Lore-Roman 26 - Ina Ritter - E-Book

Lore-Roman 26 E-Book

Ina Ritter

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Beschreibung

Pollyana Komtess von Mintenburg sucht Ruhe und Erholung auf der Insel Wellborn. Das mondäne Leben der Stadt, Glitzer und Glamour - für einen Moment will sie all das hinter sich lassen. Da trifft sie auf den bescheidenen Fischer Sven. Dass dieser bereits einem Inselmädchen versprochen ist, stört Polly zunächst nicht. Sie genießt den Segelunterricht mit dem Mann, der so anders ist als alle Männer, die sie bisher kennengelernt hat.

Doch mit der Zeit ist in ihr nur noch Neid. Ihr Mund lächelt, wenn Sven von seiner Braut schwärmt, aber ihr Herz weiß nichts von diesem Lächeln. Denn in Pollys Welt gibt es diese Liebe, von der Sven spricht, kaum noch. Sie ahnt, dass ihr etwas Köstliches vorenthalten worden ist - und sie will auch diese Liebe, von der er spricht. Sie will ihn haben!

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EPUB

Seitenzahl: 141

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

Cover

Impressum

Das Meer erzählt von meiner Liebe

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: alexkotlov/iStockphoto

eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-6410-1

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Das Meer erzählt von meiner Liebe

Ein bezaubernder Schicksalsroman, der zu Herzen geht

Von Ina Ritter

Pollyana Komtess von Mintenburg sucht Ruhe und Erholung auf der Insel Wellborn. Das mondäne Leben der Stadt, Glitzer und Glamour – für einen Moment will sie all das hinter sich lassen. Da trifft sie auf den bescheidenen Fischer Sven. Dass dieser bereits einem Inselmädchen versprochen ist, stört Polly zunächst nicht. Sie genießt den Segelunterricht mit dem Mann, der so anders ist als alle Männer, die sie bisher kennengelernt hat.

Doch mit der Zeit ist in ihr nur noch Neid. Ihr Mund lächelt, wenn Sven von seiner Braut schwärmt, aber ihr Herz weiß nichts von diesem Lächeln. Denn in Pollys Welt gibt es diese Liebe, von der Sven spricht, kaum noch. Sie ahnt, dass ihr etwas Köstliches vorenthalten worden ist – und sie will auch diese Liebe, von der er spricht. Sie will ihn haben!

„He, Sie da!“

Ihre Stimme klingt nicht schlecht, stellte Sven fest. Nur verdammt hochmütig, und das liebte er gar nicht.

Er schob die Pfeife wieder zwischen die Zähne und drehte den Kopf gelangweilt zur Seite. Sein Blick folgte dem Flug einiger Möwen.

„He, sitzen Sie auf Ihren Ohren?“, fragte die Fremde.

Sven drehte den Kopf zurück.

„Soll ich Ihnen genau sagen, worauf ich sitze?“, fragte der blonde Fischer, und ein verschmitztes Lächeln glitt um seinen Mund.

„Komtess, mit solchen Leuten spricht man nicht!“, mahnte die ältere Frau an der Seite der jungen eleganten Frau. „Sie können sich eine Mark verdienen, mein Lieber. Nehmen Sie der Dame das Gepäck ab und schaffen Sie es ins Hotel.“

Sven zog die Brauen eine Spur weiter in die Höhe.

„Ich will aber keine Mark verdienen“, versicherte er treuherzig. „Der Hausdiener des ‚Störtebeckers‘ wird es sich zur Ehre anrechnen, Ihr Gepäck zu holen. Stellen Sie es nur hierhin.“

„Damit Sie es verschwinden lassen, wie?“ Das klang sehr angriffslustig.

„Auf Wellborn wird nicht gestohlen“, gab Sven ernst zurück.

Er rutschte vom Geländer herunter. Jetzt erst sah man, wie groß er war. Eigentlich fand sie, sah er unverschämt gut aus. Er besaß die Figur eines Sportmannes, und seine Selbstsicherheit beeindruckte sie.

„Ich bin Komtess von Mintenburg“, fuhr sie ihn an.

„Schade, dass ich keine Mütze aufhabe, ich würde sie sonst ehrfürchtig ziehen“, versicherte der Mann mit deutlicher Ironie.

Er ließ sich durch den Titel nicht beeindrucken. Es war schließlich nicht ihr Verdienst, dass ihr Vater ein Graf war. Für ihn galt die Leistung. Und diese Komtess sah aus, als bestände ihre einzige Leistung bisher darin, mit jungen Männern zu flirten.

So etwas imponierte ihm ganz und gar nicht.

„Kommen Sie weiter, Komtess“, sagte die Frau an der Seite der jungen Dame.

Sie fand es schockierend, dass Pollyana von Mintenburg sich mit einem Fischer in ein Gespräch einließ.

„Seien Sie ruhig!“, befahl die Komtess scharf und in befehlsgewohntem Ton. Die Frau an ihrer Seite tat Sven leid. Sie machte einen gutmütigen Eindruck, fand er.

„Wauwau.“ Er grinste.

„Was soll das?“, fragte Pollyana von Mintenburg gereizt.

„Ich wollte nur ein bisschen mitbellen“, erklärte Sven schmunzelnd. „Im Übrigen sehe ich den Hausdiener zurückkommen. Ich wünsche Ihnen gute Erholung auf Wellborn. Hier wird es Ihnen gefallen.“

„Wenn noch mehr von Ihrer Sorte hier herumlaufen, ganz bestimmt nicht“, gab die Komtess spitz zurück.

„Einen Sven Dirksen gibt es nur einmal“, beruhigte der Fischer sie. „Und außerdem werden Sie mich kaum zu Gesicht bekommen. Mit Badegästen habe ich nichts zu tun.“

„Ist hier überhaupt etwas los?“ Polly schob die Hände noch eine Spur tiefer in die Taschen. „Tanz, Cafés, Kinos, meine ich“, erläuterte sie.

Sven schaute sie abschätzend an „Für die Gäste ist einmal die Woche Tanz. Im ‚Störtebecker‘. Dort sind Sie auch ganz unter sich, denn von uns geht selbstverständlich niemand hin.“

„Warum nicht?“

„Zu teuer“, erklärte Sven lakonisch.

Er hatte seinen Spaß an der Unterhaltung. Die kleine Komtess stellte einen Mädchentyp dar, der ihm bisher noch nicht über den Weg gelaufen war. Er fand sie in ihrer Art recht nett.

„Wir werden uns wiedertreffen“, versicherte sie. „Die Insel ist nicht so groß, dass man sich ständig aus dem Wege gehen kann. Ich möchte einmal sehen, wie Sie wohnen und was Sie tun.“

„Besichtigung der Eingeborenen?“, schmunzelte Sven. „Gnädiges Fräulein, verwechseln uns doch nicht mit einem Museum?“

Polly errötete. „Sie werden frech, mein Lieber.“

„Komtess, wir müssen weiter“, mahnte die Frau an der Seite der jungen Dame noch einmal. „Was würde Ihr Herr Vater sagen, könnte er Sie hier im Gespräch mit solch einem … mit solch einem Mann sehen.“

„Das Wundern hat Paps sich schon längst abgewöhnt, soweit es mich angeht“, meinte die Komtess von Mintenburg. „Er interessiert mich.“

Sie spricht von mir, als wäre ich taub, schoss es Sven durch den Kopf. Immerhin, er war erwachsen genug, um sich über ihre kindische Haltung nicht zu ärgern. Mädchen wie sie konnte er einfach nicht ernst nehmen.

Pollyana spürte seine Überlegenheit und ärgerte sich maßlos darüber. Gefiel sie ihm etwa nicht? Sie wusste doch, dass sie eine Schönheit war.

Das Erscheinen des Hausdieners machte es ihr unmöglich, die Unterhaltung fortzusetzen. Ihre Begleiterin – es war ihre Gesellschafterin – atmete befreit auf, als die Komtess sich endlich in Bewegung setzte.

„Wie können Sie sich nur mit solch einem Mann auf eine Unterhaltung einlassen“, lamentierte sie. „Er steht so tief unter uns, dass wir einfach keine gemeinsamen Berührungspunkte haben können. Ich muss Sie sehr bitten, in Zukunft nicht zu vergessen, was Sie Ihrem Namen schuldig sind, Komtess. Ihr Herr Vater hat mir ausdrücklich eingeschärft …“

„Der Rest der Predigt ist Ihnen geschenkt“, fiel Polly ihr ärgerlich ins Wort. „Ich kann mich unterhalten, mit wem ich will. Jener Mensch hat mich amüsiert. Ich lerne gern einmal solche Typen kennen.“

„Ich fand ihn einfach schrecklich“, versicherte Fräulein von Heckermann. „Er sieht so brutal aus. Er ist ja ein richtiger Riese.“

„Wir sind eben nur die verkümmerten Gestalten unserer Kreise gewöhnt“, stimmte Polly ihr zu. „Und mit denen ist nicht allzu viel Staat zu machen, das stimmt. Dieser Sven Dirksen ist wirklich ein Kerl.“ Polly lächelte hintergründig. „Ich werde einmal mit ihm fischen fahren. Mal sehen, wie er sich dabei benimmt. Ob man hier Südwester kaufen kann? Ich muss natürlich zünftig angezogen sein.“

„Das kann ich nicht erlauben!“, entsetzte sich das ältliche Fräulein. „Ihr Herr Vater …“

„Ist weit vom Schuss und wird es niemals erfahren“, fiel Polly ihr ins Wort. „Oder wollen Sie mich verpetzen, Meckerchen?“

„Ich heiße Roswitha von Heckermann“, erinnerte ihre Gesellschafterin pikiert. „Ich finde es nicht nett, dass Sie mich immer Meckerchen nennen.“

„Der passende Name für Sie. Sie haben ja ständig an mir herumzumeckern. Ich brauche keinen Babysitter mehr, ich weiß genau, was ich will.“

Wie konnte sie sich nur darum reißen, nähere Bekanntschaft mit solch einem schrecklichen Mann schließen zu wollen!

„Der frisst mir noch aus der Hand“, behauptete Polly plötzlich lachend.

Ein harter Glanz war in ihren blauen Augen. „Es wäre doch noch schöner, wenn ich den nicht rumkriegen könnte.“

„Wozu rumkriegen?“, fragte Fräulein Roswitha.

„Davon wissen Sie nichts“, behauptete Polly wegwerfend.

Sie freute sich plötzlich auf ihren Inselurlaub, der Vater hatte Wellborn ausgesucht, weil er überzeugt war, hier könne sie kein Unheil anrichten.

Als sie vor ungefähr einem halben Jahr in St. Tropez gewesen war, hatten sich zwei Männer ihretwegen duelliert. Es war ein Skandal gewesen, der durch alle Zeitungen ging.

„Auf der Insel wirst du dich richtig erholen“, hatte ihr Vater in seiner knurrigen Art gesagt.

An einen Mann wie Sven Dirksen hatte er nicht gedacht. Die Bekannten einer Komtess von Mintenburg pflegten keine Rollkragenpullover zu tragen, und an den Händen hatten sie keine Schwielen. Er glaubte seine Tochter gut aufgehoben.

Und ausnahmsweise war Polly diesmal, wenn auch nachträglich, seiner Meinung.

***

Sven Dirksen hatte am Abend die Begegnung mit der Dame aus einer anderen Welt schon wieder vergessen.

Er zog sich sein Ölzeug über, denn in einer halben Stunde würde er mit Wilke Hansen zum Fischen hinausfahren. Ein warmes Leuchten lag auf seinem Gesicht, als er Geertje über den Deich herankommen sah. So wie sie ging keine andere auf der Insel. Kein Wunder, dass sie wie eine Elfe tanzte. Alle jungen Männer bewarben sich um sie, aber ihn, den armen Fischer, hatte sie bevorzugt. Sven war sehr stolz auf sie.

Und Geertje war stolz auf ihn. Mochte Sven Dirksen auch keine Reichtümer besitzen, so hatte er doch etwas, das in ihren Augen viel mehr wert war. Sein Herz war wie pures Gold.

Im Dorf Wellborn galten sie als festes Paar, und die jungen Burschen achteten und respektierten Svens Besitzanspruch.

Sven öffnete ihr die Tür, bevor sie noch klopfen konnte. Geertje errötete leicht, als er sie in den Arm zog und herzhaft abküsste.

Das Erröten stand ihr großartig, sie wurde dadurch noch schöner. Und als er sie im Arm hielt, dachte Sven zum ersten Mal an diesem Tage wieder an die Komtess, die so ganz anders war als seine zukünftige Frau.

Er hätte nicht mit einem König tauschen mögen, solange Geertje ihn liebte.

„Komm herein“, lud er sie ein und öffnete die Tür weiter.

„Ich bin nur auf einen Sprung vorbeigekommen.“ Geertje trat unbefangen über die Schwelle. „Ich habe nämlich eine große Neuigkeit“, verriet sie wichtig.

„Dann schieß los, mein Herz“, erwiderte Sven und lachte.

„Ich habe eine gute Arbeit.“ Geertje weidete sich an Svens Verblüffung.

Arbeit gab es nämlich kaum auf der Insel. Die beiden Bauern, die sich hier mehr oder weniger schlecht durchs Leben schlugen, konnten sich kein Personal erlauben.

„Ich helfe im ‚Störtebecker‘ aus.“ Geertje schmiegte sich liebevoll an Svens Seite. „Die ganze Saison hindurch. Sie geben mir vierzig Mark die Woche, stell dir das nur vor! Dafür kann ich drei Bettbezüge kaufen oder zwei Dutzend Handtücher. Und das jede Woche.“

Sven musste sie einfach küssen, als er in ihr leuchtendes, strahlendes Gesicht schaute.

Es war schon ein Glücksfall, im Hotel arbeiten zu dürfen. Auswahl hatte der Besitzer genug, denn jedes Mädchen riss sich darum, solch einen Posten zu bekommen, auch wenn er mit viel Arbeit verbunden war.

Auf dem Festland sollte es ja anders sein, erzählte man sich. Dort waren Arbeitskräfte knapp, aber deshalb dachten nur die wenigsten daran, die Heimatinsel zu verlassen.

Konnte es denn irgendwo schöner sein als auf Wellborn, der stürmischen Insel mit dem herrlichen, weißen Strand?

„Und vornehme Gäste haben die jetzt, also einfach toll, sage ich dir. Eine richtige Komtess ist dort abgestiegen. Sie bewohnt drei Zimmer, stell dir das nur einmal vor! Aber Geld spielt bei ihr anscheinend keine Rolle. Weißt du, was die pro Tag bezahlen muss? Du wirst es nicht glauben, wenn ich es dir sage. Achtzig Mark! Für einen Tag achtzig Mark!“ Geertje schüttelte fassungslos den Kopf. „Wie reich muss die sein“, sagte sie, aber sie sagte es ohne Neid.

„Glücklicher als wir ist die bestimmt nicht“, bestätigte Sven das, was sie nicht aussprach. „Sie macht einen recht unzufriedenen Eindruck.“

„Kennst du sie?“, fragte Geertje prompt. „Ich finde sie wunderschön. Heute Nachmittag trug sie ein Kleid … ein Kleid aus reiner Seide. Am Nachmittag.“

„Sie hat es ja“, meinte Sven schulterzuckend. Er warf einen flüchtigen Blick auf die hohe Wanduhr, die die Zeit in Minuten teilte.

„Ich will dich nicht aufhalten, ich weiß ja, dass du jetzt ausfahren musst.“ Geertje schlang die Arme um seinen Nacken und gab ihm noch schnell einen Kuss, bevor er ging.

„Ich freue mich schon auf morgen. Ich muss die Zimmer sauber machen, und ich stelle es mir wahnsinnig interessant vor. All die feinen Leute. Und Trinkgelder kann man auch bekommen. Ach, was für ein Glück haben wir doch, Sven. Vielleicht können wir schon im Herbst heiraten.“

„Am liebsten schon morgen“, versicherte der junge Mann und strich ihr mit seinen schwieligen Händen über das feine, silberblonde Haar.

Während Geertje ins Wohnzimmer trat, um Svens Eltern zu begrüßen, verließ der junge Fischer das Haus.

Mit großen Schritten ging er über den Deich. Wilke Hansen hatte das Schiff schon klargemacht. Er wartete bereits auf seinen Arbeitsmann.

Das Wetter war so schön, wie man es sich nur wünschen konnte. Eine leichte Brise wehte von der Insel fort zum offenen Meer. Es würde eine leichte Fahrt werden. Die ganze Nacht hindurch blieben sie draußen. Sie hatten Glück, ihr Fang war ungewöhnlich gut. Sven schob seine Mütze aus der Stirn, als das Boot sich dem Anleger näherte. Das Tau in der Hand, stand er auf dem Seitenbord, um das Schiff festmachen zu können.

Wie üblich hatten sich um diese Zeit schon ein paar Sommergäste am Anleger eingefunden. Auch die Komtess von Mintenburg lehnte sich gegen die Brüstung und schaute interessiert zu, als Sven mit kühnem Sprung die Bohle erreichte und das Schiff vertäute.

Sie trug wieder lange Hosen, aber heute in einer anderen Farbe als gestern, dazu einen Pullover, der sich eng um ihren Oberkörper schmiegte. Sie sah sehr gut aus.

In diesem Familienbad wirkte sie wie ein Paradiesvogel.

„Hallo!“, rief Polly ihn an.

Sven fühlte sich im ersten Moment nicht getroffen, denn er hielt es für ausgeschlossen, dass sie die Absicht hatte, ihre flüchtige Bekanntschaft fortzusetzen.

Es war ein Irrtum. Die Komtess von Mintenburg, diesmal ohne Begleitung ihrer Gesellschafterin, lief auf ihn zu.

„Heute Abend fahre ich mit Ihnen hinaus“, überfiel sie Sven. „Ich habe mir immer schon einmal gewünscht, Fischern bei der Arbeit zuschauen zu dürfen. Sie sind doch einverstanden?“

„Da müssen Sie schon Herrn Hansen fragen.“ Sven wies mit einer Kopfbewegung auf den Eigentümer des Bootes.

Wilke spuckte den Priem ins Wasser und schüttelte dann stumm den Kopf. Er sprach nur, wenn es sich überhaupt nicht vermeiden ließ. Böse Menschen behaupten sogar, sein Ja auf dem Standesamt sei das letzte Wort gewesen, das seine Frau von ihm gehört hatte.

„Was soll das heißen?“, fragte Polly stirnrunzelnd. „Ich werde selbstverständlich für die Fahrt bezahlen. Wie viel verlangen Sie?“

Wilke Hansen schob den restlichen Priem von einer Backe in die andere und schüttelte wieder den Kopf.

„Unser Boot ist nicht für Passagiere eingerichtet“, dolmetschte Sven. „Fischen ist Arbeit und gerade kein Vergnügen. Sie würden uns nur im Wege sein.“

Wilke Hansen nickte bestätigend. Sein Mitfahrer hatte ihm aus der Seele gesprochen.

„Ich bezahle Ihnen … fünfzig Mark.“ Polly hatte kurz überlegt, bevor sie eine Summe nannte.

Sven schaute fragend auf Wilke Hansen. Der schüttelte wiederum den Kopf.

„Achtzig“, bot die Komtess.

Die Antwort war wiederum nur ein Kopfschütteln.

„Würde es Ihnen etwas ausmachen, den Anleger jetzt zu verlassen? Wir müssen nämlich den Fang ausladen.“

„Ich kaufe das Boot. Wie viel wollen Sie dafür haben?“ Komtess von Mintenburg warf den Kopf hochmütig in den Nacken. „Nennen Sie schon eine Summe, Mann, wir werden uns schon einig werden.“

Wilke Hansen grinste. Mit einer Kopfbewegung forderte er Sven auf, den Griff eines Weidenkorbes zu packen.

Er fand, dass er hier nur seine Zeit verschwendete. Er wollte nach Hause, Lina hatte bestimmt schon den Tee gekocht und die Stullen fertig. Auf den Gedanken, ein Fischer könne sein Boot verkaufen, könnte auch wohl nur solch ein Stadtmensch kommen. Wovon sollte er ohne Schiff leben?

Er ging als Erster und stieß Polly recht unsanft zur Seite. Einen Moment schien es fast, als würde die Komtess das Gleichgewicht verlieren und rückwärts ins Wasser stürzen. Sven hielt sie noch im letzten Moment fest.

Sein Griff war hart, aber Polly empfand ihn keineswegs als unangenehm.

„Sie sind ein Kavalier“, behauptete sie schmeichelnd. „Sie wissen wenigstens, wie Sie sich einer Dame gegenüber zu verhalten haben. Nicht wahr, Sie nehmen mich doch einmal auf eine Ausfahrt mit?“

„Ich habe kein Boot, und Herr Hansen lehnt es ab. Es tut mir leid, gnädiges Fräulein.“

„Dann werde ich eben ein Schiff kaufen. Und Sie werden mein Steuermann. Können Sie segeln?“

Sven verzog unwillkürlich den Mund bei ihrer törichten Frage.

„Natürlich können Sie es. Ich lasse wieder von mir hören, Sven, Sie gefallen mir. Ich glaube, mit Ihnen am Steuer braucht man bei keinem Sturm Angst zu haben.“

Wilke grinste über das ganze verwitterte Gesicht. Sven lächelte. Er wusste, was der alte Mann dachte.

„Die geht ran wie Blücher“, sprach er Wilkes Gedanken aus.

Das Grinsen des alten Fischers wurde noch breiter.

Ernst nahm er die Komtess nicht. Er kannte sie eben nicht. Noch am gleichen Tag gelang es Fräulein von Mintenburg nämlich, ein Segelboot zu kaufen. Geld spielte ja keine Rolle. Ihr Vater bezahlte alles, was sie ausgab. Er tat überhaupt immer alles, was sie wollte.

***

„Da staunen Sie, wie?“, fragte die Komtess von Mintenburg voller Stolz. „Ich bin es wirklich.“ Sie machte vor Sven einen übertrieben tiefen Knicks, und sie strahlte.

Und auch in Svens Augen zuckte es auf. Er fand sie sehr hübsch, ein kleines, entzückendes Persönchen, das ihn mit schelmischem Lachen, bei dem sich zwei Grübchen in ihren Wangen bildeten, von unten herauf anstrahlte.