8,99 €
Nachdem Ella nachts bei Regen mit ihrem Motorroller von einem Auto abgedrängt und in den Straßengraben geschlittert ist, erwacht sie erst wieder mit mehreren Knochenbrüchen im Krankenhaus. An ihrer Seite Miryam, die sie gefunden und in die Klinik gebracht hat. Doch kaum ist Ella wach, verschwindet Miryam geschäftig. Ella macht sich nun Sorgen um ihre Hündin Inka, die ganz allein in ihrer Wohnung wartet, und um die Krankenhausrechnung, denn sie ist nicht versichert. Da erscheint Miryam erneut als rettender Engel, kümmert sich um Inka und die Rechnung und holt Ella zur Pflege kurzerhand zu sich nach Hause, eine Prachtvilla mit Personal. Doch schon bald fühlt sich Ella trotz aller Fürsorge nicht mehr wohl, denn es schweben dunkle Wolken über den stilvollen Mauern. Und immer mehr nagt an Ella die Frage, warum die Hausherrin sich so fürsorglich um sie kümmert – was in aller Welt ist Miryams Geheimnis?
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 324
Veröffentlichungsjahr: 2021
Roman
© 2021édition el!es
www.elles.de [email protected]
Alle Rechte vorbehalten.
ISBN 978-3-95609-333-3
Coverfoto:
Ella erwachte und stöhnte. Ihr Kopf schmerzte, als hätte sie ein Bulldozer überfahren.
Mühsam versuchte sie, die Augen zu öffnen. Grelles Licht traf sie, und noch mehr stöhnend schloss sie sie wieder.
»Ach, das ist gut. Sie sind wach.«
Diesmal öffnete Ella vorsichtig nur ein Auge zu einem Schlitz.
Eine fremde Frau stand mit einem Pappkaffeebecher in der Hand vor ihrem Bett.
Bett? Sie lag im Bett? War sie nicht eben noch auf der Straße gewesen? Im Regen? Bei Gewitter?
Sie öffnete auch das zweite Auge zu einem Schlitz. »Wer . . . Wo . . .?« Sie stöhnte erneut. »Was ist passiert?«
»Kann ich nicht sagen. Ich habe Sie im Straßengraben gefunden.« Die Frau lächelte sie an. »Da ich nicht warten wollte, bis eine Ambulanz kommt, habe ich Sie ins Krankenhaus gebracht.« Sie trank einen Schluck und schaute dann auf ihre Uhr. »Jetzt muss ich aber los. Ich war eigentlich auf dem Weg zu einem Termin.« Während sie Ella zuwinkte, drehte sie sich um, warf im Hinausgehen ihren Kaffeebecher in den Papierkorb und war verschwunden.
Ella hätte gern den Kopf geschüttelt, denn das alles erschien ihr mehr wie eine Vision denn wie die Wirklichkeit, aber als sie es versuchte, grub sich der Schmerz dermaßen in ihre Schläfen, dass sie sofort wieder erstarrte.
Kurz darauf betrat eine Krankenschwester ihr Zimmer. »Wie geht es uns denn?«
Waren Krankenschwestern nicht herzig? dachte Ella sarkastisch. Immer teilten sie das Leid ihrer Patienten.
»Was ist passiert?«, fragte sie zurück. »Ich kann mich an nichts erinnern.«
»Offenbar hat jemand Sie von der Straße abgedrängt. Sind Sie tatsächlich bei diesem Wetter Motorroller gefahren?«
Das klang so, als wäre Ella selbst schuld. Sie hätte ein Auto nehmen sollen.
»Ich habe leider nichts anderes«, sagte Ella und verzog die Lippen. Das ging halbwegs, anscheinend war sie dort nicht verletzt. Sie hatte ja auch einen Helm getragen. »Und irgendwie muss ich schließlich von einem Ort zum anderen kommen.«
Die Schwester legte ihr eine Blutdruckmanschette an und stülpte ein anderes Messgerät über ihren Finger. »Also ein Roller . . .« Anscheinend kam sie immer noch nicht darüber hinweg. »Da würde ich lieber den Bus nehmen. Und dann noch bei Regen und Gewitter. Ein Blitz hätte Sie treffen können.«
Ella seufzte. »Fragt sich, was schlimmer ist.«
Auf einmal erinnerte sie sich: Sie hatte eine Art Vorahnung gehabt. Irgendein Wagen war ihr gefolgt, immer näher gekommen, sie hatte die Scheinwerfer in ihren Rückspiegeln gesehen, sie hatten sie geblendet. Die Regentropfen und die Dunkelheit hatten noch mehr zu ihrer Unsicherheit beigetragen. Deshalb war sie ein wenig an den Straßenrand ausgewichen, und das war offensichtlich ein Fehler gewesen.
Normalerweise fuhr sie mit Absicht in der Mitte der Spur oder so weit wie möglich zur Straßenmitte hin, denn Autofahrer waren Zweiradfahrern gegenüber leider selten rücksichtsvoll. Sie quetschten sich mit wenigen Zentimetern Abstand an ihrem Roller vorbei, und schon des Öfteren hätte sie ihnen dabei gern die Scheibe eingeschlagen.
Bis jetzt hatte sie einen Unfall immer vermeiden können, aber diesmal hatte das Schicksal sie erwischt. Glücklicherweise war diese Frau vorbeigekommen . . .
Sie versuchte, sich stirnrunzelnd an das Gesicht zu erinnern, und zuckte erneut zusammen, weil ihr Kopf auf einmal wie mit Nadeln gespickt erschien.
»So«, sagte die Schwester in diesem Augenblick und zog den Clip von Ellas Finger, »das war’s. Noch etwas erhöht, aber das ist normal.«
Ella wollte leicht den Arm anheben, um ihr das Abnehmen der Blutdruckmanschette zu erleichtern, aber da folterte sie ein weiterer Schmerz. Sie gab einen gequälten Laut von sich.
»Tja, das Schlüsselbein ist gebrochen«, verkündete die Schwester augenscheinlich vergnügt. »Den Arm werden Sie eine Weile nicht bewegen können.« Sie hob die Bettdecke an. »Und den Fuß auch nicht.«
Entsetzt starrte Ella auf ihren fest einbandagierten Knöchel. Erst jetzt nahm sie richtig wahr, dass sie eine Art Schlinge um den Hals trug, in der ihr Arm fixiert war.
Oh Gott! Es war nur ein innerer Aufschrei, denn ihre Lippen waren vor Bestürzung versiegelt. »Was . . . Wie . . . Wie lange . . .?«, stammelte sie, als die Schwester schon wieder auf dem Weg nach draußen war.
»Na, so zwei, drei Monate müssen Sie schon rechnen. Besonders für den Knöchel«, teilte ihr die Schwester ungerührt mit. »Aber das kann Ihnen der Arzt genauer sagen.« Und schon war sie verschwunden.
Ella blieb allein zurück und musste sich erst einmal sammeln. Zwei oder sogar drei Monate konnte sie nicht arbeiten? Sie hatte mehrere kleine Jobs, die – nun ja – nicht mit dem Luxus einer Versicherung verbunden waren, und sie brauchte das Geld. Sie hatte keinen Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung, da sie ihr Studium abgebrochen und noch nie versicherungspflichtig gearbeitet hatte.
Bisher hatte sie keinerlei Hilfe vom Staat nötig gehabt, sie hatte sich ihren Lebensunterhalt immer selbst verdienen können. Zwar stellten viele Unternehmen keine neuen Leute fest ein, aber nicht feste Jobs ohne Sozialabgaben für den Arbeitgeber gab es genug.
Leichte Panik ergriff sie. Wie lange war sie schon hier? Inka . . .
Ihre Augen schweiften hektisch über den fahrbaren Tisch neben ihrem Bett. War da vielleicht ihr Handy drin? Dann konnte sie ihre Nachbarin anrufen –
Als Nächstes entrang sich wieder ein lautes Stöhnen ihren Lippen. Der Nachttisch stand rechts, auf der Seite, auf der sie sich das Schlüsselbein gebrochen hatte. Sie konnte ihn nicht erreichen, da sie weder den Arm heben noch die Schulter drehen konnte.
Sie versuchte, sich aufzurichten und den linken Arm zu benutzen, aber auch das war unmöglich. Schwer keuchend sank sie ins Kissen zurück. Der Knopf, um die Schwester zu rufen, war ebenfalls rechts am Bett befestigt. Sehr schlau.
Eine Uhr schien es hier im Zimmer nicht zu geben. Ihre Armbanduhr war von ihrem Handgelenk verschwunden, vielleicht durch den Unfall kaputtgegangen. Ihre Gedanken stolperten hektisch durch ihren Kopf.
Aber nein, so lange konnte sie noch nicht hier sein. Die Frau, die sie hergebracht hatte, hatte gesagt, sie wäre auf dem Weg zu einem Termin gewesen. Und offenbar konnte sie den noch wahrnehmen.
Ihr rasender Herzschlag beruhigte sich ein wenig. Auch hatte sie das Gefühl, sie wurde schläfrig. War das vielleicht der Tropf, der an ihrem Arm hing?
Mit aller Gewalt versuchte sie gegen die Müdigkeit anzukämpfen, riss immer wieder die Augen auf, auch wenn das Licht wie ein Messer durch ihre Kopfhaut stach.
Warum musste es in Krankenzimmern nur so hell sein?
Sinnend saß Miryam an ihrem Schreibtisch. Aber sie sann nicht über ihren Beruf nach, über die Pläne, die vor ihr auf dem Bildschirm prangten.
Was ungewöhnlich war. Denn wenn sie sich in ihrem Büro aufhielt, beschäftigte sie sich normalerweise ausschließlich damit. Sie trennte Beruf und Privates, soweit es möglich war.
Heute jedoch ging ihr einfach nicht mehr aus dem Sinn, was gestern passiert war. Es war früh, ihre Mitarbeiter waren noch nicht da, also konnte sie in Ruhe nachdenken.
Diese Frau, die sie da aus dem Graben gezogen hatte . . . Sie war jung. Sehr jung. Warum war sie nur bei diesem strömenden Regen mit dem Roller gefahren? Und das auch noch bei Dunkelheit?
Na ja, in dem Alter machte man sich noch nicht viele Gedanken über Risiken. Als Teenager hielt man sich für unsterblich. So alt war Miryam auch noch nicht, dass sie sich daran nicht mehr erinnern konnte.
Wahrscheinlich war diese junge Frau auf dem Weg zu irgendeiner Party gewesen, die ihr wichtiger war als die Wetterverhältnisse oder die Gefahren, die damit einhergingen. Miryam hatte um diese Tageszeit meistens noch berufliche Termine. An Party war da noch lange nicht zu denken.
Aber daran lag ihr auch nichts. Partys waren etwas für Leute, die zu viel Zeit hatten und zu wenig Verstand, um zu erkennen, dass sie damit ihre Zeit nur noch mehr verschwendeten, als sie es ohnehin taten.
Dennoch musste sie sagen, dass diese junge Frau ihr nicht so erschien, als hätte sie keinen Verstand. Miryam hatte kaum ein paar Worte mit ihr gewechselt, und doch war ihr der intelligente Blick aufgefallen, der sie kurz getroffen hatte, bevor sie ging.
Zwar war dieser Blick noch von Schmerzmitteln verschleiert gewesen, aber Miryam war wirklich ein Stein vom Herzen gefallen, als die bleiche Gestalt da im Bett die Augen aufschlug. Es hatte sehr lange gedauert, bis sie aufgewacht war, und während der ganzen Zeit, als sie auf dem Rücksitz von Miryams Wagen lag, hatte Miryam besorgt nach hinten geschaut, so oft sie konnte. Wieso war sie nicht aufgewacht, als sie sie in den Wagen gebracht hatte? Gehirnverletzung?
Aber dann hatte sie der noch nicht ganz wache, aber dennoch wissbegierige Blick aus diesen blauen Augen getroffen, und sie war mit einem Schlag beruhigt gewesen. Obwohl er etwas verwirrt und orientierungslos gewirkt hatte – völlig verständlich, wenn man plötzlich in einem Krankenhauszimmer aufwachte und nicht wusste, wie man dahingeraten war –, sah das absolut nicht nach Gehirnverletzung aus.
Sie hatte nicht bleiben können, weil sie einem Kundenehepaar versprochen hatte, heute Abend zu ihnen nach Hause zu kommen, wenn der Mann auch einmal zu Hause war. Er kam immer sehr spät von der Arbeit, und so hatte sie bisher nur mit der Frau als Auftraggeberin gesprochen. Die war aber anscheinend nicht sicher, ob ihr Mann mit ihren Wünschen einverstanden sein würde.
Das war nicht ungewöhnlich, aber diesmal fühlte sie sich beschwingter als sonst, als sie zu der Adresse fuhr. Es war alles gutgegangen, die junge Frau würde sich erholen, und jetzt im Krankenhaus war sie erst einmal gut versorgt.
Nach ihrem Termin fuhr sie nach Hause und saß dort in ihrem Arbeitszimmer noch eine ganze Weile am Schreibtisch, um die Wünsche der Kunden auf die Pläne zu übertragen. Der Mann hatte einiges zu meckern gehabt, aber Miryam hatte den Eindruck, das tat er immer. Schon aus Prinzip. Die Beziehung zwischen den beiden war ziemlich klischeehaft. Er bestimmte, sie gehorchte.
Miryam sah das öfter, und sie fragte sich, wie so eine Beziehung funktionieren konnte. Für sich selbst wünschte sie sich das nicht und konnte es sich auch nicht vorstellen. Im Büro musste sie sehr viel bestimmen, und es lag in gewisser Weise auch in ihrer Natur, aber sie wollte nicht, dass andere immer nur gehorchten. Sie schätzte diejenigen ihrer Mitarbeiter am meisten, die nicht nur einen Auftrag ausführten, den sie ihnen erteilt hatte, sondern auch selbst mitdachten. Die auch einmal widersprachen, wenn sie anderer Meinung waren oder eine gute Idee hatten, auf die Miryam noch nicht gekommen war.
Sie wusste, dass viele Leute sie anders sahen. Sie war eine erfolgreiche Geschäftsfrau in einer Männerwelt, in der alle es völlig normal fanden, wenn ein Mann über andere bestimmte und ihnen Befehle und Aufträge erteilte, das bei einer Frau aber immer negativ betrachtet wurde. So als ob es nicht dasselbe wäre.
Zudem hatte sie nicht die ausgesprochen weibliche Art ihrer Mutter geerbt, die mit einem Lächeln fast alles erreichen konnte, sondern die eher herbe Art ihres Vaters. Man hätte es auch herrisch nennen können. Was bei ihm jeder akzeptiert hatte. Er war eben ein Mann, der wusste, was er wollte. Wenn Miryam dasselbe tat, wurde sie als mindestens anmaßend betrachtet. Wenn nicht Schlimmeres. Sie hatte da schon einiges an Bezeichnungen gehört.
Diese junge Frau da im Krankenhaus . . . Die hatte das Problem bestimmt nicht.
Miryam lächelte. Und das tat sie nicht oft. Es gab Menschen, die hatten eine Ausstrahlung, die einen einfach zum Lächeln brachte. Diese junge Frau gehörte dazu. Sie hatte kaum ein Wort mit ihr gesprochen, sie nur eine Weile betrachtet, nachdem sie ins Zimmer gebracht worden war und noch im Bett schlief, und doch hatte sie sich so ihre Gedanken über sie gemacht.
Warum, das wusste sie noch nicht einmal so genau. Die halblangen blonden Haare lockten sich etwas auf dem Kissen, vielleicht wegen der Feuchtigkeit des Regens, die sich auch unter dem Motorradhelm gefangen hatte, und Miryam erschien es so, als hätte das etwas von Engelshaar.
Sie lachte über sich selbst, als ihr dieser Gedanke kam. Denn wer stand schon auf Engel? Bisher hatte sie allerdings auch noch keine Frau kennengelernt, die dieser Bezeichnung entsprach. Angefangen bei ihrer Mutter.
Die meisten Frauen, die sie kennenlernte, hatten nichts Engelhaftes an sich. Es ging immer um einen bestimmten Zweck, den die Begegnung erfüllen sollte. Manchmal Sex, manchmal etwas anderes. Niemand ließ sich mit jemand anderem ein, wenn er keinen Vorteil davon hatte. Auch wenn es vielleicht nur ein kurzzeitiger war und man sich gleich nach dem Orgasmus verabschiedete.
Miryam war das eigentlich ganz recht, denn sie hatte nicht viel Zeit für private Beziehungen. Sie arbeitete so gut wie fast immer. Nur zum Schlafen ging sie nach Hause. Dort lief alles auch ohne sie reibungslos.
Wäre es anders gewesen, wenn dort so jemand wie diese junge Frau auf sie gewartet hätte? Abwehrend schüttelte sie den Kopf. Was für ein dummer Gedanke. Dennoch konnte sie sich nicht ganz davon lösen. Sie sah dieses weiche, noch etwas mitgenommene Gesicht vor sich, das sie aus dem Krankenhauskissen angeschaut hatte.
Das war kein Gesicht, wie sie es normalerweise sah. Es hatte etwas . . . Besonderes. Eine Art von Unschuld, von der sie glaubte, dass es sie eigentlich gar nicht geben könnte. Nicht mehr. Oder höchstens noch bei Kindern.
»Guten Morgen, Frau Marhold«, riss sie eine freundliche Frauenstimme aus ihren Gedanken.
Miryam blickte auf. »Guten Morgen, Frau Hein«, begrüßte sie ihre Assistentin. »Sie sind schon da?«
Fragend hob Ulrike Hein die Augenbrauen. »Wie immer. Ich bin nicht früher als sonst.«
Unwillkürlich warf Miryam einen Blick auf die Uhr. »Ach ja, tatsächlich«, sagte sie überrascht. Es war ihr gar nicht aufgefallen, wie die Zeit verflogen war, während sie sich in Gedanken mit all dem beschäftigte, was ihr keine Ruhe ließ.
Sie stand auf. »Dann gehe ich mal. Sie halten ja jetzt hier die Stellung.«
Ulrike Heins Stirn runzelte sich. »Aber Ihr Termin ist doch erst in einer Stunde.«
»Ja«, bestätigte Miryam. »Aber ich muss vorher noch etwas erledigen.«
»Ich scheine immer zu kommen, wenn Sie schlafen.« Eine leicht amüsierte Stimme drang wie durch einen Nebel zu Ella.
Ihre Augenlider, schwer wie Blei, verweigerten jeglichen Befehl, sich zu öffnen.
Auf einmal hörte sie lautes Geklapper.
»Ah, Frühstück«, sagte die amüsierte Stimme.
Ella verspürte nicht den geringsten Appetit, aber jetzt, da sie langsam wach wurde, kehrten ihre Sorgen wie in einer blitzartigen Erinnerung zurück. »Inka . . .«, stöhnte sie, ohne die Augen zu öffnen.
»Eigentlich heiße ich Miryam«, erwiderte die amüsierte Stimme.
Konzentration. Ella stellte sich vor, an ihren Augenlidern wären oben Magnete befestigt, die sie hochzogen. Es schien zu funktionieren. Aus einer sehr verschwommenen Wahrnehmung wurde ein etwas klareres Bild, und auch wenn sie die Stimme nicht gleich erkannt hatte, konnte sie sie doch sofort mit dem Bild in Verbindung bringen, als sie die Frau nun sah.
Erneut hielt sie einen Kaffeebecher aus einem Automaten in der Hand. Ein weiteres Erkennungszeichen.
Eine junge Frau stürmte mit einem Tablett herein und stellte es auf den Nachttisch. Sie drehte einen Teil des Tisches über das Bett und raste wieder aus dem Zimmer hinaus.
Ella schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen, da das Tablett rechts von ihr und viel zu weit entfernt war, um es in ihrem Zustand überhaupt erreichen zu können. Aber was auch immer sie hätte sagen können, die junge Frau, die das Tablett gebracht hatte, war längst verschwunden.
»Keinen Hunger?«, fragte Miryam.
»Das auch nicht.« Ella verzog das Gesicht. »Aber auf der rechten Seite bin ich etwas behindert«, sie wies mit ihrem Kinn auf die Schulter in der Schlinge, »und könnte noch nicht einmal essen, wenn ich das wollte, weil ich das Tablett gar nicht heranziehen kann.«
»Dem kann man abhelfen.« Miryam trat auf sie zu und drehte das Tablett ganz über ihr Bett bis fast an ihre Brust.
Ella lachte leicht verlegen und rollte die Augen. »Und alle Knöpfe sind an der rechten Seite. Würden Sie bitte auch noch das Kopfende hochfahren?«
Mit einem suchenden Blick tastete Miryam die Seite des Bettes ab, fand die Fernbedienung und fuhr das Kopfende hoch, bis Ella »Danke, das ist genug« sagte.
Dennoch begann Ella nicht zu essen, sondern schaute unruhig zur Tür.
»Erwarten Sie jemanden?«, fragte Miryam.
»Die Schwester.« Ella atmete tief durch, um sich zu beruhigen. »Jemand muss sich um Inka kümmern. Sie ist seit gestern allein in der Wohnung. Ich war gerade auf dem Weg zurück, als –«
»Ihre Tochter?«, fragte Miryam.
Schmunzelnd schüttelte Ella den Kopf. »Meine Hündin.« Dann verschwand das Schmunzeln von ihrem Gesicht, machte einem besorgten Ausdruck Platz. »Ich muss meine Nachbarin anrufen. Sie hat einen Schlüssel.« Ihr Blick wanderte zu der Schublade am fahrbaren weißen Nachttisch.
Miryam nahm den Blick wahr und zog die Schublade heraus. Als sie das Handy in die Hand nahm, runzelte sie die Stirn. »Ich glaube, es hat keinen Strom mehr.«
Für einen Augenblick wurde Ella von Verzweiflung erfasst, und sie fühlte Tränen in ihre Augen steigen.
»Wie ist die Nummer?«, fragte Miryam. »Ich rufe an.«
Ella schluckte die Tränen herunter und rief sich die Zahlen mühsam ins Gedächtnis. Sie hoffte, dass es die richtigen waren, denn normalerweise verließ sie sich darauf, dass sie alle Nummern in ihrem Handy gespeichert hatte.
Miryam reichte ihr das Handy, während die Verbindung hergestellt wurde, hielt es aber automatisch an Ellas rechte Seite, da sie auf dieser Seite des Bettes stand.
»Links bitte«, sagte Ella.
»Ja, natürlich.« Schnell korrigierte Miryam die Richtung und bewegte das Handy nun vor Ellas linke Hand, die sich ihr entgegenstreckte.
Ella nahm es und wartete darauf, dass ihre Nachbarin abnehmen würde. Aber das tat sie nicht. Immer angespannter wurde ihr Gesichtsausdruck.
»Kein Netz?«, fragte Miryam.
Ella schaute auf das Display. »Doch, aber sie nimmt nicht ab.«
»Vielleicht hat sie das Handy nicht immer dabei.« Miryam runzelte die Stirn, und obwohl Ella unruhig darauf wartete, dass ihre Nachbarin abnehmen würde, bemerkte sie, dass unter dieser Stirn ein interessantes Augenpaar sie beobachtete. Sich darüber Gedanken zu machen, warum sie das interessant fand, dafür hatte sie im Moment allerdings keine Zeit.
»Kann sein«, antwortete sie. Als das Handy auf die Ansage des Anrufbeantworters umschaltete, sprach sie hastig eine Nachricht auf. Nervös beendete sie danach die Verbindung. »Inka ist ganz allein. Sie braucht Fressen und Wasser. Und sie muss raus.« Ihr Blick wanderte zum Knopf für die Schwester. »Können Sie vielleicht die Schwester rufen?«
»Die wird sich auch nicht darum kümmern«, sagte Miryam. Sie verzog etwas das Gesicht. »Ehrlich gesagt stehe ich nicht auf Hunde, aber ich kann in die Wohnung gehen. Wenn Sie mir den Schlüssel geben . . .«
»Das kann ich nicht von Ihnen verlangen.« Ella fühlte sich hilflos und verlegen. »Es war ja schon sehr nett, dass Sie mich ins Krankenhaus gebracht haben. Und dass Sie mich heute noch einmal besuchen.« Erst jetzt war sie überrascht, als sie darüber nachdachte. Bisher hatten andere Gedanken ihre Aufmerksamkeit davon abgezogen.
»Wo wohnen Sie?«, fragte Miryam. Sie griff in die immer noch offenstehende Schublade und zog einen Schlüssel heraus. »Ist das Ihr Wohnungsschlüssel?«
Ella nickte. »Aber Sie müssen nicht –«
»Ich muss los«, unterbrach Miryam sie. Sie lächelte leicht. »Termine, Termine. Sagen Sie mir einfach, wo ich hinmuss, dann fahre ich schnell dort vorbei.«
Die Sorge um Inka ließ alles andere in den Hintergrund treten. Ella gab Miryam ihre Adresse. »Meine Nachbarin wird bestimmt da sein«, fügte sie entschuldigend hinzu. »Vielleicht hat ihr Handy auch nur keinen Strom.«
»Mit dem Schlüssel ist das kein Problem«, rief Miryam schon im Hinausgehen, während das Schlüsselbund in ihren Fingern klimperte. »Da brauche ich Ihre Nachbarin nicht.«
Die Frau lebt anscheinend auf der Überholspur, dachte Ella verblüfft. Keine Zeit, keine Zeit. Das schien ihre Devise zu sein.
Umso erstaunlicher war es da, dass sie sich um Ella gekümmert hatte. Nicht nur hatte sie sie ins Krankenhaus gebracht, sondern verschwendete ihre kostbare Zeit auch noch an einen weiteren Besuch. Und die Folgen davon, wie zum Beispiel einen Abstecher zu Inka.
Wer war sie? fragte Ella sich. Bis auf ihren Vornamen wusste sie bislang nichts von ihr. Außer dass sie ziemlich . . . nun ja . . . gut aussah. Elegant irgendwie, und doch schien es so, als könnte sie auch ganz anders sein. Ihre Durchsetzungsfähigkeit stand wohl außer Frage.
Sie war wie eine dieser Frauen, die man immer in Werbespots sah. Die morgens supergestylt das Haus verließen und abends genauso zurückkehrten, ohne dass auch nur ein Härchen der perfekten Frisur verrutscht war. Die irgendwelche Vorträge hielten, charmant und kompetent, als ob das nichts wäre.
Ella fühlte sich selten so kompetent, und charmant . . . also da spielte Miryam offenbar in einer ganz anderen Liga. Verglichen mit ihr hätte Ella sich selbst eher in die Kategorie Trampel eingeordnet, obwohl sie das durchaus nicht immer so sah. Sie konnte schon etwas aus sich machen, wenn sie wollte, nur hatte sie selten Lust dazu – und ehrlich gesagt noch viel weniger Anlass.
Früher war sie auch einmal auf die eine oder andere Party gegangen, aber mittlerweile arbeitete sie so viel, dass sie sich in ihrer knappen Freizeit eher erholen wollte als sich noch mehr zu verausgaben. Zudem gaben ihr Partys nichts. Oberflächliche Musik, oberflächliche Leute, oberflächliche Gespräche – das war nichts als Zeitverschwendung. Da schlief sie lieber ein paar Stunden mehr in der Nacht.
Sie schloss ihre Augen und stellte sich die von Miryam vor. Interessante Augen, hatte es kurz in ihrem Kopf aufgeblitzt, und wenn sie länger darüber nachdachte, wurde ihr jetzt auch klar, warum.
Miryams Augen waren grau, aber sie strahlten, als wäre Grau eine faszinierende Farbe.
Warum habe ich das gesagt? dachte Miryam, während sie am Steuer ihres Wagens saß und durch die Stadt fuhr. Eigentlich hatte sie gar keine Zeit für zusätzliche Aufgaben oder Erledigungen. Ihr Tag war so schon mehr als ausgefüllt, und manchmal war es sogar schwer, ein paar Minuten für das zu finden, was unbedingt besprochen oder getan werden musste.
Und hier fuhr sie nun durch die Stadt, für eine wildfremde Frau – ja, das war sie, sie kannten sich überhaupt nicht – und noch nicht einmal für sie, sondern für ihren Hund. Hilfsbereitschaft war ja eine gute Sache, aber sie musste auch Grenzen haben.
Aber nun hatte sie es versprochen, und wenn sie etwas versprach, war das für sie wie eine Kette, an die sie gelegt worden war. Es gab keinen Weg, sich von einem Versprechen zu lösen, außer es zu erfüllen. Deshalb sollte sie vielleicht besser aufpassen, was sie versprach.
Normalerweise tat sie das auch, aber diese junge Frau . . . Die löste etwas in ihr aus, das sie nicht genau benennen konnte. Sie kannte sie nicht, und doch schien es ihr manchmal so, als hätten sie sich irgendwo schon einmal getroffen. Als hätten sie sich miteinander unterhalten und festgestellt, dass sie sich verstanden, als könnten sie sich vertrauen.
Vertrauen. Miryam stieß unzufrieden die Luft aus. Wem konnte man schon vertrauen? Ja, sie verließ sich auf ihre Mitarbeiter. Was die Arbeit betraf. Sie verließ sich auf Handwerker und Lieferanten. Und fiel oft genug damit herein. Aber auch das war Arbeit. Damit musste man rechnen.
Aber privat? Konnte man privat irgendjemandem vertrauen, sich auf irgendjemanden verlassen? Die meisten versprachen viel und hielten wenig. Oder sie versprachen einem etwas, damit sie das bekamen, was sie selbst haben wollten. Eine Frau konnte Sex versprechen – und den bekam man dann auch. Aber wenn sie bekommen hatte, was sie wollte, zeigte sie ihr wahres Gesicht. Oder war gleich ganz verschwunden. Unter Umständen auch mit etwas in der Tasche, das nicht ihr gehörte.
Geschäftspartner konnte Miryam ganz gut einschätzen. Auch bei Mitarbeitern hatte sie sich selten geirrt. Aber privat . . . privat hatte sie das Gefühl, dieses Talent schon lange verloren zu haben. Falls sie es je besessen hatte. Na ja, vielleicht ganz am Anfang . . .
Aber nein, auch da nicht. Schon ihre Mutter hatte ihr Versprechen nicht gehalten, die Familie, die sie gegründet hatte, auch zu versorgen, sich um sie zu kümmern. Und ihr Vater hatte diese Absicht ohnehin nie gehabt. Er hatte eine Familie gehabt, weil sich das so gehörte. Nicht unbedingt, weil er eine wollte. Und das hatte er sie alle auch immer spüren lassen.
Deshalb waren Geschäftsbeziehungen besser. Da gab es Verträge, und die mussten beide Seiten einhalten. Wenn sie nicht eingehalten wurden, gab es legale Mittel, dagegen vorzugehen. Das war nichts Persönliches. Und es war ganz klar, was welche Seite zu leisten hatte. Was nicht im Vertrag stand, wurde auch nicht erwartet.
Im Privatleben war das anders. Da waren die Dinge, die man zu tun und zu lassen hatte, durch Vereinbarungen geregelt, die in keinem Vertrag standen. Deshalb konnte man sie auch nicht einklagen. Erwartungen an eine andere Person konnte man haben, aber man durfte nicht damit rechnen, dass sie auch erfüllt wurden. Deshalb war es am besten, man schraubte seine Erwartungen so weit herunter, dass man gar nicht erst enttäuscht werden konnte.
Und doch machte sie sich immer wieder Hoffnungen. Manche Frauen hatten es sehr gut raus, diese Hoffnungen auszunutzen. Es schien, als hätten sie ein eigenes Organ dafür. Sie konnten sich so verstellen, dass nichts von ihrer wahren Persönlichkeit an die Oberfläche drang. Bis es zu spät war.
Machte sie sich schon wieder Hoffnungen, obwohl sie sich eigentlich vorgenommen hatte, das nie mehr zu tun?
Aber diese junge Frau . . . Nein. Das konnte nicht sein. Sie war viel zu jung. Sie hatte ganz andere Interessen, ein ganz anderes Leben. Nichts davon war wahrscheinlich mit Miryam vergleichbar.
Aber sie lebte anscheinend allein und hatte einen Hund. Viele junge Leute lebten noch bei den Eltern. Ließen sich versorgen, statt sich selbst um ihr tägliches Leben zu kümmern. Blieben solange Kinder, wie ihre Eltern es erlaubten, und kümmerten sich um nichts als sich selbst, als vielleicht den nächsten Rave, auf dem sie ihre Zeit verschwendeten, eventuell sogar noch unter Drogeneinfluss, was die Verschwendung noch massiver machte.
Diese junge Frau sah nicht so aus. Sie machte sich Sorgen um ihren Hund. Sie übernahm Verantwortung, statt sie auf ihre Eltern oder irgendjemand anderen abzuschieben. So jung sie auch war, aber sie war kein Kind mehr.
Nein, ein Kind war sie wirklich nicht . . . Miryam schluckte. Unter dem dünnen Krankenhaushemdchen hatte sie ihre Brüste gesehen. Das waren keine Teenagerbrüste, das waren die Brüste einer Frau.
An so etwas sollte ich jetzt nicht denken. Sie ist krank!
Aber eines Tages wird sie ja wieder gesund sein . . .
»Sie haben Ihr Ziel erreicht.« Die unerotische Frauenstimme aus dem Navi machte all ihre Phantasien schon im Anfangsstadium zunichte.
Sie seufzte. »Na, dann kümmern wir uns erstmal um den Hund. Alles Weitere wird sich finden.«
Alles Weitere? Was denn Weiteres?
Aber diese Frage aus ihrem Inneren beantwortete Miryam nicht, sondern stieg mit einem entschlossenen Gesichtsausdruck aus.
»Sind Sie Ella Cziebinsky?« Von einer ziemlich harten Stimme wurde Ella geweckt.
Etwas verwirrt öffnete sie die Augen und sah eine Frau vor sich, die sie noch nie zuvor gesehen hatte. »Ja?«, murmelte sie schläfrig.
»Sie haben die Versicherungsunterlagen nicht vollständig ausgefüllt.« Die Frau trat auf sie zu und hielt ihr mit einer Gehorsam einfordernden Geste ein Klemmbrett entgegen, auf dem sich offenbar ein paar Formulare befanden.
Mit ihrer linken Hand zeigte Ella auf ihren verletzten rechten Arm. »Ich kann im Moment nicht schreiben. Ich bin Rechtshänderin.«
Mit zusammengezogenen Augenbrauen starrte die Frau sie an, als hätte Ella sie mit ihrer Antwort persönlich angegriffen oder beleidigt. Sie war klein und schmächtig, eine Frau in mittleren Jahren mit einem grauen Schimmer in ihrem kurzen dunklen Haar, aber von ihrer Ausstrahlung her hätte sie genauso gut der Bulldozer sein können, von dem Ella das Gefühl hatte, dass er sie hätte überfahren haben können.
»Dann diktieren Sie mir eben«, beschloss sie offensichtlich widerwillig und platzierte das Klemmbrett wieder vor ihrer eigenen, recht opulenten Brust. »Bei welcher Versicherung sind Sie?« Abschussbereit wie ein Dartpfeil lag der Kugelschreiber in ihrer Hand.
Das habe ich kommen sehen. Ella seufzte innerlich. Aber was nützte es? Sie musste die Wahrheit sagen. »Ich bin bei keiner Versicherung«, erklärte sie korrekterweise. »Ich kann mir keine Krankenversicherung leisten.«
Die bislang verkrampft zusammengezogenen Augenbrauen der Frau schossen in die Höhe. Sie waren ebenso dunkel wie ihr Bürokostüm, das sie fast wie eine Uniform als eine Verwaltungsangestellte des Krankenhauses auswies. Sonst hätte sie ja einen weißen Kittel getragen. »Und wer bezahlt dann Ihren Aufenthalt hier? Sie selbst?«
Bedauernd schüttelte Ella den Kopf. »Das werde ich wohl nicht können. Jedenfalls nicht alles auf einmal. Aber ich verspreche Ihnen, dass ich das in Raten abzahlen werde, bis alles bezahlt ist.« Sie holte tief Luft. »Egal, wie lange es dauert.«
»Dreißig Tage«, gab die Angestellte trocken Auskunft.
Entsetzt riss Ella die Augen auf. »Dreißig . . . Tage?«
»Nach Erhalt der Rechnung«, präzisierte die Hüterin der Verwaltungsunterlagen das. »Die Sie bekommen, nachdem Sie entlassen worden sind. Jetzt müssen Sie noch nichts bezahlen.«
»Na, das tröstet mich jetzt aber sehr.« So schockiert, wie Ella war, konnte sie das nur ironisch kommentieren und atmete aus. »Aber auch nach dreißig Tagen werde ich nichts zahlen können. Eine kleine Summe vielleicht, aber auf keinen Fall die ganze Rechnung. Denn die wird ja nicht nur fünf Euro betragen.«
Beinah bestürzt sah die Frau sie an. »Fünf Euro? Sie denken, die Behandlung hier kostet nur fünf Euro?«
»Nein, natürlich denke ich das nicht.« Automatisch wollte Ella den rechten Arm heben, um abzuwinken, aber da spürte sie sofort einen stechenden Schmerz, der sie im selben Moment, als sie das versuchte, erstarren ließ.
»Also, Sie können nicht bezahlen«, schloss die Verwaltungsangestellte aus dem, was sie nun an Informationen von Ella bekommen hatte, und wirkte so, als hätte Ella das Krankenhaus oder sogar sie ganz persönlich mit Absicht betrügen wollen.
»Nein, kann ich nicht.« Ella seufzte. »Das sagte ich ja schon. Höchstens in ganz kleinen Portionen. Sobald ich wieder gesund bin und arbeiten kann. Aber etwas anderes kann ich Ihnen nicht versprechen. Dann würde ich lügen.«
»Das hätten Sie gleich bei Ihrer Ankunft auf dem Formular angeben müssen.« Die Frau war offensichtlich erbost. Was bei ihrer Verständnislosigkeit für die Situation aber vielleicht auch kein Wunder war.
In meinem Zustand? dachte Ella völlig verblüfft. Wie hätte ich das denn machen sollen?
»Und was hätten Sie dann getan? Sie einfach im Straßengraben liegen lassen?«, fragte da eine Stimme von der Tür her.
»Nein, natürlich nicht.« Jetzt war die Angestellte des Krankenhauses noch mehr verärgert. »Wir leisten auf jeden Fall Erste Hilfe. Dazu sind wir verpflichtet.«
»Aha«, sagte Miryam. »Aber zu mehr nicht. Ist das richtig?«
Der Feldwebel schien überfordert.
»Auf jeden Fall brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, wer dafür die Rechnung bezahlt«, fuhr Miryam ganz geschäftsmäßig fort. »Ich bürge dafür.« Sie zog eine Visitenkarte aus der Tasche und hielt sie der Verwaltungsangestellten hin. »Hier sind meine Daten. Die können Sie jetzt gleich in Ihre Unterlagen aufnehmen, damit sie . . . vollständig sind.«
Schon vorher war die Schreibtischstute überfordert gewesen, jetzt sah man es ihr noch deutlicher an. »Sind Sie mit Frau Cziebinsky verwandt, Frau . . .«, sie blickte auf die Visitenkarte und las den Namen, »Marhold?«, fragte sie völlig verdattert.
»Geht Sie das etwas an?«, fragte Miryam leicht süffisant zurück. »Ihnen geht es doch nur darum, dass Sie Ihr Geld bekommen. Und das werden Sie. Darauf können Sie sich verlassen.« Sie wies mit dem Kopf zur Tür. »Würden Sie jetzt bitte gehen? Ich glaube, hier ist für Sie alles erledigt.«
Einen Augenblick zögerte die Angestellte noch, als ob Sie sich nicht entscheiden könnte, ob sie Miryam glauben sollte oder nicht, doch dann griff sie nach der Visitenkarte, klemmte sie auf ihr Brett, drehte sich um und verließ das Zimmer.
»Das können Sie nicht tun«, protestierte Ella schon, als die Frau im dunklen Kostüm noch nicht einmal ganz aus ihrem Blickfeld verschwunden war. Zuvor war ihr das vor lauter Erstaunen über Miryams Verhalten gar nicht möglich gewesen. Es hatte sie völlig auf dem falschen Fuß erwischt, so sehr hatte es sie überrascht. So etwas hatte sie noch nie erlebt. »Ich kann die Rechnung nicht bezahlen, und das heißt, Sie müssten sie bezahlen. Das geht nicht.«
»Warum sollte das nicht gehen?« Miryam legte ihre durchsetzungsfähige Oberfläche nicht ab, aber sie versüßte sie mit einem leichten Lächeln. »Es ist doch nur Geld. Geld ist nicht wichtig.«
Etliche Sekunden lang starrte Ella sie entgeistert an. »Wenn man es hat«, brachte sie dann etwas überrumpelt hervor. »Sonst kann es auf einmal sehr wichtig werden. Wenn man zum Beispiel einen Unfall hat, mit dem man nicht gerechnet hatte.«
»Übrigens: Inka geht es gut«, erklärte Miryam beiläufig, als ob sie gar nicht gehört hätte, was Ella gesagt hatte. Zumindest wollte sie offensichtlich nicht darauf eingehen. »Nur zu Ihrer Beruhigung. Ihre Nachbarin hatte sich tatsächlich schon um sie gekümmert, bevor ich kam. Sie hat für alles gesorgt, und sie ist jetzt auch bei ihr.«
Sofort vergaß Ella alles, was sie zuvor vielleicht bedrückt haben mochte. Ein großer erleichterter Seufzer entrang sich ihrer Brust. »Das ist gut. Danke.«
Abwehrend hob Miryam die Hände. »Ich habe nichts getan. Ihre Nachbarin verdient den Dank. Sie ist eine sehr nette Frau, wie mir scheint.«
»Ja, das ist sie.« Ella lächelte. »Sie redet mir immer zu, dass ich mir endlich einen festen Job mit Versicherung und allem besorgen soll. Sie ist wie eine Mutter zu mir.« Mit gerunzelter Stirn hob Ella die Augenbrauen. »Vielleicht hätte ich mal auf sie hören sollen. Aber das ist gar nicht so leicht.«
»Auf jemanden zu hören?«, fragte Miryam anscheinend verwundert.
»Einen versicherungspflichtigen Job zu finden, wenn man keine richtige Ausbildung hat«, erklärte Ella.
»Sie haben keine Ausbildung?« Das überraschte Miryam sichtlich.
»Ein abgebrochenes Studium«, sagte Ella. »Das zählt glaube ich nicht.«
»Dann nehmen Sie das Studium doch einfach wieder auf.« Für Miryam schien das die logische Folge zu sein.
»Einfach«, wiederholte Ella seufzend. »Wenn das so einfach wäre. Auch für ein Studium muss man Geld haben. Meinen Lebensunterhalt muss ich weiterhin verdienen. Und dazu noch in die Uni gehen. Was die Möglichkeit, Jobs zu finden, noch weiter einschränkt. Das kann ich mir nicht leisten. Entweder ich arbeite und kann meine Miete und mein Essen bezahlen – und das für Inka – oder ich studiere und kann gar nichts bezahlen. Was würden Sie da wählen?«
»Immer das, was auf lange Sicht sinnvoller ist«, sagte Miryam. »Und das wäre eindeutig ein Studium. Ein abgeschlossenes Studium. Oder eine abgeschlossene Ausbildung.«
»Sicherlich.« Dem konnte Ella vernünftigerweise nur zustimmen. Im Grunde genommen dachte sie ja dasselbe. »Aber es ist nicht so leicht, wieder reinzukommen, wenn man erst einmal aufgehört hat. Das habe ich schon versucht.«
»Sie haben es versucht?«
»Ja.« Ella nickte. »Aber da konnte ich schon nach kurzer Zeit meine Miete nicht mehr bezahlen. Also ging es einfach nicht mehr.«
»Ihre Eltern haben keine Möglichkeit, Sie zu unterstützen?« Fragend hob Miryam die Augenbrauen.
»Meine Eltern . . .«, Ella schluckte, »sind tot. Das heißt, meine Mutter. Wo mein Vater ist, weiß ich nicht. Er hat uns . . . schon vor langer Zeit verlassen.« Sie zuckte die Schultern oder jedenfalls eine Schulter, weil die andere nicht mitmachte. »Deshalb wollte meine Mutter immer, dass ich studiere. Damit ich auf eigenen Füßen stehen kann. Das war für sie nämlich sehr schwer, nachdem mein Vater fort war. Weil sie keine Ausbildung hatte.«
»Aber solange Ihr Vater da war, hat er Ihre Mutter versorgt.« Miryam runzelte die Stirn. »Das ist natürlich auch eine Möglichkeit.«
Ungläubig lachte Ella auf. »Sie meinen, ich sollte mir jetzt irgendjemanden suchen, der für meinen Lebensunterhalt sorgt? Weil ich das nicht selbst kann?«
»Im Moment sind Sie ja im Krankenhaus«, entgegnete Miryam mit der ihr anscheinend eigenen unwiderlegbaren Logik. »Da werden Sie versorgt.«
Ella seufzte. »Ewig werden die mich wohl nicht hierbehalten. Vor allen Dingen jetzt, wo sie wissen, dass ich meine Rechnung nicht bezahlen kann.«
»Sie haben doch gesehen, dass das für den Moment erledigt ist«, gab Miryam fast gelangweilt zurück, während sie anscheinend über etwas anderes nachdachte und ziellos in die Gegend schaute.
»Ich kann sowieso nicht hierbleiben. Wegen Inka.« Besorgt schüttelte Ella den Kopf. »Meine Nachbarin kann sie nicht dauerhaft versorgen. Sie muss auch arbeiten. Und hier ins Krankenhaus kann ich keinen Hund holen.« Sie blickte auf den Rufknopf an ihrem Bett. »Am besten, ich sage denen hier gleich, dass sie mich entlassen sollen. Ich muss nach Hause. Mir bleibt gar nichts anderes übrig.« Sie versuchte, sich im Bett hochzuziehen, wurde jedoch durch den Schmerz daran gehindert, sodass ihr Gesicht sich ganz von selbst in gequälte Falten legte.
»Das hat doch keinen Sinn so«, sagte Miryam, deren Aufmerksamkeit wieder zu Ella zurückgekehrt war. »Sie kommen einfach mit zu mir. Da können Sie auch Ihren Hund mitbringen.«
Ella wäre auf einmal plötzlich fast die Kinnlade heruntergefallen, die sie eben noch vor Schmerz verkrampft an ihren Oberkiefer gepresst hatte. »Zu . . . Ihnen . . .?«, stammelte sie entgeistert.
»Warum nicht?« Beinah gleichgültig zuckte Miryam die Schultern. »Ich habe ein großes Haus. Da ist Platz genug. Und außer mir lebt da nur noch meine Schwester. Die in Ihrem Alter ist.«
Das alles überrumpelte Ella jetzt etwas zu sehr. Sie war für ein paar Sekunden sprachlos. »Das geht nicht«, erwiderte sie dann entschieden.
»So wie es nicht geht, dass ich die Rechnung für Sie hier im Krankenhaus bezahle?« Miryam lächelte sie auf eine fast mütterliche Art an. Dann hob sie eine Hand. »Sehen Sie es doch einmal so. Jeden Tag weniger, den Sie hier im Krankenhaus sind, müssen Sie nicht bezahlen. Sie sparen also Geld, das Sie mir dann auch nicht zurückzahlen müssen.«
»Der Aufenthalt bei Ihnen wäre kostenlos?« Mit zusammengepressten Lippen schüttelte Ella erneut den Kopf. »Das geht schon mal gar nicht.«
Miryams Mundwinkel zuckten. »Gibt es bei Ihnen irgendetwas, das geht? Oder lehnen Sie jede Hilfe grundsätzlich ab? Aus Prinzip?«
»Ich brauche keine Hilfe«, erwiderte Ella automatisch.
»Aber ich«, sagte Miryam. »Mit meiner Schwester. Die zwar genauso jung ist wie Sie, aber auf keinen Fall so arbeitsam. Da ich den ganzen Tag nicht zu Hause bin, brauche ich jemand, der auf sie aufpasst. Sie sollte eigentlich studieren, aber das tut sie nicht. Vielleicht braucht sie einfach nur das richtige Vorbild.«
»Ich studiere nicht mehr«, erklärte Ella noch einmal. »Das habe ich Ihnen doch schon gesagt.«
»Aber Sie würden, wenn Sie könnten.« Miryams Logik war wirklich schwer etwas entgegenzusetzen. »Meine Schwester könnte, aber sie tut es nicht.«
»Ich kenne Ihre Schwester ja noch nicht einmal.« Ellas Widerstand ließ nach. Jetzt nach dem Unfall hatte sie nicht die Kraft, solche Diskussionen zu führen.
Außerdem befand sie sich ganz eindeutig in einer Zwickmühle. Und Miryam baute ihr eine Treppe nach draußen. Sie verstand nur nicht, warum.
»Erlauben Sie, dass ich mit dem Arzt rede?«, fragte Miryam mit leicht schiefgelegtem Kopf. »Ich möchte gern abklären, was Sie zu Hause noch an Versorgung brauchen.«
Wenn sie von dieser Diskussion nicht schon so erschöpft gewesen wäre, hätte Ella am liebsten die Augen gerollt. Ein Nein schien diese Frau nicht zu akzeptieren.
