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Eine emotionale Achterbahnfahrt voller Triumph, Tragik und der heilenden Kraft der Liebe. Jason Garner ist auf dem Weg zum Gipfel der Tenniswelt, doch ein folgenschwerere Blackout auf dem Platz und die schockierende Wahrheit über seinen skrupellosen Vater reißen ihn in den Abgrund. An der Seite seiner großen Liebe Lena und mit der unerwarteten Unterstützung seines größten Rivalen muss er den schwersten Kampf seines Lebens bestehen: den gegen die eigenen Dämonen. Wird er den Mut finden, sich seinen Ängsten zu stellen und den Betrug seiner Familie zu verzeihen? Und kann die Liebe stark genug sein, um nicht nur ein gebrochenes Herz, sonder auch eine zerrüttete Karriere zu heilen? Ein packender Roman über Schuld und Vergebung, über die Fragilität des Erfolgs und der zerbrechlichen Kraft wahrere Freundschaft und Liebe, wenn alles auf dem Spiel steht.
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Seitenzahl: 365
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Dank
Drei Jahre. Drei verdammte Jahre ohne ein Wort oder eine Nachricht. Und jetzt hing sein Name einfach da, zwischen »Sanchez« und »Brown«, als wäre er nie weggewesen.
Ihr Finger strich zärtlich über den Namen auf dem Teilnehmerplakat. Jason Garner. Sie hätte gelogen, wenn sie sagte, ihr Herz hätte nicht kurz ausgesetzt.
Aber das hier war Hamburg und nicht das Sportinternat. Und sie war nicht mehr das naive Mädchen, das sich von einem Lächeln mit amerikanischem Akzent um den Verstand bringen ließ. Oder?
Aber das fand sie nur heraus, wenn sie sich die Spiele ansah. Doch alles zu seiner Zeit. Jetzt hatte sie sich selbst auf ihr eigenes großes Turnier zu konzentrieren.
Die Sonne brannte über dem Rothenbaum-Stadion in Hamburg, als Lena und Yasmin, die amtierenden Deutschen Meisterinnen im Beachvolleyball, den Platz betraten. Die Tribünen waren gefüllt mit jubelnden Fans, die gespannt auf das Duell der Top-Teams warteten. Gegenüber standen ihre größten Rivalen, ein weiteres deutsches Duo, das alles daran setzen würde, den Titel zu erkämpfen.
Lena wärmte sich im Hamburger Sand mit ihrer Cousine Yasmin auf. Das Rothenbaum-Stadion wurde extra dafür umgebaut. Der feine Sand knirschte unter ihren Füßen, während sie sich locker den Beachvolleyball zuspielten. Lena hatte bewusst die Halle gegen den Sand getauscht. Hier verdiente sie nicht nur mehr Geld, sondern bekam bessere Sponsoren und hatte auch große Chance bei Olympia teilzunehmen.
»Alles easy heute«, rief Yasmin und fing den Ball mit einer lässigen Bewegung ab. Sie warf ihn hoch und schmetterte ihn mit einem präzisen Schlag zu Lena.
Lena lachte, als sie den Ball baggernd annahm und zurückspielte. »Wir spielen uns nur warm. Heb dir das für die Gegner auf.«
Der Wind wehte leicht, trug den salzigen Geruch der Nordsee herüber und mischte sich mit dem Duft von Sonnencreme. Ihre Gedanken waren bei dem Zettel, den sie heute Morgen in der Hotellobby entdeckt hatte. Die Teilnehmerliste des ATP-Herrenturniers, was in zwei Wochen genau an dieser Stelle, an der sie jetzt stand, stattfinden wird. Jason würde hier sein. Der Mann, den sie seit Jahren nicht vergessen konnte. Lena spürte, wie ihr Mund trocken wurde. Wut, Verwirrung und etwas anderes, dass sie nicht benennen wollte, stiegen in ihr hoch. Das war kein Zufall.
Lena schüttelte die Gedanken beiseite und konzentrierte sich. Sie warf den Ball hoch, ihre blauen Augen fixierten das gegnerische Feld. Mit einem präzisen Aufschlag setzte sie zum ersten Punkt an.
Yasmin war dynamisch wie immer, sprang am Netz hoch und blockte den Angriff der Gegnerinnen. Die Menge tobte. Beide bewegten sich mühelos, ihre Blicke verrieten die jahrelange Vertrautheit auf dem Feld. Jeder Pass saß, jeder Laufweg war perfekt. Der Ball flog hin und her, ein rhythmisches Spiel, es war reine Freude. Lena sprang in die Luft und schmetterte, den fehlerlos gestellten Pass, direkt auf die Linie.
Doch die Konkurrenz ließ nicht locker. Lange Ballwechsel, atemberaubende Hechtschüsse und spektakuläre Baggertricks bestimmten das Spiel. Yasmin war bekannt für ihre unbändige Energie, sie feuerte ihr Team an: »Wir holen uns das – jetzt!«
Im dritten Satz stand es 14:14. Lenas Hände waren schweißnass, aber ihr Blick blieb entschlossen. Ein gefühlvoller Lobball der Gegnerinnen schien unerreichbar, doch Lena warf sich in den Sand und rettete ihn mit den Fingerspitzen. Der Sand wirbelte auf. Ihre Muskeln spannten sich an, die Sonne brannte, und das Publikum brüllte. Aber sie hörte nichts. Sie spürte nur diesen einen Moment, diesen einen Ball, der wie in Zeitlupe über das Netz segelte.
MATCHBALL.
Baggern, pritschen, schmettern. Es ging ein letztes Mal hin und her. Als der Ball auf der anderen Seite den Boden berührte, umarmten sich die beiden.
»Das war pure Leidenschaft«, rief Lena später ins Mikrofon, während Yasmin lachend hinzufügte: »Und ein bisschen Hamburger Sand zwischen den Zähnen.«
Lenas Blick wanderte über die vibrierende Tribüne des Stadions, wo die Menge in rhythmischen Klatschen versank. Doch plötzlich erstarrte sie. Zwischen Cappi-Mützen und Sonnenbrillen erkannte sie ein Profil, dass ihr Herz schneller schlagen ließ. Dort saß eine Gestalt mit Basecap und Sonnenbrille. Die Arme über der Brust verschränkt. Reglos.
Zu reglos.
Lenas Atem stockte. Sie kannte diese Haltung. Diese Präsenz. Selbst nach drei Jahren.
Jason Garner. Ihre Jugendliebe, die ihr vor drei Jahren das Herz brach und dennoch konnte sie ihn all die Jahre nicht vergessen.
Die Hitze des Sandplatzes schien zu verschwinden, als Jason sich unwillkürlich zu ihr umdrehte. Als spüre er ihren Blick. Selbst hinter der Sonnenbrille konnte sie seine grünen Augen erkennen, die sie einst so vertraut nannte.
Jason hob zögernd die Hand, als wolle er winken, ließ sie dann aber schnell sinken. Sein Mund formte unhörbar ihren Namen.
Yasmin reichte Lena eine kühle Wasserflasche, die sie dankend entgegennahm. Lena lächelte ihre Cousine an, öffnete die Flasche und nahm einen großen Schluck.
Doch als sie noch einmal hinsah, war der Platz leer. Hatte sie sich das alles nur eingebildet?
Am Abend im Hotel rieb sich Lena die Schulter unter der Dusche. Das heiße Wasser wusch den Sand weg, aber nicht die Gedanken. War er es wirklich?
Es klopfte an der Tür.
»Lena. Du hast Post.« Yasmin, ihre ehemalige Zimmergenossin im Internat und jetzt Teamkollegin, trat ins Bad mit einem Umschlag in der Hand.
Kein Absender. Nur ihr Name, in einer Schrift, der ihr das Herz bis zum Hals schlagen ließ.
Genau wie die Notizen, die er ihr damals ins Schließfach gesteckt hatte.
Lena band sich ein Badetuch um und öffnete mit zitternden Fingern den Umschlag. Zuerst wollte sie ihn in den Müll werfen, doch die Neugierde siegte. Sie wollte wissen, was er von ihr wollte. Yasmins Augen weiteten sich, als Lena ein Ticket für die VIP-Loge aus dem Umschlag zog. Ein Ticket für das ATP-Turnier in Hamburg in zwei Wochen.
Und ein Zettel: »Du wolltest mir immer zeigen, wie Tennis geht. Jetzt zeig ich`s dir! Kommst? J.«
Die Worte trafen sie wie ein Aufschlag mitten ins Herz.
»Du hast doch nicht vor das anzunehmen?!«, fragte Yasmin entsetzt. Sie war so froh, dass das Thema beendet war. Das durfte nicht wieder von neuem beginnen.
»Keine Ahnung«, zuckte Lena mit den Schultern. Sie wusste wirklich nicht, ob es gut war, ihn wieder zu sehen. Es hatte ihr so weh getan und sie hatte lange daran zu knabbern. Dennoch war sie gespannt, was er ihr zu sagen hatte. Sie fragte sich: Warum jetzt? Nach all der Zeit! Und vor allem: Warum hatte er damals einfach aufgegeben, ohne es ihr selbst zu sagen? Sie würde Antworten bekommen. Ob sie wollte oder nicht.
Die Playlist auf Jasons Handy war noch immer dieselbe. Die gleichen Songs, die sie im Bus nach Mailand zur Klassenfahrt gehört hatten, als Lena ihren Kopf an seine Schulter gelehnt und geflüstert hatte: »Du spielst besser, wenn du nicht denkst.«
Damals hatte er gelacht. Heute, drei Jahre und siebzehn verlorene Tiebreaks später, wusste er, sie hatte recht. Er zermarterte sich das Hirn. Vor allem über sie. Und jetzt, wo er hoffte, dass sie in Hamburg war ... verdammt. Er schlug mit seiner geballten Faust gegen die Hotelzimmerwand. Sein Trainer würde ihn umbringen, wenn er wieder verletzt spielte. Aber die Schmerzen waren nichts gegen das, was in seiner Brust brannte.
Heute begann das Turnier. Und ausgerechnet heute, spielte er mit Dominik Koschinzky auf dem Trainingsplatz. Seit sie zusammen im Sportinternat waren, waren sie Kontrahenten und daran hat sich bis heute nichts geändert. Zwischen ihnen lag noch immer diese unausgesprochene Rivalität, die nie ganz verschwunden war.
»Komm schon Garner«, grinste Dominik, während er den Ball hart auf die Grundlinie schmetterte. »Oder bist du zu langsam geworden?«
Jason kniff die Augen zusammen, konzentriert, kühl. Er ließ sich nicht provozieren. Nicht mehr. Er schlug zurück, präzise, kraftvoll. Pock. Punkt.
Dominik pfiff anerkennend und fuhr sich mit der Hand durch die lockigen kurzen Haare. »Nicht schlecht. Aber du warst schon mal besser.«
Der Ball prallte mit einem dumpfen Pock von Jasons Schläger ab, so hart, dass Dominik ihn nur noch aus dem Augenwinkel sah. Ein Aufschlag wie eine Kriegserklärung. 210 km/h. Direkt an die Linie.
Die Fans, die sich auf der kleinen Tribüne eingefunden hatten, tobten. Aber Dominik hörte nur das Blut in seinen Ohren. Sein Griff um den Schläger wurde so fest, dass die Umwickelung knirschte. Dieser verdammte Amerikaner. Seit Jahren versuchte er ihn zu schlagen, ihn zu erreichen, doch es gelang ihm einfach nicht. Noch immer hatte er dasselbe lässige Schulterzucken. Dasselbe Grinsen, das Dominiks Nerven blank liegen ließ.
»30:15«, rief Dominiks Trainer.
Jason wischte sich mit dem Schweißband den Schweiß von der Stirn.
»Ach komm schon. Schau doch hin! Der war neben der Linie«, protestierte Dominik und kreiste einen Abdruck ein, der wissentlich nicht der vom Aufschlag war. Aber er dachte sich, warum es nicht mal probieren und seinen Gegenüber aus der Fassung bringen.
Jason ignorierte ihn. Er war hier, um zu trainieren, nicht um sich in alte Machtkämpfe zu verwickeln. Doch dann ... ein vertrautes Lachen. Nein.
Sein Blick zuckte unwillkürlich zur Seite. Und da war sie: Lena Krüger, lachend mit Yasmin Sommer. Die Sonne ließ ihre blonden Haare leuchten. Drei Jahre. Drei Jahre, seit er sie das letzte Mal gesehen hatte. Und doch traf ihn ihr Anblick, wie ein Schlag in die Magengrube.
Der nächste Aufschlag ging daneben. Scheiße
Dominik merkte es sofort. »Was war das denn?« Er folgte Jasons Blick und grinste breit. »Ah. Die Lena Krüger. Wie ich sehe, beschäftigt sie dich noch immer. Macht sie dich nervös?«
Jason richtete sich auf, die Muskeln angespannt. »Halt die Klappe, Dominik.«
»Woah! Sind da echt noch Gefühle im Spiel?« Dominik tätschelte sein spitzes Kinn. »Interessant. Dachte, das wäre längst Geschichte.«
Jason ballte die Faust um seinen Schläger. Er wollte nicht über Lena reden. Nicht mit ihm. Nicht jetzt. Aber sie war da. Und plötzlich war alles wieder da, die Wut, die Verwirrung, dieses nagende Gefühl, dass etwas zwischen ihnen ungesagt geblieben war.
Sie kamen näher. Ihr blondes Haar war zum Pferdeschwanz gebunden. Genau wie damals, als sie sich zum letzten Mal gesehen hatten. Nur heute trug sie kein Internats-T-Shirt, sondern ein kurzes Sommerkleid, was verdammt eng an ihrem sportlichen Körper lag. Er musterte sie und war unfähig, den Blick abzuwenden.
Dominik lachte leise. »Mann, das ist ja besser als Fernsehen. Soll ich sie grüßen?«
»Lass es.« Jasons Stimme war ein einziges Warnsignal.
»Okay, okay. Aber wenn du so weiter spielst wie heute, brauchst du morgen beim Turnier nicht antreten«, hob Dominik lachend die Hände.
Jason biss die Zähne zusammen. Er musste sich zusammenreißen. Konzentrieren. Doch als er wieder in Position ging, war da nur noch ein Gedanke: Sie war hier! Sie hatte seine Einladung angenommen.
Er schlug den Ball hart, zu hart. Er flog weit über die Linie. Kopfschüttelnd sah er der kleinen Filzkugel hinterher.
Dominik grinste auf der anderen Seite. »Tja. Da hat wohl jemand noch ein paar ungelöste Probleme.«
Jason ignorierte ihn. Er würde sich nicht unterkriegen lassen. Nicht von Dominik. Nicht von alten Erinnerungen. Aber als er noch einmal zu Lena herübersah, wusste er eines: Diesmal würde er sich nicht aufhalten lassen. Sie war ihm eine Erklärung schuldig.
3 Jahre zuvor ...
Der Regen prasselte gegen das Fenster der Sporthalle, als Lena zum ersten Mal verstand, warum alle Mädchen im Internat von Jason Garner sprachen.
Er stand in der Mitte des Tennis-Courts, am anderen Ende der Halle, nur fünfzehn Meter von ihrem Volleyball-Training entfernt. Breite Schultern, eine muskulöse, männliche Erscheinung und eine Frisur wie ein Surfer. Sein Gesicht war wie das eines Models, einfach hübsch. Er schlug Bälle, als wollte er sie durch die Wand pfeffern. Jeder Aufschlag ein Donnerschlag. Jeder Schritt arrogant, selbstbewusst, als gehöre ihm der Platz. Und wahrscheinlich tat er das auch.
»Siehst du ihn?«, stupste Yasmin sie an, ihre dunklen Locken hüpften vor Aufregung und ihre dunklen Augen leuchteten frech. »Der Neue. Aus Florida. Angeblich hat er schon mit Serena Williams trainiert.«
Lena rollte mit den Augen. Sie hasste solchen Hype um eine Person. »Und ich hab mit der deutschen U-21 Nationalmannschaft gespielt. Na und?«
Doch dann drehte er sich um.
Grüne Augen. Ein symmetrisches Gesicht. Der schmale Mund, der sich sofort zu einem spöttischen Halbgrinsen verzog, als er bemerkte, dass sie ihn beobachtete.
»Großartig«, murmelte Lena und rollte die Augen. »Genau NICHT mein Typ.«
Yasmin kicherte. »Dominik wird begeistert sein. Der hat doch schon seit Wochen ein Auge auf dich.«
»Ich will nichts von ...«, fauchte Lena – doch dann ...
Ein Aufschlag. Zu hart. Der Ball prallte von der Wand ab, knallte gegen den Volleyball-Netzpfosten und schoss direkt auf Lenas Kopf zu.
Sie fing ihn instinktiv, die Handfläche brannte vom Aufprall. Was sie sich nicht anmerken ließ. Auf einmal war es mucksmäuschenstill in der Halle, kaum einer wagte zu atmen. Dann kam er.
»Sorry, Prinzessin.« Jason näherte sich, den Tennisschläger lässig über der Schulter. Er besaß eine anziehende Mischung aus aristokratischer Eleganz und abenteuerlustigem, fast schon Musketier-artigem Charme. Sein Gesicht war ausdrucksstark, schlank, oval mit hohen, markanten Wangenknochen. Seine mandelförmigen, grünen Augen musterten Lena interessiert. Er war ein gutes Stück größer als sie und athletischer, als die anderen Tennisspieler. »Wollte nur sehen, ob ihr Volleyballer auch was anderes fangen könnt, als eure Tränen, wenn ihr verliert.« Mit einem schelmischen Grinsen drehte er sich um und ging.
Lena spürte, wie ihr Nacken heiß wurde. Sie warf den Ball voller Wucht zurück – er wirbelte an Jasons Ohr vorbei und knallte gegen die Turnhallenwand.
»Wow.« Er pfiff bewundernd. »Vielleicht bist du doch kein kompletter Fehlgriff«, drehte er sich zu ihr um. Ihre Blicke trafen sich und man konnte die Blitze fliegen sehen.
»Versuch`s nicht noch mal«, fauchte Lena. »Sonst landest du an der Wand.«
Sein Grinsen wurde breiter. »Versprochen?«, zog er neckend die Augenbrauen hoch.
»Schau dir seine Schulterpartie an«, flüsterte Yasmin neben ihr, während sie ihren Volleyball fest umklammerte. »Als hätte Michelangelo ihn persönlich gemeißelt.«
Lena schnaubte. »Und sein Ego gleich mit dazu. Jetzt sag nur, du stehst auf ihn.«
»Was? Nein. Obwohl ... süß ist er ja schon. Aber nein, du weißt doch, dass ich nicht auf dunkelhaarige stehe«, grinste Yasmin und ihre Wangen nahmen einen tiefroten Ton an.
Lena beobachtete, wie Jason einen Aufschlag nach dem anderen mit brutaler Präzision in die gegenüberliegende Ecke hämmerte. Jeder Schlag ein Statement. Jeder Blick eine Herausforderung. Seine sportliche Leistung imponierte ihr, doch menschlich war er ein Arschloch.
Dann betrat Dominik Koschinzky die Halle.
Die Spannung war sofort greifbar. Dominik, ihr deutscher Mitschüler und seit Jahren bester Tennisspieler des Internats, stellte sich ohne ein Wort an die gegenüberliegende Grundlinie. Sein dunkler Blick sprach Bände. Hier wurde Territorium markiert.
»Wetten, dass es gleich knallt?«, kicherte Yasmin, doch Lena antwortete ihr nicht. Ihr Blick pendelte zwischen den beiden Spielern hin und her. Gefangen von der unausgesprochenen Rivalität, die den Raum elektrisierte.
Ein lautes Klatschen ertönte. Coach Bergmann, ein beeindruckender, massiger Mann stand zwischen den beiden. »Garner. Koschinzky. Showmatch. Best of three. Los geht`s!«
Das Match entwickelte sich zu einem Spektakel, das bald das gesamte Internat anlockte. Schüler drängten sich an den Türen, selbst die sonst so strenge Frau Hartwig und Herr Dr. Berger blieben stehen.
Lena lehnte am Netzpfosten, unfähig wegzusehen. Jason spielte mit einer ungestümen Kreativität, die Dominiks methodische Präzision ständig aus dem Konzept brachte. Doch bei jedem gewonnen Punkt warf Dominik einen Blick zu Lena – als suche er ihre Bestätigung. Das war es, was sie so nervte. Dass manche Jungs einfach dachten, nur weil sie mal »Hallo« zu ihm sagte, dass sie gleich ein Paar waren.
»30:40«, rief Coach Bergmann. »Matchball für Jason.«
Jasons Aufschlag prallte von Dominiks Schlägerrahmen ab und schoss, wie ein Geschoss auf Lena zu. Ohne zu zögern, fing sie den Ball mit einer Hand, ihr Handgelenk absorbierte den Aufprall mit einer Leichtigkeit, die selbst Jason verblüffte.
»Beeindruckend«, rief er über den Platz, sein Lächeln war blendend weiß gegen die sonnengebräunte Haut. »Vielleicht solltest zum Tennis wechseln?«
»Damit dir mal jemand zeigt, wie man richtig spielt?«, fauchte Lena ihn an und steckte sich demonstrativ den Tennisball in die Hosentasche.
Dominik war wie vom Donner gerührt. »Lass sie in Ruhe, Garner«, fauchte er, bevor Lena antwortete. »Entschuldige Lena. Ich wollte dich nicht treffen.«
Die Stille, die folgte, war dick genug, um einen Tennisschläger zu zerschneiden. Lena spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde – vor Wut oder etwas anderem, sie war sich nicht sicher.
»Interessant«, lehnte Jason sich auf seinen Schläger, sein Blick wanderte zwischen Dominik und Lena hin und her. »Da scheint ja mehr im Spiel zu sein als Tennis.«
In den darauffolgenden Wochen versuchte Lena sich auf sich selbst zu fokussieren. Was nicht ganz leicht war, denn ständig lief ihr Jason über den Weg und raubte ihr die Konzentration. Sie war in der Halle beim Training. Julia schmetterte auf der anderen Seite des Netzes den Ball so stark, dass der Ball von Lenas Unterarmen abprallte, direkt in Jasons Rücken. Der zufällig – oder auch nicht – am Spielfeld vorbeilief.
»Vorsicht, Prinzessin«, grinste er, ohne sich umzudrehen, und tätschelte die getroffene Stelle, als würde er Staub abklopfen. »Fast hätte ich gedacht, das war Absicht.«
Lena biss sich auf die Unterlippe, bis sie den Geschmack von Eisen spürte. Dreimal die Woche. Dreimal war das arrogante Tennis-Talent Jason Garner genau dann vorbeigelatscht, wenn sie am Netz sprang. Dreimal hatte er sie damit aus dem Rhythmus gebracht.
»Suchst du etwa Streit, Garner?«, rief sie, um ihre Unsicherheit zu überspielen. Sie hob einen neuen Ball aus dem Korb und betrachtete seine breiten Schultern unter dem T-Shirt. Sie spürte die Anziehungskraft, die von ihm ausging und hasste sich dafür, denn eigentlich konnte sie ihn nicht leiden. Ihre Teamkolleginnen hinter ihr kicherten.
Jason drehte sich endlich um, sein weißes Tennis-T-Shirt klebte an den Schultern. Die Sonne warf Streifen durch die Jalousien der Halle über sein scharfes Profil, ließ ihn noch betörender wirken. »Ich? Niemals.« Er täuschte einen Volleyball-Aufschlag an – lächerlich übertrieben – und ließ den Ball dann doch fallen. »Ich bin nur hier, um zu gewinnen. In allem.«
Sein Blick wanderte bewusst von ihren Turnschuhen nach oben. Ihre langen Beine, an den Knien die Schoner. Das kurze Höschen verdeckte nur das Nötigste und ließ sein Herz schneller schlagen. Bis zu ihren blauen Augen und den strohblonden langen Haaren. Sie war genau sein Typ, doch das würde er niemals zugeben. Ihre Blicke trafen sich. Ein Funke. Eine Herausforderung? Oder etwas anderes.
Lena fauchte ihn an: »Dann geh doch zurück zu deinem kleinen Einzelspiel.« Sie drehte sich demonstrativ um. »Manche von uns trainieren Mannschaftssport.«
Hinter ihr lachte Jason – ein tiefes, warmes Geräusch, das sie bis in die Zehenspitzen spürte. »Oh, Lena ...« Seine Stimme war plötzlich nah. Zu nah. »Du hast keine Ahnung, wie sehr ich darauf warte, dass du mitspielst.«
Dann war er weg, sein Duft noch in der Nase, doch ihr Herz schlug einen Salto. Was zum Teufel hieß das?
Nach dem Training verließ sie die Halle. Die Abendsonne tauchte den Court in goldenes Licht, als Lena am Zaun stehen blieb. Eigentlich wollte Sie nur ihre Wasserflasche füllen – eigentlich. Doch dann sah sie ihn.
Jason.
Sein Aufschlag war wie aus dem Lehrbuch: der perfekte Wurf, die explosive Drehung, der Knall, wenn der Ball aufschlug. Ein Hauch von Anstrengung lag auf seiner Stirn, sein sonst so spöttischer Mund war konzentriert zusammengepresst. Er war eine Augenweide, wenn er nicht redete.
Plötzlich, als spüre er ihren Blick, drehte er sich um. Ihre Augen trafen sich für eine Sekunde, die länger währte als nötig.
»Na? Beeindruckt?«, rief er und tätschelte sich theatralisch den Schläger. »Keine Sorge, ich unterschreibe dir später ein Autogramm.«
Der Zauber war gebrochen.
Lena rollte die Augen. »Versuch`s mal mit weiger Ego, Garner. Vielleicht fliegt der Ball dann weiter als zwei Meter.«
Jason lachte, dieses tiefe, unverschämte Lachen, das ihr unter die Haut ging. »Ach, Lena.« Er täuschte einen Aufschlag an. »Wenn du meine Reichweite kennen würdest ...«
Ein Tennisball flog knapp an ihrem Ohr vorbei. Absicht? Sicher. Lena hob ihn auf, presste die Finger ins Filz und warf ihn mit aller Kraft zurück. Direkt gegen seine verdammt gut sitzende Tennishose.
»Dein Autogramm kannst du dir selbst drauf schreiben«, rief sie, als er lachend zusammenzuckte.
Doch nachdem sie ging, spürte sie seinen Blick im Nacken. Heißer als die Abendsonne. Lena verließ die Tennis-Courts in Richtung Mädchentrakt. Sie bog um die Ecke, da packte eine Hand sie unsanft am Arm.
»Was willst du von ihm, Lena?« Dominiks Stimme war kein sanftes Flüstern, seine Finger brannten wie Feuer um ihren Oberarm. »Der Typ ist nicht gut für dich.«
Sie riss sich los, sein eisblauer Blick durchbohrte sie. Dominik Koschinzky – der stille, perfektionistische Rivale Jasons – stand da. Hatte er auf sie gewartet? Sein sonst so akkurates blondes Haar war zerzaust. Hatte er sich selbst daran gerissen? Lena verstand ihn einfach nicht. In all den Jahren hatte er sich nie eingemischt. Warum jetzt? Warum bei Jason?
»Es geht dich nichts an, mit wem ich rede«, fauchte Lena zurück und rieb sich den schmerzenden Arm.
Dominik lachte hohl. »Ach nein? Und wenn er dir nur wehtut? Wie allen anderen auch?« Er trat näher, sein Atem roch nach Minzkaugummi und Wut. »Weißt du überhaupt, warum er wirklich hier ist? Sein Vater hat ihn weggeschickt, weil er ...«
»Dominik!« Lenas Stimme schnitt durch seine Worte wie ein Schlag. »Hör auf.« Sie kannte die Gerüchte. Jasons »Skandal« in Florida. Die suspekte Sperre. Aber das hier ... das war anders.
Schlagartig flog die Tür zum Tennisplatz auf. Jason stand im Rahmen, sein Schatten fiel lang über den Asphalt. »Alles klar hier?« Seine Stimme war ruhig. Zu ruhig.
Dominik zuckte zurück, als hätte er einen elektrischen Schlag bekommen. »Perfekt.« Er warf Lena einen letzten Blick zu, bevor er verschwand.
Jason wartete, bis seine Schritte verhallt waren. Dann hob er einen verlorenen Tennisball auf und rollte ihn langsam zwischen seinen Fingern. »Er hat unrecht, weißt du.«
»Womit?«
Ein Lächeln erschien auf seinen Lippen. Nicht spöttisch. Nicht arrogant. Einfach nur ehrlich. »Ich bin sehr gut für dich.«
»Wow, dein Ego rennt dir echt vorweg«, schüttelte Lena mit ihrem Kopf und ließ ihn schmunzelnd stehen. Sie fand es süß, wie er sich um sie bemühte, doch würde sie ihn noch eine Weile zappeln lassen. Denn wenn er wirklich was von ihr wollen würde, dann würde er weiter um sie buhlen. Und das tat er, Tag um Tag.
Eine Woche später, flog die Abschlussklasse für einen Tag nach Spanien. Die Sonne brannte auf die Plaza Mayor, die Gruppe des Sportinternats schlängelte sich langsam mit dem Guide durch die Menschenmengen. Der dreistündige Flug ging bereits um 5 Uhr morgens, das hieß, dass sie schon um 2 Uhr nachts am Flughafen waren. Jetzt stand eine historische Stadtführung auf dem Plan und danach war ein bisschen Zeit zum Shoppen, bevor es wieder zurückging.
Lena warf einen Blick auf Jason, der ein paar Schritte hinter ihr lief, die Hände in den Taschen, die Baseballkappe tief ins Gesicht gezogen. In dem Moment wo Yasmin und ihre Freundinnen mit einem Spanier flirteten, nutze Lena die Gelegenheit und neckte Jason. »Langweilt dich die Stadt der Könige, Garner?«
Er sah sie an und zog eine Augenbraue hoch. »Könige interessieren mich nicht. Aber du...« Sein Blick wanderte über sie. »Dich finde ich interessant.«
»Wieso das?«, lachte Lena verunsichert.
»Weil du die Einzige hier bist, die nicht versucht, mir was vorzumachen.«
Madrid brodelte um sie herum, aber hoch oben auf der Aussichtsterrasse des Templo de Debod, fernab des Trubels der Schulklasse, war es, als stünden sie in ihrer eigenen kleinen Welt. Jason lehnte sich gegen die steinerne Balustrade und beobachtete sie, wie sie über die Skyline staunte.
»Du starrst«, sagte Lena, ohne ihn anzusehen, ein kleines wissenden Lächeln umspielte ihre Lippen.
»Ich kann’s nicht lassen. Du siehst aus...«, er brach ab, schüttelte den Kopf. »... so wunderschön. So symmetrisch und hamonisch, wie eine griechische Göttin.« Er mochte es sie stundenlang zu betrachten. Ihre Ausstrahlung war elegant und gleichzeitig kraftvoll. Die Wangenknochen waren sehr hoch, breit und traten stark hervor. Die Nase war schmal und gerade, einfach perfekt proportioniert und ihre vollen Lippen bildeten einen weichen Kontrast zu den harten, skulpturalen Linien ihrer Wangen- und Kieferpartie. Sie war eine Meisterleistung der Natur, bei der sich alle widersprechende Elemente in perfekter Harmonie zusammenfanden. Sie hatte ein Gesicht, das man so leicht nicht vergaß.
Jetzt wandte sie sich ihm zu, ihre blauen Augen suchten seine. »Und du, Jason, der Tennis-Wunderknabe, der mich seit einem halben Jahr nur mit Sticheleien und genervtem Augenrollen bedenkt ... bringst mich an den ältesten Stein Madrids, um mir Komplimente zu machen? Was ist hier los?«
Da war es. Der Moment, auf den er wochenlang hingearbeitet hatte. Er atmete tief durch, die Luft roch nach Geschichte und trockenem Sommer.
Sein Herz hämmerte gegen die Rippen, lauter als je zuvor bei einem Matchball. »Kann ich dich was fragen?«
»Klar.« Sie lächelte vorsichtig.
»Ich finde dich ... unglaublich interessant«, presste er heraus. Die Worte kamen rau und ungetrübt über seine Lippen. Er ging das Risiko ein.
Lena lachte, kurz und verunsichert. »Wieso das?« Ihre Augen suchten flüchtig die Umgebung ab, alle Mitschüler waren mit Selfies und der Aussicht beschäftigt. »Wir haben doch nie wirklich geredet.«
»Genau deswegen«, sagte er, uns seine Stimme wurde fester. »Du versuchst niemanden zu beeindrucken. Du bist einfach ... du.«
Ihr Lächeln erstarb. Überrascht, vielleicht sogar ein Funke von etwas anderem, glitt ihr übers Gesicht. In dem Moment griff seine Hand nach ihrer. Seine Finger schlossen sich um ihr Handgelenk, fest, aber nicht grob. Es war keine Bitte, es war eine Entscheidung.
»Komm mit«, meinte er, mehr wie ein Atemzug als ein Befehl.
Ohne auf eine Antwort zu warten, zog er sie sanft, aber bestimmt von der Gruppe weg, in den Schatten einer schmalen, von der Sonne verlassenen Gasse, die sich zwischen zwei hohen Backsteingebäuden weg schlängelte. Das laute Stimmengewirr der Klasse verstummte schlagartig, ersetzt durch das Echo ihrer eigenen Schritte auf dem Kopfsteinpflaster. Hier, zwischen den hohen, verwitterten Mauern, war die Welt auf sie beide geschrumpft. Die Luft roch kühl nach feuchtem Stein und Geheimnissen.
»Was machst du da?«, fragte Lena, aber ihre Stimme war widerstandslos. Sie ließ sich von ihm weiter in die Schatten der Gasse führen, bis sie in einer kleinen Nische standen, versteckt vor den Blicken der anderen.
Jason ließ ihre Hand los, nur um beide Hände an die kühle Mauer hinter ihr zu stützen. Er schloss sie nicht ein, sondern schuf einen privaten Raum. Sein Blick war intensiv auf sie gerichtet, die Anspannung des Wettkampfs in seinen Augen, aber weicher, verwundbarere.
»Ich finde dich nicht nur interessant, Lena«, flüsterte er. Sein Gesicht war noch einen Atemzug von ihrem entfernt. »Ich finde dich atemberaubend. Und ich wollte dir das sagen, wo uns niemand hören kann.«
»Und ich dachte immer, du kannst mich nicht leiden«, flüsterte sie eher zu sich selbst, als zu ihm.
Das Geständnis traf Jason wie ein unerwarteter Volles, der ihm fast den Atem raubte. Ein Lächeln huschte über seine Lippen.
»Nicht leiden können?«, wiederholte er leise, den kopf leicht schüttelnd. »Lena ... ich war nur immer zu nervös, um normal mit dir zu reden.«
Er ließ eine Hand von der Mauer sinken und berührte sanft ihr Handgelenk, wo ihr Puls wild pochte.
»Jedes Mal, wenn du am Court vorbeigelaufen bist, habe ich mein Spiel unterbrochen. Einmal habe ich deswegen sogar einen Aufschlag total verhauen«, gestand er ihr peinlich berührt.
Lena lehnte mit dem Rücken an der kühlen Mauer, eingefasst von Jasons Armen. Sein Geständnis hing zwischen ihnen. Ein langer Moment verging, in dem nur ihr gemeinsamer Atem zu hören war. Dann legte Lena langsam ihre Hand auf seine Brust, nicht um ihn wegzudrücken, sondern um den rasenden Herzschlag unter seinem dünnen T-Shirt zu spüren. Er zuckte unter ihrer Berührung zusammen. Sie sah ihm tief in die Augen.
»Eine Frage«, sagte Jason, durchbrach er die Stille zwischen ihnen. »Warum spielst du Volleyball?«
Lena zwinkerte einige Male, um sich zu fangen. »Weil ich fliegen will. Beim Sprung ... fühle ich mich frei.« Sie mustert ihn. »Und du? Warum spielst du Tennis?«
»Weil ich ein Garner bin.« Er lächelt traurig. »Es wurde mir sozusagen in die Wiege gelegt, da hatte ich keine Alternative.«
Lena saht ihm tief in die Augen. »Wir sollten zu den anderen zurück.«
Dann nahm er ihre Hand, dieses Mal richtig. »Na komm. Bevor sie uns für entführt erklären.«
Auf dem großen Platz sahen sie sich nach der Schulklasse um. Er hielt ihre Hand. Dann zog er Lena in eine Richtung.
»Hast du sie entdeckt?«, fragte sie und sah ihn fragend an. Schließlich war er ein gutes Stück größer als sie und hatte einen besseren Überblick über die Menschmenge.
»Ja, da vorne sind sie. Bei der Kathedrale«, meinte Jason und hielt weiter ihre Hand. Seine Finger spreizten die ihren. »Ich möchte das wirklich mit uns, Lena. Ernsthaft! Kein Spiel.«
»Kommt ihr? Nicht den Anschluss verlieren!«, rief auf einmal Frau Schneider, die Lehrerin, ihnen zu und wirkte genervt.
»Wir kommen schon!«, erwiderte Jason und alle Köpfe drehten sich zu ihnen um.
Lenas Herz schlug ihr bis zum Hals hinauf, denn alle sahen, dass sie sich an der Hand hielten. Doch wenn sie ihre jetzt wegziehen würde, würde es noch den Letzten auffallen. Daher sah sie auf den Boden vor ihren Füßen und ignorierte die bohrenden Blicke.
»Tut mir leid.« Jason stand mit gesenktem Kopf vor Lena, vergrub die Hände in die Taschen. Die spanische Sonne brannte auf seiner Haut und die Gruppe war schon in der Kathedrale verschwunden. »Es war nicht fair von mir, dich so vor allen bloßzustellen.«
Lena war noch immer verwirrt von seiner plötzlichen Nähe und jetzt seiner Reue. Sie musterte ihn. »Warum hast du es dann getan?«
»Weil ich dachte, es würde mich stärker aussehen lassen.« Er biss sich auf die Unterlippe. »Stattdessen war ich einfach nur ein Arsch.«
Ein Lächeln stahl sich auf Lenas Gesicht. »Das warst du nicht. Ich fand es schön, deine Hand zu halten.« Mit diesen Worten ließ sie ihn stehen und betrat die Kirche.
Drinnen war es kühl, dunkel und erfüllt von dem Geruch von Weihrauch und Stein. Die Gruppe war am Altar und bestaunte den ganzen Prunk, ihre Stimmen hallten leise von den Gewölben wider. Einige drehten sich tuschelnd zu ihnen um. Lena blieb stehen, griff nach einer dünnen, weißen Kerze, steckte ein paar Münzen in den Schlitz daneben und zündete sie mit einer bereits brennenden Kerze an. Die kleine Flamme spiegelte sich in ihren Augen, als sie diese behutsam zwischen die anderen Kerzen stellte. Für einen Moment war sie in ihrer eigenen Welt versunken, ihr Gesicht entspannt und nachdenklich. Sie spürte unvermittelt seine Wärme hinter sich. Er berührte sie nicht, aber sie konnte die Anspannung seines Körpers fühlen, als stünde er direkt in Abwehrhaltung am Netz.
Sein Atem streifte ihren Nacken, als er leise sagte: »Ich hasse solche Orte. Sie erinnern mich an Beerdigungen.«
Lena drehte sich nicht um. »Warum bist du dann hier rein gekommen?«, fragte sie ihn andächtig und leise.
»Weil du hier bist.« Stand er hinter ihr, die Hände in den Tassen seiner kurzen Hose vergraben.
Im Halbdunkel warfen ihre Schatten einen einzigen, verschmolzenen Umriss an die uralte Mauer. Hinter einer mächtigen Säule, stand Lenas Cousine, die Arme verschränkt vor der Brust. Ihr Blick war nicht auf die atemberaubende Architektur gerichtet, sondern unvermittelt auf Lena. Ihre Augen waren schmal und wachsam und musterten Jason mit einer Feindseligkeit, die einen frösteln lies. Es war eine stumme Warnung, so klar und deutlich, als hätte sie sie in Stein gemeißelt.
»Lena.« Seine Stimme war kaum mehr als ein Hauch. »Ich will nicht fair sein. Ich will echt sein.«
Lena schloss die Augen. »Dann sei echt.«
»Ich habe Angst.« Das Geständnis kam rau und unerwartet. »Angst, dass du irgendwann merkst, dass ich nur aus Fehlern und schlechten Angewohnheiten bestehe.«
Lena drehte sich endlich zu ihm um. Sein Gesicht war im Dämmerlicht nur schemenhaft zu erkennen, aber seine Augen funkelten im Licht er Kerzen.
»Jason.« Sie legte eine Hand auf sein Herz. »Ich habe Angst vor Spinnen, vor Klausuren und davor, mich schlimm zu verletzen. Du... du bist keine meiner Ängste.«
Er deckte ihre Hand mit seiner und zum ersten Mal, seit sie sich kannten, zitterten seine Finger.
Nach einem langen Seufzer, riss er sich los. »Wir sollten zur Gruppe.«
Aber als sie gingen, blieb seine Wärme wie ein Versprechen auf ihrer Haut. Auf dem Rückweg zum Flughafen war es recht still im Bus. Lena und Yasmin schwiegen sich an. Sie waren geschafft, vom langen Tag und den vielen Kilometern, die sie zu Fuß zurückgelegt hatten.
In der Reihenfolge, wie sie das Flugzeug betraten, wurden sie von den Lehrern auf die Plätze verwiesen. Und so saß Lena neben Jason in der ersten Reihe. Hier war es stiller, aber die Nähe zu Lena fühlte sich für Jason an wie eine ungewohnte Herausforderung. Die Worte in der Kathedrale hingen zwischen ihnen, unsichtbar und doch spürbar wie die dünne Höhenluft.
Lena verkrampft sich in ihrem Sitz, die Hände im Schoß gefaltet, der Blick stur nach vorn gerichtet. »Tut mir leid. Frau Schneider hat mir angewiesen mich hier her zu setzen.«
Jason, statt eine schlaue Antwort zu geben, lehnte sich zurück und schloss die Augen. »Ist schon gut, Krüger. Ich beiße nicht.« Doch als die Maschine abhob, öffnete er sie wieder und sah, wie sie die Zähne zusammenbiss. »Angst vorm Fliegen?«, fragte er leise.
»Angst vor der Landung«, gab sie zu, ohne ihn anzusehen. Später, über den Wolken, entspannte sich Lena und ihr Körper gab der Müdigkeit nach. Ihre Augen fielen zu und ihr Kopf sackte zur Seite, fand sanft Halt an seiner Schulter.
Jason erstarrte, dann lockerte er seine Haltung, um ihr mehr Platz zu bieten. Er roch ihr Shampoo, spürte die Wärme ihrer Schläfe durch sein dünnes Baumwollshirt. Und langsam, sehr langsam, ließ auch er die Anspannung fallen. Er sah ihr beim Schlafen zu.
»Lena.« Seine Stimme weckte sie sanft, als die Räder den Boden berührten und das Flugzeug langsam zum Gate rollte. »Wir sind gelandet.«
Sie fuhr hoch, ihre Wangen gerötet, und wischte sich schnell über den Mund. »Oh Gott! Tut mir leid! Ich habe dein Shirt nicht vollgesabert, oder?«
Jason lächelte, ein echtes, warmes Lächeln, dass seine Augen mit einbezog. »Nur ein bisschen. Aber alles gut.«
Dann, wie so die Stewardess schon die Türen öffnete, streifte seine Hand ganz kurz ihre.
»Und... Landung war doch okay, oder?«
Lena nickte, noch immer etwas verschlafen, aber lächelnd. »Ja. War sie. Die beste, die ich bisher erlebt habe.«
Die Flure des Internats waren voller Leben, Gelächter, rasende Schritte, das Klappern von Sporttaschen. Doch zwischen Lena und Jason schien die Zeit stillzustehen.
Sie begegneten sich vor der Cafeteria, ein kurzer, intensiver Blick, dann ging jeder weiter. Doch als Lena an ihm vorbeischlüpfte, spürte sie seine Finger an ihrer Hand und etwas Kleines, Festes landete in ihrer Handfläche. – Ein Tennisball – Ihr Herz machte einen Satz.
Erst in der Sicherheit ihres Spinds öffnete sie die Hand. Auf den gelben Filz hatte er mit schwarzem Stift geschrieben:
»22:00 Uhr. See!«
Keine Unterschrift. Kein weiterer Kommentar. Nur der Ort, die Zeit und das Ausrufezeichen, dass sich anfühlte wie sein fordernder, aber hoffnungsvoller Blick von eben.
Lena drückte den Ball an ihr Herz, als könne sie die Worte direkt in ihren Blutkreislauf aufnehmen.
Der Rest des Tages verwandelte sich in ein einziges Warten. Beim Volleyball-Training warf Lena einen Blick zur Tennisabteilung und sah ihn, wie er konzentriert Aufschläge trainierte, als wäre nichts gewesen. Doch dann, nur für eine Sekunde, trafen sich ihre Blicke und er nickte fast unmerklich.
Pünktlich auf die Minute schlich sich Lena aus dem Gebäude. Die Nacht war warm, der See spiegelte die silbernen Mondstrahlen wider, und das leise Plätschern des Wassers mischte sich mit dem Zirpen der Grillen. Lena war mit klopfendem Herzen auf dem Weg zum See. Sie hatte Ihrer Zimmergenossin und Cousine, Yasmin gesagt, dass sie noch etwas joggen ging. Eine Notlüge, die ihr erlaubte allein zu sein. Denn Yasmin hasste joggen.
Am See fand sie Jason am alten Bootssteg. Er saß dort, seine nackten Füße baumelten im kühlen Wasser, ein halbleeres Bier in der Hand.
»Hey. Hier bin ich, wie du es wolltest«, sagte sie und setzte sich neben ihn. Sein betörender Duft seines Parfüms stieg ihr in die Nase. Er roch gut. Hatte er das nur für sie drauf? Denn wenn sie sich sonst begegnet waren, roch er nicht so aufregend.
Jason zuckte mit den Schultern. »Ganz offensichtlich.« Er nahm einen Schluck.
»Ich kann auch wieder gehen«, fauchte Lena auf seine Reaktion. Warum sollte sie hier her kommen, wenn er so abwertend war?
»Nein. Bitte bleib«, flehte er mit samtweicher Stimme.
»Warum?«
Jason seufzte: »Warum braucht ihr Frauen immer für alles einen Grund?«
Lena sah ihn an, doch sein Blick war starr auf das Wasser gerichtet. »Weil wir mit dem Herzen denken. Also, was soll ich hier?«
»Ich hätte gern etwas Gesellschaft«, griff er neben sich und reichte Lena ein Bier.
»Hast du keine Freunde?«, nahm sie dennoch die freundliche Geste von ihm an.
»Doch aber nicht so hübsche«, meinte er trocken und Lena verschluckte sich halb an ihrem Bier.
»Ich werde nicht schlau aus dir, Garner.« Lena setzte sich im Schneidersitz und drehte sich zu ihm. Sie betrachtete sein wunderschönes Profil. »Ich soll herkommen, doch du stößt mich weg. Dann bringst du mir ein Bier mit und sagst, ich bin hübsch und dann bist du wieder kalt und unnahbar. Also? Was ist das für ein Spiel? Teilst du mir auch die Spielregeln mir?«
Endlich sah er sie mit seinen grünen Augen an. Ein sanfter weicher Blick. »Es wird eine Menge Scheiß über mich erzählt. Ich will nicht, dass du ein falsches Bild von mir hast.«
Lena leerte die halbe Flasche mit einem Mal. Er machte sie nervös und darum trank sie. Sie konnte ihn einfach nicht einschätzen. »Ein falsches Bild?«, lachte sie sarkastisch.
Wohl etwas zu sehr. Denn Jason stand auf und fauchte sie an. »Ja schon klar. Steckt mich nur alle in eine Schublade! Ist ja scheißegal ob ihr denjenigen verletzt damit.«
Lena stand ebenfalls auf. »So war das nicht gemeint.«
»Nein? Wie dann?«, fauchte er. Ein Windstoß. Eine Entscheidung. Mit einer flüssigen Bewegung zog Jason sein T-Shirt aus. Darunter kam ein sehr definierter Körper zum Vorschein. Lena zog hörbar die Luft ein.
Im Mondlicht sah sie es deutlich. Eine lange, gezackte Narbe über seiner rechten Rippe. Frisch verheilt. Und eine Handvoll weiterer Narben.
»Hier daneben ist noch Platz. Ramm mir doch auch ein Messer rein. Ich kann das ab«, schrie er Lena an und zeigte auf seine Narbe.
Erst als Lenas Finger zärtlich über die Narbe strichen, beruhigte er sich und schnappte nach Luft. »Was ist passiert?«, fragte sie mit sanfter Stimme.
»Mein Vater hat mich nicht weggeschickt«, flüsterte er. »Ich bin geflohen.« Seine Finger berührten sanft Lena ihre, die noch immer die Narbe berührten. »Nachdem ich im Streit seinen Lieblingspokal heruntergeworfen habe...«
Lena erstarrte. Das war kein Unfall. Die Narbe war zu gerade. Zu absichtlich. »Dein Vater hat dir das angetan?«, ihre Stimme brach, geschockt sah sie zu ihm auf.
Jason lächelte traurig. »Nur ein Warnschuss.« Er hielt ihren Blick stand. Ihre zärtliche, warme Hand tat ihm gut.
»Wie bitte?« Lena war entsetzt das zu hören.
Jason sah sie weiter an, dabei sprach er leise weiter. »Mein alter Herr hat gerne seine Fäuste sprechen lassen, wenn ich nicht die Leistung brachte, die er sehen wollte. Er wollte mir damit ein Denkzettel verpassen.« Er zog sich das Shirt wieder über. »Deshalb die Provokationen. Wenn alle denken, ich bin ein Arsch, fragt keiner nach den Narben.«
Plötzlich verstand sie. Seine Sprüche. Seine Maske. Seine Angst. Lena nahm seine Hand und er wich nicht zurück.
Das Wasser plätscherte leise gegen die Holzpfähle. »Weißt du, eigentlich dürfen wir jetzt gar nicht hier sein«, flüsterte Lena, warf ihm aber gleichzeitig ein verschmitztes Lächeln zu.
Jason zuckte mit den Schultern und nahm einen Schluck. »Regeln sind dazu da, um gebrochen zu werden. Oder?« Sein Blick traf ihren, intensiv und ein bisschen verwegen.
Lena spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Sie hatten sich schon oft neben der Schule gesehen, sich neckische Kommentare zugerufen, aber heute war es anders. Heute war es, nur sie zwei. Und das kribbelnde Gefühl von etwas Verbotenem.
Seine Augen verengten sich. »Lena, ich muss dir was sagen.« Seine Stimme war ungewohnt ernst.
Sie hob die Augenbraue. »Okay?!«
»Ich mag dich.« Die Worte kamen einfach so heraus, direkt und ehrlich. »Nicht nur als Freundin oder so. Ich meine ... ich steh total auf dich.«
Lena erstarrte einen Moment. Die Wärme des Biers, die kühle Nachtluft, sein Blick, alles verschwamm. Dann lächelte sie langsam. »Tja ... Glück für dich. Ich mag dich irgendwie auch, Garner.«
»Ich wusste nicht, wie ich es dir zeigen sollte, ohne dass es der ganze Campus weiß«, gestand er ihr und legte seine Hände an ihre Wangen. Sein Daumen streichelte sie sanft und ließ sie innehalten. Dann beugte er sich zu ihr herab. Ich Herz setzte für einen Schlag lang aus.
»Hey, wer ist da? Es ist Ausgangssperre«, ertönte eine Stimme in der Ferne.
Lenas Augen weiteten sich. »Mist, das ist Hausmeister Keller!«
Jason hauchte ihr zärtlich einen Kuss auf die Stirn, dann packte er ihre Hand. »Lauf!«
Und so flüchteten sie lachend in die Nacht. Die Hände ineinander verschlungen, derweil hinter ihnen die Taschenlampe des Hausmeisters wild durch die Dunkelheit zuckte. Da sie fitter waren, hängten sie ihn recht schnell ab.
Die Lichter des Mädchenhauses warfen lange Schatten auf den Kiesweg. Jason und Lena hielten keuchend an. Sie hatten es geschafft, bevor Hausmeister Keller sie am See entdeckte. Jetzt standen sie im schwachen Schein der Laterne. Ihre Hände noch immer ineinander verschlungen. Die Gesichter von Aufregung und heimlicher Freude gerötet.
»Das war knapp«, kicherte Lena und biss sich auf die Unterlippe. Ihre Augen funkelten im Dunkeln.
Jason grinste, strich sich eine dunkle Strähne aus der Stirn. »Das war`s wert.« Seine Finger zögerten, als er ihre Hand losließ. »Also ... hast du Lust morgen früh mit mir zu trainieren? Vor dem Frühtraining. Nur du und ich.«
»Morgen«, bestätigte Lena und warf einen Blick zur Tür. »Fünf Uhr dreißig im Fitnessraum?«
»Ich bringe uns Kaffee mit«, flüsterte er schmunzelnd.
»Süß und blond!«
»Ich weiß doch, wie du ihn magst«, schmunzelte Jason, denn er hatte ihr oft genug unauffällig über die Schulter geschaut, wenn sie sich ihren Kaffee am Morgen holte. Sein Lächeln war so vertraut, als hätten sie sich schon immer heimlich getroffen.
Lena spürte ein Kribbeln im Bauch. »Dann bis morgen, Garner. Gute Nacht.«
»Gute Nacht, Prinzessin.«
Einen Moment lang standen sie einfach da, als wollten sie den Augenblick festhalten. Sie sah ihn an, ihre Augen weit aufgerissen in der Dunkelheit. Er beugte sich zu ihr runter. Seine Hand glitt von ihrem Arm zu ihrer Wange, so zärtlich. Seine Finger waren rau vom Tennisgriff, doch seine Berührung war unendlich sanft.
Alles in ihr schien still zu stehen. Der Wind in den Blättern, der eigene Herzschlag, alles wurde übertönt von der schieren Nähe zu ihm. Sie schloss die Augen, als sich sein Gesicht ihrem näherte.
Dann berührten seine Lippen die ihren. Es war zart, suchend, eine Frage und eine Antwort in einem. Ein erstes, vorsichtiges Erkunden. Seine Lippen waren weich und warm, und sie schmeckten nach der Aufregung und der kühlen Nachtluft. Eine Wärme breitete sich in ihrer Brust aus, so intensiv, dass sie das Gefühl hatte, zu schweben.
Er zog sich langsam zurück, nur ein Hauch, seine Stirn ruhte gegen ihre. Ihr Atem vermischte sich.
