Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Ein Kriegskind, das in seiner Kindheit schreckliche, verwirrende und einsame Situationen erleben musste, führt einen Dialog mit seiner Tochter. Beide erkennen in ihrem Gespräch, dass die Mutter ihrer Tochter, der Kriegsenkelin, viele prägende und zerstörende Erlebnisse unbewusst weitergegeben hat. Kriegskind und Kriegsenkelin versuchen miteinander Fragen zu beantworten, wie: Gibt es Ähnlichkeiten hinsichtlich Lebenseinstellungen, Beziehungsmuster- und -verhalten? Der Auswahl der Lebenspartner und Freunde? Der Einstellung zur Sexualität? Oder auch zum Umgang mit den eigenen Kindern.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 108
Veröffentlichungsjahr: 2022
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Dr. phil. Ulrike Hannig, geboren am 26.02.1943, war in Hamburg 35 Jahre lang als tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapeutin in eigener Praxis tätig – mit Einzelsitzungen sowie Gruppenarbeit mit Tanz- und Theaterelementen.
Schwerpunkte ihrer Arbeit: Depressionen Ängste Essstörungen Persönlichkeitsstörungen Hochsensibilität Kriegskinder
Sie selbst ist ein Kriegskind. Sie ist Mutter von vier Kindern und Oma von elf Enkelkinder.
Weitere Veröffentlichung: „Übertragungsliebe und Abstinenz“, Asanger-Verlag, 2020
EINFÜHRUNG
KAPITEL 1: OKTOBER 2018, PRAXIS DR. ENDERS
KAPITEL 2: NOVEMBER 2018, PRAXIS DR. ENDERS
KAPITEL 3: DEZEMBER 2018, PRAXIS DR. ENDERS
KAPITEL 4: HELENES BRIEF
KAPITEL 5: MONIKAS GEDANKEN UND GEFÜHLE NACH DEM LESEN DES BRIEFES
KAPITEL 6: JANUAR 2019, PRAXIS DR. ENDERS
KAPITEL 7: DIALOG ZWISCHEN HELENE UND MONIKA
KAPITEL 8: PRAXIS DR. ENDERS – MONIKA
KAPITEL 9: PRAXIS DR. ENDERS – THEATERTHERAPIE
KAPITEL 10: PRAXIS DR. ENDERS – FALLDARSTELLUNG AUS DER THEATERTHERAPIE
KAPITEL 11: PRAXIS DR. ENDERS – ZUSAMMENFASSUNG UND ABSCHIED
NACHWORT
GLOSSAR
Literatur
In meinem ersten Buch „Übertragungsliebe und Abstinenz“ berichtete die Psychotherapeutin Monika F. von ihrer Liebesbeziehung zu einem narzisstisch gestörten Patienten und der Verletzung des Abstinenz-Gesetzes.
Ihr Versagen arbeitet sie in einer tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie auf. Nach einer Kurzzeittherapie verbringt sie sechs Monate im Ausland. Nach ihrer Rückkehr nimmt sie die Therapie wieder auf und beschäftigt sich als Kriegsenkelin intensiv mit der transgenerationalen Weitergabe von kriegstraumatischen Erfahrungen ihrer Eltern, den Kriegskindern.
Zentrum dieses Buches ist der persönliche und emotionale Brief ihrer Mutter an sie, in dem diese ihre Lebensgeschichte seit frühester Kindheit erzählt. Monika fragt sich beim Lesen, welche Erfahrungen von Gewalt, Trauma, Verlusten, Hunger, Bindungslosigkeit, Armut und Alleingelassen an sie weitergegeben wurden.
Die psychotherapeutische Arbeit verlief über zwölf Monate. Wobei in diesem Buch nur ausdrucksstarke und bedeutsame Sitzungen beschrieben werden.
In ihrer weiterführenden Psychotherapie, zum Schluss ergänzt durch eine Gruppenarbeit mit theater-therapeutischen Elementen, beschäftigt sie sich mit der Rekonstruktion der elterlichen und der eigenen Lebensgeschichte, der sekundären Traumatisierung durch direkte Einflussnahme und auch indirekt durch Übermittlung von bestimmten affektiv verankerten Wertvorstellungen und der Aufdeckung früher Ich-Mangelzustände. Und sie erkennt, dass u. a. das bisherige Schweigen in der Familie, bei Eltern und Großeltern, zu weiteren Reinszenierungen des Traumas führte. Die klinischen Phänomene, die ich beschreibe (Symptome, Gefühle, Gedanken, Verhalten) sind authentisch.
Die Daten, die beschriebenen Personen habe ich jedoch verschleiert, (zusammengesetzt aus verschiedenen Berichten, von Patienten, Kollegen und Bekannten), um ihre Anonymität zu bewahren.
Dr. Ulrike Hannig
Danke an meine Tochter Nele, die mich geduldig und kreativ unterstützt hat bei der Entwicklung und Umsetzung des Buches.
Gedanken Dr. Enders
„Wenige Minuten habe ich noch Zeit, bis mein nächster Patient kommt. Höre mir noch kurz die neuesten Nachrichten im Radio an. Nebenbei sortiere ich die Akten. Plötzlich höre ich einen Namen, der mir irgendwie bekannt vorkommt. Ich nehme vor Schreck nur Sprachfetzen wahr: …Leiche im Stadtpark gefunden, … wahrscheinlich erstochen. Mehrdad K. ...“
Mein Puls jagt. Ist das nicht der Stalker meiner Patientin Monika F. …? Wie schrecklich ist das! Wer tut denn sowas? Ist sie auch tot? Oder hat sie ihn etwa getötet? Im Internet versuche ich mehr zu erfahren über den Toten. Ja, es ist Mehrdad. Er ist erstochen worden. Liegt schon tagelang am Stadtparksee, verborgen zwischen Büschen. Es wird vermutet, dass er nicht vorher gefunden wurde, weil es in den letzten Tagen starken Regenfall und Sturm gab und kaum ein Mensch sich nach draußen gewagt hatte. So blieb die Leiche bisher unentdeckt, bis ein Hund ihn aufgestöbert hat. Die Polizei ermittelt und bittet die Bevölkerung um Mithilfe. Muss ich als Psychotherapeutin der Polizei mein Wissen über ihn und meine Patientin mitteilen? Ich bin unsicher, bin eigentlich zur Schweigepflicht verdonnert.“
Ich zögere. Bis zu meinem verabredeten Termin im November mit Monika werde ich warten.
Dr. Enders:
„Monika F. ist zurück aus Barcelona. Ich bin gespannt, was sie erzählt und ob sie Vieles aus unserer therapeutischen Arbeit vor einem halben Jahr umsetzen konnte.“
Es klingelt. Dr. Enders öffnet die Tür. Vor ihr steht Monika F., kaum zu erkennen. Leuchtende Augen, aufrechte Haltung, braungebrannt.
Monika:
„Ich bin so froh, dass ich wieder zu Ihnen kommen darf. Mir hatte die Kurzzeittherapie bei Ihnen so gutgetan. Ich habe mich in der Zwischenzeit mit dem Thema Kriegsenkel beschäftigt und möchte tiefer in diese Materie eintauchen. Vor allem habe ich aber intensiv weiter an den Themen gearbeitet, die wir vor 6 Monaten besprochen hatten. Mir ist so Vieles über meine Kindheit, meine Entwicklung und meine Stärken, aber vor allem über meine großen Lücken klargeworden. Ich ahne jetzt, warum ich die „Abstinenz“ verletzt habe. Ich schäme mich immer noch dafür. Aber das wird mir nie wieder passieren. Deshalb werde ich mit Freude ab Januar meine Psychotherapeutische Praxis wieder eröffnen.
In meiner psychoanalytischen Eigentherapie während des Studiums war ich wohl noch nicht bereit, meine eigenen kindlichen traumatischen Erfahrungen tiefer anzusehen. Wahrscheinlich musste ich erst den Schmerz und das Leid mit Max und dann mit Mehrdad erfahren, um den Mut zu haben dazu.
Dabei war es ein großes Geschenk, dass ich Ihnen begegnen konnte. Sie haben mit einem so großen Einfühlungsvermögen, aber auch mit Konfrontation an richtiger Stelle mit mir gearbeitet. Danke, danke!“
Dr. Enders:
„Ich freue mich auch, Sie zu sehen. Was wünschen Sie sich heute von mir?“
Monika:
„Ich würde die Therapie bei Ihnen gerne weiterführen. Einmal zur Stabilisierung, aber vor allem auch für das Thema Kriegsenkel.“
Dr. Enders:
„Wir hatten eine Kurzzeittherapie mit 25 Sitzungen durchgeführt und können jetzt eine Langzeittherapie beantragen Dazu werde ich ein Gutachten schreiben müssen. Dazu müsste ich wissen, was Ihnen in dem letzten halben Jahr geschehen ist.“
Monika:
„Ich habe regelmäßig all die Übungen, die ich bei Ihnen gelernt habe, durchgeführt. Am allerwichtigsten aber war für mich die tägliche Begegnung mit meinem „Inneren Kind“. Ich habe das Buch von Frau Stahl intensiv durchgearbeitet und bin jetzt in einem liebevollen Kontakt zu mir selbst. Mehr beschäftigt mich aber heute das Thema meiner Mutter „Kriegskind“ und die Folgen daraus für mich. Konnten Sie inzwischen den Brief meiner Mutter lesen?“
Dr. Enders:
„Ja, ich habe die Aufzeichnungen ihrer Mutter gelesen. War erschüttert und sehr berührt davon. Deshalb gebe ich Ihnen jetzt den Brief zurück, und wenn sie ihn durchgelesen haben, können wir gerne darüber sprechen und überlegen, was Sie vielleicht bewusst oder unbewusst an Einstellungen und Verhaltensmuster übernommen haben.''
Monika nimmt den Brief an sich
Dr. Enders:
„Wie sieht Ihr Leben heute aus seit der Rückkehr aus Barcelona? Wie und wo leben Sie heute? Getrennt vom Ehemann und den Söhnen? Ist Ihre Beziehung zu Tisco harmonisch und liebevoll?“
Monika:
„Von Max bin ich endgültig getrennt. Die Scheidung ist eingereicht. Für unsere Söhne haben wir das gemeinsame Sorgerecht. Wenn ich in die eigene Wohnung eingezogen sein werde, werden sie bei mir leben, aber auch regelmäßig ihren Vater sehen.
Die Beziehung zu Tisco hat leider nicht funktioniert. Wir sind kein Paar mehr. Leider war ich schon wieder auf einen narzisstischen Mann mit ausgeprägter Selbstbezogenheit und Bedürftigkeit hereingefallen. Aber dadurch habe ich viel über mich selbst und meine kindlichen Prägungen gelernt.“
Dr. Enders:
„Das tut mir sehr leid für Sie.
Sie, Monika, sind als Kriegsenkel zwar nicht wie ihre Eltern in Armut, Not, Unruhe, Verlusten und Angst großgeworden, aber sie haben mit Eltern gelebt, die vom Krieg erschüttert und traumatisiert worden sind. Ihre Eltern waren mit den eigenen seelischen und körperlichen Verletzungen beschäftigt, und konnten oft keinen Schutz für ihre Kinder übernehmen. Kriegsenkel haben meist ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse weggesteckt und wollten den Eltern nicht zur Last fallen. Sie können gut für andere, aber nicht für sich selbst sorgen. Erkennen Sie sich da wieder, Monika?
Angst, ohne zu wissen, warum, deutet auf eine Übernahme elterlicher oder großelterlicher Ängste hin.
Kriegsenkel spüren den Schrecken der Eltern und teilen ihn, ohne dass sie wissen, was den Schrecken ausgelöst hat.
Auch das extreme Leistungsstreben der Eltern wiegt oft schwer.“
Monika:
„Das alles wird für mich sicherlich ein schwieriges und schmerzhaftes Thema, wovor ich großen Respekt und Angst habe.
Erst einmal werde ich den Brief meiner Mutter lesen. Ich bin sehr gespannt und freue mich, wenn wir uns im Januar wieder treffen und alles besprechen können.“
Dr. Enders verfolgt die Nachrichten in den Zeitungen im Fernsehen, im Internet zum Leichenfund im Stadtpark. Fotos von M. werden veröffentlicht. Aufrufe mit den Fragen: „Wer kennt diesen Mann? Wer hat ihn zuletzt gesehen. Wo und mit wem?“
Beunruhigt fragt sie sich, ob sie die Polizei doch informieren soll und muss über ihr Wissen. Darf sie die Schweigepflicht brechen? Darf sie Monika verraten?
Sie fragt sich, ob sie tatsächlich Monika für die Täterin halten konnte. Sie ist sich unsicher. Hier ist ein Mord aufzuklären. Und viele Aspekte sprechen dafür, dass Monika sich schuldig gemacht haben könnte. Sie wurde bedroht von Mehrdad, er hat sie vergewaltigt, sie hatte Angst vor ihm, wurde von ihm verfolgt. Vielleicht hat sie nur in Notwehr und in ihrer Hilflosigkeit und Verzweiflung gehandelt. Oder hat um ihr eigenes Leben gekämpft.
Aber, wenn sie selbst nicht zur Polizei geht, bleibt der Verdacht in ihr bestehen, und sie kann bei dieser Unklarheit mit Monika nicht mehr therapeutisch arbeiten. Dafür würde das Vertrauen fehlen.
Sie entscheidet sich, bis zur verabredeten nächsten Therapiesitzung abzuwarten, welche Informationen weiterhin in den Medien erscheinen Dann will sie persönlich und intensiver mit Monika darüber reden und sie befragen.
Monika F. zu Hause
Während Frau Dr. Enders hin und her überlegt, sitzt Monika verzweifelt in ihrer Wohnung. Sie verfolgt die zahlreichen Informationen in den Medien über den Mord an Mehrdad.
Sie liest, dass sich schon viele Menschen bei der Polizei dazu gemeldet haben. Vor allem Spaziergänger aus dem Stadtpark.
Und dann bekommt sie einen Schreck: Einige erklären, dass sie das Opfer mit einer kleinen Frau zusammen gesehen hätten in der Nähe des Schwimmbads. Beide hätten miteinander gestritten, geschrien, aneinander gezerrt. Das wirkte aber nicht bedrohlich. Sie sahen einfach aus wie ein vertrautes und zankendes Ehepaar. Deshalb seien sie auch nicht eingeschritten. Bei der Polizei wurde ein Phantombild gezeichnet und veröffentlicht.
Monika bei der Polizei
Monika erkennt sich selbst.
Ein Spaziergänger meinte, einen dunkelhaarigen stämmigen Mann in der Nähe von M. gesehen zu haben. Beide Männer unterhielten sich laut.
Und eine Frau hatte einen großen schlanken blonden Mann gesehen, der das Opfer aus der Ferne beobachtet und verfolgt hatte.
Zwei Jugendliche berichteten von einer Frau mit einem Hund, die das streitende Paar aus der Ferne beobachtet hatte.
Monika ist fassungslos über all die verschiedenen Zeugen und entschließt sich, sich bei der Polizei zu melden. Sie fährt sofort mit dem Bus zur Polizei-Filiale Oberaltenaltenallee.
Bei der Polizei zeigt sie ihren Ausweis und stellt sich als ehemalige Psychotherapeutin von Mehrdad vor.
Sie bestätigt, dass sie sich mit dem Opfer im Stadtpark-Café getroffen hatte. Ja, sie hätten sich gestritten. Er konnte nicht akzeptieren, dass sie keinen Kontakt mehr haben wollte. Ja, er hätte an ihr herumgezerrt, hätte sie festgehalten. Und sie hätte sich gewehrt, losgerissen und sei dann gegangen. Zu dem Zeitpunkt lebte er noch.
„Und, was haben Sie dann gemacht?“, fragte der Polizeibeamte. Sie antwortete: „Ich bin nach Hause gegangen. Meine Wohnung ist ja nur zehn Minuten entfernt vom Stadtpark. Ich war sehr durcheinander, verschreckt und verzweifelt. Dann habe ich keine Erinnerung mehr. Ich weiß nur, dass ich irgendwann aufgewacht bin und auf meinem Sofa lag. Wahrscheinlich hatte ich durch diese heftige Aufregung einen Filmriss.“ „Sind Sie einverstanden mit einer Speichelprobe und einem Fingerabdruck?“, fragte Herr Menge, der Polizeibeamte. „Ja, natürlich. Ich habe den Mord nicht begangen“, bestätigte Monika.
Herr Menge:
„Sie waren seine Psychotherapeutin. Ist es da üblich, sich im Stadtpark zu treffen?“
Monika:
„Nein! Er hatte mich verfolgt und belästigt, und ich wollte ihm persönlich und deutlich sagen, dass er mich in Ruhe lassen soll. Sonst würde ich ihn anzeigen. Deshalb hatte ich ihn getroffen.“
Herr Menge:
„Durch Ihre therapeutischen Gespräche kannten Sie das Opfer sicher ganz gut. Haben Sie eine Idee, mit wem er Streit gehabt haben könnte und wer ihn hatte töten wollen?“
Monika zögert, denkt, dass Max oder Tisco, die ja wussten, wie sehr Mehrdad sie gequält hatte, auch die Mörder hätten sein können. Die Beschreibung der beiden Männer durch Spaziergänger stimmte schon überein mit dem Aussehen der beiden. Sie sagte aber: „Ich weiß nur, seine Ex-Frau und seine Ex-Geliebte hatten eine große Wut auf ihn.“
Herr Menge:
„Sie können erst einmal nach Hause gehen. Bleiben Sie für uns erreichbar. Sie hören von uns. Verlassen Sie die nächste Zeit Hamburg nicht!“
Monika ist verwirrt über ihren Gedächtnisverlust. „Ist durch den bedrohlichen Streit mit Mehrdad irgendetwas Traumatisches bei mir an getriggert worden, was meine Eltern erlebt hatten im Krieg?“, fragt sie sich jetzt. „Habe ich in der Not mit einem Messer zugestoßen? Aber ich hatte doch gar kein Messer dabei. Das Ganze muss ich in meiner Therapie besprechen!“