Mali oder das Ringen um Würde - Charlotte Wiedemann - E-Book

Mali oder das Ringen um Würde E-Book

Charlotte Wiedemann

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11,99 €

Beschreibung

Erkundung einer unbekannten afrikanischen Welt

Charlotte Wiedemann nimmt den Leser mit auf ihre Reisen und lässt ihn tief eintauchen in eine unbekannte afrikanische Welt. Zerrissen zwischen der ruhmreichen Vergangenheit und der politisch unsicheren Gegenwart, zwischen dem Reichtum vergangener Tage und der Armut heute suchen die Menschen in Mali voller Stolz nach ihrem eigenen Weg in die Moderne. Ein intensiver, ein ermutigender Blick auf dieses Land in der Sahelzone.

Mali gehörte einst zu den Zentren islamischer Wissenschaft und Kultur, das sagenumwobene Timbuktu war eine Handelsmetropole der alten Welt. Heute leidet das Land an Armut und Abhängigkeit, in jüngster Zeit wurde es obendrein durch Rebellion und Krieg geschwächt. Dennoch passt Mali nicht in das Klischee vom scheiternden Afrika. Charlotte Wiedemann, die das Land viele Male bereist hat, beschreibt eine Gesellschaft, die ihre Werte von Solidarität und Toleranz in den Wirren der Globalisierung zu verteidigen sucht. Ihre eindringlichen Reportagen zeigen Menschen, die um ihre Würde und Identität ringen – und sich gegen die Bevormundung durch den Westen ebenso wehren wie gegen einen fundamentalistischen Islam. Die Journalistin erzählt so behutsam wie kenntnisreich; auch deshalb wird sie von Autoren wie Rafik Schami und von Kolleginnen wie Carolin Emcke gleichermaßen geschätzt.

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Seitenzahl: 398

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Charlotte Wiedemann

Mali oder das Ringen um Würde

Meine Reisen in einem verwundeten Land

Pantheon

Die Rechte für die Abbildungen im Innenteil des Buches liegen bei Charlotte Wiedemann, mit Ausnahme von »Ein altes Manuskript aus Timbuktu«; hier liegen die Rechte beim Centre for the Study of Manuscript Cultures, Universität Hamburg.

Erste Auflage

September 2014

Copyright © 2014 by Pantheon Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Büro Jorge Schmidt, München

Satz: Ditta Ahmadi, Berlin

Karten: Peter Palm, Berlin

Reproduktionen: Aigner, Berlin

ISBN 978-3-641-14230-8

www.pantheon-verlag.de

Den Männern und Frauen aus Mali, die vor Europas Küste ihr Leben verloren

Inhalt

Vorwort

Der stolze SahelVon Timbuktu nach Kurukan Fuga

2.Bamako Moderne ohne Asphalt

3. Die falsche Demokratie Eine Parabel

4.Tiècoura Leben gegen den Strom

5. Macht für alle! Bauern und Hirten als Bürger

6. Wo Kinder Fremde werden Über Schule, Sprache und Scham

7. Der Wulibali Sufis, Wahhabiten und die Frage der Gleichheit

8. Das Schuldenbuch Ein Baumwolldorf und die Weltordnung

9. Kabaté – Paris Traum und Trauma der Migration

10. Das Gold der anderen Warum ist Mali arm?

11. Falea Über Uran, Angst und Gegenmacht

12. Die westliche Erzählung Im Norden, nach dem Krieg

Ausblick

Glossar

Zeittafel

Literatur

Vorwort

Wenn ich nur einen einzigen Gegenstand zur Verfügung hätte, um Mali und das Anliegen dieses Buches zu erklären, dann wäre das ein blauer Eisenstuhl. Besser gesagt: die blauen Eisenstühle, denn sie kommen nur in der Mehrzahl vor. Auf diesen Stühlen wird Gemeinschaft gelebt. Wenn Malier sich versammeln, wenn sie debattieren, eine Hochzeit feiern, einen Toten beklagen, dann sind die blauen Eisenstühle stets dabei. Sie stehen auf der Straße, in einem Hof oder im Schatten eines Mangobaums.

Ihre Bauart ist schlicht und robust, der Sitz klein und hart, die Lehne gerade. Auf deren Rückseite ist mit schwarzer Farbe eine Nummer aufgepinselt, denn es handelt sich um Leihstühle. Mali ist ein armes Land, da ist Stühle-Verleiher ein Beruf.

Der blaue Eisenstuhl hat einen natürlichen Feind: den Bürosessel, dick gepolstert, aus braunem Kunstleder. Darin sitzt der Funktionär, der leitende Beamte, der Politiker, und er lässt sich gern sitzend fotografieren. Nahezu jedes Porträt in einer malischen Zeitung zeigt hinter der Schulter des Abgebildeten die gepolsterte Lehne eines braunen Bürosessels. Der Mann stellt etwas dar, er ist der Besitzer eines lukrativen Postens, und er wird alles tun, ihn nie mehr zu verlieren. Auf den blauen Eisenstühlen wird davon mit Zorn gesprochen.

Die Eisenstühle verkörpern keineswegs die Tradition. Traditionell saßen die Malier gar nicht auf Stühlen, und noch heute sitzen im Dorf viele auf Matten. Ein traditionelles Möbelstück gibt es dennoch: das Modell »chef de village«. Ein niedriger Sessel aus Bambusstäben, in dem der betagte Dorfchef halb sitzend, halb liegend sein Amt versieht. Das Modell »chef de village« ist auf geheimnisvolle Weise in allen Dörfern nahezu identisch und wird mit steigendem Alter des Chefs nur immer schiefer.

In ethischer Hinsicht ist der Ruf des alten Bambusmöbels ungleich besser als der des Bürosessels aus braunem Kunstleder. Auch davon handelt dieses Buch: Warum ein althergebrachtes Patriarchat vielen glaubwürdiger erscheint als eine hohle Demokratie.

Die Zukunft aber wird auf den blauen Eisenstühlen entschieden. Sie sind das Sinnbild einer Moderne ohne Klimaanlage, einer Moderne, die sich nicht nur einige wenige leisten können. Die Eisenstühle bedeuten Teilhabe, für Frauen wie für Männer, für die Masse der Malier, die weiterhin nicht lesen und schreiben können. In all ihrer Schlichtheit stehen die blauen Eisenstühle für eine anspruchsvolle Utopie: dass ein afrikanisches Land seine eigene Demokratie erfinden kann – eine Demokratie, die nicht die Vorstellungen des Westens bedient, sondern der Bevölkerung hilft, sich für ihre Interessen zu organisieren. Entlang eigener Werte und lokaler Traditionen.

Zu sagen, der gepolsterte Bürosessel sei der natürliche Feind des blauen Eisenstuhls, ist nur die halbe Wahrheit. Gewiss, Malis schlechte, korrupte Eliten haben dazu beigetragen, dass der Großteil ihrer Landsleute in Armut verharrt. Aber sind sie die Ursache der Armut? Im Mittelalter war der Goldreichtum des Landes legendär. Heute ist Mali der drittgrößte Goldexporteur Afrikas und zählt trotzdem zu den ärmsten Ländern der Welt. Die Baumwollbauern des Landes treten seit Langem für eine Änderung der ungerechten globalen Handelsordnung ein.

Das Ringen um Würde, wie es in diesem Buch geschildert wird, bedeutet also zweierlei: dass Arme im eigenen Land vollwertige Bürger werden. Und dass sie sich die Werkzeuge aneignen, um sich aus jenen globalen Bedingungen zu befreien, die ihre Armut zementieren.

Jeder zehnte Säugling in Mali stirbt, und mit ihm oft auch die Mutter. Jedes dritte Kind ist mangelhaft ernährt. Nur jeder Vierte über fünfzehn Jahren kann lesen und schreiben. Und nur auf weniger als der Hälfte aller Felder wird zumindest mit einem Pflug gearbeitet. Dies ist die Sahelzone, wie man sie üblicherweise kennt – eine bloße Zone eben, scheinbar lebensfeindlich, kaum bewohnbar, ein Ort ohne Vergangenheit und ohne Zukunft. Ich zeige einen anderen Sahel. Eine Gesellschaft mit vielen Jahrhunderten gestalteter Geschichte und staatlicher Verfasstheit. Eine wertkonservative, nationalbewusste Gesellschaft, die nach einem eigenen Weg in die Moderne sucht.

Die Malier lieben ihre karge Heimat – das gilt auch für all jene, die sich auf die gefährliche Reise nach Europa machen. Jeder vierte Malier arbeitet außerhalb Malis, und von dem Geld, das die Auslandsmalier nach Hause schicken, leben ganze Regionen. Das Abenteuer der Migration zu wagen, gilt in Mali als ehrenhaft. Doch ist dies eine Vorstellung von Ehre, die an unseren Küsten zerschellt. 23000 Migranten und Flüchtlinge fanden, aus Afrika kommend, in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten auf der Reise nach Europa den Tod. Die genaue Zahl der Malier unter den Opfern kennen wir nicht. Doch es waren viele.

So sehr sich das Leben in Mali von dem unseren unterscheidet: Es gibt Grundfragen nach der Zukunft der Gesellschaft, die sich in Afrika wie in Europa stellen. Gemeineigentum zu bewahren, Besitz gerechter zu verteilen und den Reichtum der Gesellschaft nicht an ökonomischen Wachstumsraten zu bemessen, das verbindet hier wie dort die Suche nach einer solidarischen Moderne. Auch deshalb wird Mali in diesem Buch nicht aus dem Blickwinkel von Entwicklungshelfern geschildert. Ich habe versucht, die Maßstäbe zu verstehen, nach denen die Malier sich selbst betrachten, und auf die sonst üblichen Kommentare weißer Afrika-Experten verzichtet.

Würde beginnt mit den richtigen Worten, mit dem Recht auf Selbstbezeichnung. Deshalb spielt Sprache in diesem Buch eine große Rolle. Viele afrikanische Begriffe, gerade auch des islamischen Afrika, kennen wir nur als koloniale Deformation. Für die Malier wiederum ist die Vorherrschaft der Kolonialsprache Französisch ein wichtiger Grund, warum sie sich in ihrer vermeintlichen Modelldemokratie bloß als Statisten fühlen. Und nur eine Minderzahl der Kinder erlebt Schule ohne Entfremdung, mit Unterricht in der Muttersprache. Selbstbewusste Bürger und eine Demokratie für alle kann es nur geben, wenn Malis Nationalsprachen aufgewertet werden – ein verspäteter Abschied von der Kolonialzeit.

Neunzig Prozent der Malier sind Muslime. Gleichwohl gibt es keine Staatsreligion, Mali ist eine säkulare Republik, und religiöse Parteien sind sogar verboten. Das mag nach westlichem Verständnis vorbildlich sein, doch in zwei Jahrzehnten schlechter Demokratie ist die Bedeutung von Religion im öffentlichen Leben stetig gewachsen. Islamische Autoritäten genießen heute weitaus mehr Vertrauen als Politiker. Die Erfahrung von Korruption und Machtmissbrauch hat keineswegs nur radikalen Strömungen genutzt. Eine Massenbewegung moderner Sufis ruft nach moralischer Erneuerung.

Als ich an diesem Buch zu schreiben begann, hatten die Malier gerade dramatische Monate durchlebt. Die hohle Demokratie war zusammengebrochen, der Norden des Landes zeitweise von bewaffneten Gruppen besetzt. Anders als die meisten ausländischen Beobachter, die Mali erst in dieser Krise entdeckten, kannte ich das Land, wie es vorher war. Und ich kannte deshalb die eigentlichen Ursachen des Dramas: Ein Staat, den die Bürger nicht als den ihren betrachten, kann sich weder gegen innere noch gegen äußere Feinde verteidigen. Dem Zerrbild eines gefährlichen »Sahelistan«, wie es viele Medien verbreiteten, stelle ich hier das Porträt eines verwundeten Landes entgegen. Traumatisch die Kluft zwischen dem großen Reich im Mittelalter und dem Almosenempfänger heute. Beschädigt alle früheren Träume von Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Demütigend die Erfahrung, sich nicht selbst zur Wehr setzen zu können und nun Tausende ausländische Soldaten im Land zu haben – darunter auch deutsche.

Während meiner Recherchen, die sich über einen Zeitraum von sieben Jahren verteilten, kam mir Mali oft wie eine einzige große Bühne vor. Männer wie Frauen treten gern mit königlicher Gelassenheit auf – und sei es im letzten Hemd. An manchen Tagen befiel mich Trauer, weil die Kluft zwischen der Art, wie sich die Menschen präsentieren, und ihren realen Möglichkeiten so immens ist. An anderen Tagen bewunderte ich ihren Mut, den Kampf um Würde immer wieder neu zu beginnen. Während ich an diesem Buch arbeitete, twitterte ein junger Malier: »Eines Tages werden wir in der ersten Reihe der geachteten Nationen stehen.«

Ein altes Manuskript aus Timbuktu: Arabisch war die Schriftsprache der Eliten, Jahrhunderte vor Ankunft der Europäer.

Der stolze SahelVon Timbuktu nach Kurukan Fuga

Wie ein großer Schmetterling liegt Mali auf der Landkarte, ein Schmetterling mit zwei ungleichen Flügeln. Der Südwesten, von Flüssen durchzogen, ist der kleinere Landesteil, doch lebt hier die große Mehrheit der sechzehn Millionen Malier, etwa neunzig Prozent. Der Nordosten schiebt sich hingegen wie ein gewaltiger Zacken in die Sahara hinein. Seine scharfen Konturen lassen auf den ersten Blick erkennen, dass es sich hier um künstliche Grenzen handelt. Sie wurden am Ende der französischen Kolonialherrschaft gezogen, wie mit dem Lineal. Frankreich besaß in Afrika das größte zusammenhängende Herrschaftsgebiet, und wo heute Malis nördlichstes Wüstengebiet liegt, berührten sich Französisch-Nordafrika und Französisch-Westafrika.

Die äußeren Umrisse von Mali zu erklären, das hat mich zu einem falschen Anfang verleitet. Ein Anfang, der keiner ist – denn Malis Geschichte beginnt natürlich nicht mit der Kolonialzeit. Die Europäer waren späte und unkundige Ankömmlinge in einer der ältesten Kulturlandschaften Afrikas.

Beginnen wir also noch einmal. Am Anfang waren nicht Grenzen, sondern Worte. Sahel, das ist arabisch und bedeutet Küste, Ufer. Nach langer Reise verheißt ein Ufer Rettung, Nahrung, Erholung. Der Sahel ist das südliche Ufer der Sahara, im Arabischen das Wort für Wüste. Nach ihrer Durchquerung erreichte der Reisende den Sahel als einen fruchtbaren, lebensfreundlichen Raum. Das war die arabische Perspektive, ab dem 8. Jahrhundert, und sie war keineswegs nur davon geprägt, dass die Region damals grüner war als heute. Die muslimischen Händler stießen auf Gesellschaften, die sie als reich und wohlgeordnet empfanden. Für uns schmeckt das Wort »Sahel« nach Armut und Hunger, nach Staub und abgemagerten Rindern. Eine Zone, so sagen wir. Sie erscheint uns aus naturgegebenen Gründen lebensfeindlich und weckt allenfalls unser Mitleid. Dabei ist Hilfsbedürftigkeit im Sahel eigentlich ein junges Phänomen, entstanden durch jene Dürren, die vor etwa vierzig Jahren begannen. Die Malier schöpfen ihr Selbstbewusstsein aus einem viel längeren Zeitraum, aus den Jahrhunderten, als ihr Land für Wohlstand und Macht bekannt war.

Da ist zuerst das mittelalterliche Mali-Reich; im 13. und 14. Jahrhundert umfasste es ein Gebiet von der Größe Westeuropas, erstreckte sich von der Wüste bis zur Atlantikküste. Sein Nachfolger ist im 15. und 16. Jahrhundert das Songhai-Reich, benannt nach jener Ethnie, die auch heute im Norden Malis die größte ist. Das Songhai-Reich hatte eine schriftlich fixierte Verwaltung, ein Steuersystem, ein Berufsheer. Beide Imperien waren multiethnisch und – nach dem zweifelhaften Kriterium der Hautfarbe – überwiegend schwarz. So ist Mali auch heute, im Süden wie im Norden.

Mali blickt auf eine jahrhundertelange Tradition von Staatlichkeit zurück – und damit auf etwas, was Afrika immer noch abgesprochen wird: eine gestaltete Geschichte, lange vor der Kolonialzeit. Die Malier sind sich dessen bewusst, sie leben mit ihrer Geschichte und beziehen aus ihr einen Nationalstolz, der sich nicht am heutigen Bruttosozialprodukt bemisst.

Mali wurde 1960 unabhängig; solche Länder werden bei uns gerne als »junge Nationen« bezeichnet. In Mali habe ich hingegen oft gehört: Wir sind eine alte Nation. Dabei ist die Bevölkerung demographisch sehr jung, fünfundsechzig Prozent sind unter fünfundzwanzig Jahren, und viele haben nie auf einer Schulbank gesessen. Es gibt also ein Gefühl der eigenen Geschichtlichkeit, das sich über Generationen hinweg auf andere Weise vermittelt als durch formale Bildung. Und es gibt eine Vorstellung von Nation, die weitaus mehr Heterogenität zulässt als die europäische Denktradition.

Dreißig Ethnien sind in Mali zu Hause. Über Jahrhunderte war das Land eine Region des Transits und der Verbindung: ein Land des Übergangs zwischen Savanne und Wüste, zwischen schwarzem und weißem Afrika, zwischen Nomadentum und Sesshaftigkeit. Malis Geographie mit ihren kulturellen und politischen Auswirkungenist auch heute Chance ebenso wie Bürde, eine Quelle von Kraft und von Konflikt. In diesem 21. Jahrhundert, wo globale Einflüsse auch abgelegene Winkel erreichen, muss Mali seine Identität neu bestimmen. Und die Malier sind sich der Zerbrechlichkeit ihres Landes heute bewusster als früher.

Um der Einfachheit der Darstellung willen habe ich den ersten Staat auf malischem Boden zunächst unerwähnt gelassen. Diese Lücke muss nun geschlossen werden, damit wir sehen, woher der Treibstoff kam, der schon im frühen Mittelalter den Fernhandel in Westafrika befeuerte – und damit auch die Weltoffenheit der ganzen Region. Die Rede ist vom Ghana-Reich und vom Gold. Den arabischen Händlern erschien Anfang des 8. Jahrhunderts der Sahel als reich, weil sie auf einen Staat stießen, der Gold exportierte.

Das Ghana-Reich lag wie ein breiter Gürtel dort, wo heute der Nordwesten Malis auf den Süden Mauretaniens stößt, und wer mit der Landkarte Afrikas ein wenig vertraut ist, wird an dieser Stelle stutzen. Tatsächlich liegt der moderne Staat namens Ghana ganz woanders. Er hat sich seinen Namen gewissermaßen geliehen, um von einem glanzvollen Mythos zu profitieren: dem ersten namentlich bekannten größeren Königreich Afrikas. Es entstand im 4. Jahrhundert, womöglich sogar früher.

Die Abfolge von drei bedeutenden Reichen auf malischem Boden umfasst also die Zeitspanne von mehr als einem Jahrtausend; trotzdem kommen ihre Namen im europäischen Schulunterricht nicht vor. Afrikaner finden hingegen in Mali die Selbstvergewisserung, dass ihr Kontinent nicht nur die Wiege der Menschheit ist, sondern über beachtliche Beispiele früher Zivilisationen verfügt.

Das Ghana-Reich wurde von einer malischen Volksgruppe gegründet, deren Angehörige heutzutage besonders häufig als mittellose Migranten in Europa stranden. Für die Soninke war Mobilität immer eine Produktivkraft. Im Mittelalter waren sie weit reisende Händler. Sie eröffneten dem Fernhandel neue Routen und verhalfen Regionen so zu Prosperität und Entwicklung.Vor allem sorgten sie dafür, die Savanne mit den Karawanenwegen durch die Sahara zu verknüpfen. So reiste das Gold von West nach Ost, erst über Land, dann auf dem Niger, und schließlich gen Norden auf Kamelen durch die Wüste.

Mobilität, die große Stärke der Soninke, hat heute dramatisch an Wert eingebüßt. In ihrem damaligen Reich, so notierte ein arabischer Geograph, hätten sogar die Hunde im Palast goldbesetzte Halsbänder getragen. Heute können die Nachfahren der Reichsgründer unter jenen Unglücklichen sein, deren Leichen vor der Insel Lampedusa im Meer schwimmen. Stolz und Trauma, das ist der Bogen, der Malis Geschichte und seine Gegenwart umreißt.

Auf dasJahr 1324 datiert eine Episode, die später noch oft erzählt wurde. Kankan Mussa, Herrscher des Mali-Reiches, begab sich mit großem Gefolge auf eine Pilgerfahrt nach Mekka. Während einer Rast in Kairo warf er so mit Gold um sich, dass der Kurs des ägyptischen Dinars auf Jahre abstürzte. Kairo, damals bereits eine Metropole, schenkte Reisenden gewöhnlich wenig Beachtung. Bei diesem sagenhaft reichen Afrikaner war es anders: Seine Ausgaben und seine Gespräche mit den örtlichen Notabeln wurden detailliert aufgezeichnet.

Fünfzig Jahre später wird Kankan Mussa im Katalanischen Weltatlas abgebildet, einem der ersten europäischen Kartenwerke mit genaueren Informationen über Afrika. Die Darstellung zeigt den Herrscher mit Krone und Zepter auf einem Thron sitzend, versunken in die Betrachtung eines Goldklumpens. Der Malier, als König auch Mansa Mussa genannt (Mansa für König), spendete in Mekka gleichfalls große Beträge; auf seiner Rückreise brachte er Theologen und Gelehrte mit in die Heimat.

In der Rückschau erscheint der König als Symbol einer Epoche, die man die Epoche der Ebenbürtigkeit nennen könnte: Der Sahel war eine selbstbewusste Region, deren Bewohner keinerlei Anlass hatten, sich Europäern oder Arabern unterlegen zu fühlen.

Europäer? Lange Zeit, etwa sechs Jahrhunderte lang, waren Araber und Perser die einzigen Fremden, die das Afrika südlich der Sahara betraten. Die Araber nannten es Bilad as-Sudan, »das Land der Schwarzen«. Mit der unseligen Fixierung auf die Hautfarbe haben also nicht die Europäer begonnen – allerdings haben sie daraus später den vermeintlich wissenschaftlichen Rassismus entwickelt.

Sudan für »schwarz«, das lebt bis heute in den Landesnamen von Sudan und Südsudan fort. Die Franzosen nannten das kolonisierte Mali zeitweise Soudan français (vermutlich weil sich beim Wettlauf um die Territorien die Briten den anderen Sudan angeeignet hatten), und daraus hat sich wiederum für Malis Architektur die Bezeichnung »sudanesisch« entwickelt. Gemeint sind imposante Lehmbauten, deren angedeutete Pfeiler eine vertikale Strenge betonen.

Ob man in Mali ein Wort aufliest, einen Stein oder einen Lehmklumpen, immer verbirgt sich dahinter Geschichte. Die Worte sind oft aber auch das Resultat von Zuschreibungen durch Außenstehende. Und keinem Wort, keinem Namen ist so viel zugeschrieben worden wie diesem: Timbuktu.

Ich kam mit dem Flugzeug; das war ein Stilbruch. Timbuktu, die Stadt am Südrand der Sahara, war für Europäer seit jeher eine Metapher für Ferne, für Unerreichbarkeit – für das Ende der Welt. Aus afrikanischer Perspektive war Timbuktu nicht Peripherie, sondern Zentrum: ein Zentrum der südlichen Welt, eine Hochburg des Handels, eine islamische Universitätsstadt. Wo sich der Niger und die Wüste begegneten, kreuzten sich die Highways der alten Zeit: Aus dem Norden kamen die Karawanen, über den Fluss kam das Gold aus dem Westen. Den Händlern folgten die Gelehrten, angezogen von der kosmopolitischen Atmosphäre. Und die Gelehrten zogen die Studenten an, fünfundzwanzigtausend waren es im 15. Jahrhundert.

Nachts hatte Timbuktu noch einen letzten Abglanz der Atmosphäre von damals. Die sandbedeckten Straßen der Innenstadt schluckten alle Geräusche, es gab kaum Lampen, und im Dunkeln hörte ich den gedämpften arabischen Tonfall junger Stimmen, Koranverse memorierend. Frauen boten in den finstern Gassen auf niedrigen Holzkohlefeuern Essen an; ich stolperte an einer Ecke beinahe in eine Pfanne hinein.

Am Tag lag ein bleiches, ereignisloses Licht über dieser sandfarbenen Stadt, die nur in den europäischen Mythen vergoldete Pflastersteine hatte. Den Glanz eines Ortes im fernen Afrika konnte man sich anscheinend nur als materiellen Wohlstand vorstellen; tatsächlich war Timbuktus Reichtum von intellektueller Art und untrennbar mit dem Islam verbunden. »Goldenes Zeitalter« nannte man später das islamische Mittelalter – es war gekennzeichnet von Wissensdrang, vor allem von einem naturwissenschaftlichen Interesse, das vorurteilsfreier war als im christlichen Westen, und vom Transfer des Geschriebenen zwischen den Kulturen. Timbuktu war ein aktiver, wichtiger Teil davon.

Vor dem Lehmbau der Sankoré-Moschee hatten sich Männer im Sand ausgestreckt, murmelnd im Gespräch. Die Sankoré-Moschee war zur Zeit ihrer Errichtung im 15. Jahrhundert die berühmteste Bildungsstätte, deshalb wurde sie später als Universität bezeichnet. Tatsächlich war der Lehrbetrieb jedoch dezentral, es gab etwa hundertfünfzig Schulen; die Gelehrten ließen sich auf eigene Faust nieder und sammelten Studenten um sich, von denen sie bezahlt wurden. Das Viertel um die Sankoré-Moschee war im Mittelalter das Quartier Latin Westafrikas, besser gesagt das Quartier Arabe. Arabisch hatte in diesem Teil Afrikas durchaus eine ähnliche Rolle wie Latein im europäischen Mittelalter; es war eine Schriftsprache von Eliten mit ganz unterschiedlichen Muttersprachen.

Ich war gekommen, um das Erbe dieser Wissensgesellschaft zu sehen: die Manuskripte von Timbuktu. Arabische Handschriften, etwa dreihunderttausend an der Zahl, die bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen. Sie behandeln islamisches Recht, Philosophie, Medizin, Astronomie, Mathematik.

Wie alles, was mit Timbuktu zu tun hat, so wurden auch die Manuskripte von westlichen Medien mit einem Mysterien-Schleier umgeben, als handele es sich um neu entdeckte Schätze mit bisher unbekannten afrikanischen Tausendundeine-Nacht-Geschichten. In Wirklichkeit dementiert die Existenz dieser großen Menge von Handschriften zunächst ganz schlicht zwei westliche Vorurteile: dass nämlich das vorkoloniale Afrika eine rein orale Gesellschaft gewesen sei. Und dass der arabisch-islamische Einfluss einheimische Kulturen zerstört habe.

Abdelkader Haidara lächelte über solche Vorstellungen. Ich sah ihn allerdings bei unseren mehrfachen Begegnungen nie anders als lächelnd. Ein Mann von gewinnender Freundlichkeit, der sein Alter von fünfundvierzig Jahren genauso ewig zu behalten schien wie seine rundlichen Wangen und die akkuraten Bügelfalten am weiten Gewand. Diese Ausstrahlung, gepaart mit dem Besitz von zweiundvierzigtausend alten Handschriften, hatte Haidara zum umtriebigenMittelpunkt der Manuskripteigner von Timbuktu gemacht.

Wir saßen in seinem Wohnzimmer; er sagte: »Ich gehe gerade mal beten«, und ließ mich allein mit einem Stapel kostbarer bräunlicher Papiere, deren Kanten bei der leichtesten Berührung zu zerbröseln drohten. Daneben lag ein Kunstführer vom New Yorker Metropolitan Museum of Art. Haidara hatte Kontakte in alle Welt und war viel unterwegs.

Die Manuskripte von Timbuktu werden oft als älteste Bibliothek südlich der Sahara bezeichnet. Es handelt sich jedoch keineswegs um eine Phalanx von Buchrücken. So dezentral wie früher der Lehrbetrieb war, ist heute der Besitz der Handschriften auf viele Familien verteilt. Und die Schriften selbst sind in altes Leder eingeschlagene oder sonst wie verschnürte Sammlungen von Blättern, manche sorgsam kalligraphiert oder mit Ornamenten verziert, andere mit schwer leserlichen Notizen und Berechnungen bedeckt. Die Sprache ist klassisches Arabisch; es wurden damals aber auch afrikanische Sprachen in arabischer Schrift geschrieben. Man kann sich vorstellen, wie immens schwierig es ist, heute solche Dokumente zu entziffern und zu verstehen.

Abdelkader Haidara konnte es. Wer in Mali auf eine staatliche Schule geht, wird in Französisch unterrichtet; Haidara hatte hingegen einen arabischsprachigen Bildungsweg absolviert. Als er vom Gebet zurückkam, sprachen wir über die Geschichte seiner Familie. Seit dem 16. Jahrhundert hatte eine Generation der nächsten eine Sammlung von Manuskripten übergeben. »Mein Vater erweiterte sie; er studierte im Sudan und in Ägypten, kaufte Schriften an und kopierte noch selbst von Hand.«Zur gleichen Zeit schlossen viele andere Familien in Timbuktu ihre Büchereien weg, versteckten sie sogar in Sandlöchern, damit sie nicht von der französischen Kolonialherrschaft konfisziert würden. In der Stadt Segou, weiter südlich am Niger, hatten sich die Franzosen an wertvollen Dokumenten vergriffen; das Diebesgut liegt bis heute in der Pariser Nationalbibliothek.

Haidara hatte zunächst als Manuskriptankäufer für das staatliche Ahmed-Baba-Institut in Timbuktu gearbeitet. Es war in den 1970er Jahren mit Unterstützung der UNESCO gegründet worden und versuchte mit sehr bescheidenen Mitteln, historische Handschriften in Obhut zu nehmen. In seiner gewinnenden Art überzeugte Haidara zahlreiche Familien, ihr Erbe dem Staat anzuvertrauen. Als er nach dem Tod seines Vaters für die Manuskripte der eigenen Familie verantwortlich wurde, änderte er seine Haltung radikal. Ein Testament verbot den Verkauf – und Haidara machte aus der Verpflichtung eine Leidenschaft. Als Erster eröffnete er im Jahr 2000 eine private Bibliothek und beschwor andere Familien, es ihm gleichzutun: »Bewahrt selbst euer intellektuelles Gut!« Und in der Tat wurde daraus ein Boom: Heute zählt Timbuktu fünfunddreißig Familienbibliotheken. Die Leute sind sich zunehmend des Wertes ihres Erbes bewusst, auch des materiellen.

Als Haidara vor gut zwei Jahrzehnten im westlichen Ausland erstmals finanzielle Unterstützung suchte, mochte ihm niemand seine Geschichte von den altafrikanischen Handschriften glauben. Das zeigt, wie lange Wissen manchmal braucht, um sich gegen Vorurteile, in diesem Fall antiafrikanische Vorurteile, durchzusetzen. Der deutsche Forscher Heinrich Barth hatte bereits 1853/54 in Timbuktu Handschriften eingesehen und ausgewertet. Gut hundert Jahre später, als die Kolonialzeit zu Ende ging, begann der britische Afrikanist John Hunwick die Fülle der alten Handschriften zu erahnen. 1967 traf sich erstmals eine internationale Runde von Experten zum Austausch in Timbuktu. Und doch sollte es noch einmal dreißig Jahre dauern, bis die westliche Welt die Geschichte Timbuktus wirklich zur Kenntnis nahm.

Die Wende, so erzählte mir Haidara, kam eines Tages in Gestalt eines Afroamerikaners: Henry Louis Gates, Leiter der African American Studies in Harvard. Der Wissenschaftler hatte viel über die amerikanischen Sklaven aus Westafrika geforscht, über deren erzwungenen Kultur- und Sprachverlust. Als er in Timbuktu die alten Handschriften sah, soll er vor Begeisterung geweint haben. In den USA mobilisierte Gates dann die ersten Geldgeber für den Erhalt des Erbes.

Haidaras Bibliothek, benannt nach seinem Vater Mamma Haidara, war mittlerweile ein Betrieb mit zwölf Angestellten. Ein islamisches Kulturzentrum in Dubai hatte den Aufbau eines Labors für die Konservierung der Schriften finanziert. Ihre Digitalisierung, wichtig für Forschungszwecke, beaufsichtigte ein Neffe Haidaras, ein studierter Informatiker. Sogar das säurefreie Papier, das für die Ausbesserung zerfallender Dokumente benötigt wird, stellte Haidara nun in der eigenen Werkstatt her.

Tatsächlich waren erstaunlich viele Manuskripte aus Papier, nicht aus Pergament. In der islamischen Welt wurde bereits seit dem 8. Jahrhundert Papier hergestellt, viel früher als im Westen, wo man bis zum 15. Jahrhundert auf das kostspielige Pergament angewiesen war. Deshalb kursierte unter Muslimen früh eine große Masse an Schriftwerk, von dem eben ein Teil über den Transsaharahandel nach Timbuktu gelangte. Ein zweiter Grund für die enorme Menge an Manuskripten hat mit dem dezentralen Charakter des Lehrbetriebs zu tun. Es wurde viel kopiert; bei den Studenten waren zum Beispiel die Abstracts wichtiger Logikwerke beliebt, die das Lernen erleichterten.

Manche Bücher kamen aus Andalusien, aus Nordafrika oder dem Nahen Osten; andere wurden vor Ort geschrieben. Bücher zu besitzen war eine Quelle von Prestige – und eine Menge von ihnen zu besitzen, war für fromme Muslime eine sozial akzeptierte Möglichkeit, Reichtum zu zeigen.

In Haidaras Bibliothek lagen die Manuskripte nun in eigens konstruierten Regalschränken, nur mit einem Fliegengitter verschlossen, damit die Papiere ausreichend belüftet wurden. Jedes einzelne Bündel hatte ein Katalogschildchen am Schrank, das Werk von Haidaras jahrelanger Lesearbeit.

Im Obergeschoss fand gerade ein Workshop statt. Unter Deckenventilatoren saß eine Versammlung von Manuskriptbesitzern; mich beeindruckte die Vielfalt malischer Gesichter. Es waren Mauren darunter, mit kurzem Kinnbart, auch Tuareg; einer hatte in die Mitte seiner Gesichtsverschleierung eine Lesebrille platziert. Den Versammelten wurde gerade die Funktionsweise eines digitalen Katalogs erklärt. Eingeladen hatte die Nichtregierungsorganisation Savama; Haidara hatte sie gegründet, um das Wissen zu verbreiten, wie die Familien ihre Handschriften bewahren, schützen und auswerten konnten.

Die ethnische Vielfalt der Manuskriptbesitzer, die mir beim Workshop auffiel, ist typisch für Timbuktu. Die Gründung der Stadt im frühen 12. Jahrhundert geht auf Tuareg zurück, genauer gesagt auf eine schwarze Sklavin der hellhäutigen Oberklasse der Tuareg. Buktu, so die Erzählung, hütete einen Brunnen, wo Waren und Gepäck von Nomaden gelagert wurden; »Brunnen« ist in der Sprache der Tuareg Tin, und daraus wurde leicht deformiert der Name Timbuktu. Später gehörte die Stadt erst zum Mali-Reich, dann zum Songhai-Reich, wurde mal von dieser, mal von jener Ethnie beherrscht, während die Gelehrten stets ihre Autonomie zu wahren suchten.

Die heutigen Manuskriptbesitzer entstammen meist den »großen maraboutischen Familien«, ein Ausdruck, der einiges über die malische Gesellschaft verrät. Marabout ist in Westafrika ein Sammelbegriff für traditionelle religiöse Autoritäten, die von ihren Kenntnissen oder ihrer Aura leben. Manche betreiben Koranschulen oder verkaufen Amulette. Das Wort »Marabout« ist die französische Verformung des arabischen Begriffs Murabit: ursprünglich ein frommer Einsiedler, der zu Beginn der muslimischen Eroberung Nordafrikas in einem kleinen Fort lebte. Wenn Malier nun von einer großen maraboutischen Familie sprechen, dann drückt sich darin die Wertschätzung für eine lange Tradition religiöser Bemühungen aus. Das ist wie ein Adelsprädikat, allerdings ist der Adel nicht unbedingt reich. Es gibt auch arme Schlucker aus großen Familien.

Abdelkader Haidara führt seinen Stammbaum sogar auf die Familie des Propheten Mohammed zurück. Dessen Cousin Ali hatte den Beinamen »der Löwe«, arabisch Haidar. »Meine Vorfahren kamen im 14. Jahrhundert von der arabischen Halbinsel nach Afrika, vermutlich über den Irak. Danach haben wir uns hier vermischt, vermischt, vermischt. Wir haben uns völlig verändert, aber der Name ist geblieben.« Es gibt heute in allen Ethnien Malis Haidaras, wir werden in diesem Buch noch einigen begegnen. Abdelkader, der Manuskriptbesitzer, lebt im Milieu der Bamanan; sie sind in Timbuktu eine kleine Minderheit, im südlichen Mali jedoch die größte Volksgruppe.

So unterschiedliche Stränge von Ethnie und Kultur in sich zu vereinen, das war für den umtriebigen Bibliotheksbesitzer ein Vorteil; ihm öffneten sich viele Türen, und er verstand sich auf die Raffinesse des geschickten Umgangs mit Menschen, zum Wohle der Manuskripte und zum eigenen Vorteil. Später, als die Handschriften durch die politischen Unruhen in Nordmali in Gefahr gerieten, sollte sein Netzwerk von größtem Nutzen sein. Aber noch war es nicht so weit.

Obwohl die Manuskripte Eigentum von Familien waren, traten in der Öffentlichkeit in der Regel nur Männer als Besitzer in Erscheinung. Haidaras Organisation gab Kurse, um Frauen mit dem Inhalt von Handschriften vertraut zu machen, der sie besonders betraf. Auch arbeiteten Frauen in den Labors an der Restaurierung und Digitalisierung. Im religiösen Leben der Stadt spielten die Frauen jedoch nur eine Nebenrolle. Politisch und sozial konnte das ganz anders sein; eine Frau vertrat Timbuktu gerade im nationalen Parlament.

Als ich danach suchte, was Timbuktu heute noch mit jenem Gold verbindet, das hier gehandelt, aber eben nicht auf die Straßen gepflastert wurde, stieß ich auf eine Frauengruppe – die sich den Namen Ura, Gold, gegeben hatte. Es handelte sich um eine sogenannte Altersklassengruppe, die traditionellste Form von sozialem Netzwerk in Mali: Vor zwanzig Jahren hatten sich Mädchen gleichen Alters zusammengetan, und sie begleiteten einander fortan durchs Leben. Nun saßen zwei Dutzend gestandene Mütter im ummauerten Hof eines Hauses. Die Gruppe fungierte als Sparverein: Bei den wöchentlichen Treffen legte jede Frau einen kleinen Betrag in die gemeinsame Kasse, und abwechselnd kam jede an die Reihe, nach einer gewissen Zeit den angesparten Kasseninhalt an sich zu nehmen. Das erlaubte ihr eine Ausgabe, etwa für eine ärztliche Behandlung, die sie allein nicht hätte verkraften können.

Keine Frau hätte es gewagt, die Gruppe zu verlassen, nachdem sie gerade das Angesparte bekommen hatte – ein solcher Regelbruch hätte enorme Schande über sie und ihre Familie gebracht. Die Gruppe hatte noch eine weitere Funktion: Hier konnten Frauen über ehelichen oder familiären Kummer sprechen, den sie sonst verbargen. Was in der Runde gesagt wurde, blieb ein gemeines Geheimnis. Die Frauen hatten deshalb nur Säuglinge dabei, ältere Kinder wurden weggescheucht, wenn sie neugierig durch den Hof schlichen.

Die Frauen erwarteten unausgesprochen, dass ich etwas in ihre Kasse tat. Diskret gab ich der Vorsitzenden eine kleine Summe. Sie nahm die Scheine, hielt sie hoch wie Wäschestücke und zeigte sie herum. Meine Diskretion war fehl am Platz gewesen: Die Vorsitzende wollte nicht in den Verdacht geraten, einen Geldbetrag einzustecken, den die anderen nicht kannten. Von der Korruption großen Stils wird später die Rede sein. Ich lernte aus dieser Episode: In Gruppen, wo es ehrlich zugeht, gibt man kein Geld unter dem Tisch. Der Name »Gold« bezog sich hier auf einen nicht konvertierbaren Wert: Vertrauen und Zusammenhalt.

Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurden in Timbuktu religiöse, philosophische und historische Texte in arabischer Sprache verfasst. Doch die Blütezeit war früher, sie wird auf die Jahre 1450 bis 1591 datiert. Das Ende ist so präzise beziffert, weil in jenem Jahr Marokko die Stadt eroberte. Obwohl die Eroberung wirtschaftliche Motive hatte, ging sie mit kultureller Verwüstung einher: Bibliotheken wurden geplündert, Gelehrte nach Fez und Marrakesch verschleppt. Unter denen, die Timbuktu in Ketten verließen, war Ahmed Baba, der berühmteste Philosoph der Stadt; nach ihm wurde später das staatliche Manuskripte-Institut benannt. Er lehrte auch in der marokkanischen Verbannung, gleichwohl wird im Timbuktu von heute noch mit unvernarbter Empörung über seine Verschleppung gesprochen.

Ahmed Baba, im Jahr 1556 geboren, hinterließ ein Werk von zweiunddreißig Bänden, darunter viele Biographien von Gelehrten. Das ist erwähnenswert, weil zu dieser Zeit die Verbreitung des Islam in Westafrika längst in den Händen von Einheimischen lag. In Malis Nationalmuseum fand ich dazu folgenden Hinweis: Mit der Entstehung einer einheimischen Klasse muslimischer Gelehrter »hörte der Islam auf, eine Religion fremder Weißer zu sein und wurde eine afrikanische Religion«. Fremde Weiße, das waren die Araber.

Timbuktu als Gelehrtenzentrum verkörperte also die Islamisierung Afrikas ebenso wie die Afrikanisierung des Islam. Das ist für die Malier von heute von großer Wichtigkeit. Sie vergewissern sich so ihrer Eigentümerschaft an dieser Religion, gerade in einer Zeit des sich verschärfenden Disputs um die sogenannte richtige Auslegung des Islam.

Timbuktu lebt heute jedoch mehr von seiner Vergangenheit als von neuen intellektuellen Impulsen. Es gibt noch Überreste des alten Lehrsystems: Kleine Runden von Schülern treffen Religionsgelehrte in deren Privathäusern zu Morgen- und Abendvorlesungen, sitzen auf Matten im Hof, manchmal an Straßenecken. Fortgeschrittene Studenten unterrichten ihrerseits die Anfänger, und hier und da lehrt sogar noch jemand mit einer mittelalterlichen Handschrift auf dem Schoß. Doch die Intellektualität alter Schule überlebt nur noch in Nischen. Die Kolonialherrschaft hat Westafrika das Französische aufgezwungen, und die Folge war ein Kulturbruch: die beinahe vollständige Verdrängung einer jahrhundertealten, Arabisch sprechenden Bildungselite.

»Manuskripte zu besitzen, die man nicht verstehen kann, das ist beschämend«, sagte Haidara zu mir. »Und leider sprechen die besten Historiker Malis kein Arabisch.« Ihm war deshalb daran gelegen, durch exemplarische Übersetzungen die Inhalte gerade jener Handschriften bekannter zu machen, die einen Einblick in das aufgeklärte Denken der damaligen Zeit vermittelten. Da war zum Beispiel der Text Über die guten Prinzipien des Regierens, ein Ratgeber aus dem 15. Jahrhundert, der dem Regenten empfahl, aufrichtig zu sein, dem Wohlergehen der Bevölkerung zu dienen und Familieninteressen und Macht nicht zu verquicken. »Das nennt man heute good governance«, sagte Haidara amüsiert. »Die Westler kommen her und tun so, als hätten sie das erfunden.«

Timbuktu als einen Ort der afrikanischen Renaissance zu betrachten, der Besinnung Afrikas auf seine Kultur und seine Stärken, das war eine Idee von Thabo Mbeki, einem früheren Präsidenten Südafrikas. Er besuchte das Ahmed-Baba-Institut und fand es mit seinen betagten Eisentüren, schiefen Stühlen und verkratzten Schaukästen zu ärmlich, um ein Erbe zu präsentieren, in dem sich ganz Afrika wiedererkennen sollte. Mbeki schrieb ins Gästebuch »We are inspired!« und sammelte in Südafrika privates Kapital für einen aufwendigen Neubau.

Es dauerte allerdings eine Reihe von Jahren, bis das neue Institut fertig war. Elegant, klimagekühlt, die Architektur spielend mit Lehm und Moderne, so stand der Neubau nun gegenüber der Sankoré-Moschee, schön und fremd in der kargen historischen Kulisse. Er stand genau dort, wo der Philosoph und Namensgeber Ahmed Baba einst gewohnt hatte; die Südafrikaner bestanden auf diesem prominenten Platz, die Malier mussten dafür eine Gendarmerie beiseiteräumen. So ist das, wenn das reiche Afrika dem armen Afrika ein Geschenk macht.

Der Bauleiter aus Kapstadt war ein dynamischer Typ, er blickte beim Abschiedsrundgang durch sein Werk hinaus auf die Esel- und Ziegenwelt von Timbuktu und sagte: »Zu Hause haben wir Kräne!« In seiner Stimme kämpften Entsetzen und Faszination miteinander. Er war Muslim; als ich ihn nach seinen augenscheinlich indischen Vorfahren fragte, antwortete er knapp: »Ich bin Südafrikaner und Schluss. Ich bin ein moderner Mensch.« Ein Malier würde schwelgen in der Erzählung über seine Vorfahren. Der Ingenieur vom Kap hingegen hatte sich oft gerieben an Malis stoischer Umständlichkeit. Wenn es ganz schlimm kam, schaute er sich Manuskripte an. »Dann wusste ich wieder, warum ich hier bin.« Es gab auf dem Hof des Neubaus sogar eine Stelle, auf die man Sand geschüttet hatte. »Weil die Menschen hier doch gern im Sand sitzen«, sagte der Mann aus Kapstadt.

Das südafrikanische Geschenk entbehrte nicht einer gewissen Ähnlichkeit mit Projekten der westlichen Entwicklungshilfe: gut gemeint, doch neben dem Bedarf. Der Neubau war groß genug, um alle Handschriften Timbuktus zu beherbergen, aber viele Familien wollten ihre Schätze ja lieber selber hüten – was auch Vorteile für die Forschung hat: Die Zusammensetzung jeder Sammlung gibt wichtige Hinweise, wie Wissen damals akquiriert wurde. Manche fürchteten nun auch, der schicke Neubau fresse mehr Strom als ganz Timbuktu. Jedenfalls nahm das Ahmed-Baba-Institut seine neuen Räume nur ausgesprochen zögerlich in Besitz, zwei Jahre nach der pompösen Einweihung war erst ein kleiner Teil der Manuskripte umgezogen.

Dieser Schlendrian erwies sich durch eine unvorhersehbare Ironie der Geschichte als Segen. Als nämlich im Frühjahr 2012 bewaffnete Gruppen, Al Qaida nahestehend, die Städte Nordmalis besetzten, quartierten sie sich in Timbuktu im schönen Neubau gegenüber der Sankoré-Moschee ein. Er war groß, hatte Strom, lag zentral – und war nicht durch Alkohol oder andere Sünden verunreinigt worden. An den Manuskripten waren die Djihadisten zunächst wenig interessiert; sie versprachen sogar, sie gegen Plünderungsversuche zu schützen. Aber war ihnen zu trauen? Das Weltkulturerbe von Timbuktu steht unter dem symbolischen Schutz der UNESCO; das war nun eher eine Quelle von Gefahr. Denn die Djihadisten wollten sich von einer Institution, die sie als westlich betrachteten, nicht vorschreiben lassen, wie mit islamischem Kulturgut umzugehen sei.

In aller Stille begann Haidara, Vorbereitungen für eine großangelegte Evakuierung der Manuskripte zu treffen. Zunächst wurden nach und nach außerhalb von Timbuktu Blechkisten in großer Zahl gekauft. Dann begann das Packen, in den fünfunddreißig Familienbibliotheken und im alten Staatsinstitut. »Wir packten am Tag und brachten die Kisten im Dunkeln in Verstecke.« Nur einige Dutzend Verschworene waren in die Aktion eingeweiht, meist Angehörige der Manuskriptbesitzer. In unverdächtigen alten Geländewagen, manchmal sogar versteckt auf Eselskarren wurden die Kisten nach und nach aus Timbuktu hinausgeschleust und in die neunhundert Kilometer entfernte Hauptstadt Bamako gebracht. Sie enthielten die bedeutendsten Teile aller Sammlungen, insgesamt waren es am Ende über zweitausendvierhundert Kisten, die auf geheime Orte in Bamako verteilt wurden.

Als die Djihadisten schließlich vor einer französischen Militärintervention aus Timbuktu flüchteten, setzten sie jene Manuskripte in Brand, die im Neubau offen herumlagen; es waren nicht sehr viele. Trotzdem meldeten die ausländischen Medien übereilt »die Vernichtung der Bibliothek von Timbuktu«. Weil die Berichterstatter nicht wussten, worum es sich dabei überhaupt handelte. Und weil offenbar niemand den Maliern zugetraut hatte, dass sie ihr Erbe durch eine Geheimaktion in Sicherheit bringen könnten.

Als ich Haidara danach in Bamako traf, wirkte er nach all den Abenteuern so aufgeräumt, rundwangig und frisch gebügelt wie eh und je. Er war auf dem Sprung, es galt wieder Geld aufzutreiben im Ausland: Die Manuskripte hatten auf der strapaziösen Reise gelitten, außerdem war auf der Flucht vieles durcheinander geraten. »In diesem Zustand können sie nicht zurück nach Timbuktu«, sagte Haidara. Und schon saß er im Wagen Richtung Flughafen.

Es hatte in Timbuktu vereinzelt Sympathie für die Djihadisten gegeben; ihr tumbes Religionsverständnis war jedoch für die Mehrheit der Bewohner unvereinbar mit dem Geist von Timbuktu und mit seiner Tradition. So sahen es auch die wichtigsten Imame der Stadt. Mit einer gewissen Hochfahrenheit bezeichneten sie die Bewaffneten als »Leute aus dem Busch«; auch das hatte Tradition. Wer früher seinen Gelehrtenturban nicht in Timbuktu erworben hatte, in einer feierlichen Zeremonie, der galt als »Busch-Gelehrter«, wo immer er auch studiert haben mochte.

Als die Djihadisten begannen, jene Mausoleen zu zerstören, die Einheimische zu Gebetszwecken aufsuchen, wollten sie einen Heiligenkult vernichten, den sie für unvereinbar mit dem islamischen Monotheismus hielten. Tatsächlich sind die sogenannten Heiligen frühere Gelehrte, oft waren es islamische Juristen. Die Djihadisten waren mit der anspruchsvollen Historie nicht vertraut, genauso wenig übrigens westliche Kommentatoren, die zwischen den Mausoleen und den Manuskripten folgende Verbindung knüpften: In den Handschriften würden »die Geschichten« der Heiligen erzählt. Sprache kann enthüllend sein: Als hätten afrikanische Muslime statt Geschichte nur Geschichten, als sei ihr Kulturerbe eine Sammlung von Märchen.

In Timbuktu wurde unterdessen daran erinnert, welches Prophetenwort der Philosoph Ahmed Baba besonders liebte: »Die Tinte des Gelehrten ist wertvoller als das Blut des Märtyrers.« Und auch ein erneuter Hinweis auf Kankan Mussa durfte nicht fehlen: Der König, der mit seiner Goldkarawane nach Mekka pilgerte, brachte im 14. Jahrhundert Schreiner aus dem Jemen nach Timbuktu; ihre Nachfahren fertigen heute noch immer die metallbeschlagenen Holztüren der Stadt.

Aber was all das für Malis Gegenwart im 21. Jahrhundert bedeutet, dazu gibt es durchaus unterschiedliche Sichtweisen. Die pure Tatsache einer derart langen Tradition einheimischer Gelehrsamkeit dient allen Muslimen – sie machen etwa neunzig Prozent der Bevölkerung aus – zur religiösen Selbstvergewisserung, auch wenn sie mit Einzelheiten nicht vertraut sind und nie ein altes Manuskript gesehen haben. Dass es eine vorkoloniale Schriftkultur gab, ist eher für Intellektuelle von Belang, deren eigenes Schaffen sich – nolens volens – stets in Auseinandersetzung mit europäischen Stereotypen bewegt. Am schwersten ist die Frage zu beantworten, welche Rolle das arabischsprachige Erbe in Malis heutigem Nationalbewusstsein spielt.

Das staatliche Ahmed-Baba-Institut hatte zwei Jahrzehnte lang einen Direktor, der kein Arabisch sprach – der also keines der Manuskripte, die er hütete, selbst lesen konnte. Zeitweise durften Institutsexperten auch nicht in arabische Länder reisen. Malis säkularer Staat fürchtete, sie könnten sich zu sehr gemeinmachen mit einer Kultur, die Mali zwar im Mittelalter bereicherte, aber hernach auch oft genug bedrohte; von der marokkanischen Eroberung Timbuktus bis zu den Djihadisten algerischer oder mauretanischer Provenienz, die bei der Besetzung Nordmalis eine wichtige Rolle spielten.

Und auch dies nährt Unbehagen: Die besten Absolventen der Schulen von Timbuktu gehen zum Studium in arabische Länder. Wenn sie dann wiederkommen, überwerfen sie sich oft mit ihren alten liberalen Lehrern. Es gibt heute in Mali einen diffusen Verdacht gegenüber arabisch Gebildeten.

Aber das ist nur eine Seite der Antwort. Eine andere sei hier nur angedeutet: Unter französischem Einfluss wurde der viel ältere arabische Einfluss verdrängt, und er meldet sich heute mit einem veränderten Gesicht zurück. Die Frage nach dem arabischen Erbe führt also mitten hinein in Malis Ringen um eine Identität, die den Stürmen des 21. Jahrhunderts standhalten kann.

Ich verließ Timbuktu in einem Boot. Zum Hafen muss man einige Kilometer fahren; das Vorrücken der Wüste und die Eigenwilligkeit des Niger haben Timbuktu im Laufe der Zeit vom Fluss abgeschnitten. Östlich von Timbuktu zeigt der Niger seinen erstaunlichen Bogen: Als hätte er sich plötzlich anders besonnen, macht er eine Kehre und fließt nun nach Süden, in den Staat Niger hinein.

Ich folgte dem Fluss nicht in dieser Richtung, sondern fuhr stromaufwärts. Dort weitet sich der Niger nach der Regenzeit zu einem immensen Binnendelta – eine Seenlandschaft mitten im Sahel. In einem Holzboot ein paar Tage lang über den Niger zu gleiten, ist eine kontemplative Angelegenheit. Außerdem war es sicherer: Europäer wurden in der Umgebung von Timbuktu auf Wüstentouren entführt, nie aber auf der Mitte eines Flusses, dessen Ufer manchmal bis zum Horizont entrückt sind. Die gemächliche Fortbewegung auf dem Wasser lässt genügend Zeit, um die Reise durch Malis Geschichte gedanklich fortzusetzen. Es ist eine Reise, die vom Sichtbaren zum Unsichtbaren führen wird: Unser Boot gleitet aus dem Reich der geschriebenen, greifbaren Zeugnisse allmählich hinein in eine Welt der mündlichen Überlieferung. Sie ist nicht weniger real.

Als Timbuktu ab dem 16. Jahrhundert an Bedeutung einbüßte, waren auch wirtschaftliche Gründe im Spiel. Der Seehandel machte nun dem Transsaharahandel Konkurrenz. Die große Verkehrsader durch die Wüste hatte den Sahel vorher in ein weltweites Handelssystem einbezogen, es reichte bis in den indischen und chinesischen Raum – eine frühe Globalisierung. Dennoch wäre es ein Missverständnis, die Blütezeit Alt-Malis, des mittelalterlichen Reiches, allein der Begegnung mit den Arabern und dem Islam zuzuschreiben.

Am südlichen Punkt des großen Binnendeltas, an einem Nebenfluss des Niger, liegt die Stadt Djenné. Sie liefert Malis bekanntestes Symbolbild: eine hoch aufragende Lehmmoschee, faktisch das größte Lehmgebäude der Welt. Eine besondere Architektur ist stets ein Zeichen dafür, dass es an einem Ort wohlhabende Leute in ausreichender Zahl gegeben hat. Das ist am Niger nicht anders als in den norddeutschen Hansestädten. Djenné wurde wohlhabend durch den Handel mit Gold und Salz; hier war der Umschlagplatz für die Pirogen von und nach Timbuktu.

Aber nicht deshalb macht unsere Geschichtsreise hier Station; sondern weil es lange vor dieser mittelalterlichen Blütezeit eine antike Stadt gab, drei Kilometer entfernt: Jenne-Jenno, Alt-Djenné. Zwei amerikanischen Ethnologen, Roderick und Susan McIntosh, gelangen hier 1977 und 1981 Ausgrabungen, die das Afrika-Bild revolutionierten. Unter einer meterdicken Schicht von Lehm und zerbrochener Töpferware entdeckten sie die Spuren einer großen Siedlung, die im 3. Jahrhundert v. u. Z. begonnen hatte.

Niemand hatte vorher geglaubt, dass es derart früh organisierte Gemeinwesen in Westafrika gegeben hatte. Und die Bewohner verfügten über Eisen; sie müssen also Handel mit entfernten Regionen getrieben haben. Sie schmolzen Metalle zu Werkzeugen und zu Schmuck, kultivierten Reis und Hirse, bauten eine Stadtmauer.

Jenne-Jenno, die älteste bekannte Stadt im Sahel, widerlegt eine Annahme, von der manche Historiker gleichwohl bis heute nicht lassen mögen: dass nur Faktoren von außen die Entwicklung komplexer Gesellschaften im sogenannten schwarzen Afrika bewirkt hätten. Jenne-Jenno war lange vor der Ankunft arabischer Händler Teil eines florierenden Handelsnetzes. Es gab übrigens in dieser Stadt keine Zentralgebäude, die auf eine Hierarchie hinweisen würden. Die Bewohner waren anscheinend in der Lage, sich zu organisieren, ohne auf Gewalt und Zwang einer Staatsmacht zurückzugreifen. So öffnet Jenne-Jenno ein winziges Fenster auf die frühen Gesellschaften des Sahel – bevor überhaupt jemand das arabische Wort »Sahel« prägte.

Zum Weltkulturerbe zählen für uns vor allem die sichtbaren, materiellen Zeugnisse früherer Epochen. Die Manuskripte von Timbuktu und die Ausgrabungen von Jenne-Jenno fügen sich dieser Vorstellung. Anders ist es an der dritten Station dieser Geschichtsreise. Wieder geht es um ein Geschehen, das weit über die Landesgrenzen hinaus Bedeutung für afrikanische Identität hat; doch diesmal entzieht sich das Erbe unserer Gier nach dem Anfassbaren, Fotografierbaren. Es ist ein mündlich überliefertes Erbe.

Die Suche nach dem Ort, wo Afrikas erste Verfassung bekannt gegeben wurde, führte mich zu einer gesichtslosen Fläche roter Erde. Ein verwittertes, baumloses Terrain mit kleinen schwärzlichen Kratern, einer Miniaturmondlandschaft ähnlich. Ich befand mich etwa tausend Kilometer von Timbuktu entfernt, eine Autostunde südlich der Hauptstadt Bamako. Was auf diesem gesichtslosen Terrain im 13. Jahrhundert geschah, genießt im Bewusstsein der Malier höchste Wertschätzung, jedes Schulkind lernt den Namen dieser Stätte: Kurukan Fuga.

Hier wurde im Jahr 1236 vor einer großen Versammlung von Völkerschaften eine Charta verkündet, eine Art Grundgesetz für das soziale und wirtschaftliche Leben im noch jungen Mali-Reich. Die vierundvierzig Artikel dieser »Charta von Kurukan Fuga« wurden über eine lange Kette mündlicher Überlieferung weitergegeben. In jüngerer Zeit haben westafrikanische Forscher eine schriftliche Fassung rekonstruiert, indem sie zahlreiche überlieferte Versionen verglichen und daraus eine Synthese herstellten.

Wir können uns deswegen heute eine Vorstellung vom Geist dieser Charta machen. Insbesondere ihr Artikel 5 – »Jede Person hat das Recht auf Leben und auf körperliche Unversehrtheit« – gilt als erste Fixierung des Menschenrechtsgedankens auf afrikanischem Boden. Andere Paragraphen enthalten das Verbot, Sklaven zu misshandeln, und den Schutz von Fremden, insbesondere von Botschaftern. Die Erziehung von Kindern wird zur Aufgabe von allen erklärt, und wer aus Hunger stiehlt, ohne sich die Taschen zu füllen, begehe kein Delikt.

Die rote Erde, auf der ich nun stand, war das Herz Alt-Malis. Die Völkerschaften, deren Abgesandte sich hier im 13. Jahrhundert versammelten, gehörten zu einer ausgedehnten Sprachfamilie, Mande genannt. In dieser Familie verstehen einander zumindest jene, die eine der am weitesten verbreiteten Sprachen sprechen. Dazu gehört die wichtigste Nationalsprache des heutigen Mali, Bamanankan.

Unter einer Sprachfamilie sollte man sich nicht etwas allzu Kleines vorstellen; Mande-Sprachen werden heute in sieben Ländern Westafrikas gesprochen, insgesamt von mehr als zwanzig Millionen Menschen. Das erinnert daran, wie groß jenes mittelalterliche Mali-Reich war, das von der roten Erde Kurukan Fugas aus seinen entscheidenden frühen Impuls bekam – immerhin etwa ein Jahrhundert, bevor der König Kankan Mussa mit seiner Mekka-Reise und seinem Goldreichtum die Aufmerksamkeit der Welt erregte.

Die Charta wandte sich damals an Volksgruppen auf einem weiten Territorium, die ungeachtet ihrer sprachlichen Verbundenheit häufig im Krieg miteinander gelegen hatten und ihre jeweiligen Gefangenen versklavten. Sie wurden nun unter ein einheitliches Gesetz gestellt, das allen ein Minimum an Rechtssicherheit garantieren sollte. Manche westafrikanischen Intellektuellen, zum Beispiel der senegalesische Schriftsteller Cheikh Hamidou Kane, ziehen einen Vergleich mit der Magna Charta in England. Auch die Kurukan-Fuga-Charta bestimmte einen Freiheitsraum, den der Souverän dem Einzelnen zugestehen musste, sagt Kane, und sie regelte die Beziehungen der gesellschaftlichen Klassen untereinander.

Womöglich wird hier manches nachträglich etwas idealisiert, aber tatsächlich gilt Kurukan Fuga heute auch bei weniger Gebildeten als Ideal von Rechtsgleichheit. Ich hatte aus der nahen Kleinstadt Kangaba einen alten Schneider mitgebracht; der Dreiundachtzigjährige war ein dünnes Männlein mit zerkratzten Brillengläsern. Er war mir als Führer aufgedrängt worden, und ich hatte aus Höflichkeit eingewilligt. Doch Mamadou Berthé überraschte mich. In seinem blauen Baumwoll-Bubu, dem weiten malischen Gewand, hockte er sich auf die Laterit-Erde, seine alterskrummen Zehen hielten gelbe Flipflops fest, und dann deklamierte er mit klarer Stimme: »Die Gesetze hier machten einen Unterschied zwischen Mensch und Tier, und das Gesetz war für alle Menschen verbindlich. Heute ist das anders. Heute gelten die Gesetze nicht für die Reichen, und sie werden gegen die Armen angewandt. Aber alle Menschen müssen dem Gesetz unterworfen werden. Sonst leben wir wie Tiere.«

Kurukan Fuga wird gegen Korruption und Rechtsungleichheit im gegenwärtigen Mali in Stellung gebracht; darauf sollte ich noch öfter stoßen.

Der Mann, der im Jahr 1236 die Verfassung verkündete, war Sundjata Keita; er gilt als Gründer des Mali-Reichs. Sein Aufstieg von einem gebrechlichen, behinderten Kind zum Regenten eines Reiches von der Größe Westeuropas ist ein Urmythos Malis. Als Junge konnte sich Sundjata nur mühsam kriechend fortbewegen. Aufgewühlt von der Schmach, dass sein Vater entmachtet und das Mande-Gebiet unterworfen worden war, versuchte er sich aufzurichten; mehrere Eisenstangen sollen dabei zerbrochen sein, und erst als er sich an den Königsinsignien seines Vaters hochstemmte, gelang ihm der aufrechte Gang.