Lore-Roman 33 - Ina Ritter - E-Book

Lore-Roman 33 E-Book

Ina Ritter

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Beschreibung

Gestern war sie noch ein Kind - Das bewegende Schicksal der unschuldigen Stefanie


Apotheker und Junggeselle Jan-Hendrik von Ellenholm ist nicht gerade begeistert von der Aussicht, in Zukunft die Sorge für das kleine Mädchen Stefanie tragen zu müssen. Seit einer Ewigkeit steht er mit seinem alten Freund nicht mehr in Verbindung, und nun soll er plötzlich dessen Tochter zu sich nehmen. Doch Jan-Hendrik hat die Bitte seines schwer kranken Freundes nicht ablehnen können, schließlich hat dieser ihm einmal vor vielen Jahren das Leben gerettet.

Als nun der Tag gekommen ist, an dem die kleine Stefanie erwartet wird, traut der Mann seinen Augen kaum: Vor ihm steht eine junge Frau in einem schwarzen, schäbigen Mantel. Ein Geschöpf wie ein Häufchen Unglück, die großen dunklen Augen voller Angst zu ihm emporgehoben. Stefanie ist scheu und verunsichert. Sie soll fortan bei einem Fremden wohnen. Einem Fremden, den sie sich anders vorgestellt hat, mehr wie ihren Vater, viel älter, mit grauem oder weißem Haar. Stefanie zieht wie frierend den Kopf zwischen die Schultern. Die Zukunft liegt grau und trostlos vor ihr ...

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EPUB

Seitenzahl: 141

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

Cover

Impressum

Gestern war sie noch ein Kind

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: kobrin_photo/iStockphoto

eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-6836-9

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Gestern war sie noch ein Kind

Das bewegende Schicksal der unschuldigen Stefanie

Von Ina Ritter

Apotheker und Junggeselle Jan-Hendrik von Ellenholm ist nicht gerade begeistert von der Aussicht, in Zukunft die Sorge für das kleine Mädchen Stefanie tragen zu müssen. Seit einer Ewigkeit steht er mit seinem alten Freund nicht mehr in Verbindung, und nun soll er plötzlich dessen Tochter zu sich nehmen. Doch Jan-Hendrik hat die Bitte seines schwer kranken Freundes nicht ablehnen können, schließlich hat dieser ihm einmal vor vielen Jahren das Leben gerettet.

Als nun der Tag gekommen ist, an dem die kleine Stefanie erwartet wird, traut der Mann seinen Augen kaum: Vor ihm steht eine junge Frau in einem schwarzen, schäbigen Mantel. Ein Geschöpf wie ein Häufchen Unglück, die großen dunklen Augen voller Angst zu ihm emporgehoben. Stefanie ist scheu und verunsichert. Sie soll fortan bei einem Fremden wohnen. Einem Fremden, den sie sich anders vorgestellt hat, mehr wie ihren Vater, viel älter, mit grauem oder weißem Haar. Stefanie zieht wie frierend den Kopf zwischen die Schultern. Die Zukunft liegt grau und trostlos vor ihr …

„Verstehen Sie diesen Jan-Hendrik?“, fragte Fräulein Schramm ihre Kollegin kopfschüttelnd. „Hat er es nötig, sich mit diesem Gör zu belasten?“

Fräulein Venohr zog die Mundwinkel herab.

„Jan-Hendrik ist ein guter Mensch, der niemanden im Stich lässt.“

„Das weiß ich selbst. Ich glaube, er macht sich gar nicht klar, was für eine Belastung solch ein Kind ist.“

„Er weiß es, aber es macht ihm nichts aus“, erklärte Fräulein Venohr heftig. „Vielleicht heiratet er bald.“

Sie strich sich mit der Linken über ihr lackschwarzes Haar. Fräulein Venohr fand nicht viel an sich auszusetzen; ihre Kollegin dafür umso mehr. Sie war hellblond, eine Farbe, die sie auch aus der Retorte bezog.

„Soll er womöglich Sie heiraten?“, fragte sie spitz.

Die beiden jungen Damen funkelten sich an.

„Sie haben es wohl auf ihn abgesehen?“, fragte Fräulein Venohr. „Aber da können Sie lange warten. Er hat nämlich Geschmack.“

Das saß. Fräulein Schramm verfärbte sich. Aber sie war nicht auf den Mund gefallen.

„Deshalb beachtet er Sie auch nicht so, wie Sie es sich wünschen“, parierte sie.

Fräulein Venohr holte tief Luft. Dieses Biest, dachte sie. Sie schaute unter den Ladentisch der Apotheke. Dort lag ein rechteckiges Paket, sehr hübsch verpackt.

„Was haben Sie da drin?“, fragte Fräulein Schramm neugierig.

„Nichts für Sie. Eine Puppe für die Kleine.“

„Ich verstehe, Sie wollen sich gleich bei dem Kind einschmeicheln: Sie denken auch an alles.“

Fräulein Venohr lächelte nur. Es freute sie, dass ihre Kollegin offenbar nicht auf den Gedanken gekommen war, der kleinen Fanny etwas zu kaufen.

„Wie lange bleibt er nur fort?“

Im Augenblick war in der Apotheke nichts zu tun. Jan-Hendrik von Ellenholm war zum Bahnhof gefahren, um das Kind abzuholen.

„Vielleicht hat der Zug Verspätung.“

„Eigentlich eine Zumutung, einem Junggesellen die Sorge für ein Kind zu übertragen“, äußerte Fräulein Schramm eine Weile später. „In einem Heim wäre die Kleine sicherlich besser aufgehoben. Jan-Hendrik hat gar keine Zeit für ein Kind. Und die alte Kulike ist jetzt schon sauer.“

„Wann ist sie nicht sauer?“, fragte Fräulein Venohr zurück. „Dass Jan-Hendrik sich von ihr so viel gefallen lässt, verstehe ich nicht. Aber Putzfrauen sind rar wie schwarze Perlen.“

„Einen schwarzen Hals hat sie“, stimmte die Kollegin ihr verbissen zu. „Und wie das oben immer aussieht, es kribbelt mir förmlich in den Händen, dort einmal gründlich sauberzumachen. Aber Jan-Hendrik sieht so etwas gar nicht. Er ist viel zu gutmütig.“

„Das könnte Ihnen so passen, sich den ganzen Tag in der Wohnung aufzuhalten. Wenn er Hilfe braucht, weiß er schon, an wen er sich wenden muss.“ Fräulein Venohr bedachte ihre Kollegin mit einem vernichtenden Blick. „Sie haben einen Flecken auf dem Kittel.“

In diesem Zusammenhang war ihre Feststellung eine Beleidigung. Fräulein Schramm zog jeden Morgen einen frisch gewaschenen Kittel an.

„Er kommt!“

Die beiden vergaßen ihren Streit und blickten neugierig auf die Straße. Der Wagen des Chefs hielt vor der Tür, und vor Spannung blieb den jungen Damen fast die Luft weg. Das Kind musste noch sehr klein sein, man konnte es nämlich vom Laden aus nicht sehen.

Jan-Hendrik von Ellenholm stieg aus und warf die Autotür hinter sich zu. Auf seiner hohen Stirn lagen ein paar tiefe Querfalten.

„Sie ist nicht gekommen“, wisperte Fräulein Schramm.

„Vielleicht ist sie krank geworden“, gab Fräulein Venohr genauso leise zurück.

Sie setzte ihr bezauberndstes Lächeln auf, als der Chef die Apotheke betrat.

Er nickte den beiden Damen flüchtig zu und ging nach hinten. Ein paar Minuten später kam er im weißen Kittel zurück.

„War viel zu tun?“, fragte er.

„So gut wie nichts, Herr Doktor. Sie wollten doch Ihren kleinen Schützling abholen.“

„Ja.“ Jan-Hendrik hatte nicht die Absicht, diesen beiden jungen Damen allzu viel zu erzählen. Es störte ihn sehr, dass sie ihn anhimmelten, obwohl er daran eigentlich hätte gewöhnt sein müssen. Er war ein Mann, auf den die Frauen flogen.

„Ist sie nicht gekommen?“ Fräulein Schramm konnte einfach nicht den Mund halten.

„Nein!“ Das klang noch gereizter.

Jan-Hendrik war nicht sehr begeistert von der Aussicht, in Zukunft die Sorge für ein kleines Mädchen tragen zu müssen. Aber er hatte die Bitte seines Freundes nicht ablehnen können. Seit einer Ewigkeit standen sie nicht mehr in Verbindung, bis er plötzlich diesen Brief erhalten hatte, der sein Leben von Grund auf ändern sollte.

Ich bin schwer krank, lieber Jan-Hendrik. Mit mir wird es bald zu Ende gehen. Ich erinnere dich nicht gern daran, aber diesmal muss ich es tun: Ich habe dir einmal das Leben gerettet. Jetzt bitte ich dich, meine Tochter aufzunehmen und für sie zu sorgen, bis sie heiratet.

Es klingt wie eine Erpressung, vielleicht ist es auch eine, aber ich weiß mir keinen anderen Rat. Fanny braucht einen väterlichen Freund, und ich wüsste niemanden, dem ich mehr vertrauen könnte als dir.

Sei gut zu ihr, wenn ich nicht mehr bin.

Diese Zeilen hatten sich Jan-Hendrik unauslöschlich eingebrannt. Börner, der um viele Jahre älter war als er, hatte ihm tatsächlich einmal das Leben gerettet; das war schon lange her.

Selbstverständlich hatte er sofort sein Einverständnis erklärt. Leider fehlte ihm die Zeit, Börner aufzusuchen. In seiner Apotheke war er im Moment unabkömmlich.

Und nun war es so weit. Aber Fanny war nicht mit dem Zug gekommen, den der Testamentsvollstrecker ihm angekündigt hatte. Er hatte auf dem Bahnsteig gewartet, bis die letzten Reisenden gegangen waren.

Kein Kind war übrig geblieben. Der nächste Zug kam erst in drei Stunden. Er würde wieder hinfahren, wieder warten …

Zu dumm, dachte er, dass Börner mir nicht einmal ein Foto von seinem Töchterchen geschickt hat. Sein Blick fiel auf die Uhr über der Eingangstür. In zehn Minuten konnten sie schließen. Er würde nach oben gehen. Hoffentlich hat Frau Kulike heute etwas Essbares zustande gebracht, dachte er.

Eine Kundin trat ein, ein junges Mädchen in einem schwarzen Mantel. Jan-Hendrik lächelte ihr berufsmäßig freundlich entgegen.

„Was kann ich für Sie tun?“, erkundigte er sich.

Das Mädchen schaute ihn ängstlich an.

„Haben Sie ein Rezept?“, fragte Jan-Hendrik unverändert freundlich. „Geben Sie es mir bitte.“

„Ich möchte … zu Herrn Doktor von Ellenholm.“

„Der bin ich.“ Jan-Hendrik zog die Brauen ein wenig in die Höhe.

„Ich … bin Stefanie Börner.“

„Nein!“, stieß der Mann hervor und schüttelte den Kopf. „Sie sind ja gar kein Kind.“

Ein wehmütiges Lächeln glitt über das Gesicht des Mädchens.

„Nein … man hat mir gesagt … ich sollte hierherfahren. Ich möchte Ihnen aber nicht lästig fallen, Herr Doktor von Ellenholm.“

„Ich habe … ein kleines Mädchen erwartet.“ Noch immer konnte Jan-Hendrik nicht fassen, was er sah.

„Das tut mir leid.“ Schuldbewusst senkte die junge Dame den Kopf. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Ich habe meinen Koffer auf dem Bahnhof gelassen. Er war so schwer.“

„Ich war dort, um Sie abzuholen.“ Jan-Hendrik hatte seine erste Überraschung überwunden. „Kommen Sie erst einmal mit nach oben. Sie werden Hunger haben. Schließen Sie nachher ab, Fräulein Venohr?“

„Aber gern, Herr Doktor.“

Scheu ging Stefanie Börner um den Ladentisch herum. Sie hatten sich nicht einmal die Hand gegeben, und jetzt war es zu spät, das nachzuholen. Sie kannte diesen Mann gar nicht, bei dem sie in Zukunft wohnen sollte. Sie hatte ihn sich anders vorgestellt, mehr wie ihren Vater, viel älter, mit grauem oder weißem Haar, aber nicht einen verhältnismäßig jungen Mann.

Sie zog wie frierend den Kopf zwischen die Schultern, als sie dem Apotheker folgte. Die Zukunft lag grau und trostlos vor ihr.

Als sie in der Wohnung waren, drehte sich Jan-Hendrik um.

„Zieh deinen Mantel aus.“ Er machte Anstalten, ihn Stefanie abzunehmen. „Es ist am besten, wir sagen Du zueinander“, erklärte er. „Ich heiße Jan-Hendrik.“

„Ja …“ Stefanie senkte den Kopf.

„Gib den Mantel her.“

Stefanie zuckte leicht zusammen. Ihre Finger waren so nervös, dass sie Mühe hatte, den Mantel aufzuknöpfen. Der Blick des Mannes steigerte ihre Nervosität noch. Wie fremd hier alles war.

„Du brauchst keine Angst zu haben.“ Jan-Hendrik verspürte Mitleid mit ihr. „Geh schon ins Wohnzimmer, ich sehe mal nach, was es heute zu essen gibt.“

Das Mädchen nickte gehorsam. Ein paar Türen gingen vom Flur ab. Auf den Gedanken, ihr die richtige zu zeigen, war Jan-Hendrik nicht gekommen.

Der Mann ging in die Küche. Suppe, stellte er fest, leicht warm zu machen.

Als er den Kopf drehte, sah er Stefanie in der Tür stehen. Unwillkürlich runzelte er die Stirn.

„Kann ich Ihnen vielleicht helfen?“, fragte das Mädchen scheu.

„Sag doch Du.“ Jan-Hendrik hörte selbst, dass seine Stimme gereizt klang, und der Ton tat ihm sofort leid. „Es ist besser so“, setzte er rasch hinzu, um den Eindruck zu mildern. „Es gibt Bohnensuppe. Magst du die?“

„Ja.“

„Setz dich. Wir essen gleich in der Küche.“

Die Kleine nickte nur. Sie nahm gehorsam Platz und legte die Hände vor sich gefaltet auf den Tisch.

Der Mann schaltete die Kochplatte an.

„Kann ich … helfen?“, brachte das Mädchen stockend hervor.

„Lass nur, ich mach das schon.“

Jan-Hendrik holte die Teller aus dem Schrank und legte die Löffel auf den Tisch. Es roch ein bisschen angebrannt. Verdammt, dachte er, ich habe nicht genug umgerührt. Er holte es rasch nach.

Die Kleine machte ihn ganz nervös, sie schaute ihn mit ihren großen Augen unverwandt an. Zu allem Unglück spritzte etwas Suppe beim Umrühren auf sein Jackett.

Er schaltete die Platte ab.

Was fange ich mit ihr nur an?, fragte er sich, als er ihren Teller nahm und füllte. Sie würde ihn sehr stören, das stand fest. Heute Abend erwartete er Besuch. Die Kleine bringe ich vorher ins Bett, hatte er gedacht. Sie wird schon schlafen, wenn Margot kommt.

Aber dieses Mädchen da konnte er nicht einfach ins Bett schicken. Er kaute an seiner Unterlippe herum, und sein mürrisches Gesicht sagte mehr als viele Worte, wie unwillkommen Stefanie Börner ihm war.

„Es tut mir leid“, brachte das Mädchen tonlos hervor und senkte endlich den Blick.

„Schon gut“, knurrte der Mann.

„Ich wusste nicht … ich dachte … ich erwartete einen älteren Herrn.“

Sie vermeidet die direkte Anrede, registrierte Jan-Hendrik. Sie bringt es wohl nicht fertig, Du zu mir zu sagen. Ein schwieriges Geschöpf.

„Lass es dir gut schmecken. Hoffentlich hast du ordentlich Hunger.“

„Vielen Dank.“ Hunger hatte Stefanie Börner bestimmt nicht, obwohl sie außer einer Schnitte morgens noch nichts gegessen hatte. Aufregungen schlugen ihr auf den Magen.

„Angebrannt“, murrte Jan-Hendrik nach dem ersten Löffel und verzog das Gesicht. „Macht nichts, schmeckt auch so. Oder dir nicht? Möchtest du lieber eine Schnitte Brot essen? Soll ich dir ein paar Eier braten?“

„Vielen Dank.“

„Vielen Dank, ja oder vielen Dank, nein?“ Jan-Hendrik klopfte ungeduldig mit dem Löffel gegen den Tellerrand.

„Vielen Dank, nein.“

Stefanies Gesicht war jetzt wie mit Blut übergossen. Sie wagte nicht mehr, den Blick zu heben.

Wie ganz anders hatte ihr Vater ihr den Mann geschildert.

„Nun iss doch endlich!“, forderte Jan-Hendrik sie auf.

Sie saß da, als wäre sie eingeschlafen.

„Du brauchst etwas mehr Fleisch auf die Knochen. Erinnere mich daran, dass ich dir nachher ein paar Vitamintabletten gebe. Du scheinst nicht genügend an die frische Luft gekommen zu sein.“

„Ich habe meinen Vater gepflegt. Er war lange krank.“

„Das wusste ich nicht. Es war sehr schwer für dich, nicht wahr?“

„Ich habe es gern getan. Vater war sehr geduldig. Er hat sich nur Sorgen um meine Zukunft gemacht. Bis ihm einfiel …“

„Ja, er hat mir geschrieben. – Wann ist deine Mutter gestorben?“

„Vor drei Jahren.“

„Tut mir leid“, murmelte Jan-Hendrik. „Gehst du noch zur Schule?“

„Nein. Ich habe letztes Jahr mein Abitur gemacht …“

Dann muss sie älter sein, als ich dachte, schoss es Jan-Hendrik durch den Kopf. So, wie sie dasaß, wirkte sie noch sehr jung. Aber vielleicht lag das an dem schwarzen Kleid, das ihr überhaupt nicht stand. Wenn sie ein bisschen zunimmt, könnte sie ganz hübsch aussehen, dachte er. Eine Schönheit wird sie bestimmt nie, aber sie ist ein recht aparter Typ.

„Und nach dem Abitur?“, fragte er. „Hast du irgendeine Berufsausbildung angefangen?“

„Nein. Mein Vater … Er wurde damals krank.“

„Hm“, machte Jan-Hendrik. „Möchtest du etwas lernen? Oder studieren?“

„Ich weiß es nicht …“

Als hätte ich nicht gewusst, dass sie genau das sagen würde, dachte der Mann.

„Nun, uns wird schon etwas einfallen, nicht wahr? So eilig ist es ja nicht. Soll ich dir jetzt dein Zimmer zeigen?“

„Bitte.“

Der Mann stand sofort auf. Sein Teller war noch halbvoll, während Stefanie nur einen Löffel von der angebrannten Suppe gegessen hatte.

Frau Kulike wird sauer sein, wenn sie die Bescherung morgen Früh sieht, dachte der Apotheker. Er nahm sich vor, die Suppe in die Toilette zu kippen.

„Die Puppen …“ Er grinste ein wenig schief. „Ich dachte, du wärest ein Kind, Stefanie.“

„Ja.“

Ich bin ihm nicht willkommen, stellte Stefanie Börner fest. Am liebsten würde er mich fortschicken. Es war für sie furchtbar, einem völlig fremden Menschen zur Last zu fallen.

Aber Verwandte hatte sie nicht, Geld war auch nicht viel da, hatte ihr der Testamentsvollstrecker mitgeteilt, einen Beruf hatte sie nicht erlernt …

Ich muss also erst einmal hierbleiben, war die Schlussfolgerung. Sie presste die Lippen fest aufeinander, um nicht schon wieder weinen zu müssen. Wie schön war es bei ihnen zu Hause gewesen, obwohl ihr Vater schwer krank im Bett lag. Er hatte sie gebraucht, er hatte sich gefreut, sie zu sehen.

Hier bin ich überflüssig, machte das Mädchen sich klar. Er braucht mich nicht. Ob ich wenigstens etwas im Haushalt helfen darf?

Sie ging in die Küche zurück und spülte das benutzte Geschirr ab. Hübsch war die Wohnung, aber es war eine fremde Wohnung.

***

„Ist das alles, was du hast?“, fragte Jan-Hendrik, als er eine gute halbe Stunde später mit ihrem Koffer zurückkehrte.

„Ja.“

„Was hast du mit deinen anderen Sachen gemacht?“, fragte der Mann.

Wieder senkte das Mädchen den Kopf.

„Nichts. Im Koffer … sind meine ganzen Sachen. Ich brauche nicht viel.“

„Hm“, machte der Mann. So wie jetzt konnte sie nicht immer herumlaufen, das stand fest. Er würde ihr ein paar hübsche Sachen kaufen müssen.

„Hast du dich hier umgesehen?“, fragte er.

„Ja. Es ist alles sehr hübsch.“

„Es freut mich, dass es dir gefällt.“

Das habe ich nicht gesagt, dachte Stefanie, aber sie verzichtete selbstverständlich darauf, seinen Irrtum zu korrigieren.

„Ich muss gleich wieder nach unten. Die Mittagspause ist um. Wenn du etwas lesen möchtest, dann suche dir ein Buch aus. Es sind genug da. Oder vielleicht möchtest du dir die Stadt anschauen?“

„Ja.“

Was heißt das nun schon wieder?, fragte sich der Mann. Will sie lesen oder in die Stadt gehen? Sie musste sich angewöhnen, den Mund auch einmal richtig aufzutun.

„Bis heute Abend dann. Ich glaube, zu essen ist genug da.“

„Ja.“

Ihr ewiges Ja brachte Jan-Hendrik auf die Palme. Aber noch war es zu früh, ihr diese dumme Angewohnheit abzugewöhnen. Er zog sein Jackett aus und griff nach seinem weißen Kittel.

Stefanie stand da und schaute ihm zu. Wenn er sich doch nur ein bisschen freuen würde, dass ich zu ihm gekommen bin, dachte sie. Ihr Vater war überzeugt gewesen, dass er sich freuen würde.

„Kann ich vielleicht irgendetwas helfen?“, fragte sie schüchtern.

„Nein. Es ging bisher gut ohne dich.“ Verdammt, dachte Jan-Hendrik, das hat unhöflich geklungen. „Ich habe es nicht so gemeint“, entschuldigte er sich sofort und lächelte ihr zu.

Sein Lächeln blieb ohne Erwiderung.

„Bis heute Abend!“

Er machte, dass er nach unten kam, obwohl es noch zehn Minuten zu früh war.

Fräulein Venohr und Fräulein Schramm saßen noch im Aufenthaltsraum und hatten die Beine hochgelegt. Als sie seinen Schritt hörten, richteten sie sich rasch auf.

„Er kommt“, wisperte Fräulein Schramm. Ein höhnisches Lächeln glitt über ihr Gesicht. „Wann wollen Sie der Kleinen denn die Puppe schenken?“