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Eigentlich wollte Mannequin Helga Blume nur in den wohlverdienten Urlaub fahren, doch dann bittet sie plötzlich ein wildfremder Mann im Zug flehentlich darum, ihn zu begleiten und für seine schwerkranke Mutter seine Verlobte zu spielen, da seine Braut ihn nach einem Streit an der letzten Station verlassen hat. Normalerweise würde Helga nicht einen Gedanken daran verschwenden, auf solch unerhörten Vorschlag einzugehen - hätte dieser Fremde nicht so eine faszinierende Anziehungskraft auf sie. Können diese tief dunklen Augen lügen, in denen sich die Verzweiflung spiegelt, die geliebte Mutter enttäuschen zu müssen? "Es ist doch nur für ein paar Tage", erklärt der Mann. Und so findet sich Helga plötzlich auf dem Schloss des Grafen von Steuben-Liebenow wieder, in einem heiklen Spiel, dessen Ausgang noch keiner kennt ...
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Veröffentlichungsjahr: 2026
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Inhalt
Drei Tage war ich seine Braut
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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
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Dann musste sie das Schloss verlassen
Von Wera Orloff
Eigentlich wollte Mannequin Helga Blume nur in den wohlverdienten Urlaub fahren, doch dann bittet sie plötzlich ein wildfremder Mann im Zug flehentlich darum, ihn zu begleiten und für seine schwerkranke Mutter seine Verlobte zu spielen, da seine Braut ihn nach einem Streit an der letzten Station verlassen hat. Normalerweise würde Helga nicht einen Gedanken daran verschwenden, auf solch unerhörten Vorschlag einzugehen – hätte dieser Fremde nicht so eine faszinierende Anziehungskraft auf sie. Können diese tief dunklen Augen lügen, in denen sich die Verzweiflung spiegelt, die geliebte Mutter enttäuschen zu müssen? »Es ist doch nur für ein paar Tage«, erklärt der Mann. Und so findet sich Helga plötzlich auf dem Schloss des Grafen von Steuben-Liebenow wieder, in einem heiklen Spiel, dessen Ausgang noch keiner kennt ...
»Ein Telegramm ...? Lesen Sie vor! Wann ist das gekommen?«
»Soeben, gnädige Frau! Vor zwei Minuten. Das heißt ...« Der alte Diener Friedrich zögerte. Unschlüssig warf er erst einen Blick auf die alte Frau, die vor ihm saß, und dann einen auf das Telegramm. Weiß lag es auf dem silbernen Tablett, das in der gichtverkrümmten Hand des Mannes ein wenig zitterte. »Es ist ... ich meine nur, es ist ein Telegramm vom gnädigen Herrn!«, erklärte Friedrich endlich.
»Na und?« Thea Gräfin von Steuben-Liebenow warf ihrem alten Vertrauten einen vorwurfsvollen Blick zu.
Sekundenlang zuckte unterdrückte Furcht in den Augen der alten Dame auf – eine Furcht, die der treue Diener Friedrich nur zu gut begreifen konnte. Er war schließlich nicht umsonst länger als ein halbes Menschenleben lang Diener bei den Grafen von Steuben, und er wusste es genauso gut wie jeder andere im Hause: Was mit dem Grafen Harald von Steuben-Liebenow zusammenhing, bedeutete selten etwas Erfreuliches. Es war kein Geheimnis, dass der jetzige Schlossherr, der seit dem jähen Unfalltod seines älteren Bruders der einzige Erbe sein würde, gar nicht so war, wie seine Mutter ihn gern gehabt hätte.
Der ältere Bruder, Gregor, war gewesen wie alle von Steubens – streng, ernst und verantwortungsbewusst. Graf Harald dagegen war, zum größten Kummer seiner Mutter, das genaue Gegenteil und völlig aus der Art geschlagen. Er war unbekümmert, sorglos und hatte sogar einen unübersehbaren Schuss ins Leichtsinnige. Er liebte sein Dasein als reicher Erbe und machte keinen Hehl daraus, dass er gewillt war, ihm stets nur die sonnigsten Seiten abzugewinnen. Seine unzähligen Streiche und Abenteuer aus seiner Studentenzeit waren leider nur allzu gut bekannt, und obschon er anscheinend nicht daran dachte, sich jemals zu verheiraten, war die Zahl seiner mehr oder minder stürmischen Liebesaffären Legende ...
Gräfin Thea hatte sich wieder gefasst.
»Warum lesen Sie denn nicht endlich vor?«, fragte sie mit leiser Ungeduld in der Stimme. »Nun machen Sie schon! Sie wissen doch, dass Telegramme mich immer so aufregen! Was steht darin?«
»Dass Ihr ... dass der gnädige Herr sich verlobt hat, gnädige Frau!«, platzte der Diener heraus.
»Was?? Mein Sohn hat sich ... was sagen Sie da? Geben Sie her!« Die alte Dame streckte aufgeregt die Hand nach dem Telegramm aus und riss es dem verdutzten Diener aus der Hand. Ihr strenges, hageres Gesicht färbte sich mit einer hellen Röte. »Das ist ja ... mein Gott! Also endlich! Wo ist meine Brille? Schnell doch, Friedrich!«
Sie setzte sich ungeschickt die Brille auf und las mit sichtlicher Erregung den kurzen, aber inhaltsschweren Text.
Habe mich soeben mit Helga Baronesse von Lorsch verlobt, stand da. Und weiter: Eintreffe mit Braut übermorgen – bitte alles für Verlobung vorbereiten – Kuss Dein Harald.
»Mein Gott, Friedrich! Was sagen Sie dazu?«
Die alte Gräfin ließ das Telegramm sinken und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Sie fühlte, wie ihr das arme, geschwächte Herz aufgeregt gegen die Rippen schlug, aber sie durfte jetzt keinen Anfall erleiden! Ihr Herz hatte schon zu viel erlitten, aber es waren immer traurige und bestürzende Anlässe gewesen.
Diesmal war es anders! Diesmal hielt sie endlich einmal eine Freudenbotschaft in den Händen – die schönste, die es für sie gab und nach der sie sich so lange gesehnt hatte! Diesmal konnte ihr altes, krankes Herz sich freuen!
Harald, der einzige ihr noch verbliebene Sohn, hatte endlich eine Frau gefunden, die zu ihm passte! Er war endlich bereit, seinen leichtsinnigen Lebenswandel aufzugeben, und war sich seiner Pflichten und Verantwortung bewusst geworden.
Der alte Diener schluckte. Er war hier so mit den Geschicken des Hauses vertraut, dass er längst eine Sonderstellung einnahm und sich seiner Herrin gegenüber ein offenes Wort erlauben durfte.
»Das freut mich sehr, gnädige Frau!«, stammelte er mit mühsam verhaltener Rührung in der dünnen Stimme. »Ich hoffe, dass der gnädige Herr sehr glücklich wird und dass er eine gute Wahl getroffen hat ...«
»Natürlich hat mein Sohn das!«
Die alte Gräfin lächelte. Sie war stolz und selbstbewusst, und sie wusste, dass dies hier im Grunde ihr Werk war und dass es noch nicht zu spät war.
Sie wusste nur zu gut, dass alles, was bisher geschehen war, nur ihr eigener Fehler gewesen war. Eigensinnig und herrschsüchtig, wie sie war, hatte sie sich in ihrem Leben trotzdem eine große Schwäche erlaubt gehabt, und das war verkehrt gewesen. Sie selbst war es gewesen, die Harald, der zehn Jahre nach seinem Bruder Gregor zur Welt gekommen war, von Anfang an verhätschelt und verwöhnt hatte. Er war nun einmal ihr Jüngster und ihr Liebling gewesen, und sie war nur zu bereit gewesen, ihm seinen Leichtsinn und seine Sorglosigkeiten immer wieder zu vergeben.
Erst nachdem Gregor bei einem Jagdunfall umgekommen war, war ihr bewusst geworden, dass es so nicht in alle Ewigkeiten weitergehen konnte. Es hatte heftige Szenen zwischen Mutter und Sohn gegeben. Aber sie hatte nicht nachgegeben und Harald gezwungen, sich endlich auf seine Pflichten zu besinnen und ein anderes Leben zu führen. Schließlich hatte sie ihm sogar damit gedroht, ihn zu enterben und den gesamten Besitz einem weitläufigen Verwandten zu vermachen, der irgendwo in Norddeutschland lebte und eine Frau und fünf Kinder hatte.
Und das hier war also das Resultat! Endlich, endlich hatte Harald begriffen und sich auf sich selbst besonnen! Eine Baronesse Helga von Lorsch würde ihre Schwiegertochter werden! Eine Frau, die zu Harald passte und die ihn endlich ans Haus fesseln würde! Die die neue Gräfin von Steuben-Liebenow werden und ihm Erben schenken würde!
»Was ordnen Sie jetzt an, gnädige Frau?«
Der alte Diener Friedrich sah immer noch aus, als wagte er nicht recht, an das große Wunder zu glauben. Er stand immer noch da und hielt das silberne Tablett in der Hand.
Die alte Gräfin warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu.
»Natürlich lassen Sie sofort die Zimmer herrichten!«, erklärte sie, wieder in ihrer alten, befehlsgewohnten Schärfe. »Warten Sie mal – mein Sohn und meine Schwiegertochter kommen übermorgen. Das heißt, dass wir schon nächste Woche die Verlobung feiern können! Besprechen Sie sich mit Elfriede, damit wir sofort mit den Vorbereitungen beginnen können! Ich will sogleich schon selber ...« Sie stand auf – eine hagere, gebeugte Gestalt in feierlichem Schwarz, die sich beim Gehen auf einen Krückstock stützte. Mit überraschender Festigkeit schritt sie auf ihren großen Sekretär zu, der an einer Wand des riesigen Zimmers stand. »Ich muss sogleich anfangen, die Gästeliste zusammenzustellen! Und dann schicken Sie mir Elfriede und den Gärtner!« Ihre dunklen, lebendigen alten Augen blitzten, ihre Stimme klang unnachsichtig und streng wie in ihrer besten Zeit. »Was stehen Sie denn noch so herum?«, fragte sie vorwurfsvoll. »Machen Sie jetzt voran, Friedrich! Es gibt genug zu tun! Ich möchte, dass meine Schwiegertochter so empfangen wird, wie es sich für die zukünftige Gräfin Steuben gehört. Gehen Sie jetzt also! Ich habe hier zu tun!«
»Sehr wohl, gnädige Frau!«
Der alte Diener warf noch einen ratlosen Blick auf das Telegramm, bevor er mit einer Verbeugung das Zimmer verließ. Er war noch so verwirrt und verstand das alles so wenig, dass er, als er die Küche betrat, um ein Haar auf die dicke Köchin Elfriede geprallt wäre, die sich gerade vor dem großen Backofen aufrichtete.
»Mein Gott, passen Sie doch auf!« Elfriede schnaufte vorwurfsvoll. »Was machen Sie denn auf einmal für ein Gesicht?«, fragte sie verwundert. »Ist etwas passiert?«
»Nein! Das heißt ... ja! Sie sollen sofort zur gnädigen Frau kommen, Elfriede. Es ist nämlich ... der junge Herr kommt mit einer Braut. Er hat sich verlobt.«
»Was? Verlobt? Wer?« Die Köchin hielt den Atem an. Sie war so verblüfft, dass ihr Kopf gefährlich einem feuerroten Luftballon ähnelte, der jeden Augenblick in die Lüfte steigen konnte. »Graf Harald? Das ... das ist doch wohl nicht wahr!«
»Doch! Natürlich ist es wahr!« Der alte Diener nickte eifrig. »Ich habe doch selber das Telegramm lesen müssen! Übermorgen kommt er mit seiner Braut hierher! Es ist eine ... eine Baronesse von Lorsch oder so ähnlich! Und Sie hätten nur die Gnädige sehen müssen! Wie glücklich sie ist ...« Der Diener stockte. »Was haben Sie denn?«, stammelt er, nun seinerseits verwundert. »Was ist denn? Setzen Sie sich doch, Elfriede! Sie ... Sie sind ja auf einmal ganz blass? Was ist Ihnen denn? Mein Gott, wir freuen uns ja alle, dass der junge Herr endlich ...«
»Sie freuen sich?« Die Köchin sah ihn seltsam an. Ihr rundes, gutmütiges Gesicht war plötzlich nicht mehr rot, sondern fast blass. Sie zitterte und musste sich tatsächlich wie haltsuchend auf den nächsten Küchenstuhl setzen. »Sie sollten sich lieber nicht zu früh freuen, Friedrich«, verkündete sie, den Blick fest auf den fassungslosen alten Diener geheftet. »Denn das ... das ist ungeheuerlich! Ausgerechnet mit dieser Frau? Nein, die darf der gnädige Herr nicht heiraten – niemals! Mit der kann er nämlich nicht glücklich werden! Im Gegenteil, mit der wird er todunglücklich und wir alle mit ihm!«
»Aber Elfriede!«, stammelte der Diener fassungslos. »Was reden Sie denn da? Sie kennen doch die zukünftige Gräfin noch gar nicht! Wir kennen sie doch alle noch nicht!«
»Nein! Natürlich kennen Sie sie noch nicht – aber ich! Ich kenne sie! Heute Nacht habe ich sie in meinem Traum gesehen, und ich weiß, was ich sage! Unglück wird diese Frau uns bringen und Elend ...«
»Mein Gott, Elfriede, hören Sie doch endlich auf! Was Sie immerzu mit Ihren dummen Träumen haben!« Der alte Friedrich wusste nicht, ob er lachen oder sich ärgern sollte. Elfriede war seine beste Freundin, aber jetzt verspürte er doch große Lust, sie mit ihren Hirngespinsten allein zu lassen. »Sie möchten sofort zur gnädigen Frau kommen wegen der Vorbereitungen«, setzte er kühl hinzu und wandte sich zur Tür. »Ich habe jetzt zu tun.«
»Ja. Ja, ich gehe ja schon.« Die Köchin nickte ergeben, aber sie stand noch nicht, sondern blieb auf ihrem Stuhl sitzen und starrte regungslos den Backofen an, aus dem langsam ein alarmierender Geruch nach Verbranntem zu quellen begann. »Ausgerechnet jetzt«, murmelte die Köchin vor sich hin. »Ich weiß, dass es die Falsche ist! Erst müssen die dunklen Schatten von uns gewichen sein, die ich im Traum gesehen habe. Und dann muss eine andere kommen! Eine ganz andere, von der noch niemand etwas ahnt – und die ist doch erst die Richtige ...«
***
»Einmal Zweiter Klasse nach Werlerheide – vierundsechzig Mark und fünfzig Pfennige! Es ist nicht zu fassen! Du musst von allen guten Geistern verlassen sein!« Die lebhafte und immer fröhliche Karin Schürmann griff kopfschüttelnd nach der Fahrkarte, die der Beamte am Bahnhof den beiden jungen Mädchen hingeschoben hatte. »Werlerheide!«, wiederholte Karin seufzend. »Wer um alles in der Welt fährt in seinem sauer verdienten Urlaub nach Werlerheide!!«
»Ich, mein Liebling!«
Helga Blume nahm der Freundin mit ruhigem Lächeln die Fahrkarte aus der Hand und warf noch schnell einen flüchtigen Blick in den etwas angelaufenen Spiegel einer Schokoladenreklame, der neben dem Fahrkartenschalter hing. Das Mädchen, dreiundzwanzig Jahre alt und mit ihrer schlanken, grazilen Figur und dem aparten Gesicht bildhübsch, sah jedoch eigentlich nur gewohnheitsmäßig in diesen Spiegel, ohne sich etwas dabei zu denken. Als Vorführdame in einem Modesalon hatte sie sich das In-den-Spiegel-Schauen längst zur Gewohnheit gemacht, denn in ihrem Beruf war es unbedingt Voraussetzung, dass sie jederzeit untadelig auszusehen hatte.
Sie sah auch jetzt so aus, als sie endlich zu ihrer verspäteten Ferienreise aufbrechen konnte – kühl und elegant wie immer. Sie trug dunkelblaue, halb sportlich und halb elegante Schuhe mit flachen Absätzen, und alles passte vollendet zu ihrem in feinstem Karomuster gehaltenen Kostüm. Unter der feschen, blau-weiß gemusterten Kappe auf ihrem Kopf waren ihr lediglich ein paar helle blonde Haarsträhnen vorwitzig in die Stirn gerutscht.
»Wer sagt dir übrigens, dass es in Werlerheide nicht schön ist?«, fragte sie Karin amüsiert. »Schließlich ist es ja ganz egal, wohin ich fahre. Wenn es dort nur ruhig und gesund ist, bin ich schon zufrieden – und ein Hotel werde ich wohl überall finden können!«
»Wenn du eines findest, mein Herz!«, entgegnete Karin Schürmann mit unüberhörbarem Misstrauen. »Es ist mir ja immer noch ein Rätsel, wieso du ausgerechnet auf ein solches Nest verfallen musst, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen – und von einem Hotel haben wir, wie ich mich erinnere, nichts in Erfahrung bringen können.« Sie belastete sich mit dem Koffer ihrer Freundin und strebte ergeben der Sperre zu. »Nicht einmal der Mann in dem Reisebüro konnte uns ja eines nennen. Dafür sprach er allerdings von einem wundervollen Schloss, das da in der Gegend sein soll. Na ja, daran hast du ja dann etwas.«
»Schon gut, Kleines! Reg dich nur nicht auf! Wir müssen uns beeilen!«, mahnte Helga.
»Natürlich! Aber verrückt ist es trotzdem, und wahrscheinlich kommst du in acht Tagen schon wieder reumütig nach Hause!« Karin nickte. »Hinzu kommt, dass wir schon Oktober haben! Was willst du da überhaupt noch anfangen! Ich sage dir ja, mit mir hätten sie das nicht gemacht – Urlaub im Oktober!«
»Wie oft muss ich dir denn noch erklären, dass es nun einmal nicht anders möglich war!« Helga Blume warf einen besorgten Blick auf die große Uhr, deren Zeiger schon bedenklich vorwärts gerückt waren. »Du weiß doch, dass es bei mir in der Firma nun einmal nicht anders geht! Zuerst müssen die Vorführungen für die Frühjahrskollektion vorbei sein! Das ist nun einmal so, aber daran bin ich ja gewöhnt. Letztes Jahr war ich doch auch erst im Oktober an der See, und es hat mir recht gut gefallen!«
»Desto besser!«, konterte Karin etwas spitz. »Wenn du mich fragst, ist Travemünde zwar auch im Oktober immer noch etwas anderes als Werlerheide, von dem keiner weiß, wo es überhaupt liegt – aber es ist ja dein Urlaub!«
»Eben!« Helga lächelte geduldig, als sie dem Beamten ihre Fahrkarte reichte. »Du wirst schon sehen, dass ich recht habe und genau das finde, was ich suche. Und um es dir zu beweisen, werde ich dir gleich nach meiner Ankunft eine herrlich bunte Ansichtskarte schicken!«
»Wenn es so etwas gibt in deinem verwunschenen Nest, meine Gute!« Karin Schürmann sah sich vorwurfsvoll um und begann plötzlich, zu laufen. »Lieber Himmel, noch zwei Minuten, du sorgloses Geschöpf!«, empörte sie sich und stürmte mit dem Koffer auf die Treppe zur Sperre zu. »Du musst dich beeilen!«, schrie sie aufgeregt. »So komm doch schon, Helga! Der Zug fährt ja noch ohne dich ab!«
»Ja doch! Ich komme ja schon ...«
***
»Hierher, Helga! Ein ganzes Abteil für dich allein! Hier, Helga!«
»Sieh mal an, wie hübsch! Anscheinend gibt es hier noch eine Helga!«
Harald Graf von Steuben beugte sich interessiert aus dem offenen Abteilfenster. Er war immer interessiert, wenn er eine fremde weibliche Stimme vernahm – nur dass sein Interesse dann, wenn die Besitzerin der Stimme nicht ausnehmend hübsch war, meistens ebenso schnell wieder verschwand.
