1,99 €
Verbannt mit ihrem Kind
Schicksalsroman um einen erschütternden Leidensweg
Von Regina Rauenstein
Es ist Liebe auf den ersten Blick, die Georg Fürst von Wendhausen empfindet, als er zum ersten Mal Gracia Prinzessin von Ebernbruch gegenübersteht. Ihre elfenhafte Figur und die geheimnisvollen Augen haben das Herz des Fürsten im Sturm erobert. Schon drei Wochen später findet die Hochzeit statt. Doch dem Paar ist kein ungetrübtes Glück beschieden, denn Fürst Georg ist krankhaft eifersüchtig. Mit Argusaugen bewacht er jeden Schritt seiner jungen Frau und nimmt ihr jede Freiheit. Ist diese Liebe wirklich das Glück? Diese Hölle, diese ständigen Qualen?
Die Ehe scheint gerettet, als Gracia einem kleinen Mädchen das Leben schenkt. Doch ein Blick des Fürsten genügt, und er weiß: Dieses Kind kann nicht seines sein. Nie hat es in der Ahnengeschichte des Fürstenhauses solch kupferrotes Haar gegeben. Obwohl es ihm schier das Herz zerreißt, verbannt er seine Frau und das Baby aus dem Schloss. Und ein erschütternder Leidensweg beginnt für drei Menschen ...
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 148
Veröffentlichungsjahr: 2019
Cover
Impressum
Verbannt mit ihrem Kind
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Minnikova Mariia / shutterstock
eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)
ISBN 9-783-7325-8463-5
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
www.bastei.de
Verbannt mit ihrem Kind
Schicksalsroman um einen erschütternden Leidensweg
Von Regina Rauenstein
Es ist Liebe auf den ersten Blick, die Georg Fürst von Wendhausen empfindet, als er zum ersten Mal Gracia Prinzessin von Ebernbruch gegenübersteht. Ihre elfenhafte Figur und die geheimnisvollen Augen haben das Herz des Fürsten im Sturm erobert. Schon drei Wochen später findet die Hochzeit statt. Doch dem Paar ist kein ungetrübtes Glück beschieden, denn Fürst Georg ist krankhaft eifersüchtig. Mit Argusaugen bewacht er jeden Schritt seiner jungen Frau und nimmt ihr jede Freiheit. Ist diese Liebe wirklich das Glück? Diese Hölle, diese ständigen Qualen?
Die Ehe scheint gerettet, als Gracia einem kleinen Mädchen das Leben schenkt. Doch ein Blick des Fürsten genügt, und er weiß: Dieses Kind kann nicht seines sein. Nie hat es in der Ahnengeschichte des Fürstenhauses solch kupferrotes Haar gegeben. Obwohl es ihm schier das Herz zerreißt, verbannt er seine Frau und das Baby aus dem Schloss. Und ein erschütternder Leidensweg beginnt für drei Menschen …
Hoch aufgerichtet stand der Fürst, und jeder Blutstropfen war aus seinem kantigen Gesicht gewichen. Seine ausgestreckte Hand wies gebieterisch zur Tür, während sein schmaler, harter Mund nur ein Wort sagte, das wie ein Peitschenhieb durch das Zimmer klang: „Geh!“
Der Frauenkopf zuckte hoch. Die nachtschwarzen Augen sahen den Mann einen Moment aufblitzend an. Der bebende kleine Mund öffnete sich wie zum Schrei – aber dann sank der Kopf wieder müde und ergeben auf die Brust.
Ohne ein Wort der Erwiderung wandte sich die Frau ab und ging mit schleppenden Schritten zur Tür. Eine entsetzliche Hoffnungslosigkeit lag über ihrer Haltung. An der Tür blieb sie noch einmal einen Moment stehen. Langsam wandte sie dem reglos stehenden Mann das bleiche Gesicht zu. Die großen schwarzen Augen waren eine einzige Anklage.
„Möge Gott dir verzeihen, ich kann es nicht. Ich bin ohne jede Schuld. Und wenn es eine Gerechtigkeit in dieser Welt gibt, dann kann diese Schmach nicht auf mir lasten. Aber für dich wird es zu spät sein, Georg, denn es gibt keinen Weg mehr, der mich zu dir zurückbringen wird.“
Ehe noch der Mann etwas erwidern konnte, hatte sie das Zimmer verlassen. Nur noch das Schlagen der Tür klang an sein Ohr.
Reglos stand der Mann und starrte auf die geschlossene Tür. Seine ausgestreckte Hand sank kraftlos herunter. Plötzlich wandte er sich ab, ging mit schwerfälligen Schritten ans Fenster und starrte mit erloschenen Augen hinaus.
Unten auf dem Hof stand ein dunkler Wagen, nun setzte er sich in Bewegung und glitt aus dem Schlosshof. Für den Bruchteil einer Sekunde tauchte ein totenbleiches Gesicht auf, der wehe Blick aus dunklen Augen tastete sich an der Hauswand hoch bis zu seinem Fenster. Für einen winzigen Augenblick trafen sich ihre Blicke, dann war alles vorbei.
Dem Mann schien erst jetzt bewusst zu werden, dass er nun allein war.
Verloren, für immer verloren. Mein Gott, ich habe sie doch so unsagbar geliebt. Ich kann sie nicht verlieren, kann sie nicht aufgeben! Mein Leben hat ohne sie jeden Sinn verloren. Aber habe ich nicht recht gehandelt? Hätte ich ihr doch glauben sollen?
Warum habe ich es nicht getan? Warum habe ich es nicht fertiggebracht, mich taub und blind zu stellen, nichts zu sehen, nichts zu hören? Habe sie nicht einfach in meine Arme genommen und ihren Schwüren von Liebe und Treue geglaubt?
Weil ich kleingläubig war, von eifersüchtigen Zweifeln zerfressen! Weil ich den Einflüsterungen der bösen Zungen nur allzu willig mein Ohr geliehen habe!
Sein Kopf sank haltlos herunter. Wie ein starkes Erbeben durchlief es die hohe Männergestalt. Wie ein dumpfes Stöhnen brach es aus ihm heraus: „Herr, hilf mir, gib mir die Kraft, es zu ertragen. Was soll mir mein Leben ohne ihre Liebe, ohne ihre Zärtlichkeit noch wert sein? Wie soll ich es ertragen ohne ihre Küsse, ohne das weiche Streicheln ihrer sanften Hände?“
Draußen hatte der Himmel sich zugezogen. Ein fernes Blitzen zuckte am Himmel auf. Nun folgte ein harter Donnerschlag, unter dem der Mann zusammenzuckte, als erwache er aus einem dumpfen Traum. Wie irr sah er sich um, sah hinaus in die auf einmal so völlig veränderte Natur. Schwer fielen die ersten Tropfen.
Starr stand der Mann, die Hände aufgestützt, als suche er einen Halt. Ihm war es, als höre er ein fernes Weinen, als riefe eine klagende Stimme in verzweifelter Not immer wieder seinen Namen.
Seine Gedanken gingen zurück bis zu dem Tag, wo er sie zum ersten Mal gesehen hatte.
Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen, und die Hochzeit fand schon drei Wochen später statt. Trunken vor Glück hielt Fürst Georg sein junges Weib in den Armen und glaubte, das Paradies habe sich nun für immer für sie aufgetan.
Aber es war nicht das Paradies, wie sie in erster Liebesseligkeit geglaubt hatten. War es seine rasende, unbeherrschte Eifersucht, die jeden Blick aus den glutvollen schwarzen Augen belauerte, jedes Lächeln, das sie einem anderen Mann schenkte, jedes freundliche Wort, das er ingrimmig bei sich buchte, dass ihre Ehe zur Hölle wurde?
Er wusste es nicht, er wusste nur das eine, dass er die Höllenglut nicht ertrug, dass er sie am liebsten in einem goldenen Käfig eingesperrt hätte.
Aber Prinzessin Gracia war frei und ungezwungen aufgewachsen. Sie bäumte sich gegen den Zwang auf, den ihr Mann auf sie auszuüben versuchte. Sie empörte sich gegen sein nie schlummerndes Misstrauen und verlangte von ihm, dass er ihr glaubte und vertraute. Es kam zu Auseinandersetzungen, und immer blieb ein Stachel zurück und bohrte sich tiefer in sein Herz hinein.
Dann stellte er einen jungen Mann als Stallmeister bei sich ein. Er war ein rothaariger sportlicher Typ, mit den besten Referenzen. Der Mann verstand wirklich seine Arbeit, aber er verstand auch noch mehr.
Grimmig ballte der sinnende Mann seine Hände. Seine breite Brust hob und senkte sich unter keuchenden Atemzügen.
Ja, der Mann verstand es, mit Frauen umzugehen. Immer häufiger sah man die junge Fürstin in seiner Gesellschaft. Oft klang ihr unbekümmertes Lachen bis zu ihm hinauf, und jedes Mal war es ihm, als senke sich ein glühender Stachel tief in sein Herz.
Er trug sich mit dem Gedanken, den Mann wieder zu entlassen. Aber ungewohnt leidenschaftlich setzte seine Frau sich für ihn ein und verstärkte dadurch nur noch sein gärendes Misstrauen. Aber er gab nach, weil er sich schämte und weil sie gerade jetzt ihr erstes Kind erwartete.
Noch einmal schien alles gut zwischen den Gatten zu werden. Die junge Fürstin zog sich vom gesellschaftlichen Leben zurück, um sich zu schonen, und zum ersten Mal hatte der Mann seine junge Frau für sich allein und war überglücklich.
Dann wurde das Kind geboren. Aber statt erfreut, stand der Fürst erstarrt an der Wiege und sah aus ungläubigen Augen auf das kleine Wesen, das sein Kind sein sollte.
Nicht, dass es nur ein Mädchen war, traf ihn wie ein Dolchstoß mitten ins Herz, nein, das Kind hatte feuerrotes Haar.
Mit einem unbeschreiblichen Blick hatte er auf die Frau gesehen, die ihn angstvoll beobachtet hatte. Dann hatte er sich wortlos abgewandt und das Zimmer verlassen.
Nun konnte es für ihn keinen Zweifel mehr geben. Seine Frau hatte ihn betrogen mit diesem jungen Stallmeister, und es war dessen Kind, das da in der fürstlichen Wiege lag.
Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn nicht seine Schwester es so gut verstanden hätte, sein Misstrauen, seinen Zorn zu schüren. Die junge Prinzessin, die vor seiner Ehe die erste Dame am Hof gewesen war, verzieh es der Schwägerin nicht, dass diese sie von ihrem vorderen Platz verdrängt hatte.
Das Kind, dieses rothaarige Mädchen, konnte des Bruders Kind nicht sein. Die Wendhausen-Bernsbach waren von einem lichten Blond und hatten graue Augen. Diese Frau dagegen war brünett und ihre Augen waren von der Schwärze der Nacht. Wie sollte ein Wendhausen also zu einem solchen Kind kommen?
Nein, alle Weichheit wich und machte einem glühenden Zorn Platz. Des Fürsten schon erhobene Hände, die sich ausgestreckt hatten, als wollten sie die geliebte Frau zurückholen, sanken herunter. Unerbittlich wirkten seine Züge, während er mit einer abschließenden Bewegung den Kopf zurückwarf, eine charakteristische Gebärde, die alle an ihm gut kannten.
Nein, es gab keine Zweifel. Er hatte das einzig Richtige getan, was ihm in seiner Lage zu tun blieb. Seine ungetreue Frau würde hinter Klostermauern verschwinden und mit ihr dieses Kind.
Niemand sollte etwas von seiner Schande erfahren. Und er hatte das Gerücht verbreiten lassen, dass seine Frau durch die Geburt so geschwächt sei, dass sie für längere Zeit zur Kur müsse. Die kleine Prinzessin würde sie begleiten, da die junge Mutter sich nicht von ihrem Kind trennen wolle.
O ja, er hatte an alles gedacht, noch mehr aber seine Schwester, der er für ihre Hilfe nicht genug danken konnte. Dabei hatte seine Schwester noch versucht, ein gutes Wort für die Schwägerin einzulegen. Ihm zugesprochen, nicht zu hart zu sein.
Eines freilich ahnte Fürst Georg in diesem Augenblick noch nicht, nämlich dass die Prinzessin genau wusste, dass jedes ihrer Worte seinen Grimm und seinen verletzten Stolz noch tiefer treffen musste und jede Bereitschaft in ihm zerschlagen.
Eines Tages aber würde der Mann das erkennen, doch dann war es für ihn und für die Frau, die er von sich gestoßen hatte, zu spät, für alle Zeiten zu spät.
***
Viele Jahre waren seit diesem verhängnisvollen Tag vergangen. Jahre, die keine Versöhnung brachten, selbst wenn der Fürst sie gesucht hätte.
Heute war es merkwürdig schwül. Die Wolken hingen wie schwere Säcke am Horizont. Fahle Blitze zuckten auf. Entfernt grollte der Donner, der schnell näher kam.
Die zarte Frauengestalt, die seit einiger Zeit reglos am Fenster stand, fuhr sich mit einer fahrigen Geste über die Stirn. Aus ihren übergroßen Augen schrie qualvolle Not.
Die Tür wurde geöffnet. Eine rundliche Frau betrat das Zimmer.
„Du sollst dich nicht so leicht bekleidet ans offene Fenster stellen, Gracia. Du weißt doch, wie schnell du dich erkältest!“, sagte sie mit sanftem Vorwurf in der Stimme.
Die Frau regte sich nicht. Sie schien das Eintreten der anderen gar nicht in sich aufgenommen zu haben.
Die Frau holte einen Morgenmantel und legte ihn der zarten Gestalt um die Schultern. Grell zuckte ein Blitz am Himmel auf, riss für Sekunden den schwarzen Wolkenhimmel auf, und ein harter, schwerer Donnerschlag folgte.
Die Frau stöhnte auf, presste wie in jäher Panik die Hände gegen die schmerzenden Schläfen und wand sich wie unter Peitschenhieben.
Über das runde, gutmütige Gesicht der Beschließerin lief ein mitleidiges Zucken. Fest legten sich ihre kräftigen Arme um die zarte Frau, und mit sanfter Gewalt führte sie die Kranke vom Fenster ins Zimmer zurück.
„Komm, Kindchen, komm“, sagte sie voll mütterlicher Behutsamkeit. Widerspruchslos, wie aller Kraft beraubt, ließ die Kranke sich zu ihrem Bett führen. Hier sank sie erschöpft in die Kissen und schloss sekundenlag die großen Augen.
„Ich bin müde, so entsetzlich müde“, murmelte sie.
Ein schneller fester Schritt klang auf und machte vor dem Zimmer halt. Die Tür wurde geöffnet, und eine drahtige, schlanke Männergestalt wurde sichtbar.
Seltsam helle Augen sahen besorgt zu der Frau, die wie eine zarte Wolke in den seidenen Kissen lag. Ihr Gesicht war von überirdischer Schönheit, und der Ausdruck in den durchsichtigen Zügen schien schon nicht mehr von dieser Welt zu sein.
Ein dunkler Schatten huschte über seine schmalen kantigen Züge. Wie immer, wenn der Mann die zarte, zerbrechliche Frau sah, überkam ihn ein wilder Schmerz, der ihn fast rasend machte. Alles in ihm schrie dann nach Rache und Vergeltung.
„Wie geht es ihr heute, Anna?“, fragte er jetzt besorgt, während er sich zu ihr hinunterneigte.
„Heute ist es wieder besonders schlimm. Du weißt, das Wetter. Es macht sie entsetzlich unruhig. An solchen Tagen bricht alles wieder in ihr auf, und alle Not wird erneut wach.“
Seine Hand legte sich dann unendlich behutsam auf die fieberheiße Stirn der Kranken, während er sich tief zu ihr neigte.
„Gracia, Liebes, ich bin es – Ernest.“ Nie hatte man es für möglich gehalten, dass die sonst hartklingende Männerstimme so weich sein konnte. Eine Strähne seines feuerroten Haares fiel ihm in die Stirn und gab seinem braunen Gesicht etwas Jungenhaftes.
Ein unruhiges Zucken überlief das zarte Frauengesicht. Langsam hoben sich die schweren Wimpern und gaben den entsetzlich leeren Blick der übergroßen schwarzen Augen frei.
„Die Pferde halten nicht mehr durch! Ernest, der Baum! Mein Kind! Hilf mir!“ Ihre Hände flogen hoch, ihre Finger verkrampften sich in seinem Arm, so dass er schmerzhaft die spitzen Nägel spürte. Schweiß bedeckte die weiße Stirn, Qual schrie aus den aufgerissenen Augen, während Grauen die schönen Züge verzerrte. „Feuer!“, gellte es durch das Zimmer. „Ernest, hilf meinem Kind!“ Wild hatte der zarte Körper sich aufgebäumt und sank nun, wie aller Kraft beraubt, in die Kissen zurück. Nur ein kindliches Wimmern war noch zu hören.
Leise sprach der Mann auf die Kranke ein. Etwas in seiner dunklen, weichen Stimme schien eine beruhigende Wirkung zu haben. Langsam wurde sie ruhiger. Das keuchende Atmen wurde langsamer und das schreckliche Wimmern immer leiser.
Eine ganze Weile verging. Nichts war zu hören als nur die beschwörende Männerstimme und das stoßweise Stöhnen der Kranken.
Mit aschfahlem Gesicht richtete der Mann sich später auf. Mit einem unbeschreiblichen Blick sah er auf die nun ruhig schlafende Frau, und seine Zähne gruben sich in seine Lippen, als müsse er mit Mühe den Schrei herunterringen, der in seiner Kehle würgte.
„Wir müssen fort, Anna, wir können hier nicht länger bleiben. Ich habe Nachricht, dass er weiß, wo wir uns aufhalten.“ Schwerfällig entrang es sich seinem schmalen Mund.
Fast entsetzt hob Anna ihre Hände und wies dann mit einem anklagenden Blick auf die jetzt friedlich schlafende Frau.
„Das können wir nicht mehr riskieren, Ernest, das wäre ihr Tod.“
„Aber was sollen wir tun? Hier wird er uns finden. Seine Spürhunde haben uns schon aufgestöbert. Willst du, dass sie ihm wieder in die Hände fällt, dass er seine wilde Wut an ihr auslassen kann? Wir haben es ihr geschworen, Anna, alles zu tun, dass er keine Gewalt mehr über sie und das Kind bekommt. Wir müssen unseren Schwur halten.“
„Ja, aber ich fürchte, Ernest, uns bleibt keine Zeit mehr, noch etwas für sie zu tun. Sie ist müde und hat keine Kraft mehr.“
Anna Brüggen war Ernests Schwester. Ihre ganze Liebe und Fürsorge hatte stets dem zehn Jahre jüngeren Bruder gegolten, an dem sie Mutterstelle vertreten hatte, seit diese frühzeitig gestorben war.
Sie hatte Prinzessin Gracia schon gekannt, als sie noch ein kleines Mädchen war und sich den Bruder zum Gespielen auserwählt hatte. Sie war unsagbar stolz darauf gewesen, dass ausgerechnet ihr kleiner Bruder der Freund der Prinzessin war.
Später dann, als Prinzessin Gracia die Frau des Fürsten geworden war, sorgte sie dafür, dass der Jugendfreund als Stallmeister eine Stellung im Schloss fand. Aber hier wurde die Kinderfreundschaft den beiden jungen Menschen zum Verhängnis.
Grimmig lachte Anna auf, als sie an die furchtbare Zeit dachte, die nun auch für den ahnungslosen Bruder begann. Denn ehe er wusste, wie ihm geschah, saß er schon hinter Gittern. Ernest Brüggen wurde wegen einer Tat verurteilt, die auf falschen Beweisen konstruiert war. Aber alle Macht lag bei dem Fürsten, und sein Wort stand gegen die leidenschaftlichen Beteuerungen eines armseligen Stallmeisters.
Völlig unerwartet und auch für ihn selbst überraschend, wurde er von unbekannten Helfern befreit und außerhalb des Landes gebracht. Hier erfuhr er auch zum ersten Mal, was mit der jungen Fürstin geschehen war und wessen man sie beschuldigte.
Was der Fürst so streng geheim gehalten hatte, es war doch über die hohen Schlossmauern nach draußen gedrungen und wurde hinter vorgehaltener Hand heimlich besprochen.
Aber eigenartigerweise glaubte das einfache Volk nicht an eine Schuld der jungen Fürstin. Man hielt vielmehr den Fürsten für einen eifersüchtigen Narren, der sein eigenes Glück zerstörte.
Als nun auch noch ein Brief der Fürstin, den sie aus dem Kloster hatte schmuggeln können, Ernest erreichte, in dem die Jugendgespielin ihn um Hilfe bat, da gab es für ihn kein Halten mehr.
Anna Brüggen, die seit vielen Jahren bei einem Pfarrer in Dienst stand, gelang es mit Hilfe ihres Dienstherrn, Einlass in das Kloster zu bekommen. Entsetzt sah sie dort, wie das Leid die einst so strahlend junge Frau vernichtet hatte. Aller Lebenswille war in ihr zerbrochen. Nur der Gedanke an ihr Kind schien sie noch aufrechtzuerhalten.
Es war eine schwarze Nacht, in der drei dunkle Gestalten über die hohen Klostermauern stiegen und in das Kloster eindrangen. Lautlos öffneten sie mit ihren Nachschlüsseln die Pforten.
Die Flucht war gut vorbereitet. Kein Laut wurde hörbar, nichts, was den tiefen Frieden der Klosterinsassen stören konnte.
Genauso lautlos, wie sie gekommen waren, verschwanden die nächtlichen Gäste auch wieder. Aber sie waren nicht allein. Eine dunkelgekleidete Frau wurde von ihnen mehr getragen, als dass sie ging. Fest hielt sie ein kleines Bündel an sich gepresst, als fürchte sie, man könnte es ihr entreißen.
Draußen vor der Klosterpforte stand ein Wagen. Vier Pferde waren vorgespannt. Neben ihnen stand ein hochgewachsener Mann, der die Zügel mit kräftiger Faust hielt.
Kaum saßen die Frau und das Kind im Wagen, als die abenteuerliche Fahrt auch schon begann. Durch die gewitterschwarze Nacht, durch strömenden Regen jagten die Pferde dahin. Wie Feuerfanale zuckten die Blitze am schwarzen Himmel auf, und die Erde erbebte unter den schweren Donnerschlägen.
Wie lange die Höllenfahrt gedauert hatte, niemand hätte es zu sagen vermocht. Sie endete erst, als die erschöpften Tiere nicht mehr weiterkonnten.
Fürstin Gracia aber lag danieder mit einem schweren Nervenfieber in einer armseligen Waldhütte und rang lange Zeit mit dem Tod. Und als sie zum ersten Mal die Augen aufschlug, waren diese entsetzlich leer.
