Magie hinter den sieben Bergen - Diandra Linnemann - E-Book
Beschreibung

MAGIC CONSULTANT AND SOLUTIONS. Helena Weide hat die Nase voll - von ihrer Arbeit als Magieberaterin, von der ständigen Lebensgefahr und von ihrer Mutter, die sich andauernd in ihr Leben einmischen will. Sekretärin Maria hat geheiratet und ist versorgt. Der Familienfluch, der auf ihrem Assistenten Falk ruht, macht vor nichts Halt. Höchste Zeit, sich aus dem gefährlichen Geschäft mit der Magie zurückzuziehen. Aber was soll sie stattdessen machen? Der Urlaub, in dem Helena sich neu orientieren will, wird zur Katastrophe. Das Projekt, das ihren Übergang in einen geregelten Job absichern soll, erweist sich als hochriskant. Falk trifft eine fatale Entscheidung und verschwindet von der Bildfläche. Aber Helena wäre keine Hexe, wenn sie ihr Schicksal nicht selbst in die Hand nehmen würde.

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Sammlungen



Für Richard und Stephanie,

die immer an mich geglaubt haben.

Und für Greebo und Ronja,

die auf meinem Schreibtisch wohnen.

Diandra Linnemann, Jahrgang 1982, wohnt und lebt im schönen Rheinland. Dort übersetzt sie tagsüber medizinische Texte ins Englische und lässt ihre Charaktere nachts auf dem Papier wüste Abenteuer erleben. Sie fühlt sich unter Hexen und Geistern genauso zuhause wie in der Welt garstiger Tentakelwesen. Ihr Körper besteht fast ausschließlich aus Kaffee und teilt eine Wohnung mit einem geduldigen Mann, zwei verwöhnten Katzen und einem Dutzend sterbender Zimmerpflanzen.

Weitere Werke der Autorin:

Der Hirschkönig (Eigenverlag, 2013)

Ich trat aus dem Wald und sah … (Eigenverlag, 2015)

Lilienschwester (Eigenverlag, 2015)

Andrea die Lüsterne und die lustigen Tentakel des Todes

(Chaospony Verlag, 2017)

MAGIE HINTER DEN SIEBEN BERGEN:

Allerseelenkinder (Eigenverlag, 2013)

Spiegelsee (Eigenverlag, 2014)

Hexenhaut (Eigenverlag, 2014)

Waldgeflüster (Eigenverlag, 2015)

Feuerschule (Eigenverlag, 2016)

Knochenblues (Eigenverlag, 2017)

Lichterspuk (Eigenverlag, 2018)

Feengestöber (Eigenverlag, 2018)

Grimmwald (Eigenverlag, 2018)

Magie hinter den sieben Bergen: Winter (BoD, 2018)

Magie hinter den sieben Bergen: Sommer (BoD, 2018)

Dieser Sammelband enthält die folgenden Einzelbände:

Lichterspuk

Feengestöber

Grimmwald

Inhaltsverzeichnis

Lichterspuk

Feengestöber

Grimmwald

Lichterspuk

Ein Helena-Weide-Roman

Prolog: Geisterstunde

Die Dunkelheit riecht nach Regen. Glänzendes Kopfsteinpflaster schmiegt sich an die Flanken des steilen Hügels. Über die schmalen Straßen hinweg neigen sich schiefe Häuser einander zu. Lauer Wind lässt die Bäume am Fuß der Burg wispern.

Lautlos gleitet ein heller Schemen zwischen den Sandsteinmauern entlang. Eine Bugwelle aus kalter Luft breitet sich vor ihm aus. Die Leute in ihren Betten wachen nicht auf, aber klamme Finger greifen in ihre Träume. Sie erschauern. Ein Kind wimmert im Schlaf. In der Ferne bellt ein Hund.

Zielstrebig schwebt die weiße Gestalt auf das untere Burgtor zu. Ihre Augen brennen wie schwarze Kohlen. Seit Jahrhunderten legt sie diesen Weg zurück. Sie passiert den Durchgang und hält auf das obere Burgtor zu. Der zwölfte Schlag der Turmuhr verklingt. Die Gitter am Eingang sind aus massivem Eisen, aber sie halten die Erscheinung nicht auf. Wie ein Phantom streift sie über den Innenhof, vorbei an bereits verblühenden Rosensträuchern. Einige Blütenblätter taumeln zu Boden. Sie hält auf das Haupthaus zu. Das Holz der Eingangstür erzittert mit einem leisen Seufzen, als die Gestalt hindurchgleitet. Das Leuchten verharrt für einen Moment unter dem rußschwarzen Himmel, ehe es verschwindet.

Wenn jemand im Hof stünde und den Kopf in den Nacken legte, könnte er kurz darauf einen schwachen Schein hinter den Fenstern sehen, als trage jemand eine Kerze von einem Raum in den nächsten – nicht ganz, denn das Licht ist kalt und weiß, aber es flackert, als sei es lebendig. Doch niemand sieht dieses Schauspiel, denn der Burghof liegt verlassen. Die Grafenfamilie in ihrem Turm schläft hinter verschlossenen und gesegneten Türen, bemüht tief, hoffentlich traumlos.

Die Flure im Hauptgebäude sind menschenleer. Tagsüber erhält das Publikum Zutritt zu den liebevoll gestalteten Räumen des Museums. Jetzt ist hier niemand, um zu bemerken, wie die abgestandene Luft ein wenig kälter wird, genug, um einen frösteln zu lassen, oder dass die Fenster beschlagen. Die Geräusche sind die eines alten Gemäuers – ein Säuseln wie aus hundert Träumen.

Die Gestalt wandert von einem Raum zum nächsten, auf der Suche, schiebt sich durch die Möbel, ohne Staub aufzuwirbeln. Unter der Zimmerdecke verendet ein Rauchmelder mit einem jämmerlichen Quäken.

Zu früh kräht der Hahn, schiebt sich der Tag langsam über den hügeligen Horizont. Als der erste Sonnenstrahl die Dächer der Burg berührt, flieht die Gestalt durch den Innenhof, über den dampfenden Rasen, vorbei an verwaisten Fahrrädern und Autos und die Stiege hinab. Ein Bäcker tritt aus seiner Haustür, reckt sich verschlafen und blinzelt. Er sieht die weiße Gestalt nicht, aber sein Unterbewusstsein ahnt.

Einige Stunden später werden Kunden in seinem hell erleuchteten Laden Brötchen kaufen, die ungewöhnlich klein und fest sind, als sei die Hefe nicht aufgegangen, und denen das malzige Aroma fehlt. Der Bäcker wird schlechtgelaunt nach Hause zurückkehren, wo die Heizung mitten im Sommer verrücktspielt. Er wird sich bedauern, ohne zu ahnen, welchem Schicksal er entronnen ist.

Die weiße Gestalt wartet derweil in der Zwischenwelt darauf, zur nächsten nächtlichen Wanderung aufzubrechen. Sie wird erst ruhen, wenn sie findet, wonach sie sucht.

Kapitel 1: Verdienter Urlaub

Die Zimmerdecke war mir fremd und das Bett viel zu schmal. Neben mir murmelte Falk leise im Schlaf, drehte sich um und verpasste mir einen derben Stüber mit dem Ellbogen. Vorsichtig rutschte ich unter dem Federbett hervor und setzte die Füße auf den kalten Linoleumboden. Ein Steinchen bohrte sich in meine Ferse. Ich musste später unbedingt fegen.

Ein schwacher Lichtschein schob sich an der Jalousie vorbei. Durch die dünne Wand hörte ich Vogelgezwitscher. Lautlos schob ich die Tür auf und schlich in die Küche, um Kaffee zu machen. Innerhalb weniger Minuten stand eine große Espressokanne auf dem Herd. Konnte sich nur noch um Augenblicke handeln, ehe ich das schwarze Gold in Händen hielte. Für einen Augustmorgen war es ziemlich frisch, und ich fröstelte in meinem überdimensionierten T-Shirt. Regentropfen glitzerten außen auf der Scheibe des schmalen Küchenfensters. Während ich auf das Röcheln wartete, das den Kaffee ankündigte, sortierte ich leise die Einkäufe von gestern in die Schränke. Bei unserer Ankunft am Ferienhaus – mehrere Stunden später als geplant, dank des desolaten Zustands der Autobahnen rund um Köln – hatten wir nur noch das Nötigste im Kühlschrank verstaut und waren ungeduscht ins Bett gefallen.

Endlich. Ich schenkte Kaffee ein und überflog noch einmal die Instruktionen, die der Vermieter uns zusammen mit dem Schlüssel nicht unter, sondern auf die Fußmatte gelegt hatte. Den Wasserhahn an der Waschmaschine aufdrehen, keine Gartenpartys nach zweiundzwanzig Uhr, Fahrräder im Schuppen zur freien Verfügung, bei Fragen jederzeit anrufen. Das müssten wir hinbekommen. Zur Feier des Tages gab ich einen Schuss Sahne und zwei Löffel Honig in die Tasse. Wann hatte ich eigentlich das letzte Mal richtig Urlaub gemacht?

Als wir im Internet nach Unterkünften recherchiert hatten, hatte ich mit den üblichen Übertreibungen bei der Beschreibung des Ferienhäuschens gerechnet, doch wir hatten Glück gehabt. Es gab tatsächlich einen Garten mit echtem Gras, und er grenzte direkt an eine malerische Weide. Oberhalb der Hütte begann der Wald, von dem ich gelesen hatte, dass er sich mehrere hundert Kilometer Richtung Osten erstreckte. Angeblich konnte man, ohne ihn zu verlassen, bis hinter Osnabrück wandern, wenn man wollte. Wollte ich natürlich nicht. Wir würden uns einfach nur erholen, die direkte Umgebung erkunden und keine Anstrengungen unternehmen, die nicht absolut nötig waren. Nichts Geringeres hatte ich Falk versprochen, und nach unserem letzten Abenteuer hatte er sich die Erholung redlich verdient.

Ich trug meine Tasse nach draußen und schlenderte barfuß einmal um den Garten. An der frischen Luft schmeckte der Kaffee gleich doppelt so gut. Ein Langbein krabbelte eilig über meine bloßen Zehen. Ich legte den Kopf in den Nacken und bewunderte die Buchen, die sich zwischen Garten und Weide in den malerisch bewölkten Sommerhimmel reckten. Es roch nach Landurlaub, aber auf eine angenehme Art.

Auf dem Weg zurück zur Terrasse schob ich einen größeren Ast aus dem Weg und winkte einem Nachbarn, der gerade mit einer Bäckertüte auf seinem Fahrrad aus dem Dorf zurückkehrte. Gut, angeblich war das hier eine richtige Stadt, allerdings … im Dunkeln hatte ich keinen Beweis dafür gesehen. Und das war auch gut so, denn wir hatten den Tapetenwechsel gründlich nötig.

Die Tür öffnete sich, und Falk kam mir gähnend entgegen. Im Gegensatz zu mir war er vernünftig genug gewesen, erst Jeans anzuziehen, ehe er sich der Welt präsentierte. Im Stillen bedauerte ich das. Ich gab ihm einen Kuss auf die Wange. »Kaffee steht in der Küche.«

»Ich weiß, der Geruch hat mich geweckt.« Er rieb sich mit beiden Händen durch das Gesicht und streckte sich dann ausgiebig. »Soll ich Brötchen holen?«

»Zuviel Mühe. Für heute Morgen reichen unsere Vorräte. Wir könnten Käsetoast machen«, schlug ich vor. »Und dann rufe ich meine Mutter an.«

Ein Hauch von Zweifel flog über sein Gesicht und verschwand so schnell, wie er gekommen war. »Du musst das nicht heute tun, weißt du.«

Ich drückte mich an ihn und atmete einmal tief durch. Fast hätte ich dabei meine Tasse fallenlassen. »Wir haben das doch besprochen. Wahrscheinlich dauert es ewig, bis sie alles geregelt hat. Je eher ich mich darum kümmere, desto besser.« Insgeheim fühlte ich mich längst nicht so zuversichtlich, wie ich hoffentlich klang. »Komm, Frühstück. Ich habe einen Bärenhunger!«

Zwei Stunden später blätterte ich an einem mit Krümeln und Käserinden übersäten Tisch in den ausliegenden Tourismusbroschüren. »Hast du schon eine Idee, was wir heute machen können?«

Falk schob die Aufschnittpackungen in den Kühlschrank und griff sich einen Spüllappen, um den Tisch abzuwischen. »Wir könnten einen ausgedehnten Spaziergang durch die Stadt machen, uns alles in Ruhe ansehen. Die Burg soll beeindruckend sein. Angeblich wurde sie vom Teufel persönlich erbaut.«

»Klingt nach einer soliden Idee.« Wir könnten uns heute ein wenig akklimatisieren und orientieren, ehe wir uns die restlichen Tage mit Programm vollpackten. Ich trank den letzten Kaffee und stellte meine Tasse zum restlichen Geschirr in die Spüle. »Lass uns die Fahrräder satteln.«

Das mit den Fahrrädern stellte sich als blöde Idee heraus, denn die Straße, die zum Stadtzentrum hinaufführte, war fast so steil wie unsere Hausstrecke hinauf nach Heiderhof. Ich war zwar durchaus fit, aber das hier überstieg meine körperlichen Kapazitäten bei Weitem. Ich strampelte im kleinsten Gang hinter Falk her. Dessen Vorsprung wurde immer größer. Schließlich hatte er Erbarmen mit mir, fuhr an den Bürgersteig und wartete auf mich. »Lass uns den Rest des Weges schieben, es ist bestimmt nicht mehr weit.«

Ich keuchte nur, zu einer Antwort reichte mein Atem nicht. Zum Glück hatte die hochsommerliche Hitze, die für die kommenden Tage angekündigt war, uns heute noch verschont. Und der Ort war wirklich nett hergerichtet. An jedem Gebäude fand man wenigstens Verzierungen aus dem lokal gehauenen Sandstein mit seinen braunen und rostfarbenen Schlieren. Alle Dächer waren schief, und sogar Wohnhäuser hatten überdimensioniert große Fensterscheiben Richtung Straße, durch die man alles sehen konnte. Mir wäre das ja zu dumm, so auf dem Präsentierteller zu wohnen.

Auf dem Marktplatz schlossen wir unsere Fahrräder an einem metallenen Geländer ab und kauften uns erst einmal ein Eis als Belohnung für unsere Mühen. Dann schlenderten wir durch die Stadtmitte, die in erster Linie aus Geschenkartikelläden und Cafés bestand. Es fiel mir schwer, allein vom Anblick zu erraten, wer Tourist und wer Einheimischer war. Die Straßen waren uneben gepflastert, und es fuhren kaum Autos. Beinahe fühlte ich mich in eine andere Zeit versetzt. Wir kletterten eine enge Stiege hinauf und blieben stehen, um die prächtige Burg zu bewundern, die über uns in den Himmel ragte. Auf dem schmalen Stück Gras an ihrem Fuß weideten einige Schafe, die sich durch nichts stören ließen. In den Kronen mächtiger Bäume saßen Krähen und beobachteten das bunte Treiben.

»Wollen wir sie uns ansehen?«, schlug Falk vor.

Ich nickte.

Zuerst passierten wir ein imposantes Tor, von dem aus man eine Art Vorhof betrat. Als wir unter dem steinernen Bogen hindurchgingen, spürte ich ein feines Prickeln im Nacken und blieb überrascht stehen. Ich hatte keine Spuren von Magie in der Nähe entdeckt. Mit geschlossenen Augen spürte ich der merkwürdigen Empfindung nach.

»Was machst du da?«, fragte Falk in meine Konzentration. »Arbeitest du etwa heimlich?« Aber ich antwortete ihm nicht – mit meiner Neugier würde er leben müssen. Wie eine Kompassnadel drehte ich mich, bis die Stelle über meiner Nasenwurzel genau auf die Quelle der magischen Energie zeigte. Dann schlug ich die Augen auf.

Nichts zu sehen.

Halt, nicht ganz. In den Stein waren, nur schwach zu erkennen, alte Zeichen gemeißelt. Sie sahen aus wie die Zeichnungen eines Kindes, waren jedoch eindeutig mit Magie aufgeladen – und wahrscheinlich schon sehr alt. Mit ein wenig Geduld könnte ich herausfinden, warum sie hier angebracht worden waren. Aber ich wollte den Langmut meines Begleiters nicht überstrapazieren.

Wir gingen hinein. Die Zufahrt zur Burg war noch ein bisschen steiler als die Straßen, auf denen wir uns bislang bewegt hatten, und ich war froh über die Schlange vor der Kasse. Diese Verschnaufpause hatten wir uns redlich verdient. »Das ist wahrscheinlich der einzige Berg in ganz Niedersachsen«, schimpfte ich halblaut und wischte mir die vom Eis klebrigen Finger an der Hose ab.

Falk musterte mich amüsiert. »Nächstes Jahr könnten wir in den Harz fahren, wenn du willst.« Er war kaum außer Atem und wirkte frisch und erholt. Nur die dunklen Ringe unter seinen Augen verrieten, dass auch er letzte Nacht nicht viel Schlaf bekommen hatte. Er knabberte immer noch an der Beinahe-Katastrophe, die wir im Juni in Köln erlebt hatten.

Die ältere Dame an der Kasse reichte mir Wechselgeld, Tickets und ein buntes Heftchen. »Hiermit erhalten Sie zwei Euro Rabatt je Karte auf eine Vorstellung der Freilichtbühne.«

Ich dankte ihr, steckte alles ein und betrat mit Falk zusammen den Innenhof der Burg. Ein Rundweg um ein Stück englischen Rasen war mit weißem Kies ausgestreut. Sandstein, wohin das Auge blickte. Türme unterschiedlicher Höhe zierten die Ecken der Anlage. Zu unserer Rechten ging es auf einen Wehrgang hinauf, und direkt gegenüber von der Kasse stand eine große Tür aus dunklem Holz einladend offen. Dort musste es zum Museumsteil der Burg gehen. Das Faltblatt, das wir zusammen mit den Eintrittskarten bekommen hatten, verriet mir, dass die Fürstenfamilie nur einen Turm des Gebäudes bewohnte. Der Rest der Burg konnte besichtigt werden.

Im Hauptgebäude fanden wir liebevoll hergerichtete Zimmer, deren Einrichtung jedoch für meinen Geschmack nicht ganz zu dem alten Gemäuer passen wollte. Zu modern, höchstens achtzehntes Jahrhundert. Ich hätte ja eher Stroh auf dem Boden und nachgestellte Rittergelage erwartet, stattdessen gab es Anrichten voll mit feinem Porzellan und leicht ausgeblichene Teppiche auf den Böden. Im ersten Stock stand ein Bücherregal mit hübschen Buntglastüren im Flur. Wir verbrachten mehrere Minuten damit, durch das Glas die in Frakturschrift gehaltenen Titel der ausgestellten Bücher zu entziffern. »Glaubst du, die liest noch jemand?«, fragte ich Falk über die Schulter.

»Keine Ahnung.« Er war ein paar Schritte weitergeschlendert und bewunderte eine komplette Ritterrüstung an einer imposanten Figur, die den Eingang zu einem Zimmer voller Ausstellungsstücke bewachte. »Ich frage mich, wie die Leute sich in so etwas bewegen konnten.«

Eine weiche Stimme antwortete: »Nicht besonders gut.«

Ich drehte mich um und stand einem blassen jungen Mann mit randloser Brille gegenüber, der sich einige alt aussehende Bücher unter den Arm geklemmt hatte. Er lächelte entschuldigend. »Verzeihen Sie meine Einmischung.« Damit verlagerte er die Bücher auf den anderen Arm und streckte die Hand aus. »Mein Name ist Friedjoff Meier, ich bin der Assistent des Archivars.« Mit einem Nicken Richtung Bücherregal fuhr er fort: »Ich beschäftige mich im Moment mit einer Aufstellung über die Turniersiege, welche die Burgherren im Verlauf der Jahrhunderte errungen haben. Wenn Sie mich entschuldigen würden…«

Bereitwillig trat ich einen Schritt beiseite, damit er an die Bücher kam. »Waren es viele?«

»Viele was?«

»Turniersiege«, half ich ihm auf die Sprünge.

Er überlegte kurz und schüttelte den Kopf. »Eher nicht. Aber es gibt interessante Aufzeichnungen über die Schäden, die das Tragen von Rüstungen verursacht hat.« Er sah zwischen mir und Falk hin und her. »Wenn Sie Interesse daran haben, kann ich Ihnen später ein paar Kopien meiner Aufzeichnungen geben.«

Ich wartete auf Falks Antwort, und er nickte. »Gerne.«

Der Assistent des Archivars lächelte erfreut. »Es dauert einen Moment, aber wenn Sie sich noch den Rest der Burg anschauen … in ungefähr einer Stunde kann ich Ihnen die Kopien an der Kasse hinterlegen.«

Wir bedankten uns und schlenderten weiter zu den nächsten Ausstellungsstücken, während Herr Meier mit seiner Leselast Richtung Treppe verschwand. Was für ein freundlicher junger Mann. Geistesabwesend betrachtete ich einen Fächer aus filigraner Spitze, der in einer gläsernen Vitrine ausgestellt lag. Was hätte die Besitzerin wohl zu erzählen, wenn man sie mit Hilfe des Fächers heraufbeschwören könnte? Es war nicht sicher, dass das bei seit so langer Zeit verstorbenen Personen gelang – es sei denn, sie hatten eine besondere Bindung zu dem Gegenstand, den man für die Beschwörung verwendete. Je länger eine Person tot war, desto durchwachsener waren die Ergebnisse, die ich in der Vergangenheit bei Beschwörungen erzielt hatte.

Hör auf, über die Arbeit nachzudenken, rief ich mich selbst zur Ordnung.

Wie auf Kommando vibrierte das Telefon in meiner Hosentasche. Ich zog es hervor und las eine Textnachricht: LASS UNS WEGEN DEINER ANFRAGE IN RUHE REDEN. Das kam von Raphael, und bedeutete wahrscheinlich nichts Gutes. Na ja, es war einen Versuch wert gewesen. Jetzt würde ich mich erst einmal auf die angenehmen Seiten des Lebens konzentrieren. Existenzängste liefen einem ja schließlich nicht davon.

Nachdem wir das Museum durchwandert hatten, spazierten wir einmal rund um den Innenhof. Über eine schmale steinerne Treppe konnte man den Wehrgang erreichen, und von dort aus sah man deutlich, dass dies hier wirklich der einzige Berg der ganzen Umgebung war. Der Rest der Landschaft erstreckte sich platt und grün bis zum Horizont. Zu unseren Füßen breitete sich ein Park aus, dahinter kam eine vielbefahrene Straße und danach nur noch Wald.

Falk beugte sich weit über die Brüstung. »Meine Güte, geht das hier tief runter!«

Ich musste mich in die Schießscharte hochziehen, um überhaupt über den Mauerrand gucken zu können. Prompt wurde mir schwindelig. Unter uns ging es mindestens zehn Meter in die Tiefe. Die Burg war auf gigantische graue und gelbliche Felsen gebaut, zwischen denen sich störrische Buchen in die Höhe reckten, als hätten sie keinen richtigen Erdboden nötig. Hier runterzufallen machte bestimmt keinen Spaß. Vorsichtig kletterte ich zurück auf den Boden der Tatsachen.

Eine junge Mutter mit zwei identisch gekleideten Kleinkindern im Schlepptau warf mir einen bösen Blick zu. Ich war wohl kein gutes Vorbild. Dann konnte ich es auch übertreiben. Ich drehte mich um, legte Falk die Arme um den Hals und küsste ihn lang und voller Leidenschaft.

Er war überrascht, machte allerdings bereitwillig mit. Erst als ich endlich von ihm abließ, holte er tief Luft und fragte leise: »Wofür war das denn?«

»Nur so.« Ich lächelte ihn schelmisch an, drehte mich um und tänzelte an der jungen Mutter vorbei. Hätte ich meine Hand ausgestreckt, hätte ich ihr die Kinnlade hochdrücken können.

Einen noch besseren Ausblick auf die Gegend hatte man vom Pulverturm, den wir gemeinsam mit einer Horde niederländischer Touristen bestiegen. Die Treppen im Innern wurden immer schmaler und wackliger, je höher man kam, bis wir uns schließlich über ein paar Holzsprossen mit klopfendem Herzen aus dem Halbdunkel ins Freie schoben. Meine Handflächen waren nassgeschwitzt, als ich beiseitetrat, um den nach mir Kommenden Platz zu machen.

Falk war an die Brüstung getreten und betrachtete das beeindruckende Panorama. Weite gelbe Felder erinnerten daran, dass das Schnitterfest quasi direkt um die Ecke auf uns wartete. Aluminiumgraue Wolken rollten über den Himmel, und ganz hinten im Rachen schmeckte ich die ersten Anzeichen für Gewitter. Wir sollten uns wohl nicht mehr allzu lange in der Stadt aufhalten, wenn wir trocken nach Hause kommen wollten.

Allerdings konnten wir die Burg nicht verlassen, ohne uns die Alchemie-Ausstellung anzuschauen. Angeblich hatte die Burg über lange Jahre immer wieder herausragende Magier beherbergt, und in einem Raum unter der Erde war eine ziemlich kitschige Ausstellung angelegt worden, um diesen im Verborgenen wirkenden Spezialisten ein Denkmal zu setzen. Bunte Glaskolben und in prunkvollen Pannesamt gekleidete Schaufensterpuppen sollten einen Eindruck davon vermitteln, wie man hier in der Vergangenheit gearbeitet hatte. In einer Nische im dicken Mauerwerk kauerte eine verkrüppelte Gummifigur, die einen Homunculus darstellen sollte – eine winzige, menschgemachte Miniatur des Menschen selbst. Angeblich, so las ich auf einer Tafel an der Wand, war es bei zwei Gelegenheiten tatsächlich gelungen, diese winzigen, von der Kirche verabscheuten Wesen in großen gläsernen Behältern zu zeugen. Unglücklicherweise habe keiner von ihnen länger als ein paar Tage gelebt, und die Aufzeichnungen darüber, wie sie erschaffen worden seien, seien in Geheimschrift und außerdem unvollständig.

Gut, wenn man mich in einem Glasballon hielte, würde ich auch freiwillig innerhalb einer Woche den Geist aufgeben. Ich betrachtete die Instrumente, die auf den Werktischen ausgelegt waren, und beschloss, dass moderne Zauberei viel praktischer war. Keine altmodischen Waagen mit Gewichten aus Messing, keine obskuren winzigen Haken, wie man sie heute höchstens noch beim Zahnarzt fand, und keine getrockneten Fledermausflügel – man gebe mir einen Mörser und einen Handmixer, und ich war auf alles vorbereitet.

Im untersten Raum des Turmes, von dem mehrmals ausdrücklich behauptet wurde, er sei keinesfalls ein Verlies gewesen, befanden sich an einer Wand Plaketten mit Aufzeichnungen über die Verbrechen, die in der Grafschaft im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert vor Gericht verhandelt worden waren. Einige desertierte Soldaten hatten ein Gehöft verwüstet. Ein Streit über versetzte Grenzsteine war beigelegt worden. Man hatte einen neuen Brunnen graben lassen und ein Bauer hatte mehr Holz aus den fürstlichen Wäldern geschlagen, als ihm gestattet worden war. Alles in allem schien dies eine sehr ruhige Gegend gewesen zu sein. Ich überflog die Tafeln mit halber Aufmerksamkeit, während ich gleichzeitig aus Gewohnheit der Energie des Ortes nachspürte. Schließlich befanden wir uns hier im Inneren des Berges – wo sonst würde ich einen derart direkten Einblick in das Leben in dieser Region erhalten?

Die Energieströme, die ich fand, waren kühl und ruhig, ganz anders als die feurige Energie des Siebengebirges. Möglicherweise lag das daran, überlegte ich, dass meine Heimatberge vulkanischen Ursprungs waren, während es sich bei Sandstein um Sedimentgestein handelte. Das war das einzige, was mir darüber aus dem Erdkundeunterricht im Gedächtnis geblieben war. Bestimmt könnte ich auch die restlichen Details während dieses Urlaubs auffrischen. In den Broschüren, die ich heute Morgen gelesen hatte, war der Sandstein als das »gelbe Gold der Region« bezeichnet worden. Es gab sogar nicht nur ein, sondern gleich zwei Sandsteinmuseen. Und einen stillgelegten Steinbruch, in dem man spazieren gehen konnte. Also, wenn das nicht die perfekte Gegend war, um ein wenig abzuschalten und sich zu erden, wusste ich auch nicht weiter.

Falk sah mir lesend über die Schulter. »Merkwürdig.«

»Was ist merkwürdig?«

»Offenbar hat es hier in der Gegend nicht einen einzigen Fall von Hexenverfolgung gegeben. Oder wenigstens erwähnt diese Auflistung nichts davon.«

Stimmt, wo er es sagte … »Wahrscheinlich findet das Tourismusbüro, Scheiterhaufen vermitteln ein falsches Bild der Gegend.« Doch ich machte mir eine geistige Notiz, auch diesem Punkt nachzuforschen.

Als wir den Turm verließen, brauchte man kein besonderes Gefühl für Wetter, um das aufziehende Unwetter zu bemerken. Die Luft war warm und pelzig auf der Haut, und der Wind hatte an Stärke gewonnen. »Die Kapelle und die Bibelausstellung schauen wir uns bei der nächsten Gelegenheit an«, bestimmte Falk und schob mich Richtung Ausgang. Wir hatten schon beinahe das Kassenhäuschen passiert, als mir der freundliche Mensch von vorhin einfiel. Ich drehte mich zu der Dame an der Kasse um und lächelte. »Entschuldigen Sie, ein Herr Meier wollte uns einige Kopien überlassen.«

Sie musterte mich über den Rand ihrer Brille, als müsse sie erst entscheiden, ob ich dieser Papiere auch würdig sei. Glücklicherweise bestand ich ihren Test, denn sie lächelte nach einem Moment, griff unter das Pult und zog einen braunen Umschlag hervor. »Bitte sehr. Ich hoffe, es hat Ihnen bei uns gefallen.«

Ich nickte, bedankte mich für die Papiere und wurde dann von Falk Richtung Marktplatz gezerrt, wo unsere Fahrräder warteten. »Komm, so ein Gewitter schaue ich mir am liebsten von drinnen an.«

Der Rückweg zu unserem Ferienhäuschen gestaltete sich wesentlich einfacher, denn die meiste Zeit über ging es bergab. Trotzdem wurden wir am Ende der Straße vom ersten Regenguss überrascht. Ein Windstoß fuhr durch die Baumwipfel, es krachte – und gleich darauf erwischte uns der Regen wie eine Wand aus Wasser. Ich trat noch einmal heftig in die Pedale, um die Einfahrt zu unserer Hütte hinaufzukommen. Meine Füße rutschten von den Pedalen ab. Wasser rann mir aus den Haaren in die Augen. Ich konnte kaum etwas erkennen. Dicht hinter mir hörte ich Falk unterdrückt fluchen. Wir schoben die Räder in den Schuppen und drückten uns so schnell wie möglich an der Hauswand entlang bis zur Eingangstür auf der Rückseite des Gebäudes.

Unter dem schmalen Vordach zerrte ich mir die nassen Klamotten vom Leib, um den Fußboden in der Hütte zu schonen. Die Nachbarn konnten uns hier sowieso nicht sehen. Meine Jeans landeten in einer sich schnell ausbreitenden Pfütze auf den Steinplatten. Nur in Unterwäsche hüpfte ich auf eiskalten Füßen ins Haus und direkt weiter in die winzige Nische, die als Entschuldigung für ein Badezimmer herhalten musste.

Falk folgte mir in triefnassen Shorts. Ich reichte ihm Handtücher in den Flur und begann, mich energisch abzurubbeln. Warum war Sommerregen bloß so kalt?

Meine Tasche hatte den Guss, mehrerer Lagen Imprägnierspray sei Dank, mehr oder weniger unbeschadet überstanden. Nachdem ich mir Jogginghosen und ein Top übergezogen und den künstlichen Kamin voll aufgedreht hatte, breitete ich meine Habseligkeiten auf dem Wohnzimmertisch aus. Der Umschlag mit den Kopien war ein wenig feucht, und ich zog die einzelnen Seiten schnell auseinander, um sie auf der Fensterbank zu trocknen. Nicht, dass mich die Details eines Lebens in Rüstung tatsächlich so sehr interessierten, aber falls wir Herrn Meier noch einmal begegneten, wollte ich wenigstens ein oder zwei Schlagwörter gelesen haben.

Während Falk sich in Ruhe abtrocknete und umzog, setzte ich uns Teewasser auf und haute ein paar Spiegeleier in die Pfanne. Morgen würden wir richtig einkaufen gehen müssen. Aber für heute war ich vollauf zufrieden, in unserer Hütte zu bleiben, ohne Fernseher oder Internet, und durch das Panoramafenster dem Regen zuzusehen. Die Landschaft war nur undeutlich zu erkennen, wie ein trübseliges Aquarellgemälde.

»Mist!«, tönte es plötzlich aus dem Flur. Ich drehte mich alarmiert herum und sah Falk Richtung Haustür stürzen.

»Was ist passiert?«

»Mein Handy!« Er hielt seine tropfnassen Hosen am ausgestreckten Arm und versuchte, mit der freien Hand die Hosentaschen zu durchwühlen, ohne selbst wieder nass zu werden. Nach einigen Augenblicken hatte er sein Mobiltelefon gefunden. Ich war ja kein Experte in Sachen Technik, aber so wirklich gut war Wasser für diese Teile nicht, oder?

Falk eilte in die Küche und begann, wahllos die Schranktüren zu öffnen.

Ich stand auf und schloss die Haustür. »Reis ist da drüben im Eckschrank.« Soviel hatte ich inzwischen herausgefunden. Geschickt ließ ich die Eier auf zwei Teller gleiten und goss Tee auf. Dann legte ich mehrere Scheiben Brot in die Pfanne und drückte sie mit dem Pfannenwender an, bis ich ein leises Zischen hörte. Gleichzeitig wühlte ich mit der freien Hand in der Besteckschublade nach einem Gemüsemesser.

Falk hatte sein Telefon in einer Dose mit trockenem Reis deponiert, kam zu mir herüber und nahm mir das Gemüsemesser aus der Hand. »So häuslich kenne ich dich gar nicht.«

»Gewöhn dich nicht dran«, antwortete ich grinsend. Bis auf meine lange Mähne war ich schon wieder trocken und fast warm. »Schneidest du uns ein paar Tomaten?«

Er machte sich ans Werk, während ich den Toast wendete. Wenige Minuten später saßen wir am Tisch. Falk nahm einen Bissen Ei und verzog das Gesicht. »Hast du Salz genommen?«

Verflixt, ich wusste doch, dass ich etwas vergessen hatte. »Darum kochst du normalerweise für uns«, erklärte ich und holte Salz- und Pfefferstreuer von der Anrichte. »Glaubst du, dass du dein Telefon retten kannst?«

»Wer weiß.« Falk wirkte nicht besonders besorgt. »Außer meiner Familie hat sowieso niemand die Nummer, und die rufen einfach bei dir an, wenn sie mich nicht erreichen.«

Familie … ich musste noch mit Aradia telefonieren. Aber bestimmt nicht heute, oder? Vor meinem geistigen Auge begann ich ein emotionales Plädoyer dafür, dass mir wenigstens ein Tag Urlaub vergönnt sein sollte, ehe ich mir Streit suchte. Allerdings glaubte ich das selbst nicht so recht. Je eher ich das alles hinter mich brachte, desto besser.

Falk verzog sich mit den bunten Broschüren auf das Rattansofa im Wohnzimmer, während ich mir das Telefon ans Ohr klemmte, um das Unvermeidliche hinter mich zu bringen. Es wurde höchste Zeit, unsere Zukunft in Angriff zu nehmen.

Erst nach langem Klingeln nahm Aradia den Hörer ab. Wahrscheinlich hatte ich sie bei ihrem nachmittäglichen Rundgang durch den Gemüsegarten gestört. In Juli und August gab es auf dem Hexenhof eine Menge zu tun, und sogar die Oberhexe war gefragt. Dementsprechend klang sie auch eher kurz angebunden. Oder war das etwa, weil sie mein Anliegen schon kannte?

»Helena. Wie schön, von dir zu hören.« Der Ton ihrer Stimme machte die Aussage zu einer höflichen Lüge.

»Es tut mir leid, dass ich dich störe. Ich werde dich nicht lange aufhalten.« Zur Abwechslung war einmal ich diejenige, die etwas wollte. Und ich ahnte bereits, dass Aradia mich das konstant spüren lassen würde. Zum Glück war ich in emotionaler Hinsicht nicht aus Zucker. »Hattest du inzwischen Zeit, deine Unterlagen durchzusehen?«

»Ich verstehe nicht, warum das gerade jetzt so wichtig für dich ist.« Sie klang tatsächlich ein wenig besorgt. »Setzt Falk dich etwa unter Druck?«

»Natürlich nicht!«, brauste ich auf, ehe ich mich zügeln konnte. Einmal tief durchatmen. »Du weißt, was wir in den letzten Monaten alles durchgemacht haben. Die Sache mit Berlin…«

»Das willst du mir immer noch vorhalten? Ich hätte es mir ja denken können!«

»… war bei Weitem nicht das Schlimmste«, fuhr ich mit zusammengebissenen Zähnen fort. »Sogar aus den überregionalen Medien dürftest du einiges mitbekommen haben. Und was jetzt in Köln passiert ist…«

»Wenn wir uns das nächste Mal treffen, musst du mir unbedingt den Instrumentenzauber erklären. Das klang hochgradig faszinierend.«

Himmel, musste sie mich immer unterbrechen? Fast, als wolle sie gar nicht, dass ich zum Punkt komme. »Wenn du möchtest, gebe ich dir gerne Svens Nummer, dann könnt ihr euch auf Expertenebene austauschen. Aber jetzt wollte ich dich noch einmal bitten, dass du Großmutters Unterlagen durchschaust und mit einem Notar sprichst. Bestimmt können wir das alles ganz leicht auseinandersortieren.«

»Warum sagst du mir nicht einfach, warum du das Geld brauchst?«

»Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig«, sagte ich mit so viel Freundlichkeit, wie ich in dieser Situation aufbringen konnte. »Unsere Abmachung war, dass ich meinen Teil des Erbes dem Hexenhof zur Verfügung stelle, bis ich es selbst verwenden möchte.«

»Und jetzt erwartest du, dass ich von heute auf morgen sämtliche Finanzen auf den Kopf stelle, damit du dir eine deiner Grillen erfüllen kannst.«

Ganz ruhig bleiben, Helena. Ich zwang mich, eine höfliche Tonlage beizubehalten, und erklärte: »Das ist nicht eine meiner Grillen. Ich plane, die Hexerei an den Nagel zu hängen.«

Kapitel 2: Neue Ufer

Entgeistert starrte ich den Hörer an. »Sie hat einfach aufgelegt.«

»Ist wohl nicht sehr begeistert von der Idee.« Natürlich hatte Falk gelauscht.

»Ich konnte ihr gar nicht alles erklären.« Mein Daumen verharrte über dem Rückruf-Symbol. Wie gut standen meine Chancen, jetzt keine mittelschwere Katastrophe auszulösen, wenn ich auf sofortiger Klärung bestand? Vielleicht sollte ich meiner Mutter lieber ein wenig Zeit lassen, um die Informationen in kleinen Häppchen zu verdauen. Sie hatte nicht kategorisch abgelehnt. Dadurch würde es zwar noch länger dauern, aber wir hatten ja keine Eile. Eigentlich ging es uns finanziell gar nicht so schlecht. Ich hätte nur gerne ein größeres Polster für die Zeit, in der ich mich umorientierte.

Seit der Sache in Köln schlief Falk schlecht. Nach langen Diskussionen waren wir zu der Erkenntnis gekommen, dass es beruflich so nicht weitergehen konnte. Alle paar Wochen landete mindestens einer von uns in Lebensgefahr. Ich wusste gar nicht, warum dieses Jahr beinahe jeder Auftrag, den ich annahm, sich als so gefährlich entpuppte. Vielleicht standen die Sterne ungünstig. Oder es lag an Falks Familienfluch. Wenn den übernatürlichen Kräften so viel daran lag, ihn aus dem Weltgeflecht zu entfernen, dass sie Kollateralschäden in Kauf nahmen, mussten wir uns etwas einfallen lassen. Keinesfalls stand zur Debatte, uns weiter absichtlich in Schwierigkeiten zu bringen. Nach dem Urlaub wartete auf Falk eine Stelle als Trainer in seinem Fitnessstudio. Und ich … tja, für Magiebegabte gab es einige Ausschreibungen im öffentlichen Dienst, und auch diverse Firmen rissen sich um uns. Ich musste nur eine Stelle finden, die ich mit meinem Moralempfinden und meinem Drang nach Unabhängigkeit vereinbaren konnte. Und da das die Suche schwieriger machen würde, hatte ich Aradia erklärt, dass ich meinen Teil des Erbes, das wir von ihren Eltern erhalten hatten, aus dem Hexenhof abziehen würde. Ich hatte ja gerade wieder gesehen, wie gut sie diese Ankündigung verkraftete.

Falk drückte mich kurz an sich und ging dann hinüber zur Küchenanrichte. »Kaffee? Sieht aus, als hätte der Regen endgültig aufgehört, wir könnten später noch einmal ausgehen.«

Überrascht sah ich aus dem Fenster. Nach der Weltuntergangsstimmung von vorhin hatte ich mich auf einen gemütlichen Abend zu zweit eingestellt. Ganz unten in meiner Reisetasche gab es sogar ein paar Bücher, die ich schon seit langem hatte lesen wollen. Aber in genau diesem Moment schob sich die untergehende Sonne hinter einem grauen Wolkenband hervor. Auf einmal funkelten Bäume und Wiesen, als hätte jemand einen Sack Diamanten über ihnen ausgeschüttet. Der Anblick raubte mir den Atem.

Auf dem kleinen Tischchen vor dem Sofa lag ein Prospekt aufgeschlagen. Neugierig nahm ich ihn in die Hand. Nach den Knicken und feinen Rissen in dem beschichteten Papier hatten sich schon viele Gäste für diese Angebote interessiert. Es gab Bootstouren auf Kanälen und Flüssen, geführte Radwanderungen und einen monatlichen Tag der offenen Tür in der Mühle im Nachbarort, an dem man im Holzofen gebackenes Brot kaufen konnte. Außerdem wurden mehrere Stadtrundgänge angepriesen.

»Ich dachte, wir könnten uns das da heute Abend anschauen.« Falk stellte die Tassen auf dem Tisch ab und zeigte auf ein dunkles Foto.

GRAFSCHAFTER GEISTER stand in fetten Buchstaben links neben dem Bild, das einige aufwendig kostümierte historische Charaktere zeigte. Ich überflog den Text. »Klingt interessant. Bist du sicher?«

Er ließ sich in die Kissen fallen. »Natürlich. Das müsste dich doch brennend interessieren. Und es ist ja wohl nicht so, als ob die Dämonen von der Kette lassen.«

»Schlecht für‘s Geschäft«, stimmte ich ihm zu. »Aber das geht recht spät los, erst um zehn. Was machen wir bis dahin?«

Er zog mich auf seinen Schoß. »Erst einmal trinken wir unseren Kaffee. Und dann fällt uns bestimmt etwas ein.«

Tatsächlich wurde uns nicht langweilig. Später kochte Falk uns Nudeln mit einer Sauce aus den letzten Tomaten und ein wenig Basilikum, den er aus einem Beet hinter dem Haus gepflückt hatte. Wir genossen ein gemütliches Abendessen zu zweit auf der überdachten Terrasse, die den Regenguss erstaunlich trocken überstanden hatte. Leider wurde das traute Beisammensein vom Klingeln meines Mobiltelefons gestört. Allmählich bekam ich den Eindruck, dass ein gepflegter Exorzismus dem Ding ganz guttun könnte.

Als Kontakt prangte auf dem Sperrbildschirm HEXENHOF. Hatte Aradia sich etwa so schnell wieder eingekriegt? Das wäre ein neuer Rekord. Mit trockenem Mund stand ich auf, trat ein paar Schritte beiseite und nahm den Anruf an.

Aber nicht Aradia war in der Leitung, sondern Fatima. »Helena, hallo!«

»Wie schön, von dir zu hören!«, antwortete ich überrascht. »Wie geht es dir? Was macht Muna?« Langsam wanderte ich durch das feuchte Gras Richtung Gartenzaun.

»Muna gut, ich gut«, antwortete sie mit einem vorwurfsvollen Ton in der Stimme. »Mutter gar nicht gut.«

War etwas passiert? Nein, beruhigte ich mich selbst, ihre rechte Hand Helga hätte mich in dem Fall unmittelbar informiert. »Was hat sie?«

»Du sie sehr aufregen. Aradia wütend. Gar nicht gut!« Fatima klang sehr bestimmt.

»Die regt sich auch wieder ab«, versuchte ich sie zu beruhigen. »Aradia und ich, wir haben eine … eher impulsive Beziehung zueinander.«

»Sie ist Mutter, du dich anstrengen.«

Echt jetzt? »Ich finde es lieb, dass du dich um sie sorgst, aber das ist eine Sache zwischen ihr und mir«, erklärte ich entschieden. »Ich verspreche, dass kein Blut fließen wird.« Und damit lehnte ich mich schon weit aus dem Fenster.

»Du gut überlegen«, antwortete Fatima. »Aradia tun so viel für dich, für uns, immer große Sorge um euch. Und du nix gute Tochter.«

Ach so? »Jede Frau kriegt die Tochter, die sie verdient.« Für Einmischungen hatte ich ja mal gar nichts übrig. »Grüß bitte die anderen von mir, ich muss auflegen!« Anstatt auf ihre Antwort zu warten, drückte ich das rote Symbol und starrte noch einen Moment auf den Bildschirm. Warum hatten wir uns nicht ein Funkloch für unseren Urlaub gesucht? Ich unterdrückte das schlechte Gewissen. Im Mai hatte ich Fatima geholfen, mit ihrer Tochter zusammen bei meiner Mutter auf dem Hexenhof unterzukommen. Die Bonner Behörden waren ganz froh gewesen – niemand hatte so recht gewusst, was sie mit einer syrischen Hexe anfangen sollten. Aber das bedeutete nicht, dass ich für ihre Gefühle in Bezug auf meine Beziehung zu Aradia verantwortlich war.

Falk hatte die Teller abgeräumt und war mir ans Ende des Gartens gefolgt. »Alles in Ordnung?«

»Ja«, grummelte ich. »Fatima meint nur, ich sei eine schlechte Tochter.«

Bestimmt nahm Falk mir das Telefon aus den Fingern. Als er an dem Gerät zerrte, merkte ich, dass ich es mit vor Anstrengung weißen Fingern umklammert hielt. »Gibt mir das, ehe jemand verletzt wird. In Syrien ist der Familienzusammenhalt ganz anders. Mit der Zeit versteht Fatima das schon.«

»Und was weißt du überhaupt über Syrien?«

Er steckte mein Telefon ein. »Ich bin eben viel rumgekommen.«

»Weißt du, was ich nicht verstehe?«, fragte ich.

Er legte den Kopf schief.

»Wenn du so unglaublich erfolgreich warst, warum bist du dann heute nicht reich?«

Das lockte ein Lächeln auf seine Lippen. »Wer sagt, dass ich nicht insgeheim reich bin?«

Klar. Ich knuffte ihn in die Seite, stellte mich auf die Zehenspitzen und drückte ihm einen Kuss auf den Mund. »Du arbeitest also aus purer Selbstlosigkeit für mich.«

»Einer muss ja auf dich aufpassen.«

Das könnte ihm so gefallen. Ich warf einen Blick Richtung Himmel. »Wie lange dauert es bis zu dieser Stadtführung?« In mir brodelte es noch ein wenig, und ich brauchte dringend Bewegung.

Falk dachte kurz nach. »Etwa zwei Stunden, glaube ich. Aber wenn ich das richtig verstanden habe, können wir durch den Wald Richtung Stadt gehen. Hättest du Lust auf einen kleinen Spaziergang?«

Das war einer der Gründe, warum ich ihn liebte.

Schnell suchten wir unsere Sachen zusammen. Meine Jeans waren inzwischen einigermaßen getrocknet, und in Kombination mit einer gelben Sweatjacke und einem schwarzen T-Shirt fühlte ich mich ausreichend präsentabel. Meine Haare band ich zu einem schweren Pferdeschwanz. Schließlich waren wir im Urlaub und nicht bei einem Staatsbankett. Die Luft war angenehm mild.

»Willst du wirklich Sandalen anziehen?«, fragte Falk mit hochgezogener Augenbraue.

Na gut. Turnschuhe waren bestimmt genauso bequem. Schnell noch einige Kleinigkeiten in meiner Umhängetasche verstaut, und ich war abreisebereit. Das lästige Telefon ließ ich in der Schublade meines Nachtschränkchens, das hatte mich heute schon genug geärgert.

Der Pfad, der in den Wald führte, war zwischen zwei weiteren Ferienhäusern sorgfältig versteckt. Beinahe hätten wir das Schild übersehen. »Die hätten sich wirklich keine kleineren Wegweiser bestellen können«, murmelte Falk und stieg mit zwei großen Schritten über die von Wind und Wetter schiefgeschliffenen Betonstufen hinweg. Über unseren Köpfen raschelte das Sommerlaub, und einige feine Wassertropfen gingen auf uns hernieder. Ich zuckte zusammen, als ein vorwitziges Exemplar sich seinen Weg in meinen Kragen suchte.

Dieser Wald fühlte sich ganz anders an als der Kottenforst. Meine energetischen Wurzeln, die ich beinahe schon automatisch in die Tiefen schickte, sanken wie von selbst in den sandigen Boden, der eine erstaunliche Wärme ausstrahlte. An einigen Stellen spürte ich größere Störungen im Boden – was konnte das sein? Ich untersuchte sie und schloss, dass es sich um Gesteinsbrocken handeln musste.

Langsam suchten wir uns zwischen Kiefern und Birken einen Weg den Hang hinauf. In der Ferne rauschte eine Schnellstraße an uns vorbei.

»Dafür, dass wir in Niedersachsen sind, sind die Wege ziemlich steil«, stöhnte ich.

Falk sah sich nicht nach mir um. »Das spart dir eine halbe Stunde Joggen, komm!« Die Anstrengung schien ihm Spaß zu machen. Seine Füße fanden wie von selbst die unsichtbaren Stellen, an denen unter dem trockenen Laub des Vorjahres der Boden nicht weich und rutschig war. Ich im Gegensatz schlidderte immer wieder hangabwärts, wenn ich nicht gerade über einen verborgenen Stein stolperte oder einen herumliegenden Ast zwischen die Füße bekam. Da mussten finstere Mächte am Werk sein.

Gib dich hin, raunte eine Stimme in meinem Kopf.

Irritiert hielt ich inne. War da jemand? Schnell überprüfte ich unsere Umgebung. Keine Menschenseele, soweit meine energetischen Fäden reichten. »Hast du das gehört?«, rief ich Falk hinterher.

»Was?«

Offenbar nicht. Ich schüttelte meinen Kopf, holte einmal tief Luft und beschloss, der Stimme zu vertrauen. Dinge, die nur in meinem Kopf existierten, konnten gar nicht schlecht sein, oder?

Es war, als tue der Wald sich um mich herum auf, um mich zu umarmen, und auf einmal fühlte ich mich zuhause. Der Duft war gleichzeitig tröstlich und belebend – würzig, leicht modrig und mit einer Spur Mineralien in der abendlichen Brise. Ein Sonnenstrahl fiel durch die tanzenden Blätter auf den Boden. Der Sandstein, über den ich beinahe gestolpert wäre, glitzerte, als sei er mit Zuckerkristallen bestäubt.

Danach fiel mir die Wanderung leichter. Ich überließ mich dem Hang und dem Wald, und auf eine merkwürdige Weise wurde es dadurch einfacher. Innerhalb weniger Minuten hatte ich Falk eingeholt, und schweigend erreichten wir den Bergrücken.

Zu unserer Linken sahen wir tief unter uns eine Straße undeutlich zwischen schlanken Birkenstämmen, die sich an die Flanke des Hügels klammerten. Falk wies nach rechts. »Ich denke, dort rechts sollte der Steinbruch sein.«

»Haben wir Zeit für einen Abstecher?«

»Warum nicht?« Er drehte sich nach rechts und folgte einem schmalen Pfad, der zwischen den Bäumen verschwand. Soviel Spontaneität war mir fast schon unheimlich. Aber der Wald wirkte ruhig und friedlich, also folgte ich ihm.

Wir arbeiteten uns langsam, aber sicher in die Höhe. Wie merkwürdig. Sollte so ein Steinbruch nicht irgendwo unten sein? So viel höher konnte dieser Hügel gar nicht werden. Bestimmt waren wir irgendwo falsch abgebogen, oder Falk hatte die Karten falsch gelesen. Ich schloss zu ihm auf und griff nach seinem Arm. »Vielleicht sollten wir …«

Der Rest des Satzes blieb mir im Hals stecken, als ich mich umsah und begriff. Wir standen nicht IM Steinbruch, sondern obendrauf. Zu unserer Linken lag ein kleines Plateau mit einer Kante aus dem mir inzwischen vertrauten gelblichen Sandstein – und dahinter ging es steil abwärts. Die Kronen üppiger Buchen mussten sich recken, um uns zu erreichen. Wie hoch war das hier? Zehn Meter? Fünfzehn? Ich war mir nicht sicher. Vorsichtig trat ich auf das Plateau hinaus und bemerkte, dass der Himmel sich über uns wölbte wie eine umgedrehte blaue Glasschüssel. Im Westen färbte der Horizont sich allmählich orange. Das satte Grün der Bäume um uns herum wurde langsam dunkler. Die armdicke Wurzel einer Kiefer reichte auf der Suche nach einem ordentlichen Halt quer über das Plateau. Und während ich die Szenerie genoss, entdeckte ich den Abendstern über unseren Köpfen.

Falk trat von hinten dicht an mich heran und legte seine Arme um meine Taille. »Ein hübsches Fleckchen Erde«, murmelte er an meinem Ohr. Dann streckte er den rechten Arm aus, wies in den Steinbruch hinunter und flüsterte: »Sieh mal.«

Es sah aus, als seien Sterne auf die Erde gefallen. Winzige Lichter bewegten sich zwischen den Bäumen im Grund tief unter uns, bläulich und grün schimmernd. Sie tanzten umeinander und schienen sich gegenseitig zu necken, verharrten in den Schatten oder flitzten blitzschnell umher wie übermütige Kätzchen.

Irrlichter. Wunderschön.

Wir beobachteten das Spektakel schweigend und länger, als vernünftig war. Als wir uns endlich loseisen konnten, war die Sonne beinahe verschwunden und der Weg nur noch schwer zu erkennen. Diesmal war ich diejenige, die vorweg ging. Ich hatte es geschafft, die Verbindung mit meiner Umgebung aufrecht zu erhalten. Meine Füße fanden ihren Weg wie von selbst. Dies war ein sehr freundlicher Ort. Wenn wir lange genug blieben, könnte ich hier oben das Schnitterfest feiern.

Als wir den ursprünglichen Weg wieder erreichten, ging es bergab. Wir hatten noch etwa eine Stunde, ehe die Stadtführung beginnen würde. Jetzt war ich wirklich neugierig. Was für eine Sorte Geister würde diese Region hervorbringen? Wir verließen den Wald, überquerten eine überraschend stabile Brücke und sahen im Vorbeigehen den Eingang einer Freilichtbühne, die mitten in die Felsen hineingebaut zu sein schien. Bunte Werbetafeln am Straßenrand verkündeten ein Kinderstück über Kobolde und Abenteuer, und für die erwachsenen Gäste gab es eine gruselige Liebesgeschichte, wenn ich die Bilder richtig interpretierte. Die scharfen Reißzähne und die verwelkende Rose waren ein solider Hinweis. Ich bezweifelte, dass es für die Protagonisten gut ausgehen würde. Im Abendwind rauschende Buchen formten einen grünen Tunnel, durch den wir Richtung Stadt gingen.

»Wenn ich das richtig verstanden habe, geht es von hier aus nur noch geradeaus«, erklärte Falk, ohne dass ich fragen musste. Er führte mich an einigen Wohnhäusern unterschiedlichen Alters vorbei, langsam immer weiter den Hügel hinab, und schließlich erkannte ich die ersten Gebäude des Ortskerns. Wir hatten, wenn ich der Uhr am Rathaus Glauben schenken wollte, noch knapp zehn Minuten, bis die Führung losging. Auf dem Marktplatz herrschte trotz der späten Stunde reges Gedränge. Wir stiegen eine Treppe zwischen zwei bauklotzförmigen Gebäuden hinauf und fanden uns an einem Teich wieder, der einer Inschrift zufolge einmal als Pferdetränke gedient hatte. Das war der vereinbarte Treffpunkt. Hier stand auch bereits eine kleine Gruppe verdächtig touristisch aussehender Gestalten, die sich suchend umsahen.

»Ich denke, wir sind hier richtig«, sagte ich leise, griff nach Falks Hand und zog ihn auf die Gruppe zu. »Guten Abend, warten Sie auch auf die Geisterführung?«

Eine ältere Dame in Wandershorts und einem Funktionshemd in Weiß und Türkis nickte so heftig, dass ihr grauer Pferdeschwanz wippte. »Ziemlich spät für eine Stadtführung. Aber ich nehme an, die Gespenster tauchen nicht eher auf.«

Der korpulente Herr neben ihr schnaubte und schüttelte den Kopf, dass sein Truthahnhals schlackerte. »Lass dich doch nicht neppen, Jutta. Dat sind wahrscheinlich die gleichen Schauspieler, wie wir sie gestern Abend anner Freilichtbühne gesehen haben. Sogar die Kostüme sinds, wolln wa wetten?«

Sie warf ihm einen bösen Blick zu.

Das klang nach einem Streit, der schon einige Jahre auf dem Buckel hatte. Ehe er in etwas wirklich Unangenehmes ausarten konnte, lenkte ich schnell ab. »Wie war das Stück? Entschuldigen Sie meine Neugier, wir sind erst gestern Abend angekommen.«

Plauderei schien Jutta zu besänftigen, denn sie lächelte. »Ziemlich gut – vor allem, da das alles Laiendarsteller sind. Das hätte ich gar nicht erwartet. Und schöne Musik.«

Auch das musste er kommentieren. »Kam bestimmt alles vom Band. Des ham die niemals live gesungen.« Basierend auf der Dynamik zwischen den beiden hätte ich meine Turnschuhe verwettet, dass sie verheiratet waren. Und zwar schon ziemlich lange.

Glücklicherweise tauchte in dem Moment eine knubbelige Gestalt mit langem schwarzem Umhang, Schlapphut und einer Laterne an einem langen Stecken auf. »Höret, höret!«

Sofort verfiel die kleine Gruppe in erwartungsvolles Schweigen. Wir waren keine zehn Leute, und der Nachtwächter hatte unsere ungeteilte Aufmerksamkeit.

»Wie ich sehe, sind wir heute ein recht gemütliches Grüppchen«, setzte er an. »Dann wollen wir uns auch gleich sputen, damit ich euch einige der unheimlicheren Bewohner unserer kleinen Stadt vorstellen kann. Vorab allerdings noch ein paar Sicherheitshinweise. Zuerst: Wie ihr bestimmt schon gemerkt habt, liegt hier überall Kopfsteinpflaster. Das kann ganz schön rutschig sein. Passt also auf, wohin ihr tretet. Und lauft mir nicht zu weit davon – ich habe keine Lust, die ganze Nacht den Gänsehirten zu geben.« Dabei wackelte er lustig mit seiner Laterne. »Und zu guter Letzt: Egal, was passiert, fasst bitte keine der Gestalten, denen wir begegnen, an. Zum einen ist es unhöflich, und zum anderen können merkwürdige Dinge passieren. Die Führung dauert ungefähr zwei Stunden, wir sind also vor Zapfenstreich wieder hier. Die Kneipe dort unten kann ich übrigens sehr empfehlen. Die gehört meinem Schwager.« Er wartete auf die Lacher, die ein wenig zögerlich einsetzten, drehte sich um und stapfte an der äußeren Burgmauer entlang.

Falk und ich wechselten einen kurzen Blick. Er zog die Augenbrauen hoch. Ich hakte mich bei ihm unter. Das würde bestimmt lustig.

Auch wenn der August gefühlt mitten im Sommer liegt, merkt man bereits, dass die Kraft der Sonne wieder abnimmt. So war es inzwischen fast vollkommen dunkel, als wir den Eingang zum Park unterhalb der Burg passierten. In einer losen Reihe wanden wir uns zwischen den hölzernen Gattern hindurch und folgten wie eine brave Schafherde dem Nachtwächter über den rotgepflasterten Weg zwischen liebevoll gepflegten Rasenflächen hindurch. Mächtige Bäume bildeten schützende Inseln auf dieser gefühlt extrem offenen Fläche. Überrascht begriff ich, dass ich mich bereits an dieses kleine, irgendwie charmant verwachsene Örtchen mit seinen verwinkelten Gassen gewöhnt hatte. Im Gegensatz zu den Straßen, durch die wir heute Mittag geschlendert waren, fühlte ich mich jetzt wie auf dem Präsentierteller.

Zum Glück lotsten Hut und Laterne des Nachtwächters uns hinüber zu einem Baum mit ausladender Krone, den ich in der Dunkelheit nicht bestimmen konnte. Wir versammelten uns erwartungsvoll in der Runde. Falk hielt sich dicht bei mir. Sein Duft schwebte in der Abendluft. Über uns funkelten Sterne an einem dunkelblauen Himmel. Nur ganz im Westen zierte noch ein feiner Streifen Helligkeit den Horizont wie ein flammendes Band.

Mit ausgestrecktem Arm wies der Nachtwächter hinauf zur Burg, die wie ein unheimlicher Schatten über uns aufragte. »Bestimmt wisst ihr es schon, aber zur Sicherheit sage ich es nochmal. Die erste Festung an dieser Stelle ist vor mehr als tausend Jahren beurkundet worden. Bereits vorher, wenigstens erzählt man sich das so, gab es hier eine römische Ansiedelung. Dieses schöne Fleckchen Erde ist sozusagen besonders beliebt. Ist ja auch klar, schließlich ist man auf so einem Hügel doppelt geschützt – vor allem vor Feinden. Das einzige, was den Grafen lange fehlte, war – erratet ihr es? – ein Brunnen. Und jetzt seht einmal genau hin. Wartet, ich leuchte euch mit meiner Laterne.«

Ich kniff die Augen zusammen, um besser erkennen zu können, worauf er hinauswollte. Was gab es da oben nur zu sehen? Vielleicht war es zwischen den ganzen Bäumen versteckt. Warte, nein, da … was war das? Konzentriert beobachtete ich ein diffuses Leuchten, dass sich allmählich aus der Dunkelheit schälte. Da war ein grüner Punkt – nein, zwei Punkte, und eigentlich waren es auch mehr Schemen, mit langen Ausläufern, die wie Arme aussahen. Sie bewegten sich langsam, als kletterten sie mühsam den Berg hinauf.

Die Leute um uns herum sogen erschrocken die Luft ein. Sie sahen es jetzt also auch. Ich spürte ein vertrautes Kribbeln im Nacken. Das waren echte Gespenster!

Irgendwas ging hier allerdings nicht mit rechten Dingen zu. Ich fühlte mich wie bei meiner ersten 3D-Erfahrung im Kino – als versuche ich vergebens, beliebig innerhalb einer Filmszene zu fokussieren. Die Verstorbenen, mit denen ich normalerweise zu tun hatte, fühlten sich ganz anders an. Unauffällig richtete ich meine Aufmerksamkeit erst nach innen und folgte dann der Energie. Dabei bemerkte ich, dass Falk von dem Spektakel auf dem Hügel völlig gefangen war. Für ihn musste das ein komplett neues Erlebnis sein. Die meisten Menschen waren kaum empfänglich für die Energien von Geistern und Gespenstern – reiner Selbstschutz. Wir waren mit unseren eigenen Leben schon mehr als ausgelastet.

Wie funktionierten dann diese Touren? Ich war mir ziemlich sicher, dass die Geister echt waren. Blieb nur eine Möglichkeit. Ich verfolgte die Energie weiter bis zu ihrem Ursprung. Die Nachtwächterlaterne schwang leicht hin und her. Sie verteilte eine Art energetisches Netz auf unserer kleinen Gruppe. Hatte ich diesen Passus im Kleingedruckten übersehen? Na gut, illegal war das alles nicht, und der Nachtwächter hatte meine Schilde nicht einmal ansatzweise kompromittiert. Ich schluckte zweimal, um mein natürliches Unbehagen loszuwerden, und beschloss, mich für einen Abend auf dieses Schauspiel einzulassen. Falls es mir zu viel wurde, konnte ich immer noch stärkere Geschütze auffahren. Ich zweifelte nicht daran, dass ich dieses großzügige Angebot an Energie jederzeit von meiner Seite aus steuern konnte. Es gab keinen Grund, Falk um den Genuss seiner ersten richtigen Gespenstergeschichte zu bringen.

Der Nachtwächter erzählte uns in schillernden Worten die Geschichte dieser beiden unglücklichen Gestalten. Von einem Grafen in grauer Vorzeit gefangengenommen, war ihnen auferlegt worden, innerhalb der Burgmauern nach Wasser zu suchen, wenn sie je wieder frei sein wollten. Jahr um Jahr hatten sie gegraben, Sommers wie Winters, und waren schließlich in unglaublicher Tiefe tatsächlich auf Wasser gestoßen. Die Erschöpfung, gepaart mit der Freude über das Ende ihrer Gefangenschaft, hatte sie angesichts dieses Erfolgs dahingerafft. »Und seitdem streifen sie um die Burg, genießen ihre Freiheit und sind doch dazu verdammt, auf ewig an diesem Hügel zu spuken.«

Offenbar erzählte er die Geschichte nicht zum ersten Mal, denn sie war zeitlich perfekt auf den Spuk abgestimmt. Während er zum Ende kam, verschwanden die Gestalten an der Burgmauer. Einen Moment warteten wir noch mit angehaltenem Abend, ob sich etwas Neues zeigte, aber alles blieb finster. Also setzten wir unsere Tour fort.

»Gibt es noch weitere Burggespenster?«, fragte ein junger Mann mit abgewetzten Jeans und einem niederländischen Akzent. Ich war mir nicht sicher, aber ich glaubte, in der Dunkelheit leicht angespitzte Ohren zu erkennen.

»Einige«, bejahte der Nachtwächter, »aber die meisten von ihnen befinden sich innerhalb der Burg, die kann ich euch leider nicht zeigen. Im Oktober gibt es jedes Jahr ein großes Fest, zu dem die Burg nachts Besuchern offensteht, vielleicht habt ihr da Glück. Hier außen gibt es nur noch das Teufelsohrkissen – und ihr seid bestimmt froh, dass wir heute Abend nicht dem Leibhaftigen begegnen!« In blumigen Worten erzählte er, wie der Teufel nach einer Wette mit dem ersten Grafen die Burg gebaut hatte und die Wette durch ein Nickerchen verlor. Der einzige Beweis für diese Geschichte war der Abdruck des Teufelsohrs, den man oben auf einem der Felsen sehen konnte, wenn man sich in der Burg an ein bestimmtes Fenster stellte.

Ich behielt meine Zweifel für mich.

Gemeinsam wanderten wir danach über unebenes Kopfsteinpflaster eine steile Stiege hinauf und standen kurz darauf auf dem Platz neben der Burg, von wo aus Falk und ich tagsüber die Schafe beobachtet hatten. Von denen war jetzt allerdings nichts zu sehen. Der Nachtwächter führte uns langsam die Straße entlang und erzählte nebenbei von einigen der Burggeister, die man nicht ohne weiteres zu sehen bekam – beseelte Rüstungen und Flure, die nie warm wurden. Ich hörte nur mit halbem Ohr zu und genoss die Atmosphäre der nächtlichen Stadt. In Bonn wurden die Straßen niemals so ruhig. Also, nicht dass dort mehr Leute unterwegs wären, aber es fühlte sich einfach lebhafter an. Geschäftiger. Nicht so … beschaulich. Ein Wort, von dem ich nicht gedacht hätte, dass ich es leichtfertig benutzen würde. Ich ertappte mich bei einem Lächeln.

Falk schloss dichter zu mir auf. »Amüsierst du dich?«

»Keine Sorge«, antwortete ich leise, »das hier ist ziemlich genial.« Da er auf dem Urlaub bestanden hatte, war er wohl ein wenig nervös, wie ich diese Pause aufnehmen würde. Vor allem, da ich wegen eines Problem mit meiner Hexenlizenz im Frühjahr eh schon mehrere Wochen hatte untätig sein müssen. Dann war meine Sekretärin Maria in die Flitterwochen gefahren und glücklicherweise gerade rechtzeitig zurückgekehrt, um Strega zu versorgen, während wir unterwegs waren. Sonst hätte ich die Diva in eine Katzenpension bringen müssen – was für ein Drama das gegeben hätte! Ich hatte das nur einmal gemacht, als ich während des Studiums für einige Tage zu einem Blockseminar nach München gemusst hatte. Sie hatte mir das mehrere Wochen lang übelgenommen. Mir war also alles Recht, solange sie in ihrer gewohnten Umgebung bleiben konnte.

Es war erstaunlich, wie viele Erscheinungen es in dieser kleinen Stadt gab. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass jedes Haus, das älter als fünfzig Jahre war, seinen eigenen Hausgeist hatte. Manchmal sah man eine Gestalt hinter einem Fenster aufleuchten, manchmal stand ein Schemen auf dem Dach, und einmal hörten wir nur ein Wispern, bei dem sogar mir mulmig wurde. Nach knapp eineinhalb Stunden, während derer wir im Zickzack durch die Innenstadt gewandert waren, näherten wir uns dem Ende der Tour. Keine Minute zu früh, die ganzen Eindrücke hatten mich schon ausgelaugt. Auch aus Falks Gesicht war das erste große Staunen verschwunden, aber er wirkte immer noch fasziniert von all den Wesen, die man im Alltag nicht zu sehen bekam.

Während wir zwischen einigen unaufregenden jüngeren Wohnhäusern hindurch spazierten, schob ich mich neben den Nachtwächter, der noch keinen Millimeter seiner guten Laune verloren hatte. »Sagen Sie, diese Geschichte mit dem Teufelsohrkissen … glauben Sie die eigentlich?«

»Kannst mich Helmut nennen, das tun hier alle«, brummte er.

»Helena Weide«, stellte ich mich automatisch vor.

»Freut mich, Helena. Und der Teufel … nun ja, gesehen habe ich ihn nicht. Bei so alten Geschichten weiß man ja nie. In den siebziger Jahren haben einige Leute wohl versucht, an genau der gleichen Stelle den Teufel zu beschwören. Das ist nicht gut ausgegangen.«

»Was ist passiert?«, fragte ich neugierig.

»Nun ja … an der Stelle gibt es heute einen großen Brandfleck.«

Beinahe hätte ich das schelmische Glitzern in Helmuts Augen übersehen. »Ach so. Und in echt?«

»Den Brandfleck gibt es wirklich!«, protestierte er amüsiert. »Die wussten nicht, wie man ein ordentliches Lagerfeuer macht, hätten um ein Haar die Burg abgefackelt. Die Polizei hat sie alle verhaftet. Lauter kluge junge Leute hier aus der Gegend, die hätten es eigentlich besser wissen müssen. Aber wir sind an unserer letzten Station für heute angelangt.« Er drehte sich zur Gruppe um. »Meine Damen und Herren! Bestimmt sind euch schon die Füße müde, und Durst habt ihr auch.«

Allgemeines Nicken war Antwort genug.

»Dachte ich mir. Nun will ich euch auch nicht länger als notwendig aufhalten, darum ist das hier die letzte Attraktion unserer kleinen Tour. Wenn wir gleich um diese Ecke gehen«, dabei wies er hinter sich, »seht ihr einen ganz besonderen Kirchhof.«

Wie auf Kommando schlug ganz in der Nähe eine Turmglocke.

»Schon so spät? Dann müssen wir uns aber beeilen! Kommt!«

Wir folgten ihm. Ich ließ mich zurückfallen, bis ich wieder neben Falk ging.

»Worüber habt ihr euch unterhalten?«, fragte er leise.

»Dumme Kinderstreiche«, antwortete ich bewusst vage. Dieser Typ war manchmal schon ziemlich neugierig.

Er zog mich kurz an sich, ohne dabei aus dem Tritt zu kommen. »Dein Spezialgebiet, nehme ich an.«

Empört machte ich mich los, doch ehe ich etwas erwidern konnte, hatten wir den Kirchhof erreicht. Der Anblick verschlug sogar mir die Sprache.

Die Kirche war nicht besonders groß und komplett aus lokalem Sandstein erbaut. Ebenfalls aus Sandstein war die etwas mehr als kniehohe Mauer, die den Kirchhof einfasste. Und aus Sandstein waren auch die zahllosen altmodischen Grabplatten, die scheinbar wahllos auf dem Kirchhof verteilt lagen. Über jeder einzelnen schwebte ein Geist in der Luft.

So etwas hatte ich noch nie gesehen. Mir fehlten die Worte.

Einige der Geister waren deutlich zu erkennen. Sie schienen aus unterschiedlichen Epochen und Schichten zu stammen, wie man an der Kleidung sehen konnte. Andere existierten nur so gerade eben, sogar mit verstärkter Geistersicht durch Helmuts Laterne, wie ein Nachbild auf der Netzhaut, wenn man zu lange in ein helles Licht gestarrt hatte. Hinter ihnen konnte man undeutlich den nächtlichen Ort sehen, in einen ungesunden grünen Schimmer getaucht.

»Wie ihr sehen könnt, herrscht hier reger Betrieb«, erzählte Helmut mit einer weit ausholenden Geste. »Warum das so ist – keine Ahnung. Natürlich haben kluge Professoren schon ihre Ideen gehabt, aber so richtig überzeugt hat mich keine. Auf jeden Fall sind diese Geister sehr friedlich, man kann sogar ohne Probleme zwischen ihnen hindurchgehen. Wollt ihr?«

Was für eine Frage! Natürlich wollten alle. Wann hatte man schon so eine Chance? Ich sah mich um, auf der Suche nach unseren Gesprächspartnern vom Anfang der Tour. Ob der Mann das immer noch alles für Humbug hielt? Er war ein wenig blass um die Nase. Spätestens das hier hatte ihn wohl überzeugt. Ein kluger Mann. Jutta hatte sich fest bei ihm untergehakt und zog ihn auf das Tor zu wie ein übermütiger Hund sein Herrchen an der Leine.

Dicht nebeneinander schritten wir durch das Tor, welches der Nachtwächter vorsichtig hinter uns wieder verschloss. »Bleibt bitte auf dem Weg!«, rief er uns nach, »sonst kriege ich Ärger mit der Friedhofsgärtnerei!« Er beeilte sich, wieder nach vorne zu kommen und die Führung zu übernehmen. »Wir gehen nur einmal um die Kirche, das dauert gar nicht lange. Und da vorne, die Straße hinauf, sind wir schon wieder am Marktplatz. Einmal aufpassen, der gute Pastor hier bemüht sich immer noch um Seelenrettung. Ein sehr anhänglicher Zeitgenosse.« Er machte einen großzügigen Bogen um eine Erscheinung, die langsam mit ausgestreckten Armen über ihrer Grabplatte rotierte. Ihr weißer Pfaffenkragen leuchtete so hell, dass er in den Augen brannte. Wahrscheinlich konnte man den sogar ohne Laternenunterstützung sehen.

Aus der Gruppe tönte es, leicht nervös: »Hatten Sie nicht gesagt, das hier sei ganz harmlos?«

»Bleibt ruhig, tun können die euch gar nichts. Aber wenn einer sich nachher wegen Geisterschleim auf der Jacke beschwert, kriege ich wieder Ärger mit dem Tourismusbüro.«