Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Die Sehnsucht nach Reinheit ist tief in uns verankert - nach einem Leben ohne Makel, ohne Fehler, ohne Schuld. Doch dieses Ideal hat eine dunkle Seite: Wo Reinheit und erst recht "Lupenreinheit" zum obersten Gebot werden, entstehen Ausgrenzung, Zwang und Spaltung. Das Reine verschafft sich Identität, indem es das "Unreine" ausschließt - sei es in bestimmten religiösen Ritualen, die den Unreinen den Zugang verwehren, oder in politischen "Säuberungen", die Andersdenkende als Feinde brandmarken. Der Autor begibt sich auf eine Expedition ins Reich dieser Reinheitsfantasien und zeigt: Das "Unreine" - das Fehlerhafte, Widersprüchliche und Unfertige - kann auch Quelle von Lebendigkeit und Tiefe sein. Rainer Schulz findet Belege in der Kunst, die im Versehrten neue Schönheit entdeckt, in der Literatur, deren unvollkommene Helden uns ans Herz wachsen, und in der Weisheit, dass oft gerade im Eingeständnis eigener Brüche, Humor, Toleranz, und echte Gemeinschaft entstehen. Ein befreiendes Plädoyer, das Unvollkommene als einen zutiefst menschlichen Wesenszug zu verstehen und zu schätzen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 154
Veröffentlichungsjahr: 2026
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Der AutorRainer Schulz, geboren 1954, Dr. theol., war evang. Gemeindepfarrer in Bayern und Chile (Punta Arenas, 1986–1995). Für seinen Einsatz für Frieden und Gewissensfreiheit in Chile erhielt er die Friedensmedaille der römisch-katholischen Kirche. Er promovierte an der AHS Neuendettelsau mit einer Dissertation über den biblischen Märtyrer Stephanus. Eine mehrbändige NS-Dokumentation „Die Partei ruft“ wurde von der Evang.-Luth. Kirche in Bayern im November 2024 mit dem Wilhelm-Freiherr-von-Pechmann-Preis gewürdigt.
Vorweg gesagt
I Die Sehnsucht nach Reinheit
Zum Einstieg: Der „lupenreine Demokrat“
Weit zurückgeschaut: Reinheits-Utopien
Reinigung: Symbole, Rituale, Utopien
Reinheit in indigenen, polytheistischen und ostasiatischen
Kulturen
Doppeldeutigkeit und Schatten
Die Doppelbewegung von Rein und Unrein
Psychologie der Reinheit
Die Magie der Unschuld
Kontrolle, Sicherheit und Zugehörigkeit
Abschirmung und Projektion
Die dunkle Seite: Zwang und Ausgrenzung
II Reinheitsprojekte
Supermoral – eine Versuchung
„Bio“-Paradiese – die ideale Welt
Das Reinheitsnarrativ - Verortungen
… der werfe den ersten Stein
Der Sündenbock
Historische Lektionen
Utopien – ihre Träume und ihre Opfer
Diktaturen und Autokratien
Scheitern als Chance
III Die Patina des Lebens
Individualität und Tiefe
Musik
Geschriebenes
Bildende Kunst
Toleranz als Überlebensprinzip
Intoleranz zerstört
Toleranz
IV Errare humanum est
Irren ist menschlich, aber verharre nicht darin
Liebeslieder – vom Wert der Unvollkommenheit
Kinderbücher
(1) Zum Beispiel: Erich Kästner
(2) Zum Beispiel: Astrid Lindgren
Zu guter Letzt
Es gibt Dinge, die gibt es gar nicht. Und doch suchen Menschen genau danach – beharrlich, bisweilen verzweifelt, oft mit irritierender Konsequenz. Zu diesen Dingen gehört der Versuch, ganz und gar unzweifelhaft und ohne Makel zu sein. Perfekt. Eine lupenreine Existenz.
Doch Wörter wie „lupenrein“ sind grundsätzlich verdächtig, vor allem, wenn es dabei um Menschen geht. Das Ergebnis ist meist entweder Schwarz oder Weiß, entweder Wert oder Makel, entweder rein oder verworfen – also falsch. Denn ein solch starres Gegenüber von Entweder-Oder gibt es nicht in der Wirklichkeit, sondern allenfalls in unseren Köpfen.
Dieses Buch ist eine Expedition ins Reich solcher Ideal- und Moral-Fantasien. Es ist zugleich ein Plädoyer für das Staunen über das Menschliche. Ich lade dazu ein, sich auf eine Spurensuche zu begeben, auch im eigenen Leben: Da ist die Sehnsucht, vor anderen korrekt, tadellos und sauber zu stehen und dafür bewundernde Anerkennung zu erfahren – und zugleich die Erfahrung des großen, manchmal komischen, manchmal schmerzhaften Scheiterns an eben diesem Ideal.
Altbekannte Erfahrungen werden sich zu Wort melden, unter ihnen die kindliche Freude an der Pfütze, in die hinein zu hüpfen den Kleinen einen Riesenspaß beschert, egal, wie „schmutzig“ sie am Ende dabei herauskommen.
Es wird sich zeigen, dass gerade die Risse in der Fassade des Lebens kein Makel und kein Unglück bedeuten müssen, und dass es so etwas gibt wie den Trost der Patina.
Ich selbst bin in keiner Weise ein Spezialist für makelloses Dasein. Vielleicht sind wir darin Verbündete? Während ich dies in den Computer tippe, ist mein Schreibtisch nicht gerade leer, sind meine Brillengläser mal wieder reinigungsbedürftig, liegt das vor Wochen benutzte Taschenmesser noch immer unaufgeräumt neben einem (Gottlob immerhin nur kleinen) Packen schon ewig unbearbeiteter Papiere herum. Echte Ordnung, Klarheit, Sauberkeit, Perfektion, Aufgeräumtheit geht anders …
Dabei war mein reichlich penibler Vater – so viel Ehrlichkeit muss sein, bei allem Respekt – stets und streng darum bemüht gewesen, uns Kindern „Ordnung“ und „Disziplin“ beizubringen. Ordnung sei „das halbe Leben“, predigte er oft – zum Glück nur das halbe! dachte ich später gerne. Ab und an rief er die Kinder ins abendliche Wohnzimmer zum Appell: Kontrolle von Schulranzen, Heften, gespitzten Stiften und sauberen Fingernägeln. „Wie aus der Pistole geschossen“ hatte ich dann auch die eine oder andere Rechenaufgabe zu lösen: „siebenmalachtistsechsundfünfzig!!!“ – bis heute weiß ich nicht, wofür dieses Kopfrechnen gut sein sollte. „Mit dem Hut in der Hand kommt man durchs ganze Land“ – auch das war einer seiner Lieblingssprüche, um uns unbedingte Höflichkeit beizubringen – Verbeugung bei Jungs und Knicks bei Mädchen waren seinerzeit ohnehin noch Selbstverständlichkeiten –, ebenso „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“. Sonntagmorgens nach acht Uhr noch im Bett zu liegen, galt ihm als verkommen. Bei Tisch redeten meist nur die Erwachsenen, die Kinder allenfalls, wenn sie gefragt wurden. Man hatte am besten still zu sein und sich zu beherrschen, oder je nachdem auch sich „zusammenzureißen“, zu gehorchen, seine „Pflicht“ zu tun. „Lügen haben kurze Beine“, war eine laufende Mahnung, und ordentlich gekämmt hatte man zu sein mit geradem Scheitel, die Schuhe blank, das Hemd bis zum obersten Knopf geschlossen. Letzteres ging so lange, bis eines Tages eine Klassenkameradin vorpreschte und mit raschem Griff diesen obersten Knopf öffnete. Und so blieb es. Ich danke dir, Martina.
Manche meiner Lehrerinnen und Lehrer in der Grundschule vertraten seltsame Auffassungen. Prügelstrafe mit dem Rohrstock oder 20 Minuten in der Klassenzimmerecke mit zur Wand gerichtetem Gesicht stehen waren an der Tagesordnung.
Als in den 1960er Jahren die ersten „Blumenkinder“ auftauchten, warnte mein Vater uns vor dem „Abschaum“ der Hippies, während eine Lehrerin pauschal alle Studenten diskriminierte, die statt zu studieren angeblich immer nur „demonstrierten“. Immerhin lernte ich auf diese Weise schon in Kinderjahren ein höchst interessantes „Fremdwort“ kennen: demonstrieren.
Aber all die Strenge nützte wenig. Ich verkroch mich intuitiv in spannende Kinderbücher – darunter Erich Kästner1 und Otfried Preußler2 –, oder ich entrückte mich ins Musizieren, mal mit der Blockflöte, mal mit der bayerischen „Maultrommel“. Später wurde daraus das Orgelspielen.
Als Grundschüler bummelte ich gerne heim, vor mich hinträumend, langsam, sehr langsam, sah den Vögeln am Himmel nach, vermutete märchenhafte Zwerge, Feen und Geister hinter Büschen und Bäumen, verdrückte mich viele Nachmittage lang zu befreundeten Klassenkameraden, mit denen ich reichlich Unsinn machte, Klingelmännchen spielen zum Beispiel, oder auf verbotenen Baustellen Klebstofftuben anzünden, der fantastischen Stichflamme wegen. Es war wunderbar, manchmal auch gefährlich, und meine Eltern hatten keine Ahnung.
Als ich später, endlich selbst erwachsen, amüsiert und zugleich beunruhigt sah, wie Kinder und Jugendliche mit einem nicht endenden und nicht zu überbietenden Einfallsreichtum versuchten, das von uns Großen mühsam etablierte Ordnungssystem, zum Beispiel auf kirchlichen Freizeiten, in Kinder- und Jugendgruppen, kreativ zu unterwandern, fühlte ich mich nachträglich gerechtfertigt. Sie schufen sich ihre eigenen Gegen- und Lebenswelten, in denen das Unkonventionelle, die Unordnung, das Chaos, der Ungehorsam, der Widerspruch, der Spaß am Unvernünftigen, am Absurden, am immerzu und prinzipiell ganz Anderen und am liebsten am Verbotenen ihren Ausdruck fanden. Diese kleinen Abenteuerwelten, in die wir Erwachsenen nur gelegentlich Einblick erhalten, waren Quellen der Freude und der Lebenslust für sie, so wie einst auch für mich. Wenn ich zufällig einmal zum Zeugen solcher Unternehmungen wurde, dann weckten sie stets und augenblicklich die Erinnerung an die rebellierenden Momente meiner eigenen Kindheit; glücklicherweise habe ich weder diese Momente noch überhaupt die Kinderzeit vergessen – sie bringen mich, den inzwischen über 70-Jährigen, bis heute zum Lachen.
Im Lauf der Jahrzehnte wurde ich aber doch noch ordentlicher. Dazu trugen das Studium bei, dann im Berufsleben die geschäftsführende Verantwortung für Finanzen, Personal, Gebäude, Veranstaltungsplanung und -durchführung, aber auch öffentliches Auftreten, Verhandeln, Reden …
Mein Vater, würde er noch leben, hätte gestaunt – oder vielleicht doch nicht; denn das Hochgebirge seiner Akkuratesse ist mir bei allem dennoch bis zum heutigen Tag allzu steil geblieben.
Die Luft im Reich der Perfektionsideale wird umso dünner, je höher man hinaufsteigt. Weiter unten fällt das Atmen leichter, und man stürzt in keine Abgründe. Das beruhigt. Mich jedenfalls, denn ich bin nicht schwindelfrei.
1 Zu Erich Kästner siehe Seite 162.
2 Otfried Preußler, geboren am 20. Oktober 1923 in Reichenberg (heute Liberec, Tschechien) und gestorben am 18. Februar 2013 in Prien am Chiemsee, war einer der erfolgreichsten deutschen Kinder-und Jugendbuchautoren des 20. Jahrhunderts, dessen Kinderbücher wie „Der kleine Wassermann“, „Die kleine Hexe“, „Das kleine Gespenst“, „Der Räuber Hotzenplotz“ und der Jugendroman „Krabat“ weltweite Verbreitung fanden. Nach dem Zweiten Weltkrieg und fünf Jahren Kriegsgefangenschaft begann er in Bayern als Lehrer und nebenberuflicher Schriftsteller, bis er sich ganz dem Schreiben widmete und Generationen mit seinen humorvollen, fantasievollen und zugleich tief menschlichen Geschichten prägte.
Zum Einstieg: Der „lupenreine Demokrat“
Als Kind zogen mich Werbetafeln und -plakate geradezu magisch in ihren Bann, besonders die farbenfrohen Plakate am Kino. Auf meinem Schulweg kam ich an den damals noch sogenannten „Lichtspielen“ vorbei und bestaunte die Plakate in den Schaufenstern. Die auf ihnen beworbenen Heimat- und Familienfilme oder Indianer-Abenteuer versprachen Großes und Spannendes – Pferde, Winnetou und Old Shatterhand mit Gewehr, wilde Berglandschaften…
Auch heute beherrschen Werbe-Experten dieses verheißungsvolle Vorgaukeln großer, anderer, ferner Welten. Sie preisen ungeniert „100 % nachhaltige“ Produkte3 an, Lebensberater versprechen höchste „Authentizität“4, Softwareanbieter garantieren „absoluten Datenschutz“5, Autokonzerne locken mit „emissionsfreier Mobilität“6 und Fitnessstudios versprechen ein „kompromisslos reines Trainingserlebnis“.7
Doch kaum eine dieser Formeln ist so durchsichtig wie die ebenso berühmt gewordene wie absurde Behauptung, der russische Präsident Wladimir Putin sei ein „lupenreiner Demokrat“. Als der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder im Jahr 2004 Wladimir Putin als „lupenreinen Demokraten“ charakterisierte8, war das schon damals, noch weit entfernt vom späteren Angriffskrieg Putins auf die Ukraine, ein diplomatischer Fauxpas erster Güte und wurde nicht umsonst zum geflügelten Wort und Paradebeispiel für jene Ambivalenz, die derlei Reinheitszuschreibungen immer in sich tragen: Wer in einer solchen Rhetorik geadelt wird, steht grundsätzlich im Verdacht, genau das nicht zu sein, als was er hingestellt wird. Reinheitszertifikate dieser Art wirken stets unglaubwürdig.
Was aber bedeutet es, wenn sich ein demokratischer Politiker erdreistet, einen autoritären und antidemokratischen Herrscher durch eine solche Qualifikation als harmlos, gut und freundlich verkaufen zu wollen und das auch später noch, als diese Fehlcharakterisierung mehr als evident geworden war, unter keinen Umständen zu relativieren oder gar zurückzunehmen bereit war? Alle Welt, zumindest wenn sie sich noch einen Rest von Kritikfähigkeit bewahrt hat, weiß es: In Wirklichkeit steht Putin für Zensur, Gleichschaltung, eiskalte und rücksichtslose Ausschaltung jeder Form von Opposition – ein narzisstisch-egomaner Lügner, Geschichtsverdreher, Kriegstreiber und Diktator. Ein „lupenreiner“ Demokrat? Niemals. Hier entlarvt sich die Sprachmagie der Werbung selbst: Das Etikett „lupenrein“ taugt nicht zur Beschreibung; es taugt, wenn überhaupt, lediglich zur Maskierung. Es bietet Loyalitätsschutz, öffnet die Bühne für Freund-Feind-Zuschreibungen, macht aus realer Vielschichtigkeit einen scheinbar unantastbaren Idealtypus. Was bleibt, ist ein Zerrbild: Die tatsächliche Komplexität politischer Strukturen, Widersprüche, Interessen und Grauzonen versinkt in der Kulisse eines hochrhetorischen Bühnenstücks von Trug und Lug.
Im Fall von Schröders Putin-Lob wird deutlich, wie das Streben nach Makellosigkeit zum Instrument politischer Zweckmäßigkeit wird. Die Pose der Reinheit ist nicht bloß Sehnsucht nach Klarheit, sondern – gerade im internationalen Kontext – ein Akt gezielter Irreführung, ein böser Pakt mit der eigenen Geschichte und politischen Gegenwart. Wer so spricht, nimmt bewusst in Kauf, dass der Zauber der Reinheit zum (Selbst-)Betrug wird: Das ehrenwerte Etikett der „Demokratie“ verwandelt sich in eine Leerformel, sobald es von den Zweifeln der Wirklichkeit abgerieben wird.
In eben diesem Sinn zerstört heute auch Donald Trump die Demokratie, die retten zu wollen er verspricht. Seine „Make America Great Again“-Bewegung (MAGA) inszeniert eine Sehnsucht nach einem „reinen“, „sauberen“ Amerika – oft als Rückkehr zu einer vermeintlich klaren, traditionellen Ordnung ohne Migration, ohne Widerspruch und ohne komplexe Vielfalt. Das Programm verspricht, das Land von „Schmutz“ – seien es politische Gegner, Minderheiten, internationale Einflüsse oder soziale Bewegungen – zu „säubern“ und einen ursprünglichen Kern wiederherzustellen.
Diese Reinigungsidee wirkt wie eine Utopie der Rückkehr zu einer homogenen, ungespaltenen Gemeinschaft, die es so niemals gab. Sie suggeriert: Erst wenn alles „Unreine“ entfernt ist, kann Amerika zu alter Größe zurückfinden. Tatsächlich bewirkt MAGA das Gegenteil: Der Versuch, Komplexität, Vielfalt und kritische Stimmen auszublenden, führt zu massiver Spaltung, Ausgrenzung und Radikalisierung. Die für „Reinheit“ mobilisierte Rhetorik bricht den amerikanischen Traum des offenen „Schmelztiegels“ und ersetzt ihn durch einen neuen Exklusivismus, in dem jeder Kampf gegen das „Andere“ und „Fremde“ die Gesellschaft weiter polarisiert und Fragmentierung und Konflikte verstärkt. Gerade die Suche nach einer einfachen, sauberen Lösung entlarvt sich als treibende Kraft für Unsicherheit, Misstrauen und dauerhaften gesellschaftlichen Zerfall – das „Reinheitsgebot“ schafft Chaos und Gegnerschaft und verhindert die versprochene Größe. Die Sehnsucht nach einem reinen Amerika ist deshalb nicht nur illusionär, sondern gefährlich: Sie spaltet das Land in Gruppen von „Inneren“ und „Anderen“, lässt institutionelle und historische Konflikte eskalieren und zementiert jenes Unreine, das eigentlich beseitigt werden sollte – ein Akt der Selbstzerstörung, die gerade im Zeitalter der Globalisierung zahllose andere Partner mit in den Abgrund zu reißen droht.
Was aber bleibt, wenn Wirklichkeit derart verklärt wird? Meist zunächst ein staunendes Kopfschütteln, und irgendwann – hoffentlich – die Erkenntnis, dass gerade im großen Glanz des „Lupenreinen“ die Schatten der menschlichen, politischen und historischen Widersprüche umso deutlicher sichtbar werden.
3 Damit wirbt z.B. „Bio-Bär“. BioBär erklärt: „100% nachhaltig bedeutet natürlich Nachhaltigkeit und ist der Stil, wie wir mit unserer Umwelt umgehen sollen. Dies ist unsere Erbschaft, die wir übernommen haben und an die Generationen nach uns weitergeben.“ Zu den hier vertriebenen Produkten zählen Waschmittel, Reiniger, Kosmetik, Tiernahrung, Vitamin-Tropfen, Melatonin-Spray, Hyaluronsäure-Kapseln, vegetarische „Biobär Hunde-Leckerlie“. www.biobaer.at (Stand 2025-08-01).
4 Ein Beispiel für ein Unternehmen, das gezielt „Authentizität“ als zentrales Coaching-Versprechen nutzt, ist die Authentic Life Company mit Sitz in London. Unter Slogans wie „Unlock your true potential. Master your unique personality and feel confident about your future. Personal and professional authentic life coach.“ bietet sie maßgeschneiderte Coachings an, mit denen Menschen ihre „wahre Authentizität“ und ihr persönliches Potenzial entdecken und leben sollen. www.authenticlifecompany.com (Stand 2025-0801)
5 Zusagen wie „absolut“ lückenloser Datenschutz und „absolute Sicherheit“ sind oft eine Mischung aus juristischen Standards, Marketing und Technikkonzepten: Auch bei höchsten Standards kann kein Anbieter eine „absolute“ Sicherheit garantieren, da Rest-Risiken nie ganz auszuschließen sind.
6 TV-Spots, Social-Media-Kampagnen und Markenkampagnen suggerieren, dass Fahren mit Elektroautos eine saubere, zukunftssichere Form der Fortbewegung darstellt, bei der keine Auspuffemissionen entstehen. Allerdings ist dieses Werbeversprechen nicht unumstritten. In Großbritannien zum Beispiel hat die Werbeaufsichtsbehörde im Jahr 2024 Herstellern untersagt, ihre Fahrzeuge pauschal als „emissionsfrei“ zu bewerben. Grund ist die Tatsache, dass auch bei Elektroautos während Herstellung und Stromerzeugung durchaus Emissionen entstehen – die Aussage ist nur während des Fahrens lokal korrekt, nicht aber über den gesamten Lebenszyklus gerechnet.
7 Viele Fitness-Studios werben heute mit Formulierungen wie „hygienisch reine Trainingsflächen“, „100% saubere Geräte“ oder „desinfizierte Atmosphäre für Ihre Sicherheit“. Hinter Begriffen wie „kompromisslos reines Trainingserlebnis“ verbergen sich also häufig umfassende Werbeversprechen: von kontaktlosen Check-ins und antibakteriellen Bodenbelägen bis hin zu einzigartigen Hygienesiegeln oder Zertifikaten. Kunden sollen sich in einer Atmosphäre bewegen, die möglichst „keimfrei“ und „perfekt gepflegt“ erscheint.
8 Vgl. dazu die Berichterstattung der „Deutschen Welle“: Pieper, Oliver, „Putin and Schröder: A controversial friendship“, DW 2022-0808. www.dw.com/en/putin-and-schröder-a-special-german-russian-friendship/a-55219973 (Stand 2025-08-01).
Weit zurückgeschaut: Reinheits-Utopien
Immer samstags brachte mein Vater in stundenlanger Arbeit seinen W-Käfer, später seinen Peugeot 404 zum Funkeln, beinahe als sollte das Auto aussehen wie nigelnagelneu, blitzblank, ohne Fehl und Tadel. Tags darauf kam es vor, dass er uns Kinder auf kleine Sonntagsausflüge in die nähere Umgebung mitnahm. Gewaschen, geschniegelt, gebürstet und gekämmt nahmen wir in seinem Glanzstück Platz. Dort galten klare Regeln: nichts beschmutzen, und nach dem Waldspaziergang die Schuhe rundum abbürsten, kein Körnchen Waldboden, kein Zweiglein oder Blättlein mithineinnehmen! Das blitzsaubere Auto war ein Heiligtum. Als ich eines Tages selbst ein Auto besaß, war mir eines klar: Es ist zum Fahren da, und gepflegt werden muss vor allem, was dem Fahren dient – der Rest ist Kür. Ein Auto ist keine Klinik oder Küche. Es braucht nicht klinisch rein zu sein. Es ist ein Vehikel, das mich von hier nach dort zu bringen hat – das allerdings muss es können.
Nun gut, das sagt sich so leicht. Dem steht entgegen, dass die Sehnsucht nach absoluter Reinheit das Menschsein seit Jahrtausenden prägt – sie zeigt sich in kulturellen und religiösen Vorstellungen und ist auch biologisch und psychisch tief verankert. Sie hat ihre Wurzeln in fundamentalen Schutzmechanismen unseres Körpers und unseres Verhaltens. Noch bevor religiöse oder moralische Kategorien entstanden, schützten sich Menschen instinktiv vor Gefahren – verdorbene Nahrung, erkrankte Artgenossen. Ein zentrales Werkzeug ist dabei das Gefühl des Ekels. Es fungiert als universelles Frühwarnsystem, das uns instinktiv vor Gefahren bewahrt – vor verdorbener Nahrung, Krankheitserregern oder Krankheitssymptomen. Dieses Vermeidungsverhalten ist nicht nur bei uns Menschen, sondern auch im Tierreich zu beobachten. Bei uns nimmt es im Zusammenspiel mit kulturellen Prägungen besonders differenzierte Formen an. Bereits Kinder lernen nicht nur, welche Dinge sie meiden sollten, sondern auch, was in ihrer Umgebung als „unrein“, als „bäää!“ gilt.
In die gleiche Richtung weist die Rolle der Hygiene. Historisch betrachtet, entwickelten sich in den verschiedensten Kulturen schon früh pragmatische Alltagsrituale: vom Händewaschen vor dem Essen über das Trennen bestimmter Tätigkeiten bis zu Reinigungsritualen im Zusammenhang mit Krankheit und Tod. Naturwissenschaftlich spricht man heute vom „Behavioural Immune System“9: Neben dem körperlichen Immunsystem, das Krankheitserreger abwehrt, haben Menschen auch Verhaltensweisen entwickelt, die Ansteckungsrisiken minimieren. Dazu gehören etwa das Meiden ansteckend Erkrankter, das schnelle Reagieren auf Körpergerüche, das Bedürfnis nach Sauberkeit, getrennte Schlaf- und Essplätze oder auch die rituelle Reinigung. Diese Strategien sichern nicht nur das Überleben des Einzelnen, sondern auch die Überlebensfähigkeit sozialer Gruppen. Schon lange, bevor ein naturwissenschaftliches Verständnis von Keimen oder Viren existierte, erfüllten Reinigungsrituale wichtige Schutzfunktionen: Sie senkten das Risiko von Krankheiten und wurden allmählich in symbolisch aufgeladene, kulturell hoch differenzierte Handlungen überführt.
Was ursprünglich ein natürlicher Schutzreflex war, wurde im Lauf der kulturellen Entwicklung zunehmend auf symbolische und soziale Bereiche übertragen. Das kann sich in strengen Unterscheidungen von „rein“ und „unrein“ im religiösen oder gesellschaftlichen Leben niederschlagen – oder in modernen Varianten, etwa der Ablehnung abweichender Meinungen oder sozialer Gruppen. Daraus erklärt sich, warum „Reinheit“ heute nicht mehr nur im körperlichen, sondern auch im geistigen, moralischen und sozialen Bereich Sehnsüchte und Rituale prägt. Die alte Angst vor Krankheit verwandelt sich in die Angst vor „Ansteckung“ durch fremde Überzeugungen oder unerwünschte Einflüsse. Das Bemühen um äußere Sauberkeit erweitert sich zur Suche nach innerer, geistiger oder sozialer Makellosigkeit.
Aber zugegeben, bis zu einem gewissen Punkt sind derlei Sorgen vollkommen berechtigt. In öffentlichen Bädern nicht nur zu schwimmen, sondern sich auch zu duschen, die Füße zu desinfizieren und nicht ins Becken zu urinieren, empfiehlt sich und ist in jedem Fall sinnvoll. Als Kind empfand ich diese Vorschriften als eine Last und versuchte, derlei ungemütliche und umständliche Pflichten nach Möglichkeit zu umgehen, besonders das Händewaschen vor dem Essen – wie gut, dass die Erwachsenen gegen alle kindlichen Widerstände darauf beharrten, sich dieses Regelwerk anzueignen!
Reinigung: Symbole, Rituale, Utopien
Wer an „Reinheit“ denkt, begegnet zunächst einer reichen Symbolwelt, die tief im kulturellen Gedächtnis verankert ist. Über Epochen und Kulturen hinweg symbolisieren Wasser, Licht, weiße Gewänder, Rauchduft und heilige Orte die gleiche Hoffnung: dass das, was beschwert, ausgelöscht, was befleckt ist, abgespült, was dunkel ist, erhellt
