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Diese Geschichten sind eine Huldigung an all die Tiere, die mich ein Stück weit begleitet und bereichert haben. In lockerer zeitlicher Reihenfolge erzähle ich von Abschnitten meines Lebens, in denen die unterschiedlichsten Geschöpfe meinen Weg teilten. So verschieden wie die Tiere, waren die Orte, an denen wir uns trafen. Ob in Deutschland, Südafrika, Indien oder Brasilien, überall gab es Begegnungen, die auf ihre Weise einzigartig waren.
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Seitenzahl: 177
Veröffentlichungsjahr: 2026
Mensch und Tier
Von
Hari Patz
Impressum © 2026 alle Rechte verbleiben bei den jeweiligen Autoren Coverdesign von: Hari Patz Illustrationen von: Hari Patz mit KI Druck und Distribution im Auftrag des Autors: tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: Hans-Jürgen Patz, Landsberger Allee 210, 10367 Berlin - Lichtenberg, Germany. Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]
Vorwort
Ich hatte schon früh ein besonderes Verhältnis zu Tieren. Im Grunde fiel es mir immer leichter, Kontakt zu ihnen zu bekommen als zu Menschen. Bei denen war ich schüchtern und unsicher. Es war für mich schwierig, die Erwachsenen zu verstehen, ich konnte Ihre Motive und Gefühle nicht einschätzen, nicht erfassen. Ganz anders bei Tieren, speziell bei Hunden. Zwar hatte ich auch sehr schöne Kontakte zu anderen Tieren, doch Hunde sind mir besonders nah. Schon als Kind waren sie für mich ein Quell der Freude und des Trostes. Nur ganz am Anfang hatte ich ein unangenehmes Erlebnis mit einer Fellnase, alle späteren Kontakte verliefen ausnahmslos positiv. Ihnen konnte ich mich öffnen, ihrer Zuneigung war ich mir sicher, da gab es keine Zweifel. Wenn ein Hund dich liebt, dann weißt du das.
Diese Geschichten sind eine Huldigung an all die Tiere, die mich ein Stück weit begleitet und bereichert haben. In lockerer zeitlicher Reihenfolge erzähle ich von Abschnitten meines Lebens, in denen die unterschiedlichsten Geschöpfe meinen Weg teilten. So verschieden wie die Tiere, waren die Orte, an denen wir uns trafen. Ob in Deutschland, Südafrika, Indien oder Brasilien, überall gab es Begegnungen, die auf ihre Weise einzigartig waren.
Danksagung
Ich möchte allen Menschen danken, die sich für das Wohl von Tieren einsetzen! Leider musste ich in vielen Ländern miterleben, dass nicht immer und überall, Tiere mit Respekt und Zuneigung behandelt werden. Umso mehr freut es mich, wenn ich von Menschen höre, die Zeit und Geld opfern, um hilflosen und leidenden Tieren zu helfen. Auch das geschieht fast überall, meist im Verborgenen, sodass die Öffentlichkeit nur selten davon erfährt. Deshalb möchte ich gerade diesen Menschen meinen Dank aussprechen.
An dieser Stelle möchte ich meinen besonderen Dank an einen besonderen Verein richten: Dogsouls!
Ein Tier zu retten verändert zwar nicht die Welt, aber die ganze Welt verändert sich für diese Fellnase.
Das ist das Motto des Vereins zur Rettung von Hunden: http://www.sos-dogsouls.com/
Ich möchte an dieser Stelle eine Lanze für diesen Verein brechen. Diese Menschen leisten so unglaublich viel für die Tiere, dass sie nach meiner Meinung jede nur erdenkliche Unterstützung verdient haben. Liebe Leser, schaut im Internet oder bei facebook rein und wenn ihr auch ein Herz für diese unschuldig leidenden Tiere habt, adoptiert eine solche einsame Seele, sie wird es euch mit viel Liebe danken! Inhaltsverzeichnis
Rex 7
Herkules 13
Charly 19
Landferien 25
Ajax und Timmy 35
Lothar 45
Krueger Park 61
Delfine in West-Afrika 77
Das Rauschen im Wald 85
Soraya 91
Diego 105
Menagerie 113
Bombay bei Nacht 119
Pablo in Not 125
Garfield 129
Shiva 137
Allein im Wald 149
Smyllah 161
Susi 173
Garry 183
Ich erinnere mich noch deutlich an den ersten Hund in meinem Leben. Es war 1958, mein fünfter Geburtstag war gerade vorbei, als mein Vater eines Tages mit ihm ankam. Er hieß Rex und war ein schon recht alter Schäferhund-Rüde mit grauer Schnauze. Er war ein Polizeihund in Pension, den mein Vater von der Polizei gegen eine Apanage bekommen hatte.
Entweder hatte man versäumt, ihm zu sagen, dass der Hund nicht besonders gut auf Kinder reagierte, oder er hat es einfach ignoriert. Mein Vater lebte schon immer in der festen Überzeugung, dass ihm jeder Mensch und jedes Tier zu Willen war, wenn er nur oft und fest genug draufhaute. Von alledem wusste ich damals nichts, ich war einfach nur begeistert von diesem riesengroßen Hund mit dem kuscheligen Fell. Nur allzu gerne wollte ich mit ihm spielen, ihn streicheln und lieb haben. Es war natürlich nur eine Frage der Zeit, bis das schief ging - das tat es dann auch, sogar dreimal.
Es waren meine ersten, frühkindlichen Begegnungen mit Blut und Schmerzen, aber auch mit Verzeihen und Verstehen. Beim ersten Mal kam ich zusammen mit meiner Mutter vom Einkaufen zu unserer Wohnung zurück. Sie schloss die Wohnungstür auf und öffnete sie. Rex stand gleich dahinter, ich fiel ihm überschwänglich um den Hals und herzte ihn mit den Worten: „Hallo mein Lieber, da sind wir wieder!“ Er konnte mit dieser Sympathiebekundung wohl nichts anfangen, fühlte sich wohl eher bedrängt und bedroht und schnappte nach mir.
Da unsere Köpfe fast auf gleicher Höhe waren, erwischte er mich voll am rechten Auge und an der Augenbraue. Ich schrie, Blut spritzte, meine Mutter schrie und der Hund verschwand schnell in der Wohnung. Meine Mutter warf daraufhin alle Einkaufstaschen in den Flur. Sie schlug die Tür zu, schnappte sich meine kleine jammernde Gestalt und rannte die Treppen hinunter, zu einem Arzt in der Nähe. Er gab mir eine Spritze und nähte meine Wunde. Was danach von den Erwachsenen gesprochen wurde, weiß ich nicht. Es gab sicher einige Aufregung, aber es änderte sich zunächst nichts in unserem Zusammenleben.
An vieles aus dieser Zeit kann ich mich eher emotional als faktisch erinnern. So erinnere ich mich, dass ich dem Hund weder böse war, noch übermäßige Angst vor ihm hatte. Ich machte ihm auch keine Vorwürfe. Ich hatte verstanden, dass meine heftige Begrüßung zu viel für ihn war. Die erlittenen Schmerzen konnte ich ihm recht leicht verzeihen. In der Zeit danach war ich anfangs etwas vorsichtiger im Umgang mit ihm. Doch schon bald war der Vorfall für mich vergessen. Deshalb dauerte es auch nicht allzu lange, bis es den nächsten schmerzhaften Zusammenstoß gab.
Diesmal, versuchte ich, ihn mit Hundekeksen zu füttern, die er eigentlich ganz gerne mochte. Ich saß bei ihm auf seiner Decke bei uns im Flur und wollte ihn unbedingt damit verwöhnen. Er wollte aber nicht, hatte grade keine Lust darauf, drehte immer wieder den Kopf weg. Was mich aber nicht davon abhielt, ihm immer wieder einen Keks vor seine Schnauze zu halten und ihm gut zuzureden, wie lecker die doch seien. An irgendeinem Punkt wurde es ihm dann zu viel und er schnappte nach mir. Diesmal erwischte er mich an Hals und Kinn, erneut gab es Blut und Tränen. Aber auch diesmal wusste ich, dass es letztlich meine Schuld war, dass es soweit kommen konnte.
Das dritte Mal hatte ich nicht selbst zu verantworten. Das ging auf das Konto meines Vaters. An einem Sonntag saß mein Vater, zusammen mit meinem Onkel, bei uns an der Ecke in seiner Stammkneipe beim Frühschoppen. Die beiden saßen an einem Tisch und Rex lag darunter. Meine Mutter hatte mich geschickt, um sie zum Mittagessen zu holen.
Beide Männer waren schon recht feuchtfröhlich und alberten herum. Mein Vater kam auf die für ihn komische Idee, die Hundeleine zu nehmen und den Karabinerhaken an meinem Hemdkragen zu befestigen. Dann sollte ich Hündchen spielen. Schließlich krabbelte ich auf allen vieren um den Tisch herum und machte „wuff-wuff“. Das hat den Rex dann so provoziert, dass er unter dem Tisch hervorschoss und mir direkt in den Oberschenkel biss. Das gab dann den letzten Ausschlag, dass sich mein Vater von Rex trennte und ihn zu meinen Großeltern in Ost-Berlin gab. Sie hatten eine Laube, da konnte er gut bleiben. Wenn ich mich recht erinnere, wurde er dann krank und starb auch recht bald danach. Vielleicht wurde es ihm aber auch zum Verhängnis, dass er das Meerschweinchen meiner Oma totgebissen hatte.
Alle diese Erfahrungen haben nicht bewirken können, dass ich nun Angst oder Scheu vor Hunden hatte. Wir sollten später noch einige Hunde haben, und ich habe sie alle geliebt. Der Nächste sollte gar nicht allzu lange auf sich warten lassen.
***
Das Frühjahr 1959 war herangerückt und wir waren umgezogen. Nun stand ein neues Thema im Vordergrund: die Schule. Ich wurde eingeschult, das schien eine große Sache zu sein, interessierte mich aber nur sehr mäßig. Das einzig Interessante daran war die große Schultüte, auf deren Inhalt war ich schon sehr gespannt. Es gibt ein Foto von diesem großen Tag: ich mit grüner Lodenjacke, geölten, in alle Richtungen stehenden Haaren, einer großen schwarzen Brille und einer prächtigen Zahnlücke. Wirklich glücklich sehe ich da nicht aus.
Der Unterricht fing schnell an, mich zu langweilen. Ich vermochte einfach nicht einzusehen, warum ich jeden Tag Schleifen und Krückstöcke über drei Linien malen sollte. Nach ungefähr einer Woche beschloss ich, meinen Schulweg umzuleiten. Die Schule war nur eine Straßenkreuzung entfernt, vielleicht zweihundert Meter von unserem Haus. Aber anstatt rechts abzubiegen, ging ich einfach geradeaus weiter die Großbeerenstraße entlang, direkt zum Kreuzberg mit seinem Victoria-Park. Der sprudelnde Wasserfall lockte mich schon von Weitem. Da gab es so viel zu entdecken! Als Erstes suchte ich mir einen Platz, an dem ich meine Schulmappe ablegen konnte, die störte ja nur. Das war einfach, es gab sehr viele große Büsche, in die ich hineinkriechen konnte. Dort fand ich dann eine Laubhöhle, die wie für mich geschaffen war.
Mit nackten Füßen und hochgekrempelten Hosenbeinen den Wasserfall entlang über die großen Felsen klettern, das machte Spaß. Oder in den Tiergehegen und Volieren die vielen unterschiedlichen Tiere bestaunen. Das war viel interessanter als die Schule.
Am Fuß des Wasserfalls stand eine große Uhr, die konnte ich schon lesen. Pünktlich als die Schule vorbei sein sollte, ging ich wieder nach Hause. Wenn es Fragen zur Schule gab, erfand ich irgendetwas langweilig Belangloses, das hingenommen wurde.
Das habe ich die nächsten zwei Wochen weiter so getrieben und dabei den Kreuzberg gründlich erforscht. Bis ich eines Tages auf die Uhr sah und erschrocken feststellte, dass ich schon eine Stunde über der Zeit war. Meine Mutter hatte meinen Stundenplan an den Kühlschrank geklebt, sie wusste, wie lange ich Unterricht hatte. Da bin ich ganz schnell losgelaufen. Nur - ich hatte meine Schulmappe vergessen. Meine Mutter fragte natürlich gleich, wo die denn geblieben sei. Da kam ich in Erklärungsnot.
Sie hat dann letztlich die ganze Wahrheit herausgefunden. Die Folge davon war ein Gespräch mit meiner Lehrerin, das dann dazu führte, dass man mich vom Unterricht zurückstellte. Im nächsten Frühjahr könne ich es noch einmal versuchen. Schließlich war ich noch keine sechs Jahre alt. Damit konnte ich sehr gut leben.
In der Zwischenzeit hatte etwas viel Wichtigeres meine Aufmerksamkeit für sich gewonnen. Wir hatten einen neuen Hund bekommen, einen pechschwarzen Neufundländer. Herkules hieß er und war mein Ein und Alles. Diesen Hund liebte ich, wollte jede freie Minute bei ihm sein. Wenn wir im Hofgarten Gassi gingen, ließ mich der gutmütige Kerl sogar auf seinem Rücken reiten. Wir teilten uns auch sein Lager.
Eines Tages war meine Mutter auf verzweifelter Suche nach mir. Da ich schon früher mal ausgebüchst war, gingen ihre Gedanken natürlich in diese Richtung. Panisch rannte sie durch das ganze Haus, in den Hof, auf die Straße, doch ihr Söhnchen blieb verschwunden. Sie war völlig aufgelöst, wusste sich keinen Rat mehr. Erst ungefähr eine Stunde später erhob sich Herkules von seinem Lager, und ihr kleiner Junge kam wieder zum Vorschein - selig schlummernd im Hundebett. Das große Tier hatte mich komplett verdeckt.
Er mochte mich auch, das merkte ich schnell. Stets kam er jeden Morgen als Erstes zu mir und rieb seinen Kopf an meinem. Wo ich auch hinging, folgte er mir. Nachts schlief er vor meinem Bett. Er bewachte mich eifersüchtig, wenn jemand grob mit mir sprach, knurrte er laut und beeindruckend. Sogar meinen Vater hat er angeknurrt, als der mit mir schimpfte. Das brachte ihm allerdings Prügel ein, was mir sehr leidtat. Ich wollte nicht, dass ihm jemand wehtat, schubste meinen Vater beiseite und warf mich über ihn, da bekam ich die Prügel. Doch das war mir ganz egal, wenn ich nur mit meinem flauschigen Liebling zusammen sein konnte.
Am liebsten lagen wir beide ganz still, versteckt und unbemerkt, in einer Ecke beieinander. Herkules liebte es, erst ausgiebig meine Füße zu beschnuppern und dann seine Schnauze in meine Achselhöhle zu wühlen. Ich liebte es, mich in seinen weichen Pelz zu kuscheln, ihn zu umarmen und seine Wärme und Zuneigung zu spüren. Wenn wir so eng umschlungen beieinanderlagen, war ich selig.
Zu meinem allergrößten Leid dauerte unsere gemeinsame Zeit nicht lange. Dieser wunderbare, sanftmütige Hund hatte ein Problem. Er interessierte sich überhaupt nicht für andere Hunde, ignorierte sie einfach. Aber bei Deutschen Schäferhunden sah das ganz anders aus, da wurde er wild. Sowie er einen sah, wollte er auf ihn losgehen, hörte er auf niemand mehr. Dieses große Tier hatte eine unbändige Kraft, meine Mutter war eine schlanke Frau, sie konnte ihn nur bändigen, indem sie schnell die Leine um eine Laterne oder einen Baum wickelte und festhielt.
Eines Tages stand sie mit ihm an einer Kreuzung, als auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Deutscher Schäferhund erschien. Es war nichts in Reichweite, worum sie die Leine wickeln konnte. Und Herkules rannte unaufhaltsam los, dabei missachtend, dass auf dem Mittelstreifen eine Straßenbahn herankam. Meine Mutter sah es und ließ die Leine los, damit er sie nicht unter die Bahn zog. Herkules schaffte es auf die andere Seite und zerfleischte den Schäferhund. Das war für meinen Vater inakzeptabel und er brachte meinen geliebten Hund fort in ein Tierheim. Es gab keinen Abschied, ich habe ihn einfach nie mehr wiedergesehen, ich war wieder allein. Ich habe lange um ihn getrauert.
***
Ein halbes Jahr später zogen wir um. Wir wohnten nun in der Oppelner Straße, zwischen Schlesichem Tor und Görlitzer Bahnhof in Berlin SO 36. Mein Vater hatte dort eine Freibank eröffnet. Dort wurde abgepacktes Fleisch in Konservendosen aus der Senatsreserve verkauft. Auch Aufschnitt und heiße Würstchen konnte man bei uns haben. Krakauer, Breslauer, Wiener oder Knacker standen zur Auswahl.
Die Temperatur ließ sich bei unserem Wurstkessel nur unzuverlässig einstellen, was zur Folge hatte, dass immer wieder welche platzten. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber es kann gut sein, dass wir uns in dieser Zeit zu einem großen Teil von geplatzten Würsten ernährt haben. Doch schon bald sollten wir dabei Unterstützung bekommen - Charly kam zu uns! Eines Tages brachte ihn mein Vater mit. Charly war ein schwarz-weißer Spitz-Mischling mit kurzem, struppigem Fell. Er hatte einen lustigen Gesichtsausdruck und wache Augen. Ich mochte ihn sofort.
Es waren gerade große Ferien, die erneute Einschulung hatte ich verpasst, weil wir uns noch vor Kurzem als DDR-Flüchtlinge im Flüchtlingsheim Marienfelde befanden. Auf diese scheinbar geniale Idee kam mein Vater eines Tages. Wir räumten unsere schöne Wohnung am Kreuzberg und zogen nur mit Koffern ins Flüchtlingsheim. Ich habe nie erfahren, wie genau er das gedreht hat und wie er damit durchgekommen ist. Als anerkannter Flüchtling konnte er einen zinslosen Kredit und Förderung bekommen. So kamen wir zu einer Freibank und einer neuen Wohnung.
Schule war dadurch noch immer kein Thema für mich, obwohl ich schon in wenigen Tagen sieben Jahre alt wurde. Ich hatte also genug Zeit, zusammen mit Charly meine neue Umgebung zu erkunden. Da gab es zunächst einmal den alten Görlitzer Bahnhof, von dem fast nur noch die von Unkraut überwucherten Grundmauern vorhanden waren. An einem Ende hatte sich ein Autofriedhof und Schrottplatz angesiedelt. Ausgesprochen interessantes Gelände!
Dann gab es noch die „Harnröhre“, das war ein langer grüngefliester Tunnel, der das Bahnhofsgelände von West nach Ost unterquerte. Dieser Tunnel wurde oft dazu benutzt um sich darin zu erleichtern, so das es darin wie in einem Pissoir stank. Wenn man diesen Geruch ignorierte, blieb der Tunnel durch seine Klangqualitäten interessant. Der Schall wurde darin vielfach verstärkt und mit Hall und Echo versehen, das machte Spaß. Danach runter zum Spreekanal.
Es war schön, unter den Weiden im Gras zu liegen. Charly war immer an meiner Seite, wir unternahmen alles zusammen und teilten uns alles. Er liebte es, Stöckchen zu holen. Er war ein rechter Sprinter und konnte nicht genug davon bekommen; dieser Hund war ein unerschöpfliches Energiebündel. Leider ging auch diese schöne Zeit viel zu schnell vorbei.
Ich wurde in die Schule gebracht, diesmal ohne Feiertagsanzug und Schultüte. Der Klassenlehrer war ein freundlicher Mann, der Unterricht vermochte mich aber noch immer nicht zu interessieren. Ich soll die ganze Zeit vor mich hingeträumt haben. In den nächsten Jahren war ich noch auf vielen Schulen, ich kann mich an jede genau erinnern, nur nicht an diese. Ich muss zu dieser Zeit geistig völlig abgeblendet haben. Aber gut erinnere ich mich an meine erste große Liebe.
Angelika, ein fünfjähriges Mädchen aus dem Nachbarhaus. Lange schwarze Locken, ein süßes, pausbäckiges Gesicht mit Grübchen darin, aus dem zwei riesengroße, blaue Augen leuchteten. Ich war total fasziniert von ihr und tat alles, um in ihrer Nähe zu sein. Sie brachte mir „Himmel und Hölle“ bei; ein Hopse-Spiel. So hüpfte ich dürres Kerlchen auf einem Bein durch die mit Kreide aufgemalten Rechtecke. Was nicht dadurch einfacher wurde, dass Charly die ganze Zeit kläffend um mich herumsprang und mitspielen wollte. Am schönsten fand ich es, wenn wir zu dritt im Hinterhof auf einer Decke im Sonnenschein saßen. Charly lag meist auf dem Rücken und ließ sich abwechselnd von uns den Bauch kraulen.
Da waren noch andere Kinder und wir waren oft als Gruppe unterwegs. Das sollte jedoch nicht lange andauern. Der Sommer war vorbei und meine Tage wurden dunkler. Eines Abends war ich mit Charly und einigen Jungs unterwegs und hatte völlig die Zeit vergessen. Ich hatte die strikte Anweisung, um sieben Uhr zu Hause zu sein. Es war aber schon fast neun, als mich mein Vater wutentbrannt fand und am Hemdärmel nach Hause schleifte. Als er mir dann dort den Hintern versohlte, ging auf einmal Charly auf ihn los. Er bellte ihn wie wild an und zerrte an seinem Hosenbein. Da bekam er auch Prügel.
Heulend rannte ich davon, Charly immer dicht hinter mir. Wir versteckten uns in einer stillen Ecke auf einem der Dachböden. Kauerten uns in einem alten Sessel zwischen abgestellten Möbeln und Kisten zusammen und trösteten uns gegenseitig. Mein Vater hatte aber mitbekommen, dass wir die Treppe hoch sind und fand uns ungefähr eine Stunde später. Nach einer erneuten Tracht Prügel wurde ich ins Bett geworfen und bekam eine Woche Stubenarrest.
Mir wurde verboten, weiterhin mit den anderen Kindern zu spielen. So konnte ich Angelika kaum noch sehen und blieb für mich allein. Charly war mein einziger Spielkamerad. Doch nicht lange danach verscherzte er es sich völlig mit meinem Vater.
Er war eigentlich ein lieber und folgsamer Kerl, zumindest bei mir. Aber er mochte es überhaupt nicht allein gelassen zu werden. Wir kamen eines Abends von Großmutters Geburtstag zurück, wohin wir ihn nicht mitnehmen konnten, da erlebten wir eine Überraschung: Im Wohnzimmer sah es aus, als hätte ein Schneesturm darin getobt. Zunächst konnten wir gar nicht feststellen, wodurch das entstanden sein konnte.
Charly lag auf dem Sofa, flach ausgestreckt, Kopf zwischen den Pfoten und wedelte heftig mit dem Schwanz; damit noch mehr Flocken aufwirbelnd. Erst als meine Mutter eines der Sofakissen fortnahm, konnten wir sehen, dass er dort ein großes Loch ins Polster gebissen und die Füllung im Zimmer verteilt hatte. Das war zu viel für meinen Vater, er verprügelte Charly heftig und sperrte ihn über Nacht im Klo ein. Am nächsten Tag brachte er ihn fort in ein Tierheim.
Wieder einmal wurde mir ein Freund weggenommen, wieder zog ich mich ein Stück weiter in meinen Panzer zurück. Es wurde immer schwieriger mit mir, ich tat nicht, was ich sollte. Machte ständig irgendwelchen Blödsinn. Ich wurde stur und bockig, konnte einfach nicht verstehen, warum die Erwachsenen mich so drangsalierten. Warum musste ich ständig Sachen machen, die keinen Spaß machten? Alles, woran ich Freude hatte, wurde mir verboten oder weggenommen. Erwachsene waren einfach nur doof, allen voran mein Vater. In meinen Träumen lebte ich ganz für mich allein. Irgendwo in einer geheimen Höhle, die nie jemand finden würde, und ein großer starker Hund würde mich beschützen. Doch schon bald musste ich mich in der realen Welt in einer neuen Umgebung zurechtfinden.
***
Die großen Ferien haben angefangen! Das ist gut oder eben auch nicht. Denn dieses Jahr soll ich zu Tante Waltraud und Onkel Walter auf den Bauernhof in der Ostzone. Dazu habe ich zwar überhaupt keine Lust, aber danach hat auch niemand gefragt. Ich wollte ja lieber in ein Zeltlager, aber mein Vater hat es versäumt, mich rechtzeitig anzumelden, so waren alle Plätze schon vergeben. Außerdem war mein Zeugnis so schlecht, dass Vater meinte, ich dürfe nicht auch noch belohnt werden. Ich bin sieben Jahre alt und gehe in die 1. Klasse, das zweite Mal. Irgendwie bin ich immer spät dran.
Dieses Jahr soll ich also Ferien auf dem Land machen. Der Onkel ist ganz in Ordnung, er sagt nur selten was, er löst lieber Kreuzworträtsel. Die Tante kann ich nicht leiden, ich glaube, sie mag mich auch nicht. Sie ist ein Riesenweib mit einer dröhnenden Stimme. Wenn sie lacht wackeln die Wände, da fallen die Gläser aus dem Schrank und unser Meerschweinchen pfeift und piepst ganz erschrocken.
