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Im Mittelpunkt dieses temporeichen Erotic-Mystik-Thrillers mit realsatirischen Untertönen steht das dunkle Sterbezimmer der Madame Duvalier. Warum verlassen alle Mieter verstört und von Grauen gepackt diesen unheimlichen Ort? Der alternde Journalist Ronald, dessen schöne Frau sich zunehmend ängstigt, möchte das Anwesen am liebsten verkaufen, weil er spürt, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugeht. Eines Tages erscheint ein rätselhafter Mann an der Tür des Hauses, um in das Sterbezimmer zu ziehen ... Die dramatischen Ereignisse überschlagen sich plötzlich ... * Dieses Buch gehört zu den Siegerbeiträgen im 11. Neobooks-Schreibwettbewerb.
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Seitenzahl: 56
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Erhard Schümmelfeder
MAD MOISELLE
oder Das Sterbezimmer der Madame Duvalier
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Inhaltsverzeichnis
Titel
MAD MOISELLE ODER DAS STERBEZIMMER DER MADAME DUVALIER
WEITERE BÜCHER DES AUTORS
Impressum neobooks
Das Sterbezimmer der Madame Duvalier befindet sich im Obergeschoss unseres Hauses, das sich ohne warnende Vorzeichen von einem Tag zum anderen in einen Ort des Grauens verwandelte.
Als rational denkender Mensch, dem ein ausgeprägter Sinn für eine realistische Durchdringung aller irdischen Erscheinungen eigen ist, liegt es mir fern, die rätselhaften Ereignisse des zurückliegenden Jahres zu dramatisieren. Noch immer schwanke ich zwischen dem Versuch, das Geschehene vor der Welt zu verschweigen und dem Wunsch, endlich Zeugnis abzulegen über jene unbegreifliche Tat, die mich bis in die Grundfesten meines Denkens erschütterte.
Nachdem Vivian das Fachwerkhaus am Frankfurter Mainufer von ihrer verstorbenen Tante geerbt hatte, versuchten wir, das Sterbezimmer zu vermieten. Der erste Mieter, ein pensionierter Ornithologie, verließ ohne Angabe von Gründen nach zwei Tagen verstört und mit fadenscheinigen Rechtfertigungen unser Haus. Eine ältere Dame aus Hamburg, die sich als Lehrerin bei uns vorgestellt hatte, zog bereits nach einem Tag unter dem Vorwand, hier gehe es »nicht mit rechten Dingen« zu, mitsamt Gepäck und Papagei von uns fort. Ich erahnte bereits den kausalen Zusammenhang mit dem Sterbezimmer, vor dem auch Vivian aus undurchsichtigen Gründen eine heimliche Angst hegte. Länger hielt es ein Frankfurter Zahnarzt bei uns aus; obwohl er eine Bleibe für die Zeit von zwei Monaten suchte, verließ er ohne jede Erklärung das Haus und versetzte uns auf diese Weise in einen ratlosen Zustand.
Mein Vorschlag, das gesamte Anwesen mit dem schönen Garten und dem Holzpavillon neben dem Fischteich zu verkaufen, fand bei Vivian keine Zustimmung. Sentimentale Kindheitserinnerungen und nostalgische Gefühlsregungen hielten sie davon ab, gemeinsam mit mir ein Landhaus im westfälischen Weserbergland zu kaufen, wo ich gerne meinen Ruhestand genossen hätte.
»Ronald, lass uns noch ein wenig Zeit«, bat sie mich. »Du wirst dich gewiss bald an dieses Haus gewöhnen.«
Zimmer zu vermieten - das weiße Pappschild zwischen zwei einfältig grinsenden Zwergen im Vorgarten des Hauses lockte weitere Interessenten, doch auch ein deutlich reduzierter Preis führte nicht zur Unterzeichnung eines Mietvertrages. Spürten die Leute eine negative Energie, die von dem Sterbezimmer ausging? Ich weigerte mich, nebulöse Spekulationen über die Gründe für die Zurückhaltung bei den Interessenten anzustellen. Ich selbst fühlte mich in diesem Haus unwohl, ohne dies präzise begründen zu können. Jenseits des analytischen Verstandes, auf einer emotionalen Ebene, spürte ich ein Unbehagen im Sterbezimmer, welches mich in dem Entschluss bestärkte, Vivian langfristig zum Verkauf der Immobilie zu bewegen.
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Die Vermutung meiner Frau, es handele sich in der unbegründeten Abkehr der Leute von unserem Haus um eine Verkettung von Zufällen, erhielt neue Nahrung, als eines Tages im August ein Kandidat namens Johann Ritter an unserer Haustür klingelte. Vivian führte diesen Mittvierziger mit der Golfmütze durch das Treppenhaus ins Obergeschoss, öffnete beklommen die weiße Holztür des Sterbezimmers und ließ ihn eintreten. Sie wies ihn darauf hin, der rechteckige Raum mit dem zweiflügligen Fenster zum Garten sei unser Van-Gogh-Zimmer; es sei dem Schlafraum in der Provence, welchen der Maler einst auf seinem inzwischen weltberühmten Gemälde für die Nachwelt verewigte, bis ins Detail nachempfunden worden sei. Diese kulturästhetische Botschaft interessierte den Golfspieler nicht im Geringsten, wie ich sogleich seinem stupsnasigen Altjungengesicht ansah. Daher ersparte ich mir den präzisierenden Hinweis auf die orangefarbenen Vorhänge am Fenster; der Holländer hatte nie Gardinen besessen. Herr Johann Ritter registrierte: Ein Bett, zwei Stühle und ein vierbeiniger Tisch. Seine Frage, ob es keinen Kleiderschrank gebe, beantwortete Vivian mit verkaufsförderndem Lächeln und erklärte:
»Der abschließbare Kleiderschrank mit vier Schubladen und genügend Bügeln steht draußen im Flur.«
Dem nickenden Prüfer-Gesicht des Kandidaten entnahm ich: Sauber, ordentlich, gepflegt. Als Vivian den üblichen Preis halbierte, war er restlos überzeugt, ließ sich noch den Frühstücksraum im Erdgeschoss zeigen und unterschrieb den Mietvertrag, der mit dem folgenden Tag beginnen sollte.
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»Der Mann gefällt mir nicht«, vertraute ich Vivian an, als wir wieder allein an unserem Frühstückstisch saßen.
»Mir gefällt er schon«, sagte sie und betonte: »Auf mich hat er einen recht ordentlichen Eindruck gemacht.«
»Wodurch?«, wollte ich wissen.
»Er ist Golfspieler wie du.«
Es ist nicht alles Golf, was glänzt, wollte ich ihr entgegnen, doch zog ich es vor zu schweigen, denn ich gönnte ihr den kleinen Triumph des Vertragsabschlusses.
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Mit nur einem Koffer und einer Golftasche erschien Herr Johann Ritter am frühen Abend des nächsten Tages in vergnügter Stimmung an unserer Wohnungstür. Wir luden ihn zu einem Glas Rotwein ein und plauderten ein wenig verkrampft über das Wetter, die Politik und das Leben im Allgemeinen, wobei wir erfuhren, dass er bis zur Abwicklung aller Schritte im Zusammenhang mit seiner Scheidung bei uns wohnen wolle. Beiläufig erwähnte er seinen Beruf: Er sei Angestellter im städtischen Straßenverkehrsamt. Wie aufregend, dachte ich nur. Nach dem dritten Glas wurde er plötzlich witzig-geschwätzig. Seine Bemerkung »Ich bin der Ritter mit dem traurigen Gehalt«, entzückte Vivian. Ich aber blickte genervt auf die Uhr und ersehnte das baldige Ende dieser ermüdenden Konversation.
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»Ronald«, sagte Vivian zu mir, als wir wieder zu zweit waren, »die Glühbirne in der Flurlampe brennt nicht. Könntest du sie wechseln? Ich möchte nicht, dass sich unser neuer Mieter an seinem ersten Tag bei uns auf der Treppe die Beine bricht.«
»Aber ich habe sie gestern erst gekauft«, fiel mir ein.
»Glaub mir: eben erst habe ich sie in die Fassung gedreht. Sie funktioniert nicht.«
»Willst du damit andeuten, ich hätte im Baumarkt eine defekte Birne gekauft?«
»Ich will gar nichts andeuten.«
»Vivian«, sagte ich ruhig, »du weißt sehr genau, dass es nicht an der Birne liegt, wenn sie nicht brennt.«
»Woran liegt es denn?«
»Es ist dieses Haus. Erinnere dich an die Frau aus Hamburg. Was hat sie doch gleich gesagt? - Hier geht es nicht mit rechten Dingen zu.«
»Ronald, du machst mir Angst.«
»Wir könnten das Haus verkaufen und uns ein schönes Leben im malerischen Weserbergland machen. - Weite Täler mit schattigen Eichen, unter denen Rehe äsen, goldgelbe Kornfelder, tiefe Wälder und -«
»In Beverungen an der Weser ist der Hund verfroren«, beendete sie meine Tagträumereien.
»Ganz in der Nähe liegt Paderborn. Weißt du noch, wer in der Stadt wohnt?«
»Allerdings«, sagte Vivian. «Simone war früher meine beste Freundin, aber -«
»Aber sie ist Bühnenschauspielerin geworden, du leider nicht. Dass sie nun in einem Hollywood-Thriller eine Nebenrolle bekommt, muss dich schmerzen.«
»Ich bin nicht neidisch auf Simone«, verteidigte sich Vivian.
»Das weiß ich doch«, sagte ich und nahm sie in den Arm.
»Liebst du mich noch, obwohl ich keine Schauspielerin geworden bin?«
»Aber selbstverständlich«, sagte ich und erhob mich von unserem Sofa. »Jetzt werde ich mich um eine funktionsfähige Glühbirne kümmern.«
