Mein Leben - Marcel Reich-Ranicki - E-Book

Mein Leben E-Book

Marcel Reich-Ranicki

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Beschreibung

Marcel Reich-Ranicki wurde viel bewundert und viel gescholten, war bekannt und populär, einflussreich und schließlich aber auch umstritten. Mit seinem „Literarischen Quartett“ bewies er viele Jahre lang, dass die Vermittlung von Literatur im Fernsehen höchst unterhaltsam sein kann und dass gerade das Fernsehen wie kein anderes Medium imstande ist, der anspruchsvollen Literatur den Weg zum Leser zu bahnen. Was steckte hinter seinem unvergleichlichen Aufstieg, hinter diesem verblüffenden Erfolg?

Als Reich-Ranicki, kaum neun Jahre alt, aus seiner polnischen Geburtsstadt Wloclawek an der Weichsel nach Berlin übersiedelt, verabschiedet ihn seine Lehrerin mit den Worten: „Du fährst, mein Sohn, in das Land der Kultur.“ Doch das Land der Kultur stellte sich schon dem Kind nicht ohne düstere Seiten dar. Wie ein roter Faden zog sich diese zwiespältige und widerspruchsvolle Erfahrung durch sein weiteres Leben: Das Glück, das er der deutschen Literatur verdankte, der deutschen Musik und dem deutschen Theater, schien untrennbar verknüpft und verquickt mit der deutschen Barbarei.

Im Jahre 1938, kurz nach dem Abitur an einem Berliner Gymnasium, wurde Reich-Ranicki nach Polen deportiert. Als Jude erfuhr er im Warschauer Getto die schrecklichsten Demütigungen die Menschen Menschen bereiten können. „Immer wieder haben wir versucht“, so schreibt er, „unsere Trauer zu vergessen und unsere Angst zu verdrängen. Die Poesie war unser Asyl, die Musik unsere Zuflucht.“ Zusammen mit seiner Frau Tosia überlebte er das Inferno - durch Zufall und auf dramatische Weise. In Polen der Nachkriegsjahre wurde er Kommunist und Zeuge des größten Verrats, den die herrschende Partei der Idee einer gerechten Gesellschaft zufügen konnte. 1958 kehrte er nach Deutschland zurück, wurde beinahe sofort als Kritiker anerkannt und bald auch gerühmt - musste sich immer wieder überzeugen, dass er trotz aller Erfolge nie dazugehörte, dass er als Fremder behandelt wurde.

In diesem Buch, das weder Triumphgesang noch Klagelied ist, bewährt sich der Kritiker als tempramentvoller und anschaulicher Erzähler und als unbestechlicher Zeuge des Jahrhunderts. Farbig pointiert und anekdotenreich schildert Reich-Ranicki die Stationen seines so bewegten wie bewegenden Lebens. Er berichtet über die „Gruppe 47“, er beschreibt seine Jahre als ständiger Kritiker bei der Wochenzeitung „Die Zeit“ und später als Literaturchef der „Frankfurter Allgemeinen“, er erinnert sich an Begegnungen mit großen Schriftstellern seiner Zeit, mit Bertolt Brecht und Anna Seghers, mit Elias Canetti und Thomas Bernhard, mit Böll, Frisch und Grass und vielen anderen. So skizziert er ein aufschlussreiches und überraschendes Bild des literarischen Lebens in Deutschland.

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Marcel Reich-Ranicki

MEIN LEBEN

Deutsche Verlags-Anstalt

19. Auflage 2013© 1999 Deutsche Verlags-Anstalt, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbHAlle Rechte vorbehaltenGestaltung und Satz: dtp im VerlagGesetzt aus der Stempel GaramondISBN 978-3-641-13550-8V002

www.dva.de

Für Teofila Reich-Ranicki und Andrew Alexander Ranicki

ERSTER TEILvon 1920 bis 1938

Was sind Sie denn eigentlich?

Es war Ende Oktober 1958 auf einer Tagung der »Gruppe 47« in der Ortschaft Großholzleute im Allgäu. Von den hier versammelten Schriftstellern kannte ich nur wenige – kein Wunder, denn ich lebte erst seit drei Monaten wieder in dem Land, aus dem mich die deutschen Behörden im Herbst 1938 deportiert hatten. Jedenfalls fühlte ich mich bei dieser Tagung isoliert; und so war es mir nicht unrecht, daß in der Mittagspause ein jüngerer deutscher Autor, mit dem ich mich im vergangenen Frühjahr in Warschau unterhalten hatte, auf mich zukam. Noch wußte ich nicht, daß schon am nächsten Tag, mit dem ihm verliehenen Preis der »Gruppe 47«, sein steiler Aufstieg zum Weltruhm beginnen sollte.

Dieser kräftige junge Mann, selbstsicher und etwas aufmüpfig, verwickelte mich nun in ein Gespräch. Nach einem kurzen Wortwechsel bedrängte er mich plötzlich mit einer einfachen Frage. Noch niemand hatte mir, seit ich wieder in Deutschland war, diese Frage so direkt und so ungeniert gestellt. Er, Günter Grass aus Danzig, wollte nämlich von mir wissen: »Was sind Sie denn nun eigentlich – ein Pole, ein Deutscher oder wie?« Die Worte »oder wie« deuteten wohl noch auf eine dritte Möglichkeit hin. Ich antwortete rasch: »Ich bin ein halber Pole, ein halber Deutscher und ein ganzer Jude.« Grass schien überrascht, doch war er offensichtlich zufrieden, ja beinahe entzückt: »Kein Wort mehr, Sie könnten dieses schöne Bonmot nur verderben.« Auch ich fand meine spontane Äußerung ganz hübsch, aber eben nur hübsch. Denn diese arithmetische Formel war so effektvoll wie unaufrichtig: Hier stimmte kein einziges Wort. Nie war ich ein halber Pole, nie ein halber Deutscher – und ich hatte keinen Zweifel, daß ich es nie werden würde. Ich war auch nie in meinem Leben ein ganzer Jude, ich bin es auch heute nicht.

Als ich 1994 gebeten wurde, in den Münchner Kammerspielen an der Veranstaltungsreihe »Reden über das eigene Land« teilzunehmen und einen Vortrag zu halten, folgte ich zwar der Einladung, war aber, wenn auch freiwillig, in einer sonderbaren, einer heiklen Situation: Ich mußte mit dem Geständnis beginnen, daß ich gar nicht habe, worüber ich reden sollte – ich habe kein eigenes Land, keine Heimat und kein Vaterland. Ein ganz und gar heimatloser Mensch, ein richtiger vaterlandsloser Geselle war und bin ich nun wieder auch nicht. Wie ist das zu verstehen?

Meinen Eltern bereitete ihre Identität überhaupt keinen Kummer. Darüber haben sie, dessen bin ich ganz sicher, nie nachgedacht, nie nachdenken müssen. Mein Vater, David Reich, wurde in Plozk geboren, einer schönen polnischen Stadt an der Weichsel, nordwestlich von Warschau. Am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts, als Plozk zu Preußen gehörte und der Mittelpunkt jener Provinz war, die man Neuostpreußen nannte, amtierte dort ein junger Regierungsrat, ein auffallend und vielseitig begabter Jurist: E.T.A. Hoffmann. Noch unlängst war er in einem erheblich größeren und interessanteren Ort als Assessor tätig gewesen – in der Stadt Posen. Da er aber dort Karikaturen verfertigt hatte, die seine Vorgesetzten für besonders boshaft hielten, wurde er strafversetzt, ja eigentlich verbannt – eben nach Plozk.

Über meine Vorfahren väterlicherseits weiß ich so gut wie nichts. Das liegt bestimmt nur an mir, denn mein Vater hätte mir ausführlich und gern Auskunft erteilt, hätte ich auch nur das geringste Interesse gezeigt. Ich weiß bloß, daß sein Vater ein erfolgreicher Kaufmann war, der es zu einigem Wohlstand gebracht hatte: Er besaß in Plozk ein stattliches Mietshaus. An der Erziehung seiner Kinder hat er nicht gespart. Eine Schwester meines Vaters wurde Zahnärztin, eine andere studierte am Warschauer Konservatorium Gesang. Sie wollte Opernsängerin werden, was ihr nicht recht gelungen ist – obwohl sie, immerhin, in Lodz als Butterfly auftreten durfte. Als sie kurz darauf heiratete, würdigten die stolzen Eltern den künstlerischen Erfolg ihrer Tochter, indem sie die Aussteuer, zumal die Bettwäsche, mit gestickten Schmetterlingen verzieren ließen.

Auch mein Vater war musikalisch, er spielte in jungen Jahren Violine, was er ziemlich bald aufgegeben haben muß, denn zu meinen Zeiten lag sein Instrument stets auf dem Schrank. Da er Kaufmann werden sollte, schickten ihn seine Eltern in die Schweiz. Dort studierte er an einer Handelshochschule, brach aber sein Studium bald ab und kehrte nach Hause zurück. Auch daraus ist also nichts geworden, wohl vor allem deshalb, weil er schon in jungen Jahren ein willensschwacher Mensch war – und es auch geblieben ist. 1906 heiratete er meine Mutter, Helene Auerbach, die Tochter eines armen Rabbiners. Bei der Hochzeitsfeier, die in einem Hotel in Posen stattfand, wurde zunächst das Brautlied aus dem »Lohengrin« intoniert und dann der Hochzeitsmarsch aus Mendelssohns »Sommernachtstraum«-Musik – dies war bei den Juden in Polen, bei den gebildeten zumindest, nicht ungewöhnlich, ja, es gehörte zum Ritual. Die Hochzeitsreise führte das junge Paar, auch das war damals üblich, nach Deutschland, nach Dresden vor allem und nach Bad Kudowa.

Hätte Günter Grass oder ein anderer meinen Vater irgendwann gefragt, was er denn eigentlich sei – er wäre verblüfft gewesen: Er sei doch, hätte er gesagt, natürlich ein Jude und sonst nichts. Ebenso hätte ganz gewiß auch meine Mutter geantwortet. In Deutschland war sie aufgewachsen, in Preußen, genauer: im Grenzgebiet zwischen Schlesien und der Provinz Posen. Nach Polen war sie nur durch die Ehe geraten.

Ihre Vorfahren väterlicherseits waren seit Jahrhunderten allesamt Rabbiner. Über einige von ihnen kann man in größeren jüdischen Nachschlagebüchern allerlei erfahren, denn sie veröffentlichten wissenschaftliche Werke, die zu ihrer Zeit offenbar sehr geschätzt wurden. Sie beschäftig-ten sich weniger mit theologischen als mit juristischen Fragen – was übrigens bei den Juden gang und gäbe war: Die Rabbiner fungierten in früheren Zeiten keineswegs nur als Geistliche und Lehrer, sondern zugleich auch als Richter.

Obwohl von den fünf Brüdern meiner Mutter nur der älteste Rabbiner wurde – er versah sein Amt in Elbing, dann in Göttingen und schließlich, bis zu seiner Auswanderung unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg, in Stuttgart –, kann man doch sagen, daß sie alle, emanzipiert und assimiliert, auf ihre Weise an der Familientradition festgehalten haben. Denn drei von ihnen wurden Rechtsanwälte, ein vierter Patentanwalt. Freilich war ihnen das Religiöse, wenn man von dem Ältesten, dem Rabbiner, absieht, beinahe gleichgültig geworden.

Und meine Mutter? Auch sie wollte von Religion nichts wissen, an Jüdischem war sie nur noch wenig interessiert. Trotz ihrer Herkunft? Nein, wohl eher wegen ihr. Ich glaube, daß sie mit der unmißverständlichen Abwendung von der geistigen Welt ihrer Jugend still und sanft gegen das rückständige Elternhaus protestierte. Das Polnische wiederum interessierte sie überhaupt nicht. Wenn ich ihr am 28. August zu ihrem Geburtstag gratulierte, wiederholte sie alljährlich die Frage, ob ich denn wisse, wer heute außerdem noch Geburtstag habe. Daß sie am selben Tag wie Goethe geboren worden war, wollte sie, vermute ich, als Symbol verstehen. In Gesprächen mit mir zitierte sie die Klassiker. Wenn ich mit dem Essen unzufrieden war, bekam ich zu hören:

Kann ich Armeen aus der Erde stampfen?Wächst mir ein Leutnant in der flachen Hand?

Als ich später die »Jungfrau von Orleans« las, sah ich zu meiner Verwunderung, daß bei Schiller durchaus kein Leutnant in der flachen Hand wuchs, sondern ein Kornfeld. Wie auch immer: Ihr Zitatenschatz stammte aus der deutschen Dichtung, jener zumal, die man im ausgehen-den neunzehnten Jahrhundert in der Schule behandelte – und das waren vor allem Goethe und Schiller, Heine und Uhland.

Mein Vater hingegen war und blieb dem Judentum eng verbunden. Hat er an Gott geglaubt? Ich weiß es nicht, darüber sprach man nie. Aber wahrscheinlich war die Existenz Gottes für ihn so selbstverständlich wie die Luft zum Atmen. An den hohen Feiertagen und am Sabbat ging er in die Synagoge, auch später, als wir schon in Berlin lebten. Doch war dies nicht unbedingt ein religiöser Akt. Für die Juden ist die Synagoge nicht nur ein Gotteshaus, sondern auch ein geselliger Ort. Dort trifft man sich, um vielleicht gemeinsam mit Gott, aber jedenfalls mit Bekannten und Gleichgesinnten zu sprechen. Kurz: Die Synagoge spielt auch die Rolle eines Klubs.

Nicht die Religion hat das Leben meines Vaters geprägt, wohl aber die Tradition. Früh schon hat ihn, wie zahllose andere polnische Juden seiner Generation, der Zionismus tief beeindruckt. Sbolz erzählte er, daß er am dritten Zionistischen Weltkongreß in Basel teilgenommen habe. Doch war das schon lange her, im Jahre 1905. Von einem späteren zionistischen Engagement meines Vaters oder von Aktivitäten im Rahmen einer Organisation, welcher Art auch immer, habe ich nie gehört, es hat sie wohl nicht gegeben. Unternehmungsgeist war nicht seine Sache.

Anders als mein Vater, der mehrere Sprachen beherrschte – Polnisch und Russisch, Jiddisch und, wie beinahe jeder gebildete Jude in Polen, natürlich auch Deutsch –, war meine Mutter nicht sprachgewandt: Bis zum Ende ihres Lebens, bis zum Tag, an dem man sie in Treblinka vergaste, sprach sie zwar ein makelloses, ein besonders schönes Deutsch, aber ihr Polnisch war, obwohl sie in diesem Land Jahrzehnte gewohnt hatte, fehlerhaft und eher dürftig. Jiddisch konnte sie nicht; und wenn sie es doch zu sprechen versuchte – etwa beim Einkauf auf dem Marktplatz in Warschau –, bekam sie von den nachsichtig lächelnden jüdischen Verkäufern zu hören: »Die Madam kimt aus Deitschland.«

In der Stadt, in der sich meine Eltern niedergelassen hatten, in Wloclawek an der Weichsel, fühlte sich meine Mutter beinahe wie einst E.T.A. Hoffmann im unfernen Plozk – also in der Verbannung: Polen war und blieb ihr fremd. Wie sich Irina Sergejewna in Tschechows »Drei Schwestern« nach Moskau sehnt und von Moskau träumt, so sehnte sich meine Mutter nach jener Metropole, die in ihren Augen Glück und Fortschritt symbolisierte und in der sie alle lebten, ihr nun schon alter Vater, ihre Schwester, vier ihrer Brüder und auch noch einige ihrer Schulfreundinnen: Sie sehnte sich nach Berlin.

Doch vorerst mußte sie mit Wloclawek vorliebnehmen, einer aufstrebenden Industriestadt, die bis 1918, also bis zur Wiedererrichtung des polnischen Staates, zu Rußland gehört hatte; damals verlief in ihrer unmittelbaren Nähe die deutsch-russische Grenze. In den zwanziger Jahren lebten in Wloclawek rund 60000 Menschen, davon etwa ein Viertel Juden. Nicht wenige von ihnen hatten eine auffallende Schwäche für die deutsche Kultur. Sie fuhren von Zeit zu Zeit nach Berlin oder nach Wien, zumal dann, wenn man eine medizinische Kapazität zu Rate ziehen wollte oder sich gar einer Operation unterziehen mußte. In ihren Bücherschränken fanden sich neben den Werken der großen polnischen Dichter oft auch die deutschen Klassiker. Und die meisten dieser gebildeten Juden lasen selbstverständlich deutsche Zeitungen. Bei uns wurde das »Ber-liner Tageblatt« abonniert.

Vier katholische Kirchen gab es in der Stadt, eine evangelische Kirche, zwei Synagogen, mehrere Fabriken, darunter Polens älteste und größte Papierfabrik, ferner drei Kinos – aber kein Theater und kein Orchester. Die wichtigste Sehenswürdigkeit in Wloclawek ist nach wie vor die im vierzehnten Jahrhundert erbaute gotische Kathedrale, in der man einen von Veit Stoß geschaffenen Sarkophag bewundern kann. Unter den Zöglingen des in der Nachbarschaft der Kathedrale befindlichen Priesterseminars war in den Jahren 1489 bis 1491 ein junger Mann aus Thorn: Nikolaus Kopernikus.

In Wloclawek bin ich am 2. Juni 1920 geboren. Warum mir der Name Marcel gegeben wurde, darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht. Erst viel später stellte sich heraus, daß dies durchaus kein Zufall war. Meiner dreizehn Jahre älteren Schwester wurde von meiner Mutter – nur sie kümmerte sich um solche Angelegenheiten, nicht etwa mein Vater – der Name Gerda gegeben. Meine Mutter ahnte nicht, was sie damit anrichtete. Denn Gerda galt in Polen als ein typisch deutscher Vorname. Doch hatte die Deutschenfeindschaft in diesem Land eine alte, mindestens bis zu den Ordensrittern reichende Tradition – und während des Ersten Weltkriegs und in der folgenden Zeit waren die Deutschen wieder einmal recht unbeliebt. So wurde denn meine Schwester wegen ihres deutschen Vornamens in der Schule oft verhöhnt, wobei schwer zu entscheiden war, was hier im Vordergrund stand – Antideutsches oder Antisemitisches.

Meinem Bruder, der neun Jahre älter war als ich, erging es in dieser Hinsicht etwas besser. Auch ihm hat meine doch etwas weltfremde Mutter einen betont deutschen Vornamen gegeben, Herbert, aber auch einen zweiten gegönnt, und zwar einen, der bei Juden seit weit über zwei Jahrtausenden häufig vorkommt: Alexander. Der Grund: Der Überlieferung zufolge hat Alexander der Große Juden gut behandelt und ihnen allerlei Privilegien eingeräumt. Aus Dankbarkeit haben die Juden schon zu seinen Lebzeiten ihre Söhne oft nach ihm benannt. Übrigens heißt auch mein Sohn Andrew Alexander, was freilich überhaupt nichts mit dem König von Mazedonien zu tun hat, sondern mit der jüdischen Sitte, das Andenken verstorbener Angehöriger zu ehren, indem man deren Vornamen seinen Kindern gibt. So heißt auch die Tochter meines Sohnes Carla Helen Emily – nach den Namen ihrer in Treblinka umgekommenen Großmütter. Ich wurde also mit dem in Polen damals kaum gebräuchlichen Namen Marcel bedacht. Erst vor wenigen Jahren habe ich erfahren, daß am 2. Juni, dem Tag meiner Geburt, der katholische Kalender eines Heiligen namens Marcellus gedenkt, eines römischen Priesters und Märtyrers aus der Zeit des Kaisers Diokletian. Meine Eltern haben von der Existenz dieses Heiligen bestimmt nichts gewußt. Wahrscheinlich ging die Namensnennung auf den Vorschlag eines katholischen Dienstmädchens oder Kinderfräuleins zurück. Wer immer es war, der auf diese Idee gekommen ist – ich habe ihm nichts vorzuwerfen, im Gegenteil, ich bin ihm bis heute dankbar: Denn an meinem Vornamen habe ich, anders als meine Schwester Gerda an ihrem, nie gelitten.

Wenn ich in meiner frühen Kindheit gelegentlich von Gleichaltrigen bespöttelt wurde, so hatte dies mit einem belanglosen Umstand zu tun, den ich aber bis heute nicht vergessen kann. Ich war fünf oder sechs Jahre alt, als meine Mutter während eines kurzen Besuchs bei ihrer Berliner Familie in einem Kaufhaus Kindergarderobe mit der Aufschrift »Ich bin artig« sah. Das fand sie amüsant. Ohne die möglichen Folgen zu bedenken, ließ sie auf meine Blusen und Kittel – wieder einmal etwas weltfremd – ebendiese Aufschrift in polnischer Übersetzung sticken. Rasch wurde ich zum Gespött der Kinder – und reagierte darauf mit Wut und Trotz: Brüllend und prügelnd wollte ich jenen, die sich über mich lustig machten, beweisen, daß ich besonders unartig war. Das trug mir den Spitznamen »Bolschewik« ein. Meine lebenslängliche Neigung zum Trotz – sollte sie damals ihren Anfang genommen haben?

Als ich alt genug war, kam mein Vater eines Tages überraschend in Begleitung eines bärtigen Mannes nach Hause. Er hatte ungewöhnlich lange Schläfenlocken und trug ei-nen Kaftan, den schwarzen, mantelartigen Rock, die übliche Kleidung der orthodoxen Juden. Dieser schweigsame Mann, der mir etwas unheimlich vorkam, sollte mein Lehrer sein. Er werde mir, erklärte mein Vater, Hebräisch beibringen. Aber mehr konnte mein Vater nicht sagen, denn gerade war meine Mutter aufgetaucht, die sich sofort einmischte: Ich sei für den Unterricht, sagte sie mit Entschiedenheit, vorerst noch zu klein. Der enttäuschte Lehrer wurde auf später vertröstet und kurzerhand weggeschickt. Mein Vater leistete keinen Widerstand. Dies war sein erster Versuch, in meine Erziehung einzugreifen; es war auch sein letzter.

Nie hat mir meine Mutter erklärt, warum sie von der Erziehung im Geiste der jüdischen Religion nichts wissen wollte. Als es Zeit war, mich in die Schule zu schicken, beschloß sie, daß ich, anders als meine Geschwister, in die evangelische, die deutschsprachige Volksschule gehen sollte. War das etwa ein Protest gegen das Judentum? Nein, nicht unbedingt. Nur wollte sie, daß ich in deutscher Sprache erzogen würde.

Allerdings gab es gleich am Anfang eine ernste Schwierigkeit: Ich konnte schon zuviel. Das wäre noch nicht so schlimm gewesen. Doch leider konnte ich auch zuwenig. Ein Kinderfräulein, von dem ich betreut wurde, hatte sich einen Spaß daraus gemacht, mir nebenbei und ohne viel Mühe das Lesen beizubringen. Ich erlernte es sehr rasch, nur zeigte mir niemand, wie man Buchstaben schreibt. In unserer Wohnung stand aber eine alte Schreibmaschine – und es fiel mir nicht schwer, einzelne Buchstaben auf ein Blatt Papier zu befördern: Bald war ich in der Lage, an meine Schwester, die damals in Warschau studierte, einen kurzen Brief zu tippen.

Nun brachte mich also meine Mutter in die deutsche Schule. Dem Schulleiter, einem besonders strengen Mann, der, wenn ich recht informiert bin, in den ersten Tagen des Zweiten Weltkriegs von den Polen als deutscher Spion hingerichtet wurde, erzählte sie von der, wie sie meinte, ungewöhnlichen Situation. Er aber schien nicht zum ersten Mal mit einem solchen Problem konfrontiert zu sein und prüfte mich sofort: Ich las rasch und korrekt. Doch damit war die Sache keineswegs erledigt. Man müsse sich, erklärte dieser Schulleiter nicht ohne Humor, sofort entscheiden: »Entweder teilen wir ihn der ersten Klasse zu, dann wird er sich beim Leseunterricht langweilen, oder er geht gleich in die zweite, dann müßten Sie aber dafür sorgen, daß er zu Hause das Schreiben erlernt.« Meine Mutter zögerte keinen Augenblick: »Gleich in die zweite. Ich habe eine ältere Tochter, die wird ihm das Schreiben beibringen. Das wird er schon erlernen.« Wenn ich diese Geschichte heute deutschen Autoren erzähle, füge ich hinzu: »Und er hat es bis heute nicht gelernt.« Unseren oft mit einem kindlichen Gemüt gesegneten Schriftstellern bereitet diese Äußerung geradezu diebisches Vergnügen.

Die Folgen ihrer Entscheidung hat meine Mutter nicht geahnt: Daß ich nicht schreiben konnte, interessierte niemanden in der Klasse. Daß ich aber als einziger schon Bücher las und darüber im Unterricht gelegentlich stolz und leichtsinnig berichtete, hat den Neid der Mitschüler geweckt. Von Anfang an fiel ich aus dem Rahmen, ich war ein Außenseiter. Daß es so bleiben würde, konnte ich schwerlich wissen: In welcher Schule ich auch war, in welcher Institution ich auch gearbeitet habe, ich paßte nie ganz zu meiner Umgebung.

Doch alles in allem hatte ich in dieser evangelischen Volksschule nicht viel Kummer, zumal ich von unserer Lehrerin, einem deutschen Fräulein namens Laura, freundlich behandelt wurde. Das hatte einen guten Grund: Sie entlieh von meiner Mutter neue deutsche Bücher, die diese immer wieder aus Berlin bezog. Noch kann ich mich entsinnen, worauf das Fräulein, deren stattlicher Busen mich sehr beeindruckt hat, ungeduldig wartete. Es war keines der großen Kunstwerke jener Zeit, wohl aber ein Roman, der damals ganz Europa irritierte: Remarques »Im Westen nichts Neues«.

Meine eigene Lektüre war nicht originell: Ich las viel, doch ungefähr dasselbe wie andere Kinder auch, nur eben erheblich früher. Am stärksten sind in meinem Gedächtnis geblieben: der Dickens-Roman »Oliver Twist« und Defoes »Robinson Crusoe«, beide Bücher wohl in den üblichen Bearbeitungen für die »reifere Jugend«. In noch höherem Maße hat mich ein Buch ganz anderer Art fasziniert: ein mehrbändiges deutsches Konversationslexikon. Vermutlich waren es die in ihm enthaltenen Illustrationen, von denen ich mich nicht losreißen konnte. Damals begann meine Vorliebe für Nachschlagebücher jeglicher Art.

Aber die folgenreichsten Eindrücke kamen von der Musik. Meine Schwester spielte Klavier, ich habe in unserer Wohnung häufig Bach und, häufiger noch, Chopin gehört. Zugleich hatte mich ein ganz anderes Instrument begeistert: das Grammophon. Wir hatten viele Platten, die mein Vater, ungleich musikalischer als meine Mutter, ausgesucht hatte. Neben populären symphonischen Werken, modern in seiner Jugend – von Griegs »Peer Gynt«-Suiten bis zu Rimskij-Korsakows »Scheherazade« –, waren es vor allem Opern: »Aida«, »Rigoletto« und »Traviata«, »Boheme«, »Tosca« und »Madame Butterfly«, »Bajazzo« und »Cavalleria Rusticana«. Es gab auch eine Wagner-Platte, eine einzige: Lohengrins Gralserzählung. Ich wurde nicht müde, immer wieder dieselben Arien, Duette und Ouvertüren zu hören. Aus dieser Zeit stammen meine leise Abneigung gegen Grieg und Rimskij-Korsakow und meine unverwüstliche Liebe zur italienischen Oper, zu Verdi vor allem, aber auch zu Puccini, dem ich bis heute die Treue gehalten habe.

Im Frühjahr 1929 passierte in unserer Familie allerlei, was ich wahrnahm, ohne es verstehen zu können. Ich sah die Tränen meiner Mutter und die Hilflosigkeit meines Vaters, ich hörte sie jammern und klagen. Ihre Aufregung und Verzweiflung wurden von Tag zu Tag größer. Uns allen – das spürte auch das Kind – stand ein schreckliches Unheil bevor. Die Katastrophe ließ denn auch nicht lange auf sich warten. Sie hatte zwei Gründe: die große Wirtschaftskrise und meines Vaters Mentalität. Er war solide und anspruchslos, gütig und liebenswert. Nur hatte er leider den falschen Beruf gewählt, denn von kaufmännischen Fähigkeiten konnte bei ihm nicht die Rede sein: Er war ein Geschäftsmann und Unternehmer, dessen Geschäfte und Unternehmungen in der Regel wenig oder nichts einbrachten. Natürlich hätte er dies früher oder später einsehen sollen, er hätte sich nach einer anderen Tätigkeit umschauen müssen. Aber hierzu fehlte ihm jegliche Initiative. Fleiß und Energie gehörten nicht zu seinen Tugenden. Charakterschwäche und Passivität bestimmten auf unglückselige Weise seinen Lebensweg.

Kurz nach dem Ersten Weltkrieg hatte er in Wloclawek – wahrscheinlich mit dem Geld seines Vaters – eine Firma gegründet, eine kleine Fabrik, in der Baumaterialien produziert wurden. Er bezeichnete sich gern als »Industrieller«. Doch in den späten zwanziger Jahren hat man in Polen immer weniger gebaut, der Bankrott der Firma ließ sich nicht mehr vermeiden. Das war damals nicht ungewöhnlich, was freilich meine Mutter nicht trösten konnte: Hätte ihr Mann, pflegte sie zu sagen, Särge hergestellt, dann würden die Menschen aufhören zu sterben.

Sie hat damals sehr gelitten. Sie schämte sich, auf die Straße zu gehen, denn sie rechnete mit höhnischen oder verächtlichen Blicken der Nachbarn und Bekannten. Vermutlich waren es übertriebene Befürchtungen, zumal sich meine Mutter in der Stadt großer Beliebtheit erfreute: Man schätzte ihr ruhiges, ja nobles Wesen, das man auf ihre Herkunft aus der Welt der deutschen Kultur zurückführte. Aber es mag sein, daß sie mehr als die Verachtung der Mitbürger deren Mitleid fürchtete.

An der ganzen Katastrophe war sie, versteht sich, unschuldig: Daß sie auf die erschreckende Untüchtigkeit ihres Mannes keinerlei Einfluß hatte, konnte ihr niemand vorwerfen. Doch sicher ist: So viele Vorzüge meine Mutter auch hatte, sie war – in dieser Hinsicht meinem Vater nicht unähnlich – vollkommen unpraktisch. Gewiß fiel es ihr sehr schwer, zu tun, was getan werden mußte, um die schlimmsten Folgen des Bankrotts zu verhüten und so die Familie zu retten: Geld mußte beschafft werden. Es gab nur eine einzige Möglichkeit: Zu ihren in Berlin lebenden Brüdern gehörte ein besonders erfolgreicher Rechtsanwalt, der auch der Wohlhabendste in der ganzen Familie war. Sie mußte sich überwinden und diesen Bruder, Jacob, anrufen. Sie mußte ihn beschwören, telegraphisch eine beträchtliche Geldsumme zu überweisen. Er hat die Hilfe, um die er gebeten wurde, nicht verweigert.

Was sich damals rings um mich abspielte, konnte ich, kaum neun Jahre alt, natürlich nicht begreifen. Dennoch habe ich es gespürt: Zuviel wurde in unserer Wohnung, auch in meiner Gegenwart, geweint, als daß mir die Familienkatastrophe hätte entgehen können. Das Scheitern meines Vaters, kläglich und erbärmlich zugleich, warf einen düsteren Schatten nicht nur auf meine Jugend. Doch dies hatte weniger mit dem Absturz selber zu tun als mit dessen ökonomischen Folgen: Als Halbwüchsiger sah ich sehr genau die Abhängigkeit meiner Eltern von jenen Verwandten, die ihnen halfen. Die Furcht, ich selber könnte je in eine solche demütigende Abhängigkeit geraten, hat noch viele Jahre lang auf manche meiner Lebensentscheidungen einen starken Einfluß gehabt.

Aber vorerst bewirkte diese Katastrophe eine für mich überaus günstige Wende. Denn unter dramatischen und fatalen Begleitumständen ging der alte Traum meiner Mutter unerwartet in Erfüllung: Da an die Zukunft unserer Familie an Ort und Stelle nicht zu denken war, wurde die Übersiedlung nach Berlin beschlossen und vorbereitet. Dort würde sich, hofften meine Eltern, eine neue Existenz gründen lassen, wobei, wie sich später zeigte, konkrete Vorstellungen von der künftigen beruflichen Tätigkeit meines Vaters noch gar nicht vorhanden waren. Ich wurde als erster nach Berlin geschickt, um mit der Familie des wohlhabenden Onkel Jacob – es gab dort drei Kinder ungefähr in meinem Alter – den Sommer zu verbringen, in Westerland auf Sylt.

Doch vor der Reise hatte ich mich, so glaubte meine Mutter, unbedingt von meiner bisherigen Lehrerin zu verabschieden. Worüber sich die beiden Damen damals unterhielten, weiß ich nicht mehr, vermutlich über das Buch von Remarque. Aber das Wort, das mir meine Lehrerin auf den Weg gab, habe ich nie vergessen. Denn das Fräulein Laura mit dem wogenden Busen richtete den Blick in die Ferne und verkündete ernst und feierlich: »Du fährst, mein Sohn, in das Land der Kultur.« Zwar habe ich nicht verstanden, worum es ging, doch fiel mir auf, daß meine Mutter zustimmend nickte.

Am nächsten Tag saß ich, betreut von einem Bekannten meiner Eltern, der ebenfalls gen Westen fuhr, im Zug nach Berlin. Sonderbar: Ich hatte keine Angst vor dem, was meiner in der fremden Stadt harrte, und auch keine Angst vor den Angehörigen, die ich doch überhaupt nicht kannte. War es kindlicher Leichtsinn und Mangel an Phantasie? Vielleicht, nur kam da, vermute ich, noch etwas hinzu. Über die Stadt, der ich mich nun ungeduldig näherte, hatte ich schon allerlei gehört: Angeblich fuhren dort die Züge unter der Erde oder über den Häusern, dort verkehrten, hatte man mir erzählt, Autobusse mit Sitzbänken auf dem Dach, es gab dort Treppen, die sich pausenlos bewegten, so daß man nur auf ihnen zu stehen brauchte, um nach oben oder nach unten zu kommen.

Der Weg war weit, erst abends würde ich in jener Märchenwelt anlangen, die mir meine Eltern ausgemalt, in jenem Traumland, das sie mir versprochen hatten. Neugierig wartete ich auf das Ende der Bahnfahrt – und diese Neugierde war es, die alle Bedenken und Befürchtungen verdrängte. So dachte ich, vor Erregung fiebernd, an das Wunder, das ich zu erleben hoffte – das Wunder Berlin.

Halb zog sie ihn, halb sank er hin

Am Bahnhof Zoologischer Garten nahm mich eine dunkelhaarige, elegante Dame im Alter von etwa vierzig Jahren in Empfang. Es war die Tante Else, die Ehefrau von Onkel Jacob. Spät muß es gewesen sein, denn als wir in der Wohnung ankamen, waren meine beiden Vettern und die Cousine nicht zu sehen, sie schliefen schon, der Onkel war auch nicht da. So saß ich an dem runden, großen Eßtisch, der wohl für zehn, wenn nicht für zwölf Personen gereicht hätte, allein mit der Tante. Doch gab es noch jemanden im Zimmer: Eine anmutige, adrett ausschauende junge Frau; sie trug ein schwarzes Kleid mit einer weißen Schürze und – zu meiner Verblüffung – auch noch weiße Glacéhandschuhe. Schweigsam und würdevoll servierte sie das Abendessen. Alles war hier überaus vornehm. Von dieser mir fremden Welt verständlicherweise eingeschüchtert, antwortete ich auf die mir gestellten Fragen ängstlich und nur einsilbig. So breitete sich bald eine beklemmende Stille aus.

Natürlich konnte ich nicht wissen, was sich dahinter verbarg. Aber sehr bald spürte ich, daß der bemühte, der angestrengte Stil dieses Hauses unecht war. Hier herrschte eine ausgesprochene Künstlichkeit, kalt und feierlich. Der Onkel Jacob, der doch aus ärmlichen Verhältnissen stammte, war ein tüchtiger, ein beinahe prominenter Rechtsanwalt und Notar, ein höchst ehrgeiziger Emporkömmling, stolz auf seine in der Tat beträchtlichen Erfolge. Auch seinen Brüdern ging es gut, auch sie lebten im Wohlstand. Doch nur ihm war daran gelegen, seinen gesellschaftlichen Aufstieg mit allem Nachdruck zu demonstrieren. Er brauchte Statussymbole, er war auf sie geradezu erpicht und angewiesen. Die Pracht der Gründerzeit entsprach seinem Geschmack, ihm imponierte der Pomp der Jahrhundertwende.

Daß ihm das Reiten Spaß machte, kann ich mir nicht vorstellen. Gleichwohl gehörten zu seinem Hausstand zwei schöne, angeblich besonders wertvolle Reitpferde; das eine hieß »Avanti«, das andere bezeichnenderweise »Aristokrat«. Jeden Morgen pflegte er zusammen mit seiner Frau zu reiten – im nahe gelegenen Tiergarten, wie es sich schickte. Aristokratisch war auch, zumindest seiner Ansicht nach, die Gegend, in der er sich niedergelassen hatte: Die Familie, die mich, den Sohn des verkrachten Kaufmanns aus der polnischen Kleinstadt, gütig aufgenommen hatte, wohnte nicht etwa in einem der schönen Stadtteile im Westen Berlins, nicht in Dahlem oder in Grunewald, sondern in der Roonstraße, gleich neben dem Reichstag. Gelegentlich wurden wir Kinder darauf hingewiesen, daß in der unmittelbaren Nachbarschaft eine Zeitlang Bismarck residiert habe.

In der für meine Begriffe kolossalen Wohnung erstaunte mich ein exotisch anmutender und mit Pflanzen aller Art überladener Raum. Das war, wie man mir erklärte, der Wintergarten. In diesem Raum war fortwährend ein leises Plätschern zu hören. Denn es befand sich dort in einem Winkel ein hellblauer, gar nicht kleiner und unaufhörlich sprudelnder Springbrunnen. Zwischen dem Speisezimmer und dem Salon, der Musikzimmer genannt wurde, gab es zwei vom Fußboden bis zur Decke reichende Marmorsäulen. An der Wand dieses Zimmers hing zwischen vielen anderen Gemälden auch ein Bild, das ein auf dem Boden liegendes, orientalisch gekleidetes Weib zeigte. Es schaute sehnsüchtig und herausfordernd auf das Gesicht eines Mannes, dessen Kopf auf einem silbernen Tablett lag. Später hat mich einer meiner Cousins nicht ohne Stolz belehrt: »Das ist die Mammi als Salome.« Die Tante Else war, bevor sie den Bruder meiner Mutter heiratete, in ihrer Geburtsstadt Köln Schauspielerin gewesen. Damit mochte es zusammenhängen, daß in dieser Wohnung alles theatralisch anmutete.

An jenem ersten Abend in Berlin, da ich allein mit der Tante an dem mächtigen Tisch saß, bekam ich auch ein weiches Ei. Kaum hatte ich es gegessen, nahm die Tante die Eierschale, blickte hinein und stellte fest, womit sie offenbar gerechnet hatte – daß darin noch etwas geblieben war. Sie belehrte mich knapp und streng: »So ißt man Eier in Deutschland nicht.« Damals habe ich wohl zum ersten Mal in meinem Leben das Wort »Deutschland« gehört – und es klang nicht gerade freundlich.

Bald lag ich im Bett und weinte bitterlich. Weil ich einsam und übermüdet war? Weil mich die Tante Else schroff behandelt und mir einen heftigen Schrecken versetzt hatte? Gewiß, aber noch mehr fürchtete ich ein großes Ölgemälde, das über meinem Bett hing. Unheimlich kam es mir vor und schauderhaft. Es war die Kopie eines in jenen Jahren so geschätzten wie beliebten Bildes: Arnold Böcklins »Triton und Nereide«.

Am nächsten Morgen frühstückte ich zusammen mit meinen beiden Vettern und der Cousine. Dann machten wir, von einem dürren Kinderfräulein angeführt, einen Spaziergang. Es ging in den Tiergarten, doch vorher konnten wir auf Stufen herumspringen und, um eine schöne Säule rennend, einander jagen. Es handelte sich um die Stufen des Reichstags und um die damals vor dem Reichstag stehende Siegessäule. So sahen meine frühesten Kontakte mit dem Preußischen aus. Noch konnte ich nicht ahnen, daß Preußisches mich mein ganzes Leben hindurch zwar nicht gerade prägen, aber doch begleiten sollte: Kleist vor allem und Fontane und auch Schinkel.

Vorerst blieb ich nicht lange in Berlin, denn bald ging es mit der ganzen Familie in die Ferien – nach Westerland. Mit uns fuhren das Kinderfräulein, die Köchin, das Zimmermädchen und, versteht sich, die beiden Reitpferde. Mitgenommen wurden viele, viele Koffer, Schrankkoffer zumal. Für mich war der Aufenthalt auf Sylt sehr nützlich. Denn als wenige Monate später meine Mutter nach Berlin kam und mich polnisch ansprach, antwortete ich ihr deutsch. Ich konnte nach kurzer Zeit schon viel besser deutsch als polnisch. Aber sie fand meine Sprachkenntnisse dennoch ungenügend – und sie hatte recht. Ich mußte ihr täglich mindestens eine halbe Stunde vorlesen, leider aus einem Buch, das mir jemand geschenkt hatte, dem ich aber nichts abgewinnen konnte. Es war ein damals populäres Reisebuch, »Ein Bummel um die Welt«, des Berliner Journalisten Richard Katz.

Ich habe also laut gelesen und leise gelitten, dann aber immer kräftiger gestöhnt und geschimpft. Meine Mutter versuchte mich zu beruhigen: »Warte, warte, es wird noch der Tag kommen, da wirst du gern und freiwillig deutsche Bücher lesen.« Ich schrie: »Nein, niemals!« Wie man sieht, habe ich mich damals doch geirrt. Denn wenn man es recht bedenkt, habe ich den weitaus größten Teil meines Lebens damit verbracht, deutsche Bücher zu lesen, allerdings nicht immer freiwillig. Aber vielleicht ist dieser Richard Katz schuld daran, daß ich mich später, von seltenen Ausnah-men abgesehen, nie sonderlich für Reisebücher erwärmen konnte.

Der Onkel, das Oberhaupt der Familie, hatte uns in der armseligen Wohnung meines Großvaters, des längst emeritierten Rabbiners Mannheim Auerbach, untergebracht – unweit des Bahnhofs Charlottenburg. Schon nach zwei oder drei Wochen in der neuen Umgebung – man schrieb immer noch das Jahr 1929 – wurde ich eingeschult. Während die Kinder von Onkel Jacob und Tante Else nicht etwa eine Volksschule besuchten, sondern, wie in vornehmen Familien üblich, von einem ins Haus kommenden Privatlehrer unterrichtet wurden, konnte davon in meinem Fall nicht die Rede sein – aus finanziellen Gründen. Als meine Mutter mich an meinem ersten Berliner Schultag abholte, sah sie Tränen in meinen Augen. Nein, man hatte mir in der Volksschule in Berlin-Charlottenburg, Witzlebenstraße, nichts angetan. Nur war ich Zeuge eines kleinen, mir bisher unbekannten Vorfalls gewesen.

Ein Schüler, der etwas ausgefressen hatte, wurde von unserem Lehrer, Herrn Wolf, nach vorne gerufen. Sogleich war ein kurzes Kommando zu hören: »Bück dich!« Der kleine Missetäter befolgte es gehorsam und ruckartig – und bekam mit einem Rohrstock, der zu diesem Zweck in der Ecke des Klassenzimmers gestanden hatte, einige kräftige Hiebe. Dann durfte das weinende Kind auf seinen Platz zurückkehren. Es war, wie ich mich später überzeugen konnte, ein ganz alltäglicher Vorfall: Niemand in der Klasse war verwundert oder gar erschrocken – bloß ich, der Fremdling. Denn in Polen hatte ich derartiges noch nie erlebt.

Mit der Übersiedlung nach Berlin begann ein neuer Abschnitt meines Lebens, wohl der entscheidende. Über der unsichtbaren Pforte zu diesem Kapitel gab es also drei Inschriften, drei Losungen: Fräulein Lauras so sehnsüchtige wie freundliche Vision vom Land der Kultur, Tante Elses strenge Mahnung zur deutschen Ordnung und die Züchtigung, die der Lehrer Wolf sachlich und energisch vorgenommen hatte. Recht so, Zucht und Ordnung mußten sein. Doch wie war das möglich: Im Land der Kultur wurden Kinder von ihren Erziehern mit einem Rohrstock geprügelt. Da konnte etwas nicht stimmen.

Nein, ich habe diesen Widerspruch damals natürlich nicht verstanden, nicht einmal geahnt. Nur habe ich an meinem ersten Schultag in Deutschland gleich etwas zu spüren bekommen, was ich nie ganz überwinden konnte, was mich ein Leben lang begleitete. Begleitete? Nein, sagen wir lieber: begleitet. Ich meine die Angst – vor dem deutschen Rohrstock, dem deutschen Konzentrationslager, der deutschen Gaskammer, kurz: vor der deutschen Barbarei. Und die deutsche Kultur, die mir das Fräulein Laura so nachdrücklich und schwärmerisch angekündigt hatte? Auch sie ließ nicht lange auf sich warten. Ziemlich schnell geriet ich in den Bann der deutschen Literatur, der deutschen Musik. Zu der Angst kam also das Glück hinzu – zur Angst vor dem Deutschen das Glück, das ich dem Deutschen verdankte. Auch hier ist das Präsens durchaus angebracht, also: verdanke, immer noch verdanke.

In der Charlottenburger Volksschule erging es mir nicht so schlecht: Ich wurde weder geprügelt noch schikaniert. Aber ganz einfach war es nun doch nicht. Indes haben mir nicht die Lehrer den Alltag erschwert, sondern die Mitschüler. Sie sahen in mir – und verwunderlich war das nicht – den Ausländer, den Fremden. Ich war etwas anders gekleidet, ich kannte ihre Spiele und Scherze nicht, noch nicht. Also war ich isoliert. Schlichter ausgedrückt: Ich gehörte nicht dazu.

Alles in dieser Schule war mir neu, auch der simple Umstand, daß in der ersten Deutschstunde von einem der Jungen – es war der Vertrauensmann der Klasse – auf Weisung des Lehrers einem an der Wand hängenden Schrank eine größere Zahl von Büchern entnommen und verteilt wurde. Jeder Schüler erhielt ein Exemplar, aus dem er dann etwa eine halbe Seite vorlesen mußte. Ich schaffte das einigermaßen, aber das Buch begeisterte mich nicht, mit dem Autor konnte ich nicht viel anfangen – und kann es bis heute nicht. Es handelte sich um Peter Roseggers »Als ich noch der Waldbauernbub war«. Böcklin und Rosegger – so gut meinte es das Leben mit mir nun doch nicht.

Im Frühjahr 1930 sollte ich ins Gymnasium, und zwar ins Werner von Siemens-Realgymnasium in Berlin-Schöneberg. Denn wir wohnten inzwischen in diesem Stadtteil, nicht weit vom Bayerischen Platz. Da ich in der Volksschule nur vier Monate gewesen war, gehörte ich zu jenen Schülern, die eine Aufnahmeprüfung bestehen mußten: Deutsch und Rechnen, erst eine schriftliche und dann eine mündliche Prüfung. Um elf Uhr sollte mich meine Mutter abholen. Aber ich wartete schon ab zehn Uhr vor dem Schulgebäude in der Hohenstaufenstraße, geduldig und in bester Laune. Denn ich hatte die schriftliche Prüfung so gut bestanden, daß ich von der mündlichen befreit worden war. Meine Mutter war stolz auf mich.

Die großzügige Belohnung ließ nicht auf sich warten: Erst bekam ich in der gegenüberliegenden Konditorei einen Kuchen und überdies durfte ich mit meinem Vater in einen Zirkus gehen – es war der berühmte Zirkus Sarrasani, der gerade in Berlin gastierte, ich glaube, auf dem Tempelhofer Feld. Es hat mir schon gefallen, aber das nächste Mal war ich in einem Zirkus erst wieder ein Vierteljahrhundert später – im Sowjetischen Staatszirkus, der 1955 in Warschau auftrat. Diesmal wollte ich meinem damals sechsjährigen Sohn eine Freude bereiten.

Weder 1930 noch 1955 konnte ich allerdings voraussehen, daß ich einst dem Zirkus einen ungewöhnlichen Erfolg verdanken sollte. Im September 1968 brachte der »Spiegel« eine Rezension des Films »Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos«. In diesem Film von Alexander Kluge hätte ich, konnte man lesen, den Direktor des sowjetischen Staats-zirkus »sehr überzeugend« verkörpert. Ich war glücklich, denn selten geschieht es, daß ein Anfänger der Schauspielkunst von der »Spiegel«-Kritik so vorbehaltlos gelobt wird. Allerdings wußte ich gar nicht, daß ich je jemanden verkörpert hatte, weder auf der Leinwand noch sonstwo. Erfreulicherweise konnte man aber gleich erfahren, wie es zu der schauspielerischen Leistung gekommen war: Kluge hatte im Frühjahr 1968 eine Schriftsteller-Tagung (nämlich der »Gruppe 47« in dem Gasthof »Pulvermühle« im Frankenland) gefilmt und diese Aufnahmen für sein damals vieldiskutiertes Werk »Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos« verwendet: Den Ton weglassend, hatte er die Tagung der »Gruppe 47« als einen Kongreß von Zirkusdirektoren ausgegeben. In späteren Jahren hat man mir mitunter tatsächlich kleine Filmrollen angeboten. Offenbar versprach man sich davon einen besonderen Jux, denn meist sollte ich einen Kritiker spielen. Ich habe diese Angebote stets abgelehnt, bisweilen mit der aufrichtigen Begründung, daß es mir ohnehin Mühe genug bereite, im Leben, im literarischen, versteht sich, einen Kritiker wirklich »überzeugend« zu mimen.

Meine Gymnasialzeit begann mit einer geringfügigen Unannehmlichkeit, die ich, obwohl sie kaum erwähnenswert ist, bis heute nicht vergessen habe. In der ersten Unterrichtsstunde wurden wir Sextaner alle in alphabetischer Reihenfolge aufgerufen: Jeder sollte sein Geburtsdatum und seinen Geburtsort nennen. Alles lief reibungslos ab – bis ich an der Reihe war. Das Datum akzeptierte der Lehrer, ohne sich zu wundern, aber der Ort, den ich nannte, belustigte ihn. Da gab es also in der Klasse einen Schüler, der in einer irgendwo gelegenen, einer fernen, schlimmer noch, in einer unaussprechbaren Stadt geboren war. Der Lehrer versuchte diesen sonderbaren Stadtnamen »Wloclawek« allen Schwierigkeiten zum Trotz doch auszusprechen. Die ganze Klasse lachte schallend – und je lauter sie lachte, desto mehr bemühte er sich, sie mit neuen Fassungen zu amüsieren: von »Lutzlawiek« bis »Wutzlawatzek«.

Wie beneidete ich damals meine Mitschüler, die in Berlin geboren waren, in Breslau oder in Eberswalde. Ich ballte meine Faust, wenn auch in der Hosentasche – und ich sagte etwas Freches. Dafür bekam ich eine kräftige Ohrfeige. Ja, in preußischen Gymnasien wurde man vom Lehrer geohrfeigt, nicht nur in der Sexta, sondern mit Sicherheit auch noch in der Quinta. Nach dieser Ohrfeige, die meine Mitschüler als ganz normal, vielleicht sogar als gerecht empfanden, schwor ich Rache. Ich wußte ja: Wollte ich integriert und sogar geachtet werden, mußte ich mich durch Leistungen im Unterricht auszeichnen. Das war nicht so einfach: Denn ich war bis dahin ein nur mittelmäßiger Schüler.

Aber ich wurde nun – und dabei mag Trotz eine gewisse Rolle gespielt haben – der Beste in einem Fach, das zunächst Rechnen und wenig später Mathematik hieß. Vielleicht hat diese Zeit doch Spuren hinterlassen. Denn mein Sohn wurde Mathematiker und ein sehr guter überdies. Er ist Professor an der University of Edinburgh, und seine Werke erscheinen in den vorzüglichsten internationalen Verlagen. Sie wurden auch mehrfach preisgekrönt. Aber leider bin ich nicht imstande, sie zu lesen, geschweige denn zu verstehen.

Lange dauerte meine Liebe zur Mathematik nicht. Als ich dreizehn oder vierzehn Jahre alt war, vernachlässigte ich das Fach und die meisten anderen ebenfalls. Ein anderes Fach, ein einziges, hatte es mir inzwischen angetan – ein Fach übrigens, das mir für die Rache an jenen Mitschülern, die mich verspotteten, noch viel besser geeignet schien als die Mathematik. Ja, ich rächte mich, ich wurde nun und blieb bis zum Abitur der beste Deutschschüler der Klasse. Aus Trotz? Das mag zutreffen, aber so ganz richtig ist es natürlich nicht.

Da gab es noch einen anderen Faktor, da hat noch ein anderes Motiv mitgewirkt – und es läßt sich kaum überschätzen: Das Lesen von Geschichten, von Romanen und sehr bald auch von Theaterstücken machte mir immer mehr Spaß. Und ehe ich mich’s versah, da war’s um mich geschehn. Ich war glücklich – wohl zum ersten Mal in meinem Leben. Ein extremes, ein unheimliches Gefühl hatte mich befallen und überwältigt. Ich war verliebt. Halb zog sie mich, halb sank ich hin – ich war verliebt in sie, die Literatur.

Herr Kästner, seelisch verwendbar

Zunächst las ich, den meist nur beiläufigen Hinweisen und gelegentlichen Ratschlägen unserer Lehrer folgend, die gleichen Bücher wie meine Mitschüler. Auch ich hatte, schon sehr früh, eine Zeit, in der mich populäre historische Romane interessierten – der Bestseller »Ben Hur« des Amerikaners Wallace also und »Quo Vadis« des polnischen Nobelpreisträgers Henryk Sienkiewicz, »Der Löwe von Flandern« des Flamen Conscience und »Die letzten Tage von Pompeji« des Engländers Bulwer-Lytton.

Ferner las ich, respektvoll und doch ein wenig gelangweilt, Coopers »Lederstrumpf«-Romane. Eine Weile lang regten auch mich die Bücher jenes deutschen Autors auf, der sich nicht genierte, die billigsten Mittel zu verwenden, der vor keinen Primitivismen, vor keinen Sentimentalitäten zurückschreckte und der dennoch ein beachtlicher, ein erstaunlicher Erzähler war – ich meine Karl May.

Allerdings wollte ich nach der Lektüre einiger dieser grünen Bände nichts mehr von ihm wissen – vielleicht deshalb, weil sein Held, Old Shatterhand, mir doch zu stark und mutig war und überdies auf gar zu vorbildliche Weise selbstlos. Mehr noch: Er war, was uns Berliner Schülern besonders verächtlich vorkam – ein unerträglicher Wichtigtuer, ein ganz großer Angeber.

»Und es mag am deutschen Wesen / Einmal noch die Welt genesen« – diese Verse des inzwischen vergessenen Emanuel Geibel kannte ich damals bestimmt nicht. Aber es ging mir schon auf die Nerven, daß es immer ein Deutscher war, der in Karl Mays Romanen die Bedrängten heldenhaft rettete und die Bösewichter behandelte, wie sie es verdienten, der für Ordnung und Gerechtigkeit sorgte – wenn nicht mit der bloßen, mit der eisernen Faust, dann doch mit einer ungewöhnlichen Waffe, einer wahren Wunderwaffe.

Im Januar 1967 diskutierte ich in Tübingen mit dem al-ten Ernst Bloch – es war eine Aufzeichnung für den Rundfunk – über allerlei, und bald kam Bloch, wie nicht anders zu erwarten war, auf den von ihm bewunderten Karl May zu sprechen. Er sei einer der spannendsten und farbigsten Erzähler der deutschen Literatur. Ich erlaubte mir, vorsichtig zu protestieren und vor allem den doch dürftigen Stil des »Winnetou«-Autors zu beanstanden. Bloch war da anderer Ansicht: Hier sei, meinte er, die Sprache des Erzählers seinem Stoff, seinen Figuren und Motiven vollkommen angemessen. Das aber schien mir eine nicht unbedingt lobende, eine etwas zweideutige Äußerung – und ich widersprach nicht mehr.

Auch die als besonders empfehlenswert geltenden deutschen historischen Romane aus dem neunzehnten Jahr-hundert zeichneten sich durch eine auffallend patriotische Tendenz aus – so Scheffels melodramatischer »Ekkehard«, so die wackeren, die bemühten »Ahnen« Gustav Freytags oder der Roman »Ein Kampf um Rom« von Felix Dahn, ein mit Kontrasteffekten glänzend operierendes Riesenfresko, dessen Figuren sich mir, gewiß nicht zufällig, am stärksten eingeprägt haben. Doch nicht der tollkühne, der stets an der Spitze seines Heeres heroisch kämpfende Belisar beeindruckte mich in Dahns Roman, sondern der körperlich schwache und gelähmte, der meist in einer Sänfte getragene Feldherr Narses, ein Stratege, der allen anderen hoch überlegen ist.

Aber ich habe alle diese Bücher mit gemischten Gefühlen gelesen, jedenfalls ohne Enthusiasmus. Die Welt der Recken und Ritter, der Helden und Haudegen, der so mächtigen Könige und der so mutigen Kämpfer von meist eher schlichter Geistesart – diese Welt war die meinige nicht. Ein ganz anderes Buch hatte mich damals begeistert: Erich Kästners »Emil und die Detektive«, ein »Roman für Kinder«.

Zu seinen Lebzeiten schrieb ich mehr als einmal und wohl etwas trotzig, Kästner, dieser Sänger der kleinen Freiheit, dieser Dichter der kleinen Leute, gehöre zu den Klassikern der deutschen Literatur unseres Jahrhunderts. Habe ich zu dick aufgetragen? Ich weiß schon: Seine Romane, auch der wichtigste, »Fabian«, sind längst verblaßt, wenn nicht vergessen. Für die Bühne ist ihm nichts geglückt. Seine Aufsätze waren meist nützlich, aber es sind nur Gelegenheitsarbeiten ohne sonderliche Bedeutung. Was bleibt? Mit Sicherheit gar nicht so wenige seiner Gedichte und vielleicht noch das eine oder andere von seinen Büchern für Kinder.

Emil Tischbein und sein Freund Gustav mit der Hupe – sie standen mir ungleich näher als der rote Gentleman Winnetou und der edle Schläger Old Shatterhand, als die um Rom kämpfenden Feldherrn Cethegus, Narses und Belisar. Diese Geschichte von den Berliner Kindern, denen es gelingt, den Dieb zu fassen, den Bösewicht, der den Emil in der Eisenbahn bestohlen hat, die ähnlich wie Old Shatterhand dafür sorgen, daß die Gerechtigkeit ihren Lauf nehmen kann und daß die Ordnung wiederhergestellt wird – sie ist nicht ganz frei vom Rührseligen, wohl aber, anders als bei Karl May, frei vom Exotischen, vom Pathetischen und vom Bombastischen. Was Kästner erzählte, spielte sich nicht in fernen Zeiten und Ländern ab, es passierte hier und heute: auf Berliner Straßen und Höfen, also dort, wo wir uns auskannten. Die Personen, die hier auftraten, sprachen wie wir alle, die wir in der Großstadt aufwuchsen. Das ist es: Die Glaubwürdigkeit dieses Buches und somit auch sein Erfolg beruhten vor allem auf der Authentizität der Alltagssprache.

Die etwas später geschriebenen Kinderromane von Kästner, vor allem »Pünktchen und Anton«, haben mir auch gefallen, ohne mich ebenso stark zu beeindrucken. Sein Name freilich war bald nicht mehr zu hören. Als seine Bücher am 10. Mai 1933 auf dem Platz vor der Berliner Staatsoper verbrannt wurden, stand er inmitten der vielen Menschen, die Zeuge des in der Neuzeit einzigartigen Schauspiels sein wollten. Gleichwohl blieb er in Deutschland. Wenn aber in manchen Nachschlagebüchern der deutschen Exilliteratur Kästner als Emigrant angeführt wird, so hat dies, obwohl falsch, dennoch seine Ordnung: In der Zeit von 1933 bis 1945 hatte er, der Mann zwischen den Stühlen, sich klar entschieden. Nicht er war emigriert, doch waren es seine Bücher – sie konnten damals nur in der Schweiz erscheinen. Erich Kästner war Deutschlands Exilschriftsteller honoris causa.

So kamen mir seine Schriften in jenen Jahren nur selten in die Hände. Es gab sie nun weder in den Stadtbibliotheken noch in den Buchhandlungen; freilich konnte man sie in manchen Antiquariaten für ein paar Pfennige erstehen: Die jetzt unwillkommenen Titel wurden unter der Hand verramscht. Doch las ich Kästner nicht mehr, ich war ihm, glaubte ich, mittlerweile entwachsen, auch seinen Gedichten. Vergessen konnte ich ihn allerdings nicht.

Daß die Zeit meiner Zuneigung im Grunde nichts anhaben konnte, zeigte sich überraschend einige Jahre später – im Warschauer Getto. Ich hatte einen Bekannten besucht, von dem ich irgend etwas brauchte. Bei ihm fand ich, womit ich nicht gerechnet hatte: deutsche Bücher. Plötzlich fiel mir ein kleiner, schmucker Band auf: »Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke«, 1936 in Zürich veröffentlicht. Sofort las ich das Gedicht, das die Sammlung eröffnet: das »Eisenbahngleichnis«. Es beginnt: »Wir sitzen alle im gleichen Zug / und reisen quer durch die Zeit.« Und es endet: »Wir sitzen alle im gleichen Zug. / Und viele im falschen Coupé.«

Ich wollte dieses Buch unbedingt haben, ich hätte es mir sofort gekauft, wenn dies nur möglich gewesen wäre. Nein, erwerben konnte ich den Band nicht, er ließ sich auch in keinem Antiquariat im Getto finden. Immerhin bekam ich ihn geliehen – für eine begrenzte Zeit, versteht sich. Ein Mädchen, das Teofila hieß, aber Tosia genannt wurde und von dem hier noch mehr als einmal die Rede sein wird – Tosia also hat Kästners »Lyrische Hausapotheke« für mich von Hand kopiert. Sie hat die Gedichte auch illustriert und schließlich die Blätter sorgfältig geheftet. Das so entstan-dene Buch erhielt ich zu meinem einundzwanzigsten Geburtstag – am 2. Juni 1941 im Warschauer Getto. War mir je ein schöneres Geschenk zugedacht worden? Ich bin nicht sicher. Doch nie habe ich eins bekommen, auf das mehr Mühe verwendet wurde – und mehr Liebe.

Da saßen wir also zusammen, Tosia und ich, und lang-sam und nachdenklich lasen wir in dunkler Nacht und bei kümmerlicher Beleuchtung diese deutschen Verse, die sie für mich abgeschrieben hatte. Von einem nahe gelegenen Gettoeingang hörten wir ab und zu deutsche Schüsse und jüdische Schreie. Wir zuckten zusammen, wir zitterten. Aber in jener Nacht lasen wir weiter – die »Lyrische Hausapotheke«. Uns, die wir die Liebe noch nicht lange kannten, entzückte die etwas wehmütige, die dennoch wunderbare »Sachliche Romanze«.Wir lasen also von den beiden, denen die Liebe nach acht Jahren plötzlich abhanden gekommen war »wie andern Leuten ein Stock oder Hut« und die das einfach nicht fassen konnten. Wir dachten an unsere gemeinsame Zukunft, die es, davon waren wir überzeugt, gar nicht geben konnte – es sei denn, vielleicht, in einem Konzentrationslager. Wir lasen die irritierenden Fragen »Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn?« und »Wo bleibt das Positive, Herr Kästner?« Wir lächelten über die Charakteristik des Strebers (»Die Ahnen kletterten im Urwald. / Er ist der Affe im Kulturwald«). Wir erschraken vor der Mahnung: »Nie dürft ihr so tief sinken, / von dem Kakao, durch den man euch zieht, / auch noch zu trinken.« Mitten in unsere jämmerliche Existenz trafen uns die zwei Verse mit dem Titel »Moral«, diese acht Worte: »Es gibt nichts Gutes, / außer: man tut es!«

Ich weiß schon: Zur großen deutschen Poesie kann man Kästners Gebrauchslyrik mit Sicherheit nicht zählen. Gleichwohl haben mich seine intelligenten, seine kessen und doch etwas sentimentalen Gedichte damals gerührt und ergriffen, sie haben mich begeistert. Was sich täglich abspielte, konnte nicht ohne Einfluß auf meine Lektüre bleiben. Inmitten des Elends im Warschauer Getto, in einer Zeit also, da ich täglich mit dem Tod rechnen mußte, fiel es mir schwer, Romane, ja, sogar Erzählungen zu lesen.

Ich habe während der ganzen deutschen Okkupation Polens, also in einem Zeitraum von fünf Jahren, keinen einzigen Roman gelesen, nicht einmal jenen, dem im Getto ein unerwarteter Erfolg zuteil wurde, der von Hand zu Hand ging. Ich meine Franz Werfels »Die vierzig Tage des Musa Dagh«, die Geschichte der Verfolgung und Ermordung der Armenier während des Ersten Weltkriegs. In ihrem Schicksal glaubten viele jüdische Leser Parallelen zur eigenen Situation erkennen zu können.

Wohl aber las ich Gedichte, am häufigsten Goethe und Heine. Dem Alltag zum Trotz interessierten sie mich immer noch und immer wieder. Allerdings wurden mir damals manche Dichter, die ohnehin nicht zu meinen Lieblingsautoren gehörten, fremd, wenn nicht gar unerträglich. Das gilt für die Poeten mit dem priesterlichen Gestus, für die Propheten, die Raunenden, für die »Hüter des heiligen Feuers« – für Hölderlin also, teilweise für Rilke und ganz gewiß für Stefan George. Ihre Orakelsprüche gingen mir jetzt auf die Nerven, ihre bisweilen herrliche Wortmusik büßte ihren Zauber ein – freilich nicht für immer, wie sich viel später erweisen sollte.

Es ist im Grunde unmöglich, Kästner in einem Atemzug mit Rilke und George zu nennen oder gar mit Hölderlin. Aber in manchen Situationen des Lebens hat man keine Geduld für Bruckners Symphonien, wohl aber eine Schwäche für Gershwin. So standen mir damals eine Weile lang die Skepsis und der Humor von Erich Kästners ganz und gar unfeierlicher Großstadtlyrik ungleich näher als die erhabene Poesie der Seher.

Aber da gab es noch einen ganz anderen Umstand, über den ich mir im Warschauer Getto nicht viele Gedanken machte. Die »Lyrische Hausapotheke« erinnerte mich an den Geist und das Klima jener Kultur der Weimarer Republik, die mich (das oft mißbrauchte Wort ist hier am Platze) fasziniert und beglückt hatte – in den letzten Jahren vor Hitler, obwohl ich noch ein Kind war, und in den ersten Jahren nach ihrem Zusammenbruch, da ich mich von den Büchern und Schallplatten, den Zeitschriften und Programmheften aus den zwanziger Jahren kaum losreißen konnte. Natürlich war es ein Zufall, daß ich 1941 gerade die Gedichte von Kästner gefunden habe. Es hätten auch Verse von Brecht sein können oder Feuilletons von Tucholsky, auch Reportagen von Joseph Roth oder Egon Erwin Kisch, Rezensionen von Alfred Kerr oder Alfred Polgar, die Songs aus der »Dreigroschenoper« und aus »Mahagonny« oder die Lieder aus dem »Blauen Engel«, die Stimmen von Marlene Dietrich, von Lotte Lenya oder Ernst Busch, von Fritzi Massary und Richard Tauber, die Zeichnungen von George Grosz oder die Fotomontagen von John Heartfield. Das alles vergegenwärtigte die Welt, die mich in den frühen Jahren prägte und die ich noch unlängst als die meinige empfand, die ich geliebt hatte und aus der ich verjagt und vertrieben worden war.

Daß ich Kästner je kennenlernen würde, auf diese Idee bin ich nicht gekommen. Abgesehen davon, daß meine Chancen, den Krieg zu überleben, mikroskopisch klein waren, würde ich jemandem, der mir ein Treffen mit Kästner vorausgesagt hätte, wohl geantwortet haben, das sei so absurd wie der Gedanke an ein Treffen mit Wilhelm Busch oder mit Christian Morgenstern. Doch im Herbst 1957 besuchte ich, immer noch in Polen lebend, die Bundesrepublik. Die Reise begann in Hamburg und führte mich über Köln und Frankfurt nach München. Ich bemühte mich gleich um Kästners Telefonnummer. Das war gar nicht einfach, aber schließlich bekam ich sie. Als Kästner hörte, daß ich ein Kritiker aus Warschau sei – solche Gäste gab es damals in München selten –, leistete er keinen Widerstand: Er schlug ein Treffen im Café Leopold in Schwabing vor.

Er war wieder populär, wie einst, unmittelbar vor 1933. Er wurde geschätzt, wenn auch immer noch, glaube ich, unterschätzt. Gerade war ihm der Büchner-Preis verliehen worden. Eine siebenbändige Ausgabe seiner »Gesammelten Schriften« wurde vorbereitet. Freilich machte er den Eindruck weniger eines würdigen als vielmehr eines höchst liebenswürdigen Menschen, schlank und charmant, flott und elegant. Wenn man bedachte, daß er 58 Jahre alt war, wirkte er erstaunlich jung.

Nachdem Kästner meine Fragen höflich beantwortet hatte, wollte er wissen, wie es mir im Krieg ergangen war. So knapp wie möglich berichtete ich ihm vom Warschauer Getto und kam gleich auf seine Gedichte zu sprechen. Ich zeigte ihm das handgeschriebene, das zufällig erhalten gebliebene und nun schon ziemlich ramponierte Exemplar seiner »Lyrischen Hausapotheke«. Er war überrascht und wurde schweigsam. Allerlei habe er sich vorstellen können, nicht aber, daß im Warschauer Getto seine Verse gelesen wurden, ja, daß man sie sogar von Hand kopierte – wie man im Mittelalter literarische Texte abgeschrieben hatte. Er war gerührt. Ich glaube, der smarte Poet hatte Tränen in den Augen.

Erst im Herbst 1963 sah ich ihn wieder: Wir waren Mitglieder der Jury eines »Deutschen Erzählerpreises«, den der »Stern« gestiftet hatte. Die Jurysitzungen fanden im Schloßhotel Kronberg bei Frankfurt statt. Als er ankam, stand ich zufällig an der Rezeption. Er begrüßte mich freundlich und rasch, wandte sich aber sofort ab, um einen doppelten Whisky zu ordern. Er wartete ungeduldig. Erst nachdem er ihn getrunken hatte, war er bereit, die Hotelanmeldung auszufüllen. Auch während der Jurysitzungen, die er meist aufmerksam verfolgte, ohne viel zu reden, trank er in regelmäßigen Abständen Alkohol.

Zum dritten und letzten Mal traf ich Kästner Ende Januar 1969. Der Norddeutsche Rundfunk hatte mich gebeten, ihn aus Anlaß seines siebzigsten Geburtstags für das Fernsehen zu interviewen. Die Aufzeichnung des Gesprächs wurde in einem Lokal gemacht, zu dessen Stammgästen er in seiner Berliner Zeit gehört hatte und auf das er bei verschiedenen Gelegenheiten gern zu sprechen kam – im Restaurant Mampe am Kurfürstendamm, zwischen der Joachimsthaler Straße und der Gedächtniskirche. Damals sah dieses Lokal noch aus wie vor dem Krieg. Kästner kam pünktlich und, so schien es mir jedenfalls, flott wie immer. Er sah recht gut aus, man konnte ihn für einen Sechzig-jährigen halten. Doch in Wirklichkeit war sein Zustand traurig und bedauernswert. Schon im Vorgespräch fiel es ihm schwer, sich zu konzentrieren, seine Antworten waren nichtssagend und etwas wirr. Ich bekam fast nur klischeehafte Wendungen zu hören, ich war erschüttert. Wahrscheinlich fürchtete ich das uns bevorstehende Fernsehgespräch noch mehr als er.

Ich versuchte, ihn auf alle Fragen, die ich ihm stellen wollte, vorzubereiten. Doch die meisten dieser ganz einfachen Fragen kamen ihm zu schwierig vor, zu ihnen, sagte er wiederholt, würde ihm doch nichts einfallen. Er tat mir leid in seiner kaum getarnten Ratlosigkeit. Ich wollte ihm helfen, ihm soweit wie möglich die Situation erleichtern. Auch die Leute vom Norddeutschen Rundfunk waren sehr geduldig – vielleicht deshalb, weil sie alle, wie sich bald herausstellte, »Emil und die Detektive« gelesen hatten. Die Phrasen, die Kästner schließlich ins Mikrophon stotterte, ließen gleich erkennen, daß sein Gedächtnis kaum noch funktionierte. Wir konnten nichts anderes tun, als alles aufzuzeichnen. Insgesamt waren es etwa vierzehn Minuten. Davon ließen sich letztlich nicht mehr als zwei oder drei Minuten senden – und auch diese waren kümmerlich. Nachdem er die ganze Zeit über Alkohol getrunken hatte, war er nun vollkommen erschöpft. Was er lallte, konnten wir nicht verstehen. Dann bemühte er sich aufzustehen. Man mußte ihn stützen. Die Kellner sahen schweigend zu. Wir brachten ihn ins Taxi. Als ich ihm zum Abschied die Hand drückte, versuchte er zu lächeln.

Einige Tage später erhielt ich von Kästner einen Brief: In dem Umschlag fand sich der Faksimile-Druck eines neuen, eines harmlosen Gelegenheitsgedichts, betitelt »An die Gratulanten«. Es endet mit den Versen: »Bin gerührt und trotzdem heiter. / Danke sehr. Und mache weiter.« Offenbar wollte er noch ein persönliches Wort hinzufügen, und so schrieb er unter dieses Gedicht: »Lieber Fachmann, ›Mampe‹ ist ein nettes Lokal, und wir sind reizende Leute. Ihr Kästner.«

Am 29. Juli 1974 – inzwischen war ich in der Redaktion der »Frankfurter Allgemeinen« für Literatur zuständig – brachte mir der nicht mehr junge Bürobote eine Meldung der Deutschen Presseagentur, die er resigniert auf den Tisch legte – mit dem üblichen Kommentar: »Da haben Sie wieder eine Leiche.« Ich las rasch, der deutsche Dichter Erich Kästner sei in einem Münchner Krankenhaus gestorben. Wie immer in solchen Fällen, sah ich erst einmal auf die Uhr: Ja, der Nachruf werde sich noch vor Redaktionsschluß schaffen lassen. Aber es mußte sehr schnell geschehen. Doch bevor ich damit anfing, rief ich jene an, die 1941 im Warschauer Getto seine Gedichte abgeschrieben hatte. Sie reagierte mit einem einzigen Wort: »Nein!« Dann war es ganz still. Wenn ich mich recht entsinne, waren meine Augen wieder einmal feucht – und die ihrigen wohl auch.

1998 erreichte uns, Tosia und mich, eine nicht alltägliche Bitte: Der Autor und Verleger Michael Krüger wünschte, daß wir zusammen einen Band mit der Lyrik Kästners herausgäben. Tosia sollte die Gedichte auswählen, und ich sollte das Nachwort schreiben. Wir erfüllten diesen Wunsch gern. Dem Buch haben wir, eine Formulierung Kästners aufgreifend, den Titel »Seelisch verwendbar« gegeben.

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