr taten ihm seine langsam auftauenden Zehen weh. Dann machte er sich daran, mit dem Rasierapparat, den er in dem gut bestückten Badezimmer vorgefunden hatte, seinen Bart abzurasieren. Während der Beweis seines zwei Monate währenden Daseins als Höhlenmensch sich mehr und mehr verflüchtigte, fragte er sich, ob er nicht aus dem sprichwörtlichen Regen in die Traufe geraten war.

Zuerst einmal, und das war wirklich am erstaunlichsten, entsprach Grace Sutter MacKeage seinen Erwartungen ganz und gar nicht. Für eine Frau, die mit ihren akademischen Diplomen – darunter zwei Doktortitel – ein ganzes Haus tapezieren konnte, wirkte sie absolut nicht wie eine abgehobene Intellektuelle. Luke wusste, dass sie Mitte sechzig und Mutter von sieben Töchtern war, aber sie sah keinen Tag älter als fünfzig aus.

Ihr Mann hingegen jagte Luke die reinsten Schauer über den Rücken – und mit seinen Erfrierungen hatten sie gewiss nichts zu tun. Greylen MacKeage musste an die siebzig sein, und seine scharfen, durchdringenden grünen Augen zeugten von einem jeden Jahr seiner Erfahrungen. Als Luke arglos erwähnte, dass Camry schon seit über einem Jahr nicht mehr für die NASA arbeitete, hatte Greylen ausgeschaut, als wolle er den Übermittler dieser Botschaft am liebsten umbringen – als wäre es Lukes Schuld, dass Camry gelogen hatte.

Nachdem Luke festgestellt hatte, dass sein Retter Jack Stone der Ehemann von Camrys Schwester Megan war, dachte er, sein Glück hätte sich gewendet. Das heißt, bis er der Frau gegenübergetreten war, deren Lebenswerk er ruiniert hatte. Fast hätte er sich Dr. Sutter zu Füßen geworfen und sie um Vergebung angefleht, weil er den Podly zerstört hatte.

Obwohl er fairerweise sagen musste, dass er nur dessen Datensendungen abhören, nicht jedoch den kleinen Satelliten hatte kapern wollen. Und ganz sicher hatte er nicht gewollt, dass er aus seiner Umlaufbahn katapultiert wurde. Aber dass das Ding ausgerechnet in unmittelbarer Nähe von Pine Creek aufgeschlagen war, das hatte schon etwas richtig Unheimliches.

Und dann hatte ihn sein Kindheitsidol ins Haus gebeten und ihn mit größter Freundlichkeit behandelt. Für seine Unaufrichtigkeit würde er in der schlimmsten Hölle schmoren.

Luke drehte sich um, ließ den heißen Strahl über sein glatt rasiertes Gesicht strömen und wusch sich das Haar. Stone hatte ihm die Geschichte von der Suche nach dem alten Familiencamp nicht abgenommen; Luke hatte den Argwohn im gleichmütigen Blick des Polizisten bemerkt, noch bevor er seine Lüge ganz über die Lippen gebracht hatte. Deshalb war er zu der Halbwahrheit übergegangen, er kenne Camry MacKeage und hätte geglaubt, sie hielte sich in Pine Creek auf. Polizeichef Stone hatte Luke dann auf seinen Motorschlitten gesetzt und war durch das Städtchen gebraust und weiter zum TarStone-Mountain-Skiresort, und zwar direkt zu einem Gebäude, das er nur als Schloss beschreiben konnte. Sogar eine Zugbrücke hatte man überschreiten müssen, um zum Eingang zu gelangen.

Was sollte er jetzt also machen? Er hatte sich in den letzten fünf Monaten intensiv mit dem Podly befasst: die ersten drei mit der Berechnung der Daten seiner Umlaufbahn, die letzten zwei mit der Suche nach dem Satelliten am Springy Mountain. Und noch immer hatte er keine Spur von ihm entdeckt; nach allem, was er wusste, konnte das verdammte Ding auch auf dem Grund des Pine Lake liegen.

Wieder kämpfte Luke gegen den überwältigenden Drang an, sich Grace zu Füßen zu werfen, sie um Verzeihung anzuflehen und sie dann zu bitten, ihm bei der Suche nach ihrem Satelliten zu helfen, der ihm abhanden gekommen war. Aber er musste sich nur Greylen MacKeages durchdringende grüne Augen vorstellen und an das tödliche alte Schwert denken, das über dem Kamin hing. Grace alles zu beichten mochte gut für seine Seele sein; aber von ihrem erzürnten Ehemann in Stücke gehauen zu werden war dann doch etwas anderes.

Was Lukes Gedanken auf die Tochter der beiden lenkte. Ob Camry ihrer Mutter oder ihrem Vater nachgeraten war?

Seiner Einschätzung nach ihrem Vater, aus einigen scharfen E-Mails zu schließen – die in ihm eigentlich erst den Wunsch geweckt hatten, sie auch persönlich kennenzulernen.

Das heißt, bis heute. Jetzt war er sich nicht mehr so sicher, ob er sich mit Camry in einem Labor einschließen wollte, da einer von ihnen womöglich nicht lebend herauskäme, falls sie etwas von den Highlander-Genen ihres Vaters geerbt hatte.

Vielleicht war Grace ja die MacKeage, mit der er eine Zusammenarbeit anstreben sollte. Er hätte nichts dagegen, sich seinen Kindheitstraum zu erfüllen und mit dieser geradezu legendären Forscherin zu arbeiten. Schließlich war es Grace Sutter MacKeage zuzuschreiben, dass er sich mit zwölf Jahren für die Raumfahrt entschieden hatte, nachdem er in einem Wissenschaftsmagazin auf einen Artikel von ihr über ihre Arbeit an einem stärkeren Raketenantrieb gestoßen war.

Aber im Moment telefonierte sie wahrscheinlich gerade mit ihrer Tochter und berichtete Camry von seiner überraschenden und wahrhaftig informellen Ankunft. Und Camry riet ihrer Mutter vermutlich, sie solle ihm einen Tritt in seinen erfrorenen Hintern verpassen und ihn hinauswerfen.

Wie hatte sein altruistisches Unternehmen zu einem solchen Fiasko werden können?

Er hatte doch nur den Schlüssel zum Geheimnis des Ionenantriebs finden wollen. Doch letztendlich hatte er stattdessen den letzten Rest des Rätsels vernichtet. Wusste Grace überhaupt, dass ihr Langzeitexperiment von vierzig Jahren nun über etliche Quadratmeilen dichten Bergwalds verstreut lag?

Sie musste es wissen. Die gesamte zivilisierte Welt wusste, dass in den Bergen dort etwas abgestürzt war. Er hatte nur keine Ahnung, ob Grace klar war, dass es sich um ihren geliebten Podly handelte.

2

Ist mir doch egal, was Jack über Lucian Pascal Renoir in Erfahrung gebracht hat«, sagte Grace. Sie ließ ihren Bademantel zu Boden gleiten und trat unter die Dusche. Dann steckte sie den Kopf heraus, um Grey im Badezimmerspiegel finster anzusehen. »Mir bereitet es viel mehr Sorge, wo Camry steckt.«

»Wie zum Teufel kommt es, dass du nach fünfunddreißig gemeinsamen Jahren mit mir nicht einen Funken Gefühl für Sicherheit entwickelt hast?«, fragte Grey und hielt mit seinem Rasierapparat auf halbem Weg zum Gesicht inne. »Du lässt einen Wildfremden ins Haus und hast ihm heute sogar dein Labor gezeigt.«

Grace zog den Duschvorhang zu, seifte ihren Schwamm mit Fliederseife ein und trat unter den Wasserstrahl. »Ich brauche kein Gefühl für Sicherheit  – ich habe ja dich.« Sie lächelte, als sie sein Schnauben hörte. »Und wenn du Luke gesehen hättest, als ich ihn heute Morgen in mein Labor geführt habe, dann würdest du verstehen, weshalb ich nicht alles über ihn wissen muss«, fuhr sie fort. »Der Bursche hat doch tatsächlich die Hände in die Taschen gesteckt, als hätte er Angst, etwas anzufassen, und was er sagte, kam als ehrfürchtiges Flüstern. Ich habe fast eine Stunde gebraucht, bis ich ihn überredet hatte, den ganzen Nachmittag unten zu bleiben und ganz nach Lust und Laune seine E-Mails durchzusehen.«

Plötzlich öffneten sich die Duschvorhänge, und das halb mit Rasierschaum bedeckte Gesicht ihres Mannes erschien in dem Spalt. »Du hast zugelassen, dass ein Konkurrent auf deinem Fachgebiet stundenlang allein in deinem Labor herumschnüffeln konnte?« Er seufzte schwer. »Genau das habe ich gemeint, Grace. Zuweilen bist du vertrauensseliger, als es gut für dich ist.«

Sie schob ihn hinaus und zog die Vorhänge zu. »Es zieht. Und Luke ist kein Konkurrent, weil ich nämlich mit niemandem konkurriere. Die Raumfahrt zu anderen Planeten ist ein Ziel, auf das wir alle hinarbeiten.«

Wieder wurde der Vorhang geöffnet, und Grey trat in die Duschkabine, nahm ihr den Schwamm aus der Hand und seifte damit seine breite Brust ein. »Der Mann hat unsere Kleine praktisch ein Jahr lang ausspioniert, und du gewährst ihm Einblick in ihre und dazu noch in deine eigene Arbeit.«

Grace hatte nicht das Herz, ihn darauf aufmerksam zu machen, dass er am nächsten Tag nach Flieder duften würde. »Und sobald du und Jack herausgefunden habt, wo Camry ist«, sagte sie, »habe ich die Absicht, Luke hinzuschicken.«

Grey ließ erstaunt den Schwamm fallen. »Das wirst du nicht tun! Du hast mich gestern zwar überreden können, Camry anzurufen und zu verlangen, dass sie uns sagt, wo sie ist, aber wenn wir sie wirklich finden, dann werde ich sie holen gehen und nicht dieser Pascal. Ich traue dem Burschen nicht. Seit er unser Haus betreten hat, lügt er. Er hat uns nicht einmal seinen richtigen Namen genannt.«

Grace schlang ihm die Arme um den Nacken und lehnte sich an ihn. »Er hat uns einen Großteil seines Namens genannt«, flüsterte sie und strich mit dem Finger über sein angespanntes Kinn. »Und es war keine Lüge, als er sagte, dass Camry gefeuert wurde. Heute Morgen habe ich ihren ehemaligen Boss angerufen, und er sagte, er hätte Camry entlassen müssen, weil sie so nervös und unkonzentriert war, dass sie die Arbeit der anderen behindert hat. Ich weiß, dass du sie holen möchtest«, fuhr sie hastig fort und hielt ihm den Mund zu, als er etwas erwidern wollte. »Aber überleg doch mal, Grey. Wenn du sie hierher nach Gù Brath schleppst, bevor sie dazu bereit ist, von sich aus nach Hause zurückzukommen, dann entfremdest du sie bloß noch mehr von uns.«

»Und wieso meinst du, dieser Pascal könnte erreichen, was ich nicht kann? Camry ist so wütend auf diesen Mann, dass sie ihm nicht einmal mehr eine E-Mail schickt!«

Grace bückte sich nach dem Schwamm, drehte ihren Mann um und machte sich daran, ihm den Rücken zu waschen. »Genau. Luke muss einen wunden Punkt getroffen haben, weil sie vor der Auseinandersetzung, die sich offensichtlich abgezeichnet hat, Reißaus genommen hat. Weißt du noch, wie Camry letzten Winter war? Das Mädchen war in heller Aufregung wegen ihrer Arbeit und so zornig auf Luke, dass sie schon fast aus eigener Kraft zum Mond hätte fliegen können. Und im Sommer war dann plötzlich alles aus.«

»Weil Pascal nach Amerika kommen wollte.«

»Genau. Jemandem gegenüberzutreten, mit dem sie sich in eine so leidenschaftliche Debatte eingelassen hatte, hat ihr eine Heidenangst eingejagt.«

Er drehte sich um und sah sie ungehalten an. »Camry fürchtet nichts.«

»Ach? Warum hat sie uns dann ein Jahr lang belogen? Und warum war sie seit der Sommersonnenwende nicht mehr zu Hause? Und warum weicht sie einer Begegnung mit Luke aus? Warum versteckt sie sich vor uns und vor ihm – und vor der Arbeit, die sie doch liebt?«

Grey legte seine Stirn an die ihre und schloss die Augen. »Ich weiß es nicht. Ich dachte, es gäbe kein Problem, mit dem unsere Töchter nicht zu uns kommen würden.«

Grace schlang ihre Arme um seine Taille. »In diesem Fall geht es um etwas, das du nicht einrenken kannst, Grey. Das muss Camry schon selbst tun.« Sie blickte lächelnd zu ihm auf. »Und ich bin der ehrlichen Überzeugung, dass Lucian Pascal Renoir der Katalysator ist, der ihren erloschenen Antrieb wieder in Gang bringen kann.«

»Du glaubst also, wir bekommen unser kleines Mädchen zurück, wenn du einer Lügnerin einen zweiten Lügner schickst?«

»Nein, ich glaube, dass zwei Menschen, von denen offensichtlich beide dringend ein Wunder gebrauchen können, einander etwas Gutes tun können. Und ich glaube auch, dass unser ›kleines Mädchen‹ eine selbstbewusste, in ihrer Persönlichkeit gestärkte Frau sein wird, wenn wir sie wiedersehen, und dass Luke Pascal ziemlich dämlich dreinschauen wird wie alle Männer, wenn ihnen plötzlich klar wird, dass sie auf jemanden getroffen sind, der ihnen gewachsen ist.«

»Und Camry ist Pascal gewachsen?«

»Jawohl, MacKeage«, sagte Grace, wobei sie seinen Akzent nachahmte und ihm mit den Händen über die Rippen strich. »Ich denke, dass die zwei närrischen jungen Lügner einander wirklich verdient haben. Ich brauche dich heute Nacht, mein lieber Ehemann«, flüsterte sie.

Seine Arme umfassten sie fester, und Grace spürte, wie der Beweis seines eigenen Verlangens gegen ihren Bauch stieß. Plötzlich griff er hinter sie und drehte das Wasser ab, nahm sie in seine starken Arme und trug sie ins Schlafzimmer.

»Glaubst du denn, dass ich nach all unseren gemeinsamen Jahren nicht wüsste, was du vorhast, wenn du während unserer kleinen Debatten in meinen Armen ganz weich und anschmiegsam wirst?«, fragte er und legte sie aufs Bett, um ihren nassen Körper rasch mit seinem zu bedecken.

Sie strich mit dem Finger über sein Lächeln. »Ich glaube eher, dass ich eine vernünftige Vorgehensweise zur Diskussion stelle und du dir als kluger Mann meine Sicht der Dinge zu eigen machst.«

»Und diesen Trick hast du unseren Töchtern beigebracht?«

»Allen sieben«, erwiderte sie mit einem entzückten Auflachen.

»Möge Gott sich deiner Seele erbarmen, Weib«, murmelte er und küsste sie. Grace blickte von der schönen Weihnachtskarte in ihrer Hand auf und lächelte Grey zu, der ihr gegenüber am Frühstückstisch saß. »Du kannst Jack sagen, dass er die Suche nach Camry einstellen soll«, meinte sie und schob einen Umschlag über den Tisch. »Wir haben sie gefunden.«

Grey griff nach dem Umschlag. Er runzelte die Stirn, als er sah, dass kein Absender darauf stand.

»Schau dir die Briefmarke an«, riet sie ihm.

»Go Back Cove, Maine?« Er streckte die Hand aus. »Camry schickt uns eine Weihnachtskarte?«

Grace überließ ihm die Karte; auf der Vorderseite war ein zauberhafter Engel zu sehen, der über einer kleinen, von beschneiten Tannen gesäumten Lichtung schwebte. »Bevor du den Text liest, solltest du dir das Bild mal genauer anschauen«, forderte sie ihn auf. »Was siehst du außer dem Engel sonst noch?«

»Ich sehe eine Krähe, die sich in den Bäumen versteckt.« Seine Stirnfurchen wurden tiefer.

Grace zog eine Augenbraue hoch. »Kennen wir eine Krähe?«

Nun steigerten sich seine Stirnfurchen zu einer richtig finsteren Miene. Er klappte die Briefkarte auf. »Diese Weihnachtskarte kommt nicht von deinem ungeborenen Urenkel. Sieh mal«, sagte er, und tippte auf das untere Ende der Karte. »Darunter steht nicht Tom oder dergleichen. Die Unterschrift beschränkt sich auf ein F.«

Seine Stirnfurchen zeigten sich von Neuem. »Was meint dieser F eigentlich, wenn er uns dankt, weil wir eine so wundervolle Tochter großgezogen haben?« Er drehte wie zuvor Grace die Karte um, um zu sehen, ob etwas auf der Rückseite stand. Als er nichts vorfand, las er den kurzen Text noch einmal. »Das ist alles? Nur: Danke, dass Sie eine so wundervolle Tochter großgezogen haben? Er oder sie sagt allerdings nicht, welche Tochter.« Er warf die Karte auf den Tisch. »Es könnte jede unserer wundervollen Töchter gemeint sein.«

»F meint Camry«, beharrte Grace, die nach der Karte griff und den schönen Engel lächelnd betrachtete. Sie stand auf und trat vor die Landkarte von Maine, die über einer Reihe von Mantelhaken neben der Hintertür hing. »Von Go Back Cove habe ich noch nie etwas gehört … du etwa?«

Grey trat neben sie und studierte die Karte. »Nein. Aber Cove deutet auf eine Bucht und somit auf Wasser hin, der Ort muss also an der Küste liegen.«

»Oder an einem der sechstausend Seen und Teiche, die es in Maine gibt.« Sie trat zum Computer auf der Küchentheke neben dem Kühlschrank, ging in Google Earth und gab »Go Back Cove, Maine« ein. »Du hast recht, der Ort liegt an der Küste.« Sie deutete auf den Bildschirm. »Etwa dreißig Meilen nördlich von Portland.«

Luke Pascal kam in die Küche, verharrte aber im Eingang, als Grey sich mit finsterem Blick umdrehte. »Luke«, sagte Grace, ging zu ihm und hielt ihm die Karte hin. »Wir haben Camry gefunden. Sie lebt in Go Back Cove in Maine.« Kaum hatte er die Karte genommen, da zog sie ihn schon zum Computer hinüber. »Ein Nest an der Küste, nördlich von Portland.«

Luke blickte vom Bildschirm zu der offenen Karte in seiner Hand, dann drehte er sie um, um zu schauen, ob etwas auf der Rückseite stand. »Wer ist F?«, fragte er.

Grace reagierte mit einer wegwerfenden Handbewegung und ging rasch zum Tisch, um den Umschlag zu holen. »Das wissen wir nicht. Es ist offenbar jemand, der Camry kennt.«

»Er oder sie nennt nicht einmal ihren Namen«, sagte Luke, nahm den Umschlag und studierte den Poststempel. Unsicher sah er zuerst Grey, dann Grace an. »Woher wollen Sie wissen, dass dieser F Camry meint?«

»Natürlich meint er sie. Alle unsere Töchter sind wundervoll, aber Camry ist die einzige, die momentan verschwunden ist.«

»Die Handschrift scheint von einer Frau zu stammen. « Er klappte die Karte zu, um eingehend den Engel auf der Vorderseite zu betrachten. Dann richtete er seinen Blick teilnahmsvoll auf Grace. »Mir ist klar, dass es Sie bedrückt, nicht zu wissen, wo Camry ist, Dr. Sutt… ich meine Grace«, berichtigte er sich rasch und mit einem nervösen Blick, der Grey galt.

Grace hatte Luke erklärt, dass es ihrem Mann lieber wäre, wenn er sie mit MacKeage und nicht mit Sutter ansprechen würde, erst dann hatte der junge Wissenschaftler begonnen, sie bei ihrem Vornamen zu nennen.

»Eines verstehe ich nicht«, fuhr er fort. »Wie können Sie aus einer nicht einmal vollständig unterschriebenen Weihnachtskarte, auf der Cams Name nicht genannt wird, schließen, dass Ihre Tochter in Go Back Cove lebt?«

»Glauben Sie an Magie, Luke?«, fragte sie, ohne das wenig subtile Gebrumme ihres Mannes zu beachten. »An Zauberei?«

»Zauberei?«, wiederholte Luke mit einem Stirnrunzeln.

»Wie wäre es dann vielleicht mit Glückszufall?«

»Wie bitte?«

Grace nahm ihm seufzend Karte und Umschlag ab. »Also gut, bezeichnen wir es einfach mütterliche Intuition, ja?« Sie schwenkte die Karte zwischen Luke und Grey hin und her. »Ihr beide müsst mir einfach vertrauen, wenn ich sage, dass Camry in Go Back Cove lebt.« Sie warf einen Blick auf die Uhr, dann sah sie Luke an. »Erst neun. Wenn Sie gleich nach dem Lunch losfahren, kommen Sie noch rechtzeitig an, um Ihr Hotelzimmer zu beziehen.«

»Wie bitte?«, wiederholte er und wirkte noch verwirrter.

Grey seufzte, allerdings erheblich schwerer als vorhin Grace. »Pascal, Sie werden nach Go Back Cove fahren und unsere Tochter zur Heimkehr überreden.«

Lukes Augen wurden groß, er wich einen Schritt zurück. »So, meinen Sie?«

»Aber Sie haben nur zwei Wochen Zeit«, warf Grace ein. »Wir möchten sie nämlich zur Wintersonnenwende wieder hier zu Hause haben.«

Luke wich sichtlich beunruhigt noch einen Schritt zurück.

»In Anbetracht von Camrys letzter E-Mail bin ich wohl der Letzte, den sie sehen möchte. Und eigentlich handelt es sich ja auch um eine Familienangelegenheit, finden Sie nicht? Wäre es da nicht besser, wenn Sie beide sie holen gingen?«

»Das geht nicht«, erwiderte Grace.

»Warum nicht?« Luke zupfte an seinem Hemdärmel.

»Sie darf nicht erfahren, dass wir von ihrer Kündigung bei der NASA wissen, und noch viel weniger, dass wir über ihre Schwindelei im Bild sind«, erklärte Grace. »Sie muss nach Hause kommen wollen, und sie muss uns selbst sagen, was sie das ganze letzte Jahr über gemacht hat.«

»Wie soll ich sie denn zur Heimkehr überreden, wenn ich nicht verraten darf, welche Sorgen Sie sich ihretwegen machen?«

»Das dürfte Ihnen nicht schwerfallen, Renoir«, sagte Grey. »Sie müssen ja bloß die Lügen ausschmücken, die Sie uns aufgetischt haben.«

Luke senkte den Blick und stierte auf Grace’ Füße, dann gewann er Haltung und sah Grey an. »Mein vollständiger Name lautet Lucian Pascal Renoir, man nennt mich aber Luke Pascal … manchmal jedenfalls.« Er nestelte wieder an seinem Ärmel herum, als irritiere ihn das geborgte Hemd. »Und da Camry mich aus den E-Mails als Lucian Renoir kannte und ich annahm, sie könnte hier sein, habe ich mich als Pascal vorgestellt, als Jack Stone mich fand. Ich wollte nicht auf meinem A… auf meinem Arm im Schnee landen.«

»Ich schlage vor, Sie machen jetzt in Go Back Cove als Luke Pascal weiter.« Grace rückte einen Stuhl am Tisch zurecht und bot Luke einen Platz an.

»Aber …«

Sie tätschelte ihm die Schulter. »Es wird schon klappen, Luke«, beruhigte sie ihn, ging an die Backröhre und nahm den Teller mit Eiern und Toast heraus, den sie dort warmgestellt hatte. »Gleich nach dem Frühstück können Sie mir Ihre schmutzige Wäsche geben. Dann suchen wir im Internet nach einem Hotel in Go Back Cove. Der Ort ist klein, Sie werden Camry also sicher bald aufstöbern.«

»Mein Wagen wurde gefunden?«

Grace stellte den Teller vor ihn. »Jack und sein Stellvertreter haben ihn heute Morgen gebracht. Er steht oben in der Einfahrt hinter der Küche.«

»Also wirklich, Dr. Sutter, ich glaube nicht, dass ich der Richtige bin, um Ihre Tochter zu suchen.«

»Natürlich sind Sie das, Luke. So wie ich meine Tochter kenne, wird Camry Sie in solcher Windeseile wieder zu uns bringen, dass Ihnen schwindelt. Sie müssen nur Mut fassen und ihr mitteilen, dass der Podly über den halben Springy Mountain verteilt ist.«

Luke erbleichte und sah sie mit seinen tiefblauen Augen erschrocken an. »Sie wissen von Podly?«, flüsterte er. Sein Blick wanderte zu Grey, dann zurück zu Grace. »Sie wissen, dass es Ihr Satellit war, der letzten Sommer hier zerschellt ist?«

Grace ging zum Kühlschrank, um Saft zu holen, nicht ohne im Vorübergehen ihrem verdutzten Ehemann ein selbstzufriedenes Lächeln zuzuwerfen. »Glauben Sie allen Ernstes, ich hätte nicht bemerkt, dass jemand die Daten von Podly abhört?« Sie brachte Luke den Saft. »Während Sie und Camry das Internet mit E-Mails zum Glühen gebracht haben, habe ich zugeschaut, wie Sie meinen Podly beobachteten.«

»Wusste Camry davon?« Er griff zerstreut nach dem Glas, das Grace ihm reichte.

»Ich habe kein Wort gesagt. Wenn sie sich allerdings die Mühe gemacht hätte, der Sache nachzugehen, wäre sie klug genug gewesen, den Sachverhalt zu begreifen. Ich bezweifle, dass sie nach einem Lauscher gesucht hätte.«

»Aber Sie waren eine Lauscherin?«

Grace zuckte die Schultern. »Eine alte Gewohnheit aus der Zeit, als ich für StarShip Spaceline tätig war.«

Luke senkte den Blick auf seinen Teller. »Dann wissen Sie sicher auch, was die Ursache für das Versagen des Satelliten war?« Er blickte wieder auf. In seinen Augen lag aufrichtige Reue. »Es tut mir leid. Ich weiß wirklich nicht, wie ich ihn zum Absturz gebracht habe. In meinem Labor bin ich drei Monate lang alle Daten durchgegangen, und die letzten zwei Monate habe ich mit der Suche auf dem Berg verbracht. Meine Hoffnung war, genügend Teile zu finden, die mir verraten würden, was der Grund für die Panne war.« Er drehte sich auf seinem Stuhl um und nahm Grace’ Hand zwischen seine beiden Hände. »Mein Wort, Dr. Sutter: Ich hätte jedes Einzelteil auf der Stelle zu Ihnen gebracht. Es tut mir leid«, sagte er noch einmal.

Wieder klopfte Grace ihm auf die Schulter. »Ich glaube Ihnen, Luke.« Sie versetzte ihm einen kleinen Klaps in Richtung Teller, auf dem das Essen langsam kalt wurde. »Essen Sie, damit wir packen und Sie nach Go Back Cove schicken können. Je eher Sie Camry finden, desto früher können Sie sie überreden, sich an der Suche nach unserem Satelliten zu beteiligen. Dank der Hitzeschilde, mit denen der Podly ausgestattet war, stehen die Chancen gut, dass die Datenbank den Wiedereintritt in die Atmosphäre unbeschadet überstanden hat. Camry kennt das Areal hier sehr gut. Ihre Umlaufdaten und Camrys Vorliebe für Herausforderungen sind ein Garant, dass Sie beide sich zur Wintersonnenwende mit dem Podly in meinem Labor einschließen werden. Essen Sie«, wiederholte sie auf seinen Teller deutend, als er noch etwas erwidern wollte.

Luke runzelte die Stirn, verkniff sich eine Antwort und griff zur Gabel.

Grace packte ihren ebenso stirnrunzelnden Ehemann und bugsierte ihn die hintere Treppe hinauf.

»Das war es?«, fragte Grey im oberen Flur angelangt. »Dieser Mann zerstört dein Lebenswerk, und du überlässt es ihm nicht nur, sondern du überlässt ihm praktisch auch gleich noch unsere Tochter?«

»Luke hat gar nichts zerstört!« Sie zog ihn in ihr Schlafzimmer und schloss die Tür.

»Er hat doch gerade gesagt, dass er den Satelliten hat abstürzen lassen.«

»Nein, er hat gesagt, er glaube, er hätte den Podly zum Absturz gebracht.« Sie kam in seine Arme und spielte mit einem seiner Hemdknöpfe. »Und ich habe ihn in dem Glauben gelassen«, meinte sie leise.

Grey legte seine Hände auf ihre Schultern. »Hast du den Satelliten abstürzen lassen?«

»Damals war ich ziemlich beschäftigt, Grey. Wenn du dich erinnerst, brachte unsere Jüngste just in jenem Moment unsere Enkelin zur Welt.«

»Wenn du ihn nicht hast abstürzen lassen und Pascal auch nicht, wer war es dann?«

»Keine Ahnung.« Wieder spielte sie mit seinen Knöpfen und öffnete den obersten. »Vielleicht dieselbe Person, die uns die Weihnachtskarte geschickt hat? Wie groß sind schon die Chancen, dass mein Satellit so nahe bei meinem Zuhause abstürzt?« Sie blickte auf. »Die Chancen sind geradezu astronomisch klein. Es muss also Magie mit im Spiel sein.«

Er hielt ihre Hand fest, als sie sich an den nächsten Knopf heranpirschte. »Langsam machst du mir Sorgen, Weib.«

»Wieso?« Sie schaffte den nächsten Knopf.

»In letzter Zeit agierst du viel zu sehr wie ich.«

Grace erstarrte. Er hatte recht. Sie war zur Kämpferin geworden, nur schwang sie kein Schwert, sondern griff zu List und Tücke.

Sie ging zur Tür. »Ich werde Luke alles sagen.«

»Nein, das wirst du nicht!« Er hob sie lachend hoch und ging mit ihr zum Bett. »Wenn du Pascal alles gestehst, bin ich gezwungen, Camry selbst zu holen, und das hätte für uns alle üble Folgen – in diesem Punkt muss ich dir recht geben.«

Er ließ sie auf ihr Bett fallen und legte sich rasch auf sie. »Ich bin nicht böse, dass du Pascal eingeredet hast, er müsste Camry suchen; mich ärgert nur, dass ich nicht selbst auf diese Idee gekommen bin.« Nun nahm er ihre Blusenknöpfe in Angriff. »Aber schließlich waren mir ja nicht alle Teile des Puzzles bekannt. Wenn du mir nur eröffnet hättest, dass dein kleiner Satellit über den halben Berg verstreut liegt! Grace, ich hätte ihn gesucht!«

»Das weiß ich, und ich liebe dich dafür. Aber der Podly gehört mir nicht mehr. Er ist Camrys Zukunft. Und sie muss von sich aus nach ihm auf die Suche gehen.«

»Liegt das Geheimnis des Ionenantriebes jetzt unter einem Meter Schnee begraben?«

»Ja.«

Er brach den Vorgang ab, sie auszuziehen. »Du hast das Rätsel gelöst? Dann müssen wir es bewahren.«

Er wollte aufstehen, doch Grace hielt ihn zurück. »Nein, das ist nicht nötig. Mein Podly hat das Geheimnis zwanzig Jahre lang bewahrt. Da können wir ruhig noch ein paar Wochen warten.«

»Zwanzig Jahre! Du hast das Problem vor zwanzig Jahren gelöst und dieses Ding die ganze Zeit die Erde umkreisen lassen? Grace, das ist dein Lebenswerk?«

»Immer mit der Ruhe!«, beschwichtigte sie ihn. Sie umfasste seine Wangen und legte ihm ihre Daumen auf die Lippen. »Nicht ich habe die Antwort gefunden, sondern Camry – im zarten Alter von zwölf.«

Er wollte sich aufsetzen, doch sie hielt ihn fest. »Eines Tages war sie wegen eines naturwissenschaftlichen Schulprojekts bei mir im Labor. Dabei guckte sie mir über die Schulter und stellte unzählige Fragen zu meiner Arbeit. Und als ich ihr das vorliegende Projekt erklärte, deutete sie nur auf den Bildschirm und fragte, warum ich nicht einfach zwei scheinbar miteinander nicht in Zusammenhang stehende Ganzzahlen jeweils auf die andere Seite der vorliegenden Gleichung transferiere.«

Sie tätschelte sanft seine Wangen, als sie seine ungläubige Miene sah, und lachte leise. »Verlange jetzt nicht, dass ich dir das hier und jetzt erkläre, sonst kommen wir nämlich nicht mehr aus dem Bett. Es mag die Frage eines unwissenden Kindes gewesen sein, aber genial war sie trotzdem. Ich habe also die Zahlen ausgetauscht, worauf ich gezwungen war, noch einige andere zu vertauschen, und binnen einer Stunde war mir klar, dass ich es schaffen würde, den Ionenantrieb zu entwickeln.«

»Und warum hast du das nicht der ganzen Welt verkündet?«

»Weil die Entschlüsselung des Codes eine ganze Reihe neuer Probleme schuf. Ich konnte nicht wirklich behaupten, das Problem des Ionenantriebs gelöst zu haben, da ich noch nicht wusste, wie ich ihn richtig beherrschen konnte.« Sie seufzte. »Ionen können für viel mehr als nur zum Antrieb verwendet werden, Grey. Man kann sie auch als Waffe einsetzen. Ich war nicht bereit, so weit zu gehen, da ich nicht sicher war, ob die Welt dazu bereit war.«

»Und jetzt?«, fragte er. »Wenn Camry und Pascal den Podly finden, wie du es dir erhoffst, und sie dem Geheimnis auf die Spur kommen, ist die Welt dann jetzt bereit?«

»Meinst du nicht, dass ich mir diese Frage nicht selbst auch schon die ganze Zeit gestellt habe?«

Er richtete sich halb auf. »Das also hast du die letzten zwanzig Jahre getrieben, wenn du dich in deinem Labor eingeschlossen hast? Anstatt zu versuchen, den Ionenantrieb einsatzfähig zu machen, hast du daran gearbeitet, seine Verwendung als Waffe zu verhindern?« Wieder zog er die Stirn kraus. »Hast du es denn geschafft?«