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Niemand kannte ihre Herkunft
Der große Schicksalsroman um Liebe und Leid
Von Regina Rauenstein
Der Bauer Tronstein, angesehen und wohlhabend, hat den schönsten Hof im weiten Umkreis. Aber das Schicksal hat es nicht gut mit ihm gemeint. Seine geliebte Frau und sein wenige Tage alter Sohn sind gestorben.
Als eines Morgens ein Findelkind auf seiner Türschwelle liegt, weigert er sich zunächst, den Säugling - es ist ein Mädchen - aufzunehmen. Doch dann wird ihm das Herz weich unter dem Blick des winzigen Kindes.
Jahre vergehen. Blanche vom Tronsteinhof, das Findelkind, wächst als Tochter des Bauern auf. Sie ist ein beglückend frohes und bildschönes Mädchen geworden. Dass sie sich für den großen Hof interessiert und eine gute Bäuerin zu werden verspricht, erfüllt den Mann mit Stolz. Doch Tronsteins Liebe zu der Adoptivtochter wird hart geprüft, denn eines Tages kommt ein Fremder in die Gegend und bringt Verwirrung und Herzeleid ...
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Seitenzahl: 145
Veröffentlichungsjahr: 2019
Cover
Impressum
Niemand kannte ihre Herkunft
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Mandy Godbehear / shutterstock
eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)
ISBN 9-783-7325-8968-5
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
www.bastei.de
Niemand kannte ihre Herkunft
Der große Schicksalsroman um Liebe und Leid
Von Regina Rauenstein
Der Bauer Tronstein, angesehen und wohlhabend, hat den schönsten Hof im weiten Umkreis. Aber das Schicksal hat es nicht gut mit ihm gemeint. Seine geliebte Frau und sein wenige Tage alter Sohn sind gestorben.
Als eines Morgens ein Findelkind auf seiner Türschwelle liegt, weigert er sich zunächst, den Säugling – es ist ein Mädchen – aufzunehmen. Doch dann wird ihm das Herz weich unter dem Blick des winzigen Kindes.
Jahre vergehen. Blanche vom Tronsteinhof, das Findelkind, wächst als Tochter des Bauern auf. Sie ist ein beglückend frohes und bildschönes Mädchen geworden. Dass sie sich für den großen Hof interessiert und eine gute Bäuerin zu werden verspricht, erfüllt den Mann mit Stolz. Doch Tronsteins Liebe zu der Adoptivtochter wird hart geprüft, denn eines Tages kommt ein Fremder in die Gegend und bringt Verwirrung und Herzeleid …
Abseits von allem weltlichen Getriebe lag der prachtvolle Heidehof des Bauern Tronstein, der wie seine Vorfahren einem kleinen König vergleichbar in seinem Land regierte.
Umgeben von fruchtbaren Feldern und sattem grünen Weideland, auf dem das Vieh prachtvoll gedieh, lag das weiße Fachwerkhaus mit seinen schwarzen Balken und dem tief herabhängenden Dach.
Wildrosen und Beeren rankten sich wildwachsend um die hohe, klobige Mauer, die aus groben Felsbrocken zusammengesetzt war und das Anwesen umgab. Jeder Fremde, der zum ersten Mal hier stand und die ganze wilde Schönheit dieser Landschaft in sich aufnahm, war begeistert von dem märchenhaften Anblick.
In der großen gemütlichen Wohnstube saß der Bauer, breitbeinig, die schweren Hände vor sich auf den schweren Eichentisch gestützt. Der Mann ihm gegenüber war etwas kleiner und gedrungener als der Bauer. Vor ihnen standen zwei Krüge, bis zum Rand mit Selbstgebrautem angefüllt.
Bedächtig hoben sie die Krüge, prosteten sich zu und tranken. Dann griffen sie nach ihren Pfeifen und stießen dicke, weiße Wolken aus.
„Soso“, brach Bauer Tronstein nun endlich das Schweigen.
Seine Stimme klang kernig, und wer ihn nicht kannte, zuckte erschrocken vor dieser harten Stimme zurück und traute dem vierschrötigen Bauern keine Weichheit zu.
Dabei täuschte der erste Eindruck. Bauer Tronstein war im Grunde seines Herzens ein gutmütiger Bär, der keiner Fliege etwas zuleide tun konnte. In seinem kraftvollen Körper steckte ein weiches Herz. Aber wenn er dahinterkam, dass man seine Gutmütigkeit schändlich ausnützte, dann konnte er fuchsteufelswild werden.
Außer dem „so, so“ sagte er nichts mehr, sondern begann, seine Pfeife auszuklopfen. Erst nachdem Bauer Tronstein seine Pfeife wieder gestopft und angezündet hatte, wandte er seine Aufmerksamkeit erneut seinem Besucher zu.
„Also heiraten will sie, deine Gerlinde“, begann er. „Hat sich lange Zeit gelassen, deine Deern. Geht doch schon auf die dreißig zu, wenn ich mich nicht irre?“
„Stimmt, wird nächsten Monat dreißig.“ Der andere seufzte tief. „Ja, hat sich lange Zeit gelassen, die Gerli. Hab schon nicht mehr daran geglaubt, dass sie mir doch noch einen Eidam auf den Hof bringt. Hat ihn einfach nicht vergessen können, diesen Hans Dampf in allen Gassen, der sie einfach sitzen ließ und auf und davon ging.“
„Hm — sie hat ihn eben geliebt, Hinner — und gegen die Liebe ist nun mal kein Kraut gewachsen. Das Herz hat seine eigenen Gesetze, und mit Vernunft ist da wenig auszurichten.“
„Ja, ja — das habe ich mir auch immer wieder gesagt, wenn ich nahe daran war die Geduld zu verlieren. Aber nun ist ja alles vorbei. Hannes Stelzer ist ein arbeitsamer Mann, der wohl ein ordentlicher Bauer wird. Bei ihm wird sie es gut haben, dessen bin ich gewiss. Natürlich ist es nicht die himmelhoch-jauchzende Liebe, aber sie mag ihn, und wenn erst einmal Kinder da sind, dann kommt die Liebe auch von selbst.“
Nachdenklich sah Bauer Tronstein aus dem Fenster.
„Gebe es Gott, Hinner“, meinte er dann mit einer Stimme in der dunkle Traurigkeit mitschwang. „Es ist nicht gut, wenn die Liebe nicht gegenseitig ist in einer Ehe. Einer wird immer leiden und sich quälen.“
Als wollte er etwas wegwischen, fuhr er sich mit der Rechten über seine hohe Stirn und strich das noch immer sehr dichte Haar zurück. Als er sich dann seinem Gast wieder zuwandte, trug sein Gesicht jedoch den ruhigen Ausdruck, den man an ihm kannte.
„Natürlich werden Blanche und ich an der Feier teilnehmen. Ist doch selbstverständlich. Aber“, er zögerte einen Moment und fuhr dann unsicher fort. „Blanche als Brautjungfrau, entschuldige, das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Du kennst doch diesen Irrwisch. Sie hat Mühe, auch nur eine Minute ruhig zu sitzen. Ich fürchte, sie wird die nötige Geduld einfach nicht aufbringen, um über eine Stünde lang reglos auf einer Stelle auszuhalten. Sie würde die ganze Handlung stören durch ihre Zappeligkeit.“
„Das habe ich Gerli auch schon gesagt, aber sie besteht einfach darauf, dass Blanche ihre Brautjungfer wird. Du weißt doch, die beiden lieben sich wie Schwestern, und Gerli hat sich schon immer für deine Kleine verantwortlich gefühlt. Sie ist davon überzeugt, dass Blanche ihr zuliebe die nötige Geduld aufbringt und verletzt sein würde, wenn sie bei der Wahl der Brautjungfern übergangen würde.“
Wieder trat Schweigen ein.
Nach kurzem Klopfen trat die Altmagd ein. Sie trug ein Tablett auf dem ein deftiger Imbiss stand. Hausgebackenes, duftendes Brot, ein angeschnittener Hinterschinken und selbstgemachte Butter.
Wortlos stellte sie alles auf den Tisch, wollte schweigend wieder die Stube verlassen.
„Schick mir die Deern, Bärbel, wenn sie dir über den Weg läuft“, sagte der Bauer, ehe die Magd das Zimmer verließ.
„Wenn ich sie seh, Bauer. Ist schon früh aus dem Haus. Wird wohl wieder bei den Pferden sein.“
Aber Bauer Tronstein winkte nur ab.
„Ist schon gut, Bärbel. Wird schon kommen wenn sie Hunger verspürt.“
„Greif zu, Hinner! Hast einen langen Weg hinter dir!“, forderte der Bauer seinen Gast auf.
Der ließ sich nicht lange nötigen.
„Weißt du“, begann er, nachdem er den ersten Bissen mit einem Schluck aus dem Krug hinuntergespült hatte. „Ich …“, weiter kam er nicht.
Donnernde Hufschläge, die schnell näher kamen, ließen ihn seine Rede vergessen. Durch das geöffnete Fenster klang lautes Stimmengewirr, in die sich nun eine helle, durchdringende Stimme mischte, die alle anderen übertönte.
Die beiden Männer waren schnell aufgestanden und ans Fenster getreten. Während die Augen des Bauern in väterlichem Stolz leuchteten, sah Bauer Hinner verdutzt auf das Bild das sich seinen Augen nun bot.
Das Mädchen hatte den Vater am Fenster erkannt. Es winkte zu ihm herauf und parierte den schneeweißen Hengst unter seinem Fenster, so dass dieser wie eine Statue stand.
Dann beugte sich die knabenhafte schlanke Gestalt in der enganliegenden verwaschenen Cordhose herunter und flüsterte dem reglos stehenden Tier etwas ins Ohr.
Sofort begann der Hengst, anmutig zu tänzeln, zeigte einige Kunststücke, die einem Zirkuspferd alle Ehre gemacht hätte und ließ sich plötzlich zu Boden fallen. Seine Reiterin glitt geschmeidig aus dem Sattel. Der Hengst blieb reglos liegen und rührte sich erst, als ein halblauter Befehl erklang. Da schnellte er hoch, und seine Reiterin saß blitzschnell auf seinem Rücken.
„Donnerwetter, das ist ja schon fast Zauberei was sie mit dem Gaul anstellt“, entfuhr es Bauer Hinner entgeistert.
„Ja, sie ist vernarrt in den Hengst, den ich ihr zum Geburtstag geschenkt habe. Sie war schon immer eine Pferdenärrin. Leider bringt sie dem Hengst jeden Tag neue Kunststücke bei und vergisst darüber alles andere“, seufzte der Bauer, und doch lag Stolz auf seinen Zügen.
Blanche war ein sehr hübsches Mädchen — die wilde Blanche vom Tronsteinhof. Rank und schlank gewachsen, mit weichen anmutigen Bewegungen. Sehr große grüne Augen beherrschten ein oval geschnittenes Gesicht, das von einem Schwall rotblonder Haare eingerahmt wurde, das ihr lose bis auf die Schultern fiel. Der blutrote volle Mund zeigte beim Lachen schneeweiße gesunde Zähne, die wie Perlen schimmerten. Und sie lachte gerne, die junge Blanche, deren Leben bisher so unbeschwert gewesen war.
Vom Vater maßlos verwöhnt, wuchs sie in ungebundener Freiheit auf. Jeder Wunsch wurde ihr erfüllt, und es war eigentlich ein Wunder, dass sie trotzdem ein so liebenswertes Menschenkind geblieben war, dem einfach jeder gut sein musste.
Unterdessen hatte der Bauer sich wieder zu seinem Besucher gesetzt.
„Ich weiß nicht, Will, ob es richtig ist, das Mädchen so wild aufwachsen zu lassen. Du hast es zu einem Buben erzogen, und ich fürchte, das wird sich eines Tages rächen. Welcher Bursch hat schon den Mut um ihre Hand anzuhalten? Welcher Mann holt sich schon gerne eine solche Wildkatze in sein Haus? Hast du schon einmal darüber nachgedacht, was aus ihr werden soll? Sie wird bald achtzehn!“
„Wenn sie älter wird, kommt alles von selbst. Vorerst soll sie ihre Jugend noch genießen. Zudem bin ich der Meinung, dass es einmal an dem Mann liegen wird, ob sie eine gute Frau wird. Freilich wird er sich den Wildfang erst zähmen müssen, aber wenn sie ihn dann erst einmal als ihren Herrn anerkannt hat, wird es keine bessere Frau geben als meine Blanche.“
„Dein Wort ins Gottes Ohr, Will. Aber sag mal, hat sich denn bisher schon einmal ein Freier eingestellt?“
Bauer Tronstein machte eine verächtliche wegwerfende Handbewegung.
„Einer?“, lachte er spöttisch und seine Augen funkelten. „Es waren schon drei. Aber sie haben sich alle einen Korb geholt. Blanche hat mit einer Heirat noch nichts im Sinn. Eigentlich haben die drei Burschen mir leidgetan, wie sie sie abgefertigt hat. Ich bin überzeugt, von denen kommt keiner mehr wieder.“
„Hm — ob das wirklich gut ist für deine Tochter, Will? So etwas spricht sich doch herum und schreckt jeden Bewerber ab. Wer lässt sich schon gerne von einem Mädchen verspotten?“
Der andere war sehr ernst geworden.
„Du magst damit nicht so ganz Unrecht haben, Hinner. Auch ich habe mich wiederholt gefragt, wie wohl Blanches Zukunft aussehen mag. Du weißt unter welch rätselhaften Umständen Blanche in mein Haus gekommen ist, dass sie nicht meine leibliche Tochter ist. Blanche ahnt noch nichts davon. Ich hatte einfach bis heute nicht den Mut ihr die Wahrheit zu sagen.“
„Aber eines Tages wirst du es ihr sagen müssen. Ihr späterer Gatte hat ein Recht darauf, die Wahrheit zu hören.“
„So, und warum“, begehrte der Bauer auf. „Blanche ist meine Tochter. Das genügt. Warum soll ich ihr das Herz mit Dingen schwermachen, die doch nicht zu ändern sind. Das Geheimnis um ihre Geburt wird sich wohl niemals aufklären lassen. Ich glaube, es ist auch gut so. Sie ist ein warmherziges, gutes Kind, und ich weiß, sie wird den Mann, den sie einmal liebt, glücklich machen. Und darauf allein kommt es an.“ Kampfbereit sah er sein Gegenüber an. „Bist du da anderer Meinung?“
Bauer Hinner wehrte gutmütig ab.
„Auf meine Meinung kommt es dabei nicht an, Will. Vielleicht würde ich nicht anders handeln, wenn ich in deiner Haut stecken würde. Du weißt, ich mag Blanche sehr gern, sie ist mir ans Herz gewachsen. Schade, dass ich keinen Sohn habe, der sie heiraten kann. Sie wäre mir als Schwiegertochter von ganzem Herzen willkommen. Das Mädchen besitzt Rasse, und ich bin überzeugt davon, sie kommt aus einem sehr guten Haus. Aber ich frage mich immer wieder, welcher Mensch ihre Mutter gewesen sein muss, dass sie es über das Herz brachte, ihr Kind einfach auszusetzen und es der Barmherzigkeit wildfremder Menschen zu überlassen.“
„Ja, das habe ich mich auch immer wieder gefragt, und keine Antwort darauf gefunden. Aber vielleicht war es gar nicht die Mutter die uns das Kind auf die Schwelle gelegt hat. Was wissen wir denn schon? Nie habe ich eine Spur gefunden. Dann wuchs mir das Kind mit jedem Tag mehr ans Herz, und nun wollte ich gar nicht mehr wissen, wer seine Mutter war. Es wurde mein Kind, das der Himmel mir geschenkt hat, nachdem er mir die Frau und den Sohn nahm.“ Der Bauer tat einen harten gepressten Atemzug. Man sah es seinem kantigen Gesicht deutlich an, wie sehr die Erinnerung ihn aufwühlte und innerlich erregte.
Mit gepresster Stimme fuhr er dann fort: „Und dann brachte mir meine Schwester das kleine, wimmernde Bündel. Sie hatte es auf unserer Schwelle gefunden, als sie aus der Kirche kam. Es war ein winziges kleines Geschöpfchen. Ich starrte auf das kleine Wesen und dachte an meinen toten Jungen, der genauso klein und winzig gewesen war, als er auf die Welt kam. Dann —“, der Bauer fuhr sich mit der Rechten über die brennenden Augen, die unter den buschigen Brauen glühten wie zwei Fackeln, „ja, dann öffnete das Kind die Augen. Es war ein seltsamer Blick, der mir durch und durch ging. Von diesem Augenblick an spürte ich, dass Gott mir dieses Kind in meiner Not geschickt hatte, damit es meinem einsamen Leben wieder einen Sinn gab.“
Wieder ging der Bauer mit großen und ruhigen Schritten im Zimmer auf und ab. Dann trat ein unbeschreiblich zärtliches Lächeln auf seine kantigen Züge.
„Blanche wurde mein Kind. Sie brachte wieder Wärme und Glück in mein Leben. Heute habe ich vergessen, dass sie nicht mein eigen Fleisch und Blut ist.“ Er sah seinen Freund ernst an. „Sie ist meine Tochter, die Tochter des Heidehofbauern Tronstein. Und damit hat sich auch der Mann abzufinden, der sie einmal heiraten wird. Alles andere zählt nicht, oder bist du anderer Meinung Hinner?“
Der Gefragte zuckte die breiten Schultern. Freilich konnte er seinen Freund verstehen, der es nicht dulden wollte, dass Unruhe in das Leben seiner jungen Tochter gebracht wurde. Aber auf der anderen Seite war er der Ansicht, dass der künftige Gatte des Mädchens die Wahrheit wissen musste.
„Du musst es wissen, Will, es ist ganz allein deine Sache, da red ich dir nicht rein. Nur finde ich, versündigst du dich an dem Kind, wenn du es weiterhin hier wie eine kleine Wilde aufwachsen lässt. Ich würde dir raten, sie auf eine Haushaltsschule oder in ein Internat zu schicken. Sie ist sehr klug, und das Lernen fällt ihr leicht. Sie war schon immer die Beste in unserer Schule und den anderen Kindern weit voraus.“
„Was willst du?“, fuhr der Bauer auf, aber es lag dabei eine nur schlecht verhohlene Unsicherheit in seinen Zügen. „Sie wird einmal Bäuerin auf dem Heidehof sein, und was sie dazu braucht, das habe ich ihr beigebracht. Sie hat alles Zeug in sich eine gute Bäuerin zu werden; versteht mit den Tieren umzugehen; besitzt einen ausgezeichneten Pferdeverstand. Zudem habe ich ihr Klavierstunden geben lassen, habe ihre Stimme ausbilden lassen. Ich habe es ihr an nichts fehlen lassen. Sie hat die Ausbildung einer höheren Tochter erhalten. Aber sie treibt sich am liebsten auf den Weiden herum. Ihr macht es nichts aus, im Pferdestall zu schlafen, oder draußen zu bleiben, wenn eine Stute fohlt. Sie mag keine hübschen Kleider, läuft am liebsten in Cordhosen oder Jeans herum.“
Der Tronsteinbauer griff wieder nach dem Glas und tat einen tüchtigen Schluck.
„Freilich wäre es auch mir lieber, sie würde sich mädchenhafter benehmen. Ich würde ihr liebend gerne hübsche Kleider kaufen. Aber wenn ich davon anfange, lacht sie mich einfach aus.“
In diesem Moment flog ungestüm die Tür auf. Eine zierliche Gestalt stand auf der Schwelle. Langes Haar fiel in weichen Wellen auf die Schultern.
Große, grüne Augen gaben dem feingeschnittenen Gesicht etwas Katzenhaftes. Das leidenschaftliche Temperament ließ sich nicht verleugnen, auch wenn man das der zarten kleinen Person kaum zutrauen wollte. Obwohl sie keinen Wert auf elegante Kleidung zu legen schien, denn auch jetzt trug sie nur Pulli und Jeans, bot sie einen zauberhaften Anblick, und der Bauer Hinner musste unwillkürlich denken, wie sie wohl aussehen mochte, wenn sie ein hübsches Kleid trug und das wirre Haar zu einer aparten Frisur gekämmt war.
Nun hatte das Mädchen den Besucher erkannt. Ein fröhliches Lächeln teilte den blutroten vollen Mund. Die weißen Zähne blitzten.
„Onkel Hinner!“ Mit einem Jubelruf eilte das Mädchen auf den Mann zu, warf sich ungestüm in seine ausgebreiteten Arme und gab ihm einen herzhaften Kuss.
Es kam selten vor, dass Blanche sich zu einem solchen Zärtlichkeitsausbruch hinreißen ließ, und es war ein Zeichen dafür, wie sehr sie an dem Onkel hing.
„Das ist ja toll, dass du uns auch einmal besuchst, Onkel Hinner. Aber bist du allein. Wo sind denn die Jungs? Wollten sie nicht mitkommen? Und warum hat Gerli dich nicht begleitet? Ich hätte ihr so gern einmal Taifun vorgeführt. Hast du eben Taifun gesehen, Onkel Hinner? Ist er nicht wundervoll?“
Wie ein Wasserfall, der sich nicht aufhalten lässt, sprudelte es aus ihr heraus. Als sie einmal Luft holen musste, hakte der Vater, der seine Tochter zur Genüge kannte, schnell ein.
„Langsam, langsam, Blanche. Du überfällst den Onkel mit einem Redeschwall, dass er schon gar nicht mehr weiß, wo ihm der Kopf steht. Nun lass ihn auch einmal zu Wort kommen.“
„Ich bin ja schon still. So, nun rede du, Onkel Hinner, ich werde dir ganz still zuhören.“ Der Schalk funkelte aus ihren Augen.
„Zuerst einmal viele Grüße von Gerli und den beiden Jungs. Sie wären gerne mitgekommen, aber es gibt noch allerhand für die Hochzeit zu richten. Da wird eben jede Hand gebraucht“, begann der Bauer bedächtig.
Das lebhafte Temperament des Mädchens machte ihn leicht schwindelig, denn es stand in so krassem Gegensatz zu seiner eigenen Behäbigkeit. Er war für seine Wortkargheit bekannt; wenn er den Mund aufmachte, kamen die Worte langsam und wohlüberlegt.
