Männer und andere Musen - Tina Grube - E-Book

Männer und andere Musen E-Book

Tina Grube

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Beschreibung

Ein Leben ohne Mann ist möglich … aber sinnlos! EIN MANN MIT ZUCKERGUSS: Eigentlich ist Nicky vollkommen zufrieden mit ihrem Leben: Sie hat einen super Job als Personal Trainerin und mit Zwergkaninchen Mäxchen einen kuschelweichen Mitbewohner ohne männliche Allüren. Aber dann bekommt sie den Auftrag, den erfolgreichen Radiomoderator Paul kameratauglich zu machen. Alles eine Frage der Disziplin! Doch genau die lässt Paul vermissen … MÄNNER, MONDSCHEIN & AMORE: Josefine verschenkt ihr Herz allzu oft an Männer, die das eindeutig nicht verdient haben. Der aktuelle Traumprinz schickt sie immerhin nicht in die Wüste, sondern nach Italien – im Auftrag ihres smarten Chefredakteurs soll Josefine eine Reportage über das Luxushotel »Splendido« schreiben. Doch das malerische Portofino hält jede Menge Überraschungen für sie bereit …  LAUTER NACKTE MÄNNER: Am liebsten malt Mona knallige Ölgemälde von formschönen, durchtrainierten Männerkörpern. Doch leider scheinen ihre Bilder zu selbstbewusst für den Kunstmarkt. Bis zu dem Tag, als eines in einer Galerie auftaucht … unter dem Namen eines Mannes! Sofort wird es für ein Vermögen verkauft. Zuerst ist Mona sprachlos. Dann wittert sie die Chance, als geheimnisvoller Malerfürst richtig durchzustarten … Ein humorvoller Sammelband für alle Fans von Kerstin Gier und Petra Hülsmann.

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Seitenzahl: 833

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Über dieses Buch:

EIN MANN MIT ZUCKERGUSS: Eigentlich ist Nicky vollkommen zufrieden mit ihrem Leben: Sie hat einen super Job als Personal Trainerin und mit Zwergkaninchen Mäxchen einen kuschelweichen Mitbewohner ohne männliche Allüren. Aber dann bekommt sie den Auftrag, den erfolgreichen Radiomoderator Paul kameratauglich zu machen. Alles eine Frage der Disziplin! Doch genau die lässt Paul vermissen …

MÄNNER, MONDSCHEIN & AMORE: Josefine verschenkt ihr Herz allzu oft an Männer, die das eindeutig nicht verdient haben. Der aktuelle Traumprinz schickt sie immerhin nicht in die Wüste, sondern nach Italien – im Auftrag ihres smarten Chefredakteurs soll Josefine eine Reportage über das Luxushotel »Splendido« schreiben. Doch das malerische Portofino hält jede Menge Überraschungen für sie bereit …

LAUTER NACKTE MÄNNER: Am liebsten malt Mona knallige Ölgemälde von formschönen, durchtrainierten Männerkörpern. Doch leider scheinen ihre Bilder zu selbstbewusst für den Kunstmarkt. Bis zu dem Tag, als eines in einer Galerie auftaucht … unter dem Namen eines Mannes! Sofort wird es für ein Vermögen verkauft. Zuerst ist Mona sprachlos. Dann wittert sie die Chance, als geheimnisvoller Malerfürst richtig durchzustarten …

Über die Autorin:

Tina Grube, geboren in Berlin, studierte Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation, arbeitete in renommierten Werbeagenturen und begann schließlich, sich ganz dem Schreiben zu widmen. Ihre turbulenten Komödien wurden in mehrere Sprachen übersetzt, die beiden Bestseller »Männer sind wie Schokolade« und »Ich pfeif auf schöne Männer« erfolgreich verfilmt. Tina Grube pendelt heute zwischen ihren Wohnsitzen in London, New York und Mailand, schreibt, malt und genießt das Leben.

Die Autorin im Internet:

www.tinagrube.com

www.facebook.com/tinagrube.de

Bei dotbooks erschienen bereits Tina Grubes Romane »Männer sind wie Schokolade«, »Ich pfeif auf schöne Männer« (auch als Sammelband erschienen), »Ein Mann mit Zuckerguss«, »Männer, Mondschein und Amore«, »Lauter nackte Männer« « (auch als Sammelband »Männer und andere Musen« erschienen), »Schau mir bloß nicht in die Augen«, »Das kleine Busenwunder«, »Beschwipste Engel küsst man nicht« und »Hoppelhasen küsst man nicht«.

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Sammelband-Originalausgabe November 2024

Copyright © der Sammelband-Originalausgabe 2024 dotbooks GmbH, München

Die Originalausgabe von »EIN MANN MIT ZUCKERGUSS« erschien erstmals 2005 unter dem Originaltitel »Der Schokoholic« bei Blanvalet, München; Copyright © 2005 Verlagsgruppe Random House GmbH. Der Blanvalet Verlag ist ein Unternehmen der Verlagsgruppe Random House. Copyright © der Neuausgabe 2015 dotbooks GmbH, München.

Die Originalausgabe von »MÄNNER, MONDSCHEIN UND AMORE« erschien erstmals 2015 bei dotbooks. Copyright © 2015, 2022 dotbooks GmbH, München.

Die Originalausgabe von »LAUTER NACKTE MÄNNER« erschien erstmals 1998 bei Fischer, Frankfurt am Main; Copyright © 1998 Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main. Copyright © der Neuausgabe 2024 dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (lj)

ISBN 978-3-98952-426-2

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dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people. Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!

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Tina Grube

Männer und andere Musen

Drei Romane in einem eBook: Ein Mann mit Zuckerguss, Männer, Mondschein und Amore & Lauter nackte Männer

dotbooks.

Ein Mann mit Zuckerguss

Wer einen Hasen hat, braucht keinen Kerl … oder vielleicht doch? Eigentlich ist die sportliche Nicky vollkommen zufrieden mit ihrem Leben: Sie hat einen super Job als Personal Trainerin und mit Zwergkaninchen Mäxchen einen kuschelweichen Mitbewohner, der keinerlei männliche Allüren zeigt. Aber dann nimmt Nicky einen ganz besonderen Auftrag an: Sie soll den erfolgreichen Radiomoderator Paul kameratauglich machen. Sixpack statt Waschbärbauch – alles eine Frage der Disziplin! Doch genau die lässt Paul vermissen, da er nichts so sehr liebt wie Schokolade und Sahne. Unterstützt wird er dabei von seiner resoluten Haushälterin Elsa, für die „Diät“ ein anderes Wort für „Folter“ ist. Da hilft nur eins: Nicky zieht zu Paul und Elsa in die geräumige Villa. Und damit geht das Chaos so richtig los!

Widmung

Für meinen Mann

Weil du mit mir durch dick und dünn gehst, weil du jedes Gramm an mir liebst und ich an dir, weil wir gar nicht genug voneinander bekommen können.

Prolog

Die Raupe lebte ganz gemütlich und zufrieden vor sich hin. Bis sie eines Tages, wieder einmal auf der Suche nach leckeren, saftigen Blättern, vor einem Spiegel entlangkroch. Es dauerte eine Weile, bis sie begriff. Das Wesen im Spiegel war sie selbst.

Sie hatte keine Taille. Sie war einfach rund und dick. Sie fand sich hässlich.

So beschloss sie, sich vor der Welt zu verstecken. Fortan lebte sie verborgen in einem Kokon. Da kam eine Fee vorbei. Die Fee erklärte der Raupe, dass sie eine wunderschöne Seele habe. Damit die Raupe das auch wirklich verstand, sprach die Fee voller Liebe immer wieder mit ihr, philosophierte über das Wunder des Lebens und die Schönheit des Seins, bis die Raupe sich endlich selbst zu mögen begann.

Als die Raupe schließlich aus dem Kokon herauskam, hatte sie sich verändert. Sie fühlte sich heiter, leicht, ganz unbeschwert. Und konnte sogar fliegen.

Kapitel 1Ein Mann ohne Waschbrettbauch

Radio Funtime, Studio 1, 20.56 Uhr

Paul räuspert sich noch einmal, bevor er sein Mikrofon einschaltet.

»Wir sind am Ende der Sendung, Freunde. Doch ich will euch noch etwas mit auf den Weg geben. Gerade haben wir die traurige Geschichte von Britta gehört. Wenn man so enttäuscht wird, liegt es nahe, dass man sich eine Elefantenhaut zulegen will, die einen schützt. Aber ich sag euch eins: Selbst wenn es mal ganz dicke kommt, bewahrt euch eure Dünnhäufigkeit. Nur wer sensibel für das Leben bleibt, bleibt offen für Freude und Liebe. In diesem Sinne, genießt den nächsten Schmusesong in vollen Zügen. Ciao for now, euer Paul!«

Die rote Aufnahmelampe erlischt.

***

Lara und ich bahnen uns den Weg durchs Restaurant.

»Du bist die einzige Frau, die ich kenne, die seine Sendung nie hört«, sagt Lara und dreht sich kurz zu mir um.

»Ich schaffe das Leben auch so, ohne deinen Radioguru. Was hat er denn heute Tolles über den Äther verbreitet?«

Lara setzt sich an den uns zugewiesenen Tisch und schaut mich mit glänzenden Augen an. »Da war so ein Mädchen, das ist von ihrem Freund nach Strich und Faden belogen und betrogen worden.«

»Halleluja! Mal was ganz Neues!«

»Sei doch nicht immer so sarkastisch, Nicky.«

»Na, entschuldige, aber das ist ja jetzt keine so wahnsinnig originelle Geschichte.«

Lara zuckt mit den Schultern. »Mir geht es ja auch nur darum, was der Paul dazu gesagt hat.«

»Der Paul.« Ich muss kichern. »Du tust so, als ob er dein bester Freund wäre.«

»Er ist jedenfalls sehr weise. Also, hör zu: Er hat gesagt, man muss sich seine Dünnhäutigkeit bewahren, auch wenn man negative Erfahrungen macht.« Lara schaut mich nach diesem erleuchtenden Statement triumphierend an.

Dünnhäutigkeit. Meine Güte. Natürlich gehen solche Ratschläge mitten in Laras zart besaitetes Mädchenherz. Gerade will ich sie von ihrem fliegenden Teppich wieder auf den rauen Boden der Realität bringen, als mich eine Szene unweit von uns ablenkt.

Zwei Männer veranstalten ein ungewöhnliches Probesitzen. Eines haben die beiden gemeinsam: Sie sind richtig groß, genauer gesagt, lang: 1,90-Meter-plus-Typen mit Eignung für ein Basketball-Team. Einer von beiden allerdings ist viel von einem Mann, viel, viel, sehr viel sogar und somit als eleganter Korbwerfer reichlich ungeeignet. Das freundlichste Wort für dieses körperliche Phänomen wäre wohl »korpulent«. Jedenfalls versucht er gerade, sich auf eine Bank zu klemmen, die fest in den Boden montiert und somit unverrückbar ist. Das gemeine, unbewegliche Ding drückt seinen beachtlichen Bauch ungemütlich gegen den Tisch und verursacht eine gewisse Zweiteilung des Leibes in eine Wulst über und einen weiteren unter der Tischplatte. Ein Atemtest zeigt, dass er den Abend auf diese Art und Weise kaum überleben würde.

Er macht mit freundlichem Gesicht eine Bemerkung, die den Kellner offensichtlich sehr erheitert. Lachend weist er den beiden Männern einen anderen Tisch mit Stühlen zu. Stühle kann man ja praktischerweise so hinschieben, wie es gerade zur Konfektionsgröße oder in diesem speziellen Fall zur Übergröße passt. So gelingt schließlich das gefahrlose Einnehmen einer komfortablen Sitz- und Essposition an dem Tisch direkt hinter unserem.

An Lara ist das ganze Geschehen, das sich in ihrem Rücken abspielte, völlig vorbeigegangen. Sie träumt im Moment vor sich hin und malt dabei ein paar Muster auf ihren Block, ohne den sie nie das Haus verlässt. Meine Freundin Lara ist nämlich eine Künstlerin und verdient ihr Geld mit Illustrationen. Ihre Erdbeeren für die Kunden von der Marmeladenfirma zum Beispiel sehen so realistisch aus, als wären sie gerade frisch im Paradies mit Seidenhandschuhen vom Strauche gepflückt und anschließend liebevoll hochglanzpoliert worden, Katzenfutter kann sie derartig saftig und detailgetreu malen, dass die Tiere hysterisch miauend glatt das Etikett mit auffressen wollen. Und ihre zarten Zeichnungen für Märchenbücher lassen selbst verknöcherte, grantige Gemüter wieder an Elfen und Prinzessinnen glauben.

Erstaunlicherweise hat Lara sogar eine Ader für Karikaturen. Natürlich ist sie aufgrund ihres sanften Charakters gar nicht in der Lage, wirklich fies und gemein zu malen. Während ich auf eine Hakennase noch eine Warze setzen würde, verzichtet sie auf Kalauer jeglicher Art.

Vom Nebentisch ertönt nun die Stimme des korpulenten Gastes. Er bestellt Weißwein und Rotwein, Weißbrot und Butter, Vorspeise und Zwischengang und Hauptspeise und Käse und Dessert. Von nichts kommt nichts, wie sich an dieser beeindruckenden Auflistung mal wieder manifestiert.

Aus heiterem Himmel sieht Lara plötzlich so aus, als hätte sie eine überlebenswichtige Witterung aufgenommen. So wie die Gazelle im Busch den hungrigen Löwen riecht, der Cockerspaniel mitten im Blumenbeet einen verbuddelten Knochen erschnuppert oder das Mäuschen ein heiß ersehntes Stück Emmentaler in greifbarer Nähe erahnt.

»Nicky, Nicky!« Sie krallt ihre zehn Finger in meinen Arm.

»Was ist?«, frage ich erschrocken. Weniger um ihr Heil besorgt als um meine körperliche Unversehrtheit. Wer hätte gedacht, dass die zarte Lara einen derart stahlharten Griff haben kann.

»Nicky, das ist er!«

»Was ist wer?« Ich lege beruhigend meine noch freie Hand auf ihre Finger und versuche gleichzeitig, meinen umklammerten Arm wegzuziehen. Mit dem einzigen Erfolg, dass Lara ihren Druck verstärkt.

»Paul, na, Paul!«

»Paul?« Nun bin ich doch besorgt um ihren Geisteszustand.

Laras erwittertes Stück Emmentaler ist Paul? Radio-Paul?

Halluziniert sie etwa?

Hat sie das Wunschdenken übermannt?

Kann sie im Wachzustand vielleicht einer Paul-Fata-Morgana auf den Leim gegangen sein?

»Ich würde seine Stimme unter Tausenden erkennen«, flüstert Lara. »Ich höre sie schließlich jeden Tag!«

Endlich gelingt es mir, mich aus ihrem Griff zu befreien. Während ich meinen schmerzenden Arm reibe, betrachte ich Lara interessiert. Sie wirkt, als hätte sie die Schüttelfrostphase übersprungen und direkt von null auf hundert ein malariaähnliches Fieber bekommen. Fehlt nur noch, dass sie Schaum vorm Mund bekommt oder in haltloses Stottern verfällt.

»Dadadadada«, blubbert Lara.

Aha, wer sagt’s denn. Das Sprachzentrum ist bereits befallen.

»Jetzt!«, stöhnt sie.

»Was jetzt?«

»Jetzt spricht er wieder. Er muss hinter mir sitzen. Nicht zu fassen. Er muss wirklich direkt hinter mir sitzen«, flüstert Lara.

Ich schaue zu den beiden verhinderten Basketballspielern hinüber. Das kräftig ausgeprägte Exemplar redet und macht sich dabei über den Brotkorb her. Langsam und konzentriert drückt er eine beachtliche Schicht Butter auf das Baguette, scheibendick, als wäre sie lecker-leichter Aufschnitt ohne einen Hauch cholesterinhaltiger Ingredienzien. Mit einem beherzten Schuss aus dem Salzstreuer krönt er den gelblichen Butterberg. Schließlich ist er zufrieden mit seinem opulenten Werk und beißt genüsslich ein anständiges Stück von der kalorienbombigen Kreation ab. Wahrscheinlich erschüttert ihn gleich ein Fettorgasmus.

»Jetzt redet er nicht mehr«, sagt Lara.

Stimmt. Er kaut.

»Und du glaubst tatsächlich, das ist der Paul? Dein Radioguru?«

»Auf jeden Fall ist er das. O Gott, wenn ich mich nur umdrehen könnte, aber das wäre viel zu auffällig. Sag mir, wie sieht er aus?«

Wie sag ich’s meinem Kinde?

Wäre Koloss zu gemein?

Ich spähe zu ihm hinüber. Offenbar artet das Erklimmen von Butterbergen zu einer schweißtreibenden Beschäftigung aus, denn er entledigt sich gerade seiner Jacke. Rein optisch betrachtet, ist das allerdings keine so gute Idee, denn damit ist die letzte kaschierende Rüstung gefallen. Sein T-Shirt verschlägt mir noch zusätzlich die Sprache. Es ist ein blütenweißes Exemplar in Größe XXXL (gesprochen: extra-extra-extra-large) mit zwei aufgedruckten Worten, die in großen Buchstaben quer über die Brust geschrieben stehen:

BIG BUDDAH.

Humor muss er also haben, wenn auch pechschwarzen.

»Nun sag schon, wie sieht er aus?« Lara drängelt.

»Er sieht ein bisschen aus wie ein, nun ja, wie ein großer Buddha vielleicht.«

Nun war es raus. Nicht gelogen und trotzdem politisch korrekt, denn ich habe nichts von mir gegeben, was er nicht über sich selbst sagen würde.

»Ich halte es nicht mehr aus«, stöhnt Lara. »Du bist echt keine große Hilfe, Nicky. Ich muss mich umdrehen, nur ganz kurz. Meinst du, das geht?«

»Nein, die Erde wird sich öffnen. Ein zwölfarmiges lila Ungeheuer mit Reißzähnen wird dich verschlingen.«

Sie verzieht das Gesicht. Die Arme wird gleich implodieren, wenn sie sich nicht endlich umdreht.

»Mensch, Lara, zier dich nicht, nun mach schon. Es kann doch nichts passieren.«

So recht glaube ich aber meinen eigenen Worten nicht. Sie könnte die Enttäuschung ihres Lebens erfahren, wenn sie ihren angebeteten Paul zum ersten Mal erblickt. Sie könnte auch vor Schreck einfach ohnmächtig werden und vom Stuhl fallen. Ich nehme sicherheitshalber schon mal ihre Hand.

Lara dreht sich vorsichtig um. Sie betrachtet ihn. Lange. Nun ja, es gibt halt eine Menge Mann zu sehen bei Paul, wenn es wirklich Paul ist. Schließlich wendet sie sich wieder mir zu.

»Das habe ich mir irgendwie gedacht«, sagt Lara leise.

Ich tätschele tröstend ihre Hand.

»Ja, das habe ich irgendwie geahnt«, wiederholt Lara. »War auch klar. Schließlich sind sie Spiegelbild der Seele.«

Irritiert lasse ich ihre Hand los. »Wovon sprichst du, bitte?«

»Na, ich habe mir immer vorgestellt, dass er wunderschöne Augen hat. Und ich habe Recht gehabt.« Zufrieden lehnt sich Lara zurück. »Wunderschöne braune Augen.«

Verwechselt sie hier etwas? Meint sie etwa den recht ansehnlichen Begleiter des vermeintlichen Pauls? Nein, der hat eher helle Augen, etwas in Richtung Grünlich-Blau.

»Aber, Lara, so ein Schaf kannst selbst du nicht sein, dass dir als Erstes seine Augen auffallen. Der Mann ist riesig, ich meine, na, du weißt schon, was ich meine.«

»Er ist dick, na und?«, fragt Lara gelassen und fängt an zu malen.

Schnell gleitet ihr Stift über das Papier. Sie zeichnet ein Wesen mit großen Augen und gewinnendem Lächeln. Das Wesen sieht aus wie Paul, nur ungefähr 70 Pfund leichter. Es trägt auch ein T-Shirt wie Paul, allerdings mit der Aufschrift »Dünner Buddha«. Kichernd ziehe ich das Blatt zu mir rüber. Meine Freundin Lara ist echt talentiert!

Wie das Entsetzliche dann plötzlich geschehen konnte, weiß ich selbst nicht. Ich habe die Zeichnung mit spitzen Fingern hochgehoben, weil auf dem Tisch ein paar Wasserspritzer glänzten, war einen Moment durch den Kellner abgelenkt, habe wohl das Blatt nicht fest genug gehalten, jedenfalls segelt es auf einmal von dannen. An dem Kellner vorbei, an Lara vorbei, an Pauls Freund vorbei, bis es endlich landet. Genau neben Pauls rechtem Fuß.

Lara starrt entgeistert ihrer Zeichnung hinterher. Ausgerechnet ich habe es geschafft, Lara in eine Salzsäule zu verwandeln. Stocksteif und erstarrt sitzt sie da, vor Schreck gelähmt, atemlos und mit weit aufgerissenen Augen. Sie würde sich unter Umständen nur nach einer Reihe diverser Injektionen jemals wieder bewegen können. Wenn sie nicht überhaupt binnen der nächsten Sekunden vor Scham grußlos ins Nirwana wechselt.

Mutig stehe ich auf. Ja, eventuell kann ich mit einem Hechtsprung die Situation noch retten, mich nach einem kurzen Anlauf und einer Rechtsdrehung direkt vor Pauls Füße werfen. Unter Umständen hält er mich für einen durchgeknallten Groupie, im schlimmsten Falle einfach für eine Bekloppte mit Fallsucht, was soll’s?

Gerade will ich mein Debüt als Standwoman geben und mich mit abschließender gekonnter Rolle auf den Boden schmeißen, als Paul sich bückt.

O nein!

O doch!

Er hebt das Blatt auf. Er starrt auf das Bild.

Ich weiß, was gleich passiert. Der Buddha wird sich in einen Sumo-Ringer verwandeln und mich in der Luft zerfetzen. Oder erst mal das Bild in der Luft zerreißen und mich dann wie eine Stoffpuppe quer durch den ganzen Raum schleudern.

Die Sekunden ziehen sich endlos hin. Zeitlupe, wie im Kino. Pauls Gesichtsausdruck lässt auf eine gewisse Verblüffung schließen. Wahrscheinlich wird die nächste Sekunde diesen Ausdruck in aufkeimende Wut verwandeln, woraufhin ungezügelter Zorn ausbrechen müsste.

Doch nichts dergleichen passiert. Die Verblüffung weicht einem Grinsen. Das Grinsen wird zu einem breiten Lächeln. Das Lächeln verwandelt sich in Sekunde vier in wohltönendes Lachen und entwickelt sich von tief unten aus Pauls breitem Brustkorb zu einem Lachcrescendo erster Güte. Sein großer, runder Bauch vibriert und unterstreicht den Heiterkeitsausbruch optisch auf fesselnde Art und Weise.

Nun schaut er mich an.

Kein Wunder.

Ich stehe einen Meter von ihm entfernt, immer noch in Sprungpose wie im Schwimmunterricht auf dem Startblock vor dem ersten Köpfer.

»Das ist ja toll!«, sagt er und deutet auf das Bild. »Du kannst ja super zeichnen.«

»Aber, ich … « Ich drehe mich um und will gerade Lara als Urheberin identifizieren, als ich sie halb unter unserem Tisch verkrochen verneinende Handzeichen machen sehe.

»Äh, ich meine, bist du der Paul?«, frage ich blöde und stelle mich endlich gerade hin.

»Klar doch. Und wer bist du?«, fragt er zurück.

»Nicky.«

Zumindest ist mir gerade noch mein Name eingefallen. Kein Grund, um wirklich stolz zu sein, doch angesichts der unmöglichen Situation wenigstens eine richtige Meldung meines leicht vernebelten Hirns.

Paul stemmt sich mit den Händen auf den Tisch und steht mühsam auf. Wegen seiner Länge muss ich den Kopf in den Nacken werfen, um ihm in seine hübschen Augen zu schauen. Imposant ist natürlich ebenfalls seine Körperfülle, die aus nächster Nähe und dreidimensional ein Fliegengewicht wie mich schon beeindrucken kann.

»Wollt ihr Mädels uns nicht Gesellschaft leisten?«, fragt Paul. »Ein bisschen Lebensfreude kann uns heute nicht schaden, nicht wahr, Tom?«

»Wenn du meinst«, antwortet Tom, der Grünblau-Äugige, und runzelt die Stirn.

Nein, steh bloß nicht auf für eine Dame. Bleib sitzen und sei unfreundlich. Wahrscheinlich grüßt du eh am liebsten nur dein Spiegelbild.

»Aber nur unter einer Bedingung, Mädels«, sagt Paul. »Ihr müsst etwas essen. Hungerharken mag ich nicht.«

Na ja, es gibt Schlimmeres als kostenloses Essen, besonders wenn im Portemonnaie Ebbe herrscht wie in meinem. Obwohl ich befürchte, dass Lara, die uns fassungslos beobachtet, keinen Bissen hinunterbekommen wird. Ich bin sicher, ihre haltlose Schwärmerei für Paul hat inzwischen ihren Schluckreflex und die Spuckeproduktion zum Erlahmen gebracht. Mit trockenen Lippen formt sie ein »Ja«.

»Soll das eine Einladung sein?«, frage ich frech. Ha, mein wahres Ich ist wieder da. Sehr beruhigend.

»Klar doch, Mädels. Nun rutscht zu uns rüber!«

Ich stelle Lara vor, ignoriere den unwilligen Gesichtsausdruck des Mannes namens Tom und setze mich gemeinsam mit meiner zitternden Freundin an den Tisch der Titanen. Lara vibriert wie diese nervösen, überzüchteten Chihuahua-Hündchen, wenn die Raumtemperatur unter 28,5 Grad Celsius fällt, also quasi immer und überall, außer in den Tropen.

Nun brauchen wir wohl eine anständige Konversation. Von Lara ist kein Tönchen zu erwarten. Tom will offensichtlich nicht mit netten Mädels reden, die für ihn wohl nur aufdringliche Verehrerinnen des Radiomoderators Paul sind. Und eben dieser berühmte Paul kaut schon wieder irgendetwas.

So stelle ich mir einen unterhaltsamen Abend vor. Was man für eine warme Mahlzeit nicht alles auf sich nehmen muss. Jetzt soll ich wohl noch tanzen für meine Suppe. Na, meinetwegen.

»Bist du eigentlich Buddhist?«, frage ich Paul und zeige auf sein T-Shirt.

Er schluckt erst brav hinunter. »Nein, aber ich bin weise, wenn auch nicht so weise wie Buddha.«

»Stimmt«, platzt es unvermutet aus der bebenden Lara heraus. »Ich meine, dass du weise bist. Nicht, dass du weniger weise bist als Buddha. Äh, also, das kann ich nämlich gar nicht beurteilen, aber … «

Die Arme. Ich muss sie retten. Sie stottert sich sonst noch in eine ganze Ansammlung von Fettnäpfen hinein. Doch Lara kennt kein Halten.

» … ich bin nämlich ein Fan. Beim Arbeiten, da höre ich dir immer zu. Und seit du nicht nur moderierst, sondern auch noch Chef des ganzen Radiosenders bist, gibt es zu allen Uhrzeiten so tolle Programme. Aber am liebsten höre ich dich und deine Weisheiten.«

Das war mal ein Outing.

Paul klopft sich auf die Brust. »Big Buddha dankt. Es gibt übrigens keine dünnen Buddhas«, sagt er grinsend und schiebt mir die Zeichnung mit seinem schlanken Zwilling hin.

»Aber dünne Weise. Zum Beispiel Ghandi«, gebe ich zurück.

»Der war Hindu und kein Buddhist«, fällt mir Tom ins Wort. Kurz wirft er mir einen abschätzenden Blick zu. Würde mich nicht wundern, wenn er mir gerade gedanklich den Stempel blond und blöd aufdrückt.

»Ach nee«, antworte ich in ironischem Tonfall und funkle ihn an. »Mir geht es doch nur darum, dass es Weise gibt, die fasten, um einen noch klareren Blick zu bekommen. Na, Paul, schon mal probiert abzunehmen, wegen der Weisheit, der Gesundheit und so?«

Eigentlich erwarte ich eine Antwort vom kauenden Paul. Stattdessen stöhnt sein Freund Tom demonstrativ. Und ich ernte zusätzlich einen Gesichtsausdruck, der darauf schließen lässt, dass dieser Mann nicht in mein Tanzkärtchen eingetragen werden möchte.

»Typisch Frau«, sagt Tom böse. »Ständig geht es ums Aussehen und um das verdammte Dünnsein. Was ist bloß in euch gefahren? Je knochiger, desto besser, glaubt ihr. Macht euch zum Narren, hungert schlecht gelaunt vor euch hin, findet euch erst schön, wenn man die Rippen zählen kann. Sehe ich ständig bei meinen Castings. Die Weiber zicken herum, sind permanent schlechter Stimmung vom Fasten und haben nur noch ein Thema. Diät, Diät, Diät.«

»Die Weiber?«, frage ich gedehnt.

Der Kerl will ein verbales Duell? Ohne Schwerter, Pistolen und Boxhandschuhe, dafür mit spitzer Zunge? Kann er haben! Alice Schwarzer ist ein schüchternes, zurückhaltendes Wesen gegen mich, wenn es um die Verteidigung der weiblichen Ehre geht, besonders um meine eigene.

Paul lacht. »Frieden, bitte, Frieden! Ihr seid doch gar nicht gemeint. Tom hat nämlich eine Castingfirma, da trifft er die merkwürdigsten Frauen. Er sucht für Filme und Fotoshootings, für die Werbung und für alles Mögliche die richtigen Schauspieler und Modelle.«

»Und alles, was du dabei gefunden hast, ist anscheinend ein sauberer Frauenhass, was?«, fahre ich ihn an. »Guck dich doch mal an. Du bist selber total schlank. Und deinen Freund willst du lieber dick sehen?«

Tom zieht eine Augenbraue hoch. Oh, wie ich das hasse. Zwei hochgezogene Augenbrauen, nun gut, ein Ausdruck des Erstaunens. Aber eine einzelne hochgezogene zeigt Verachtung und macht mich echt sauwütend. Da werde ich glatt zum Tier, nicht gerade zur Wildsau, aber zu einer bellenden Terrierdame allemal.

»Nein, nein!« Paul greift besänftigend ein. »Tom hat mich schon bei allen möglichen Diät-Versuchen unterstützt. Ich habe viel ausprobiert, das könnt ihr mir glauben.«

»Offensichtlich nicht von Erfolg gekrönt?«, frage ich sachlich.

»Nur kurzfristig. Ich kriege prompt alle Kilos zuverlässig zurück«, stöhnt Paul. »Und zwar zusätzlich mit Zins und Zinseszins.«

»Der berühmte Jojo-Effekt.« Ich nicke. »Drei Pfund runter und vier wieder rauf. Nachher ist alles noch schlimmer als vorher.«

Paul gießt allen Wein ein. Lara nippt nur wie ein Spätzchen, Tom trinkt lediglich einen kleinen Schluck, während ich es eher mit Pauls Trinktempo halte. Wer weiß, wann ich wieder so einen guten Tropfen bekomme. Mein Budget sieht zurzeit höchstens nach einer wässrigen Schorle aus.

»Ist euch Dr. Atkins ein Begriff?«, fragt Paul. »Das war eine Diät für mich, dachte ich. Fleisch und Käse darf man essen, Eiweiß so viel man will, nur keine Kohlehydrate, dadurch kaum Obst und Gemüse. Ich habe nie Hunger gelitten, aber nach einer Woche hing ich schlapp vor meinem Mikrofon und fühlte mich wie ausgestopft mit Rindersteaks und Goudastücken. Fast hätte ich eine Abendshow versaut, weil ich nur noch von Äpfeln träumte. Von sauren, saftigen, grünen, glänzenden Äpfeln.«

»Von Äpfeln?«, fragt Lara erstaunt.

Er schmunzelt. »Ja, dabei mag ich Äpfel eigentlich gar nicht besonders, höchstens im Apfelkuchen oder auf einer französischen Tarte Tatin oder beim Apfel-Streusel vom Blech mit Sahne oder … «

»Wir verstehen schon.« Bevor Paul hier sein ganzes Konditor-Repertoire auspackt, unterbreche ich ihn lieber. »Weiter mit den Äpfeln und Dr. Atkins.«

»Ja, jedenfalls brauchte ich was Frisches, Knackiges, etwas ohne Fett. Mir wurde plötzlich schon übel, wenn ich nur Gebratenes roch. Ich habe die Dr.-Atkins-Diät bei der Gelegenheit umgetauft. In Dr. Atkotz.«

Darauf trinken Paul und ich.

»Und dann Trennkost«, referiert Paul weiter. »Da hatte ich das Gefühl, ich hätte eine neue Religion entdeckt. Ich war freiwillig Missionar mit der Nummer. Das oberste Gebot war nicht mehr, du sollst nicht töten, sondern du sollst kein Eiweiß mit Kohlehydraten zusammen vertilgen. Ich fand auch einige andere Jünger, die aussahen, als hätten sie durch das Trennen das Licht entdeckt. Bis mir der ganze Kram auf den Nerv ging. Bei jedem Restaurantessen musst du die Hälfte auf dem Teller liegen lassen. Kein Reis zum Geschnetzelten. Keine Kartoffel zum Sauerbraten. Keinen Kloß zur Rehkeule. Das hat mich dann letztendlich geschafft. Zum Reh gehören einfach Klöße. Also, ein Feinschmecker hat diese Trennkost nicht erfunden.«

Tom mischt sich ein: »Trotzdem hast du in der Zeit gut abgenommen und keinen Mangel gelitten.«

»Doch, Genussmangel!« Paul zieht ein trotziges Gesicht.

»Süß«, flüstert mir Lara atemlos ins Ohr.

Oje. Lara findet unseren dicken Paul sogar mit trotzigem Kindergesichtchen niedlich. Ich fürchte, sie ist entweder plemplem geworden oder hat sich endgültig und haltlos in ihren Radioguru verknallt.

»Schließlich habe ich es ganz rigoros versucht. Mit Nulldiät. Ganz brav unter ärztlicher Aufsicht in so einer Klinik, wo du Unsummen dafür bezahlst, dass du nichts zu essen bekommst. Dafür gibt es zur Begrüßung gleich Wasser mit Glaubersalz zu trinken. Wisst ihr, was dieser Höllencocktail mit dem Darm macht?«

»Er bringt ihn sauber auf Hochtouren«, sage ich grinsend.

»Er vergewaltigt ihn. Hätte mein Dickdarm schreien können, wäre ich wegen Darmbrüllerei aus der Klinik geflogen. So was Bescheuertes«, schimpft Paul. »Schlacken sollen da angeblich ausgespült werden. Dabei gibt es gar keine Schlacken, die sich im Körper verstecken. Aber das habe ich erst erfahren, als mein Darm schon völlig leer war. Klar, er hatte nichts mehr drin, aber in meinem Kopf, da war nach wie vor das alte Programm.«

»Welches Programm?«, fragt Lara schüchtern.

Paul meint sicher weder das Fernsehprogramm noch das Programm zur Erhaltung des tropischen Regenwaldes noch das neueste sprechende Computerprogramm mit Lara Croft als Animationsfigur.

»Mein Programm«, antwortet Paul. »Das Paul-Programm: Ich habe Stress. Ich brauche etwas Leckeres zum Essen.«

»Alle Achtung!«, sage ich. »Wenigstens weißt du, woran du bei dir bist. Nette Kurzanalyse!«

Paul prostet mir dankbar zu. »Nach der Nulldiät habe ich dann die Kohlsuppendiät ausprobiert. Es dauerte nur ein paar Tage, bis ich total entkräftet war. Das ganze Haus stank nach Kohl, und als der Geruch endlich wieder raus war, war meine Freundin gleich mit verschwunden. Sie ward nie wieder gesehen. Ebenfalls übrigens ein guter Grund, beim Essen richtig zuzulangen.«

»Und?«, frage ich sanft, während mir der süffige Rotwein ein angenehm weiches Gefühl in den Knien verschafft, »wie fühlst du dich nun so als Diätopfer und Buddha?«

Gedankenverloren betrachtet Paul einen Bissen seines herrlichen Rindergulaschs. Während er kaut, überlegt er. Dann schaut er mir gerade in die Augen.

»Liebe Nicky, wenn du es ganz genau wissen willst: Ich fühle mich abhängig. Eklig abhängig und chronisch fresssüchtig.«

»Dann musst du die Kontrolle über dein Leben wiederbekommen!«, ermutige ich ihn und haue mit der Faust auf den Tisch.

Jawohl. Man kann doch nicht im Ernst einem Teller Gulasch und einer Cremetorte die Macht zugestehen, einen gestandenen Radioguru zu beherrschen. Das geht schlichtweg nicht!

»Ach ja«, antwortet Paul lakonisch. »Dann esse ich geraspelte Möhren ohne Dressing, und mir fällt ein Blumentopf auf den Kopf. Toll, diese Kontrolle über mein Leben. Was kontrollieren wir schon? Da fluche ich doch noch, wenn ich im Himmel einschwebe und statt Schokoladensoufflé nur Rohkost im Bauch habe.«

»Aber wenn du so weitermachst, kannst du eines Tages nicht mehr laufen. Entweder weil du mit deinem Übergewicht deine Gelenke ruiniert hast oder weil der Diabetes mellitus deine Zehen verfaulen lässt.« Auch das muss mal gesagt werden, finde ich.

Lara schnappt hörbar nach Luft. Zugegeben, der Weingeist war mit mir, aber ich habe ja nur ein paar nackte Tatsachen von mir gegeben.

»Du hast eine ganz schön große Klappe.« Paul grinst. »Bleibst nie eine Antwort schuldig, oder?«

»Nö, das Reden war noch nie mein Problem.« Ich lächle ihm zu. Wir verstehen uns. Wo ist eigentlich der Wein hin?

»Trotzdem, du mit deiner Figur hast gut lachen«, sagt Paul.

Mir ist aber nicht zum Lachen. Mein heutiger Luxuskörper hat nichts mit meiner pfundigen Vergangenheit zu tun. Ich vergesse nie, wie das ist, wenn Hosen-Bündchen immer enger werden, bis man halbe Blutergüsse an der Taille hat, wenn das Kinn sich kurzerhand verdoppelt und nicht mal mehr im Rollkragenpullover zu verstecken ist, wenn kleine Fettwülste die Augen von oben und unten belagern und zu Schlitzen verengen. Wenn Verkäuferinnen einen nicht nur mitleidig, sondern dazu noch hochnäsig aus dem Geschäft mit den schicken Sachen vertreiben, als wären sie was Besseres. Nur weil sie keine Säcke als Gewänder tragen müssen, um die arterielle Blutversorgung ohne das Abklemmen wesentlicher Gefäße nicht zu gefährden.

Hätte ich damals wenigstens eine anständige Opernstimme gehabt, wäre ich eventuell als blonde Walküre durchgegangen. Doch ohne Sangestalent gab’s keinen Applaus für meinen überdrallen Körper, meine dicken Arme, meine unförmigen Oberschenkel. Die rieben hilflos aneinander, rieben und rieben bei jedem Schritt, so dass sich große, runde Stellen zwischen den Beinen entzündeten und sich zu nässenden Wunden entwickelten. Hat schon mal jemand versucht, sich Riesenpflaster auf die Innenseiten wunder Schenkel zu kleben?

O Mann, ich weiß, was Sache ist. Ich bin ein Ex-Fett-Junkie, wie er im Buche steht.

Paul verleibt sich gerade sein Dessert ein. Etwas mit Schokolade, Bananen, Schlagsahne und neckischen kandierten Kirschen obendrauf. Glücklich sieht er dabei nicht aus.

»Ich sitze im Gefängnis«, blubbert er betrunken.

»Wie bitte?«, fragt Lara irritiert.

»Ich sitze im Gefängnis. Im Fettgefängnis.«

Der Kellner stellt uns eine Runde Grappa auf den Tisch. Ich will ja nicht unhöflich sein und nehme einen kräftigen Schluck. Dabei betrachte ich Pauls Körpermasse.

»Soll ich dich aus deinem Fettgefängnis herausholen?«

Huch, das war meine Stimme. Warum mache ich solche Angebote? Warum kann ich nicht einfach hier sitzen, zivilisiert essen und trinken und mich in ladyliker Zurückhaltung üben?

»Mich herausholen aus der ganzen Misere? Kannst du das?« Paul versucht, mich zu fixieren.

»Klar!«, antworte ich großspurig. »Ich weiß, wie das geht. Ich arbeite nämlich zufällig als Personal Trainer!«

»Wer hätte das gedacht!«, sagt plötzlich Tom. Die Ironie trieft aus seinen Worten.

»Du hast es nötig«, schnauze ich ihn an. »Alle Stars haben ihre Personal Trainer, die ihren Körper in Schwung bringen, ihn fit und schön machen. Trainer, die sie anspornen, die sie nicht allein lassen mit diesem Muss, schlank und muskulös auszusehen. Von dem Ergebnis lebst du doch schließlich. Was wäre eine Castingfirma ohne Leute, die vor einer Kamera präsentabel aussehen?«

Lara betrachtet mich prüfend. Sie kennt mich. Es besteht eine gewisse Gefahr, dass ich diesem abweisenden Tom in Kürze in sein aristokratisches Pokerface springe.

Hastig sagt sie: »Ja, außerdem ist Nicky nicht nur irgendein Personal Trainer, sie ist ein As unter den Trainern. Sie kann reden, sie kann tolle Geschichten erzählen, damit du von der Schinderei abgelenkt bist, sie ist total unterhaltsam, eine richtige Entertainerin!«

Tom erhebt sich. »Also, mir reicht es für heute. Paul, wir sehen uns morgen sowieso. Es ist schon spät, und ich brauche jetzt bestimmt keine Entertainerin mehr. Außerdem gehe ich lieber, bevor die Damen hier entdecken, dass sie eigentlich für die Bühne geboren sind … «

Am liebsten würde ich ihm jetzt die Zunge herausstrecken. Oder ihm schnell ein Bein stellen, damit er seine kühle Distanziertheit zugunsten eines netten Adrenalinstoßes verliert und ihm beim Fallen zum Beispiel ein paar Strähnen aus seinem nach hinten gekämmten Haar in die Stirn springen. So ganz schlampig und gar nicht mehr Mister Perfect. Doch nach einem freundschaftlichen, kernigen Händeschütteln mit Paul verlässt er ungehindert und hoch aufgerichtet das Restaurant.

»Paul, weißt du eigentlich genau, was ein Personal Trainer ist? Ich kümmere mich um den Gesamtzustand eines Menschen. Wir reden über die Ernährung, über Lebensgewohnheiten und natürlich über ein geeignetes Bewegungskonzept. Schließlich ist nicht jeder zum Balletttänzer geboren.« Bei der Vorstellung von Paul in einem raschelnden Tütü-Röckchen muss ich kichern. »Nein, Spaß beiseite, Sport ist natürlich nicht wegzudenken.«

»Sport ist Mord«, nuschelt Paul.

»Es geht nicht nur um Sport. Es geht um ein neues Leben!«

»Sie kennt sich wirklich aus«, sagt Lara eifrig. »Sie war nämlich selbst einmal unwahrscheinlich … «

Ich greife mit aller Kraft zu und quetsche Laras Oberschenkel. Was ich mal war, spielt hier keine Geige. Geständnisse einer Ex-Dicken zu später Stunde braucht hier niemand.

»Wir machen das ganz unkompliziert, Paul. Ich gebe dir meine Telefonnummer. Wenn du Hilfe mit dem Abnehmen willst, rufst du mich halt an.«

Dann trinken wir noch den Rest Rotwein aus. Ich bin plötzlich todmüde.

Auf dem Nachhauseweg im Taxi habe ich allerdings eine total elektrisierte, zappelige Lara neben mir. Unruhig rutscht sie auf dem Polster hin und her und verfällt erneut in ihre Paul-Schwärmerei: »Seine Augen sind wirklich wunderschön, nicht? Und hast du gesehen? Er hat längere Wimpern als wir beide zusammen.«

Kein Wunder. Der gute Paul wiegt schließlich hauch mehr als Lara und ich zusammen. Da sind die langen Wimpern wohl eine höfliche Gnade der Natur.

Kapitel 2Wenn nachts im Kühlschrank ein Lichtlein brennt …

Radio Funtime, Studio 1, 8.58 Uhr

»Es passieren immer wieder Dinge im Leben, Freunde, die man nicht erwartet. Sind das Zufälle? Ist es Schicksal? Ich glaube daran, dass alles seinen Sinn hat und man lernen muss, seiner Intuition zu vertrauen. Euer Gefühl sagt euch doch meist spontan, ob etwas gut oder schlecht für euch ist, oder? Glaubt an eure Eingebungen und lasst die guten Gelegenheiten, eure echten Chancen, nicht an euch vorbeirauschen. Ciao for now, euer Paul!«

Er schaltet das Mikrofon aus, zögert noch einen kurzen Moment und greift dann entschlossen zum Telefonhörer.

***

Ich glaub es nicht. Was ist denn das für ein Geräusch? Habe ich etwa den Wecker eingeschaltet? Wenn ja, warum? Und: Wie kann man nur so blöd sein? Schließlich habe ich heute frei!

Ich muss nicht ins Sportstudio, ich muss keine Aerobic-Klasse in quietschbunten Outfits mit Hampelmannbewegungen ins Schwitzen bringen, ich muss keine persönlichen Trainingskunden aufs Laufband zerren und dafür sorgen, dass sie von dem Ding nicht herunterfallen, ich muss mich selber kein Stück rühren, nicht mal den kleinen Zeh. Nein, nein, nein, ich brauche hier einfach nur zu liegen.

Wenn dieses unangenehme Geräusch nicht wäre, könnte ich sogar in Frieden liegen.

Vorsichtig öffne ich ein Auge. Nicht so einfach, wenn der Schädel diffus brummt. Mein Blick fällt auf Mäxchen, mein munteres Zwergkaninchen. Seine rosa Nase ist wie üblich schnuppernd in Bewegung, sein dunkles Fell glänzt im Sonnenlicht, das durch die nicht richtig zugezogenen Vorhänge fällt. Abscheulich, diese Helligkeit, widerwärtig geradezu.

»Mäxchen, tu was«, röchle ich in seine Richtung. »Mach, dass es leise ist. Mama muss schlafen.«

Das Geräusch hört auf. Ich öffne das andere Auge. Hab ich es doch von Anfang an gewusst. In Mäxchen steckt etwas ganz Besonderes. Er mag zwar klein sein, aber oho. Offensichtlich kann er zaubern und hat das Geräusch zum Verstummen gebracht.

Vorsichtig drehe ich meinen schmerzenden Kopf auf die andere Seite und kuschle mich wieder tief in die Bettdecke. Eines Tages würde ich es vielleicht sogar schaffen, Mäxchen einige Butler-Qualitäten beizubringen, wozu war ich schließlich ein Trainer? Personal Trainer, Tiertrainer, so groß ist der Unterschied sicher nicht. Dann könnte er jetzt auf ein Zeichen seiner Menschenmama mit einem kalten Lappen zu meinem Bett hoppeln, den ich mir nur allzu gerne quer über den Schädel legen würde.

»O nein, nicht schon wieder«, stöhne ich.

Das Geräusch ist zurückgekehrt. Der Wecker kann es nicht sein, der steht quasi neben mir, und das Geräusch ertönt mehr von hinten links. Langsam hebe ich den Kopf. Da liegt ein Sofakissen auf dem Fußboden. Das Sofakissen hat ein Kabel, wie lustig. Als ich gerade darüber nachdenke, ob es sich in ein Heizkissen verwandelt haben könnte, fällt mir ein, dass ich gestern Nacht vorsichtshalber ein Kissen auf das Telefon gelegt habe. Um eben zu vermeiden, von dem klingelnden Ding geweckt zu werden. Mist, demnächst verbanne ich das Telefon ins Gefrierfach. Da soll es mal sehen, ob es in der Kälte noch Lust hat zu bimmeln.

Auf allen vieren krabble ich aus dem Bett auf das Klingeln zu. Mäxchen hoppelt mir begeistert hinterher.

»Wer stört?«, ächze ich in den Hörer.

»Paul, hier ist Paul!« Eine männliche Stimme dringt an mein Ohr.

»Kenne keinen Paul. Falsch verbunden!«

So eine Frechheit. Da quält man sich an seinem freien Tag aus dem Bett für einen Deppen, der nicht mal richtig eine Telefonnummer wählen kann.

»Halt! Stopp! Nicht auflegen!«

Drei Befehle auf einen Streich. Ist bestimmt ein Macho. Wenn der glaubt, dass ich mich jetzt hinstelle und strammstehe, hat er sich gewaltig geirrt.

»Ich bin’s doch, Paul! Vom Radio. Von gestern Abend.«

»Ach herrje«, entfährt es mir.

Ich bin nämlich splitterfasernackt. In diesem Zustand kann ich nicht mit Männern telefonieren, die ich gerade erst kennen gelernt habe. Das hat eine Logik, selbst wenn es nicht so erscheint. Aber man telefoniert anders, wenn man nackt ist, ich schwör’s.

»Hast du auch einen Kater?«, höre ich Pauls Radiostimme an meinem Ohr, während ich versuche, mich mit einigen Verrenkungen in meinen Morgenmantel zu hüllen.

»Nee, einen Zwerghasen«, antworte ich und stolpere über den Morgenmantelgürtel. Mit letzter Kraft werfe ich mich aufs Sofa.

»Ich habe jedenfalls schon zwei Aspirin genommen.« Paul lacht sein wohltönendes Paul-Lachen. »Der Grappa war es. Normalerweise trinke ich nur Wein oder Schampus, nie Schnäpse. Das killt mich.«

»Mich offensichtlich auch«, gebe ich zu. »Mein Kopf war effektiv schon mal klarer.«

»Hör zu, Nicky. Mir ist es wie Schuppen von den Augen gefallen, war wohl so ein Lichtblick-Moment. Ich brauche einen Bodyguard!«

»So berühmt bist du?«, frage ich. »Sind deine Fans hinter dir her? Gehen sie dir an die Wäsche? Wollen dich neidische Ehemänner verhauen? Oder findest du es nur mal schick, so einen Kerl um dich herumzuhaben, der einen finsteren Schlägerblick zur Schau trägt?«

Pauls Prusten dröhnt in meinen Ohren. Ich halte den Hörer etwas weg, weil laute Geräusche im Moment nicht sehr angenehm sind.

»Nein, nein, ich meine, ich brauche jemanden, der sich um meinen Body kümmert, verstehst du? Jemanden, der dafür sorgt, dass mein Körper gesund wird, fit wird, dass ich abnehme, verdammt noch mal.«

»Dürfen Radioheinis eigentlich öffentlich fluchen?«, frage ich. »Abnehmen hat übrigens nichts mit Verdammnis zu tun, in deinem Falle eher mit Erleuchtung.«

Es entsteht eine Pause. Paul scheint nachzudenken. Erleuchtung ist halt ein wunderbar großes Wort, das haut immer rein. Damit habe ich schon so manchen Klienten dazu gebracht, meine Turnübungen als etwas Biblisches zu betrachten.

»Ich brauche einen Diätschatten«, erklärt Paul nun. »Jemanden, der mich nicht aus den Augen lässt. Jemanden, der mein Essen kontrolliert, der mir einen Bewegungsplan macht, der einfach immer, immer da ist und auf mich aufpasst, damit ich nicht entgleise. Jemanden, der immer um mich herum ist, einfach immer und überall. Wie ein Schatten eben.«

»Wie wäre es mit einer schwer eifersüchtigen Ehefrau?«

Das ist eine gute Idee, finde ich. So eine neurotische, zwanghafte, möglichst noch zusätzlich mit einer Einsamkeitsphobie, die hinter Paul her ist wie der Teufel.

»Ich brauche dich, Nicky!«

Der will mich doch nicht etwa heiraten, oder? Der meint doch wohl nicht im Ernst, ich wäre so ein hysterisches Wesen, das sich an seine Seite kleben will?

»Wie bitte?«, frage ich verwirrt.

»Ich brauche dich als meinen Diätschatten. Ich habe das schon durchdacht. Weißt du, ich lebe in einem großen, komfortablen Haus. Du ziehst zu mir, sagen wir mal, für mindestens sechs Monate. Und du wirst mein Diätschatten, mein Bodyguard, mein Personal Trainer, all das. Deine Aufgabe ist es, mich schlank zu kriegen und mich zu überwachen. Überall. Zu Hause, im Studio, im Restaurant, auf der Straße, einfach immer und überall.«

Der Mann hat eindeutig einen Knall. Der Job wäre was für jemanden mit Sklavenmentalität oder einem fatalen Hang zum Masochismus.

»Und ich zahle dir zehntausend Euro im Monat, plus Erfolgsprämie von fünfzigtausend Euro, wenn ich es schaffe, mindestens vierzig Pfund in einem halben Jahr loszuwerden.«

Wo ist nur mein Taschenrechner? So viele Zahlen zu so früher Stunde. Also, mal langsam: sechs mal 10 000 macht 60 000 plus 50 000 macht 110 000 Euro in sechs Monaten.

Einhundertzehntausend Euro als Halbjahresverdienst. Der Mann hat Format. Der Mann hat Stil. Der Mann weiß, was Qualitätsarbeit wert ist.

Ich schaue mich in meinem kleinen Apartment um. Sooo schön ist es eigentlich nicht, in einer Einzimmerwohnung mit Kochnische zu leben. Als Chef eines Radiosenders und Kultmoderator würde Paul wohl ein ganz passables Haus haben. Und gegen einen Tapetenwechsel ist grundsätzlich nichts einzuwenden …

»Ich komme nur, wenn ich Mäxchen mitbringen kann!«, erkläre ich, um Zeit zu gewinnen.

»Mäxchen? Du hast einen Sohn?«, fragt Paul gedehnt.

»Quatsch, mein Zwergkaninchen. Und ich habe noch eine Bedingung!«

»Und die wäre?«, fragt Paul.

»Keinen Sex, klar?«

»Du meinst, ich darf sechs Monate lang keinen Sex haben?«

»Ich meine, du kannst keinen Sex mit mir haben. Und wenn du es dringend brauchst, glaub ja nicht, ich stell mich als Schatten daneben. So vergnügungssüchtig bin ich nämlich nicht!«

Paul schüttet sich schier aus vor Lachen. Als er sich wieder beruhigt hat, verabreden wir, dass ich noch heute bei ihm einziehen werde.

Wahrscheinlich bin ich nicht zurechnungsfähig.

Dauerüberwacherin für Paul?

Dobermann für einen Übergewichtigen?

Du-darfst-das-nicht-in-den-Mund-stecken-Aufpasserin?

Diätschatten???

Doch abgemacht ist abgemacht.

Als Erstes rufe ich im Sportstudio an, um feierlich zu verkünden, dass ich für ein halbes Jahr einen Privatkunden angenommen habe und vorerst nun leider keine Kurse oder Einzeltrainings mehr übernehmen kann. Danach sorge ich dafür, dass meine liebste Freundin Lara die unglaubliche Neuigkeit erfährt.

»Was? Heute früh hat Paul dich schon angerufen?« Sie staunt nicht schlecht. »Ach ja, du hast ihm eben gefallen. Du bist so munter und schnell im Reden, ich dagegen so lahm, dass mich eigentlich nichts wundern sollte. Ich finde dich ja ebenfalls toll, warum sollte er es nicht tun?« Ihr Ton ist traurig.

»Aber Lara, versteh doch, Paul will nicht das Weib in mir. Er hat mich quasi engagiert als Rundum-Personal-Trainerin. Es ist ein bezahlter Job, nicht der Beginn einer leidenschaftlichen Affäre.«

»Als Trainerin?«, fragt Lara begeistert.

»Genauer gesagt als Diätschatten!«

»Diätschatten!«, echot Lara beeindruckt.

Dann sprudelt sie fast über vor Begeisterung. Von helfen, retten und guten Taten erzählt meine Lara hingerissen. Sie sieht mich bereits als Mutter Teresa für Fettsüchtige, und ich raffgieriges Wesen träume à la Dagobert Duck lediglich vom schnöden Mammon. Na ja, vielleicht kriege ich ja beides unter einen Hut.

***

Als zukünftige Großverdienerin leiste ich mir ein Taxi zu Pauls Haus. Feinste Gegend. Schönste Villa. In meiner Wohnung braucht man nur ein paar Schritte zu gehen, schon klebt man mit der Nase an der nächsten Betonwand. Der Bau hier sieht eher danach aus, als könnte ich von Raum zu Raum regelrecht lustwandeln.

Die Tür öffnet sich, und Paul kommt strahlend auf mich zu. Zwar hilft er dem Taxifahrer nicht mit meinen zwei schweren Koffern – nur keine Kraftanstrengung, bitte, es könnte sich ja ein Müskelchen bilden –, aber dafür bezahlt er meine Fahrtkosten und gibt ein anständiges Trinkgeld obendrauf. Schließlich macht er mit mir eine kleine Führung durch die Villa und zeigt mir mein Zimmer, mein wunderschönes, großes, helles, luxuriös eingerichtetes Zimmer mit Bad und Balkon! Mehr als standesgemäß für einen Diätschatten, allein das Himmelbett verspricht ein besseres Leben als das der Prinzessin auf der Erbse.

»Schön. Echt toll! Aber keine Blumen auf dem Balkon?«, frage ich, um die komische Fremdheit zwischen Paul und mir zu überbrücken.

»Blumen auf dem Balkon? Möglichst Geranien in Blumenkästen? Wie bürgerlich!«, grault sich Paul. »Oder willst du welche?«

»Nee«, antworte ich, obwohl ich da gerade eine kleine spießige Anwandlung in meinem Innern verspüre. Ich hab eben noch nie einen Balkon gehabt und schon gar keinen mit Pflänzchen. »Aber eventuell mal eine Palme im Topf oder so etwas.«

Wir gehen die Treppe wieder hinunter zum Wohnzimmer. Vorsichtig hebe ich den dort abgestellten Hasenkäfig auf den Wohnzimmertisch und hole meinen kleinen Racker heraus.

»Mäxchen, darf ich vorstellen: Das ist Paul. Paul, das ist Mäxchen!

Mein Mäxchen schnuppert neugierig und stellt seine langen Hasenohren auf.

»Ein netter Braten«, witzelt Paul. »Er ist aber nur in Gefahr, wenn ich nicht genug zu essen bekomme.«

Vorsichtig streichelt er Mäxchens Fell, während Mäxchen andächtig still hält. Der alte Schmuser kann gar nicht genug Streicheleinheiten bekommen.

»Apropos Essen, wo ist der Kühlschrank?«

Paul führt mich in die Küche. Es gibt einen überdimensionalen amerikanischen Kühlschrank, der ausgesprochen passend für eine Großfamilie mit Oma, Opa, Mama, Papa, vier Kindern und zwei Hunden wäre, die wegen ihres Lebens fernab jeglicher Zivilisation eine gute Bevorratung braucht. Aber das ist nur der zarte Anfang: Zusätzlich zu diesem Kühlschrank präsentiert mir Paul eine Speisekammer. Die erinnert an das Hinterzimmer einer gut gehenden Schlachterei. Vor lauter baumelnden Salamis und Schinkenhälften wird mir ganz schwindlig. Beeindruckend ist auch die Ansammlung von Backwaren. Baguettebrot, Kastenweißbrot, Rosinenbrot, amerikanische Bagels, Muffins. Daneben große Gläser mit Nüssen aller Art und einer ganzen Kollektion an eingekochten Marmeladen von Hellgelb über Orange und Rot bis hin zu Dunkelblaulila, das scheint die Brombeerversion zu sein.

Doch zurück zum Kühlschrank. Konzentriert analysiere ich seinen Inhalt. Drei Packungen Butter, ungesalzen, drei Packungen Butter, gesalzen, ein Steintopf mit Schmalz. Französische Leberpastete, ein Meter Aal, Hering in drei Variationen, Sahnemeerrettich, panierte Koteletts, eine Schüssel Undefinierbares in rosa Majonäse, diverse Gänsekeulen, eine ganze Etage voller Käse, keiner unter 70% Fett i.Tr., eine Schwarzwälder Kirschtorte, eine Nusstorte und eine Riesenschüssel Schokoladenpudding.

»Hattest du kürzlich eine Party?«, frage ich Paul.

»Nein, wieso?«, antwortet Paul mit Unschuldsblick. »Es sind nur stets ein paar Kleinigkeiten im Haus, falls ich Hunger bekomme. Elsa kauft ein. Natürlich isst auch sie davon.«

»Wer ist Elsa?«

Eine Abgesandte des Teufels? Eine verführerische Sirene, die statt zu singen ihre Opfer zu Tode füttert?

»Elsa ist meine Haushälterin. Italienerin. Hier, die Nusstorte ist mit ligurischen Haselnüssen gebacken. Und ihr Tiramisu solltest du mal kosten, da lässt du glatt den Schokoladenpudding stehen.«

Ich betrachte Paul aus den Augenwinkeln. Wann sollte ich es ihm am besten sagen? Jetzt gleich? In fünf Minuten? Er würde in den nächsten Monaten nicht nur den Schokoladenpudding stehen lassen müssen, sondern sämtlichen Süßkram, den Elsa anschleppen könnte.

Zucker adieu, mein Freund. Niente zucchero. No sugar for good old Paul.

Möglicherweise ist ja eine drastische visuelle Aktion besser als tausend brutale Worte.

»Wo sind denn hier die Mülltüten?«, frage ich ganz harmlos.

»Ja, also – das da ist der Mülleimer.«

Der fasst nur 30 Liter. Das würde im Leben nicht reichen, um die Milliarde Kalorien, die ich gerade gesichtet habe, unterzubringen. Beherzt ziehe ich eine Schublade nach der anderen auf. Da sind sie. Große, schwarze Müllsäcke, wie geschaffen für meine erste Diätschatten-Aufräumaktion!

»Hier, halt mal auf!« Ich drücke Paul einen Müllsack in die Hand.

Verwirrt gehorcht er.

Und dann geht es los! Fröhlich pfeifend leere ich Etage für Etage des riesigen Kühlschranks. Schmalz trifft Gans, Butter knallt auf Foie Gras, Pudding klatscht auf Schweineschnitzel. Aal lernt die rosa Majonäse kennen, Sahnemeerrettich ziert Gorgonzola, Schwarzwälder Kirsch hat Rendezvous mit Heringstopf. Der Müllsack füllt sich, frisst die Fettbomben und Zuckergranaten, verschlingt sie mit klatschenden Geräuschen, eine nach der anderen.

»Das ist ja eine regelrechte Vernichtung«, klagt Paul. Bekümmert schaut er seinen Schätzen hinterher.

»Quatsch. Es ist eine Befreiungsaktion. Rundumschlag. Rambazamba, weg mit dem ganzen Mist!«

Ich arbeite mich in Schwung. Die letzten Majonäsereste werden aus der Schüssel gekratzt, die Sahne in den Ausguss gekippt und die Cola gleich hinterher. Nichts ist vor mir sicher. Ich bin der Kalorien-Terminator!

Schließlich ist mein Werk vollbracht. Gemeinsam schauen Paul und ich in den leeren Kühlschrank. Das heißt, ganz leer ist er nicht. Drei grüne Flaschen Mineralwasser, Marke Perrier, leuchten uns friedlich an. Doch sie schaffen es nicht, Paul versöhnlich zu stimmen.

»Wasser«, stöhnt er. »Das Einzige, was mir geblieben ist?«

»Sei froh!«, antworte ich. »Verdursten ist viel schlimmer als verhungern.«

»Sehr witzig!« Paul zieht beleidigt eine Schnute.

»Wasser musst du fortan viel trinken. Das ist gut für die Nieren, macht einen straffen Teint und ist bestens zur Bekämpfung übermäßigen Appetits geeignet, denn oft deutet man Durst fälschlicherweise als Hunger. Außerdem werde ich dich umgewöhnen. In Zukunft werden wir Wasser ohne Kohlensäure kaufen, davon trinkt man automatisch mehr, und du hast nicht den ganzen Bauch voller Blubberblasen. Im Grunde kannst du also froh sein, dass du wenigstens diese drei Flaschen mit Kohlensäure noch behalten darfst.«

Ich nehme ihm die Mülltüte ab. Und weil das Ganze unbändigen Spaß gemacht hat, nähere ich mich nun unbarmherzig seiner Speisekammer. Das wird erst mal eine Gaudi!

Doch Paul, der meine finsteren Absichten zu ahnen scheint, entwickelt plötzlich eine unerwartete Beweglichkeit, rennt mich fast um und stellt sich vor die Speisekammertür. Dazu breitet er schützend die Arme aus, als wolle er signalisieren, dass er nun höchstpersönlich der Bewacher der Würste, der Rächer der Schinkenseiten sein würde.

Kopfschüttelnd betrachte ich ihn.

»Das sind Dauerräucherwaren!«, ruft Paul.

»Und?«

»Die sind teuer. Schon mal was von Serrano-Schinken gehört?«

»Klar!«, sage ich freundlich.

Paul weiß noch nicht, dass ich diverse Judogriffe beherrsche. Mit ein, zwei beherzten Aktionen könnte ich ihn fällen wie einen Baum. Dann würde er sich seinen Serrano-Schinken mal von unten angucken können.

»Und feinster Tiroler Speck!«, stöhnt Paul.

Die Verletzungsgefahr allerdings schreckt mich im Moment noch ab, denn es ist schwer vorauszusehen, wie Pauls üppiger Körper auf einen unerwarteten Wurf auf den steinernen Küchenboden reagiert.

»Die Salami ist aus Ungarn. Und aus der Toscana!« Kläglich und flehend schaut er mich an.

»Na, da werden sich die Jungs aber freuen!«, antworte ich und nicke ihm beruhigend zu.

»Welche Jungs?«, fragt Paul.

Täusche ich mich, oder ist er wegen seiner Wurstsammlung echt den Tränen nah?

»Na, die Jungs vom Obdachlosenheim. Glaubst du, die mögen keine Salami?«

»Meine Salami?«, presst Paul hervor.

»Deine Salami!«, wiederhole ich. »Sei doch mal ein bisschen großzügig. Du hast deine Salami lange genug für dich allein gehabt. Ich will gar nicht so genau wissen, wie viele Abende ihr hier zusammen hattet, deine Würstchen und du. Wahrscheinlich hast du regelmäßig Würstchenfestivals gefeiert und die baumelnden Brüder zu deiner Ersatzfamilie erkoren. Aber damit ist jetzt Schluss! Wir packen eine große Tasche mit dem ganzen tollen Kram aus deiner Speisekammer und stiften das Essen. Verschenken. Eine gute Tat für heute, kapiert?«

Doch selbst der Appell an seine Pfadfinderseele baut Paul kein bisschen auf. Mein Diätjunge lässt sich stattdessen langsam an der Speisekammertür hinabgleiten und sitzt nun in voller Pracht auf dem Küchenboden. Freiwillig und ganz ohne Judo! Dann nickt er. Mit resigniertem Gesichtsausdruck, aber er nickt. Was werden ihn die Jungs aus dem Obdachlosenheim heute Abend in ihr Nachtgebet einschließen!

***

Die Küchentür öffnet sich. Es erscheint eine kleine, resolut wirkende weibliche Person.

»Was ist denn hier los?«, fragt sie misstrauisch.

»Das ist Elsa«, erklärt Paul, nach wie vor auf dem Boden sitzend.

Nun rappelt er sich aber auf. Offensichtlich ist Elsa eine Respektsperson. Da lümmelt man nicht so einfach herum, da erhebt man sich und macht einen guten Eindruck.

»Elsa ist meine Haushälterin, ich habe dir von ihr ja schon erzählt. Darf ich vorstellen, Elsa: Das ist Nicky. Sie wohnt ab heute oben im Balkonzimmer. Sie wird mir helfen abzunehmen. Deshalb haben wir gerade den Kühlschrank ausgeräumt.« Er zeigt auf die Mülltüte.

»Und Sie kaufen bitte heute auch nichts Neues ein«, füge ich hinzu.

Elsas Augen werden ganz groß. Sie öffnet den Müllsack und späht hinein.

»O Dio, o Dio. Das gute Essen!« Entsetzt schlägt sie die Hände vor den Mund.

»Nee, nee, ist eben nicht so gut, das Essen«, antworte ich und klopfe kameradschaftlich auf Pauls Bauch.

»Che miseria!«, schimpft Elsa und funkelt mich böse an.

Kann ich mir vorstellen, dass diese Situation für sie eine Misere größeren Ausmaßes ist. Ich betrachte sie. Klein und rund ist sie, unsere Elsa. Sehr rund, runder als die italienischen Mamas in der Spaghettiwerbung. Offensichtlich ebenso komplett ahnungslos, was man einem Menschen mit falschem Essen so alles antun kann.

Sie baut sich zutiefst empört vor mir auf. »An einem Mann muss doch anständig etwas dran sein!«

»Genau«, sage ich fröhlich. »Das stimmt. Ist auch noch dran. Lassen wir auch dran, das gute Stück. Aber er sollte doch eines Tages seinen kleinen Freund mal wieder ohne Spiegel sehen können, nicht?«

Elsa lässt meine Worte auf sich wirken. Aha, jetzt hat sie verstanden, was ich meine. Hastig bekreuzigt sie sich.

»O Dio, o Dio!«, ruft sie wieder.

Eigentlich mag ich gottesfürchtige Italienerinnen von Herzen gern. Allerdings stößt das im Moment wohl auf wenig Gegenliebe. Ich würde mich nicht wundern, wenn demnächst an meiner Zimmertür Knoblauchzehen, Kruzifixe und diverse Teufelsaustreibungsmittelchen hängen würden.

Ich bin dafür, Elsa nun ihren Gesprächen mit dem lieben Gott zu überlassen, und ziehe Paul aus der Küche. Wir brauchen eine neutrale Atmosphäre, die nicht von Schokoladenpuddinggeruch beeinflusst wird. So gesellen wir uns zu Mäxchen, der samt seinem Stall gemütlich im Wohnzimmer haust. Er scheint sich bereits heimisch zu fühlen.

»So, Paul. Diese erste gemeinsame Aktion war schon mal sehr gut. Jetzt erzähl mir bitte, was du heute bereits gegessen hast.«

Er bekommt einen Musterschülerblick. »Gesündigt habe ich nicht! Ich war ganz diszipliniert!«

»Das freut mich.« Ich nicke ihm aufmunternd zu.

»Ja, ich hatte nur drei Avocados. Die waren gerade so schön reif!« In seiner Stimme schwingt der Triumph der ersten genommenen Diäthürde.

»Drei Stück? Drei Avocados?«, frage ich entsetzt.

»Warum spielst du das so hoch? Ist doch nur Gemüse«, verteidigt er sich.

Wenn der Arme wüsste. Ich kann ihm jetzt unmöglich sagen, dass er die Fettkalorien eines knusprigen Schweinebratens in Form von drei popeligen Avocados bereits zum Frühstück verzehrt hat. Genau genommen hat er somit seinen gesamten Energiebedarf für heute bereits gedeckt. Und es ist erst früher Nachmittag.

»Paul«, frage ich vorsichtig. »hast du schon mal etwas von Kalorien gehört?«

»Kalorien, Kalorien. Das ist doch Weiberkram.«

»Nein, das ist Mathematik. Dein Körper verbrennt Kalorien, und du isst Nahrung mit Kalorien, die dein Körper als Brennstoff braucht.«

»Was hat denn das mit Mathematik zu tun?«

»Ganz einfach. Wenn du mehr Kalorien isst, als du verbrauchst, dann nimmst du zu. Wenn du weniger isst, als du verbrauchst, nimmst du ab. Simpel, oder? Das ist übrigens das ganze Geheimnis, verstehst du? Wie in der Buchhaltung. Energiebilanz nennt man das.«

»Na schön, und?«

»Und ich will, dass du Eigenverantwortung übernimmst für deine Energiebilanz. Natürlich helfe ich dir zu Anfang. Aber wenn du dich nicht mit dem Kalorien-, dem Fett- und dem Zuckergehalt der verschiedenen Nahrungsmittel beschäftigst, wirst du nicht nur dumm, sondern vor allem dick sterben.«

Da ist es schon wieder passiert. Nicky, die Drastische. Paul zieht den Kopf ein wie eine Schildkröte beim Erdbeben.

»Schließlich sind wir nicht mehr in der Steinzeit, lieber Paul. Wir fangen keine Mammuts, die wir dann verschlingen und als Fett in unserem Körper speichern müssen, weil das nächste Mammut lange auf sich warten lassen kann. Wir haben Supermärkte, wir kaufen unser Essen regelmäßig und gefahrlos und wissen, der Supermarkt hat täglich geöffnet. Wir müssen keine Fettreserven anlegen. Ganz im Gegenteil. Zu viele Fettpolster machen krank!«

»Ja, ja, Herz und Kreislauf und Wirbelsäule und Gelenke und so«, ächzt Paul.

Vor meinem geistigen Auge tauchen ein paar braune Birkenstocksandalen auf. In meinem ersten Leben als Übergewichtige schwollen im Laufe des Tages meine Gelenke und Füße so an, dass mir abends kein einziges Paar Schuhe mehr passte. Dann saß und aß ich allein, frustriert und barfuß zu Hause. Samt meiner nutzlosen Klumpfüße. Schließlich gab es nur noch eine Lösung: braune Birkenstockschlappen mit verstellbaren Riemen, Symbol für den absoluten Tiefpunkt meines Daseins. Interessanterweise schwindet in ihnen jegliches Gefühl für die eigene Weiblichkeit. Man mutiert in ihnen umgehend zum androgynen Waldschrat, zum schlurfenden Trampel, zum asexuellen Fußbesitzer.

Ich schaue auf Pauls Schuhe. Er trägt weiche Mokassins, ohne Schnürsenkel, natürlich. Die hätten auch keine Chance, von ihm derzeit zugebunden zu werden.

Nun muss ich mich aber wieder fassen!

»Weißt du, was du brauchst, Paul? Etwas für Männer! Einen Kaloriencomputer!«

Er blinzelt mich unsicher an. »Einen Kaloriencomputer?«

»Ja! Etwas ganz Schickes, so klein und unauffällig wie ein Taschenrechner. Du gibst ein Nahrungsmittel ein, und der Computer sagt dir, wie viele Kalorien es hat.«

Endlich schaut Paul versöhnlicher. Kein Wunder. Ich habe ihm schließlich gerade ein neues Spielzeug versprochen. Das funktioniert bei kleinen Jungs garantiert! Mein Psychologiestudium – oder vielmehr die sechs Semester, die ich genossen habe – nützt doch immer wieder.

»Und im Sinne der wachsenden Eigenverantwortung wirst du dir deinen Kaloriencomputer auch selber bestellen.« Ich greife zu meiner Handtasche und ziehe meinen Palm heraus. Das ist mein elektronisches Spielzeug und spuckt Telefonnummern aus.

Ergeben wählt Paul die Nummer. Und dann erlebe ich eine merkwürdige Vorführung. Paul, der Radioguru, der Supermoderator, verhaspelt sich bei einer simplen Kaloriencomputer-Bestellung, räuspert sich, stottert, kämpft mit plötzlich auftretenden Schweißperlen auf der Stirn und seinem Text. Idiotisch! Als könnte das Telefonfräulein sein Fett durch die Leitung sehen.

Ich souffliere. »Bitte noch heute per Overnight-Kurier schicken!«

»Äh, bitte schicken! Noch heute! Per Kurier! Über Nacht!« Paul ist inzwischen so atemlos, dass er offenkundig den Telegrammstil vorzieht.

Aber er hat es geschafft.

»Schon wieder ein Schritt in die richtige Richtung«, lobe ich Paul. »Aber nun versuche bitte, mir eine sehr wichtige Frage zu beantworten: Warum bist du dick?«

»Ich fürchte, ich bin ein Stressesser. Das geht so, seitdem ich beim Radio bin. Erst als kleiner Reporter, dann als Moderator, jetzt als Senderchef. Ich wachse quasi mit meinen Aufgaben, könnte man sagen.« Er verzieht säuerlich den Mund.

Ich nicke. »Verstehe. Wann isst du denn?«

Paul zuckt hilflos mit den Schultern. »Tja, wann? Im Auto. Am Schreibtisch. Im Aufnahmeraum, wenn das Mikro ausgeschaltet ist. Vorm Fernseher zu Hause. Ich liebe das Fernsehen, noch mehr als das Radio, weißt du? Ich beobachte alle laufenden Shows, analysiere die Konzepte, schaue die Spielfilme. Außerdem, am Ende eines langen Tages, da brauche ich eben eine Belohnung, etwas besonders Gutes zu essen.«

»Falsch!«, rufe ich.

Der Schüler bekommt ein Ungenügend. Problem nicht erkannt. Ganz im Gegenteil. Paul ist Lichtjahre davon entfernt. Doch sei nicht bange, mein Kleiner, die Rettung naht!

»Falsch?«, fragt er.

»Falsch!«, wiederhole ich. »Erstes Gebot: Du sollst das Essen nicht missbrauchen! Wiederhole das.«

»Ziemlich albern«, mault Paul.

Doch mein Lehrerinnengesichtsausdruck ist unmissverständlich.

»Du sollst das Essen nicht missbrauchen«, leiert er brav nach.

»Gut. Essen ist Nahrung und keine Belohnung für irgendetwas. Damit machen wir es uns zu einfach, verstehst du? Wenn wir wütend sind, soll es uns beruhigen, wenn wir frustriert sind, soll es die Stimmung heben. Wenn wir gestresst sind, soll es uns entspannen, wenn wir uns langweilen, soll es uns unterhalten. Wenn wir einsam sind, soll es uns Gesellschaft leisten? Nein, nein, nein! Damit kommen wir zum zweiten Gebot: Essen ist keine Medizin!«

»Essen ist keine Medizin«, wiederholt Paul nun nachdenklich.

Na bitte, es geht doch.

Meine vermeintliche Medizin war früher eine Kombination aus Erdnussflips, Vollmilchschokolade und Gummibärchen. Das Wesentliche daran war, dass der Verzehr ausschließlich an einsamen Fernsehabenden im Bett erfolgte. Und zwar stundenlang. Mein Rekord lag bei sieben Stunden Dauerkauen. Immer wieder von vorn: eine Hand voll Erdnussflips, ein Riegel Vollmilchschokolade, eine Runde Gummibärchen. Danach sah mein Bauch aus wie der einer überfälligen Schwangeren im neunten Monat in freudiger Erwartung von Fünflingen.

Als ich endlich kapiert hatte, was ich heute Paul beizubringen versuche, habe ich mein Bett zur essfreien Zone erklärt! Einer der entscheidenden Siege in meiner Schlacht gegen Fettrollen. Die einzige Knabberei, die ich mir heute ab und an vorm Fernseher gönne, sind Sonnenblumenkerne. In der Schale. Es dauert ewig, bis man damit Kleinstmengen an Nahrung zu sich nimmt, oder hat schon mal jemand eine fette Blaumeise gesehen?