Mischa - Valerie le Fiery - E-Book

Mischa E-Book

Valerie le Fiery

0,0
5,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Mischa, zwanzig Jahre jung, lebt in einem eher winzigen Dorf im tiefsten Bayern. Seine Zukunft ist komplett verplant, genau wie die seiner sämtlichen Freunde im Dorf. Er soll nach alter Tradition in die Fußstapfen seines Vaters treten und den familiengeführten Bauernhof übernehmen. Als er jedoch die ständigen Nörgeleien seiner Oma, die ihm jeden Spaß verbieten und ihn sogar möglichst schnell verheiraten möchte, endgültig satthat, bricht er aus. Spontan belädt er eines Nachts sein Auto und fährt einfach los. Endstation Freiheit. Wird er in der Großstadt das finden, was er sucht? Liebe? Glück? Und die Antwort auf die Frage: Bin ich schwul?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Mischa

Liebe ist universell

Frank Böhm

Valerie le Fiery

Impressum

Frank Böhm

Plinkstr. 137

25337 Elmshorn

[email protected]

Valerie le Fiery c/o Schulze

Salzbrückerstr. 27

21335 Lüneburg

[email protected]

Das Autorenduo ist zusätzlich zu erreichen unter

[email protected]

Autoren: Frank Böhm, Valerie le Fiery

Coverfotos © 1210032583 und 2124502409

www.shutterstock.com

© 2024 Frank Böhm, Valerie le Fiery

Der Inhalt des Buches sagt nichts über die sexuelle Ausrichtung des Covermodels aus.

Die Handlung, die Namen der handelnden Personen sowie alles Weitere sind rein fiktiv und frei erfunden, Orte, Veranstaltungen und eventuelle Sehenswürdigkeiten allerdings echt. Ähnlichkeiten mit realen Personen oder Geschehnissen sind unbeabsichtigt und zufällig. Diese Aussage betrifft sowohl die Vergangenheit als auch die Gegenwart, sowohl lebende als auch bereits verstorbene Personen.

Alle Rechte sind vorbehalten.

Dieses Buch, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt und darf ohne Zustimmung der Autoren nicht vervielfältigt oder weiterverbreitet werden.

Treffpunkt Dorfkneipe

Omas Plan

Hexenkessel

Auf in ein neues Leben

Ein großer Schritt

Eine Freundschaft entsteht

Bier, Pizza und Naschkram

Samstagshighlights

Sonntagskater

Jobsuche

Versagensängste

Shopping und mehr

Geheimnisse

Aachener Girls

Ein typischer Wochenbeginn

Glücksgefühle

Ernst des Lebens

Kalle

Nachtleben in der Domstadt

Innere Schwäche und äußere Stärke

Begegnungen

Pfingstmontag

Immer Ärger mit Luc

Falsche Entscheidungen

Immer wieder freitags

Die Suche nach dem Nonplusultra

Abschied

Zurück in Köln

Gefühle brechen durch

Mein Nonplusultra

Was sonst noch geschah …

Auf ein paar letzte Worte …

Über das Autorenduo

Treffpunkt Dorfkneipe

„Bleibst du noch auf ein Bier, Mischa?“

Augenrollend drehe ich mich um und sehe meinem Kumpel und ehemaligen Schulkameraden Thomas ins Gesicht.

„Eigentlich wollte ich heim. Um fünf Uhr klingelt der Wecker. Habe ja leider wieder mal Kuhmelkdienst.“

„Ach, dein Alter soll sich mal nicht so anstellen. Könnte er ja auch selbst machen. Seit du den Hof quasi allein schmeißt, hast du nie mehr Zeit für nette Sachen. Als wir noch zur Schule gingen, war das anders. Und? Trinken wir jetzt noch was oder nicht?“

Recht hat er ja eigentlich. Wieso zum Teufel muss ich um neun Uhr im Bett liegen? Nur des Hofes wegen? Kann eigentlich nicht sein. Paps ist zwar seit einigen Monaten ein bisschen kränklich und deshalb muss ich für zwei Personen arbeiten, doch darunter darf die Freizeit nicht dermaßen leiden. Und erst recht nicht der Kontakt zu meinen Freunden.

„Na gut! Hast mich überredet! Geht auf mich. Sepp, machst du uns noch zwei Bier?“

Der Wirt schaut zu Thomas und mir hoch und macht eine nickende Kopfbewegung, bevor er zwei frische Gläser unter den Zapfhahn stellt und diese volllaufen lässt.

„So gefällst du mir wieder. Aber sag mal, was ist denn genau mit deinem Vater? Ist er wirklich krank oder nutzt er dich aus?“

„Er hat was mit dem Blutdruck und sein Kreislauf ist auch in Mitleidenschaft gezogen worden. Mehr weiß ich auch nicht“, antworte ich mit gedämpfter Stimme, damit nicht jeder der anderen Gäste mitbekommt, was ich sage. Schließlich kennt in diesem Dorf jeder jeden, und darum gibt es natürlich auch viel Getratsche. Leider wird dabei nicht immer die Wahrheit weitergetragen. „Das frühe Aufstehen fällt ihm daher sehr schwer, er braucht erst eine gewisse Anlaufzeit, deshalb muss ich das Vieh versorgen und die Ställe ausmisten. Vielleicht …“

Ich beende meinen Satz abrupt, da ich nicht schon wieder über meine verstorbene Mutter sprechen will. Das gehört für mich nicht in diese Pinte. Und ich möchte auch meine Kumpels nicht damit behelligen. Zwei Jahre liegt ihr Tod nun mittlerweile zurück. Ich war damals achtzehn! Es war eine reine Verkettung ziemlich unglücklicher Umstände im Straßenverkehr. Doch das nur am Rande.

„Prost, Jungs!“, ruft Sepp uns zu und stellt die Gläser auf die Theke. Ich lächele ihn an und deute mit einer Handbewegung auf das Bier, das nun vor Thomas und mir steht.

„Vielleicht was?“, hakt Thomas neugierig nach. „Nutzt er dich nun aus, oder nicht?“

„Nix! Und ja, eventuell pflegt er seine Krankheit ein bisschen. Ich weiß es nicht genau. Aber das ist völlig egal. Obwohl, nee, eigentlich nicht. Du kannst froh sein, dass ihr keinen Hof habt wie wir. Das Arbeiten in der Schreinerei deiner Eltern ist bestimmt wesentlich angenehmer. Klar, du wirst auch kräftig ranmüssen. Dein Dad wird dir unter Garantie nix schenken. Aber ich, ich habe nicht mal ein freies Wochenende. Jeden Morgen dieses beschissene Aufstehen, kein Samstag, kein Sonntag. Die Tiere kennen nun mal keine Auszeit. Und seit Ma nicht mehr da ist …“

Fuck! Jetzt ist es mir doch rausgerutscht. Ich wollte eigentlich nicht darüber reden. Aber es kam mir einfach so über die Lippen.

„Ja, ich weiß!“, antwortet Thomas sofort. „Das war echt tragisch und tut mir nach wie vor sehr leid. Aber das ändert nichts daran, dass ich den Eindruck habe, dass dein Dad dich ausnutzt. Klar, bei meinem Vater werde ich auch nicht gerade geschont, trotzdem er ist wesentlich harmloser als deiner.“

„Das ist wohl so“, stimme ich zu. „Aber sag mal, willst du die Schreinerei eigentlich irgendwann mal übernehmen?“

„Werde ich wohl. Ich fange mit der Meisterschule an, sobald das möglich ist, und wenn ich den Brief in der Tasche habe, kann Papa etwas kürzertreten. Meine Schwester macht dann die Buchhaltung für uns, bis dahin hat sie auch ausgelernt. Aber jetzt erzähl doch mal, Mischa! Wie soll es denn mit dir nun eigentlich weitergehen?“

Zum zweiten Mal an diesem Abend verdrehe ich die Augen. Allein der Gedanke daran, was ich Thomas nun erzähle, sorgt bei mir für ein flaues Gefühl im Magen. Bevor ich zu reden beginne, nehme ich einen großen Schluck Bier. Anschließend hole ich tief Luft und versuche, es so positiv wie möglich rüberzubringen.

„Papa will, dass ich den Hof übernehme. Hast bestimmt mit genau dieser Antwort gerechnet, oder? Ist ja auch klar, geht schließlich schon in die fünfte Generation. Also werde ich dem Dorf, genau wie du, erhalten bleiben. Sicherlich werden wir hier in zwanzig Jahren immer noch vor der Theke stehen und unser Bierchen trinken. Du als Inhaber einer Schreinerei und ich als Landwirt. Alles schön und gut! Bayern ist toll und meine Heimat. Ich liebe diesen Ort, habe nie woanders gelebt, daher stellt sich mir nicht die Frage, jemals etwas anderes zu tun.“

Gut gebrüllt, Löwe! Denn mit meiner Aussage habe ich nicht ganz die Wahrheit gesagt. Eher alles nur gut verpackt! Eigentlich möchte ich diesen Bauernhof nämlich gar nicht. Mich reizen andere Dinge. Ich möchte was von der Welt sehen, Abenteuer erleben und irgendwo ein eigenständiges Leben aufbauen — unabhängig von diesem verfluchten Landwirtschaftsbetrieb, der meiner Familie schon gefühlt seit dem Mittelalter gehört. Doch das wird mir wohl verwehrt bleiben. Wie so vielen anderen Menschen, die hier geboren sind. Sepp steht schon hinter seinem Zapfhahn, seit ich denken kann. Es gab gefühlt nie einen anderen Wirt hier im Ort. Doch auch er hat die Kneipe von seinem Vater übernommen und wird diese höchstwahrscheinlich auch irgendwann mal an seine Kinder übergeben. Thomas hat sich der Schreinerei verschrieben und ist damit offensichtlich sogar zufrieden. So euphorisch, wie er eben von der Meisterschule gesprochen hat, kann ich davon ausgehen, dass er mit seinem Leben im Reinen ist. Aber was ist mit mir? Bin ich wirklich der geborene Landwirt und stolze Hofbesitzer? Der Bauer, der mit Gummistiefeln und dunkelgrünem Hut auf seinem Traktor sitzt, Felder bestellt und Kuhställe ausmistet? Ja, möglicherweise bin ich das! Sogar jetzt schon, denn genau das tue ich ja bereits. Nur mit dem Unterschied, dass ich bislang der Junior bin. Doch wie lange noch? Wenn ich erst mal alles in meiner Hand habe, ist es zu spät. Gefangen in einem Dorf, das zwar ein Stück weit zu mir gehört, jedoch nicht zu meinen Lebenszielen zählt. Wie soll ich mich nur dagegen wehren?

„Mischa, wenn es erst mal dein Hof ist, werden wir mit den ganzen Jungs bei dir zu Hause eine Scheunenparty veranstalten. Was hältst du davon?“

Stumm reibe ich mir die Augen und atme tief aus. Scheunenparty! Ist das wirklich sein Ernst? Das muss ich erst mal verdauen.

„Lässt sich bestimmt organisieren!“, antworte ich nach einem kurzen Zögern. Ob diese besagte Feier jedoch jemals stattfinden wird, kann ich nicht mit Sicherheit behaupten. Doch wenn ich ihm das sage, wird er es bestimmt nicht verstehen. So ein Mist, ich mag Thomas sehr, doch warum ist er so glücklich in seiner Situation? Eine eigene Schreinerei. Ist das genau das, was er wirklich will?

Und wenn ich den Hof nicht übernehmen möchte, was genau soll ich dann machen? Außer Reisen und Abenteuer erleben? Diese Fragen machen mich ratlos und daher ist es besser, solche Gedanken nicht weiter zu vertiefen.

„Nun lass den Kopf mal nicht gleich hängen“, ermuntert mich Thomas, leert sein Glas fast in einem Zug und ruft dem Wirt prompt zu, dass der zwei weitere Bierchen fertig machen soll. Meinen Protest lässt er gar nicht erst gelten und so kommt es, dass sich zu meinem halb vollen Glas kurze Zeit später noch ein weiteres, bis zum Rand gefülltes gesellt. Ob ich wirklich dermaßen viel trinken sollte? Immerhin muss ich früh hoch und vor allem von hier aus noch nach Hause fahren. Auf dem Dorf wird man zwar nicht so schnell kontrolliert, der Dorfsheriff kennt seine Pappenheimer schließlich, doch ich muss es ja echt nicht provozieren, dass ich meinen Lappen verliere. Mein Vater würde mich umbringen, wenn ich wegen ein paar Bierchen nicht mehr mit dem Traktor oder dem Mähdrescher fahren könnte, weil ich für ein paar Wochen keinen Führerschein mehr hätte. Obwohl wir uns auf Viehzucht spezialisiert haben, so besitzen wir doch eine ganz beachtliche Menge an Feldern mit Getreide und sonstigen Pflanzen, die allesamt gesät, gepflanzt, gepflegt und letztlich geerntet werden müssen.

Derzeit haben wir gerade besonders viel zu tun, im Frühling sprießen halt nicht nur die Sachen, die wir angebaut haben, sondern leider auch das Unkraut, wobei die Bezeichnung eigentlich nicht sehr nett ist, schließlich weiß das Kraut ja nicht, dass es uns stört. Sagen wir halt Wildkraut, aber auch das muss in Schach gehalten werden. Von daher sind freie Abende oder sogar mal halbe Tage echt selten.

„Mach ich doch gar nicht“, antworte ich auf Thomas’ letzte Aussage, hebe mein Glas und leere es ebenfalls. Scheiß drauf, jetzt ist es sowieso egal. Dann hab ich eben einen kleinen Schwips, mir wurscht. Schließlich bin ich jung und will auch mal meinen Spaß haben. Immerhin bin ich volljährig und wenn ich wollte, könnte ich von heute auf morgen dieses Dorf und unseren Hof verlassen. Ich mache es nur nicht, weil mein Vater mir leidtun würde. Und weil meine Mutter hier begraben liegt. Dieser verdammte Unfall. Seufzend drehe ich das leere Glas zwischen den Fingern und schaue durch die Schaumreste hindurch zur Dartscheibe, die an der gegenüberliegenden Wand hängt. Wie lange habe ich eigentlich schon nicht mehr gespielt? Nie habe ich die Gelegenheit dazu, zumindest nicht in dieser Jahreszeit. Und die Tiere sind eh immer da. Aber an dem Punkt war ich ja vorhin schon mal mit meinen Gedanken, irgendwie drehen sich die dauernd im Kreis.

„Weißt du, ich freue mich schon auf die Zeit, wenn ich endlich selbst wirtschaften kann, eine Frau und Kinder habe und nur mir selbst Rechenschaft ablegen muss.“

Was faselt der da? Hab mich wohl verhört. Wie kann man denn in dem Alter an so was wie Frau und Kinder denken?

„Das ist ja noch eine ganze Weile hin, bis du so weit bist“, gebe ich zurück und nippe an meinem vollen Bier. Wenn es nun halt da ist, kann ich es auch trinken, oder? „Erst mal Schreinermeister werden, das ist doch das Wichtigste, oder etwa nicht?“, fahre ich fort.

„Klar, aber ein bisschen planen muss schon sein.“

Kopfschüttelnd sehe ich Thomas an. Der ist zwanzig, so alt wie ich. Und ich habe das Gefühl, dass er sein Leben jetzt schon komplett durchgetaktet hat. Bis zur Rente könnte man sagen, wenn er nicht gerade selbstständig werden würde, aber eben bis zum Ruhestand, wie weit entfernt der auch noch sein mag. Ob er auch plant, was er nächste Woche Montag essen will? Oder wann die Kinder zu kommen haben, welches Geschlecht sie haben sollen und dass der Junge — denn dass er einen bekommt, steht für ihn sicher außer Frage — Schreiner werden und den Betrieb natürlich ebenfalls weiterführen muss. Irgendwie wirkt Thomas alt. Sorry.

„Na, ihr zwei“, ertönt es plötzlich laut neben uns und noch ehe ich mich umdrehen kann, klatscht mir jemand seine Hand auf die Schulter. Natürlich erkenne ich die Stimme, es ist Theodor, genannt Theo, er war in der Parallelklasse, ist so alt wie wir und seinem Vater gehört das hiesige Sägewerk. Und natürlich ist er ebenfalls von seinen Eltern als Nachfolger eingeplant, vor allem, weil er, genau wie ich, das einzige Kind ist. Irgendwie sind wir alle Gewinner. Oder Verlierer, je nachdem, aus welcher Sicht man das Ganze betrachten möchte. Gewinner in den Augen der anderen, denn unsere Zukunft scheint abgesichert und klar. Verlierer zumindest meiner Meinung nach, schließlich ist unser Leben bis ins kleinste Detail vorgezeichnet, wir haben einfach keine andere Wahl. Wir müssen uns fügen und nach alter Tradition handeln, ob es uns nun passt oder nicht. Wir werden nicht gefragt. Ich kann gar nicht mit Worten beschreiben, wie ungerecht ich das finde und wie sehr ich all die jungen Menschen beneide, die mit ihrem Leben das anstellen dürfen, was immer sie wollen. Sogar Künstler können sie werden. Oder ein Jahr durch die Welt reisen.

„Hey, Theo“, begrüße ich den Neuankömmling. „Gut, dass du kommst, dann hat Thomas noch ein bisschen Gesellschaft, denn ich muss jetzt echt langsam los. Mein Wecker klingelt um fünf. Ihr zwei Holzwürmer werdet euch sicher auch ohne mich gut unterhalten. Bis denn.“

„Du willst wirklich schon abhauen?“, fragt Thomas konsterniert und schaut mir zu, wie ich nach meinem Autoschlüssel taste.

„Jo, denn noch kann ich fahren. Sorry, geht nicht anders. Bis zum nächsten Mal dann.“

Bevor Thomas mich noch weiter löchern kann, drehe ich mich um, werfe dem Wirt das Geld für meine Zeche auf den Tresen und verschwinde schnell nach draußen. Rasch entere ich den Sitz meines Wagens, lasse den Motor an und lege den Weg zu unserem Hof in relativ kurzer Zeit zurück. Eigentlich kann man sogar laufen, aber ich hatte heute echt keine Lust dazu, immerhin bin ich seit dem Morgengrauen auf den Beinen. Ich fahre das Auto hinter die Scheune, schließe es ab und begebe mich mit schnellen Schritten zu unserem Haus. Leise stecke ich den Schlüssel ins Schloss, dabei höre ich die Glocken der Dorfkirche schlagen. Zehn Uhr, glatt eine ganze Stunde später als sonst, denn ich gehe üblicherweise wirklich ungefähr um neun ins Bett, damit ich gegen halb zehn auch zum Schlafen komme.

Im Haus ist alles still, sodass ich aufatme, mein Vater scheint sich also schon zurückgezogen zu haben. Leider habe ich mich zu früh gefreut, denn in diesem Moment flammt das Deckenlicht auf und wie ein Racheengel in Kittelschürze steht meine Oma mit wütend blitzenden Augen vor mir.

„Michael Friedhelm Ottokar Brumbach, woher zum Teufel kommst du so spät?“

Warum spricht sie mich eigentlich immer mit meinem vollen Namen an, wenn sie sauer auf mich ist? Ein einfaches Mischa hätte schließlich auch gereicht. Ich mag das nicht und es bereitet mir sofort schlechte Laune. Nicht umsonst behalte ich meinen Zweit- und Drittnamen am liebsten für mich.

„Aus dem Dorfkrug. Was denkst denn du?“, antworte ich forsch und will mich an ihr vorbeidrängen. Das jedoch gelingt mir nicht, denn Oma hat nichts Besseres zu tun, als mir den Weg zu versperren.

„Aus der Pinte also! Das war ja mal wieder klar. Die Jugend von heute hat nichts als Saufen im Kopf. So kann aus dir ja nichts werden. Im Bett solltest du normalerweise liegen, damit du morgen früh genug Ausdauer hast, um die Tiere zu versorgen. Aber nein, der Bengel geht Bier trinken. Sturzbetrunken bist du bestimmt, so wie du riechst. Oder glaubst du etwa, dass ich das nicht merke? Und geraucht hast du garantiert auch.“

Das ist ja wohl die Höhe. Bisher hatte ich in meinem Leben noch keine Zigarette zwischen den Lippen. Unglaublich solch eine Unterstellung.

„Ja, ich habe zwei Bier getrunken. Aber dass du einfach so aus der Luft greifst, dass ich rauche, das verbitte ich mir.“

„Du hast dir gar nichts zu verbitten. Glaubst du etwa, dass ich hinter dem Mond lebe? Ich weiß genau, was ihr Jungs treibt, wenn ihr aufeinander losgelassen werdet. Sich erst besaufen, qualmen, bis der Arzt kommt, und zu guter Letzt noch ein junges Mädel schwängern, das man hinterher nicht heiratet. So hat dich deine Mutter, Gott hab sie selig, nicht erzogen, junger Mann. Und nun ab ins Bett mit dir, sonst platze ich gleich.“

Ich atme einmal tief aus und ein, um nicht die Kontrolle über mich zu verlieren. Schließlich redet Oma mit einem erwachsenen Mann und nicht mit einem kleinen Kind. Außerdem ist es eine absolute Frechheit, dass sie wieder mal in die Mutterkiste greift. Wut kocht in mir hoch, einen Augenblick lang versuche ich, diese zu unterdrücken, doch es gelingt mir einfach nicht.

„Lass Mama aus dem Spiel!“, reagiere ich mit erhobener Stimme und dieses Mal schaffe ich es fast an ihr vorbei, es gelingt ihr dennoch, meinen Arm zu erwischen und mich daran festzuhalten.

„Rede nicht in einem solchen Ton mit mir, Herr Brumbach junior. Respekt vor dem Alter hast du wohl keinen, oder?“

„Das hat mit Respekt nichts zu tun, Oma. Rein gar nichts. Aber du solltest mir vielleicht mal in einer anderen Art begegnen und nicht so tun, als wärst du die Matriarchin auf diesem Hof. Ich bin erwachsen, und wenn ich auf ein paar Bier in die Kneipe gehe, dann wirst du nichts dagegen tun können. Egal, wie sehr du mich mit deinen Worten malträtierst.“

„Wenn deine Mutter dich hören könnte, würde sie sich im Grab umdrehen. Solche Worte dulde ich nicht hinter diesen Wänden.“

„Noch mal: Lass Mama außen vor. Sie ist tot, das sollte man akzeptieren und ihr die Ruhe gönnen, die sie verdient hat. Das ist ja nicht auszuhalten.“

„Ich werde morgen ein ernstes Wort mit deinem Vater sprechen. So geht das nicht weiter.“

Immer dann, wenn Oma die Argumente ausgehen, will sie bei Papa petzen. Soll sie doch. Was will er denn tun? Mir Hausarrest erteilen? Wird er nicht können.

„Ach, jetzt kommt die Nummer wieder. Okay! Wenn du dich schon bei ihm ausheulen willst, dann richtig. Denn ich werde jetzt noch mal verschwinden. Zurück in die Kneipe. Auf ein weiteres, riesiges Glas Bier! Damit du siehst, was du damit bewirkst, wenn du mich auf diese Weise angehst.“

Oma reißt ihre Augen weit auf, denn ich befreie mich ruckartig aus ihren Fängen, drehe mich anschließend auf dem Absatz um und verlasse, ohne noch einmal zurückzuschauen, den Flur.

„Das wird ein Nachspiel haben!“, ruft sie mir noch hinterher, doch ich winke lediglich ab und werfe die Haustür lautstark hinter mir ins Schloss.

Draußen begebe ich mich auf direktem Weg zu meinem Auto, beschließe jedoch, es besser stehenzulassen, wenn ich noch was trinken will, sonst könnte es wirklich kritisch werden mit dem Fahren. Daher entscheide ich mich für einen Fußmarsch. Frische Luft wird mir guttun, um den Frust abzubauen und um wieder einigermaßen gute Laune zu bekommen. Schließlich will ich ja nicht als Miesepeter in der Kneipe auftauchen.

Auf dem Weg zu meinem Ziel denke ich über den heutigen Abend nach. Eigentlich habe ich Oma ja gern, wenn sie bloß nicht ständig so herrisch wäre. Wie oft habe ich bei ihr nachgegeben, um Rücksicht auf sie zu nehmen, doch heute konnte ich einfach nicht an mich halten. Schließlich habe ich ja auch mein eigenes Leben, über das sie nicht zu bestimmen hat. Genau deshalb bin ich abgehauen! Um ihr zu zeigen, dass ich mich dieses Mal nicht kleinlaut bei ihr entschuldige und ihr sage, dass so was nicht wieder vorkommt. Nö! Sehe ich gar nicht ein. Bin ja nicht ihr dummer Junge, auf dem sie herumtrampeln kann, wenn sie einen Fußabtreter braucht.

Wenig später erreiche ich den Dorfkrug und öffne die Tür. Theo und Thomas stehen noch an der Theke und unterhalten sich angeregt. Da sie mit dem Rücken zu mir stehen, bemerken sie nicht, dass ich mich ihnen nähere. Verständlich, dass Thomas mich erschrocken ansieht, als ich ihm auf die Schulter klopfe.

„Mischa! Ich dachte, du wärst schon im Bett.“

„Habe es mir anders überlegt. Oma hat wieder ihre dollen fünf Minuten gekriegt, und da ist es ein bisschen eskaliert. Bin halt abgehauen, weil ich ihre Mäkelei nicht mehr ertragen konnte.“

„Richtig gemacht. Du bist doch kein kleiner Schuljunge mehr. Noch ein Bierchen? Ich wäre vielleicht mit einer Runde für uns dran.“

„Auf jeden Fall. Möglicherweise sogar noch ein weiteres.“

Thomas bestellt bei Sepp drei Bier und mit dem ersten Schluck, den ich aus meinem Glas nehme, beschließe ich, dass sich von nun an auf unserem Hof gewaltig etwas ändern wird. Was genau, weiß ich noch nicht, aber ich bin mir sicher, dass es so nicht weitergehen kann.

Omas Plan

Boah, was bin ich noch müde. Ich hätte wohl doch vor Mitternacht im Bett liegen sollen, jetzt geht es mir ganz schön dreckig. Essen mochte ich heute Morgen um fünf logischerweise noch nichts, bloß einen Kaffee habe ich mir reingeschüttet, damit ich überhaupt einigermaßen wach werden konnte.

Mit roten und vor Müdigkeit verdammt kleinen Augen kümmere ich mich seit halb sechs um unsere Kühe, die, wie jeden Tag, gemolken werden müssen. Die armen Viecher können ja nichts dafür, dass ich gestern kein Ende finden konnte. Allerdings ist meine Oma nicht ganz unschuldig daran. Hätte sie nicht derart penetrant genörgelt, wäre ich bestimmt nicht noch mal losgegangen und hätte weitere vier Bier getrunken. Gut übrigens, dass ich den Wagen gar nicht erst mitgenommen habe.

Der Abend in der Kneipe war tatsächlich noch sehr nett, vor allem hat mich das Ganze von dem Ärger auf dem Hof ein wenig abgelenkt. Thomas und Theo haben jede Menge Blödsinn erzählt, sodass ich aus dem Lachen kaum herauskam, was mir aber wirklich gutgetan hat. Warum nur genieße ich solche netten Stunden unter Freunden nicht viel öfter? Bloß, weil meine Oma das nicht gut findet?

Verdammt, kaum denke ich an sie, melden sich meine Kopfschmerzen deutlich heftiger als vorher. Ist das etwa ein Zeichen? Ein Brummen der Kuh vor mir reißt mich aus meinen Gedanken. Ich habe total vergessen, dass ich die Melkbecher ja auch irgendwann wieder lösen muss, denn wenn etwas leer ist, ist es nun mal leer.

„Entschuldige Lisa“, murmele ich, tätschele der gefleckten Kuh den Schädel und löse die Becher von den Zitzen. Danach wende ich mich dem nächsten Tier zu, so geht das noch eine ganze Weile weiter. Es ist bereits nach neun Uhr, als ich auch die Schweine versorgt, die Hühner gefüttert und die Schafe auf die Weide gebracht habe. Um das Ausmisten der Ställe kümmere ich mich später. Und die Kühe bringe ich nach dem zweiten Frühstück zum Grasen. Das wird nämlich immer so gegen halb zehn eingenommen und zu dem sind dann auch mein Vater und meine Oma anwesend. Lust auf dieses heutige Aufeinandertreffen verspüre ich verständlicherweise eher wenig, aber da sich inzwischen mein Magen meldet und lautstark nach Nahrung knurrt, werde ich mich also in der Küche einfinden und etwas zu mir nehmen. Ich muss schließlich nicht auf irgendetwas reagieren. Hoffentlich hält meine Oma zur Abwechslung mal ihre — mit Verlaub gesagt — Klappe.

Langsam schreite ich — wobei man mit Gummistiefeln eher latscht, aber was solls? — unserem Nebeneingang entgegen, schlüpfe in der Wirtschaftsküche aus meinen Stiefeln und ziehe mir meine Pantoffeln an. Um hier im Haus barfuß zu laufen, sind die Böden einfach zu kalt. Estrich ist halt nicht wirklich warm, obwohl in den Wohnräumen des Erdgeschosses jede Menge Terrazzo darauf verlegt wurde. Unser Hof ist schon recht alt und das Haupthaus stammt aus der Zeit um die Jahrhundertwende, also vom neunzehnten auf das zwanzigste. Und genauso alt sind diese Beläge. Mit den Jahren haben sie zwar Spuren erhalten, teils sogar tiefe Kratzer, aber genau das macht ja diese typisch bäuerliche Atmosphäre aus, die Zimmer mit solchen Böden verströmen.

Als ich die Küchentür öffne und den Raum betrete, sitzen, wie erwartet, meine Oma und mein Vater bereits am Tisch und sehen auf.

„Kommst du auch endlich?“

Kein 'Guten Morgen!' oder 'Wie geht es dir?' zur Begrüßung, nein, stattdessen eine Frage, die in so scharfem Tonfall gestellt wurde, dass sie auf meine Stimmung in etwa die Wirkung hat wie pures Capsaicin auf die Bindehaut im Auge. Dennoch halte ich mich zurück, wünsche meinerseits einen guten Morgen und setze mich auf meinen Platz. Wie wohl fast überall auf solchen Höfen gibt es eine feste Sitzordnung, ich sitze meinem Vater genau gegenüber, der Platz zu seiner Linken gehört meiner Großmutter, der zu seiner Rechten ist leer. Es war der Platz meiner Mutter. Wie jedes Mal, wenn wir hier essen, streift mein Blick den verwaisten Stuhl. Manchmal glaube ich, noch ihren Duft schnuppern zu können, dieses Gemisch aus Lavendel und schlichter Kernseife, den Geruch nach Kornblumen, den ihr Haar verströmte. Ach, ich vermisse sie so sehr, gerade jetzt, wo es immer schwerer wird, mit Oma klarzukommen.

„Ob das ein guter Morgen sein kann, wenn man die halbe Nacht durchgefeiert hat, wage ich mal zu bezweifeln. Du solltest dir endlich deiner Pflichten bewusst werden, die du hier hast“, keift Oma los, noch bevor ich mir die erste Scheibe Brot schmieren kann. „Wenn dein Vater schon nichts dagegen unternimmt, dann muss ich das eben tun.“

„Du weißt aber schon, dass ich erwachsen bin und du mir nichts mehr zu sagen hast, Papa übrigens auch nicht.“

Energisch bringe ich diese Worte hervor und ernte einen erstaunten Blick meines Dads, der mich so noch nie hat reden hören. Normalerweise lasse ich alle Vorwürfe an mir abprallen und erledige meine Aufgaben, aber jetzt ist definitiv Schicht im Schacht, ich habe die Nase voll davon, dass andere über mein Leben bestimmen wollen, selbst darüber, wann ich mal ein Bier trinken darf. Schlimm genug, dass ich dieser Tretmühle so nicht entfliehen kann, da werde ich mir nicht auch noch vorschreiben lassen, wann ich was wie erledige, verdammt noch mal. Alter hin oder her, das gibt meiner Oma nicht das Recht, alles zu entscheiden. Schade, dass mein Vater derzeit nicht die Kraft oder den Mut hat, sich gegen ihr Verhalten zur Wehr zu setzen, meine Mutter hätte das nämlich nicht geduldet, dessen bin ich mir sicher.

„Wenn ich es nicht tue, wer dann?“, haut Oma weiter in dieselbe Kerbe und setzt noch hinterher: „Es wird sowieso langsam Zeit, dass du dir Gedanken machst, wer hier mal an deiner Seite den Hof weiterführen soll. Du brauchst bald eine Braut. Nächste Woche ist doch der Erste Mai, das wäre absolut die passende Gelegenheit, sich mal mit einem Mädel zu verabreden. Ich dachte da an die Theres vom Stadelhof. Da ihr Bruder den Hof erbt, bekommt sie natürlich eine ordentliche Mitgift, die käme uns sehr zupass. Immerhin könnten wir damit ein paar Hektar Land dazukaufen. Oder wie wäre es mit der Marie vom Huberbauern? Männliche Erben hat der Huber keine, sie bekommt also alles, auch keine schlechte Partie.“

„Sag mal, gehts noch? Ich bin gerade mal zwanzig, da denke ich bestimmt nicht ans Heiraten. Echt nicht.“ Energisch wehre ich diese Vorschläge ab, während es hinter meiner Stirn rasend arbeitet.

„Mit zwanzig ist genau die richtige Zeit dafür. Papa hat es mit dem Blutdruck, ich bin nicht mehr die Jüngste und kann keine großen Arbeiten verrichten. Deshalb brauchst du hier weibliche Unterstützung auf dem Hof. Die bekommst du aber nur, wenn du dich auch darum kümmerst. Oder muss ich davon ausgehen, dass dich die Zukunft dieses Betriebes nicht interessiert? Ja, bestimmt ist das so, sonst würdest du dich nicht bis zum Morgengrauen in Sepps Spelunke aufhalten und dich betrinken. Eine Schande bist du für den Hof!“

„Jetzt reichts, Mutter!“, mischt sich ganz plötzlich und für mich völlig überraschend mein Vater ein, was mich natürlich aufhorchen lässt. „Der Mischa ist keine Schande. Das geht zu weit. Sicherlich bekleckert er sich nicht gerade mit Ruhm, wenn er stundenlang beim Sepp sitzt und mit den anderen Jungs trinkt. Aber er war pünktlich um fünf Uhr zur Stelle und hat die Tiere versorgt. Egal, wann er zu Hause war.“

„Ach, nun fällst du mir auch noch in den Rücken“, reagiert meine Oma prompt und ich kann nur erstaunt zwischen beiden hin- und hersehen. „Ich dachte, dass du auf meiner Seite bist und dem Jungen Zucht und Ordnung beibringen willst. Da habe ich wohl auf das falsche Pferd gesetzt.“

„Oma, noch mal! Ich bin kein Junge mehr. Sondern zwanzig Jahre alt. Und somit erwachsen!“

In mir steigt wieder Wut hoch, sodass ich keinen Bissen mehr herunterkriege und mein Hunger von eben sich völlig verflüchtigt hat. In meinem Kopf rauscht es nur noch. Heiratspläne, Streit in der Familie, als Kind behandelt werden, meine Müdigkeit und der leichte Kater durch das Bier, den ich jedoch so gut wie möglich geheim halte! All das sind die Sachen, die mich beschäftigen. Am schlimmsten jedoch ist der Plan meiner Oma, mich so schnell wie möglich mit irgendeinem Dorfmädchen verkuppeln zu wollen. Ich will nämlich eigentlich gar keine Frau, stattdessen schaue ich mich lieber nach einem jungen Mann um. Finde ich viel aufregender als das weibliche Geschlecht. Doch das kann ich auf diesem Hof wohl völlig vergessen und wenn Oma von diesen Wünschen erführe, würde sie mich mit hundertprozentiger Sicherheit lynchen.

„Jetzt stellst du auch fest, dass alles, was du sagst, nicht zusammenpasst, oder?“, keift Oma lautstark zurück. „Einerseits willst du mit zwanzig Lenzen erwachsen sein und nicht wie ein Kind behandelt werden und andererseits fühlst du dich zu jung, um zu heiraten. Was willst du denn nun?“

„Das kann ich nur zurückgeben, Oma!“, erwidere ich harsch. „Mich einerseits als unreifen Bengel abstempeln, dem man alles vorschreiben kann, und mich andererseits mit irgendwelchen Frauen verkuppeln wollen. Dein Plan geht nicht auf. Merkst du selbst, oder?“

„Ich sehe schon förmlich vor mir, dass der Hof den Bach runtergeht. Jetzt frage ich mich, warum ich mein Leben lang hier so hart gearbeitet habe, wenn eh alles keine Zukunft mehr hat“, kommt es plötzlich in traurigem Ton über Omas Lippen. Eine typische Masche von ihr, wenn sie nicht mehr weiterweiß. Dann kommt sie mit der Mitleidstour.

Kopfschüttelnd sehe ich meiner Großmutter ins Gesicht und lache einmal kurz auf.

„Glaubst du etwa, dass du mit dieser Art bei mir durchkommst? Nee! Von mir aus tu so, als wäre ich fünf Jahre alt. Verbiete mir, was du willst. Ist mir egal. Ich werde nicht drauf hören. Genauso wenig werde ich mich auf diesem Maifest nach einem Mädchen umschauen. So etwas wird ganz allein nach meinem Zeitplan geschehen. Und nun werde ich, weil ich eh keinen Appetit mehr habe, in den Kuhstall gehen und die werten Viecher zur Weide treiben. Die Schafe sind ja bereits auf ihrer Koppel. Falls es dir aufgefallen ist, erledige ich meine Aufgaben ja auch manchmal. Wir sehen uns erst zum Mittagessen wieder. Und da hoffe ich, dass du mir nicht erneut den Appetit verdirbst.“

Ohne die Antwort meiner Oma abzuwarten, stehe ich von meinem Platz auf, nicke meinem Vater einmal zu und verlasse die Küche.

Rasch tausche ich Pantoffeln gegen Gummistiefel und begebe mich ein weiteres Mal in Richtung Kuhstall. Bei dem netten Wetter wäre es fatal, wenn ich die armen Dinger einfach so dort auf ihrem Platz stehenließe. Das bringe ich nicht übers Herz. Daher öffne ich die Pforte und ermögliche den lieben Tieren den Weg ins Freie.

Blinzelnd schaue ich gen Himmel, während ich Lisa, Elsa, Marie, Gerda und Co vor mir hertreibe und in Richtung Weide begleite. Die Sonne strahlt warm vom Himmel und in der Luft liegt der Duft von Frühling. Herrlich! Ich liebe diese Jahreszeit, wenn alles zu blühen und wachsen beginnt. Am liebsten würde ich den Rest des Tages draußen verbringen und das wohlig warme Wetter genießen. Das wird aber leider nicht gehen, da noch eine Menge Arbeit auf mich wartet. Vielleicht brauche ich doch irgendwann mal eine Unterstützung. Wenn Papa nicht wieder fit wird, könnte es für mich allein schwierig werden, alles zu bewerkstelligen.

Dennoch werde ich Omas Plänen nicht nachgeben. Never! Ich werde mir doch keine Frau anlachen, die ich gar nicht will und mit der ich überhaupt nichts anfangen kann. Das wäre ja auch nicht ehrlich ihr gegenüber. Aber einen Mann zu finden, der bei mir auf dem Bauernhof arbeitet, wird hier nicht möglich sein, dazu ist dieses Dorf im Allgemeinen und meine Familie im Besonderen viel zu konservativ. Allerhöchstens könnte ich einen Mitarbeiter anstellen, früher hätte man Knecht gesagt. Von daher werde ich wohl allein bleiben müssen, egal, was meine werte Großmutter dazu sagt. Doch irgendwann werde ich mich bestimmt einsam fühlen, eines Tages wird Papa nicht mehr sein, von Oma mal ganz abgesehen. Und dann? Nein! Das geht so nicht! Aber ich kann mich doch hier nicht outen. In diesem Dorf würde ich geächtet, wenn sie wüssten, dass … ja, was denn genau? Dass ich vielleicht schwul bin? Ein komischer Gedanke ist das schon. Denn ich bin eigentlich ein ganz normaler junger Mann und kein Paradiesvogel, der mit rosafarbenen Oberteilen und Federboa durch die Gegend läuft und mit abgespreiztem Finger seine Tasse anhebt.

Auch Quatsch! Denn ich kann und will Homosexualität nicht mit solchen Klischees gleichsetzen. Außerdem weiß ich gar nicht so genau, ob ich wirklich schwul bin oder ob das nur so eine Phase ist, dass mir ganz heiß wird, sobald ich einen attraktiven Mann sehe. So wie den Kalle — das ist der Sohn vom Bäcker Passhauser. Der hat so wunderschöne blaue Augen und seine blonden Haare glänzen immer so zauberhaft in der Sonne. Und wenn ich dann noch so auf seine braun gebrannte Haut schaue, wird mir ganz anders. Habe schon oft von ihm geträumt, doch das muss unbedingt ein Geheimnis bleiben. Sonst bin ich höchstwahrscheinlich komplett geliefert.

Obwohl die Arbeit im Stall auf mich wartet und das Mittagessen pünktlich um halb eins auf dem Tisch stehen wird, setze ich mich einen Moment lang auf die Koppel, mitten zwischen unsere Kühe, die friedlich grasen und sich das frische, junge Grün schmecken lassen. Wenn man die Tiere so beobachtet, könnte man glatt neidisch werden. Die wissen nichts von Problemen wie Erbfolge und Hofübernahme, von Hochzeiten und Homosexualität. Die werden geboren, fressen, geben Milch, kalben ab und zu und am Ende ihres Lebens … na ja, das beschreibe ich besser nicht. Ich mag das übrigens auch nicht direkt sehen, selber machen schon gar nicht. Das übernimmt dann der Schlachter und an solchen Tagen habe ich komischerweise immer etwas vor. Zufälle gibts.

Gedankenverloren lege ich mich zurück, rupfe einen Grashalm aus und stecke ihn mir zwischen die Lippen. Der Himmel über mir ist blau, dazwischen tummeln sich ein paar harmlose Schönwetterwolken und der leichte Wind, der die Blätter des Baumes am Ende der Wiese sanft bewegt, ist lauwarm. Wunderbares Wetter für das bevorstehende Maifest. Dabei fällt mir ein, dass ich mit den anderen jungen Männern den Maibaum noch aufstellen muss. Habe zwar keinen Bock darauf, aber weigern kann und werde ich mich da natürlich nicht.

Doch was die Mädels angeht, von denen Oma vorhin gesprochen hat, das kann sie sich schon mal komplett abschminken. Selbst wenn ich auf die holde Weiblichkeit abfahren würde wie Nachbars Lumpi, die beiden jungen Damen würden dennoch nicht dazugehören. Die Theres ist mir einfach zu — wie sag ich es jetzt, ohne dass es böse klingt? — voluminös. Hinter ihr könnte ich mich glatt umziehen, ohne dass man mich sehen würde, und die Marie ist mindestens fünf Jahre älter als ich, das geht gar nicht. Ich bin zwar nicht sonderlich auf Äußerlichkeiten bedacht oder gar altmodisch, irgendetwas daran will mir jedoch einfach nicht gefallen. Aber eigentlich ist es völlig egal, denn Frauen lösen bei mir eh nichts aus. Also Gefühle, die man allgemein haben sollte, wenn man jung ist und die Hormone ordnungsgemäß ihre Arbeit verrichten. Da tut sich bloß nichts.

Sobald ich dagegen den Kalle sehe, wummert mein Herz plötzlich ganz unvernünftig, mein Blut rauscht in den Ohren und ich könnte ihn stundenlang anschauen. Wie oft habe ich mir schon ausgemalt, wie es sich anfühlen würde, über seine seidenweichen, schimmernden Haare zu streicheln. Dabei würde ich mich ganz langsam vorbeugen, mit den Lippen seinen Mund berühren und dann …

Abrupt schieße ich in die Senkrechte. Was für ein Bullshit, das sind Träume, die sich nie erfüllen werden, nicht hier in diesem Dorf, nicht für mich, nicht in diesem Leben. Stattdessen muss ich mich echt beeilen, denn die Ställe müssen noch ausgemistet werden und dann ist es auch fast schon Essenszeit.

Mit schnellen Schritten eile ich in Richtung unseres Hofes, als ich eine Person auf einem Fahrrad sehen kann, die den Weg ins Dorf eingeschlagen hat. Ich kneife meine Augen zusammen, um zu erkennen, wer das sein könnte und bereits in der nächsten Sekunde setzt mein Herz einen Schlag lang aus. Es ist Kalle, genau der, an den ich eben so intensiv gedacht habe. Nur gut, dass er das nicht weiß, ich denke, er würde mich sicher verprügeln, wenn er wüsste, was ich mir alles vorstelle. Aber ich kann schließlich nichts dafür, dass Mädchen solche Gefühle bei mir nicht auslösen, er hingegen schon. Bin ich wirklich schwul? Wie nur soll ich das genau herausfinden? Ich kann ja wohl schlecht in die nächste Stadt fahren, in ein entsprechendes Etablissement gehen und jeweils einmal mit einer Frau und einmal mit einem Mann ins Bett gehen, bloß um zu wissen, was ich nun genau bin. Allerdings treibt mir allein schon die Vorstellung an eine nackte Frau den Schweiß auf die Stirn, wohingegen diese Vision in männlicher Ausführung meinen Körper ganz schön in Aufruhr bringt, inklusive Ständer.

Mit meinen Blicken verfolge ich Kalle, bis er außer Sichtweite ist, erst dann lege ich die letzten Meter bis zu unserem Hof zurück. Seufzend greife ich nach der Mistgabel, werfe sie in die große Schubkarre und mache mich an die Arbeit.

Nachdem ich eine ganze Weile konstant ausgemistet habe, höre ich plötzlich Schritte hinter mir. Ich fahre herum und schaue in … Kalles grinsendes Gesicht. Beinahe entfährt mir ein Seufzer, was ich gerade noch verhindern kann.

„Ey, ich wollte dich nicht erschrecken“, beginnt Kalle und setzt gleich darauf hinzu: „Ich bin bloß unterwegs, um klarzumachen, wann wir am Sonntag den Maibaum in Angriff nehmen. Die anderen Jungs treffen sich alle um sechse abends. Natürlich zünftig in Krachledernen und mit Gamsbarthut, versteht sich ja von selbst, oder? Wie jedes Jahr tragen wir den Baum einmal komplett durch den Ort, bevor wir ihn auf dem Dorfplatz aufstellen. Sepp hat sogar schon heute Morgen den Tanzboden legen lassen, nun muss bloß das Wetter noch mitspielen, aber das wird schon. Wollte ich dir bloß sagen, wusste ja nicht, ob du bis dahin noch mal ins Dorf kommst, weil du ja hier fast allein alles machen musst. Also pfiat di, bis dann.“

Ehe ich auch nur ein Wort sagen kann, sitzt Kalle schon wieder auf seinem Rad und strampelt los. Ich kann nur noch seine hinteren Muskeln bewundern, die sich bei jedem Tritt bewegen, was in mir erneut Gefühle auslöst, die ich kaum kontrollieren kann. Was zum Teufel soll ich bloß tun? Man erwartet doch fast schon von mir, dass ich mich nach einem Mädel umsehe, Thomas hat ja auch bereits ganz konkrete Vorstellungen. Zwanzig scheint also doch nicht zu jung zu sein, aber will ich das? Eine Frau? Ich glaube, ich muss wohl doch irgendwas unternehmen. Aber was?

Hexenkessel

Pünktlich zum Mittagessen betrete ich unsere Küche erneut und finde natürlich wieder meine — nach wie vor — schlecht gelaunte Oma vor, die mit einer Leichenbittermiene vor dem Herd steht und darauf wartet, dass die Kartoffeln fertiggaren.

„Wo ist Papa?“, frage ich nach und setze mich dabei auf meinen Platz.

„Der hat sich hingelegt. Ist kein guter Tag für ihn. Er ist müde und fühlt sich ermattet. Du solltest vielleicht überlegen, ob du dein Verhalten uns gegenüber nicht mal langsam ändern solltest. Sonst trägst du die Schuld, wenn …“

„Oma! Kein Wort mehr!“, unterbreche ich sie und verbiete ihr damit den Mund. Mir jetzt die Verantwortung für den Gesundheitszustand meines Vaters anlasten zu wollen, ist ja wohl die Höhe.

Kopfschüttelnd, aber stumm schaltet Oma den Herd aus und gießt die Kartoffeln ab. Habe ich sie durch diesen Satz tatsächlich mundtot bekommen? Offensichtlich! Okay, mein Tonfall war gerade ziemlich harsch und möglicherweise hat sie bemerkt, dass sie mit ihrer Anmerkung einen großen Schritt zu weit gegangen ist.

Nachdem sie Fleisch, Soße und Beilagen auf den Tisch gestellt hat, verlässt sie den Raum. Ist sie nun etwa beleidigt? Erwartet sie eventuell, dass ich ihr hinterherrenne und frage, was sie hat? Nö! Sehe ich nicht ein. Nicht nach dieser Nummer von gestern und heute beim Frühstück. Soll sie doch in ihr Schlafzimmer gehen und flennen. Mir völlig egal. Ich bin nämlich immer noch sauer auf sie.

Hungrig fülle ich meinen Teller und schaufele die reichhaltige Mahlzeit in mich hinein. Kochen kann sie hervorragend, das muss man ihr lassen. Okay, sie hat schließlich eine Menge Erfahrung am Herd, wäre ja komisch, wenn sie das nicht hinbekäme.

Während des Essens schweifen meine Gedanken abermals ab. Mir stellt sich die Frage, ob ich ein guter Mensch bin. Lasse ich meine Familie im Stich, nur weil ich mal ein Bier trinke? In der Dorfkneipe? Obwohl ich trotzdem pünktlich zur Stelle bin und alle Arbeiten, die anstehen, verrichte? Wohl kaum! Ich lasse mir einfach kein schlechtes Gewissen einreden. Immerhin lebe ich nicht nur dafür, auf diesem Hof tagein und tagaus zu malochen, und ich muss auch nicht den Maßstäben meiner Oma gerecht werden. Das kann und will ich nicht.

Einen Moment lang schaue ich aus dem Fenster und blinzele in die Sonne. Das Wetter ist echt richtig toll. Eigentlich sind die Temperaturen sogar gut genug, um an den Badesee zu fahren. Doch wenn ich mich heute auch noch dorthin verabschiede, wird der Haussegen sicher völlig schiefhängen. Daher verwerfe ich diese kurzfristige Idee wieder und versuche, meine Gedanken auf andere Dinge zu lenken. Arbeit habe ich durchaus genug. Plötzlich schießt mir Kalle erneut in den Kopf. Er sah auf dem Fahrrad schon ziemlich sexy aus. Und wenn ich ihn mir jetzt noch in Badehose vorstelle, schießt ziemlich viel Blut zwischen meine Beine. Meine Güte, was stimmt mit mir nicht? Das ist nicht normal! Oder etwa doch?

Kopfschüttelnd über mich selbst, leere ich meinen Teller, räume ihn beiseite und verlasse die Küche. Sollte ich vielleicht doch mal nach Oma sehen? Möglicherweise geht es ihr ja nicht gut, schließlich ist sie auch nicht mehr die Jüngste.

Während ich auf der Diele stehe, überlege ich kurz, was zu tun ist, und entscheide mich, den Weg zu ihrem Schlafzimmer einzuschlagen und anzuklopfen.

„Alles in Ordnung?“

„Ja, ja! Geh nur!“, ruft sie mir durch die geschlossene Tür zu.

Meine Güte! Wie kann man nur so verstockt sein! Soll sie doch ihre schlechte Stimmung mit sich selbst ausmachen. Ist sowieso alles nur Taktik von ihr. Sie will partout, dass ich klein beigebe und nach ihrer Pfeife tanze. Doch das werde ich nicht tun, denn dann wäre der Hexenkessel angezündet, ich würde mich direkt in der brodelnden Brühe befinden und so lange darin schmoren, bis ich verbrannt wäre.

Ich winke ab und entschließe mich dazu, erst mal zurück auf die Weide zu gehen. Einen Augenblick brauche ich noch für mich, egal, ob ich unseren Mähdrescher auf Funktion überprüfen muss oder nicht. Der Nachmittag ist jung genug, so kann ich mir durchaus noch etwas Zeit lassen, die Arbeit läuft nicht weg.

Zurück bei den Kühen setze ich mich an dieselbe Stelle, an der ich vorhin auf einem Grashalm gekaut habe. Hier kann ich abschalten, die Tiere quatschen mich nicht voll, sondern freuen sich über meine Anwesenheit. Unsere Kuh Brunhilde kommt sogar auf mich zu und stupst mich kurz an. Sehr selten tut sie das, eigentlich ist ihr Gemüt eher zurückhaltend. Ob das Tier spürt, dass etwas nicht stimmt? Wer weiß? Möglich wäre es.

„Bruni, was willst du mir sagen?“, spreche ich sie an und warte sogar einen Augenblick lang auf ihre Antwort, die natürlich nicht kommt. Möglicherweise will sie mir einen Anstoß geben. Mir mitteilen, dass ich aus Omas Hexenkessel fliehen soll, bevor es zu spät ist und ich zwangsverheiratet werde! Mit einer Frau!

„Niemals!“, flüstere ich mir selbst zu. „Das wird nicht passieren.“

Ein paar Minuten lang schließe ich die Augen und genieße die wärmenden Sonnenstrahlen. Ob ich nicht doch zum See fahren sollte? Nee, das ginge vielleicht zu weit. Aber am Wochenende, da werde ich das tun, bevor wir am Sonntag den Maibaum aufstellen. Da wird Kalle auch da sein. Muss dann echt aufpassen, dass ich ihn nicht allzu sehr anstarre, nicht, dass ich mich unbeliebt mache und Ärger bekomme. Obwohl, es ist mir die ganzen Jahre gelungen, warum sollte ich das jetzt nicht hinkriegen? Dafür habe ich sogar eine Antwort. Mein Verlangen wächst. Nach einem Mann. Gefühle, die ich bisher unterdrückt habe, nehmen nun Besitz von mir und drängen sich mehr und mehr in den Vordergrund. Ob ich das will oder nicht, ich kann nichts dagegen tun. Und immer häufiger spukt Kalle in meinem Kopf herum. Ein weiterer Hexenkessel, dem man kaum entrinnen kann. Es sei denn, man flieht! Aus diesem Dorf, weg von Oma, weg von Papa, weg vom Hof! Kann ich das wirklich in die Tat umsetzen? Wohl kaum! Aber ich will, muss und werde etwas tun. Wenn ich doch bloß endlich wüsste, was! So was macht mich fertig, die schlechte Stimmung, dieser Ort, dieser Landwirtschaftsbetrieb — all das sorgt nicht unbedingt für mein Wohlbefinden.

Ich öffne meine Augen wieder, stehe auf und begebe mich in Richtung Scheune, um den Mähdrescher auf Herz und Nieren zu überprüfen. Körperliche Arbeit lenkt ab, dieses Nachdenken macht alles nur schlimmer, als es eh schon ist. Denn ganz offensichtlich wird sich in meinem Leben sowieso nichts ändern. Wird wohl meine Bestimmung sein, die nächsten Jahre oder gar Jahrzehnte Landwirtschaft zu betreiben.

Mit einem resignierten Seufzen beginne ich mit meiner Arbeit, der Mähdrescher wird nämlich bald zum Einsatz kommen, da muss der perfekt funktionieren. Auf dem Feld kann man herzlich wenig tun, wenn so ein großes Gerät plötzlich den Dienst verweigert. Vor allem, weil man ja auch höllisch aufpassen muss, nicht mit irgendeinem Körperteil in die Maschine zu geraten. Deshalb mache ich eine Sichtprüfung und fette alle wichtigen Teile ein, checke, ob sämtliche Messer scharf sind, und fülle Diesel nach.

Gegen halb drei habe ich alles erledigt, bis zur Abendfütterung dauert es noch eine ganze Weile und auf den Feldern ist heute direkt mal nichts zu tun, das habe ich in den letzten Tagen bereits erledigt. Von daher dachte ich ja gestern auch, dass ich mir ein Bierchen echt verdient hätte, obwohl meine Oma diesbezüglich keinerlei Verständnis für mich aufbringt. Sicherlich könnte ich noch den einen oder anderen Mangel an der Scheune beseitigen, doch das sehe ich irgendwie nicht ein. Wenn meine Oma nicht so verdammt biestig gewesen wäre, würde ich das bestimmt erledigen, aber meine Motivation macht anscheinend gerade irgendwo Urlaub. Egal, ob es wichtig ist oder nicht, ich habe schlichtweg keinen Bock.

Also habe ich tatsächlich ungefähr drei Stunden, in denen ich tun und lassen kann, was ich will, denn meine Oma ist glücklicherweise nicht in Sicht, um mich auf irgendwelche blödsinnigen Dinge hinzuweisen oder Sachen zu erfinden, die ganz dringend noch erledigt werden müssen. Mein Vater wird den Rest des Tages bestimmt in seinem Zimmer verbringen, dieses doch schon recht warme Wetter schlägt ihm meistens ein wenig auf den Kreislauf.

Nach einem Moment des Zögerns und einem prüfenden Blick zum Himmel entschließe ich mich, mir schnell meine Badehose, ein Handtuch und eine kleine Decke aus dem Haus zu holen und mit dem Rad nun doch einen Abstecher an den See zu machen. Gelegenheiten soll man bekanntlich nutzen, man weiß schließlich nie, wann und ob sie überhaupt wiederkommen.

Kaum fünf Minuten später sitze ich auf meinem Drahtesel und trete kräftig in die Pedale, sodass ich ordentlich ins Schwitzen komme, denn obwohl mein Ziel in einer Senke liegt, muss man vorher eine ordentliche Steigung bewältigen. Aber egal, ich werde mir den Schweiß ja gleich im Wasser abspülen können, ein See ist immerhin keine Badeanstalt, wo man vor dem Sprung ins Becken erst mal unter die Dusche muss. Und gefliest ist es da nirgends, auch prima, denn auf Sand oder Gras rutscht man längst nicht so leicht aus. Also manche Sachen sind in unserer Gegend doch ganz schön. Wenn bloß das Drumherum mit meinen Gefühlen und der Familie nicht wäre.

Als ich endlich angekommen bin, schiebe ich mein Rad in den dafür vorgesehenen Ständer, kette es sicherheitshalber an und suche nach einem Plätzchen, an dem ich mein Handtuch ausbreiten kann. Unter einem Baum am Rand werde ich fündig, lege Decke und Tuch ab, schlüpfe aus meinen Klamotten und stattdessen in die Badehose. Hier stört das keinen, wenn man sich schnell umzieht, Kabinen gibt es eh nicht und gucken tut erst recht niemand. Ist halt ganz normal. Solche Verrenkungen, wie man sie häufiger in Filmen sieht, wenn Menschen sich unter dem Handtuch die nassen Sachen ausziehen wollen, führt hier keiner auf. Schnell runter, genauso schnell wieder was anderes an und gut ist.

Nachdem ich alle Sachen ordentlich auf der Decke abgelegt habe, eile ich mit großen Schritten ins Wasser. Im ersten Moment erschrecke ich ein bisschen, denn der See ist um diese Jahreszeit natürlich noch nicht aufgewärmt und demzufolge doch recht frisch. Ich halte kurz die Luft an, dann überwinde ich mich und tauche komplett in das Wasser ein. Ein echter Kälteschock trifft meinen Körper, aber bereits einen Augenblick später fühlt es sich fantastisch an. Es war definitiv die richtige Idee, hierherzukommen. Wer weiß schon, was morgen ist?

Als ich anfange zu frösteln, schwimme ich ans Ufer und laufe zu meinem Handtuch, um mich trocken zu rubbeln. Langsam wird mir wieder wohler, zumal die Sonne ein wenig weitergewandert ist und mein Platz jetzt nicht mehr im Schatten liegt, sondern wunderbar erwärmt wird. Ich lege das Tuch zurück auf die Decke, lasse mich daneben nieder, mache mich lang und schließe meine Augen. Warum kann es nicht immer so sein? Quatsch, das ist natürlich Blödsinn. Wenn man nur frei hätte, würde man ja nichts verdienen. Arbeit muss schon sein, sie muss halt bloß Spaß machen.

Macht es MIR Spaß, Landwirt zu sein? Irgendwie schon, aber das ist wohl auch einer gewissen Gewöhnung geschuldet. Wenn ich ehrlich bin, könnte ich mir durchaus auch andere Tätigkeiten vorstellen. Ich bin nämlich ganz gern unter Menschen, gut in Mathe, sogar mit dem Computer kenne ich mich einigermaßen aus. Ich spreche Englisch und ein bisschen Französisch, wobei ich mir Letzteres selbst beigebracht habe. Ist nicht viel, aber sollte ich zufällig mal in Paris stranden, kann ich wenigstens fragen, wo mein Koffer abgeblieben ist. Also so was in der Art. Was kann ich noch?

Während ich überlege, höre ich plötzlich ein ziemliches Stimmengewirr, und als ich die Augen öffne und zur Seite sehe, erkenne ich mehrere Menschen, die sich dem See allesamt auf Fahrrädern nähern. Mindestens sechs oder sieben Personen, so genau kann ich das gerade nicht auseinanderklamüsern, die fahren nämlich alle dauernd kreuz und quer.

Nachdem die Gruppe sämtliche Drahtesel abgestellt hat, bewegt sie sich in meine Richtung, die jungen Leute legen sich aber in einiger Entfernung auf mehrere Decken und schälen sich aus ihren Klamotten. Ich versuche, zu analysieren, um wen es sich alles handelt, und erkenne unter anderem die Marie, die meine Oma so toll findet. Die flirtet allerdings ziemlich heftig mit dem neben ihr sitzenden jungen Mann, der jedoch nicht zu meinem Bekanntenkreis gehört. Auch die anderen sind nicht alle aus unserem Dorf, aber an der letzten Person bleibt mein Blick schließlich wie unter Hypnose haften. Es handelt sich um keinen Geringeren als Kalle, eben den Mann, der mir immer wieder im Kopf herumschwirrt. Und er trägt eine äußerst knappe Badehose, wenn mich nicht alles täuscht.

Ob ich wohl mal rübergehen und ihn begrüßen sollte? Nee, besser nicht, vielleicht fühlt er sich dann gestört oder so. Ich will ja nicht aufdringlich wirken. Daher beschließe ich, mich wieder zurückzulegen und weiter die Sonnenstrahlen zu genießen.

Plötzlich jedoch höre ich Stimmen hinter meinem Kopf, daher sehe ich mich um und erkenne Kalle nebst eines mir nicht bekannten Jungen.

„Ey, Mischa! Wieso liegst du hier denn so allein? Du kannst doch mit rüberkommen“, bietet er mir an und deutet auf seinen Platz, von wo aus mittlerweile lautes Gegacker zu hören ist. Die Mädchen scheinen ihren Spaß zu haben, so viel kann man guten Gewissens daraus deuten.

„Ja, könnte ich vielleicht gleich machen“, antworte ich und blinzele dabei in den grellen Himmel.

„Aber erst mal will ich mit meinem Cousin ins Wasser. Kommst du mit? Zu dritt macht das viel mehr Spaß.“

Aha! Der Junge neben Kalle gehört also zu seiner Familie. Und wenn ich recht kombiniere, ist das genau der Typ, mit dem Marie eben heftig geflirtet hat. Ich überlege, ob ich von seinem Angebot Gebrauch machen soll, und entscheide mich dafür, mitzugehen. Wird mir bestimmt nicht schaden. Und mit Kalle im kühlen Nass ein wenig herumzutoben, ist genau die richtige Abwechslung für mich, das, was ich heute brauche. Daher stehe ich auf und deute mit einer Kopfbewegung auf den See.

„Okay, worauf warten wir noch?“

Eh ich mich versehe, sprinten Kalle und sein Cousin los in Richtung Wasser, sodass ich Mühe habe, hinterherzukommen.

Etwa eine halbe Stunde verbringen wir im See, schwimmen um die Wette, toben, als wären wir kleine Kinder, und haben jede Menge Spaß. In dieser Zeit vergesse ich alles um mich herum. Ich fühle mich ziemlich wohl in Kalles Nähe, er versprüht nämlich sehr viel gute Laune, die sich natürlich auch auf mich überträgt. Erst als wir kaum noch in der Lage sind, selbstständig zu atmen, betreten wir wieder trockenen Boden und ich geselle mich zu den anderen. Kalles Cousin, der sich mittlerweile mit dem Namen Roland vorgestellt hat, bietet mir ein Bier an, das ich sehr gern annehme. Wir prosten uns zu und ich lasse das kalte Getränk genüsslich meine Kehle hinunterlaufen.

„Hast du auf dem Hof heute gar nichts mehr zu tun?“, hakt Kalle irgendwann nach. „Man sieht dich hier so selten, ehrlich gesagt, nie! Daher bin ich ziemlich überrascht, dich am See zu treffen.“

„Hatte Stress mit meiner Oma. Die ist sauer, weil ich gestern im Dorfkrug war, und mäkelt auch sonst nur rum. Daher dachte ich, dass sie mich heute Nachmittag mal kann und bin hierhergefahren.“

„Richtig so!“, mischt sich Roland ein und nickt dazu. „Nur wegen einem Besuch im Krug muss doch keiner so einen Aufstand betreiben.“

Recht hat er. Er spricht mir aus der Seele.

„Wollte dich heute Mittag eigentlich schon fragen, ob du nicht mitkommen willst. Aber ich dachte, dass du eh keine Zeit hast, daher habe ich es sein lassen.“

Echt jetzt? Kalle wollte, dass ich beim Ausflug zum See dabei bin? Das zeugt ja davon, dass er mich zumindest nicht unsympathisch findet. O Mischa! Nun interpretiere bloß nichts Falsches in seine Aussage.

„Hätte wohl ja gesagt!“, antworte ich und nehme einen weiteren Schluck von meinem Bier. „Musste dem Hexenkessel einfach mal entfliehen. Und außerdem ist es egal, ob ich hier bin und Spaß habe oder auf dem Hof geblieben wäre. Die Olle meckert sowieso.“

Als den Mädels meine Aussage zu Ohren kommt, stimmen sie erneut in lautes Gegacker ein. Marie legt dabei den Arm um Rolands Schulter, was ihm offensichtlich sehr gut gefällt. Und Kalle? Er sieht verdammt knackig aus in seiner Badehose. Ich habe echt Mühe, meine Augen von ihm zu lassen, zwinge mich jedoch dazu, denn einen Ständer am See kann ich mir einfach nicht leisten. Außerdem will ich auch nicht, dass meine Blicke auffallen und ich mich letztendlich noch unsympathisch oder zum Gespött der anderen mache.

Wir quatschen noch eine Weile, Kalle erzählt Anekdoten aus dem Fußballverein, in dem er spielt, und wir vergessen den Alltag. Erst als ich eines der Mädchen nach der Uhrzeit frage und sie mir antwortet, dass es bereits fast halb sechs ist, verabschiede ich mich von der Gruppe, um zu Hause die Tiere zurück in den Stall zu holen und zu versorgen.

„Mach’s gut, Mischa! Wir sehen uns am Sonntag in Sachen Maibaum. Und denk an die passende Kleidung.“

Ich nicke, ziehe mich an und begebe mich zu meinem Fahrrad. Mit maximaler Geschwindigkeit rase ich zurück zum Hof, damit ich nicht noch mehr Zeit verliere. Kalle ist echt nett, ich glaube, dass zumindest eine Freundschaft zwischen uns entstehen könnte, also sofern wir öfter was zusammen unternehmen würden. Und er ist so verdammt süß. Sein Gesicht geht mir nicht aus dem Kopf, ich muss wirklich aufpassen, dass ich keine falschen Gefühle für ihn entwickele, denn das wäre fatal. Aber können Gefühle überhaupt falsch sein? Wenn ich mir diese Frage bloß beantworten könnte.

Als ich meinen Drahtesel hinter der Scheune abstelle, werde ich bereits von meiner wütend schnaubenden Oma auf dem Hof erwartet.

„Wo warst du? Bist du etwa von allen guten Geistern verlassen? Du kannst dich doch nicht einfach so vom Acker machen! Völlig deppert so was!“

Ich sehe Oma mit ernster Miene an und schüttele den Kopf.

„Ganz ehrlich, Oma, was willst du von mir? Mich versklaven und zu deinem Diener machen? Das wird dir nicht gelingen! Die wichtigsten Aufgaben waren erledigt und deshalb habe ich mir eine kleine Auszeit am Badesee gegönnt. Und jetzt bin ich wieder da, hole das Vieh zurück und versorge es.“

„Das wird eine Strafe nach sich ziehen. Ich werde mit deinem Vater sprechen, dass er dir erst mal weniger Geld zahlt. So ein aufständisches Verhalten dulde ich nicht auf diesem Hof! Du bist ja völlig missraten.“

Mir fehlen die Worte! Daher reagiere ich auch nicht mehr und beschließe, mich einfach meinen Aufgaben zu widmen. Hat doch eh keinen Zweck. Diese Frau ist so eingefahren in ihren Ansichten, dass sie fast als unbelehrbar abzustempeln ist.

Ohne Oma weiter zu beachten, mache ich mich auf zur Weide, hole die Kühe zurück, treibe anschließend die Schafe in den Stall und erledige alle sonstigen abendlichen Pflichten. Dabei schießt mir immer wieder eine Sache durch den Kopf. Ich muss raus hier! Weg aus diesem Dorf! Abstand vom Hexenkessel Hof Brumbach!

Ich überlege, wie viel Geld ich zur Seite gelegt habe, rechne im Kopf nach, wie hoch die Summe ist, die bei mir in der Nachtkonsole liegt, und dann werde ich Nägel mit Köpfen machen. Sobald die Olle sich ins Bett zurückgezogen hat, werde ich meinen Koffer packen und mich aus diesem Ort verabschieden. Ziel unbekannt. Der einzige Mensch, der mich noch an dieser Entscheidung zweifeln lässt, ist Kalle. Doch darauf kann ich leider keine Rücksicht nehmen.

Auf in ein neues Leben

Nachdem ich meine Arbeit bei den Tieren und im Stall vollends erledigt habe, betrete ich das Haus erneut durch den Eingang auf der Rückseite, den ich, wie immer zur Nacht, sorgfältig verschließe. Weder von Oma noch von meinem Vater ist irgendetwas zu hören oder zu sehen, daher schmiere ich mir selbst ein paar Scheiben Brot zum Abendessen. Langsam nehme ich die letzte Mahlzeit des Tages in der Küche zu mir, wasche sogar meinen Teller ab, damit man mir nichts nachsagen kann, und ziehe mich anschließend in mein Zimmer zurück. Dort lasse ich mir den Verlauf der vergangenen vierundzwanzig Stunden noch mal durch den Kopf gehen. Doch wie ich das Ganze auch drehe und wende, es kommt einfach nichts Vernünftiges dabei raus.

Meine Oma meint, mich herumkommandieren zu dürfen, was ihr natürlich nicht zusteht, immerhin bin ich seit zwei Jahren volljährig und kann meine eigenen Entscheidungen treffen. Sie legt es mittlerweile förmlich darauf an, mich aus dem Haus zu treiben. Wobei sie vorhin echt den Vogel abgeschossen hat, denn immerhin verdiene ich mein Geld mit harter Arbeit, das ist nichts, was mein alter Herr mir nur aus purer Gutmütigkeit zahlt oder das wie ein Taschengeld zu sehen ist. Von daher war ihr Ansinnen wirklich eine Frechheit.

Nein, es nützt nichts, obwohl mir der Abschied von der Heimat, dem Hof und zu guter Letzt auch von meinem Vater schwerfällt, ich muss allem hier endgültig ein Ende bereiten. Heute noch! Jetzt gleich!