Manche beißen heiß - Mary Janice Davidson - E-Book

Manche beißen heiß E-Book

Mary Janice Davidson

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Beschreibung

Vampirkönigin Betsy schlittert von einer Katastrophe in die nächste. Ihr toter Vater ist gar nicht wirklich tot. Ihr Geliebter Sinclair ist plötzlich unempfindlich gegenüber Sonnenlicht und kann sogar Kirchen betreten. Ihre Schwester, die Tochter des Teufels, plant neue Intrigen gegen Betsy. Und die Zwillinge verschwinden ständig. Dabei hat Betsy eigentlich genug damit zu tun, ihren Verpflichtungen in der Hölle nachzukommen.

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Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

Widmung

Eine Bemerkung vorab

Zitate

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Epilog

Die Autorin

Die Romane von Mary Janice Davidson bei LYX

Impressum

MARY JANICE DAVIDSON

Manche beißen heiß

Roman

Ins Deutsche übertragen

von Barbara Först

Zu diesem Buch

Vampirkönigin Betsy Taylor gönnt sich gerade eine royale Verschnaufpause, als ihre chaotische Familie prompt ihre Pläne durchkreuzt. Bislang konnte sich Betsy erfolgreich vor ihren Herrschaftspflichten in der Hölle drücken, doch nun sitzt ihr ihre Schwester – alias der personifizierte Antichrist – im Nacken. Als wäre das nicht genug, sind die allseits geliebten und gefürchteten Baby-Zwillinge ihrer besten Freundin plötzlich wie vom Erdboden verschwunden, und bei der Suche läuft Betsy im wahrsten Sinne die Zeit davon. Anscheinend kann jedoch niemand dort bleiben, wo er hingehört, denn zu allem Überfluss spukt auch noch Betsys Vater durch die Metropole, an-statt friedlich unter der Erde zu schlummern. Betsy hat die Nase gestrichen voll von ihrer aufmüpfigen Familie und beschließt, endlich ein Machtwort zu sprechen. Schließlich hat das Schicksal ihr nicht umsonst die Krone aufgesetzt …

Dieser romantische Thriller ist Benedict Cumberbatch gewidmet, in den ich total würdelos verschossen bin. Was für eine Sahneschnitte, der Mann! Außerdem stand ich schon vor dem Star Trek-Film auf ihn, anders als so manch einer seiner neudoofen Fans. Ich würde sogar meinen Mann, mit dem ich zwanzig Jahre verheiratet bin, für Benedict sausen lassen. Ich würde sein Moriarty sein. Und sein Kirk!

Wie auch immer: Dieses Buch ist für dich, Ben! (In unserer imaginären Beziehung nenne ich ihn Ben, wenn wir glücklich sind, und Dict, wenn wir Krach haben, wenn er zum Beispiel nicht zum Familienbesuch nach Missouri mitkommen will oder vergessen hat, auf dem Nachhauseweg Milch einzukaufen. Denn das hier ist eine Partnerschaft, Dict, da musst du mir schon auf halbem Weg entgegenkommen!)

Eine Bemerkung vorab

Der St. Paul Winter Carnival ist ein tolles Event. Er existiert schon seit über hundert Jahren, lockt jedes Mal fast eine halbe Million Besucher an, und die Stadt scheffelt Millionen. Es gibt eine Schneerutschbahn, eine Eiskönigin, fleißiges Schneestampfen, eine Mondscheinparade, eine Blutspendeaktion, ein Eisschloss, ein Outdoor-Baseballspiel und jede Menge Bier.

Ich betrachte diese Veranstaltung allerdings mit gemischten Gefühlen. Einerseits bin ich stolz auf meine tapferen Minnesotaner, die den Winter nicht bloß ertragen, sondern sogar freudig begrüßen. Denn ihnen gehört der Winter, klar? Sie lassen den Winter für sich schuften, und das finde ich großartig.

Aber ich halte mich von den Festlichkeiten fern – und nicht etwa, weil ich meinen Heimatstaat schnöde verraten will. Nein, ich war ein Mal, ein einziges Mal dort, und das hat mir gereicht. Es war schweinekalt. Überall nur Eis und Schnee, und dass man daraus interessante Gebilde geformt oder gegossen hatte, machte die Kälte auch nicht erträglicher. Für heiße Getränke anzustehen war die reinste Folter (»Ich sehe ihn, ich sehe den Dampf, der von heißem Kakao aufsteigt, so nah und dennoch so fern, und, argh, warum wird diese Schlange nicht kürzer? Ich kann mein Gesicht nicht mehr spüren! Schon seit einer halben Stunde nicht mehr! Oh, Gesicht, komm zurück!«). Die meisten Aktivitäten schienen lediglich darauf abzuzielen, dass man noch mehr bibbern musste, und ich war einfach … nein. Ich bewundere die Leute, die unglaubliche Anstrengungen für das Fest auf sich nehmen, will aber nichts damit zu tun haben. Hiermit entschuldige ich mich ganz offiziell beim St. Paul Winter Carnival. Wir verstehen uns einfach nicht.

Der Stolichnaya Elit-Himalayan-Wodka ist auch so eine Sache: Er wird in einer wunderschönen Flasche verkauft, die in einer dunkelbraunen Holzkiste liegt, und kostet sage und schreibe dreitausend Dollar. Und auf einer Liste der teuersten Wodkas der Welt ist der Stoli nicht unbedingt unter den ersten zu finden! Wenn ich ein paar Tausender zu verschenken hätte, würde ich sie niemals für eine Flasche Wodka zum Fenster rauswerfen, sondern für Cola und Maiskringel.

Mit Permanent-Feinmarkern auf Babys herumzukritzeln ist auch nicht besonders witzig. Ehrlich, machen Sie das nicht! Auch nicht, wenn sie parfümiert sind. Die Feinmarker, meine ich, nicht die Babys.

Der Staat Minnesota lässt seinen Bürgern viel zu viel Zeit, den neugeborenen Staatsbürgern Namen zu geben.

Das grässliche Puzzle, mit dem Marc sich beschäftigt, können Sie bei Amazon finden, und dort wird es buchstäblich als das »schwerste Puzzle der Welt« bezeichnet. Es gibt zwei Arten von Menschen: Puzzle-Liebhaber und Puzzle-Hasser beziehungsweise -Fürchter. Das »schwerste Puzzle der Welt« ist Gegenstand meiner Albträume. Vorsicht bei Inbetriebnahme!

Laura Goodman als Anti-Antichristen zu bezeichnen war nicht meine Idee, sondern ist auf dem Mist von TV Tropes (tvtropes.org) gewachsen. Brillanter Einfall! Ich bin von Neid zerfressen, weil ich nicht zuerst daraufgekommen bin. Neid ist allerdings immer das beste Schmiermittel für meinen Ehrgeiz.

Ich bin übrigens fest entschlossen, Zangst in Ihren Wortschatz einzuführen.

The Game ist wirklich eine Sache! Ich verliere ja ständig, und Sie, wenn Sie das hier überhaupt lesen, vermutlich auch. Schauen Sie nach unter: http://en.wikipedia.org/wiki/The_Game_(mind_game).

Der Plastikbeutel mit Diamanten, auf den Betsy zufällig stößt, enthält rote Diamanten, die seltensten aller Diamanten. Und bin ich übrigens die Einzige, die findet, dass Juweliere endlich mit ihrer Schwärmerei für »Schokoladen-Diamanten« aufhören sollten? Hört gut zu, Leute: Sie sind braun. Ihr verkauft schlammfarbene Steine. Ihr verkauft überkandidelten Schotter. Was ja ganz in Ordnung ist, aber … gebt es einfach zu, okay? Okay.

Silberne Lamborghinis sehen wie riesige Elektrorasierer aus. Ich hab nichts gegen die netten Leute von Lamborghini (die eigentlich die netten Leute von Volkswagen sind), aber Betsy liegt schon ganz richtig, wenn sie sich über Sinclairs Neuerwerbung lustig macht.

Ich selbst habe gar nichts gegen Giada De Laurentiis einzuwenden. Ich finde, sie ist eine nette Frau und eine wunderbare Köchin. Wie schade, dass meine Figuren nicht auch dieser Meinung sind!

Und schließlich und endlich: Auch wenn es total verlockend sein mag, ist es überhaupt nicht cool, seinen eigenen Tod vorzutäuschen, allein schon wegen des grässlichen Papierkrams.

»Dee, willst du ernsthaft damit prahlen, dass du mit einem verheirateten Mann schläfst?«

»Ich bin hier nicht die Verheiratete. Ich hab nichts falsch gemacht.«

»Du hast dir von ihm einen Wagen kaufen lassen.«

»Tja, Frank, ab jetzt keine Freifahrten mehr.«

Frank und Dee,It’s always sunny in Philadelphia

»Ich war bei Carol in Las Vegas zu Besuch, und es gab … ein Leistungsproblem.«

»Mir geht’s super, Lemon. Lass dir helfen.«

»Es geht nicht um ihn, sondern um mich. Ich bin diejenige mit dem Problem.«

»Was? Was soll das denn heißen?«

»Ich bin ausgeflippt, und meine Dschunke hat zugemacht. Jetzt ist da unten Fort Knox.«

Liz und Jack,30 Rock

»Mein Vater liebt diesen Wagen mehr als sein Leben!«

»Ein Mann, dessen Prioritäten derart aus dem Gleichgewicht geraten sind, verdient so ein tolles Auto gar nicht.«

Cameron und Ferris,Ferris macht blau

»Blut und Gedärm auf dem Boden/Und ich ohne Löffel.«

Oliver Spurgeon English, Fathers are parents, too: a constructive guide to successfulfatherhood

»Okay, widerlich.«

Elizabeth »Betsy« Taylor,Königin der Vampire

2

»Hey, Jess! Warte doch!« Bevor ich Jessica dorthin folgen konnte, wohin sie geschlendert war (auch ein völlig neues Verhalten, denn Jess schlenderte normalerweise nicht, sie bevorzugte einen »Hilf mir oder verzieh dich«-Gang), wäre ich beinahe über Tina gestolpert, die aus der Küche kam. Ich sah auf meine Uhr – drei Uhr nachmittags. Noch zwei Stunden bis Sonnenuntergang (Winter, igitt), also musste sie noch ein Weilchen in der Villa ausharren, es sei denn, sie schmuggelte sich in Marcs Kofferraum. Aber das war eine ganz andere Geschichte, und die beiden setzten Operation VampTrunk immer erst dann in die Tat um, wenn es wichtig war.

Natürlich war das Wichtige – wie alles in diesem Haus – relativ. Wichtig konnte bedeuten, dass Tina um fünf in der Frühe nach Wodka mit Sorbetgeschmack lechzte. (Lassen Sie mich nicht von ihrem Wodka anfangen! Sie hatte einen Extra-Kühlschrank für das Gesöff, das sie mitnichten mit einem von uns teilte. Ich mochte es nicht einmal, aber zu wissen, dass ich nichts abbekam, rief in mir eine Sucht wach wie bei einem Diabetiker nach Insulin.) Und Marc gefiel das Spiel mit dem Kofferraum; er pflegte zu sagen, es sei wie in einem Actionfilm. Ich hatte ihn lobenswerterweise noch nie darauf hingewiesen, dass er als Zombie ja tatsächlich in einem Film war, nur eben im falschen.

Wenn er also nervös wurde oder den Käfigkoller bekam, tat er so, als wäre eine Besorgung dringender, als sie eigentlich war (»Wir haben nur noch eine halbe Kanne Himbeeren, Tina! Ab in meinen Kofferraum, sofort!« Und das von einem Typen, der nicht einmal dann »sofort« sagen würde, wenn alle um ihn herum einen Herzstillstand hätten). Tina kroch in das Deckennest, das er ihr vorsorglich bereitet hatte, und dann simsten sie mit ihren Handys, um sich zu verständigen, während sie durch die Stadt brausten und ihre was auch immer erledigten … Und warum fiel mir eigentlich erst jetzt ein, dass ich es gern sähe, wenn sie einen Kumpelfilm drehten?

»Majestät«, begrüßte mich Tina mit ihrer typischen Anrede. Wir wohnten seit Jahren zusammen und hatten einander mehr als einmal das Leben gerettet, und sie liebte mich nicht wegen meiner Krone (die natürlich nur eine symbolische war … wenn diese Vampirkönigin-Vorstellung eine echte Krone mit sich gebracht hätte, wäre ich vielleicht ein wenig netter), sondern wegen allem, was ich für Sinclair getan hatte. Er war der einzige andere Mensch, den sie mehr liebte als ihr Leben (oder sagte man in ihrem Fall »ihren Tod«? »Ihren Untod«?). Ich wusste, dass mein Ehemann ohne sie verloren gewesen wäre, nicht nur im Alltag, sondern schon lange vor meiner Geburt, und begann allmählich zu argwöhnen, dass auch ich ohne Tina verloren wäre. Nachdem ich endlich herausgefunden hatte, was ein Majordomus überhaupt war (ich hatte angenommen, es wäre irgendwas Militärisches), fragte ich mich nun, wie ich jemals ohne einen ausgekommen war.

All diese Liebe und Hingabe, und dennoch titulierte sie mich mit »Majestät« und »Meine Königin« und »Oh schreckliche Majestät« und »Teuerste Monarchin, wenn ich Euch noch einmal an meinen Wodka-Vorräten erwische, werde ich Euch verbrennen, auch wenn es mich schrecklich schmerzt, Euch Schmerzen zuzufügen.«

Tina war eine Ordnungsfanatikerin. Außerdem war sie eine bekennende Südstaatenschönheit – sie war während des Bürgerkrieges zum Vampir geworden oder in diesem Krieg geboren, ich weiß es nicht mehr genau – und vielleicht deshalb so verklemmt. Takt und Höflichkeit gehörten ebenso zu ihrem Stil wie ihre Kleidung, die wirkte wie der schmutzigen Fantasie eines alten Lustgreises entsprungen: Mini-Schottenröcke, frisch gebügelte weiße Blusen, gelegentlich ein züchtiges Stirnband, das ihre üppigen blonden Locken bändigte, und ebenso gelegentlich Pfennigabsätze. Der Begriff »zum Anbeißen« traf voll und ganz auf Tina zu. Mein Fluch war es, von Frauen umgeben zu sein, die sehr viel schöner waren als ich. Wenn mein Ehemann nicht stets (fast buchstäblich) bei meinem Anblick gesabbert hätte, wäre es um mein Ego schlecht bestellt gewesen. Und mein Ego ist nun mal der stärkste Knochen in meinem Körper. Halt, das stimmt nicht …

»Ist Jess hier durchgekommen?«

Tina schüttelte nur den Kopf, und da sie heute kein Stirnband trug, verschwand ihr blasses, spitzes Gesicht einen Moment lang hinter der blonden Flut. Sie warf ihre Mähne zurück wie der geilste Cheerleader aller Zeiten und erwiderte: »Nein, aber ich weiß, dass sie gerade erst zurückgekommen ist. Braucht sie jetzt einen Säugling?« Mir gefiel, wie Tina das sagte – »einen Säugling« –, als könnte jedes zufällig anwesende Baby infrage kommen. Als hätten wir ein ganzes Zimmer voller überzähliger Babys, falls jemand zufällig eines brauchte. Oh Gott, der Tag war vermutlich nicht mehr fern!

»Sollte man meinen, denn anscheinend nahm sie die Babys mit, um meine Mom zu besuchen, hat besagte Babys aber total vergessen. Ich weiß nicht, was Jess braucht, doch ich werde es herausfinden. Ich schwöre bei meiner schmutzigen Seele, dass mich nichts von der Aufdeckung dieses Geheimnisses abhalten wird.« Fast hätte ich »Jippie!« hinzugesetzt.

»Ich habe auch gehört, dass Laura Goodman hier war und wieder gegangen ist.« Tina schaute so betont neutral drein, wie es nur ein älterer Vampir hinkriegte. »Ihr wart … ähm, nicht in der Lage, ihr behilflich zu sein?« Das schon wieder ließ sie weg, wofür ich ihr sehr dankbar war.

Denn Tina und mein Göttergatte waren der Meinung, ich sollte doch zur Hölle noch mal bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Hölle erforschen. Warum benutzte ich nicht meine brandneue, vordem unentdeckte Superkraft Nummer sechs, wo ich nur konnte? Warum tat ich alles andere, nur um mich davor zu drücken, ich dumme Nuss? Diese Meinung äußerten sie aber zum Glück niemals laut.

»Laura geht’s gut. Der Hölle geht’s gut«, erwiderte ich mit einer ungeduldigen Geste. »Die Hölle gibt’s erst seit einer Milliarde Jahren, doch urplötzlich läuft sie aus dem Ruder und wartet nur auf meine ordnende Hand?« Ich konnte das gar nicht sagen, ohne zu grinsen; die Vorstellung war einfach zu dämlich. »Aber irgendetwas ist nicht in Ordnung. Und wo steckt Sinclair?«

Tina lächelte verständnisinnig. »Draußen.«

Ihre kurze Antwort enthielt eine geballte Ladung Glückseligkeit. Draußen, er ist draußen, weil er sich jetzt der Sonne aussetzen darf, und zwar dank Euch. Er ist draußen und glücklicher als je zuvor dank Euch. Er ist draußen, und ich bin Euch so dankbar, dass ich Euch in den Tod folgen würde, und wie wäre es übrigens mit einem Tee? Oder einem Smoothie? Mein Wodka ist natürlich tabu, aber sonst könnt Ihr alles haben, was Ihr nur wünscht.

»Das«, erwiderte ich auf ihren stummen Sermon, »war allerdings eine dämliche Frage.« Und – gesegnet sei Tina – sie stimmte mir nicht zu, sie nickte nicht einmal. Denn ich hätte es natürlich erraten sollen. »Draußen« konnte alles und jedes bedeuten, denn mein Ehemann war fast ein ganzes Jahrhundert alt und hatte sich die meiste Zeit seines Unlebens vor der Sonne verbergen müssen wie ein Republikaner, der Diskussionen über Vergewaltigung aus dem Weg geht.

In Kürze: Der Teufel gestand mir einen Wunsch zu, und ich wünschte etwas für Sinclair, bevor ich sie tötete. Und Sinclair genoss dieses neue Privileg und nahm fortan jede Gelegenheit wahr, um aus dem Haus zu kommen. Einen unserer fünf Wagen zur Inspektion bringen? »Natürlich.« Zum Bauernmarkt fahren, um frisches Obst für einen unserer erlesenen selbst gemixten Smoothies zu besorgen? »Selbstverständlich.« (Obwohl Winter war und Obst kaum zu haben.) Die Einfahrt frei schaufeln? »Haben wir eine Schaufel, und wenn ja, wo steht sie?«

Er bot sogar an, für Jessica zur Kraftfahrzeugbehörde zu fahren, obwohl sie ihm vorsichtig zu erklären versuchte, dass der Staat Minnesota es mit Missfallen sah, wenn seine Bürger Stellvertreter sandten, um ihren Führerschein verlängern zu lassen. »Bist du da ganz sicher?«, hatte Sinclair enttäuscht gefragt. »Vielleicht haben sie die Bestimmungen geändert. Ich sollte besser mal nachfragen, für alle Fälle, meinst du nicht auch? Du brauchst doch Ruhe. Lass mich das für dich erledigen!«

»Wenn du mir wirklich helfen willst, könntest du den Babys die Windeln …«

»Nichts wird mich davon abhalten, dir bei Schwierigkeiten mit den Ämtern zur Seite zu stehen!« Er schnappte sich die Wagenschlüssel. »Das schwöre ich.«

»Bitte versuch nicht, jemanden zu bestechen«, hatte Jess noch hinzugefügt, ohne ihren Unmut verbergen zu können. »Das klappt nämlich nicht, sondern macht alles nur noch schlimmer. Das weiß ich.« Nicht, dass sie aus Erfahrung sprach. Ihr Dad war derjenige, der alle möglichen krummen Dinger gedreht hatte. Jetzt schmorte er in der Hölle, was ihm nur recht geschah. Das habe ich übrigens nicht erraten. Ich habe ihn dort gesehen. Ihn und seine dämliche Frau noch dazu.

Eric Sinclair, Vampirkönig und erklärter Hundeliebhaber und -besitzer, ehemaliges Geschöpf der Nacht und nun ein Geschöpf des Tages und der Nacht, stand auch ausgesprochen auf Sex al fresco. Ich dagegen nicht so sehr. Sex, ja bitte! Mein Ehemann war unglaublich gut im Bett. Bett-Sex, Küchentresen-Sex, Keller-Sex, Speicher-Sex, Badezimmer-Sex, Korridor-Sex, sogar Treppen-Sex (argh, mein Rücken! Dieser Teppich ist nicht hochflorig genug). Aber Outdoor-Sex? Im Januar? Warum denn bloß?

Manche Leute würden sogar für die Ehre bezahlen, in unserer Villa zu vögeln. (Ich glaube, das Haus war früher mal ein B&B, also haben Leute sogar dafür bezahlt.) Es war, als wohnte man in Honolulu und führe dann nach Honolulu in die Ferien, ein wenig sinnlos also. Und außerdem: schweinekalt. Sehr, sehr schweinekalt in St. Paul zu dieser Jahreszeit. Gänsehaut über Gänsehaut, was ich nicht einmal ansatzweise erotisch finde.

Mein geliebter Ehemann konnte also sozusagen überall sein (Autowaschanlage, Kraftfahrzeugamt, Kuchenbasar, Winter Carnival) und alles Mögliche tun (Wagen waschen, Beamte bestechen, Brownies kaufen, zugucken, wie ein Typ mit einer Kettensäge aus einem Eisblock eine Eisprinzessin sägt), was wiederum bedeutete, dass ich auf mich allein gestellt war, wenn ich das Rätsel um Jessicas merkwürdige Veränderung lösen wollte. Nun ja, auf mich allein gestellt, abgesehen von einem Cop, einem Zombie und der anderen Vampirin, mit der ich zusammenwohnte.

»Ich könnte mir vorstellen, dass sie sich ein bisschen aufs Ohr gelegt hat«, sagte Tina mit einer Miene, die alles Mögliche bedeuten konnte. Ach, stimmt: Wir führten ja gerade ein Gespräch. Zum Glück ließ sich mein unkonzentrierter Gesichtsausdruck nie von meinem konzentrierten unterscheiden. »Und es ist eigentlich besser, dass der König während des Besuchs Eurer Schwester nicht im Haus weilte.«

»Ah … ja. Stimmt.«

Die Beziehungen zwischen meinem Gatten und meiner Schwester waren immer noch angespannt. Erst vor wenigen Wochen hatte sie mich entführt und dann in der Hölle sitzen lassen, wo ich entweder schwimmen oder untergehen konnte. Ich schwamm zwar, doch das hatte Laura vorher nicht wissen können.

Mein Ehemann besaß eine Menge guter Eigenschaften, aber die Bereitschaft, jemandem zu vergeben, gehörte nicht dazu. Manchmal konnte es einem vorkommen, als hätte er das Grollhegen erfunden, ich allerdings wusste, dass meine Stiefmutter die Erfinderin gewesen war.

Dennoch sorgte diese seine Eigenschaft für eine angespannte Atmosphäre, sobald er mit Laura zusammentraf, und das nervte mich ungemein. »Schätze, Sinclair hat Laura immer noch nicht verziehen, dass sie mich in der Hölle zurückgelassen hat«, bemerkte ich, denn aus irgendeinem Grund musste ich dem Offensichtlichen Ausdruck verleihen.

Tina sah mich an und dann ganz schnell wieder weg, so schnell, dass es aussah, als hätte sie mir gar keinen Blick zugeworfen. Dazu gab sie ihr typisches »Mm-mm« von sich. Vor ein paar Jahren noch hätte sie mich damit reingelegt, und ich hätte das Thema fallen gelassen.

Aber das verfing heute nicht mehr. »›Mm-mm‹ was? ›Mm-mm, was riecht denn da so gut? Oh, Schweinesteaks, meine Lieblingsspeise‹? ›Mm-mm, der verdammte Kerl hat ihr nicht verziehen und plant insgeheim, sie aufzuessen‹? ›Mm-mm, wie kann ich Betsy bloß verheimlichen, dass ich gar nicht zugehört und daher keinen Schimmer habe, worüber wir gerade reden‹?«

Tina dachte ein paar Sekunden nach, dann sagte sie: »Ich nenne Euch niemals Betsy.«

Näher würde ich dem Triumph, Tina überlistet zu haben, niemals kommen, deshalb nahm ich es als Sieg. »Ja, okay. Das stimmt.«

»Wenn Ihr mich also jetzt nicht mehr braucht …?«

»Nein, ich komm schon klar.«

»Ja, in der Tat.« Leises Lächeln.

»Du silberzüngige Teufelin.«

»Das auch.«

»Tina, gefällt es dir eigentlich bei uns?«

Sie riss die riesigen Augen noch weiter auf, und ich überlegte krampfhaft, wo nur wieder dieser Satz hergekommen war, von dem ich einen Augenblick früher nicht gewusst hatte, dass er meinen Mund verlassen würde.

»Ich … ja.«

»Oh. Gut.«

»Darf ich fragen, Majestät …?«

»Ich weiß ja auch nicht«, gestand ich. »Es ist nur so, dass unser aller Leben sich in unglaublich kurzer Zeit so verändert hat. Vor fünf Jahren habe ich dich nicht gekannt. Vor fünf Jahren war ich noch am Leben, und du hast eben das gemacht, was du damals gemacht hast, bevor unsere Wege sich kreuzten, und ich habe Sinclair nicht gekannt. Ich wusste nicht, dass ich eine Halbschwester hatte, und ich wusste ganz sicher nicht, dass sie der Antichrist war. Wusste nicht, dass es mein Schicksal sein würde …«

»Den Thron zu besteigen.«

»… den Teufel zu töten.« Was sagte das über mich aus, dass ich daran zuerst gedacht hatte? Abgesehen davon, dass ich diesen ganzen Königin-der-Untoten-Gig immer noch heftig ablehnte.

Es entstand eine lange Pause, während der ich versuchte, Tinas Miene zu ergründen, aber es war vergebliche Liebesmüh, wie jedes Mal. Tina hätte selbst Profi-Pokerspieler Daniel Negreanu ausgetrickst (Sinclair war süchtig nach dieser World Series of Poker). Ihr heiteres Gesicht, das nie besonders ausdrucksvoll war, erschien nun so starr, als spielte sie »Statuen«. Worin sie wirklich gut war.

»Nicht wirklich«, sagte sie schließlich.

»Was?«

»Ihr habt mich doch gefragt, ob es mir hier gefällt.«

Oh. Genau. Jetzt fiel es mir wieder ein. Und verdammt! Ich wusste, sie würde mir die Wahrheit sagen, aber ich hatte gehofft, dass diese zur Abwechslung mal positiv ausfallen würde.

»›Gefallen‹ ist ein beklagenswert unzureichendes Wort«, fuhr Tina fort. »Ich liebe mein neues Leben. Und nicht nur um meinetwillen. Ich liebe sein neues Leben. Vor fünf Jahren war unsere Existenz so bedroht, wir trauten niemandem und verließen uns nur auf uns, und mein teurer Freund, der König, der Junge, den ich seit seiner Geburt liebte, jagte den falschen Frauen nach und scherte sich keinen Deut darum, ob er lebte oder in Flammen aufging. Und jetzt … nimmt er Anteil. An vielem. Ich liebe das. Ich liebe Euch. Ich liebe dieses Haus. Ich liebe Eure Freunde. Ich liebe unser neues Leben, und ich liebe die Lebendigkeit, die Eure Freunde in unser Heim gebracht haben. Mir fällt gerade auf …« Ihr in die Ferne gerichteter Blick sah durch mich hindurch. »Plötzlich wird mir klar, dass ich noch sehr lange leben und immer noch auf freudige Art überrascht sein kann. Und auch das liebe ich.«

»Oh.« Hm. Sie hatte mir soeben etwas unglaublich Hochherziges mitgeteilt, da sollte mir eigentlich etwas Besseres als »oh« einfallen. »Das ist super. Ich bin … das ist echt richtig super.«

»Habt Ihr noch andere Fragen, die Ihr mir stellen wollt?«

»Nö.«

Tina nickte und wandte sich ab. »Dann darf ich mich jetzt entfernen? Ja?«

»Klingt nach ’nem guten Plan.«

Also wirklich! Das war unerwartet. Und total nett. Fast hätte ich darüber vergessen, warum ich das Gespräch überhaupt angefangen hatte. Es ging doch zunächst um … äh …

Jessica! Genau. Tina war voller Liebe für unser Leben, und Jessica führte irgendwas im Schilde. Jetzt aber hurtig! Viele Geheimnisse waren zu lüften. Die Hölle konnte warten.

Sie würde ja schließlich nicht davonlaufen, oder?

3

Schwungvoll stieß ich die Schwingtür zur Küche auf. Bislang hatte es noch keinen saukomischen Tür-ins-Gesicht-Stoß gegeben, den typischen Sitcom-Gag, aber das Jahr war ja noch jung. »Jess? Bist du hier? Hör mal, ich mach mir ein bisschen Sorgen um dich, denn aufgrund meiner unglaublichen Einfühlsamkeit ist mir aufgefallen, dass da was nicht in Ordnung ist, und du sollst wissen, dass du mit meiner vollen Aufmerksamkeit und Unterstützung rechnen kannst, egal, was es auch ist, und … Was zum Teufel …?«

Marc Spangler, Dr. med., schaute vom Tisch auf, an dem er eines seiner ekelhaften Küchenexperimente vornahm. Diesmal handelte es sich darum, Mäuse einzufrieren, zu sezieren und wieder einzufrieren. Haben Sie schon gewusst, dass gefrorene Mäuse gar nicht sonderlich streng riechen? Wahrscheinlich, weil sie so winzig sind. Oder wegen des Einfrierens. Fror Marc sie ein, weil er Rücksicht auf uns, seine Mitbewohner mit den gesteigerten Sinneswahrnehmungen, nahm, oder war das Einfrieren ohnehin Teil seiner widerlichen Küchenexperimente … Wie dem auch sei, es war meine Küche, verdammt! Die allerdings auch seine war, weil er ja hier wohnte, aber trotzdem.

Wenigstens musste ich nicht fragen, woher er seine Testobjekte nahm, denn Mäuse tummeln sich in jedem alten Haus dieser Erde. Er schlug also sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe.

»In der Küche? Schon wieder! Wir essen hier! Na ja, die anderen essen, und die Vampire trinken, und Sinclair und ich haben hier manchmal Sex! Au verdammt, jetzt ist es mir entschlüpft!«

»Ha! Wusste ich’s doch! Jetzt krieg ich fünfzig Dollar von Jess. Außerdem warst du doch diejenige, die mich aus dem Keller verbannt hat.« Marc blinzelte mich über einer Reihe winziger Leichname an. »Weil du gesagt hast, das wäre so, als wohnte man mit dem Frankenstein-Gehilfen Igor …«

»War es auch! Ist es. Ist nicht böse gemeint«, fügte ich rasch hinzu, denn es gibt keinen traurigeren Anblick als einen Zombie, dessen Gefühle verletzt sind. Gott, diese Trübsal, diese Angst! Zombie-Angst … konnte man das »Zangst« nennen? Wieder etwas Neues für diesen verrückten Haushalt?

»… denn du hast gemeckert, dass ich da unten rumgeschlichen wäre und finstere Experimente durchgeführt hätte und obendrein den Dreck nach oben schleppen würde … was übrigens dämlich ist. Denn ich schleiche überhaupt nicht.«

Natürlich hast du einen Haufen neuer Probleme, wenn der Zombie, mit dem du zusammenwohnst, Experimente an toten Nagetieren durchführt. Fast sehnte ich mich nach den Tagen zurück, als Marc herumgeschlichen war

(denn das tat er, das tut er immer noch, und sein Leugnen ist totaler Bullshit, er schleicht, also ist er),

und zwar auf unserem Speicher, total beschämt und verstohlen und voller Zangst. Wie Quasimodo, falls man unseren Speicher als Notre-Dame sehen wollte, die Hundewelpen als Wasserspeier und Quasimodo als unseren putzigen schwulen Arzt-Freund.

»Ich könnte mich jahrelang mit ihren Gehirnen beschäftigen«, sagte mein putziger schwuler Arzt-Freund und deutete auf die winzigen pelzigen Leichen, »oder mit deinem.«

»Ja, das hatten wir doch schon mal. Mit ihren sollst du dich befassen, aber könntest du das vielleicht ein bisschen ungruseliger tun?« Ich ließ die Schwingtür hinter mir zufallen und schob mich an den Tisch heran. Seine Versuchsanordnung war untadelig, das musste ich ihm lassen: Unter den blitzenden, scharfen Instrumenten war ein steriles Tuch ausgebreitet (vermutlich wollte er nicht, dass die Mäuse sich mit irgendwas ansteckten), Marc selbst war sauber geschrubbt und steckte in OP-Kittel und Latexhandschuhen. Das hier war der sauberste, sterilste OP-Tisch, den ich je gesehen hatte. In meiner Küche. »Ich meine, das ist doch wohl nicht zu viel verlangt.«

»Was?«, fragte er, in die Defensive gedrängt. Seine OP-Klamotten waren so oft gewaschen worden, dass sie wie flockiger, kotzgrüner Samt aussahen. Wieder einmal hatte er sich seine schwarzen Haare ultrakurz schneiden lassen (der »Cäsar«, wie er es nannte, »oder der George Clooney, aus dem Jahr … na ja, irgendwann eben. Er ist echt in einem Stil stecken geblieben, nicht wahr?«). Dieser Schnitt hob seine dunkelgrünen Augen und seine blasse Haut apart hervor. Marc hatte ungefähr meine Größe – eins achtzig, plus minus – und war von schlaksigem Körperbau. Sein Gesicht war zum Grinsen geschaffen: Wenn er lächelte, wirkte er um Jahre verjüngt. Nicht, dass er jemals altern würde. Nein. Er würde … verwesen. Aber das konnte ich doch verhindern, oder? Die Details waren mir immer noch unklar, die grässlichen, grässlichen Details. Ich hatte ihn zu einem Zombie gemacht, nur, dass ich es nicht gewesen war. Gott, wie ich Zeitreisen hasste! »Betsy? Was?«

»Hm?«