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Das Verhängnis einer Lüge - Denn das Spiel mit dem Schicksal bleibt nicht ohne Folgen
Lorna von Sassenhausen ist verzweifelt. Warum muss Tante Breda ausgerechnet in diesem Augenblick in der kleinen Atelierwohnung auftauchen und nach dem Rechten sehen?
Die alte Dame betrachtet fassungslos den gut aussehenden Mann, der, nur mit einer Pyjamajacke bekleidet, fröhlich pfeifend im Badezimmer verschwindet.
Lorna ist Künstlerin, genießt ihr freies Leben fernab der strengen Regeln des elterlichen Gutes, sie liebt Andreas über alles - aber wie soll sie ihrer konservativen Familie erklären, dass sie mit einem Mann zusammenlebt, mit dem sie gar nicht verheiratet ist?
Lieber Gott, ein Einfall, ein guter Einfall, hämmert es in ihr, während sie verzweifelt versucht, der Tante zu erklären, was es mit Andy auf sich hat.
Da durchzuckt es sie wie ein Blitz. Ja, es ist die einzige Möglichkeit, einen Skandal zu vermeiden: Sie muss Andreas als ihren Ehemann ausgeben! Aber Lorna ahnt nicht, was sie damit auslöst. Und so nimmt das Verhängnis einer Lüge seinen Lauf ...
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Seitenzahl: 143
Veröffentlichungsjahr: 2018
Cover
Impressum
Das Verhängnis einer Lüge
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Daria_Cherry/shutterstock
eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln
ISBN 978-3-7325-6643-3
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
www.bastei.de
Das Verhängnis einer Lüge
Denn das Spiel mit dem Schicksal bleibt nicht ohne Folgen
Von Regina Rauenstein
Lorna von Sassenhausen ist verzweifelt. Warum muss Tante Breda ausgerechnet in diesem Augenblick in der kleinen Atelierwohnung auftauchen und nach dem Rechten sehen?
Die alte Dame betrachtet fassungslos den gut aussehenden Mann, der, nur mit einer Pyjamajacke bekleidet, fröhlich pfeifend im Badezimmer verschwindet.
Lorna ist Künstlerin, genießt ihr freies Leben fernab der strengen Regeln des elterlichen Gutes, sie liebt Andreas über alles – aber wie soll sie ihrer konservativen Familie erklären, dass sie mit einem Mann zusammenlebt, mit dem sie gar nicht verheiratet ist?
Lieber Gott, ein Einfall, ein guter Einfall, hämmert es in ihr, während sie verzweifelt versucht, der Tante zu erklären, was es mit Andy auf sich hat.
Da durchzuckt es sie wie ein Blitz. Ja, es ist die einzige Möglichkeit, einen Skandal zu vermeiden: Sie muss Andreas als ihren Ehemann ausgeben! Aber Lorna ahnt nicht, was sie damit auslöst. Und so nimmt das Verhängnis einer Lüge seinen Lauf …
Wenn Lorna von Sassenhausen mit ihrem weichen, anmutigen Schritt durch die Straßen ging, dann folgte ihr manch bewundernder Blick. Sie sah auch wunderschön aus mit dem langen pechschwarzen Haar, das wie ein dunkler, seidiger Mantel weit über die Schultern herunterfiel.
Das Schönste an dem oval geschnittenen Gesicht aber waren die großen, grünen Augen, die ihm etwas Katzenhaftes gaben. Die Lippen waren voll, und wenn sie lachte, blitzten ihre kräftigen weißen Zähne wie schimmernde Perlen.
An diesem Morgen stand sie in ihrem Atelier, nur mit ihrer kurzen Pyjamajacke bekleidet. Sie war gerade aufgestanden und betrachtete sehr kritisch ein Werk, das vor ihr auf einem Sockel stand.
Lorna war Bildhauerin, und zum ersten Mal arbeitete sie nicht nach einem lebenden Modell, sondern nach einem Bild, das vor ihr lag. Es war ein großer Auftrag, und wenn ihr dieses Werk gelang, so bedeutete das für die junge Künstlerin einen großen Schritt.
„Was glaubst du, ist es gut geworden?“, fragte sie, ohne sich umzuwenden.
Als sie keine Antwort erhielt, wandte sie sich schnell um, lief auf das breite Bett zu, riss den Vorhang zurück und schüttelte den Mann, der mit geschlossenen Augen in den Kissen lag.
„He, aufgewacht, du Faulpelz! Willst du vielleicht den ganzen Sonntag verschlafen? Raus aus den Federn!“
Träge drehte sich der Mann in seinen Kissen. Dann griff er blitzschnell zu, hielt den sich wehrenden Mädchenkörper ganz fest und lachte triumphierend.
„Reingefallen, Kleines, nun habe ich dich doch.“
Sie gab es auf, sich gegen die starken Arme zu wehren.
„Du hast gar nicht mehr geschlafen, du hinterhältiger Schuft“, schalt sie lachend.
„Nein, habe ich nicht, ich habe auf dich gewartet.“
In diesem Augenblick klingelte es. Die beiden jungen Menschen zuckten zusammen, starrten sich einen Moment ungläubig an.
Lorna kroch schnell wieder unter die Decke, stupste den Mann an, als es nun zum zweiten Mal und diesmal lauter und eindringlicher klingelte.
„Geh, schau du nach, wer es ist. Vielleicht ist es der Hauswirt. Ich habe ihm gesagt, dass der Boiler nicht in Ordnung ist. Ich kann ihm doch so unmöglich aufmachen“, stieß sie hervor und zeigte auf ihre spärliche Bekleidung.
Das Gegenstück zu ihrem Pyjama trug nämlich er, wenn es für ihn auch etwas zu klein geraten war.
„Nein, das kannst du nicht“, erwiderte er grinsend und rollte sich aus dem Bett. Er stakste durch das Zimmer, kratzte sich seinen blonden Kopf und ging in den Gang hinaus zur Tür.
Lorna hörte, wie Andreas die Tür öffnete, vernahm eine weibliche Stimme, bei deren Klang das Mädchen wie von einer Tarantel gestochen hochsauste und mit bebenden Händen nach dem Bademantel griff. Keinen Augenblick zu früh, denn schon ging die Tür auf, und Andreas steckte seinen Kopf hindurch.
„Lorna, Liebling, hier ist jemand, der dich sprechen möchte“, erklärte er und öffnete, ohne eine Antwort abzuwarten, die Tür und ließ die Dame an sich vorbei ins Zimmer treten.
„Tante Breda!“
Lorna stand wie Lots Weib, zur Salzsäule erstarrt, als sie die unerwartete Besucherin betrachtete, die unsicher und sichtlich verlegen an ihrer Brille spielte, als wollte sie sich davon überzeugen, dass sie richtig sah: ein Mann im Zimmer ihrer Nichte …
„Tante Breda!“ Lorna hatte sich schon wieder gefasst.
Sie eilte auf die Frau zu, umarmte sie und gab ihr einen Kuss, während ein Blick über sie hinweg zu dem Mann flog, der sich kopfschüttelnd ins Bad verzog und lauthals sang.
Was nun? Lieber Gott, ein Einfall, ein guter Einfall – hämmerte es in ihr, während sie verzweifelt versuchte, der Tante zu erklären, was es mit Andy auf sich hatte.
„Komm, setz dich. Ich war gerade dabei, das Frühstück zu machen. Weißt du, sonntags stehe ich immer etwas später auf. Bitte, schau dich hier nicht um. Es herrscht noch ein unmögliches Durcheinander. Aber das bringe ich gleich in Ordnung. Du wirst sehen, wie gemütlich wir es uns dann machen.“
Sie hatte dabei, während sie ununterbrochen auf die Tante einredete, deren Hut genommen und lief nun damit in den Korridor hinaus. Einen Moment lehnte sie sich, nach Luft ringend, gegen die Wand und schloss die Augen, als müsse sie sich erst einmal sammeln.
Aus dem Badezimmer klang das Rauschen von Wasser, dazwischen Andys unbekümmerte laute Stimme.
Eine fatale Lage, in der sie da steckte. In diesem Augenblick wünschte sie Andy auf den Mond, weit, weit weg von ihrer kleinen Wohnung, weit weg von Tante Bredas kritischem Blick.
Tante Breda – es nützte nichts, sie musste zu ihr zurück, und sie musste ihr eine Erklärung geben, mit der alle, auch die Eltern, zufrieden sein mussten.
Wie ein Blitz durchzuckte es sie. Als sie zu der Tante zurückging, die noch immer reichlich konsterniert auf dem Stuhl saß, wusste sie, dass es nur einen einzigen rettenden Ausweg aus der verfahrenen Situation gab.
„Weißt du, Tante Breda, eigentlich hast du mir meine Überraschung vorweggenommen. Die Eltern sollten es ja zuerst erfahren. Aber jetzt bist du eben die Erste die unser Geheimnis erfährt: Andy und ich, wir haben vor ein paar Tagen geheiratet.“
Steil fuhr die Tante von ihrem Stuhl auf und starrte ihre Nichte wie ein Wesen aus einer anderen Welt an.
„Was?“, rief sie fassungslos, sank dann wieder wie erschlagen auf ihren Stuhl zurück. „Geheiratet …? Du – du hast geheiratet?“
„Ja, Tante Breda. Ich habe noch nicht einmal nach Hause schreiben können, um die Eltern davon zu benachrichtigen. Weißt du, es kam ganz plötzlich. Es musste auf einmal alles furchtbar schnell gehen. Uns blieb keine Zeit mehr, um lange zu überlegen.“
Das Gesicht der Tante nahm einen eisigen Zug an. Prüfend glitt ihr Blick über die Gestalt der Nichte, die trotz des weiten Bademantels noch keinerlei Veränderung aufwies, wenigstens keine sichtbare, die ihren jäh aufkeimenden Verdacht bestätigte.
Lorna, die den prüfenden Blick gleich richtig deutete, machte eine abwehrende Handbewegung und lachte erheitert.
„Nein, nein, Tante Breda, ich erwarte kein Kind. Nein, es ging hier um etwas ganz anderes. Etwas, was ungeheuer wichtig für Andy war.“
Die Tante zog indigniert die Augenbrauen höher.
Lorna ahnte, was in der Tante vor sich ging. Sie sann verzweifelt über einen dringenden Grund nach, der ihr verständlich machen sollte, dass sie nicht anders hatte handeln können.
„Das erkläre ich euch alles später, Tante Breda“, fuhr sie hastig fort. „Ich möchte jetzt noch nicht darüber sprechen. Es hängt für Andy zu viel davon ab.“
Tante Breda machte ein beleidigtes Gesicht. Sie stand auf.
„Ich glaube, es ist besser, wenn ich mich jetzt verabschiede. Ich möchte euer junges Glück nicht länger stören. Ich soll dir von deinen Eltern einen dicken Kuss geben. Sie freuen sich sehr darauf, dass du sie in Kürze wieder einmal besuchst. Du hast dich lange nicht mehr daheim sehen lassen.“
Es klang alles ein wenig spitz. Tante Breda war sichtlich eingeschnappt.
Es tat Lorna leid. Obwohl sie sich brennend wünschte, dass die Tante endlich verschwand, so brachte sie es doch nicht fertig, sie so gehen zu lassen.
Tante Breda war eine Schwester ihrer Mutter und lebte nicht bei ihnen auf dem Gut.
Eigentlich hatte Lorna der Tante mit zu verdanken, dass sie den Künstlerberuf ergreifen durfte. Sie hatte sich voll und ganz für die Nichte eingesetzt und der Schwester ins Gewissen geredet. Nein, Tante Breda hatte es nicht verdient, dass sie sie jetzt so gehen ließ.
Herzlich umfing sie die alte Dame und drückte sie an sich.
„Tantchen, bitte, nicht böse sein. Schau, es ist alles so plötzlich gekommen. Ich kann es dir eigentlich gar nicht richtig erklären. Ich war verheiratet, ehe es mir selbst bewusst wurde. Du hast doch dafür Verständnis nicht wahr?“, schmeichelte sie.
Sie sagte damit noch nicht einmal die Unwahrheit. Vor einer Stunde hatte sie nicht geglaubt, dass sie Minuten später schon ‚verheiratet‘ sein könnte, dazu mit einem Luftikus, einem Playboy, wie es Andreas war.
Tante Breda war sofort wieder ausgesöhnt. Lorna hatte die richtigen Worte gefunden, um ihr Verständnis zu erringen.
„Kind, du weißt doch, ich habe für alles Verständnis. Ich freue mich wirklich sehr für dich. Deine Eltern werden verblüfft sein, wenn ich ihnen davon erzähle.“
Lorna wagte es in diesem Augenblick einfach nicht, sie um ihr Schweigen zu bitten. Das wäre bei Tante Breda auch völlig sinnlos gewesen.
Als sie aber jetzt darauf bestand, sich zu verabschieden, da hielt Lorna sie nicht länger zurück. Eigentlich war sie froh, dass Andy noch immer im Bad saß. Nicht auszudenken, was er vielleicht geantwortet hätte, wenn sie ihn als ihren Neffen in die Arme geschlossen hätte.
Sie zitterte noch am ganzen Körper, als Andy endlich aus dem Bad kam und einen wohlduftenden Hauch von frischer Seife und Rasierwasser ins Zimmer brachte. Verblüfft blieb er stehen, als er Lorna wie ein Häufchen Unglück im Sessel hocken sah.
„Nanu, Kleines, was ist denn mit dir los? Du siehst ja aus, als ob dir alle Felle weggeschwommen wären“, meinte er kopfschüttelnd. „Wo ist denn dein Besuch geblieben?“
„Rede gefälligst nicht so respektlos von meiner Tante“, fauchte sie ihn an. „Herrgott, ist dir überhaupt klar, in welche Situation du mich gebracht hast? Die Hölle wird zu Hause los sein, wenn Tante Breda von dem Mann berichtet, den sie in einer sehr eindeutigen Aufmachung in meiner Wohnung angetroffen hat.“
Er lachte schallend auf und zuckte dann gleichmütig die breiten Schultern.
„Du lieber Himmel, was ist denn schon dabei? Leben die denn da draußen bei euch auf dem Mond? Wissen die denn nichts von persönlicher Freiheit?“
„Persönliche Freiheit?“, schnaubte sie und sah ihn mit funkelnden Augen vernichtend an. „Das weißt du immer wundervoll anzubringen, wenn es dir gerade gut in deinen Kram passt. Aber was hat eine wilde Ehe mit persönlicher Freiheit zu tun, kannst du mir das erklären?“
Er zuckte die Schultern und griff gelassen nach der Milchflasche.
„Wenn du das nicht selbst weißt, wie soll ich es dir dann glaubhaft machen, meine Liebe?“
Er ging in die kleine Küche hinüber.
„Willst du heute ein weiches oder hartes Ei?“, rief er zu ihr hinüber.
„Ich will gar nichts“, antwortete sie, entgeistert darüber, dass er jetzt ans Essen denken konnte, wo sie sich den Kopf zerbrach, wie sie die verfahrene Geschichte wieder in Ordnung bringen konnte.
Andy erschien in der Küchentür und sah sie vorwurfsvoll an.
„Sei nicht dumm, Lorna“, meinte er tadelnd, „wenn du jetzt in den Hungerstreik trittst, wird es auch nicht besser. Nun komm schon, sei kein Frosch!“
Sie stand auf und kam dicht auf ihn zu. Ein seltsamer Ausdruck lag in ihren Augen.
„Andy, ich habe Tante Breda gesagt, dass wir verheiratet sind.“
Hatte sie erwartet, er würde nun überrascht sein, so sah sie sich getäuscht. Er blieb völlig gelassen, nickte zustimmend.
„Ich weiß“, gab er lakonisch zurück. „Dann ist sie doch nun beruhigt, die alte gute Seele, oder?“
Hatte sie etwa erwartet, dass er die Notlüge gleich zur Tatsache lassen werden würde?
Aber schließlich liebte er sie doch, hatte ihr immer wieder geschworen, dass er ohne sie nicht mehr leben könnte. Warum sagte er es nicht? Warum nahm er sie jetzt nicht in seine Arme?
„Du sollst dir keine Gedanken machen, Lorna, Liebling. Es geht schon alles in Ordnung. Nun komm, setz dich endlich. Bei deinem Herumlaufen kann doch kein Mensch in Ruhe frühstücken, du machst mich ganz nervös.“
Mit einem Ruck blieb sie stehen und betrachtete ihn, als sähe sie ihn zum ersten Mal.
Was für ein Egoist er doch war!
„Herrgott, bist du eigentlich so gefühlsarm, so gleichgültig, dass dir nicht klar ist, dass das alles für mich kein Spaß, sondern bitterer Ernst ist, Andy? Wenn meine Eltern die Wahrheit erfahren, dann kann ich ihnen niemals mehr unter die Augen treten“, fuhr sie ihn aufgebracht an.
Er klopfte in aller Seelenruhe sein Ei auf.
Dann sagte er lächelnd: „Schau, Lorna, du nimmst das alles viel zu ernst und machst aus einer Mücke einen Elefanten. Selbst wenn deine Tante die Neuigkeit überall erzählt, was ist denn schon dabei? Nach einer Weile behauptest du, unsere Ehe sei ein Irrtum gewesen und wir hätten uns wieder getrennt. So etwas kommt doch in den besten Familien vor.“
„Vielleicht in der deinen, Andy, aber nicht in der meinen“, gab sie erbittert zurück. „Bei uns gibt es keine Scheidung.“
„Lieber Himmel, ihr scheint da wirklich noch im vorigen Jahrhundert zu leben“, staunte er. „Ein Glück, dass du diesem jämmerlichen Dasein entronnen bist. Einer von euch muss ja schließlich den Anfang und mit der ganzen vermotteten Tradition Schluss machen.“
Lorna gingen einfach die Nerven durch. Sie war verzweifelt und wollte einfach nicht verstehen, dass er das, was sie jetzt bedrängte, auf die leichte Schulter nahm und darüber lachte.
Tränen brannten in ihren Augen, als sie jetzt leise, fast bittend sagte: „Andy, lass uns heiraten.“
Im gleichen Augenblick, als sie es ausgesprochen hatte, wünschte sie, sie hätte sich nicht dazu hinreißen lassen. Denn plötzlich wusste sie, dass dieser Mann keinen einzigen Augenblick daran gedacht hatte, sie wirklich zu heiraten.
Da sagte er auch schon, während er genüsslich einen Löffel Ei zum Mund führte: „Aber Kind, das ist doch nicht dein Ernst! Heiraten. Ich und heiraten? Nee!“ Er schüttelte den Kopf. „Das ist genauso, als ob du einen Adler einsperren wolltest.“ Er sah sie an. „Du bist eine wundervolle Geliebte, Lorna, aber als meine Frau kann ich dich mir gar nicht vorstellen. Ich tauge nicht zur Ehe, und wenn ich dir deinen Wunsch jetzt abschlage, dann in erster Linie, weil du mir für diesen kleinbürgerlichen Kram einfach zu schade bist. Du würdest nur unglücklich werden, und davor will ich dich bewahren. Ein Künstler muss frei sein, sonst kann er sich nicht entfalten. Eines Tages wirst du mir dafür dankbar sein, wenn du es auch jetzt noch nicht verstehst.“
In diesem Augenblick glaubte Lorna, ihn zu hassen. Sie kam sich so gedemütigt vor, dass sie sich am liebsten in ein Mauseloch verkrochen hätte.
Aber vielleicht tat sie ihm wirklich unrecht? Vielleicht musste sie ihm etwas Zeit lassen, damit er sich an den Gedanken, sie zu heiraten, gewöhnen konnte.
Sie sagte es sich immer wieder, obwohl sie ganz tief in ihrem Innern längst erkannt hatte, dass sie sich selbst etwas vormachte.
Hinter ihr stand jetzt das Schreckgespenst ihrer Familie, die eines Tages eine Erklärung von ihr fordern würde.
***
Lorna hatte sich nicht getäuscht. In der nun folgenden Zeit musste sie immer wieder an die Mahnung ihrer Mutter denken, die sie einmal bei einer Notlüge ertappt hatte.
„Eine Lüge folgt der anderen, Kind, später kannst du nicht mehr aufhören. Du verspinnst dich immer tiefer darin und bist darin verfangen wie eine Spinne in ihrem Netz.“
So erging es Lorna jetzt. Tante Breda hatte ihr Wissen mit Windeseile in ihrem Heimatort verbreitet. Zuerst kam ein langer Brief von ihrem Vater, der nicht ohne Vorwürfe war. Aber am Schluss wünschte er doch ihr und ihrem Mann alles Glück. Dann folgten Geschenke der Eltern und der Geschwister, und sogar ihre Schulkameradin schickte ihr ein Paket.
Lorna weinte vor Scham und Verzweiflung und hätte am liebsten alles wieder zurückgeschickt und die volle Wahrheit gestanden. Aber das konnte und durfte sie nicht, schon ihrer Eltern wegen nicht, die eine sehr geachtete Stellung in ihrem Heimatort einnahmen.
Hatte sie gehofft, dass Andy nun doch von sich aus den Vorschlag machen würde zu heiraten, so sah sie sich bitter enttäuscht. Im Gegenteil, er fand es einfach köstlich, wie spendabel die Familie sich zeigte, und begriff Lornas Gewissensbisse nicht.
Es war, als habe er damit einen Funken an ein Pulverfass gehalten. Von einer Minute zur anderen explodierte Lorna, und als der Ausbruch vorbei war, stand Andy wie ein begossener Pudel vor ihr und wusste, dass er hier ausgespielt hatte – für alle Zeiten.
„Aber Lorna, Liebling“, versuchte er noch einmal sein Glück.
Aber in Lorna war etwas zerbrochen, das sich nicht mehr heilen ließ.
„Gib dir keine Mühe mehr, Andy, es ist aus, vorbei. Es hat keinen Sinn mehr.“ Es klang plötzlich sehr müde, als wäre sie innerlich völlig ausgelaugt.
