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Sanna von Holzer fiebert ihrem ersten großen Ball entgegen. Ihr Vater, der wohlhabende Gerdes von Holzer, hat einen Geschäftsfreund als Tischherrn für seine Tochter ausersehen. Zwar ist der erfolgreiche Erik Ratkamp sehr viel älter als Sanna und zudem als Frauenheld bekannt, doch Herr von Holzer glaubt, dass gerade Erik die richtige leichte Hand haben wird, um Sanna in die Gesellschaft einzuführen. Holzer kann nicht ahnen, dass sich seine unerfahrene Tochter in ihren faszinierenden Tischherrn verliebt - eine Verliebtheit, die zunächst niemand ernst nimmt, denn Erik Ratkamp kann nicht treu sein. Für Sanna aber beginnt ein endloser Leidensweg ...
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Seitenzahl: 139
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Inhalt
Ihr erster Ball
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Impressum
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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
Der Roman einer großen Liebe
Von Ina Ritter
Sanna von Holzer fiebert ihrem ersten großen Ball entgegen. Ihr Vater, der wohlhabende Gerdes von Holzer, hat einen Geschäftsfreund als Tischherrn für seine Tochter ausersehen. Zwar ist der erfolgreiche Erik Ratkamp sehr viel älter als Sanna und zudem als Frauenheld bekannt, doch Herr von Holzer glaubt, dass gerade Erik die richtige leichte Hand haben wird, um Sanna in die Gesellschaft einzuführen.
Holzer kann nicht ahnen, dass sich seine unerfahrene Tochter in ihren faszinierenden Tischherrn verliebt – eine Verliebtheit, die zunächst niemand ernst nimmt, denn Erik Ratkamp kann nicht treu sein. Für Sanna aber beginnt ein endloser Leidensweg ...
Es war ihr erster Ball. Kein Wunder, dass Sannas Herz stärker klopfte als sonst, als die Zofe ihrer Frisur die letzte Vollendung gab. Ob sie heute Erfolg haben würde?
Ihr erster Ball! Schon seit Monaten freute sie sich darauf. Die langweilige Zeit im Mädchenpensionat war vorbei, sie hatte ihr Abitur bestanden und durfte nun ins Leben treten.
Leben, das hieß Feste mitmachen, das hieß, von einem Ball zum anderen taumeln, das hieß, von Männern angeschwärmt zu werden, sich vielleicht zu verloben ... Ach, es hieß sehr viel für Sanna von Holzer.
»Sitzt mein Kleid wirklich gut?« Sanna hatte das Öffnen der Tür gehört und im Spiegel die Mutter erkannt, die sich noch einmal überzeugen wollte, ob ihre Tochter auch fertig wurde.
Barbara von Holzer schüttelte lächelnd ihren Kopf. »Nicht so aufgeregt, mein Kind, du wirst noch manchen Ball mitmachen.«
»Aber nur einmal meinen ersten«, parierte Sanna. »Du glaubst gar nicht, Mutti, wie ich mich auf den heutigen Abend freue. Hoffentlich ist Erik Ratkamp nett. Er soll ja ein sehr interessanter Mann sein.«
Frau Barbara begann stärker zu lächeln. »Du solltest dich noch nicht für Männer interessieren, mein Kind. Er ist ein reifer und erwachsener Mensch ...«
»Ich etwa nicht?« Empört stand Sanna auf und funkelte die Mutter an. »Ihr könnt sagen, was ihr wollt, ich bin jetzt eine Dame. Und wenn dieser Ratkamp mich nicht als solche respektiert ...« Sie ballte ihre Hände.
Frau Barbara lächelte nur. Sie kannte Erik Ratkamp, einen Freund ihres Mannes, gut genug, um zu wissen, dass er schon den richtigen Ton ihrer Tochter gegenüber finden würde. Obwohl er noch verhältnismäßig jung war, etwa dreißig Jahre alt, besaß er doch schon eine Lebenserfahrung, die ihn weit aus der Masse der übrigen Männer heraushob. Es war durchaus kein Zufall, dass sie ausgerechnet ihn zum Tischherrn ihrer Tochter bestimmt hatte.
Vor zwei Jahren erst war er aus Afrika zurückgekehrt und seitdem häufiger Gast in ihrem Hause. Sie war gespannt, wie die beiden sich vertragen würden.
Es war auch Erik Ratkamp, der Sanna von Holzer mit elastischen Schritten entgegenging, als sie an der Seite der Mutter die Treppe in die Halle hinunterging.
Seine Erwartungen, die nicht allzu hoch geschraubt waren, wurden auf angenehme Weise übertroffen. Die kleine Holzer war eine ausgesprochene Schönheit. Innerlich atmete er auf. Der Gedanke, den ganzen Abend vielleicht an der Seite eines ungelenken Backfisches verbringen zu müssen, war nicht gerade sonderlich angenehm gewesen.
»Sie haben mich sehr angenehm überrascht, gnädige Frau«, wandte der hochgewachsene Erik Ratkamp sich an seine Gastgeberin. Bei seinen Worten blinzelte er Gerdes von Holzer verschmitzt zu. Der Hausherr nickte verständnisinnig.
»Sie haben wohl gemeint, ich wäre eckig und dumm?«, fuhr Sanna den ihr gegenüberstehenden Mann an.
»Da ich kein Hellseher bin, muss ich zugeben, ähnliche Gedanken gehabt zu haben«, gestand Erik. »Doch umso schöner ist die Überraschung, die Sie mir bereiten. Wirklich, Sie sehen ganz bezaubernd aus.«
Verwirrt schlug das Mädchen die Lider nieder. Das Kompliment, das so spontan und ehrlich kam, erregte sie auf seltsame Art und Weise.
Sie war befangen, als sie an seiner Seite durch die Halle ging, und wagte kaum, ihre Augen zu erheben.
Nur wenn sie glaubte, dass er es nicht bemerkte, huschte ihr Blick blitzschnell über sein scharf geschnittenes kühnes Gesicht. Er sah aus wie ein Pirat aus alter Zeit. Die Gesichtshaut gebräunt, als sei sie viel Wind und Wetter ausgesetzt, die Augen dunkel und herrisch, der Schopf, der sich dem Kamm nur schlecht fügen wollte, schwarz wie die Nacht.
Dazu blitzten die Zähne schneeweiß. Seine Lippen waren voll, und unwillkürlich fragte Sanna sich, wie es sein müsste, von ihm geküsst zu werden. Und dieser Gedanke machte sie noch verlegener, sodass sie sehr einsilbig wurde und geradezu aufatmete, als der Gong zur Tafel rief.
Erik hatte seine helle Freude an ihr. Das war endlich einmal ein frisches, unverdorbenes Mädchen, das mit seiner Natürlichkeit direkt wie eine Erholung auf ihn wirkte.
Mit vollendeter Höflichkeit bediente er sie und goss ihr Weinglas mehr als einmal nach.
Es war ihr erster Ball, sie brauchte wohl noch etwas Alkohol, um aufzutauen. Mit geheimer Belustigung schaute er sie von der Seite an. Eine feine Röte war in ihr Gesicht gestiegen.
»Sie sollten das Glas ruhig ganz leer trinken«, meinte er leise lächelnd, als sie nur am Wein nippte. »Oder schmeckt er Ihnen nicht?«
»Doch«, gestand Sanna, »aber ...« Ihre Zunge huschte blitzschnell über die Lippen, als sie stockte. Sie schämte sich, ihm zu gestehen, dass sie schon jetzt eine seltsame Schwere in ihren Beinen spürte. Es ging doch schließlich nicht, dass sie sich schon an der Abendtafel einen soliden Schwips antrank. Der Ball hatte noch nicht einmal begonnen.
»Sie sind ein wirklich reizendes Mädchen, Fräulein Sanna«, raunte Erik ihr zu. Es machte ihm Freude, zu sehen, dass ihre Wangen sich noch dunkler färbten.
Sanna aß hastiger. Diese Tätigkeit gab ihr einen Vorwand, eine Antwort zu vermeiden. Was sollte sie schon sagen? Dass auch er ein interessanter Mann sei? Sagte man so etwas zu Männern?
Erik reizte das Spiel. Es war ein ganz ungewohntes Abenteuer, einmal ein völlig unverdorbenes Mädchen an der Seite zu haben. Er wusste nie, was sie antworten würde, und diese Tatsache gab dem Gespräch einen ganz besonderen Zauber.
In Sanna tobte ein Sturm der Gefühle. Die Nähe dieses faszinierenden Mannes erregte sie und benahm ihr fast den Appetit, und doch aß sie tüchtig, um nicht sprechen zu müssen. Wenn doch die Tafel endlich aufgehoben würde! An Tanzen war sowieso schon nicht mehr zu denken. Sie fühlte sich wie ein prall gefüllter Mehlsack.
Als sie dieses nach Aufhebung der Tafel aussprach, schüttelte ihr Tischherr nur den Kopf.
»Nach der ersten Runde werden Sie sehen, dass es Ihnen wieder besser geht.«
Er nahm sie einfach in den Arm und tanzte mit ihr davon.
Sanna wurde anfangs die Luft knapp. Das viele Essen ... aber dann spürte sie, dass der Mann tatsächlich recht hatte. Mit jedem Schritt, den sie machte, wurde es besser. Und als er sie zu ihrem Platz zurückgeleitete, da fühlte sie sich wie neugeboren. Sie hatte nur Durst und trank das Glas Sekt, das er ihr vorsorglich brachte, in einem Zuge leer.
Ihre Augen strahlten, eine unbändige Lebensfreude hatte sie erfasst. Sie hätte die ganze Welt umarmen mögen, so ausgelassen war sie.
Sie senkte jetzt nicht den Blick, wenn Erik sie anschaute. Im Gegenteil, sie hielt ihm vergnügt stand, drohte ihm mit erhobenem Zeigefinger, als er ihr wieder einmal eine Schmeichelei zuraunte.
»Wie oft haben Sie das schon einer Frau gesagt? Sie sind ein Lügner ...«
»Aber doch ein netter Lügner?«, wollte Erik ihre Worte ergänzt haben. »Sie werden mich doch nicht in Trübsinn stürzen wollen?«
»Vielleicht«, lachte Sanna. »Obwohl ich an und für sich bezweifle, dass Sie sich allzu viel aus meinen Worten machen.«
»Aber wie können Sie so etwas nur denken«, verwahrte sich Ratkamp in komischer Gekränktheit. »Sie wissen ja gar nicht, was Ihr Lächeln für mich bedeutet.«
»Nein, das weiß ich auch wirklich nicht«, gestand sie ihm gern zu.
Erik schaute auf sie hinunter. Zärtlich strich er ihr während des Tanzens über das Haar. »Du bist ein liebes Mädchen, Sanna«, murmelte er wie für sich selbst.
Doch die Tochter des Hauses hatte ihn verstanden. Langsam hob sie den Kopf und blickte zu ihm empor. Genau in sein Gesicht, genau in seine dunklen zwingenden Augen hinein. Das Lächeln, das anfangs um ihre Lippen geschwebt hatte, verschwand allmählich und machte einem großen Ernst Platz.
Auch Erik konnte nicht mehr lachen. Er spürte, dass er nicht mehr mit ihr flirten durfte. Sie verstand noch nicht, zwischen leicht dahingeworfenen Worten und ernsten zu unterscheiden. Sie durfte sich nicht in ihn verlieben, er war kein Mann, der für die Ehe geeignet war.
Er konnte nicht lieben! Er kannte wohl den Rausch, die flüchtige, schnell vergehende Leidenschaft, aber mehr auch nicht.
»Kommen Sie, wir wollen noch ein Gläschen trinken.« Er zog sie vom Parkett und führte sie zu einer improvisierten Bar, von denen der Hausherr vorsorglich mehrere eingerichtet hatte.
»Nun, Sanna, macht es dir Spaß?« Jovial lächelnd tätschelte der Vater ihr die Schulter.
»Es ist herrlich, Vater!«, kam es impulsiv zurück.
Vater Gerdes warf Erik einen nachdenklichen Blick zu. Er wusste, dass der Freund ein anständiger Kerl war, und hoffte, er würde nie die Grenzen des Anstandes vergessen und mit Sanna nicht über Gebühr flirten. Er lächelte seiner Tochter zu.
»Verliebe dich nur nicht«, mahnte er. Seine Stimme sollte scherzhaft klingen, aber Erik hörte trotzdem den ernsten Unterton. Obwohl Gerdes von Holzer ihn nicht anschaute, wusste er, dass die Worte mehr für ihn als für seine Tochter bestimmt waren.
Doch sie wären wirklich nicht nötig gewesen. Er wusste schon, was seine Pflicht war. Er würde Sanna jetzt ganz korrekt wie eine x-beliebige Fremde behandeln, und ...
Er schaute sich um. Bestimmt würde er jemanden finden, der zu einem kleinen unverbindlichen Flirt bereit war. So würde seine Tischdame am besten merken, dass er kein Mensch war, der die Komplimente, die er ihr gesagt hatte, allzu ernst nahm.
Sanna ahnte nichts von seinen Gedanken. Sie hatte den Arm des Vaters losgelassen und sich burschikos bei Erik eingehängt. Sie war stolz auf ihren Tischherrn, der bestimmt der interessanteste Mann im ganzen Saal war. Keiner der anderen Herren konnte ihm auch nur das Wasser reichen.
»Entschuldigen Sie mich, bitte«, murmelte Erik und machte sich frei. Er hatte eine Bekannte entdeckt, die gerade allein stand und sich suchend umschaute.
Als sie ihn entdeckte, winkte sie ihm zu und lächelte.
Sanna unterdrückte nur mühsam ein Weinen, als sie sah, wie zielsicher Erik auf die Dame zusteuerte. Sie fand sein Verhalten empörend. Wie konnte er sie hier einfach stehen lassen? Außerdem war die andere schon alt und hässlich. Es dauerte noch eine ganze Weile, bevor er wieder an ihrer Seite auftauchte.
»Ich dachte schon, Sie wollten sich mit dieser angemalten Frau vielleicht verheiraten«, grollte sie. »Ich verstehe Ihren Geschmack nicht. Sie könnte ja direkt Ihre Großmutter sein.«
Erik schmunzelte über das ganze Gesicht. »Ist sie aber nicht, teuerste Freundin. Im Gegenteil, sie ist ein bezauberndes junges Weib, das ...«
»Eine alte Hexe ist sie!« Der Pensionston brach bei Sanna wieder einmal durch. »Über den Geschmack kann man nicht streiten. Der eine hat eben eine Schwäche für Großmütter, der andere ...«
»Sprechen Sie es ruhig aus, Fräulein Sanna. Sie wollen doch sagen für Backfische, nicht wahr? Ich weiß schon, was Sie denken, aber ich kann Ihnen nur sagen, dass Sie falsch denken.«
»Ich hasse Sie!« Sanna hatte ganz ihre Pose vergessen und ballte die Hände. Es sah aus, als wolle sie auf ihn einschlagen. »Sie sind ein ganz eingebildeter und arroganter Mensch. Ihnen ist wohl gar nichts heilig?«
Das lachende Gesicht des Mannes wurde plötzlich ernst.
»So etwas dürfen Sie nie sagen, Sanna, auch im Scherz nicht!«
Sanna schaute auf den Boden. Sie spürte, dass sie zu weit gegangen war, und schämte sich ganz plötzlich.
»Nicht mehr böse, kleines Mädchen?« Erik hob ihr Köpfchen empor und blickte ihr in die Augen.
»Nein, ich bin nicht mehr böse. Aber ...« Es kostete Sanna eine gewaltsame Anstrengung, weiterzusprechen. Sie nahm all ihren Mut zusammen, um die Worte, die ihr auf der Zunge lagen, auszusprechen. »Sie dürfen nicht mit dieser anderen flirten, ich ...«
Erglühend senkte sie ihr Köpfchen. Diesmal lachte Erik Ratkamp nicht. Im Gegenteil. Er ahnte, was in ihr vorgegangen war. Und sie tat ihm leid, wie sie so dastand und mit bang klopfendem Herzen auf seine Antwort wartete.
Sie hatte ihn gern. Es war natürlich nur eine Schwärmerei, sie war noch viel zu jung, um die richtige Liebe zu kennen, aber immerhin ... Seine Pflicht war es, ihr alle dummen Gedanken frühzeitig auszutreiben.
»Nun, wieder beruhigt?« Erik strich ihr flüchtig über die Wange und reichte ihr dann ein gefülltes Glas. »Trinken wir auf eine schöne Fortsetzung des so schön begonnenen Abends.«
Sanna schaute ihm in die Augen, dann trank sie das Glas in einem Zuge leer. Im Geheimen wünschte sie sich noch etwas: Sie wünschte sich, dass der Mann heute nicht mehr von ihrer Seite gehen möge. Er sollte sich nur um sie kümmern.
»Sie tut gerade so, als ob er ihr gehörte«, stellte ihre Freundin Anastasia von Auer fest.
Ihr Begleiter, der Gutsbesitzer Sigurd Malzahn, nickte.
»Sie wird sich in ihn verliebt haben«, meinte er gleichmütig. Viel mehr als diese Tochter des Gastgebers interessierte ihn die schöne Anastasia, die von ihren Freundinnen kurz Assi genannt wurde.
»Man müsste ihr einmal den Kopf zurechtsetzen«, sagte das Mädchen nachdenklich.
Bevor Sigurd sie zurückhalten konnte, war sie schon fortgegangen. Traurig schaute er ihr nach. So war es häufig. Die bewegliche und rastlose Assi hielt es nie lange an seiner Seite aus. Sie hatte ihre Augen überall und wanderte von einem zum anderen. Und dabei hätte er es doch so gerne gesehen, wenn sie nur bei ihm geblieben wäre.
Während er Assi nachschaute, steuerte die zielsicher auf ihre Freundin zu und packte ihren Arm. Mit einem gewinnenden Lächeln zu Erik hin, zog sie Sanna einfach mit sich fort.
Erst als sie schon ein paar Meter entfernt waren, kam Sanna der Überfall zum Bewusstsein. Sie blieb stehen und schaute sich um, aber die energische Freundin riss sie einfach weiter.
»Er läuft dir schön nicht davon«, meinte Assi lächelnd, denn sie hatte den Grund des Widerstandes erraten.
Sannas Kopf ruckte sofort in den Nacken.
»Was willst du von mir?«, fragte sie fast feindselig.
»Dir mal eine kleine Predigt halten«, erwiderte Assi. »Sag einmal, Kind, bist du denn von allen guten Geistern verlassen? Du himmelst diesen Ratkamp in einer Art und Weise an ...«
Sie erhielt einen Stoß und taumelte unwillkürlich ein wenig zurück. Sanna hatte die Hände geballt und folgte ihr mit flammenden Augen.
»Du bist eifersüchtig«, knirschte sie, »das ist alles. Du gönnst mir nicht, dass Herr Ratkamp nur Augen für mich hat, du möchtest wohl lieber, dass er sich um dich kümmert. Ich habe dich durchschaut.«
Assi schüttelte den Kopf. »Dass du Temperament hast, mein Liebling, habe ich ja schon gewusst, aber dass es so stark ist, ist selbst für mich noch eine Überraschung. Nun reiße dich mal etwas zusammen, Sanna, ich meine es ja nur gut mit dir. Ich will ja gern zugeben, dass Ratkamp ein ganz netter Mensch ist, aber das ist schließlich kein Grund, ihn so anzuschwärmen. Meinst du, dass ihm so etwas gefällt? Er ist es doch gewohnt, dass die Frauen ihm entgegenkommen. Er wird über dich lächeln, das ist alles, was du erreichst.«
Sanna starrte Assi mit großen Augen an. Ihr leuchteten die Worte der Freundin ein. Obwohl sie zwar um nichts in der Welt zugegeben hätte, dass sie Erik deutlich bevorzugte, wusste sie doch im Innersten ihres Herzens, dass sehr viel Wahrheit an den Worten der Freundin war. Eine dunkle Röte der Scham kroch ihr bis in die Stirn.
Assi beugte sich vor und umschlang ihre Schultern.
»Es ist ja dein erster Ball, Sanna, deshalb weißt du noch nicht, wie man mit den Männern umzugehen hat. Nach einigen Gläsern Wein wird manches gesagt, was morgen nicht mehr gilt. Man darf nicht alles auf die Goldwaage legen, was die Männer in einer Ballnacht versprechen.«
»Ob er mich wohl im Geheimen auslacht?« Sanna presste ihre Hände gegen die Brust. »Ich mag gar nicht wieder in den Saal zurückgehen. Sicherlich hält er mich für ein ganz dummes Mädchen ...«
»Benimm dich etwas damenhafter, klammere dich nicht so an Ratkamp, und alles ist in bester Ordnung.«
»Ich danke dir«, flüsterte Sanna und schmiegte einen Augenblick ihre Wange an die der Freundin, bevor sie sich losriss und in den Ballsaal zurückging. Die fröhlichen Weisen der kleinen Kapelle taten ihr fast weh. Überall, wohin sie schaute, sah sie frohe lachende Gesichter. Nur in ihr selbst war es ganz anders.
Mit gesenkten Augen ging sie zur Bar zurück, aber ihr Tischherr war nicht mehr dort. Nur der Vater stand noch am gleichen Platz und prostete ihr zu. Erik Ratkamp tanzte mit einer anderen und hatte seinen Kopf hinuntergebeugt, um ihr etwas zuzuflüstern.
