Mit Axt, Charme und Melone - Jimm Juree 3 - Colin Cotterill - E-Book

Mit Axt, Charme und Melone - Jimm Juree 3 E-Book

Colin Cotterill

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Beschreibung

Seit Jimm Juree mit ihrer schrägen Sippe in das Küstendorf Maprao im Süden Thailands übergesiedelt ist, vermisst sie die Lichter der Stadt. Am meisten aber vermisst sie ihre Karriere als Reporterin. Schweren Herzens muss sie nun mit Aufträgen für das kleine Lokalblatt vorliebnehmen. Ihr aktueller Job: den Engländer Conrad Coralbank interviewen, seines Zeichens Autor erfolgreicher Kriminalromane. Kurz darauf verschwinden plötzlich mehrere Frauen, unter ihnen auch Coralbanks Gattin. Und plötzlich hat Jimm es nicht nur mit Vermisstenfällen und einem potenziellen Serienkiller zu tun, sondern auch mit einem kapitalen Sturm, der direkt auf Maprao zusteuert ...

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Seitenzahl: 346

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Buch

Seit die Kriminalreporterin Jimm Juree mit ihrer exzentrischen Sippe in das kleine Küstendorf Maprao im Süden Thailands übergesiedelt ist, vermisst sie die Lichter von Chiang Mai, ja, selbst die Großstadthektik fehlt ihr. Am meisten aber vermisst sie ihre Karriere als Reporterin. Schweren Herzens muss sie nun mit kleinen Aufträgen für die »Chumphon News«, das lokale Käseblatt, vorliebnehmen. Ihr aktueller Job: den Engländer Conrad Coralbank interviewen. Der hat die 50 überschritten, ist nach Thailand ausgewandert und schreibt preisgekrönte, vom Publikum gefeierte Kriminalromane. Kurz nach dem merkwürdigen Interview verschwinden plötzlich mehrere Frauen. Unter ihnen befindet sich – neben der Dorfärztin – auch Coralbanks thailändische Gattin. Und mit einem Mal haben Jimm und ihre schräge Sippe es nicht nur mit Vermisstenfällen und einem potenziellen Serienkiller zu tun, sondern auch mit einem Monstersturm, der direkt auf Maprao zusteuert und alles zu zerstören droht …

Weitere Informationen zu Colin Cotterill

sowie zu lieferbaren Titeln des Autors

finden Sie am Ende des Buches.

Colin Cotterill

Mit Axt, Charme

und Melone

Ein Thailand-Krimi

Aus dem Englischen

von Jörn Ingwersen

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.
Die Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel »The Axe Factor. A Jimm Juree Novel« bei Quercus, London.
Copyright © der Originalausgabe 2014 by Colin Cotterill Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2015 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München. Published in agreement with the author, c/o Baror International Inc., Armonk, New York, U.S.A. Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München Umschlagbild: FinePic®, München Redaktion: Gerhard Seidl LT · Herstellung: Str. Satz: omnisatz GmbH, Berlin ISBN 978-3-641-15275-8V003
www.goldmann-verlag.de
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UNGEPOSTETERBLOG-EINTRAG 1

(zwei Wochen zu spät entdeckt)

Ich schreibe.

Damit verdiene ich meinen Lebensunterhalt. Früher dachte ich, man könnte nur entweder schreiben oder handeln, und der Unterschied sei so groß wie zwischen denen, die träumen, und denen, die ihre Träume leben. Heute Abend jedoch habe ich diese Grenze überschritten. Ich wurde von jemandem, der übers Sterben schreibt, zu jemandem, der Leben nimmt. Nie habe ich mich freier gefühlt als jetzt. Wenn sie mich verhaften, was eher unwahrscheinlich sein dürfte, könnte ich nicht mal vorgeben, es im Affekt getan zu haben: in einer Aufwallung von Zorn oder Leidenschaft. Ich hatte es mir plastisch vorgestellt. Ich hatte es mir ausgemalt, eher ein Ölgemälde als ein verwaschenes Aquarell. Seit Jahren schon sah ich es in bunten Farben vor mir, sodass es wohl nur eine Frage der Zeit war, bis es zur finsteren Realität wurde.

Zugegebenermaßen hatte sie ein solches Gemetzel nicht verdient. Sie war nicht nerviger als die meisten Frauen, die ich kenne. Vielleicht dachte sie ein wenig zu oft Dinge, die keines Gedankens würdig waren. Vielleicht sprach sie, wenn Schweigen die bessere Option gewesen wäre. Doch in mancher Hinsicht diente sie mir gut. Besucher mochten sie. Sie kochte erstklassigen Kaffee und erledigte die ihr zugewiesenen nächtlichen Pflichten nach bestem Wissen und Gewissen. Wäre mir so etwas wie diplomatisches Geschick gegeben, hätte ich die jüngsten Schwierigkeiten vielleicht auch ohne die Hilfe einer Axt beheben können. Aber schließlich war da noch das Problem mit dem Verrat. Schwerlich zu verzeihen. Somit wurde alles durch den Wurf einer Münze entschieden. Bei Kopf sollte sie leben. Bei Zahl zerstückelt werden. Ungewöhnlich, könnte man meinen – das Werfen, nicht das Zerstückeln (obwohl man auch das Zerstückeln etwas ungewöhnlich finden könnte). Schließlich wirft man in Thailand eigentlich keine königliche Münze, weil man den Regenten nicht kränken möchte, für den Fall, dass sein Abbild unten landen sollte. Die Queen von England dagegen hatte schon weit schlimmere Demütigungen hinnehmen müssen, und so war es deren Rückseite, die entschied, dass die arme Frau ihrem Schicksal durch meine Klinge begegnete.

Und so liegt sie – das Opfer – hier und da. Hier ein Fuß. Dort ein Ellenbogen. Wie ein Bausatz – ein IKEA-Mensch. Faszinierend, sich die Einzelteile anzusehen und sich vorzustellen, dass sie einst so gut zusammenpassten. Nun sieh sie dir an. Und dann mich – blutverschmiert und schwitzend. Ich wünschte, ich hätte so ein Handy, mit dem man Fotos machen kann. Was wäre das für eine Inspiration! Nachdem mein Werk vollendet ist, muss ich nur diese Audioaufnahme transkribieren, solange die Ereignisse noch ganz frisch in der Erinnerung sind. Während das Blut noch an meinen Händen trocknet.

Zuerst der Ablauf. Man möge ihn als Erläuterung für Anfänger verstehen.

Die wasserdichte Unterlage kann gar nicht groß genug sein. Sechs Liter Blut können ziemlich weit spritzen. Zwei Schichten von schwarzen Müllsäcken aufrecht in einer Tonne für Schlachtabfälle, wie man sie an Schweine verfüttert. Und dann die einzelnen Arbeitsschritte:

A.Die Halswirbel, um sie ausbluten zu lassen.

B.Arme und Beine (Gelenke haben einer scharfen Axt überraschend wenig entgegenzusetzen. Erstaunlich, dass Krimiautoren das Zerteilen immer so arbeitsintensiv darstellen).

C.Die Beine waren etwas zu lang für die Kiste, also zweimal kurz von hinten in die Kniescheiben gehackt.

D.Der Rumpf war überraschend breit, sodass ich ihn in der Mitte zerteilen musste, indem ich erst das Brustbein und dann den Brustkorb aufhackte. Ich hatte mir überlegt, ich könnte eine Seite umdrehen und die beiden stapeln, eine auf die andere, wie Liegestühle am Swimmingpool. Doch als sie erst einmal getrennt waren, gaben sie sich unkooperativ. Am Ende machte ich vier Teile daraus, indem ich den Rumpf unterhalb des Brustkorbs zerteilte. Da kam ich dann aber doch ganz schön ins Schwitzen.

E.Was das Schnippeln und Würfeln angeht, so muss ich zugeben, dass es mir einfach nur Spaß gemacht hat.

Offen gesagt ist es ein verdammt gutes Gefühl. Es hatte etwas Sexuelles. Auf perverse Weise bösartig. Ganz sicher werde ich es wieder tun. Mal sehen, wie lange ich ungeschoren davonkomme. Der Durchschnittspolizist hier unten besitzt den IQ eines Schwamms, aber leider habe ich einige Fehler gemacht. Der schlimmste Fehler ist wohl, dass es eine Verbindung zwischen uns gibt. Ich zähle zu den Hauptverdächtigen. Und ich habe ein Motiv. Sie müssten nicht tief graben, um das herauszufinden. Das eine oder andere kommt mir jedoch zugute. Da ist erst mal der Umstand, dass ich aus dem Ausland bin. Bessergestellt als die verzweifelten Arbeiter aus den geschundenen Anrainerstaaten im Norden, aber dennoch nicht dazugehörig. Als solcher kann ich gleichzeitig sichtbar und unsichtbar sein. Ich falle auf, doch die Thais tauchen nie allzu tief in meine Angelegenheiten ein. Mörder würden sie erst mal unter ihresgleichen suchen, bevor sie mich beschuldigen. Und außerdem gibt es ohne Leiche auch kein Verbrechen. Mittlerweile passt sie perfekt in die Styroporkiste, und schon ist sie gar nicht mehr da. Man wird sie niemals finden. Sie hatte keine Verwandten. Vermisste Personen vermisst in diesem Land kein Mensch.

Projektvorschlag:

Fürs nächste Mal überlege ich mir was. Eine Freundschaft. Ein Alibi. Ein Glas Rotwein mit einem sich schnell auflösenden Schlafmittel aus den Heroinlabors jenseits der Grenze. Und sie wird in diesem fensterlosen Betonraum sein. Kein Laut. Kein Entrinnen. So ein Raum, wie ihn berechenbare Autoren ihren Serienkillern und Kinderschändern zuschreiben. In dem die Schreie ersticken. Und genau wie diese berechenbaren Autoren werde auch ich mein nächstes Opfer um Gnade winseln lassen. Ja, beim nächsten Mal wird es noch besser. Und beim übernächsten. Und überübernächsten.

C. C.

KAPITEL EINS

Lippen- und Augenentferner

(Beschreibung auf einer Flasche Make-up-Entferner)

E-Mail an Clint Eastwood

Lieber Clint,

hier ist Jimm, Deine Thai-Freundin unten am Golf von Siam. Frohe Weihnachten Dir und Deiner Familie. Es ist schon eine Weile her, dass ich geschrieben habe. Ich hoffe, es geht Dir gut. Meiner Schwester (alias Bruder) Sissi und mir ist kürzlich aufgefallen, dass Du Deine persönliche Assistentin Liced gefeuert hast. Wir hoffen, es hatte nichts damit zu tun, dass wir uns in ihr E-Mail-Konto gehackt haben, um uns Zugang zu vertraulichen Informationen über Malpaso Productions zu verschaffen. Liced war selbst ein Opfer und wurde virtuell dazu erpresst, uns zu helfen. Ich hoffe, Du kannst ihr verzeihen und überlegst es Dir noch mal. Da wir jetzt keinen »Maulwurf« mehr haben, schicke ich dieses Paket an Dein privates Postfach. Ich verspreche, dass es die letzte vertrauliche Information ist, von der wir Gebrauch machen. Die beigefügte DVD enthält Aufnahmen unserer aufregenden Suche nach birmanischen Sklaven im Golf von Thailand. Unser Live Internet Feed hatte während seiner Ausstrahlung 1,3 Millionen Zuschauer. Sissi und ich sind überzeugt davon, dass jeder Einzelne davon liebend gern fünfzehn Dollar für eine Karte abdrücken würde, um es sich auf einer großen Leinwand anzusehen, besonders wenn Natalie Portman mich spielt. Aber die Besetzung will ich gern Dir überlassen. Ich habe mir die Freiheit genommen, die DVD in meine Drehbuchadaption der Ereignisse einzuwickeln.

Clint, sicher wirst Du Dich erinnern, dass dies das vierte Drehbuch ist, das ich Dir schicke, eins spannender als das andere. Zwar habe ich von Dir persönlich bisher noch nichts gehört (nicht, dass ich mich beklagen will – das Alter geht wohl an keinem spurlos vorüber), doch konnten wir eine Nachricht von einem Deiner Gutachter abfangen, in der von ernsthaften Zweifeln hinsichtlich der Qualität der Charakterisierungen in unserem zweiten Drehbuch die Rede war. Zunächst einmal war es ermutigend zu erfahren, dass Du Dir die Mühe gemacht hast, unsere Arbeit intern beurteilen zu lassen. Dennoch fühlen wir uns bemüßigt, dieses Thema anzusprechen, besonders da es sich bei den Charakteren im zweiten Drehbuch um meine Familie handelt. Wir fanden die Bemerkungen ungerechtfertigt grausam und würden Deinem Gutachter gern mal die Meinung geigen.

Es mag ja sein, dass die scharfen Zähne der Demenz an unserer Mutter Mair nagen, aber deshalb ist sie noch lange keine »komische Heilige«, wie Dein Mitarbeiter schrieb. Es gibt durchaus Phasen, in denen sie keineswegs unterschiedliche Schuhe anzieht oder gebrauchte Hasenkostüme von eBay trägt. (Das hat sie nur einmal gemacht, um die Bindung zu ihren Hunden zu stärken.) Unter uns gesagt war sie jahrelang ein »Blumenkind« und hat eine ganze Weile mit systemfeindlichen Elementen im Dschungel verbracht. Möglicherweise wurden damals auch Rauschmittel konsumiert, doch möchte ich gern davon ausgehen, dass diese sie zu einem vollständigeren und sanftmütigeren Menschen gemacht haben und nicht zu einer komischen Heiligen.

Der ältere Herr, der als »unsympathisch und zweidimensional« beschrieben wurde, ist in Wahrheit mein Opa Jah. Dem »unsympathisch« kann ich nur zustimmen, aber der Aussage, dass meinem Opa angeblich eine Dimension fehlt, muss ich deutlich widersprechen. Mangeln mag es ihm höchstens an dem einen oder anderen Sinn. Den Mangel an Humor und Umgangsformen macht er allerdings mit seinen angeborenen detektivischen Talenten mehr als wett. Man sollte meinen, dass vierzig Jahre bei der Königlich Thailändischen Polizei (deren Hauptaugenmerk darauf liegt, möglichst großen Reichtum anzuhäufen, statt Unheil abzuwenden) den Polizeiinstinkt abtöten. Doch Opa Jah besitzt verblüffende Fähigkeiten und ist so ehrlich, wie der Tag lang ist (was auch erklärt, wieso er nie einen Penny in der Tasche hat).

Das führt mich zu meinem Bruder Arnon, auch liebevoll Arny genannt, nach seinem Helden Arnold Schwarzenegger. Wären wir nicht meiner Mutter in die nördlichste der südlichen Provinzen Thailands gefolgt – aus Gründen, die ich erst kürzlich erfahren habe –, wäre er zweifelsohne der diesjährige »Mr Chiang Mai Body Beautiful« geworden. Daher ist die Bemerkung »Diese Figur besitzt keine Persönlichkeit, kein Talent und absolut keinen Grund, in dieser Geschichte aufzutauchen« in etwa so, als würde man sich darüber beklagen, dass Moby Dick keine große Sprechrolle hat. Im Grunde dreht sich alles um Arny. Er ist der Resonanzkörper meiner Geschichten, und obwohl er keiner Fliege etwas zuleide tun könnte, ist er doch mein Beschützer. Wie Dir vielleicht aufgefallen sein wird, nimmt er es im letzten Drehbuch ganz allein mit einer kompletten Schiffsladung von Piraten auf. Möglicherweise habe ich ein wenig übertrieben, was die Zahl seiner Gegner und seiner Verletzungen anging, aber er hat vor den Augen seiner Verlobten zweifellos seinen Mann gestanden.

Die »Unglaubliche Königin der Hermaphroditen« ist meine »Schwester« Sissi, die weder mit widersprüchlichen Organen geboren noch gekrönt wurde. Hätte sich Dein Gutachter die Mühe gemacht, die Personenbeschreibung zu lesen, wüsste er (oder sie) es. Mir scheint, da wollte nur jemand clever klingen, um Dich zu beeindrucken. Bestimmt wollen sich viele Leute bei Dir einschleimen. Sissi ist transsexuell, was ein ärztliches Attest belegt. Angesichts ihrer besonderen Fähigkeiten am Computer klang Malpasos Drohung, sie »aufzuspüren und ihr das Handwerk zu legen«, doch ein wenig theatralisch, denn gewiss bist Du Dir darüber im Klaren, dass sie weder aufzuspüren noch zu vertreiben ist. Wie Du zugeben musst, waren wir beim Hacken ausgesprochen rücksichtsvoll, und obwohl Deine Konten für uns offen einsehbar und ohne Weiteres zugänglich waren, haben wir sie nicht geplündert. Und wenn wir erst gemeinsam an einem Tisch sitzen und die Details unseres ersten Filmdeals besprechen, werden wir alle an diese Tage zurückdenken und darüber lachen.

Was mich zu mir – Jimm Juree – bringt. Vielleicht hätten mich die Bemerkungen Deines Gutachters am schlimmsten treffen und kränken sollen, doch bin ich von Haus aus daran gewöhnt, den Fußabtreter zu spielen. Da ich erst vierunddreißig bin, war ich gezwungen, eine andere Bedeutung für »alte Jungfer« nachzuschlagen. Nachdem diese nun gefunden ist, muss ich doch aufs Schärfste protestieren. Ich war immerhin verheiratet, und während unserer 3,7 Jahre währenden Ehe haben wir diese sehr wohl auch vollzogen. Mindestens einmal im Monat, wenn ich mich recht erinnere. Zugegebenermaßen nicht eben rekordverdächtig, doch auch nicht so selten, dass ich mit einer Frau gleichzusetzen wäre, »die noch keine Paarbindung eingegangen ist, wenn sie sich ihrer Menopause und damit dem Ende ihrer reproduktiven Lebensphase nähert oder diese bereits erreicht hat« (Wikipedia). Mein Mann wollte unbedingt verheiratet sein, und ich wollte unbedingt geheiratet werden, was vielleicht keine vernünftige Basis für eine Paarbindung sein mag, aber das gehört der Vergangenheit an. Ich habe noch gut zehn Jahre prämenopausaler Pirsch vor mir.

Außerdem stoße ich mich an dem Ausdruck »als Thailänderin eher unglaubwürdig«. Sollte er damit meinen, dass ich weder in einer Reisbude noch in einer Go-go-Bar arbeite, nicht auf Dating-Seiten im Internet geführt werde und weder trippelnd gehe noch mich in männlicher Gesellschaft einer gesitteten Ausdrucksweise befleißige, dann – okay –, dann muss ich ihm recht geben. Tatsache ist allerdings, dass man uns thailändischen Mädchen mittlerweile den Zugang zum 21. Jahrhundert gewährt hat. Wir dürfen online chatten und im Ausland studieren und Fremdsprachen sprechen. Ist das zu fassen? Wir dürfen sogar Firmen gründen und uns ins Parlament wählen lassen. Nein, Clint, mein Held, ich glaube keinen Augenblick daran, dass Du Dir Drehbücher voller Stereotype wünschst, und ich bin davon überzeugt, dass Du dieses vertrauliche Gutachten in den Müll befördert hast, wo es hingehört.

Na gut. Wahrscheinlich kannst Du es kaum erwarten, Dich der beigefügten DVD zu widmen, also will ich mich kurzfassen. Da Sissi und ich der Ansicht sind, dass die nordamerikanische Post seit Einführung der E-Mails so gut wie überflüssig ist, haben wir beschlossen, die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass Du dieses Drehbuch auch wirklich bekommst, indem wir siebenunddreißig Kopien an Deine Arbeitskollegen, einige der wichtigeren Anteilseigner der Firma und an Freunde und Familie geschickt haben. Jedem Paket haben wir eine kleine Blumentopfmatte beigelegt, handbestickt von Hmong-Frauen, einem Bergvolk aus dem Norden. Wie gesagt, wenn wir erst die Dollars unserer filmischen Zusammenarbeit scheffeln, wirst Du unser Vorgehen nicht mehr als Belästigung empfinden, sondern dessen Charme erkennen. Irgendwann während Deines Kommentars auf der DVD wirst Du dann erwähnen, wie genervt Du anfangs warst, dass aber diese gottverdammten, durchgeknallten Thais einfach ein mörderisches Produkt anzubieten hatten.

Frohes Fest, und möge Dir der Weihnachtsmann den nächsten Oscar bringen.

In Liebe, Jimm und Sissi

(ohne Postanschrift, aber Du hast ja unsere E-Mail-Adresse)

KAPITEL ZWEI

Bitte geben Sie Ihre Werte am Empfang ab

(Landhotel)

Unser ganzes Leben war zu einem einzigen »Hätte« geworden. Meine Mutter Mair hätte eigentlich Dienst im Nicht-so-Supermarkt unserer Ferienanlage gehabt. Stattdessen bemalte sie die Sitzbänke in ihrer Schule für Kinder birmanischer Tagelöhner. Arny hätte den Müll vom Strand wegräumen sollen, für den unwahrscheinlichen Fall, dass Gäste kamen, aber er war unterwegs auf der Suche nach Gewichten für seine achtundfünfzigjährige Verlobte Gaew. Opa Jah hätte … nun, er spielte weder eine Rolle, noch hatte er eine Aufgabe im Gulf Bay Lovely Resort & Restaurant, also saß er am Straßenrand und behielt den Verkehr im Auge, der doch eher spärlich daherkam.

Somit hatte ich – die ich so ziemlich überall anders hätte sein sollen – die Verantwortung für fünf Bungalows, vier überdachte Tische, einen halb versunkenen Latrinenblock und zwei Kühe, die eines Tages am Strand entlangspaziert kamen, sich für unsere jungen Palmen begeistern konnten und blieben. Oh, und dann waren da noch drei Hunde, die ich schon mal vergesse, weil ich – auch wenn sie es gern glauben möchten – kein Hundefreund bin. Sie hießen – in der Reihenfolge ihrer Rettung – Gogo mit den funktionsuntüchtigen Eingeweiden, Sticky, der auch »Reisbällchen« gerufen wurde, und unser jüngster Rekrut Little Beer, der von Räude geplagt war und wohl nie eine Freundin haben würde. Einmal hatten wir auch einen Affen gerettet, ihn dann aber zur Traumabehandlung nach Phuket geschickt. Das alles war dem Umstand zuzuschreiben, dass Mairs Verhalten von Alzheimer und Nächstenliebe bestimmt war. Diese Kombination zog auch die Suche nach unserem verloren geglaubten Vater nach sich. Okay, eigentlich habe ich hier eine ganz andere Geschichte zu erzählen, eine blutig-mutige Mär von Sex, Verrat und internationaler Verschwörung, also will ich der Versuchung widerstehen, über Käpt’n Kow zu sprechen. Nur ganz kurz: Als wir hier im Süden ankamen, war Käpt’n Kow eine lokale Berühmtheit – ein allwissender, nach Tintenfisch stinkender alter Mann mit diversen Zahnlücken und freundlichen Augen. Als wir herausfanden, dass es sich bei ihm um unseren Vater handelte, der uns verlassen hatte, als ich drei war, fügte sich eins zum anderen. Es hatte seinen Grund, dass Mair uns ausgerechnet hierher verschleppen musste. Ihr Wahnsinn hatte Methode. Wir wissen nicht, wie sie seinen Aufenthaltsort herausgefunden hatte, doch war sie wild entschlossen, ihn aufzuspüren. Dafür hegte ich eine gewisse romantische Bewunderung. Sie gab alles auf, was sie hatte, einschließlich der Hälfte ihres Verstandes, um ihre Familie dorthin zu locken, wo ihre große Liebe sich niedergelassen hatte. Das Ganze hätte einen guten Film abgegeben, wenn auch keinen, in dem ich gern mitgespielt hätte.

Seit meine transsexuelle Schwester Sissi ihn enttarnt hatte, war der gute Käpt’n wieder abgetaucht. Wir hatten keine Gelegenheit gehabt, ihn zu fragen, wieso er uns verlassen und zu Halbwaisen gemacht hatte, die sich jahrelang in Chiang Mai herumtreiben und mit einer Vaterfigur wie dem humorlosen Opa Jah plagen mussten. Kow war uns einige Antworten schuldig, und von daher konnte ich sein Verschwinden gut verstehen. Die mangelnde Bereitschaft zu Schuldeingeständnissen habe ich wohl von ihm geerbt. Okay. Mehr habe ich zu diesem Thema momentan nicht zu sagen. Als potenziell preisgekrönte Kriminalreporterin in meiner Zeit bei der Chiang Mai Mail bin ich mir der Tatsache nur allzu bewusst, dass ablenkende Nebenhandlungen für einen Leser, der schnell zum Mord kommen möchte, ausgesprochen nervig sein können. Hier kommt nun also die Einleitung.

Um dem Umstand entgegenzuwirken, dass wir mit unserer Ferienanlage kein Geld verdienten, hatte ich zwei Jobs angenommen. Am besten bezahlt war sicher meine Rolle als Sprachdoktor. Während ihres kurzen Besuchs in Maprao hatte mir Sissi den Dongle vorgestellt, was mein Notebook in eine Geheimwaffe verwandelte. Plötzlich konnte ich online sein, ohne stundenlang im Internetcafé von Pak Nam Schlange stehen zu müssen. Ich konnte mir die Handyrechnungen zwar nicht leisten, aber Sissi hatte irgendwas Illegales mit der Datenbank meines Mobilfunkanbieters gemacht, sodass sich mein Konto immer wieder automatisch auffüllte. Während meiner Arbeit im Norden hatte ich viel Zeit auf Reisen verbracht und war ständig frustriert von der Tatsache, dass Schildermacher davon ausgingen, dass sie Thailändisch allein mithilfe eines Wörterbuchs ins Englische übersetzen konnten. Das führte zu Sätzen wie FAHRSTUHLNICHTBENUTZENWÄHRENDBRANDSTIFTUNG. Daher kam mir die grandiose Idee, meine Dienste jedem anzubieten, der seine Schilder korrekt übersetzt haben wollte. Sissi hat mich überall im Netz bekannt gemacht, und bevor ich mich’s versah, hatte ich einen regulären Job. Lokale Behörden ließen mich ihre Schilder schreiben, um sich Peinlichkeiten zu ersparen – so etwa mein liebstes Umleitungsschild: HIERFAHRENALLEAB. Hotels ließen mich Warnungen wie BITTENICHTINPOOLSINGEN – WASSERNICHTSOTIEF überarbeiten. Erstaunlicherweise hielt uns meine Arbeit als Sprachdoktor alle über Wasser. Die Straßenbaubehörde von Chumphon hatte mir eine Liste von Straßennamen zum Korrigieren geschickt. Ich war ein Ass im Überarbeiten. Ich war es auch, die die Provinzbehörden davon überzeugen konnte, ihre »Chumporn«-Schilder umzuschreiben. Ich war auf eine Goldader gestoßen.

Meinen anderen »Job« hatte ich bei den Chumphon News. Aufgrund des Desktop-Publishings und der Unmenge guter, arbeitsloser Journalisten mit abgeschlossenem Studium schien es, als brüstete sich jeder Ort mit mehr als fünfzehn Einwohnern seiner eigenen Tageszeitung. Die News befanden sich in einem Haus abseits einer viel befahrenen Hauptstraße. Die beiden freien Mitarbeiter hatten Grippe, also fragte der Redakteur bei mir an, ob ich bereit sei, einen international berühmten Schriftsteller zu interviewen. Da international berühmte Schriftsteller in Chumphon traditionell rar gesät sind, nahm ich diesen Auftrag liebend gern an. Ich sah Dan Brown vor mir, auf Bergsteigerurlaub in Krabi, oder einen Erster-Klasse-Flug zu einem Abendessen mit Stephen King in Bangkok, oder ein Wochenende auf Kathy Reichs Jacht vor Samui. Nicht vor mir sah ich Kor Kow, zehn Minuten mit dem Fahrrad die Bucht entlang. Ich wurde misstrauisch.

»Wie heißt er?«

»Conrad Coralbank«, sagte er.

Das klang eher nach einem Küstenschutzprogramm. Ich hätte so tun können, als wüsste ich Bescheid, um den Redakteur zu beeindrucken, doch stattdessen fragte ich: »Und der ist berühmt?«

»Absolut«, sagte er. Der Redakteur war ein ausgesprochen belesener Mann, musste aber erst das Word-Dokument öffnen, das er zu dem Thema zusammengestellt hatte, bevor er mir sagen konnte, was der berühmte Autor so alles geschrieben hatte.

»Er hat irgendwas gewonnen«, sagte er. »Preise und so. Er schreibt« – er kniff die Augen zusammen, während er vorlas – »Kriminalromane, die in Laos spielen.«

Laos. Na, super. Mein Eifer schmolz dahin. Kein Mensch würde jemals berühmt werden, indem er über ein Land schrieb, auf das mehr als achtundneunzig Prozent der amerikanischen Highschool-Schüler im Atlas nicht mit dem Finger zeigen konnten. Nicht mal in einem Atlas, der beschriftet war und einen Index besaß. Zugegebenermaßen würden vierunddreißig Prozent nicht einmal Kanada finden. Laos – und ich möchte hier keineswegs rassistisch klingen – ist garantiert das langweiligste Land der Welt. Ich war mehrmals auf Recherche da, und es ist wissenschaftlich erwiesen, dass die Uhren dort langsamer gehen. Eine Sekunde in Laos entspricht in etwa zwölf Minuten hier bei uns. Jeder Schritt fühlt sich an, als wate man durch hüfthohen Reisporridge. Bestimmt wurde nur mal wieder so ein Artikel gebraucht, in dem jemand aufgeblasen werden sollte, um ihn größer erscheinen zu lassen, als er war. Viel Wind um nichts. Aber es war Arbeit. Wenn ich meinen Job gut machte, würden sie mir vielleicht weitere Aufträge geben. Außerdem konnte ich endlich wieder Englisch sprechen. Meine eingemottete Zweitsprache bekam nur Auslauf, wenn ich mit Sissi bilingual telefonierte. Wir brüsteten uns der Fähigkeit, Englisch mit ausländischem Akzent zu sprechen. Ich klang eher brasilianisch. Sie hatte einen osteuropäischen Tonfall. Unseren Englischkenntnissen nützte es allerdings wenig.

Auch das sprach dafür. Es wäre ein wahrer Segen, einen einsamen Westler in der Nähe zu wissen, bei dem ich meinem aktiven Wortschatz auf die Sprünge helfen konnte. Wahrscheinlich handelte es sich um einen Alkoholiker mit Hautallergien, der dankbar dafür war, dass ihn eine aufreizende, kurvenreiche junge Thailänderin hin und wieder auf ein Plauderstündchen besuchte. Ich würde ihm eine Flasche Mekong-Whiskey mitbringen und zusehen, wie seine fleckigen Hände zitterten, wenn er das Zeug in seinen angeschlagenen Souvenirbecher schüttete und gierig einen großen Schluck nahm. Selbstverständlich würde ich das Kommando übernehmen. Westliche Autoren in Thailand fanden den Großteil ihrer Inspiration in Bars. Sicher würde er davon ausgehen, dass ich so locker drauf war wie die Girlies in Farang-Romanen, in denen Ausländer mit weißer Hautfarbe stets im Mittelpunkt stehen. Das ist das Problem. Wenn man eine Regierung von geilen, alten Männern hat, die mehr Sex mit Professionellen als mit ihren eigenen Frauen pflegen, fällt es sehr schwer, eine Sex-Industrie zu demontieren, die jahrelang das einzige Ass im Ärmel des Landes war. Das US-Militär verprasste zwei Drittel seines Solds in Pattaya. Das sprach sich schnell herum, und schon bald saß jeder Tom, Dick und Helmut in einer Chartermaschine nach Bangkok. Unzählige mächtige Leute haben es auf den Schultern der männlichen Libido bis dorthin gebracht, wo sie jetzt sind. Seht ihr, wieso ich nie Romane schreiben könnte? Ich beiße mich zu sehr an Themen fest. Das will doch keiner lesen, also … Conrad Coralbank. Der Redakteur erlaubte mir, mich hinzusetzen und ihn mir online anzusehen. Der Computer musste sich per Modem ins Netz einwählen. Die Verbindung war so schlecht, dass meine Gedanken abschweiften und ich mich schon wie ein Neandertaler fühlte, der einen viereckigen Steinklotz anstarrte und gelegentlich mit seiner Keule darauf einschlug. Endlich öffnete sich die Wikipedia-Seite. Folgendes überraschte mich nicht: Das erste Foto zeigte einen Mann mit wachem Gesichtsausdruck, großen Zähnen und blauen Augen – Ende vierzig, der Bildunterschrift nach zu urteilen – und dazu mit modisch langen Haaren. Schriftsteller machen so was. Sie graben ein Bild von vor dreißig Jahren aus, obwohl es ihnen gar nicht ähnlich sieht, sondern nur zeigt, wie sie damals eben rüberkommen wollten. Dieses schicken sie ihrem Verleger, der die Pickel wegretuschiert, und es ist perfekt: das Umschlagfoto.

Allerdings staunte ich doch, wie viele Bücher er anscheinend schon geschrieben hatte und für wie viele Preise er angeblich nominiert worden war und dass er offenbar eine Frau hatte und gern Fahrrad oder Kajak fuhr und mit seinen Hunden am Strand spazieren ging. Nichts davon klang für meine Ohren sonderlich einsam. Aber hey, jeder kann sich selbst eine Wikipedia-Seite basteln, und sofern nicht jemand, der es besser weiß, sie sich durchliest, wird auch niemand etwaige Lügen aufdecken. Das Internet war ein Club Med für Blender. Daher konnte mich dieser Auftritt nicht übermäßig beeindrucken, sondern nur leises Interesse wecken. Was jedoch lauteres Interesse weckte, waren Conrads Fotos.

Conrad am Strand mit seinen beiden Rottweilern. Conrad im Garten mit seiner wunderschönen Thai-Frau, beide lächelnd, mit Setzlingen in Händen. Conrad beim Start einer Fahrradrallye mit dem Pak Nam Mountain Biker Club. Und auf jedem Foto war derselbe retuschierte junge Mann vom Umschlagbild zu sehen. Es gab ein Schwarz-Weiß-Foto, auf dem er über seine Tastatur gebeugt saß, nachdenklich, auf der Suche nach Adjektiven, und man konnte seine Falten sehen. Aber sie waren nicht sehr tief, wie feine, freundliche Federstriche.

Ich vergrößerte sein Gesicht, bis Stirn und Kinn nicht mehr auf den Bildschirm passten. Seit einem Jahr wohnte ich nun hier. Hatte oft am Straßenrand gehockt und darum gebetet, dass mich eine Zigeunerfamilie verschleppen würde. Warum hatte ich Conrad Coralbank noch nie gesehen? Warum war ich seiner hochgewachsenen, schönen Frau niemals begegnet? Angesichts der Tatsache, dass La Mae zwanzig Kilometer südlich lag und Lang Suan achtzehn Kilometer westlich, war Pak Nam seine nächstgelegene Metropole. Und er musste an unserer Anlage vorbei, um dorthin zu gelangen. Stunde um Stunde hatte ich mich im 7-Eleven von Pak Nam herumgetrieben, die ungeheure Auswahl an Kartoffelchips bewundert, mir diverse Geschmackssorten von Eisschleim gemixt und vor der Sicherheitskamera Faxen gemacht. Wieso waren wir uns nie begegnet? Im Tesco Lotus? Auf dem Samstagsmarkt? Im Krankenhaus von Pak Nam? In einem der beiden Restaurants mit Speisekarten? Im Vorüberfahren auf dem Mountainbike, schweißtriefend von der Steigung der Brücke über den Lang Suan? Es schien mir fast unmöglich, dass ich ihn nicht gesehen haben sollte. Sehr gut. Ein Rätsel.

KAPITEL DREI

Macht Sie zehn Jahre älter, als Sie aussehen

(Seifenwerbung)

Es war Mitte Dezember, und ich war gerade beim Postamt gewesen, um meine Pakete nach Kalifornien abzuschicken. Der Wind hatte mich in der Hälfte der Zeit nach Hause geweht, die ich mit dem Fahrrad normalerweise brauchte. Es war die Jahreszeit, in der aus heiterem Himmel Monsunwinde aufkamen. In der Regengüsse die Karotten ertränkten. In der man am Strand entlangspazierte und feststellte, dass der Sturm über Nacht einen ganzen Meter Sand gefressen hatte. Seit wir hier wohnten, waren schon zwölf Kokospalmen am Ufer weggespült worden, sodass uns nur noch eine einzige Baumreihe schützte. Im Jahr zuvor hatte sich der Süßwassersumpf hinter der Anlage mit Salzwasser gefüllt, wodurch das Ökosystem kippte. Sechs Monate lang gab es da kein Leben. Zugvögel arrangierten ihre Reiserouten um, weil sie nirgendwo landen konnten, um was zu trinken. Mair kaufte ein aufblasbares Planschbecken, stellte es aufs Dach unseres Gewächshauses und füllte es mit Leitungswasser. Vögel haben Schnäbel und Krallen, und so musste Arny jeden Tag mit seinem Fahrradreparaturset ran, bis sich das Becken nicht mehr reparieren ließ und die Vögel über alle Berge waren.

Als ich zur Anlage kam, fand ich Mair hoch oben in einem Baum wieder. Darunter saßen ihre bellenden Hunde. Ich gesellte mich zu ihnen.

»Mair!«, rief ich. »Was machst du da oben im Baum?«

»Hier sitzt irgendwo eine Katze fest«, sagte sie.

»Ich sehe nichts.«

»Sie hat sich gut getarnt.«

»Dafür müsste es eine grüne Katze sein, Mair.«

»Sei nicht albern, Monica. Sie ist weiß.«

»Und du kannst sie nicht finden, weil Schnee liegt?«

Sie lachte.

»Die Wolken, Kindchen«, sagte sie. »Deshalb kann man sie von unten nicht erkennen.«

»Die Wolken sind dunkelgrau.«

»Es ist eine schmutzige Katze.«

»Na klar.«

In derlei Gesprächen fand ich mich öfter wieder, als ich mich erinnern wollte. Mair gewann immer, denn sie hatte ihre ganz eigene Logik. Sie kletterte höher. Einer ihrer Flipflops fiel herunter, und die Hunde japsten. Sticky rannte damit weg.

»Mair!«, rief ich, »hast du hier jemals einen einigermaßen gut aussehenden, alten farang mit seiner schönen Thai-Frau gesehen, die drüben in Kor Kaw wohnen?«

»Das dürften Conrad und Piyanart sein«, antwortete sie.

Mair kannte im Umkreis von zwanzig Kilometern jeden beim Namen.

»Wie kommt es, dass ich die beiden noch nie gesehen habe?«, fragte ich.

»Sie fahren einen großen grauen S und M. Getönte Scheiben.«

»Meinst du einen SUV?«

»Auch möglich.«

»Und woher kennst du sie?«

»Sie kommen manchmal in den Laden. Da holen sie sich ihr Trinkwasser. Fang auf!«

Zappelnd und kreischend fiel das Kätzchen zwischen den Zweigen hindurch. Da Katzen neun Leben haben, überlegte ich, einen Schritt zurückzutreten, damit sie eines davon aufbrauchen konnte. Doch das hätte mir Mair niemals verziehen. Also streckte ich die Arme aus und machte mich bereit. Ich war noch nie so gut in Sport. Wäre es ein Basketball gewesen, hätte ich ihn sicher fallen gelassen. Aber es könnte auch daran liegen, dass Basketbälle einem nicht ihre Krallen in die Unterarme schlagen, um sich daran festzuhalten. Bevor ich aufschreien konnte, hatte das Kätzchen schon wieder von mir abgelassen, war abgesprungen und flüchtete vor den Hunden. Ich fluchte und streckte meine Arme vor mir aus, um meine weißen Shorts nicht vollzubluten.

»Ich habe es selbst nie ausprobiert, aber angeblich steigen die Chancen zu verbluten, wenn man mit der Rasierklinge an der Arterie entlangschneidet, statt quer darüber.«

»Bitte?«

»Sofern man sich die Pulsadern aufschneiden will.«

»Ich habe gar nicht … Das war kein Selbstmordversuch, Da.«

»Okay.«

»Wirklich nicht. Es war eine Katze.«

»Auch gut.«

»Ehrlich.«

»Wie du meinst.«

Hier unten hat jeder Bezirk ein eigenes Gesundheitszentrum. Die sehen alle gleich aus. Entworfen von einem Sadisten. Egal wie krank man sein mag, muss man doch eine steile Treppe hinauf und einen auf Rocky Balboa machen, um sich behandeln zu lassen. Wenn man es bis nach oben schafft, kann man wohl nicht so krank sein. Aber das ist auch ganz gut so, denn obwohl – im Prinzip – in jedem Zentrum ein Arzt zur Verfügung stehen sollte, kann man sich als Patient doch glücklich schätzen, wenn man einen davon erwischt.

»Schon wieder allein?«, fragte ich.

Da, eine echte Krankenschwester mit Uniform und allem, was dazugehört, war nach der Highschool aus Maprao geflüchtet, hatte ihre Schwesternausbildung in Bangkok abgeschlossen und war – schön blöd – wieder zurückgekommen. Wood, ihre Jugendliebe, hatte geschworen, die drei Jahre auf sie zu warten. Seine Kumpel hatten ihn allerdings davon überzeugt, dass sich eine hübsche, junge Schwesternschülerin in Sin City vor Verehrern vermutlich gar nicht retten konnte. Also hatte er drei Monate abgewartet und dann das Mädchen aus dem Stofftierladen in Lang Suan geheiratet. Weil er vergessen hatte, diesen Umstand auf seinen Neujahrskarten zu erwähnen, war sie – noch mit seinen Fingerabdrücken auf ihren Brüsten – heimgekehrt und mitten in ein beschauliches Abendessen hereingeplatzt, das Wood gerade mit seiner Frau und den beiden kleinen Kindern einnahm. Am selben Tag hatte sie aufgehört zu essen, war wieder zu ihrer Mutter gezogen und hatte die weit und breit einzig verfügbare Stelle angenommen – im Gesundheitszentrum. Sie konnte sich bei ihren kräftigen Knochen bedanken, dass sie noch aufrecht stand, denn mittlerweile hatte sie kein Gramm Fleisch mehr auf den Rippen. Ihresgleichen sah man ständig im Fashion Channel. Die Vogelscheuchen der Haute Couture. Ich habe keine Ahnung, was sie am Leben hielt, doch an Energie mangelte es ihr nicht.

»Ja«, sagte sie. »Unsere Ärztin ist bei einer Konferenz in Chumphon. Thema Kindesentwicklung. Kommt morgen wieder. Bist du sicher, dass es eine Katze war? Es geht richtig tief.«

»Klein. Flauschig. Unberechenbar.«

»Das klingt nach einer Katze. War sie geimpft?«

Ich lachte.

»Leider hatte ich keine Zeit, einen Blick in ihre Krankenakte zu werfen.«

»Dann brauchst du eine Tollwutimpfung.«

»Was? Du meine Güte! Es war doch nur ein kleines Kätzchen. Und ein unschuldiges dazu. Ich bezweifle, dass seine Lebenserfahrung weit genug reichte, um sich eine Krankheit einzufangen. Kannst du die Wunde nicht einfach reinigen und mir ein Antibiotikum geben?«

»Es ist im Blut, Jimm. Die Katze könnte es von ihrer Mutter haben. Und es ist unheilbar. Ich werde dir Spritzen geben.«

»Mehr als eine?«

Ich hasse Nadeln.

»Vier. Alle drei Tage eine.«

»Kann ich mich weigern?«

»Natürlich kannst du das. Aber wenn du ein seltsames Verhalten an den Tag legst – Delirium, Streitlust, Muskelschwund, Spasmen, Sabbern, Schüttelkrämpfe …«

»Hm. Ich frage mich, ob mein Opa wohl die Tollwut hat.«

»… chronische Schmerzen und schlussendlich Tod, dann sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.«

Ich rollte den Ärmel meiner modischen, wenn auch verschwitzten Strickjacke auf, während Da in der Schublade nach den Medikamenten suchte. Ich lokalisierte eine Vene und tippte heftig darauf herum, um sie leichter zugänglich zu machen.

»Du kriegst doch kein Heroin«, sagte sie. »Schulter.«

»Schulter? Bist du sicher? Da oben ist nur Speck. Wie soll es seinen Weg in mein Blut finden? Kannst du es mir nicht direkt ins Herz spritzen?«

»Ich dachte, du hast keins.«

Da sieht man es mal wieder. Das passiert, wenn man sich mit Einheimischen anfreundet. Sie gehen davon aus, dass das meiste von dem, was man ihnen sagt, ohnehin ihren Horizont übersteigt, aber diese Leute vergessen nichts. Unablässig werde ich desillusioniert. Als Stadtkind war ich davon überzeugt, dass die Evolution aus dem Meer gekrochen kam, sich durch die Dörfer hochgearbeitet und ihren Höhepunkt in den Coffeeshops und Discos von Chiang Mai gefunden hat. Oft genug jedoch werde ich den Eindruck nicht los, dass die Vorstädter Plankton verputzen und die höher entwickelten Lebensformen sich hier unten von Land und Meer ernähren.

»Ich dachte, als Krankenschwester müsstest du eigentlich wissen, dass ich es im übertragenen Sinn gemeint habe«, erklärte ich ihr.

Sie riss mir die Strickjacke herunter und legte mein BH-loses Tanktop frei. Gut, dass wir allein waren. Männer hätten vor Verlangen den Verstand verloren.

»Wo ist Ed denn eigentlich?«, fragte sie.

Sie wusste ganz genau, wo Ed war. Ed, der Rasenmähermann. Ed, der Skipper. Ed, der Baumeister. Ed, der schlaksige, schnurrbärtige Herzensbrecher. Er war bei seiner Freundin Lulu, der Friseusenschlampe. Bekämen Männer Auszeichnungen für ihren Frauengeschmack, hielte Ed seine Goldene Himbeere bereits in den Armen. Er hätte mich haben können, wenn er nur etwas geduldiger gewesen wäre. Mit den Regeln der Großstadt kannte er sich nicht aus. Er erwartete von mir, mich schon nach der ersten Anfrage auf ein Date mit ihm einzulassen. So machen sie es hier. Wenn sie »nein« sagen, meinen sie damit »nein«. Also gibt man auf. Absurd. Und dennoch hatte ich ihm, bevor ich von Lulu erfuhr, leicht umnebelt eine zweite Chance zugestanden. Ich hatte mich ihm praktisch an den Hals geworfen.

»Gleich pikst es ein bisschen«, sagte Da.

»Bitte?«

Sie rammte eine Lanze in das zarte Fleisch an meiner rechten Schulter.

»Scheiße«, sagte ich. »Das tat weh.«

»Entschuldige …« Sie lachte. »Ich hatte mit mehr Widerstand gerechnet. Ich bin Stinkfrüchte gewohnt. Du bist eine Mango, Jimm.«

»Danke.«

»Aber ich mache mir Sorgen«, sagte sie.

»Weil du mir aus Versehen Steroide gespritzt hast?«

»Wegen Dr. Somluk. Ich glaube, es könnte sein, dass sie auf ihre alten Tage noch senil wird.«

Damit war Da genau an der richtigen Adresse. Ich war ein Kind der Senilität.

»Wie alt ist sie?«, fragte ich.

»Sechzig.«

»Da, das ist doch noch nicht alt. Sechzig ist das neue Achtzehn.«

»Dauernd fängt sie von irgendwelchen Verschwörungstheorien an.«

Sie ließ meinen Arm los und setzte sich aufs Waschbecken. Im Gegensatz zu den Dingern in unserer Ferienanlage knarrte es nicht. Sie wog aber auch kaum mehr als ihre Schwesterntracht.

»Weißt du?«, sagte sie. »Das ganze Gerede von ›Die sind hinter mir her‹. ›Falls mir etwas zustoßen sollte, sorg dafür, dass sie meine Unterlagen nicht bekommen. Die sind mächtiger, als du dir vorstellen kannst.‹«

»Hat sie auch gesagt, wer diese mächtigen Leute sind?«

»Nein. Mehr nicht. Sie meint immer, es wäre sicherer für mich, wenn ich nichts wüsste.«

»Und du glaubst, sie wird verrückt?«

»Meistens ist sie normal, weißt du? Freundlich. Lustig. Kann wirklich gut mit den Patienten. Die Kinder lieben sie. Und dann lässt sie hin und wieder so eine Hasstirade vom Stapel. Es macht mir Angst.«

Ich wusste genau, was sie meinte. Bei Mair hatte es auch so angefangen. Eben spricht sie noch über die Preise für Waschpulver, da erwähnt sie ganz nebenbei, dass sie an der Kasse hinter Kim Jong-Il, dem nordkoreanischen Diktator, stand und selbst der sich über die dramatische Preiserhöhung für Waschpulver beklagte. Aus Erfahrung vermutete ich, dass Dr. Somluk sich auf demselben abschüssigen Weg befand.

»Was soll ich machen?«, fragte Da.

»Glaubst du, es wirkt sich auf ihre Arbeit aus?«

»Nein.«

»Dann spiel mit.«

»Wirklich?«

»Es klingt nicht danach, als wäre sie schon bereit für die Anstalt. Vielleicht tut ihr die Seeluft gut. Bei Mair hat sie geholfen. Meinst du, ich könnte ein paar Pflaster für die Handgelenke bekommen, bevor sie sich entzünden? Ich habe heute Nachmittag ein sehr ernstes Interview zu führen. Ich muss einen guten Eindruck hinterlassen.«

Vor meinem Termin in Kor Kow musste ich mich noch ums Mittagessen kümmern. Das kürzere Streichholz hatte mir die Küche des Gulf Bay Lovely Resort eingebracht, aber offen gesagt konnte sonst niemand aus meiner Familie kochen. Vermutlich kämen sogar Klagen, wenn sie in der Bahnhofsmission arbeiten würden. Leider hatte ich ihnen in dieser Hinsicht etwas voraus. Zwar sahen sie mir gern in der Küche zu, achteten aber darauf, bloß nichts zu lernen. Ich entschied mich an diesem Tag für kanom jeen mit Fischsoße, weil ich die Soße schon zubereitet hatte; also musste ich nur noch Nudeln kochen. Trotzdem verfolgten sie mich in die Küche, um mir über die Schulter zu linsen. Zuerst kam Mair.

»Bist du sicher, dass die Soße rot genug ist?«, fragte sie.

»Nein. Möchtest du sie vielleicht nächstes Mal lieber selber machen?«, erwiderte ich.

»Ich meine nur, wenn Oma sie gekocht hat …«

»Oma hat Tomatenketchup genommen. Literweise. Das Zeug war ungenießbar.«

»Sie ist nicht mehr unter uns, weißt du?«

»Ich darf nicht schlecht über tote Köche sprechen?«

»Ich habe alle meine kulinarischen Fertigkeiten von ihr gelernt.«

»Dazu sage ich lieber nichts. Willst du die anderen rufen? Die Nudeln sind fast fertig.«

»Aber … die Farbe.«

»Ich tu noch ein bisschen rote Dispersionsfarbe rein.«

»Ja, sehr gute Idee.«

»Mair. Wo ist Käpt’n … wo ist Dad?«

»An einem sicheren Ort.«

»Wieso bringst du ihn nicht mit? Du könntest ihn zum Essen einladen.«

»Wirklich?«

»Er muss doch was essen.«

»Du hasst ihn nicht?«

»Noch nicht.«

»Wie meinst du das?«

»Er hat dich mit drei kleinen Kindern sitzen lassen. Ist einfach abgehauen. Entsprechend sind wir alle auf unsere eigene, liebenswerte Weise kaputt. Aber wir haben ihn als Käpt’n Kow kennengelernt, und wir mochten ihn … na gut, Opa konnte ihn nicht leiden, aber der kann kaum jemanden leiden. Arny und ich hatten einen gewissen Respekt vor dem Käpt’n. Er wirkt nicht wie ein Mann, der seine Familie ohne guten Grund sitzen lassen würde. Wir möchten gern hören, was dieser Grund war. Sollte sich herausstellen, dass es an – ich weiß nicht – bloßer Langeweile oder einer anderen Frau oder genereller Verantwortungslosigkeit lag, dann können wir ihn reinen Gewissens hassen. Aber vorher sind wir bereit, ihn anzuhören.«

»Ich nicht.«

»Was nicht?«

»Ich finde nicht, dass wir ihn nach seinem Grund fragen sollten.«

»Warum nicht?«

Sie setzte ihr »Alle anderen um mich herum werden untergehen«-Titanic-Lächeln auf.

»Nationale Sicherheit.«

»Mair … ich …« Doch als ich von den Nudeln aufblickte, hatte sie sich schon aus dem Staub gemacht.

Wahrscheinlich hatte es nichts zu bedeuten. Es war zu einem Schlagwort geworden, das allerlei Ungereimtheiten übertünchen sollte. Die sechs Soldaten, die in Mairs birmanischer Schule aufgetaucht waren, um die Ranzen der Sechsjährigen zu filzen, hatten als Grund für ihren Einsatz die nationale Sicherheit genannt. Aber als Dad uns im Stich gelassen hatte, gab es diese Formulierung noch gar nicht. Wollte sie damit sagen, dass Käpt’n Kow ein Spion war? War er in eine politische Intrige verwickelt? Ich musste nachsehen, was zu der Zeit, in der er uns verlassen hatte, im Land so vor sich gegangen war. Das wäre mal eine gute Geschichte. Mein Dad – geschüttelte Martinis und ein Aston Martin, randvoll mit technischen Spielereien.

Als Nächstes kam Opa Jah rein.

»Ist nicht rot genug«, sagte er, als er einen Blick auf meine Soße warf.