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Die Meerglück-Reihe der Tolino-Bestsellerautorinnen Stina Jensen und Hannah Juli geht weiter. Warmherzig, bewegend und voller unerwarteter Wendungen.
Voller Hingabe betreibt Kristin die Pension Nordseestern auf Föhr. Mit Musiker Ben verbindet sie eine unverfängliche Freundschaft, auch wenn er gerne mehr als eine Nebenrolle in ihrem Leben spielen würde. Doch seit ihr Ex sie von einem auf den anderen Tag geghostet hat, hält sie lieber an ihrem Schutzwall fest. Als ihre Schwester im verträumten Ort Sieseby am Ostseefjord erkrankt, eilt Kristin sofort zu Hilfe. Ausgerechnet Ben springt ihr zur Seite – als Teenieflüsterer für ihren rebellischen Neffen und Ruhepol im Alltagstrubel. Zwischen dem leisen Spiel der Wellen und Küstensand öffnet sie Ben mehr und mehr ihr Herz. Aber was, wenn sie es wieder an den falschen Mann verliert? Währenddessen stellt ihre Vertretung in der Pension alles auf den Kopf. Bevor das Chaos überhandnimmt, kehrt sie zurück nach Föhr. Kristin ahnt nicht, dass die Insel auch die Wahrheit über das Vergangene für sie bereithält.
Wenn das Herz Wellen schlägt – ein Roman über Familie, Versöhnung und den Mut zur Liebe.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Erstausgabe: Februar 2026
© Stina Jensen | Hannah Juli
Bahnhofstraße 11
61118 Bad Vilbel
Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung der Verfasserin urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.
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Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werkes sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten zu existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.
Lektorat: Ivonne Keller | Ricarda Oertel
Korrektorat: Ruth Pöß das-kleine-korrektorat.de
Covergestaltung © Catrin Sommer, Rauschgold Coverdesign
Covermotiv © Adobestock.de |@sulan | @dosent
bearbeitet mit AdobeFirefly
Die Autorinnen
Das Buch
Zwei Sommer zuvor
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Ein Jahr später
Liebe Leserin und lieber Leser,
Meerglück, friesisch blau
Nachwort
Weitere Bücher von Stina Jensen & Hannah Juli
HANNAH JULI zog als Kind der Siebzigerjahre an viele Orte der Welt bis nach Monterey in Kalifornien. Gestrandet ist sie mit ihrer Familie samt Katze in Schleswig-Holstein, wo sie neben dem Schreiben auch als freie Lektorin tätig ist. Begegnungen mit Menschen, berührende Erlebnisse, Reisen und Träume inspirieren sie zu ihren Geschichten. Auch die Liebe zum Meer findet immer wieder Niederschlag in den Romanen, von denen zwei im Ullstein Verlag erschienen sind. Unter ihrem Klarnamen Ricarda Oertel veröffentlicht die Autorin Krimis, die für diverse Literaturpreise nominiert und ausgezeichnet wurden. Sie ist Mitglied bei den Mörderischen Schwestern und im Syndikat.
Näheres unter hannah-juli.de und ricarda-oertel.de
STINA JENSEN hat sich unter ihrem Klarnamen Ivonne Keller zunächst der psychologischen Spannungsliteratur verschrieben, bevor sie unter ihrem Pseudonym erfolgreich ins Liebesroman-Genre wechselte. Die Autorin liebt es, authentische Figuren mit all ihren Stärken und Schwächen zu zeichnen und auf dem Papier zum Leben zu erwecken. Dabei entführt sie ihre Leser:innen auch stets an Sehnsuchtsorte, die sie selbst bereist hat. Ihre INSEL- und GIPFELfarben-Romane sowie die WINTERknistern-Reihe steigen regelmäßig in die Tolino-Bestseller-Liste ein. Sie ist Mitglied in den Autorenvereinigungen Mörderische Schwestern, Delia und Syndikat.
Näheres unter stina-jensen.de und ivonne-keller.de
Voller Hingabe betreibt Kristin die Pension Nordseestern auf Föhr. Mit Musiker Ben verbindet sie eine unverfängliche Freundschaft, auch wenn er gerne mehr als eine Nebenrolle in ihrem Leben spielen würde. Doch seit ihr Ex sie von einem auf den anderen Tag geghostet hat, hält sie lieber an ihre Schutzwall fest.
Als ihre Schwester im verträumten Ort Sieseby am Ostseefjord erkrankt, eilt Kristin sofort zu Hilfe. Ausgerechnet Ben springt ihr zur Seite – als Teenieflüsterer für ihren rebellischen Neffen und Ruhepol im Alltagstrubel. Zwischen dem leisen Spiel der Wellen und Küstensand öffnet sie Ben mehr und mehr ihr Herz. Aber was, wenn sie es wieder an den falschen Mann verliert?
Währenddessen stellt ihre Vertretung in der Pension alles auf den Kopf. Bevor das Chaos überhandnimmt, kehrt sie zurück nach Föhr. Kristin ahnt nicht, dass die Insel auch die Wahrheit über das Vergangene für sie bereithält.
Warmherzig, bewegend und voller unerwarteter Wendungen.
Noch immer kann ich kaum fassen, was gestern passiert ist. So unglaublich ist es!
Aber der Reihe nach.
Dennis und ich hatten uns einen Platz nah bei den Dünen gesucht, an diesem verborgenen Strandabschnitt. Ein Geheimtipp, den kaum ein Urlauber kennt. Ich wollte ungestört mit ihm sein.
Den Picknickkorb hatte ich zu Hause reich befüllt. Wir saßen auf meiner bunt karierten Decke, zwischen uns ein Teller mit Leckereien. Der Duft der abgeknabberten Melonenschalen mischte sich mit der salzigen Brise, die uns um die Ohren wehte. Neben uns raschelte der Strandhafer im lauen Wind – es hätte nicht wunderbarer sein können.
„Ganz schön warm heute“, sagte er irgendwann und streifte sich das T-Shirt vom Oberkörper, saß nur noch in Badehose neben mir.
„Ist doch herrlich!“ Ich lächelte ihn an. Mein Herz pochte. Obwohl alles so perfekt war, wusste ich nicht, ob der richtige Moment gekommen war. Aber gibt es den überhaupt?
Dennis’ Blick begegnete meinem, wanderte weiter zum Meer. Die Wellen warfen glitzernd das Sonnenlicht zurück. Er fischte einen Holzspieß mit Käsewürfeln hervor, streifte sich einen davon in den Mund und schob eine blaue Traube hinterher.
In mir spielten die Gedanken verrückt. Sollte ich lieber warten? Aber worauf? Es kam nicht auf den perfekten Moment an. Nur darauf, dass er echt war.
Trotzdem trank ich noch einen Schluck Sekt für ein bisschen Mut, und weil sich meine Kehle staubtrocken anfühlte. Zur Feier des Tages hatte ich sogar Gläser eingepackt, obwohl das am Strand total unpraktisch ist. Doch Pappbecher wären ein Stilbruch gewesen.
Ich räusperte mich. Die Worte hatte ich mir hundertmal zurechtgelegt, aber jetzt waren sie wie weggeflogen. Warum starrte er auch immer nur zum Wasser?
„Du, ich brauch mal ne Abkühlung“, sagte er, eine Schweißperle auf der Stirn. „Bleibst du bei den Sachen?“ Die Sonne blendete ihn, er kniff ein Auge zu, mit dem anderen schaute er mich immerhin wieder an. Mit diesem Funkeln darin, das ich so liebe.
Jetzt besser nichts sagen, dachte ich. Sollte er sich erst erfrischen. Und ich konnte vorher noch mal durchatmen.
„Klar“, antwortete ich. „Aber bleib nicht zu lange weg. Sonst kann ich nicht garantieren, dass gleich noch Sekt da ist.“
Er zwinkerte. „Wehe – ich warne dich!“
Dann schlenderte er zur Wasserlinie. Er muss meinen Blick gespürt haben, denn er bewegte sich mit einem übertrieben femininen Hüftschwung, und ich lachte. Das ist es, was ich an ihm von Anfang an so besonders mochte – mit ihm wird alles leicht, es ist bislang kaum je ein Tag vergangen, an dem er mich nicht zum Lachen gebracht hat. Schon warf er sich in die Wellen, bald sah ich nur noch seinen Kopf.
Und da kam mir die Idee. So einfach wie genial. Ich hockte mich vor die Decke und glättete den Sand, der trotz des Sonnenscheins leicht feucht vom letzten Regen war. In zwei Zeilen schrieb ich mit großen Buchstaben hinein, was mir so schwer über die Lippen wollte. So, dass er es lesen konnte, wenn er zurückkam. Außerdem zeichnete ich noch ein Herz drumherum. Ein paar Muscheln dazu. Hübsch!
Ich dachte: Falls ich es mir in letzter Sekunde anders überlege, kann ich alles schnell mit den Füßen verwischen.
Es verging eine gefühlte Ewigkeit. Endlich näherte Dennis sich; das Wasser perlte von ihm ab, er lächelte mir entgegen. Ich hatte mich im Bikini auf der Decke drapiert, klammerte mich am Sektglas fest. Mein Puls hämmerte. Wohin sollte ich am besten gucken? Zu ihm? Oder einfach so tun, als hätte ich gar nichts mit den Worten im Sand zu tun?
Idiotisch. Natürlich ihn ansehen. Das hier war ein einzigartiger, unwiederbringlicher Augenblick. Beinah habe ich den Atem angehalten, als er wenige Meter vor mir stehenblieb. Mit gesenktem Kopf las er, was ich geschrieben hatte. Jetzt gab es kein Zurück.
In seinem Gesicht zeichnete sich absolute Verblüffung ab. Diese Überraschung war mir gelungen. Weil ausgerechnet ich diese Frage stellte:
Willst du mich heiraten?
Ich, die immer so getan hat, als ginge ihr dieses ganze romantische Heiratsgedöns von anderen am Allerwertesten vorbei. Die darauf gepocht hatte, sich nicht voneinander abhängig zu machen. Sich gegenseitig den größtmöglichen Freiraum zu gewähren. Passé. Ich möchte keinen Tag mehr ohne ihn sein. Wäre ich sonst auf diese Insel gezogen? Am Anfang habe ich ja sogar bei ihm gewohnt. Und es harmonierte einfach perfekt. Dass ich vor Kurzem in meine eigene Wohnung auf den Borgsumer Hof umgesiedelt bin, hatte nur mit der Pension zu tun – ich muss eben vor Ort sein.
Noch immer sagte er nichts.
Er hob den Kopf. Sah mich an. Ohne dass ich mich dagegen wehren konnte, traten mir Freudentränen in die Augen.
„Kristin.“ Seine Stimme klang rau. Vor Rührung dachte ich. Er schluckte.
Mir ging das Herz auf. Dass er so aus der Fassung war ...
„Ich …“, begann er.
Fragend hob ich die Augenbraue. So fing doch kein Ja an.
Er schnappte sich das Handtuch von der Decke und legte es um die Schultern. „Ich kann das nicht.“
Es war, als hätte mir eine stählerne Faust in den Magen geboxt. Meine Wangen wurden heiß, das Blut rauschte mir in den Ohren. Ich erstarrte.
„Es tut mir leid.“ Mehr sagte er nicht. Stattdessen raffte er seinen Kram zusammen und klemmte ihn unter den Arm. Er zog sich nicht mal an, schlüpfte nur in die Sandalen.
Und dann? Ist er ohne ein weiteres Wort durch den Sand davon gestapft!
Seitdem Funkstille.
So bodenlos tief bin ich noch nie gefallen.
Mein Herz ein Kahlschlag. Eine Wüste.
Nachdenklich schaute ich auf die Uhr an der Bürowand. Hatte Jasmin Reiffert unseren Termin etwa vergessen? Immerhin war es schon zehn nach drei. Bei einem Bewerbungsgespräch sollte man pünktlich sein, oder nicht?
Ich wandte mich wieder der Buchführung zu, konnte mich aber kaum konzentrieren. Das fing ja nicht so vielversprechend an. Sicher, es sollte ein lockeres Kennenlernen werden, zu dem ich sie eingeladen hatte, und kein formelles Business-Meeting. Trotzdem ...
Die Zweige der Linde im Innenhof, den ich durchs Fenster überblicken konnte, nickten im Wind, wie um mir recht zu geben. Ihr zartes Grün streckte sich der Maisonne entgegen. Nirgendwo hatte mir der Frühling je so gut gefallen wie hier auf Föhr. Mir fehlte derzeit nur die Ruhe, ihn zu genießen – seit meine Teilhaberin Astrid letztes Jahr an einem Burn-out erkrankt war, trug ich die Verantwortung für die Pension Nordseestern alleine auf den Schultern. Doch auch wenn das doppelte Arbeit bedeutete – ich liebte den historischen Reetdach-Hof über alles. Mit ihm hatte ich einen Lebenstraum verwirklicht, der all die Mühen wert war.
Eine Putzhilfe half mir beim Bettenwechsel und wischte die Flure; auch auf die Unterstützung meiner Freundin Liv konnte ich immer bauen, wenn ich im Büro mal ins Schwimmen geriet. Lange hatte ich gehofft, Astrid könnte nach ihrer Genesung wieder einsteigen. Doch das würde nicht geschehen. Die Suche nach einem neuen Teilhaber gestaltete sich schwierig, und so hatten wir uns zumindest einigen können, dass sie ihre Anteile vorerst behielt und sich lediglich aus dem operativen Geschäft zurückzog. Ich brauchte also dringend eine zuverlässige Assistenz, die dauerhaft Astrids Platz auf unserem Borgsumer Landgut einnehmen würde. Jemanden, auf den ich zählen konnte. Diese Suche verlangte Zeit und Sorgfalt. Zu meiner Überraschung gab es nur drei Interessenten, von denen ich zwei bereits nach dem Erstgespräch ausschließen musste. Der eine Typ wirkte viel zu geleckt und etepetete – wir arbeiteten hier schließlich nicht im Ritz! –, die andere Bewerberin hatte das Temperament einer Weinbergschnecke. Die einzige Frage, die ihr auf den Lippen brannte, war die nach den freien Tagen.
Jasmin Reiffert war nun die Letzte der Runde, deshalb hoffte ich inständig, dass es diesmal matchen würde. Dem Lebenslauf nach hatte sie schon viele Jahre in Ferieneinrichtungen und Hotels gearbeitet, und auf dem Foto machte sie einen sympathischen Eindruck.
Ich schaute auf mein Handy, ob sie vielleicht eine Nachricht geschickt hatte. Nichts. Aus Gewohnheit tippte ich auf den Chat mit Ben. Auch von ihm nichts. Seit über zwei Monaten hatte ich keinen Kontakt mehr zu meinem liebsten Freund. Neben Liv war er meine wichtigste emotionale Stütze. Zurzeit tourte er mit seiner Musikband durch Deutschland. Sie hatten im Rahmen eines Wettbewerbs einen Sponsor gewonnen, der die Tour finanzierte – fast so etwas wie ein Sechser im Lotto. Ich vermisste ihn. Wären die Dinge zwischen uns doch nicht so kompliziert geworden! Zu gerne hätte ich ihm eine Sprachnachricht geschickt. Nur mal hören, wie es ihm ging. Aber –
Von draußen hörte ich Schritte im Kies, kurz darauf das vertraute Knarzen der Holztür am Haupteingang. Schnell stand ich auf und ging in die kleine Lobby, trat hinter dem Empfangstresen hervor.
Sofort fing ich Jasmin Reifferts warmes Lächeln auf, das mich den Ärger über die Verspätung vergessen ließ. Sie wirkte jünger als auf dem Bewerbungsfoto – eher wie Mitte zwanzig, dabei war sie laut Lebenslauf vierunddreißig – und ich nur vier Jahre älter als sie. Über ihrer Schulter hing eine Jutetasche, die perfekt zu ihrem Hippie-Style passte.
»Hallo – Jasmin?«, versicherte ich mich.
»Ja, hi!«, grüßte sie. »Tut mir leid wegen der Verspätung. Mein Fahrrad hatte einen Platten.« Sie trug das dunkle Haar zu einem wirren Knoten hochgesteckt und einen Sommerrock, der ihre Beine umspielte; eine Kette mit bunten Steinen zierte den Ausschnitt ihrer weitärmeligen, geblümten Boho-Bluse.
»Oh je. Ich bin Kristin, wir können gerne du sagen.« Ich streckte ihr meine Hand hin, die sie zögernd entgegennahm, vielleicht wegen der förmlichen Geste. Aber bei aller Lockerheit war mir wichtig, das Ganze professionell über die Bühne zu bringen.
»Der Hof draußen ist total einladend mit den vielen Blumentöpfen«, schwärmte Jasmin. »Das wirkt alles so cosy!« Ihr Blick wanderte durch den Raum. »Auch drinnen – allein das süße Teil da ...« Sie zeigte zum antiken Nähtischchen im Eingang mit der Stranddeko.
Ich nickte. »Alte Möbel wirst du hier viele entdecken. Meine Freundin ist Restauratorin und hat sie letztes Jahr vor dem Verfall gerettet. Wollen wir uns in den Frühstücksraum setzen, mit einer Tasse Tee? Oder möchtest du dir erst mal ein Bild machen, und ich führ dich ein bisschen herum?«
»Gern erst mal alles anschauen!«
»Okay. Lass deine Tasche ruhig hier, ich kann sie hinterm Tresen verstauen.«
»Danke!« Sie reichte mir den Jutebeutel.
Eat soy, save animals, stand darauf zu lesen. Lächelnd legte ich ihn in eins der offenen Fächer. Ich fand es toll, wenn jemand auf Fleisch verzichtete, aber mit Soja würde ich persönlich wohl niemals warm werden. »Also, dann wollen wir mal!«
Sie folgte mir zum Aufenthaltsraum mit dem Kachelofen, dessen Nostalgie wunderbare Gemütlichkeit verströmte, auch wenn er nicht mehr in Betrieb war. Gleich daneben die Sitzecke und das Regal mit Büchern und Spielzeug. Jasmins Blick fiel auf den antiken Schreibtisch an der Wand gegenüber, den Liv ebenfalls für mich in Stand gesetzt hatte.
»Hier können unsere Gäste in Ruhe lesen oder Kinder was malen und spielen«, erklärte ich das Offensichtliche.
Jasmin schlug die Hände zusammen. »Wow!« Am linken Handgelenk blitzte ein Tattoo aus dem langen Ärmel ihrer Bluse hervor. Irgendein Schriftzug.
»Da drüben ist der Frühstücksraum mit angrenzender Küche, da können wir später hin zum Teetrinken. Ich zeig dir erst mal ein paar unbelegte Zimmer. Noch sind wir nicht ausgebucht, das ändert sich aber spätestens zur Hauptsaison.« So hoffte ich zumindest. Inzwischen hatte es sich glücklicherweise herumgesprochen, was für eine schöne Zeit man bei uns verleben konnte.
Ich führte Jasmin die Treppe hinauf in den ersten Stock. Bei den Renovierungsarbeiten hatte ich damals in Abstimmung mit Astrid jedem Zimmer der beiden Gebäudeflügel eine andere Farbe verliehen – die Wandanstriche und Tapeten, der Ton der Tagesdecken und Kissen, auch die Bilder waren jeweils aufeinander abgestimmt. Das Einrichten und Dekorieren hatte mir besonders viel Freude bereitet, und das Ergebnis erfüllte mich mit Stolz. Jasmin bestaunte alles mit anerkennenden Worten, vor allem das taubenblaue Zimmer. Außerdem ließ ich sie einen Blick in die lindgrün gehaltene Mansardenwohnung unter dem Dach mit den Gaubenfenstern werfen, die derzeit ebenfalls leer stand. Liv hatte im letzten Jahr hier gewohnt, als sie die alten Möbel aus der Scheune für mich restaurierte.
Ich musterte Jasmin, die eher Augen für die Abstellkammer zu haben schien. Darin gab es auch ein kleines Dachfenster als Austritt für den Schornsteinfeger.
»Toll«, sagte sie anerkennend, als hätte sie noch nie so eine schöne Abstellkammer gesehen. »Wie viele Zimmer sind es eigentlich insgesamt?«
»In diesem Gebäude sind es zehn.« Wir nahmen die Treppen wieder abwärts. »Drüben im anderen Haus«, ich wies in Richtung Innenhof, »gibt es außerdem drei Wohnungen, von denen zwei dauerhaft vermietet sind. Da haben wir nicht viel mit zu tun. In der dritten wohne ich. Und dann wäre da noch der ehemalige Stall.«
»Kann ich den auch mal sehen?«, fragte Jasmin.
»Gern. Wobei es da nicht viel zu entdecken gibt, da lagert vor allem alter Plunder.« Ich lachte.
»Manchmal verdient ja gerade das Unsichtbare unsere Aufmerksamkeit.« Sie lächelte wissend.
Weise Worte.
Im Hof passierten wir die Linde auf unserem Weg zum Stallgebäude. Ich schob die Scheunentür auf, es staubte.
»Darf ich?« Jasmin deutete hinein.
»Na klar!«
Sie betrat den Raum und ließ schweigend ihren Blick wandern.
Ich räusperte mich. »Wie gesagt ... es ist nicht spektakulär.«
Sie schüttelte den Kopf und schloss die Augen. Ihre Hände öffneten sich nach oben, sie reckte das Kinn und verharrte so einen Moment.
Ratlos blickte ich durch die muffige Scheune; Staubkörner tanzten im hereinfallenden Sonnenlicht. Eine Motte sirrte durch die Luft.
Jasmin drehte sich zu mir um, die Augen noch halb zugekniffen. »Das ist ein ganz besonderer Ort. Diese Atmo hier ... die spricht sofort mit mir.«
»Ach ja?« Ich biss mir auf die Unterlippe. Ziemlich staubige Atmo, wenn man mich fragte. Außer der Waschmaschine und den Rädern für unsere Gäste gab es hier wirklich nichts von Bedeutung.
Meine Bewerberin legte den Kopf schräg. »Ich habe da so eine Gabe, weißt du. Mir erzählt jeder Raum eine Geschichte. Auch Gebäude haben Auren, so wie Menschen.«
Ich hob die Augenbrauen. Eine Gabe für Auren also. Ehrlich gesagt hielt ich nicht viel von solchen Vorstellungen. Eine Scheune war eine Scheune. Aber ich wollte sie nicht gleich mit meiner Meinung verprellen. »Hat das was mit Feng-Shui zu tun oder so?«
»Das kann man nennen, wie man mag. Es geht um Energien, um Schwingungen, weißt du.«
Ich wies schmunzelnd zur Waschmaschine direkt am Eingang. »Die hier zumindest schwingt noch ganz ordentlich!«
Jasmin verstand den Scherz nicht, sie nickte nur.
Ein Schweißtropfen bildete sich in meinem Nacken. »Ja gut. Wollen wir dann mal wieder rübergehen?« Rein energetisch gesehen war meine Lust schlagartig gesunken, das Gespräch mit ihr zu vertiefen. In Gedanken sah ich mich schon eine neue Stellenausschreibung verfassen. Vielleicht sollte ich genauer definieren, was ich suchte. Jedenfalls niemanden, der die hiesigen Schwingungen analysierte. Gleichzeitig zwang ich mich zur Gelassenheit – erst mal abwarten, wie sich das hier noch entwickelte. Jasmin war mir sympathisch, und ich wollte doch ein offener Mensch sein.
Im Frühstückssaal angekommen, bot ich ihr einen Platz an einem runden Tisch an, den ich schon vor ihrer Ankunft mit einem Gebäckteller, einer gefüllten Thermoskanne, Kandis und Tassen vorbereitet hatte.
»Bedien dich gern!« Ich schob ihr die Friesenkekse hin und schenkte uns Tee ein.
»Danke schön.« Sie hielt die Nase über ihre Tasse. »Der riecht ja lecker!«
»Nennt sich ›Föhrer Strandläufer‹.«
Sie pustete, führte die Tasse zum Mund. Ihr Ärmel rutschte zurück. Nun konnte ich den geschwungenen Schriftzug auf ihrer Haut entziffern. Folge deinem Herzen.
Ich räusperte mich, musste irgendwie die Kurve kriegen, mehr über sie zu erfahren. »Bist du heute direkt aus Hamburg hergekommen?« Die Hansestadt hatte sie als aktuellen Wohnort auf ihrer Bewerbung angegeben.
Sie schüttelte den Kopf. »Ich bin gestern schon hergefahren, meine Eltern leben hier. Von ihnen hatte ich auch den Tipp mit der Stelle.«
»Dann bist du also auf Föhr aufgewachsen?« Über ihre Schulstationen hatte gar nicht viel im Lebenslauf gestanden.
»Nicht von Geburt an, aber später.«
Das passte super, so war sie mit der Insel schon vertraut. »Und sag mal, in der Bewerbung hast du geschrieben, dass du deine letzte Stelle in Hamburg aufgegeben hast?«
»Ja. Es war meine eigene Entscheidung, das Hotel hat mir nicht gekündigt. Als eine Angestellte von vielen habe ich mich dort nicht mehr wohlgefühlt, da konnte ich kaum Ideen umsetzen. Und als ich in deiner Anzeige las, dass du eine rechte Hand suchst, klang das für mich wie ein Wink des Universums. Vor allem möchte ich aus der Großstadt weg. So was hier ...« Sie wies um sich herum. »Das entspricht mir total. Mehr noch, es wäre mein Traum!«
Ich lächelte. »Freut mich, dass es dir so gefällt.«
Da hatten wir etwas gemeinsam. Großstädte waren auch nichts für mich, seit ich auf der Insel lebte.
»Allerdings«, fuhr ich fort, »müsste man natürlich sehen, ob die Chemie zwischen uns beiden stimmt und eine Probezeit funktioniert. Glaub mir, Seite an Seite zu arbeiten, kann herausfordernder sein als eine Ehe.« Ich lachte spitz bei dem Gedanken an meine Zeit mit Astrid. Obwohl ich in Sachen Ehe nicht mitreden konnte – und auch nicht mehr wollte –, der Vergleich war sicher passend.
»Das heißt, du hattest schon mal Unterstützung, und es haute nicht hin?« Jasmin sah mich offen an.
Ich zögerte. Obwohl diese Frage absolut berechtigt war, mochte ich Astrids psychische Probleme nicht herausposaunen – auch wenn das verdeutlicht hätte, worauf Jasmin sich belastungsmäßig einlassen würde. »Der Workload und private Dinge waren für meine Mit-Teilhaberin nicht gut vereinbar«, umschiffte ich das Stichwort Burn-out.
Jasmin nickte verständnisvoll. »Ist ja auch nicht so easy mit der Work-Life-Balance.«
Ich fuhr mir mit der Zunge über die Lippen. »Arbeit und Freizeit verschwimmen hier ein bisschen. Zumindest, wenn man echtes Herzblut hineinsteckt.«
»Oh, das schreckt mich gar nicht. Im Gegenteil. Ist genau mein Ding.«
»Was würde dir denn besonders Spaß machen?«
Ihre Augen bekamen einen verträumten Glanz. »Hach, da fällt mir so einiges ein. Die Begegnung mit Menschen liegt mir total. Dieses Kommen und Gehen. Und das wunderbare Setting hier macht so viel möglich. Vorhin im Stall hatte ich eine kleine Vision, weißt du. Ich könnte mir supergut vorstellen – natürlich vorausgesetzt, ich dürfte bei dir anfangen –, Platz in der Scheune zu schaffen für was Neues. Nach einer Aurareinigung könnte man sie umgestalten und da zum Beispiel Reikistunden anbieten.«
»Reiki?« War das nicht diese japanische Heilmethode, bei der durch Handauflegen angeblich Lebensenergie übertragen wurde? »Davon stand gar nichts in deinem Lebenslauf.« Was kam denn noch alles? Aurareinigung, Reiki … Vielleicht Stimmen aus dem Jenseits? Ich rutschte auf meinem Stuhl hin und her. Das Ganze war mir nicht geheuer. Gleichzeitig nahmen Jasmins wache Augen mich für sie ein.
»Na ja ...« Sie betrachtete die Kekse, ohne einen zu nehmen. »Reiki ist eher eine persönliche Sache, ich mache das nicht professionell. Aber ich möchte den Menschen in meinem Beruf als Hotelfachfrau etwas geben, was über reines Wohlfühlen in einer schönen Umgebung hinausgeht.«
»Hm hm, verstehe.« Das klang ja erst mal positiv. Solange sie es nicht übertrieb …
»Jedenfalls glaube ich, dass Menschen, die auf die Insel kommen, auf der Suche nach etwas sind«, sprach sie weiter. »Ohne es vielleicht genau benennen zu können.«
Nachdenklich blickte ich sie an. So verkehrt lag sie damit vermutlich nicht. Trotzdem ...
»Ein historisches, idyllisches Plätzchen wie dieses«, fuhr sie fort, »das zieht Suchende an.«
»Meinst du?«
Sie nickte nachdrücklich.
»Ja, das ist grundsätzlich ein schöner Gedanke.« Ich legte die Hände um meine Tasse. »Nur – in erster Linie geht es bei meiner Suche um praktische Dinge. Weniger um Selbstfindung oder so was.« Meine Stimme wurde fester. »Unser Tagesgeschäft ist straff organisiert, es gibt alle Hände voll zu tun, um die Pension am Laufen zu halten. Du wirst das ja kennen von deinen bisherigen Stellen. Allem voran das Buchungssystem mit Check-in und Check-out; es kann auch mal sein, dass wir der Reinigungskraft beim Bettenwechsel unter die Arme greifen müssen; anschließend die Zimmerfreigabe. Das Frühstücksbuffet bereiten wir selbst zu, für die Küche haben wir niemanden. Nebenbei wärst du so wie ich Ansprechpartnerin für alle Belange der Gäste, das Beschwerdemanagement, saisonale Festivitäten und so weiter. Das verlangt Stressresistenz.«
Für Händeauflegen bleibt da wenig Zeit, ergänzte ich in Gedanken.
»Das klingt superabwechslungsreich, genau wie ich es mag! Wenn eine stressresistent ist, dann ich. Allein durch meine morgendlichen Meditationen bin ich total in meiner Mitte.« Jasmin sah mich verschwörerisch an.
Ich kniff die Brauen zusammen.
»Wenn du mir die Chance dazu gibst, beweise ich es dir gern«, sagte sie mit butterweicher Stimme.
Donnerwetter. Sie wollte diese Stelle unbedingt.
»Und sag mal ...«, fuhr sie fort. »Falls du dich für mich entscheidest: Könnte ich dann übergangsweise die Mansarde mieten, bis ich was anderes gefunden habe?« Ihre Augen leuchteten. »Da meinen Tag zu starten wäre ein Traum.«
»Ach so – solange bei deinen Eltern zu wohnen, käme für dich nicht in Frage?«
»Schon, aber aus meinem alten Kinderzimmer ist inzwischen ein Bügelzimmer geworden, und jeder hat sich ja an seine Freiräume gewöhnt. Meine Eltern wollen ihren Status als Empty-Nesters ungern aufgeben, wenn du verstehst, was ich meine.«
Schnell trank ich einen Schluck Tee. »Das kann ich dir leider noch nicht zusichern, Jasmin, das hängt davon ab, ob Gäste – «
»Ach, bitte, nenn mich doch Nandini, ja?«
Ich blinzelte. »Nandini?«
Sie breitete die Hände aus. »Das ist aus dem Sanskrit und heißt: ›Eine, die Freude bringt‹.«
»›Eine, die Freude bringt‹?«, wiederholte Liv am nächsten Tag, während sie Fleckchen kraulte, die auf ihrem Schoß lag. Die Katzenhaare verteilten sich großflächig auf ihrem zitronengelben Kleid.
»Tja«, antwortete ich. »So definiert sie sich wohl.« Ich war mit Jasmin so verblieben, dass ich mich bei ihr melden würde, sobald ich mich entschieden hätte.
Meine Freundin und ich saßen im Schutz eines Sonnenschirms auf ihrer Terrasse im Garten – einem von ihr sorgsam gepflegten, wunderhübschen Stück Erde. Zwischen bunten Tulpen und Narzissen streckten Vergissmeinnicht ihre kleinen blauen Blüten hervor. Heute war es ungewöhnlich warm für Anfang Mai. Ich war mit dem Rad spontan zu Liv nach Hedehusum gefahren, nachdem die Frühstückszeit in der Pension vorüber gewesen war. Nur mal ein Stündchen Luft holen. Wie dankbar ich dafür war, dass meine alte Schulfreundin nun auf der Insel lebte! Die Liebe zu ihrem Freund Matthis, den sie im vergangenen Sommer kennenlernte, hatte sie zu dieser Entscheidung bewogen. Er stammte von hier und war alleinerziehender Vater der bezaubernden kleinen Jonna. Gerade war die Lütte noch im Kindergarten, Matthis in seinem Wyker Architektenbüro.
Ich seufzte. Die halbe Nacht hatte ich wegen der Bewerberin wachgelegen. Hatte Für und Wider abgewägt. »Weißt du, eigentlich finde ich Jasmin total nett, nur dieses Gerede von Reiki und Auren ist mir suspekt. Natürlich kann sie glauben, woran sie möchte. Aber kann sie auch richtig zupacken? Und am Ende verschreckt sie unsere Gäste mit ihrem esoterischen Fimmel.«
»Ja, das könnte nach hinten losgehen.« Liv strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn. Ihr wuscheliger Pixie-Cut stand ihr wie immer kreuz und quer vom Kopf ab. »Willst du ihr absagen?«
»Ich bin hin- und hergerissen. Was mich lockt, ist ihre herzliche und zugewandte Art. Dann die Tatsache, dass sie diesen Job aus tiefster Seele will. Last not least, dass sie sofort anfangen könnte.« Ich lachte. »Das käme mir natürlich total entgegen, es muss eine Lösung her. Ich will den Laden nicht länger alleine schmeißen.«
Sie nickte aufmunternd. »Dann probier es doch einfach mal mit ihr! Oder hast du noch weitere Bewerber?«
»Eben nicht.«
»Dann hast du nichts zu verlieren. Es gibt ja sowieso eine Probezeit.«
Sie hatte recht, worüber machte ich mich eigentlich verrückt? Vor unserem Abschied hatte ich Jasmin versprochen, mich ganz bald bei ihr zu melden. Falls ich ihr zusagte, würde ich ihr auch für eine Weile die Mansarde überlassen, sie war fürs Erste nicht reserviert. Grübelnd legte ich den Kopf in den Nacken. Zwar blieb die kritische Geschäftsfrau in mir bei ihren Zweifeln, aber mein naturgegebener Optimismus gewann schließlich die Oberhand. »Ich sollte mich wohl drauf einlassen.« Ich stieß das Glas Biolimonade gegen Livs. Die Eiswürfel klirrten.
»Vielleicht wird diese Jasmin ja ihrem Spitznamen gerecht.« Liv zwinkerte mir zu.
»Hoffentlich. Auch wenn mir der wohl niemals über die Lippen kommen wird. Nandini!« Lachend verdrehte ich die Augen und trank. Erleichtert, eine Entscheidung getroffen zu haben. Ich stellte das Glas auf dem Holztisch ab. Gleich zu Hause würde ich sie direkt anrufen.
»Hast du in letzter Zeit mal wieder was von Ben gehört?«, wechselte Liv das Thema.
»Nö. Aber ist schon okay.«
Sie lächelte. »Das nehme ich dir nicht ab.«
Meine Freundin kannte mich zu gut. Ja. Er fehlte mir. Nur hatten sich die Grenzen zwischen Freundschaft und Verliebtheit aufgeweicht, und ich war im Unterschied zu ihm nicht bereit, einen Schritt weiterzugehen.
»Unser Deal war eben, erst mal ein bisschen Abstand zu gewinnen.«
»Eher dein Deal, oder?«
Ich hob so beiläufig wie möglich die Schultern. Fleckchen sprang von Livs Schoß und spazierte hüftschwingend Richtung Rasen, wo sie sich mit dem Rücken in die Sonne warf. Die war einfach zum Knuddeln süß.
»Stelle ich mir schwierig vor mit dem Abstand«, fügte Liv hinzu. »Bei nem Mann wie Ben.«
Wo sie recht hatte ... »I know! Nur, ich mag nicht unsere Freundschaft aufs Spiel setzen für ... ein bisschen Spaß. Dazu ist er mir zu wichtig.«
»Es könnte aber doch mehr als nur Spaß bedeuten.«
»Wir sind Freunde«, entgegnete ich fest. »Alles andere will ich nicht. Ich wüsste auch gar nicht, wie ich eine Beziehung momentan noch unterbringen sollte.«
Ein Windstoß ließ den Sonnenschirm über uns leicht erzittern.
»Kann es sein, dass du immer noch nicht über Dennis weg bist?«, fragte Liv leise.
Ich schätzte ihre Ehrlichkeit. Doch über meinen Ex mochte ich ganz bestimmt nicht reden. Dieser Arsch, für den ich von Flensburg hierher gezogen war und der mich von einem Tag auf den anderen geghostet hatte. Nach meinem Heiratsantrag. Diese Erfahrung war so demütigend gewesen, dass nicht einmal Liv von diesem Detail wusste. Das alles war geschehen, kurz nachdem ich mich mit dem Erbe meiner verstorbenen Oma als Teilhaberin in die Pension eingekauft hatte und es kein Zurück mehr in mein altes Leben gab. Meine Eltern und auch meine ältere Schwester Saskia hatte dieser Schritt damals ziemlich überrascht. Und als Saskia mich dann für ein paar Tage auf der Insel besucht und Dennis kennengelernt hatte, hielt sie sich die Stirn, dass ich sogar von Heirat sprach. Aber das beeindruckte mich damals nicht. Heute wusste ich, dass er ein Blender gewesen war, der es mit seinem Charisma und unnachahmlichen Humor geschafft hatte, meinen Verstand auszuschalten. So etwas würde mir nie wieder passieren!
»Ich möchte mich nicht mehr so fest binden und damit gut«, wich ich Livs Frage aus. »Erst recht nicht an jemanden, der fast nie da ist.« Ich biss mir auf die Lippe. Merkte ja selbst, wie bitter das klang und meinem angeblichen Bedürfnis nach Freiraum widersprach. In Wahrheit vermisste ich Ben und unsere gemeinsamen Aktivitäten und Gespräche ganz schrecklich.
Liv runzelte die Stirn. »Wie lange ist er noch auf Tournee?«
»Wenn ich es richtig im Kopf habe, ist die Band bis zum Herbst verplant.« Mit kleinen Unterbrechungen womöglich, aber Genaueres hatte ich bewusst nicht verfolgt. Ben war eigentlich Erzieher und arbeitete in einer Jugendhilfeeinrichtung, doch seine ganze Leidenschaft galt seiner Band Indigo River, für die er sich dank der vorfinanzierten Tournee durch den Sponsor eine berufliche Auszeit genommen hatte.
Mein Handy klingelte in der Tasche. Ich atmete auf, die Ablenkung kam mir gerade recht. Das Display meldete meine Mutter. Schnell tippte ich auf Annehmen. »Hey, Mama!«
»Grüß mal«, formte Liv mit den Lippen.
Ich nickte.
»Hallo, mein Schatz«, tönte es leise aus dem Hörer. »Wo erwische ich dich gerade?«
»Bei Liv im Garten. Liebe Grüße von ihr.«
»Oh ... Danke.« Sie schwieg kurz. »Dann ruf ich besser später an.«
Ihr gedämpfter Ton ließ mich aufhorchen. »Nein, ist schon okay!«
Liv stand auf, nickte mir zu und ging ins Haus.
»Alles in Ordnung bei euch?«, hakte ich nach.
Mama seufzte schwer. »Ach, vielleicht ist es sogar besser, dass du nicht alleine bist. Weißt du, es ist so ...«
Mein Herz klopfte.
»Uns geht es gut. Aber deiner Schwester leider nicht.«
Ich griff mir an die Kehle. »Was ist denn mit ihr?«
»Saskia hat vor einiger Zeit einen Knoten in der Brust ertastet. Bei der Mammographie wurde dann ein Tumor entdeckt.«
Bitte nicht. Ich schluckte. »Wurde schon eine Biopsie gemacht?«
»Ja, gleich im Anschluss.« Mamas Stimme klang brüchig. »Er ist leider bösartig. Wir ...« Der Satz brach ab. Ich hörte, wie sie sich schnäuzte.
»Oh nein«, hauchte ich. Das durfte nicht sein. Meine große Schwester.
»Sie hat den Befund schon seit drei Wochen, uns aber erst jetzt davon erzählt. Sie musste das alles wohl selbst erst mal begreifen.«
Es passte zu Saskia, damit alleine klarkommen zu wollen. Nun wünschte ich, ich hätte mich längst mal wieder bei ihr gemeldet. Immer war etwas anderes wichtiger gewesen. »Und wie geht es jetzt weiter, Mama? Gibt es ...« Ich traute mich kaum, es auszusprechen. »Eine Prognose?«
»Sie haben Saskia gründlich untersucht, zum Glück hat sie keine Metastasen. Also, die Chancen ...«, Mama schniefte, fing sich wieder, »sie stehen gut, sagen die Ärzte.«
»Gott sei Dank«, flüsterte ich so leise, dass sie es vielleicht gar nicht hören konnte.
»Es gibt auch schon einen Therapieplan«, sprach Mama weiter.
»Mit Chemo?«
»Das komplette Programm. Chemo, OP, Bestrahlung. In der Reihenfolge. Sie wollen auf Nummer sicher gehen, weil sie mit zweiundvierzig Jahren so jung ist und die Zellen sich schneller teilen.«
Ich schloss die Augen. Was hieß das nur für die Arme? Meine Schwester würde für Monate außer Gefecht gesetzt sein. Nicht nur körperlich, auch seelisch. Ich musste sie unbedingt –
»Bist du noch dran, Kristin?«
»Ja. Entschuldige. Wann genau geht es los mit der Therapie?«
»Nächsten Montag.«
Das war schon in sechs Tagen. »Wie gehen Stefan und Niklas damit um?« Das waren ihr Mann und ihr Sohn, der mit seinen gerade fünfzehn Jahren mitten in der Pubertät steckte.
Mama seufzte nur.
»Wie solln die damit umgehn?«, rief mein Vater aus dem Hintergrund. Anscheinend hatte meine Mutter unser Telefonat auf Laut gestellt. »Kannst dir ja alles denken. Stefan is nie da! Hat nur die Karriere im Kopp, und der picklige Jung verpieselt sich ständig aufs Zimmer!«
»Hans!«, fuhr Mama ihn an.
»Na is doch wahr! Ne schöne Familie hat Saskia da. Taugen doch nichts. Sie braucht jetzt n Fels in der Brandung, verdammt noch ma!«
So beunruhigend die Lage auch war, Papas donnernde Worte gaben mir ein unerwartetes Gefühl von Zuversicht. Solange er sich aufregte, war noch alles im Lot – ein Widerspruch, schon, aber wahr.
Liv trat aus dem Haus zurück auf die Terrasse, sie stellte eine Schale mit Erdbeeren auf den Tisch.
»Ich bin ganz sicher, Saskia schafft das«, machte ich meinen Eltern Mut. Mir selbst ebenso. »Und wir sind für sie da!«
Meine Freundin hatte sich wieder hingesetzt, sie legte fragend die Stirn in Falten.
»Ja, sie braucht jetzt unsere Unterstützung«, hörte ich Mama sagen. »Wir tun, was wir können. Spontan von der Arbeit freinehmen können sich leider weder Papa noch ich, wir haben schon alles versucht, aber notfalls pendele ich täglich hin und her – oder ich kündige.«
»Quatsch, Mama! Auch wenn es dich ehrt, das kannst du nicht ernst meinen.«
»Wieso nicht, meine Chefin macht mir sowieso das Leben zu Hölle.«
Mama arbeitete in einer Boutique in Flensburg, Papa in einer Spedition. Es trennten sie nur noch wenige Jahre von der Rente.
»Selbst wenn du es machen würdest – du hast doch auch eine Kündigungsfrist«, warf ich ein. Von Mamas Bandscheibenproblemen mal ganz abgesehen. Ständig im Auto zu sitzen wäre da Gift.
»Was ist denn mit Stefan?«, fragte ich das Naheliegendste.
»Der kann sie ja nicht mal zur ersten Chemo begleiten! Er wollte sich für eine anstehende Dienstreise vertreten lassen, aber angeblich keine Chance – stell dir das mal vor! Bis Freitagabend glänzt er mit Abwesenheit. Und Niklas muss sich hinter die Schule klemmen, sonst bleibt er hängen. Es sollte wenigstens nach der ersten Chemo jemand bei ihr sein, man weiß doch nie, wie der Körper auf dieses Gift reagiert!« Sie schluchzte auf. »Aber du kennst ja deine Schwester. Sie tut so, als sei das alles ein Klacks und wir sollten nicht so ein Gewese machen. Sie spricht sogar davon, weiter arbeiten zu gehen. Dabei braucht sie ihre Kraft doch jetzt für die Gesundheit und sollte sich schonen, wo es nur geht.« Ihre Stimme hatte sich immer höhergeschraubt.
»Mama, beruhige dich. Es wird bestimmt alles gut. Wir finden eine Lösung, ich rufe sie gleich mal an.«
»Mach das, mein Schatz. Sie sollte sich wirklich krankmelden. Vielleicht kannst du ja auf sie einwirken.«
Wohl kaum, dachte ich. Einen so richtig guten Draht zueinander hatten wir leider nicht. Zweifellos lag das an uns beiden, zu viele Reibereien in der Kindheit hatten uns auch als Erwachsene nicht wirklich zueinanderfinden lassen. Nun hing ich als eingefleischte Singlefrau mit Kopf und Herz auf der Insel, und Saskia ging in Job und Familie auf dem Festland auf. Da war wenig Nähe möglich. Aber das tat jetzt nichts zur Sache. Gerne hätte ich gewusst, was ihr guttun würde. Jedenfalls nicht das verzweifelte Drängen meiner Eltern. Vielleicht suchte sie ja Ablenkung in ihrer Arbeit. Allzu stressig ging es da wohl auch nicht zu, sie war als Bürokraft in einer ländlich gelegenen Anwaltskanzlei tätig.
Abermals versprach ich Mama, mit Saskia zu sprechen. »Ich melde mich wieder, okay?«, sagte ich abschließend.
»Ja. Und grüß Liv von uns.«
»Mach ich. Bis ganz bald!« Ich legte auf. Schob das Handy vor mir auf den Tisch und starrte wie betäubt darauf. In meinem Kopf jagten sich die Gedanken. Vor meiner Mutter hatte ich es nicht so zeigen wollen, aber nun fühlte ich, wie der Schrecken mir den Brustkorb einschnürte.
»Was ist los, Kristin?« Livs sanfte Stimme holte mich in die Gegenwart. Vom weiß blühenden Apfelbaum her tönte das Summen von Bienen, und überall sprießten Gänseblümchen auf dem Rasen.
»Meine Schwester. Ich glaube, sie braucht mich.«
Eigentlich musste ich wieder zurück in die Pension. Zwar hatten sich für heute keine Gäste angekündigt, aber man wusste ja nie, was sich spontan ergab – ein Punkt, den ich an meiner Tätigkeit besonders spannend fand. Kein Tag glich dem anderen, weil jeder Gast anders war. Außerdem wartete Jasmin sicher schon ungeduldig auf meinen Anruf. Trotzdem nahm ich mir die Zeit, die Hiobsbotschaft erst mal sacken zu lassen. Nachdem Liv und ich von den Erdbeeren genascht hatten, deren Süße mich nur wenig trösten konnte, schlug sie vor, einen Spaziergang am Meer zu unternehmen. »Ein bisschen Wind um die Nase wird dir guttun.«
Wir schlenderten die Wasserlinie am Strand von Hedehusum entlang, nur einen Steinwurf von Livs Zuhause entfernt. Bei Ebbe herrschte über der flachen Weite absolute Stille, kein Laut und kaum ein Windhauch regte sich dann. Doch jetzt war Hochwasser. Das sanfte Rauschen der Wellen flüsterte mir beruhigend zu. Barfuß wateten wir durch den nassen Sand, und ich verknotete meine Haare im Nacken, deren helle Strähnen mir sonst ständig ins Gesicht wehten.
»Was soll ich nur zu Saskia sagen?«, fragte ich Liv. »Ich hab sie seit Monaten nicht gesprochen. ›Hey, wie geht’s dir?‹ wäre total unpassend.«
»Erzähl ihr ihr doch einfach vom Anruf eurer Mutter. Und frag, wie du ihr helfen kannst.«
»Das wird sie entschieden abwehren, so wie ich sie kenne. Sobald sie merkt, dass sie als große Schwester auch mal die Schwächere sein könnte, reagiert sie angriffslustig.«
»Habt ihr deshalb so selten Kontakt?«
Ich hob die Schultern. »Es hat keinen besonderen Grund – wir haben uns nicht zerstritten oder so was. Was ihr Innenleben betrifft, war meine Schwester schon immer ein bisschen verschlossen.«
Meine Freundin nickte.
»Und das letzte Mal, als ich sie anrief – ich glaub an Neujahr – da war sie wieder so kurz angebunden. Ich dachte danach, okay, soll sie sich das nächste Mal melden. Hat sie bislang nicht getan.«
»Vielleicht war sie einfach im Stress? Manchmal bewertet man so was über. Sie freut sich bestimmt, von dir zu hören – gerade jetzt. Alles andere zählt doch dann nicht.«
»Da hast du recht«, gab ich zu. »Was war, ist nicht mehr wichtig.« Ich blickte zum Horizont, wo sich Wolken türmten. »Egal, wie sie reagiert, ich möchte für sie da sein. Das Beste wäre, ihr in Sieseby zumindest während der ersten Chemo beizustehen, wenn ihr Mann auf Dienstreise ist.«
»Sieseby? Das ist doch dieser süße Ort an der Schlei, oder?«
Ich nickte.
»Und wann würdest du fahren? Du siehst fast aus, als wolltest du sofort los.«
Ich blieb stehen. »Erst mal muss ich mich bei Saskia melden. Und selbst wenn sie einverstanden wäre, muss ich ja erst mal Jasmin einarbeiten und sehen, wie es mit ihr läuft. Sie wird sich freuen, wenn ich sage: ›Ach, und übrigens: Ich bin dann gleich mal für ein paar Tage weg.‹« Ich seufzte. »Einen schlechteren Zeitpunkt als jetzt gibt es kaum.«
»Aber das sucht sich nun mal keiner aus.« Meine Freundin streichelte mir über den Arm. »Vergiss nicht, ich bin auch noch da. Mit einer Nandini an der Seite, die nichts als Freude bringt, könnte ich die Bude bestimmt gut am Laufen halten.«
Obwohl das Thema bitterernst war, mussten wir lachen. Und es stimmte. Liv kannte sich auf dem Hof aus. Sie hatte mich ja im letzten Sommer, als Astrid bereits ausgefallen war, nicht nur mit der Restauration der Möbel unterstützt, sondern war mir eine wertvolle Hilfe im Betrieb gewesen. Natürlich hatte ich ihr immer ein Honorar dafür gezahlt. Trotzdem wollte ich die Hilfsbereitschaft meiner Freundin nicht überstrapazieren.
»Aber was ist denn mit deiner Arbeit?«, fragte ich zweifelnd.
»Aktuell habe ich nicht viele Aufträge, ich bin flexibel. Außerdem macht mir das Spaß, weißt du doch. Und wenn alle Stricke reißen: Sieseby ist nicht so weit weg. Du wärst schnell wieder hier.«
Vom Fähranleger in Dagebüll dauerte es bis zum Haus meiner Schwester nur anderthalb Stunden – einmal quer durch Schleswig-Holstein von der Nordseeküste zur Ostsee. Die Fährfahrt mitgerechnet war ich etwa zweieinhalb Stunden unterwegs. Das war keine Weltreise.
»Okay«, gab ich mir einen Ruck. »Mal schauen, ob Jasmin das Jobangebot auch wirklich annimmt, dann sehe ich weiter. Danke, dass ich immer auf dich zählen kann!«
Als ich das Rad auf dem Innenhof von HausNordseestern abstellte, spürte ich wieder, wie gut mir dieser Ort tat. Dieses alte, weiß getünchte Landgut mit den Butzenfenstern war mehr als nur meine Arbeitsstätte geworden. Hier fühlte ich mich wohl und geborgen. Es war mein Zuhause. Mein Leben.
Im Büro checkte ich erst mal die Lage. Alles war ruhig, nicht einmal Anrufe hatte es gegeben. Ich beantwortete eine E-Mail, dann rief ich endlich Jasmin an, um ihr zu sagen, dass sie jederzeit bei mir anfangen könne – falls sie noch wollte.
»Und ob ich will, am liebsten sofort!«, schallte es in mein Ohr.
Ihre Freude sprang wie ein warmer Funke auf mich über. »Ich freue mich auch. Den Arbeitsvertrag schicke ich dir gleich per Mail zu, dann kannst du erst mal alles prüfen.«
»Perfekt! Und, äh, sag mal, mit der Mansarde – würde das denn auch klappen?«
»Ja, das geht für die Probezeit in Ordnung, bis du etwas anderes gefunden hast. Ich nehme es in den Vertrag mit auf.«
»Oh wow! Ich kann es gar nicht glauben! Dann würde ich gleich noch nach Hamburg düsen und ein paar Sachen holen – ich hätte sogar schon eine Freundin zur Untermiete an der Hand. Morgen könnten wir dann direkt bei dir alles klar machen.«
Ui. Sie konnte es wirklich kaum abwarten.
»Okay, gerne. Dann treffen wir uns hier, sagen wir wieder um drei, zum Unterschreiben?«
»Super gerne!«
»Eine Sache wollte ich noch kurz vorwegnehmen ...«
»Ja?«
Ich rang mit mir. Sollte ich es wirklich schon ansprechen, dass ich ihr unter Umständen den Laden demnächst für ein paar Tage gemeinsam mit Liv anvertrauen würde? Vorausgesetzt, Jasmins Arbeit würde sich bewähren. Es wäre nur fair, es zumindest mal zu erwähnen. Noch war sowieso nichts spruchreif, vielleicht würde Saskia meine Hilfe gar nicht annehmen wollen.
»Entschuldige, wenn ich so mit der Tür ins Haus falle«, begann ich. »Aber es gibt da noch was, das ich auf dem Herzen habe. Meine Schwester ist erkrankt.«
»Oh ... Das heißt?«
»Ich würde vielleicht zu ihr fahren, wenn du eingearbeitet bist. Meine Freundin, die hier schon oft ausgeholfen hat, würde ich dir an die Seite stellen.« Hoffentlich setzte ich sie jetzt nicht unter Druck.
»Na klar! Familie geht vor. Tut mir total leid.«
»Danke dir. Dann würde ich sagen, besprechen wir alles Weitere morgen?«
»Ich freue mich!«
